Frohe Weihnachten -  - E-Book
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"Alle Jahre wieder ... Frohe Weihnachten!" - mit Geschichten, Geschichten und den vertrauten Weihnachtsliedern

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Frohe Weihnachten

Frohe WeihnachtenWeihnachtslichterLeise rieselt der SchneeWinters EinzugDas kleine Mädchen mit den SchwefelhölzernDer SchneemannSchneeflöckchen, WeißröckchenEs wird scho glei dumpaErwartungDer WeihnachtsbaumEine WeihnachtsgeschichteDie vier KerzenImmer ein Lichtlein mehrVor WeihnachtenDas Weihnachtsfest war nahe ...Lasst uns froh und munter sein ...Knecht RuprechtDer WeihnachtswunschIch wünsch mir was!Seht! Der jetzt hier vor euch stehtAm Weihnachtsbaum die Lichter brennenDas WeihnachtsbäumleinDer allererste WeihnachtsbaumUnter dem ChristbaumO TannenbaumDer WeihnachtsbaumDer kleine TannenbaumDas ChristbäumchenEin Tännlein aus dem WaldeKling, Glöckchen, klingelingelingDas Christkind im WaldeWeihnachtszeitAlle Jahre wiederSüßer die Glocken nie klingenChristkinds getreuer KnechtMorgen kommt der WeihnachtsmannAuf des Weihnachtsmanns SpurenIhr Kinderlein, kommet, o kommet doch all’!Ein schöner SpruchDie Weihnachtsgeschichte aus dem LukasevangeliumDie Heilige NachtO du fröhliche, o du seligeZu Bethlehem geborenDie Legende vom StrohsternWeihnachtsgästeFröhliche Weihnacht überallKommet, ihr HirtenDie Heilige NachtWeihnachtsabend fern vom ElternhauseVom Himmel hoch, da komm ich herDie Flucht der Heiligen FamilieDie Flucht nach ÄgyptenWeihnachtsliedMorgen, Kinder, wirds was geben!Zum 24. DezemberUm die WeihnachtszeitWeihnachtenEin WeihnachtsmärchenWeihnachtsliedStille Nacht, Heilige NachtMacht hoch die TürDie MausefalleDas kleine Mädchen mit den SchwefelhölzernZum neuen JahrDie Heilgen Drei KönigeDreikönigsliedDer SternUnter dem TannenbaumImpressum

Frohe Weihnachten

Geschichten, Gedichte und Lieder zur Weihnachtszeit

Weihnachtslichter

aus „Nesthäkchen im weißen Haar“

von Else Ury

Frühe Dämmerung schritt durch die Straßen der Großstadt. Die Handvoll Schneeflocken, die der Heiligabend pflichtschuldigst über Berlin ausgestäubt hatte, waren von Tausenden von eiligen Füßen schon längst wieder zu einem bräunlichen Brei verwandelt. Nur an den Häuservorsprüngen, an den Balkonbrüstungen, an Steingesimsen, Gittern und Laternen hielten sich die leichten Silberflocken noch krampfhaft fest, als wüssten sie, dass es galt, der grauen Stadt der Arbeit ein Festgewand zu geben.

Auch die Luft hatte etwas Weihnachtliches. Der Wald war nach Berlin gekommen. Tausende von Tannen waren dem Heimatsboden untreu geworden, um dem müden Großstädter ein Stückchen Waldespoesie vorzuzaubern. Da standen sie an den Straßenecken und Plätzen und hauchten ihren harzigen Duft in die dicke, qualmige Stadtluft. Die großen, hohen Tannen waren fast alle schon in die reichen Häuser, in große Festsäle gewandert. Nur die kleinen Bäumchen standen noch bescheiden da, bis sie, mit eben ausgezahltem Wochenlohn erstanden, den jubelnden Kindern ins Stübchen getragen wurden.

Erwartungsvolle Kinderherzen allenthalben. Erwartung lag auch über den Gesichtern der Großen, vom Alltag Heimwärtshastenden. Das ist ja der Zauber des Weihnachtsfestes, dass es die Großen zu Kindern macht. Auch in dem verknöchertsten, poesielosesten Herzen weiß es irgendein Licht zu entzünden. Hier eins der Erinnerung, dort eins der Dankbarkeit. Und ist es auch nur das freudige Aufleuchten in den Augen der armen Aufwartefrau, welcher der einsame Junggeselle den pflichtschuldigen Taler in die Hand drückt – es ist ein Weihnachtslicht.

Draußen vor den Toren der Stadt, wo weniger Verkehr herrschte, war der Schnee sesshafter. Mit festlichem, schlohweißem Tafeltuch deckte er das Land. Niedliche, silberüberpuderte Tannenbäume, Zuckerhäuschen aus Hänsel und Gretel standen auf des Herrgotts Weihnachtstafel.

Kleine Mädchenfüße zeichneten schmale Umrisse in den weichen Schneeteppich. Kinderfüße, breiter und plumper, verwischten das zarte Muster. Sie hatten es eilig, weiterzukommen, die Mädchenfüße, aber trotzdem, ihre Besitzerin blieb ab und zu stehen. Waren die schweren Pakete, die sie sowohl wie ihre kleine Begleiterin trug, daran schuld? Mit großen, schwarzen Augen schaute sie still in den Schnee.

»Weiter, Fräulein Jetta, wir müssen weiter. Die Kinder im Hort sind sicher schon alle da. Und nachher warten Tante Geheimrat und Mutter Trudchen zu Hause mit dem Aufbau.« Lottchen drängte vorwärts.

»Hier draußen, das ist heute wirklich Weihnachten. So rein alles, so licht, als gäbe es gar nichts Hässliches auf der Welt. Weißt du noch, Lottchen, wie wir das erste Mal beide im Tropenlande Weihnachten miteinander feierten? Da glühten die Rosen, und sengende Sonne brannte auf Palmen und Kakteen. Damals konnte ich es mir nicht vorstellen, das verschneite Häuschen der deutschen Großeltern – und immer ist es mir noch wie ein Wunder, der erste Schnee.« Marietta sprach mehr zu sich selbst als zu ihrer Begleiterin.

»Ja, ich weiß noch, Fräulein Marietta. Sie waren so gut zu mir. Es war nach Muttels Tode.« Lottes rundes Gesicht war ernst geworden. »Jedes Kind hat heute seine Mutter oder wenigstens eine Großmutter, die es lieb hat und ihm den Weihnachtsbaum anzündet. Nur ich nicht!« Selten nur kam es vor, dass Lottchen sich verwaist fühlte und dem Ausdruck verlieh.

»Du hast doch uns, Lottchen, und vor allem Kunzes. Deine eigene Mutter könnte dich nicht lieber haben als Mutter Trudchen. Und was stellt Vater Kunze alles mit dir auf. Du genießt so viel Liebe, mehr als manches Kind, das seine Eltern hat.« Marietta dachte an den kleinen Otto, der jedem im Wege war. »Nicht undankbar sein, Lottchen!«

»Ich bin nicht undankbar, nur ...« Lottchen schwieg. Sie konnte es wohl nicht in Worte fassen, jenes Gefühl der Familienzusammengehörigkeit, das der Weihnachtsabend ganz besonders auslöst.

Mariettas feines Empfinden verstand das Kind. Und sie fragte sich, ob ihr selbst denn gar nicht heute dieses sich Heimsehnen käme? Fühlte sie sich denn gar nicht mehr zugehörig zu dem weißen Marmorhause unter hohen Palmen? O doch, wenn auch ihres Wesens Heimat hier bei der gütigen alten Frau war, sie empfand es heute, wie die Mutter in die Tropennacht hinaus ihr deutsches Weihnachtslied sang, wie sie sich mit ihren alten Eltern, ihrem fernen Kinde über Länder und Meere hinweg verbunden fühlte. Weihnachten überbrückt jede Entfernung. Sie sah einen blonden Mann unter glühender Tropensonne an das verschneite Gutshaus an der Waterkant denken, sah schwarze Diener ihm Eisfrüchte darbieten, die sich unter seinem der Heimat zugewandten Blick in Weihnachtskarpfen und Rosinenstolle verwandelten. In dem kaum merklichen Wiegen der Palmen hörte er das Rauschen der Ostsee und – – – – –

»Fräulein Jetta, schnell, ganz flink, der Zug wird gleich abgehen.« Lottchens aufgeregte Stimme zerriss das Bild.

Wie eine feurige Schlange saust der Zug durch das weiße Land. Er rattert so laut, dass man den Flügelschlag des herannahenden Heiligabends gar nicht mehr merkt. Aber die Stadt selbst hat trotz ihres Hastens und Treibens heute etwas Feiertägliches. Jedes Schaufenster, auch das kleinste, bescheidenste, hat sich mit Tannengrün bekränzt. Lichter strahlen auf, blendende Helle flutet auf die Straße hinaus. Und da singt es hoch vom Turm, übertönt mit erzenen Zungen den Lärm der Großstadt – Weihnachtsglocken.

Im Kinderhort hatte man schon alles zur Bescherung vorbereitet. An dem großen, bis zur Zimmerdecke reichenden Baum wuchsen all die Silber- und Goldnetze, die roten, blauen und grünen Papierketten, all die vergoldeten Nüsse und zierlichen Sächelchen, an denen fleißige Kinderhände sich wochenlang gemüht. Auf der langen Tafel lagen für jedes die Gaben ausgebreitet, nützliche Sachen, zum Wärmen, aber auch ein Spielzeug fürs Herz. Überall verständige Auswahl, für jedes Kind das Richtige. Auch die Mütter, die ihre Kleinen begleiteten, durften nicht leer ausgehen. Kaffee, Zucker und Mehl, eine Wurst und eine Weihnachtsstolle war für jede vorgesehen. Und auf jedem Platz ein kleiner, niedlicher Weihnachtsbaum.

Lottchen hatte recht. Sie waren schon alle versammelt, die Hortkinder. Frisch gewaschen, mit glatt gekämmtem Haar und reinen Schürzen. Den Finger verlegen im Munde, verkrochen sie sich hinter der Mutter. Es war heute so ganz anders im Kinderhort, so fremd und feierlich. Ordentlich etwas Bedrückendes hatte es für die sonst so laut hier lärmende, kleine Gesellschaft. Das machte, dass der Weihnachtsmann bereits da gewesen war. Dass er die Tische und Bänkchen hatte herausräumen lassen. Hier hatte er einen glitzernden Lamettafaden verloren, dort sogar eine Pfeffernuss, die rasch in einem der kleinen Münder verschwand. Ja, wenn Knecht Ruprecht nebenan ist, sind selbst die Wildesten brav.

Aber als Marietta erschien, vergaßen sie ihre Schüchternheit. Da waren sie mit einem Male alle wieder höchst mobil, hingen sich ihr an den Arm und quälten: »Tante Jetta, geht's noch immer nich los?«

Marietta hatte den ganzen Vormittag bereits beim Aufbau geholfen. Dann war sie schnell nach Lichterfelde hinausgefahren, um Lottchen und den Rest der Pakete zu holen. So, dies Buch hier für Ingeborg, den Kaufmannsladen, mit allerlei guten Sachen gefüllt, für den dicken Gustel. Wie würde sich Lenchen über das hübsche rote Kleid von Evchen freuen. Da waren sie ja auch schon, die Cousinen und Vettern. Sie hatten Mariettas Einladung nicht vergessen, kamen gerade recht zum Aufbau. Und Tante Ruth hatte verheißungsvolle Tüten im Arm mit Pfefferkuchen und Marzipan zur Verteilung für die Kleinen.

Still – klinglinglingling – eine Klingel ertönt – – – – »jetzt kommt Knecht Ruprecht auf seinem Schlitten an« – Käthchen flüstert es scheu dem größeren Bruder Martin zu.

»Quatsch!«, sagt der sehr von oben herab. Aber was ist das? Selbst Martin ist es nicht recht geheuer zumute. Da steht ja leibhaftig der Knecht Ruprecht in seinem Pelz, mit langem, weißem Bart, in dem noch Eiszapfen hängen. Einen großen Sack hat er auf dem Rücken und – o Schrecken! – eine Weihnachtsrute mit bunten Papierfähnchen in der Hand. Hermännchen findet, dass sie große Ähnlichkeit hat mit der, die er selbst neulich geklebt.

»Sind die Kinder hier brav?«, fragt Knecht Ruprecht mit Bassstimme, die einen fremdländischen Anklang hat. Aber das ist ja gar nicht weiter zu verwundern, da er doch aus dem Wolkenlande stammt.

Keine Antwort. Ängstlich verkriechen sich auch die mutigsten hinter dem schützenden Rock der Mutter.

»Die meisten sind brav. Aber manche sind auch öfters unartig«, – pfui, Tante Martha petzt schon wieder! Fritz ballt die Hände. Er fühlt sich getroffen. Sie ist doch eine alte Pfennigklatsche.

O weh – Knecht Ruprecht macht kehrt. »Ja, wenn die Kinder hier nicht brav sind, dann gehe ich ein Haus weiter – – –«

»Nein – nein – hierbleiben – wir wollen ja ganz artig sein«, klingt es höchst jämmerlich.

Knecht Ruprecht muss ein weiches Herz haben. Er bleibt sofort stehen. »Könnt ihr auch ein Weihnachtsgedicht hersagen?«, fragt er wieder mit seinem tiefsten Bass.

Stumm bleibt alles. Eins schiebt das andere nach vorn. Keines traut sich heraus.

»Ja, dann muss ich wohl weitergehen – – –.« Da fühlt sich der kehrtmachende Weihnachtsmann an seinem Pelz fest – ganz fest gehalten. Viele kleine Hände sind es, die an seinem Rock zerren und im Chor klingt es jetzt laut:

»Ist das heut' ein GebimmelBeim lieben Gott im Himmel.Knecht Ruprecht steht am Telefon,Den ganzen Tag seit morgens schon.«

Ach Gott – ach Gott – wie geht's denn nur weiter? Keiner weiß, wie's weitergeht. Alle haben sie vor Aufregung das Gedicht, das Tante Jetta so schön mit ihnen gelernt, vergessen. Aber, was ist das? Knecht Ruprecht tut den Mund auf, er hilft selber weiter:

»Denn von der Erde klingeln anDie Kinder bei dem Weihnachtsmann.«

Gar nicht mehr so tief gebrummt klingt's, ganz hell, eigentlich beinahe so, als ob Tante Jetta spricht und – »Knecht Ruprecht ist ja überhaupt Tante Jetta!« Gustel, der Gründliche, hat bereits den Pelz auseinandergerissen – da kommt ein blaues Damenkleid zum Vorschein. Jubelnd umdrängen die Kinder plötzlich den Weihnachtsmann. Aber der schüttelt seine Rute: »Wer sein Gedicht nicht kann, kriegt nichts aus meinem Sack!« Da können sie mit einem Male alle weiter, es geht wie geschmiert und nun – ein Regen von Äpfeln, Nüssen und Pfefferkuchen ergießt sich aus Knecht Ruprechts Sack über die jauchzenden Kinder. Und kaum hat man aufgerafft, soviel man nur fassen kann, da geht's zum zweiten Mal »klinglinglingling«. Die Tür zum Nebenzimmer, in dem sonst die Kleinen in ihrem Laufgitter herumkrabbeln, tut sich auf – das ist doch nicht das bekannte Zimmer – das ist bestimmt das Weihnachtsland, von dem Tante Jetta erzählt hat. Tannengrün mit lauter Silber beglitzert, wohin man blickt. Auf jedem Platz brennt ein kleiner Tannenbaum. Ein ganzer Lichterwald. Und der riesengroße Weihnachtsbaum, der mit so vielen Lichtern brennt – es sind sicher hundert oder gar tausend – dass man gar nicht recht die Augen aufmachen kann. Aber die Ketten und Körbchen, die daran wachsen, die kennt man, und »das scheene Silbernetz da oben hab' ich janz alleine jeflechtet!«, schreit Paulchen, heute zu Ehren des Weihnachtsabends mit schön geputztem Näschen, selig dazwischen. Man hat Zeit, um die Augen an all die Herrlichkeit zu gewöhnen. Musik erklingt – singen die Englein oben im Himmel? Nein, es ist nur Tante Hildes Geige, und da fallen sie alle ein, die Kleinen, in den Weihnachtssang »Ihr Kinderlein kommet.«

Und nun war endlich Bescherung. Auf jedem Platz war ein Schild mit dem Namen des glücklichen Besitzers. Die Damen mussten sich fast vervierfachen, um jedes Kind zu seinem Platz zu führen. Tante Ruth, die Cousinen und Lottchen halfen ebenfalls. Jubelnde Kinderstimmen erklangen aus dem Lichterwald wie süßer Vogellaut.

»Tante Jetta, Tante Jetta, ich habe 'nen Baukasten« – »und ich 'n Märchenbuch, aber 'n feines« – »und kiek bloß mal die scheenen Schuhe, die kosten ville Jeld« – »Tante Jetta, mein Kaufmannsladen, das ist das allerscheenste, da kann Mutter immer kaufen kommen, wenn se mal kein Jeld hat«, überschrie der dicke Gustel selig die andern.

Mariettas Cousinen und Vettern hatten ebenso glückliche Augen wie die beschenkten Kleinen. Die Kinder aus reichem Hause hätten nie gedacht, dass ihre abgelegten Sachen und das ausrangierte Spielzeug noch solche Freude verursachen könnten. Wie gut, dass man alles so schön instand gesetzt hatte. Es machte beinahe mehr Freude, das Glück all der armen Kinder zu sehen, als selbst etwas geschenkt zu bekommen. Hell brannten die Weihnachtslichter in ihren Herzen.

Lottchen stand neben Lenchen, die heute ein richtiges Haarband im Zöpfchen trug. Sie hielt ihr Evchens rotes Kleid an. »Freust du dich über das schöne Kleid?«, fragte sie freundlich. Sie hatte das Gefühl, als spräche sie zu einem Schwesterchen, das sie niemals besessen.

Lenchen nickte nur stumm. Sie konnte vor Seligkeit nicht sprechen. Mit scheuer Liebkosung strich sie über das feine Kleid, streichelte auch mit den Augen das rote Haarband und die schöne Schulmappe. Aber Lenchens Mutter, eine trotz der einfachen Kleidung nett aussehende Frau, meinte dankbar: »Wie gut von Ihnen, dass Sie meinem Lenchen solche Freude machen.«

Lotte wurde rot, dass man sie mit »Sie« anredete. »Ich kann ja gar nichts dafür«, wehrte sie bescheiden ab, sich zu Lenchens Mutter wendend. Da wich ihr alle Farbe aus den Wangen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie die freundliche Frau an. Das Blut drängte ihr zum Herzen, Tränen stiegen ihr heiß in die Augen. Kam die Mutter wieder am Weihnachtsabend? So – gerade so hatte die Muttel ihr Lottchen angeschaut, bevor sie in der jämmerlichen Hütte drüben in Amerika krank geworden. So hatte sie ausgesehen – nein, doch nicht. Muttels Haar war heller gewesen, die Frau hier hatte ja braunes Haar. Und auch die Augenfarbe war eine andere, und doch etwas Bekanntes grüßte das Mädchen aus den Augen der fremden Frau. Es war wohl das Mütterliche, das warm daraus blickte.

»Muttel, sieh nur mal, die schöne Schulmappe.« Wie drollig, Lenchen nannte ihre Mutter auch Muttel, gerade so, wie Lottchen es einst getan. Kein anderes Kind hier sagte so. »Ob der Weihnachtsmann gewusst hat, dass ich deine alte Einkaufstasche Ostern als Schulmappe nehmen sollte?«

Drüben bei Paulchen und Hermännchen stand Marietta. Probierte Paulchen das Schurzfell um, stülpte Hermännchen die Rodelmütze auf den Krauskopf und band ihm den warmen Wollschal um den Hals. Sie blickte zu dem andern Ende der Tafel – wie merkwürdig! Lottchen bückte sich gerade zu Lenchen herab, um ihr die Schulmappe umzuschnallen. Nein, wirklich merkwürdig, wie die Natur manchmal Ähnliches schafft. Dieselben breitgezeichneten Augenbrauen bei beiden Kindern, dasselbe Regennäschen und auch das Haar beinahe von der gleichen semmelblonden Farbe. Marietta hatte keine Zeit, länger Physiognomiestudien zu machen, denn Käthchen zerrte an ihrem Rock: »Tante Jetta, meine süße neue Puppe soll so wie du heißen.«

Und nun waren all die herrlichen Gaben in Mutters umfangreichen Korb gewandert. Das schönste Stück aber gaben sie nicht her, die Kleinen. Das behielt jedes liebevoll im Arm. Nun waren all die »danke auch vielmals« – »scheenen Dank auch« – »Karlchen, haste dir auch scheen bedankt?« verklungen. Tante Ruths umfangreiche Tüten waren mit erstaunenswerter Schnelligkeit noch zum Schluss gestürmt worden. Und nun schurrten sie alle ab, die vielen Kinderfüße, so eilig, wie sie gekommen, um daheim dem Vater oder auch der Großmutter ihr Glück zu weisen.

Lenchens Mutter trat an Marietta heran und reichte ihr die Hand. »Der liebe Gott lohn' es Ihnen, liebes Fräulein, was Sie unsern Kindern Gutes tun. Lenchen ist ja ganz glücklich, wenn sie in den Hort zu Tante Jetta darf.«

Marietta blickte in das blasse Gesicht der Frau, auf dem Sorge und Entbehrung deutlich ihre Zeichen geschrieben. Und doch – Marietta hatte es ja gleich herausgefühlt, dass Lenchen von besserem Herkommen war, als die meisten der Hortkinder.

»Haben Sie auskömmliche Arbeit, Frau Neumann?«, erkundigte sie sich teilnehmend.

»Es ist augenblicklich mit Schürzennähen nicht viel zu verdienen, Fräulein. Noch dazu mit Heimarbeit. Die meisten Geschäfte haben eigene Fabrikation. Ich bin eigentlich Schneiderin. Früher ging's ganz gut. Aber jetzt kaufen die Leute alles billiger in den Warenhäusern. Und fort von Hause kann ich nicht. Unsere Großmuttel, die seit dem Tode meines Mannes zu uns gezogen, ist auf einem Bein gelähmt und kann die Wirtschaft nicht mehr versehen.« Die Frau seufzte kaum merklich.

Es zuckte Marietta in der Hand, in die Tasche zu greifen und der Not auf ein Weilchen zu steuern. Was hätte das dem Tavaresschen Reichtum für Abbruch getan. Aber sie hatte inzwischen gelernt, sich nicht gleich vom ersten Impuls hinreißen zu lassen. Auch den Verstand, nicht nur das Herz, beim Wohltun zurate zu ziehen.

»Ich will zusehen, ob ich Ihnen durch unsere soziale Arbeiterhilfe nicht lohnendere Beschäftigung verschaffen kann, Frau Neumann«, versprach sie bereitwillig. »Inzwischen nehmen Sie dies hier zu einem Weihnachtsbraten.« Nein, ganz vermochte Marietta doch noch nicht auf die Stimme der Vernunft zu hören. Noch dazu am Heiligabend, wo in jedem Herzen ein Weihnachtslicht brennt.

In den Dank der erfreuten Frau mischten sich Stimmen.

»Marietta, wo bleibst du? Das Auto wartet. Wenn du mitfahren willst, komm schnell«, rief man von unten herauf. Es waren Hartensteins. Der Vater hatte ihnen das Fabrikauto zur Verfügung gestellt, damit sie pünktlich zur eigenen Bescherung wieder daheim wären.

Marietta schwankte. Lottchen und sie hätten bequem mitfahren können, es war nur ein kleiner Umweg für die Zehlendorfer, wenn man sie an der Berliner Straße absetzte. Und die Großeltern würden sich freuen, wenn es nicht so spät würde. Aber nein – da stand noch ein einsames kleines Bäumchen. Gaben lagen darunter. Ein Kind hatte seinen Weihnachten noch nicht bekommen. Es war Ottchen.

»Fahrt nur allein, ich habe noch einen Weg. Frohe Weihnacht und auf Wiedersehen am ersten Feiertag!«, rief Marietta zurück.

»Ach, wir gehen noch weiter?«, meinte Lottchen enttäuscht. Sie wäre zu gern Auto gefahren. »Tante Geheimrat und Mutter Trudchen warten gewiss schon mit dem Aufbau.«

»Wenn du mit Hartensteins fahren willst, ich habe nichts dagegen, Lottchen. Ich will noch zu einem armen Kinde gehen, das sonst gewiss kein Weihnachtslicht sieht.«

Nur einen Augenblick schwankte Lotte. Dann schmiegte sie sich an Marietta. »Ich gehe mit Ihnen, Fräulein Jetta.« Das gute Beispiel wirkte.

Lottchen bewaffnete sich mit dem Bäumchen. Marietta packte Ottchens blaues Schurzfell, den Wintermantel von Heinz, warme Handschuhe und eine Trompete zusammen. Dazu Pfefferkuchen und Äpfel, die Lebensmittel für die Mutter, denen Marietta auf eigene Faust, da sie die Not der Familie kannte, noch so manches beigefügt hatte. Auch an Ottos Geschwister hatte sie gedacht. Keins ging leer aus. Es waren schwere Pakete, welche Marietta und Lotte durch den auf feuchten Nebelfittichen sich herabsenkenden Weihnachtsabend trugen. Aber wenn man einen Weg der Menschenliebe geht, zieht keine Last herab, sondern hinauf in reinere Sphären.

Lottchen konnte sogar noch all die Weihnachtsbäume, die aus Erkern und Fenstern mit goldenen Strahlenaugen in das Nebelgrau hinausblinzelten, zählen. »Siebenundvierzig, achtundvierzig – Fräulein Jetta, heute bei der Bescherung habe ich so an meine Muttel denken müssen, und da habe ich wirklich geglaubt, sie stände wieder vor mir. Dabei war's nur Lenchens Mutter, Frau Neumann – neunundvierzig – – –.«

»Sieht sie wirklich deiner Mutter ähnlich, Lotte?«, forschte Marietta. Wie seltsam, dass auch ihr eine Ähnlichkeit zwischen den Kindern aufgefallen.

»Nee, eigentlich sieht sie ganz anders aus. Es war bloß einen Augenblick lang – fünfzig. Hurra – fünfzig Weihnachtsbäume!« Lotte legte der Sache weiter kein Gewicht bei.

Auch Marietta versuchte den Gedanken, der sie plötzlich durchzuckte, zurückzudrängen. Was war denn auch da Seltsames dabei, dass Lotte bei der Bescherung, wo jedes Kind neben seiner Mutter stand, an die eigene, verstorbene intensiv hatte denken müssen und dann eine der Mütter dafür angesehen hatte. Nein, das war gar nichts Besonderes. Und auch die beiden Kinder – eine Laune, ein Spiel der Natur war's, wie es tausendfach vorkommt. Nur nicht wieder eine Hoffnung entzünden, die noch jedes Mal erloschen war. Lottchens Mutter stammte ja aus Schlesien. Also ... Trotzdem, ganz frei konnte sich Marietta nicht von der sie bedrängenden Vorstellung machen. Schlesien – Berlin, das war keine Entfernung für eine Amerikanerin. Ein Weihnachtslicht war aufgeflammt und blitzte durch das Dunkel all der Jahre.

Dreiundsechzig Weihnachtsbäume hatte Lotte gezählt, da stand man endlich an der ausgetretenen Steintreppe, die zu Ottos Kellerwohnung führte. Wohnung, nun das war eine beschönigende Bezeichnung für das dunkle Kellerloch. Früher hatten die Eltern Holz und Kohlen darin verkauft. Aber dann konnte man keine Vorräte mehr anschaffen, es reichte gerade noch zu dem Leierkasten, mit dem der Vater auf den Höfen herumzog. Auch heute war er noch auf der Wanderschaft. Seine beiden Ältesten, Junge und Mädel von acht und neun Jahren, begleiteten ihn und sangen ihre Weihnachtslieder zu den Klängen der Drehorgel. Am Heiligabend hat jeder ein offenes Herz und eine offene Hand. Besonders, wenn man arme, frierende Kinder auf dem Hofe unten »Stille Nacht« singen hört, während man den eigenen droben den reichen Gabentisch aufbaut.

Dunkel war's in dem Keller. Keiner dachte daran, Licht anzuzünden, wie viel weniger ein Weihnachtslicht. Die Mutter war zum Bäcker nebenan gegangen. Vielleicht gab er noch mal ein Brot ohne Bezahlung. Man war zwar schon mit sechs Stück bei ihm angekreidet, und er hatte gesagt, dass er ohne Geld und ehe die andern bezahlt wären, keins mehr herausgeben würde. Aber ihr Mann würde ja heute Geld mitbringen, und die Kinder hatten Hunger.

Marietta hatte die Lichte an dem Weihnachtsbäumchen angesteckt. »Du kannst nicht mit hinein, Lotte, du kannst dort warten. Ich bin gleich wieder da.« Damit öffnete sie die Tür zu dem kalten, schlecht gelüfteten Raum.

Es ließ sich zuerst nichts erkennen bei dem Zitterschein der Weihnachtslichte. War der Raum leer, war keiner da?

Da – ein Freudengeheul aus einer dunklen Ecke: »Jette – Jette!« Und da kam es herbeigestürzt, so schnell die krummen Beinchen ihn nur tragen wollten. »Jette – Jette!« Ottchen hatte sie erkannt.

»Hat man dich ganz allein hier im Dunkeln gelassen, armes Kerlchen?«, fragte Marietta mitleidig und steckte ihm einen großen Pfefferkuchen in den Mund. Oh, das verstand Ottchen. Besser als die merkwürdige Lampe, die Tante Jette mitgebracht hatte und die eigentlich gar nicht wie eine Lampe, sondern wie ein Baum aussah. Wintermantel und Schurzfell machten wenig Eindruck auf ihn. Dagegen war er von der Trompete ganz begeistert. Ja, er schwang sich sogar zu einem neuen Wort seines Sprachlexikons auf: »Trara – trara« machte er nach.

Marietta stellte das brennende Bäumchen auf den Tisch und breitete unter ihm die Gaben aus. Da merkte sie erst, dass noch mehr Bewohner außer Ottchen anwesend waren. Das Wimmern eines kleinen Kindes kam aus einer anderen Ecke. Dort lag in einem Korb, der früher wohl Holz- oder Kohlenzwecken gedient hatte, ein elendes Würmchen und lutschte wütend am Fingerchen. Sicher hatte es Hunger. Nirgends ein Tropfen Milch. Marietta nahm das schreiende Bündel auf den Arm und schaukelte es hin und her, bis es sich ein wenig beruhigte. Sie musste ja wieder gehen. Lottchen wartete und auch die Großeltern daheim. Aber Ottchen allein mit dem brennenden Baum lassen – das war unmöglich.

Da kamen Schritte die Treppe herab. Langsam und schwer. Der Bäcker hatte kein Brot mehr gegeben, erst solle sie die andern bezahlen. Ach was, Weihnachten – er müsse auch für das, was er kaufe, bares Geld geben. Weihnachten – ein bitteres Lachen rang sich von den Lippen der Armen. Was wussten sie von Weihnachten in ihrem dunklen Loch da unten. Sie öffnete die Tür – ja, was war denn das? War ein Engel vom Himmel herunter gekommen? Hatte der da oben sie doch nicht ganz vergessen?

Weihnachtskerzen brannten – Geld und Esswaren lagen auf dem Tisch. Und daneben stand ein Engel – so erschien es der armen Mutter – wiegte ihr Kleines und sprach freundliche Worte. Da löste sich die stumpfe Gleichgültigkeit, mit der sie das Jammerleben ertragen, Tränen lösten die Starrheit. Weihnachtslicht erwärmte ihr Herz.

Es war spät, als Marietta und Lottchen endlich wieder Lichterfelde erreicht hatten. Das Nebelgrau der Stadt war hier draußen zerflossen. Droben am Himmel hatte man inzwischen auch die Weihnachtskerzen angezündet. Wie das blitzte und mit tausend und aber tausend Lichtlein herabfunkelte.

Der alte Geheimrat war ungeduldig. Alle fünf Minuten zog er seine Uhr, trotzdem der Regulator vor ihm an der Wand hing. Er brummte und knurrte. Solche Unpünktlichkeit wollten sie nicht bei sich einreißen lassen. Gleich halb sieben – so spät hatte man noch nie beschert. Was fiel denn dem Mariele ein, so lange auf sich warten zu lassen. Dachte nur an ihre Schützlinge da im Hort und nicht an die alten Großeltern, die doch wirklich eine gewisse Rücksicht beanspruchen konnten. Am liebsten würde er halt mit der Bescherung beginnen – aber er dachte gar nicht daran, der alte Herr. Er zog weiter die Uhr und brummte weiter.

Die Großmama musste das ganze Geschütz ihrer Beredsamkeit auffahren lassen, um ihn zu besänftigen. »Das Kind ging doch Wege der Nächstenliebe« – na ja, aber zurück sein hätte es eigentlich schon können. Dies wurde nur gedacht, nicht ausgesprochen. »Ach, so eilig hatten sie es doch gar nicht mit der Bescherung, sie hatten doch keine kleinen Kinder mehr, die ins Bett mussten« – ja, aber merkwürdig war's doch, dass die Jetta so lange ausblieb. Es wird doch nichts passiert sein – – – und die Großmama blickte ebenso angelegentlich nach der Uhr wie ihr Mann. Nur noch etwas besorgter.

Immer unruhiger wurde Frau Annemarie. Zum so und sovielten Male öffnete sie die Tür zu dem Weihnachtszimmer nebenan, ob dort wohl alles in Ordnung wäre. Aber das Pelzjackett für Marietta lag tadellos, und der seidene Regenschirm neben der neuen Goethe-Ausgabe bedurfte auch keiner Verbesserung. Der Schlafrock für ihren Mann war wirklich mollig, er hatte ihn sich verdient. Sein Vorgänger stammte noch aus den ersten Jahren ihrer Ehe. Hier Kunzens Aufbau. Was Lottchen wohl zu der Armbanduhr sagen würde. Ihr Mann fand zwar wieder, sie verwöhne das Kind zu sehr. Aber es war doch nur eine silberne – und gerade am Weihnachtsfest hatte Frau Annemaries warmes Herz den Wunsch, dem verwaisten Kinde eine besondere Freude zu machen. Es war doch wie ein Blatt, das der Sturm vom Baum geweht.

Helle Stimmen – gottlob, da waren sie.

Und dann flammten auch bei Geheimrats die Weihnachtslichter auf und warfen ihren goldenen Zitterschein hinaus in den schweigenden Garten. Dann saß Marietta am Flügel und sang, wie einst ihre Mutter, das Weihnachtslied.

Und dann standen die alten Leutchen neben ihrem »Kinde«, glücklich in dem Bewusstsein, ihm Freude zu bereiten. Wie konnte sich Marietta aber auch freuen. Nicht so laut wie Lottchen, die mit der Uhr ganz selig war. Nicht so wortreich wie Frau Trudchen, die jedes Stück ihres mit liebevollem Verständnis ausgewählten Weihnachten einer ebenso eingehenden wie dankbaren Prüfung unterzog, um dann zu versichern: »Aber das wäre doch jar nich nötig jewesen.« Auch nicht wie Vater Kunze, der im Laufe der vielen Jahre seinem Chef, dem Geheimrat, so manches, auch die Wortkargheit abgeguckt hatte und nur hin und wieder ein schmunzelnd anerkennendes »Is ja janz schöneken!« hören ließ. Nein, Mariettas Freude war ganz anders. Still und leuchtend, von innen heraus. Ihre Augen sprachen eine viel deutlichere Sprache, als ihr Mund es vermochte. Wenn Frau Annemarie an die jubelnde Freude ihrer Ursel vor vielen Weihnachtsabenden zurückdachte, war es kaum denkbar, dass dies ihre Tochter war. Und doch das Warme, Strahlende, das war ihnen gemeinsam. Das war Familieneigenschaft, deren Urquell in Frau Annemarie selbst zu finden war.

Noch heute vermochte die Großmama ihrer Freude lebhafter Ausdruck zu geben, als die Enkelin. Nein, dass das »Kind« auch noch für sie gearbeitet hatte, wo es doch schon genügend angestrengt war. Aber gerade solch eine weiß gehäkelte Wollpelerine hatte sie sich gewünscht. Wie hatte das Marietta nur in Erfahrung gebracht. Ach, war das weich, wollig und mollig. Die Großmama musste sie gleich umtun. »Na, wie gefalle ich dir, mein Alterchen?« Und dabei sah sie mit ihrem schneeweißen Haar so jung und hübsch aus, dass der alte Geheimrat seine und ihre Jahre vergaß und seiner Annemarie einen Kuss geben musste – wie einst im Mai. Er selbst stand mit etwas gemischten Gefühlen vor dem Weihnachtstisch, den Marietta aufgebaut hatte. Ein Pelz lag da, ein nagelneuer, kostbarer Otterpelz. »Aber von mir ist nur die Pelzmütze, der Pelz ist von den Eltern, Großpapa, weil dein alter nun wirklich schon ausgedient hat. Damit kannst du Kunze glücklich machen, hat Mammi geschrieben, als sie mir den ehrenvollen Auftrag erteilte.«

»Was, mein schöner alter Pelz? Ich denk' halt gar nit dran. Lieber geb' ich den neuen her. Wir beide sind miteinander alt geworden, der Pelz und ich, haben Wind und Wetter miteinander Trotz geboten. Solange mein alter Kadaver noch hält, hält der Pelz noch lange. Und wenn ich der Kaffeekönigin von Brasilien nimmer gut genug in dem alten bin, dann soll sie halt nur im Sommer herkommen.« Er hatte sich ordentlich ins Poltern hineingeredet, der alte Herr.

Marietta stand ganz bestürzt über die Wirkung ihres Geschenkes. Großmama aber lachte ihr liebes, ansteckendes Lachen. »Nun sieh mir einer diesen Poltergeist an. Bekommt einen so herrlichen Pelz geschenkt und tut, als ob man ihm seinen fortstibitzen will. Das hätte unser Urselchen mit anhören müssen. Ausgeschüttet hätte sie sich vor Lachen. Schau nur, wie betroffen das Kind dasteht. Also, ich denke, wir schließen einen Kompromiss, mein Alter. Bei Wind und Wetter bleibst du deinem alten Pelzkumpanen treu, und wenn du mit deiner lieben Frau spazieren gehst, führst du den neuen aus. Ist's so recht?«

»Meine Frau hat immer recht.« Der Großvater war schon wieder besänftigt. »Aber dass du mir nimmer wieder so unvernünftig viel Geld vertust, Mariele. Davon kann eine Familie halt ein ganzes Jahr leben.«

Mariettas Gesichtsausdruck ward noch bestürzter. Hatte sie nicht recht gehandelt, dass sie den kostbaren Pelz gekauft? Wenn sie an das Elend da unten in dem Keller dachte ... nun, da würde sie schon helfen. Sie hatte es sich sowieso vorgenommen. Der Weihnachtsscheck, den der Vater ihr jedes Jahr anweisen ließ, der sollte dazu verwendet werden, den armen Menschen wieder eine Existenz und bessere Lebensmöglichkeiten zu schaffen.

Da rief auch schon die Großmama in ihrer heiteren Art: »Lass nur gut sein, Seelchen, der Kürschner will auch leben. Nun wollen wir aber die Weihnachtskiste aus Brasilien auspacken.« Die bildete stets den Höhepunkt des Festes.

Kunze hatte bereits vorher den Deckel gelöst. Aber zur Bescherung durfte erst ausgepackt werden. Das war alljährliche Überlieferung.

»Jetzt werden sie mir halt noch Pelzstiefel und 'nen Fußsack aus den Tropen schicken – 's ist halt das Geeignetste von dort«, meinte der Geheimrat schon wieder schmunzelnd.

»Undankbarer Gesell, da sieh, was dir dein Urselchen schickt. Ein großes Ölgemälde von Donna Tavares. Mein Urselchen!«

Die Weihnachtskiste wäre sobald wohl nicht weiter ausgepackt worden, denn Großpapa, Großmama und Marietta waren vollständig versunken in die noch immer liebreizenden Züge des goldhaarigen Frauenbildnisses. In diesem Augenblick gab es keine Entfernung. Da waren sie miteinander vereint.

Frau Trudchens Stimme: »Frau Jeheimrat, die Karpfen stehen mir janz ab«, mahnte sie wieder an ihre Pflicht. Aber gegen Ursels Bild kam nichts anderes mehr auf. Nicht das mattlila Seidenkleid für Marietta mit dem Begleitzettel der Mutter: »Es hat dieselbe Farbe, wie mein erstes Konzertkleid, in dem ich mich verlobt habe. Mögest du, meine Jetta, ebenso glücklich darin werden!« Nein, nichts konnte mit Frau Ursels Bild konkurrieren. Weder der Crêpe-de-Chine-Umhang mit den wunderbaren, gestickten Blumen, in dem sich Frau Annemarie wie eine Fürstin vorkam, noch all die herrlichen Früchte und fremdartigen Süßigkeiten, die man in Europa nicht kannte. Nicht einmal das Schwarzseidene für Frau Trudchen, das diese aber bis zu ihrer Silberhochzeit aufheben wollte, kam dagegen auf.

Und dann waren die Weihnachtskarpfen verzehrt und die Meinungsverschiedenheit, ob Frau Ursels Bild im Biedermeierzimmer oder in des Geheimrats Zimmer den Ehrenplatz bekommen sollte, dahin entschieden worden, dass Kunze es im Wohnzimmer aufhängte. Und dann erloschen die Lichter eins nach dem andern. Und nur noch die Weihnachtslichter, die man selbst in den Herzen anderer entzündet, warfen ihren leuchtenden Schein bis in das Traumland hinein.

Leise rieselt der Schnee

Eduard Ebel

Leise rieselt der Schnee, Still und starr liegt der See, Weihnachtlich glänzet der Wald: Freue Dich, Christkind kommt bald. In den Herzen ist’s warm, Still schweigt Kummer und Harm, Sorge des Lebens verhallt: Freue Dich, Christkind kommt bald. Bald ist Heilige Nacht; Chor der Engel erwacht; Horch’ nur, wie lieblich es schallt: Freue Dich, Christkind kommt bald.

Winters Einzug

Franz von Pocci

Nun zieht mit seiner ganzen MachtHerr Winter wieder ein.Vergangen ist der Fluren Pracht,Erbleicht der Sonne Schein.Weh uns! Schon naht der kalte MannMit seinem weißen Bart!Wer Arm' und Beine rühren kann,Kommt, hemmet seine Fahrt! -Schließt Tür' und Tor und Fenster zu,Und lasst ihn nicht herein,Dass er uns nichts zu Leide tu'!Es friert ja Groß und Klein.Gewaffnet ist der Kinder Schar,Die ihm entgegentritt.Was hilft's? Er kommt wie alle Jahr,Bringt Schnee und Eis uns mit.Bringt eine lange, lange NachtUnd einen kurzen Tag.Des Schneegestöbers FlockenjagdUnd noch so manche Plag'.Doch kennt er viele Freuden auch,Bringt neuer Märchen Traum,Und hat - es ist sein alter Brauch,Bei sich den Weihnachtsbaum.Eisblumen malt ans Fenster erIn weißem Blütenkranz,Die freuten uns noch immer sehrMit ihrem Zauberglanz.Schneemänner gar und BlindemausUnd Schattenspiel bei Licht:Das bringt der Winter auch in's Haus;Drum schmäht den Alten nicht!Herein, herein denn, Wintermann!Komm setz dich zum Kamin!Wärm deine kalten Hände dranUnd auf ein Märchen sinn! -Erzähl es dann - wir hören zu,Wir haben sorgsam acht,Und ist es aus, gehn wir zur Ruh'Und wünschen Gute Nacht.

Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

Hans Christian Andersen

Es war fürchterlich kalt; es schneite und begann dunkler Abend zu

werden, es war der letzte Abend im Jahre, Neujahrsabend! In dieser

Kälte und in dieser Finsternis ging ein kleines, armes Mädchen mit

bloßem Kopfe und nackten Füssen auf der Straße. Sie hatte freilich

Pantoffeln gehabt, als sie vom Hause wegging, aber was half das!

Es waren sehr große Pantoffeln, ihre Mutter hatte sie zuletzt getragen,

so groß waren sie, diese verlor die Kleine, als sie sich beeilte, über die

Straße zu gelangen, indem zwei Wagen gewaltig schnell daher jagten.

Der eine Pantoffel war nicht wieder zu finden und mit dem andern lief

ein Knabe davon, der sagte, er könne ihn als Wiege benutzen, wenn

er selbst einmal Kinder bekomme.

Da ging nun das arme Mädchen auf den bloßen, kleinen Füssen, die

ganz rot und blau vor Kälte waren. In einer alten Schürze hielt sie eine

Menge Schwefelhölzer und ein Bund trug sie in der Hand. Niemand hatte

ihr während des ganzen Tages etwas abgekauft, niemand hatte ihr auch

nur einen Dreier geschenkt; hungrig und halberfroren schlich sie einher

und sah sehr gedrückt aus, die arme Kleine! Die Schneeflocken fielen

in ihr langes, gelbes Haar, welches sich schön über den Hals lockte,

aber an Pracht dachte sie freilich nicht.

In einem Winkel zwischen zwei Häusern - das eine sprang etwas weiter

in die Straße vor, als das andere - da setzte sie sich und kauerte sich

zusammen. Die kleinen Füße hatte sie fest angezogen, aber es fror sie

noch mehr, und sie wagte nicht nach Hause zu gehen, denn sie hatte

ja keine Schwefelhölzer verkauft, nicht einen einzigen Dreier erhalten.

Ihr Vater würde sie schlagen, und kalt war es daheim auch, sie hatten

nur das Dach gerade über sich und da pfiff der Wind herein, obgleich

Stroh und Lappen zwischen den größten Spalten gestopft waren.

Ihre kleinen Hände waren vor Kälte fast ganz erstarrt.

Ach! ein Schwefelhölzchen könnte gewiss recht gut tun; wenn sie nur

wagen dürfte, eins aus dem Bunde herauszuziehen, es gegen die Wand

zu streichen, und die Finger daran zu wärmen. Sie zog eins heraus,

"Ritsch!"

Wie sprühte es, wie brannte es! Es gab eine warme, helle Flamme, wie

ein kleines Licht, als sie die Hand darum hielt, es war ein wunderbares

Licht! Es kam dem kleinen Mädchen vor, als sitze sie vor einem großen

eisernen Ofen mit Messingfüßen und einem messingenem Aufsatz;

das Feuer brannte ganz herrlich darin und wärmte schön! -

Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen --

da erlosch die Flamme, der Ofen verschwand - sie saß mit einem

kleinen Stumpf des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand.

Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und wo der

Schein desselben auf die Mauer fiel, wurde diese durchsichtig wie ein Flor.

Sie sah gerade in das Zimmer hinein, wo der Tisch mit einem glänzend

weißen Tischtuch und mit feinem Porzellan gedeckt stand, und herrlich

dampfte eine mit Pflaumen und Äpfeln gefüllte, gebratene Gans darauf!

Und was noch prächtiger war, die Gans sprang von der Schüssel herab,

watschelte auf dem Fußboden hin mit Gabel und Messer im Rücken,

gerade auf das arme Mädchen kam sie zu. Da erlosch das Schwefelholz,

und nur die dicke, kalte Mauer war zu sehen.

Sie zündete ein neues an. Da saß sie unter dem schönsten

Weihnachtsbaume. Der war noch größer und aufgeputzter als der,

welchen sie zu Weihnachten durch die Glastüre bei dem reichen

Kaufmanne erblickt hatte. Viel Tausend Lichter brannten auf den

grünen Zweigen und bunte Bilder, wie die, welche die Ladenfenster

schmückten, schauten zu ihr herab. Die Kleine streckte die beiden

Hände in die Höh' - da erlosch das Schwefelholz; Die vielen

Weihnachtslichter stiegen höher und immer höher, nun sah sie,

dass es die klaren Sterne am Himmel waren, einer davon fiel herab

und machte einen langen Feuerstreifen am Himmel.

"Nun stirbt jemand!", sagte die Kleine, denn ihre alte Großmutter,

welche die Einzige war, die sie lieb gehabt hatte, die jetzt aber tot

war, hatte gesagt: "Wenn ein Stern fällt, so steigt eine Seele zu

Gott empor."

Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer, es leuchtete

ringsumher, und im Glanze desselben stand die alte Großmutter,

glänzend, mild und lieblich da.

"Großmutter!", rief die Kleine. "O, nimm mich mit! Ich weiß, dass du

auch gehst, wenn das Schwefelholz ausgeht; gleichwie der warme Ofen,

der schöne Gänsebraten und der große, herrliche Weihnachtsbaum!"

Sie strich eiligst den ganzen Rest der Schwefelhölzer, welche noch im

Bunde waren, sie wollte die Großmutter recht festhalten; und die

Schwefelhölzer leuchteten mit solchem Glanz, dass es heller war, als

am lichten Tage. Die Großmutter war nie so schön, so groß gewesen;

sie hob das kleine Mädchen auf ihren Arm, und in Glanz und Freude flogen

sie in die Höhe, und da fühlte sie keine Kälte, keinen Hunger, keine Furcht -

sie waren bei Gott!

Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine

Mädchen mit roten Wangen, mit lächelndem Munde - tot, erfroren am

letzten Abend des alten Jahres. Der Neujahrsmorgen ging über die kleine

Leiche auf, welche mit Schwefelhölzern da saß, wovon ein Bund fast

verbrannt war. Sie hat sich wärmen wollen, sagte man. Niemand wusste,

was sie Schönes erblickt hatte, in welchem Glanze sie mit der alten

Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war!

Der Schneemann

Manfred Kyber

Es war einmal ein Schneemann, der Stand mitten im tief verschneiten Walde und war ganz aus Schnee. Er hatte keine Beine und Augen aus Kohle und sonst nichts und das ist wenig. Aber dafür war er kalt, furchtbar kalt. Das sagte auch der alte griesgrämige Eiszapfen von ihm, der in der Nähe hing und noch viel kälter war. »Sie sind kalt!«, sagte er ganz vorwurfsvoll zum Schneemann. Der war gekränkt. »Sie sind ja auch kalt«, antwortete er. »Ja, das ist etwas ganz anderes«, sagte der Eiszapfen überlegen.

Der Schneemann war so beleidigt, dass er fortgegangen wäre, wenn er Beine gehabt hätte. Er hatte aber keine Beine und blieb also stehen, doch nahm er sich vor, mit dem unliebenswürdigen Eiszapfen nicht mehr zu sprechen. Der Eiszapfen hatte unterdessen was anderes entdeckt, was seinen Tadel reizte: Ein Wiesel lief über den Weg und huschte mit eiligem Guss an den Beiden vorbei. »Sie sind zu lang, viel zu lang!«, rief der Eiszapfen hinter ihm her. »Wenn ich so lang wäre, wie Sie, ginge ich nicht auf die Straße!« – »Sie sind doch auch lang!«, knurrte das Wiesel verletzt und erstaunt. »Das ist etwas ganz anderes!«, sagte der Eiszapfen mit unverschämter Sicherheit und knackte dabei ordentlich vor lauter Frost.

Der Schneemann war empört über diese Art, mit Leuten umzugehen, und wandte sich, soweit ihm das möglich war, vom Eiszapfen ab. Da lachte was hoch über ihm in den Zweigen einer alten schneeverhangenen Tanne. Und wie er hinaufsah, saß ein wunderschönes, weißes, weiches Schnee-Elfchen oben und schüttelte die langen hängenden Haare, dass tausend kleine Schneesternchen herabfielen und dem armen Schneemann gerade auf den Kopf. Das Schnee-Elfchen lachte noch lauter und lustiger, dem Schneemann aber wurde ganz seltsam zumute und er wusste gar nicht, was er sagen sollte; und da sagte er schließlich: »Ich weiß nicht, was das ist ...« – »Das ist etwas ganz anderes«, höhnte der Eiszapfen neben ihm. Aber dem Schneemann war so seltsam zumute, dass er gar nicht mehr auf den Eiszapfen hörte, sondern immer hoch über sich auf den Tannenbaum sah, in dessen Krone sich das weiße Schnee-Elfchen wiegte und die langen hängenden Haare schüttelte, dass tausend kleine Schneesternchen herabfielen.

Der Schneemann wollte unbedingt etwas sagen über das eine, von dem er nicht wusste, was es war, und von dem der Eiszapfen sagte, dass es etwas ganz anderes wäre. Er dachte schrecklich lange darüber nach, sodass ihm die Kohlenaugen ordentlich herausstanden vor lauter Gedanken, und schließlich wusste er, was er sagen wollte, und da sagte er: »Schnee-Elfchen im silbernen Mondenschein, du sollst meine Herzallerliebste sein!« Dann sagte er nichts mehr, denn er hatte das Gefühl, dass nun das Schnee-Elfchen etwas sagen müsse, das war ja wohl auch nicht unrichtig.

Das Schnee-Elfchen sagte aber nichts, sondern lachte so laut und lustig, dass die alte Tanne, die doch sonst gewiss nicht für Bewegung war, missmutig und erstaunt die Zweige schüttelte und sogar vernehmlich knarrte. Da wurde es dem armen, kalten Schneemann so brennend heiß ums Herz, dass er anfing vor lauter brennender Hitze zu schmelzen; und das war nicht schön. Zuerst schmolz der Kopf, und das ist das Unangenehmste – später geht's ja leichter. Das Schnee-Elfchen aber saß ruhig hoch oben in der weißen Tannenkrone und wiegte sich und lachte und schüttelte die langen hängenden Haare, dass tausend kleine Schneesternchen herabfielen.

Der arme Schneemann schmolz immer weiter und wurde immer kleiner und armseliger und das kam alles von dem brennenden Herzen. Und das ist so weitergegangen und der Schneemann war schon fast kein Schneemann mehr, da ist der Heilige Abend gekommen und die Englein haben die goldenen und silbernen Sterne am Himmel geputzt, damit sie schön glänzen in der Heiligen Nacht.

Und da ist etwas Wunderbares geschehen: Wie das Schnee-Elfchen den Sternenglanz der Heiligen Nacht gesehen hat, da ist ihm so seltsam zumute geworden und da hat's mal auf den Schneemann herunter gesehen, der unten stand und schmolz und eigentlich schon so ziemlich zerschmolzen war. Da ist's dem Schnee-Elfchen so brennend heiß ums Herz geworden, dass es herunter gehuscht ist vom hohen Tann und den Schneemann auf den Mund geküsst hat, soviel noch davon übrig war. Und wie die beiden brennenden Herzen zusammen waren, da sind sie alle beide so schnell geschmolzen, dass sich sogar der Eiszapfen darüber wunderte, so ekelhaft und unverständlich ihm die ganze Sache auch war.