Frostbrand - Johanna Struck - E-Book

Frostbrand E-Book

Johanna Struck

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Beschreibung

Luca ist innerlich erstarrt, bis sie auf Noah trifft – den Jungen, der alles einfriert, was er berührt. Eine Geschichte über Vertrauen, Freundschaft und Magie, für Leser:innen von Sarah J. Maas und Leigh Bardugo "Luca wusste nicht, ob sie je so sein konnte wie die anderen. Ob sie je Nähe wirklich genießen konnte, statt sie zu ertragen. Ob das hier nur ein Lichtblitz war in einem Gewitter oder tatsächlich die ersten Sonnenstrahlen." Ein weiterer Auftrag, mehr nicht – davon ist Luca überzeugt, als sie sich Noah vorstellt. Seit einer Nacht, an die er sich nicht erinnern kann, gefriert alles in Noahs Nähe und macht ihn damit zum mächtigsten Eismagier, dem Luca je begegnet ist. Luca, die die gleichen Fähigkeiten besitzt, soll ihm als Mentorin von der "Behörde für Sondervorkommnisse" zur Seite stehen. Doch ihre Zusammenarbeit führt in eine ungeahnte Richtung – und dann ist da noch das düstere Geheimnis um die Entstehung von Noahs Kräften ... "Dieses Buch hat mich eiskalt erwischt. Nicht nur das es einen unter die Haut geht und sich die Geschichte ins Leserherz schleicht, sie regt darüber hinaus auch gleichzeitig zum Nachdenken an." ((Leserstimme auf Netgalley))  "Frostbrand ist nicht typisch Fantasy, die Magie bildet nur den Rahmen für Noah und Luca. Bitte mehr davon!!" ((Leserstimme auf Netgalley)) "Mit einem Wort...... Genial" ((Leserstimme auf Netgalley))

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© Piper Verlag GmbH, München 2021

Redaktion: Susanne Döllner

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Giessel Design

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Cover & Impressum

Widmung

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Danksagung

Für Oma Christa,

ich hab dich lieb

1

Noah runzelte die Stirn und starrte an die Decke. Seine Kopfhörer flüsterten ihm Musik ins Ohr, für die es einfach keine gute Einstellung gab: Entweder war sie zu laut, um sich zu konzentrieren, oder zu leise, um sie zu genießen.

Okay, damit bleibt nur noch Homogenität. Ich könnte es beweisen, indem … indem ich … Fluchend zerrte er sich die Kopfhörer von den Ohren. Die Matratze ächzte, während er sich aufsetzte und frustriert die Tür anstarrte. Ein Star-Wars-Poster blinzelte in ausgeblichenen Blau- und Rottönen zurück.

Seit Stunden notierte er Ideen für mathematische Beweise auf dem wöchentlichen Übungszettel, nur um sie gleich wieder zu verwerfen. Langsam wusste er nicht mehr, wie er weitermachen sollte.

Sein Blick glitt von der Tür über die Hängepflanzen und den Kleiderschrank mit dem Spiegel hin zu seinem Schreibtisch. Ich könnte jemandem schreiben und nach Tipps fragen. Oder anrufen. Reden. Allein bei dem Gedanken wurde ihm flau im Magen.

Dabei würden seine Freunde es verstehen. Oder? Er schluckte. Seit Tagen hatte er nicht mit ihnen gesprochen – seit etwa einer Woche. Seit letztem Samstag, seitdem …

Er schwang die Füße aus dem Bett. Das Parkett grummelte unter seinem ersten Schritt, schrie geradezu auf, als er den nächsten tat, doch die letzten beiden waren so leise, dass man es kaum hörte. Atmen. Ganz ruhig.

Einen ratlosen Moment lang sah er auf seinen Schreibtisch hinab. Ein weißer Stuhl vor weißem Holz, die penible Ordnung darauf, bis auf die Stifte, die es nie lange in ihrer Box hielt. Vor ihm an der Wand: eine Magnettafel mit Bildern und Karten, mit so vielen vertrauten Gesichtern, denen er gerade nicht mehr in die Augen sehen konnte.

Etwas keimte seit Tagen in ihm und obwohl er es objektiv »Scham« oder »Frust« nennen würde, fühlten sich beide Wörter zu harmlos an. Sie waren so … schlicht, so einfach im Vergleich zu dem, was in ihm an die Oberfläche drängte. Er fühlte sich, als würde er seine Familie verraten, wenn er weiter schwieg – aber auch, wenn er es ihr erzählte.

Sein Blick verfing sich an einem Foto von ihm mit seiner großen Schwester. Es war vor Jahren entstanden, vor ihren Dreadlocks und dem Blumentattoo am Unterarm. Vanessa hatte ihn damals noch überragt, im Hintergrund war die Achterbahn zu sehen, die ihre Haare im Moment der Aufnahme verwirbelte.

Unwillkürlich musste Noah schmunzeln – der Noah auf dem Bild lachte.

Wie von Schnüren gezogen fanden seine Finger den Weg zum Bild, hin zu diesem Augenblick. Diesem …

Ertappt hielt er mitten in der Bewegung inne, zögerte kurz und trat dann vom Schreibtisch zurück. Das Parkett knarzte wieder, leiser diesmal, als wollte es ihn mit seinem Murmeln trösten. Er hielt die Hände vor sich, hinein in das Sonnenlicht, das vom Fenster hereinfiel.

Die Feuchtigkeit an seinen Fingern war zu Eis erstarrt. Kristalle funkelten im Licht, das durch das Fenster hereinfiel, und obwohl die sommerliche Hitze sie längst hätte schmelzen müssen, blieben sie unbeeindruckt bestehen.

Seit zehn Tagen. Zehn Tagen. Seit dem Abend, als er auf dem Heimweg gewesen war und –

»Ach, Mist.« Mit dem Handrücken fuhr er sich über die Stirn, spürte die Kälte, die daran haftete.

Wie sollte er das erklären? Was sollte er sagen? Womit anfangen? Hallo, Mama. Weißt du noch, letzte Woche Samstag, als ich so spät nach Hause gekommen bin? Genau, der Abend, nach dem ich morgens nicht aus meinem Zimmer gekommen bin und du dachtest, ich hätte mich betrunken und einfach einen Kater. Na ja, weißt du – manchmal ist doch so ein Spinner im Fernsehen, der behauptet, er könne zaubern. Ja, ich weiß, niemand nimmt ihn ernst, aber … nun, was wäre, wenn ich dir sage, dass ich …

»… Fähigkeiten habe?«

Er hätte gleichzeitig lachen und weinen können, während er blind seine Hände fixierte. Schon, es für sich selbst auszusprechen, fühlte sich falsch an.

Seufzend trat er ans Fenster. Am liebsten würde er es aufstoßen und den Wind durch seine Locken wirbeln lassen. Wenn er nicht aus bitterer Erfahrung wüsste, dass seine Finger einfach am Griff festfrieren würden. Seine Lippen pressten sich zusammen. Den Gedanken ›Wenn das Eis nicht wäre‹ hatte er in den letzten Tagen viel zu oft gehabt.

Noah ließ die Hände sinken und starrte nach draußen. Auf die Welt vor dem Fenster. Drei schmale Vorgärten erstreckten sich vor dem langgezogenen Haus und ließen den großen Gemeinschaftsgarten, der hinter dem Gebäude lag, nicht mal erahnen. Drei schmale Wege, einer aus rissigem Asphalt, einer aus mit Moos überwuchertem Kies und einer aus unregelmäßigen Trittsteinen, führten zu je einer passenden Eingangstür. Drei Briefkästen, drei getrennte Eingänge, und doch wohnten sie alle im gleichen Gebäude. Zwei einzelne Häuser, die in der Mitte mit deinem dritten verwachsen waren.

Sie gehörten alle zusammen.

Noah musste daran denken, was für ein Gefühl es gewesen war, aus seiner kleinen WG zurück in diesen Trubel zu ziehen. Da waren die Zwillinge von nebenan, die kürzlich verkündet hatten, ihr letzter Milchzahn sei ausgefallen – wie immer natürlich zeitgleich. Seine Tante, die ihren Sohn immer wieder bat, nicht auszuziehen, trotz seines längst abgeschlossenen BWL-Studiums. Seine Mutter, die den Kochlöffel in einer riesigen Portion Bolognese-Soße schwenkte.

Normalerweise hätte ihn der Gedanke zum Schmunzeln gebracht. Aber in letzter Zeit war ihm nicht mehr danach.

Tagelang nur im Bett zu liegen, alleine mit seinen Gedanken, tat ihm nicht gut, so viel war klar. Und auch wenn seine Mutter ihn immer wieder gebeten hatte, gedroht, ihn angebettelt, doch wenigstens mit ihnen zu essen, zur Uni zu gehen … er konnte nicht.

Er versuchte gerade, seine Konzentration zurück auf die Lösung seines Beweises zu lenken, da zog eine Bewegung draußen seine Aufmerksamkeit auf sich. Eine junge Frau stiefelte über den Gehweg. Dunkle Haare, schwarze Lederjacke und ein Smartphone in der Hand, auf das sie immer wieder schaute, als folge sie einer Route von Google Maps. Gleich links geht’s zum Bahnhof.

Noah wartete darauf, dass sie vorbeizog. Wie die alte Frau, die regelmäßig mit ihrer Sackkarre dahinschlurfte, oder der Mann im Anzug, der allabendlich durch die Straße hetzte.

Aber sie blieb stehen, richtete ihr Handy aus, fingerte daran herum und … wandte sich dem Haus seiner Familie zu. Ihre Haare hatte sie in einem Zopf nach hinten geflochten, die Füße steckten in schweren Stiefeln. Irgendetwas an ihrer Ausstrahlung jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken.

Bestimmt eine Freundin von Max. Doch sie wandte sich nicht zur Haustür seiner Tante – sondern zu ihrer. Mit zielsicheren Bewegungen öffnete sie das mittlere Gartentor und lief über den gekiesten Weg, bis sie aus seinem Blickfeld verschwand. Eis kroch ihm in Windeseile bis zu den Handgelenken den Arm hinauf und er spürt seinen Puls von innen dagegenhämmern. Vielleicht eine Bekannte von Vanessa?

Es klingelte. Noah zuckte zusammen.

»Ich gehe!«, tönte es von unten. Seine Mutter. Und da wurde ihm schlagartig klar, dass Vanessa sich seit dem Beginn ihrer Doktorarbeit eigentlich kaum noch zu Hause blicken ließ. Er hatte sie seit Tagen nicht gesehen.

Die Haustür wurde geöffnet, Worte flatterten zu ihm hinauf, dann wurde sie wieder geschlossen. Seine Füße trugen ihn wie von selbst zur Zimmertür, wo er vorsichtig das Ohr an das Holz legte. Wenn seine Finger nicht vereist wären, hätte er die Tür öffnen können, um zu lauschen. So blieben die Stimmen unten im Flur leises Gemurmel. Unverständliches, undefinierbares …

»Noah!«

Seine Schulter stieß vor Schreck gegen die Tür, seine Hüfte gegen die Klinke. Ein instinktives Fluchen presste sich zwischen seinen Lippen hervor, obwohl er den Schmerz gar nicht richtig wahrnahm.

Mit klopfendem Herzen wurde ihm klar, dass er … runtergehen sollte.

Mit seinen eingefrorenen Fingern sollte er dort stehen und Hände schütteln. Er sollte sich fremden Menschen aussetzen. Dabei sehnte er sich nach nichts mehr, als zu vergessen, dass das alles je passiert war.

Sein Atem wurde unruhig. Eine glitzernde Eisschicht wuchs leise knisternd über seinen Rücken, seinen Nacken, seine Arme … und ließ ihn erstarren. Wortwörtlich.

»Noah, hier ist Besuch für dich!«

Die Worte hallten in ihm nach, während sein Blick wieder auf seine Hände fiel. Etwas in seinem Nacken knirschte bei der Bewegung, und ein kaltes Rinnsal floss ihm über den Rücken. Für mich. Jetzt.

Noah ballte vorsichtig die Finger, bis es knackte. Unwillkürlich hielt er inne, doch als er sie wieder öffnete, sah er nur Eisstückchen, die zu Boden rieselten. Er fühlte sich wie in einer dieser Schneekugeln, in denen das ganze Jahr über Winter herrschte. Selbst jetzt, im Juni, konnte es darin schneien, weil es dafür keine Kälte brauchte. Nur ein Schütteln des Glases.

Er rieb die Finger so gut es ging gegeneinander, um die Kälte zu vertreiben, doch seine Handflächen begannen sofort wieder zu frieren. Gemeinsam mit dem Angstschweiß an seinen Armen, unter den Achseln. Und an seinen Fußsohlen.

»Noah!«

Er griff nach der Klinke, drückte sie herunter und trat in den Flur, bevor er es sich anders überlegen konnte. »Ich komme!« Seine Stimme hörte sich fremd an, viel zu hoch und schwach. Mit einem Ruck löste er die Handfläche von der Klinke, und bevor sie jemandem auffallen konnten, versteckte er die Hände hinter dem Rücken, durchquerte den kleinen Flur und hastete die Treppe hinunter. Seine Füße waren steif und einen Moment lang fühlte er sich, als würde er fallen, aber er wagte es nicht, langsamer zu werden.

Und dann stand er auf einmal vor ihr.

Es kam so plötzlich, dass er beinahe in sie hineingerannt wäre. Die seltsame Fremde, die er vom Fenster aus beobachtet hatte, stand in ihrem weiß gestrichenen Flur, zwischen den Jacken und Schuhen. Ein merkwürdiges Bild.

Sie trug ein rotes Oberteil und eine zerrissene Jeans mit einer Netzstrumpfhose darunter. Obwohl sie einen halben Kopf kleiner war als er, taxierte sie ihn von oben herab, als hätte er etwas falsch gemacht. Sein Herz setzte einen Schlag aus.

Er spürte einen Kloß im Hals und versuchte angestrengt, ihn zu schlucken. Er hörte ein leises Knirschen, und alles in ihm verkrampfte sich. Nichts anmerken lassen.

Seine Mutter nahm er erst Momente später wahr. Erwartungsvoll sah sie zwischen ihnen hin und her. »Kennt ihr euch aus der Uni?«

Noah brauchte einen Moment, um die Worte zu verstehen, während er die Fremde musterte. Die schlichten Ringe am linken Ohr und die großen Augen, die ihn genauso interessiert musterten wie er sie.

»Nein, tun wir nicht«, antwortete sie schließlich, und ein Lächeln blühte auf ihren Lippen. Warum erinnerte es ihn an ein Raubtier? Zu viele Zähne? Sie wandte sich von ihm ab und hielt seiner Mutter die Hand hin. »Um genau zu sein, kennen wir uns gar nicht, aber Kollegen von der örtlichen Polizei müssten mich angekündigt haben. Luca Wittek, Bundesbehörde für Sondervorkommnisse, Abteilung Sozialberatung.«

Seine Mutter sah aus wie vor den Kopf gestoßen. Nur der perfekte Gastgeber in ihr sorgte dafür, dass sie die Hand der Fremden ergriff. Noah dagegen ignorierte die Hand geflissentlich, die die Fremde ihm daraufhin anbot. Mit Eisfingern schüttelte man keine Hände.

Sie soll von der Polizei sein? Kommen die nicht normalerweise zu zweit? Das ist doch ein Scherz. Noah konnte sich an keinen Anruf erinnern. Im Gegensatz zu seiner Mutter, wie es schien, der die Erkenntnis geradezu von den Augen tropfte. Und da fiel ihm ein, dass sie vor ein paar Tagen mal irgendetwas von »Polizei« und »Anruf« gesagt hatte – er hatte nicht wirklich zugehört, war zu sehr damit beschäftigt gewesen, sie davon abzuhalten, ins Zimmer zu kommen, damit sie nicht sah, dass er gerade am Stuhl festgefroren war.

Noah blinzelte überrascht. Die Polizei hat angerufen. Aber in diesem Aufzug? Keine Uniform? Zerrissene Jeans …? Und doch lag da etwas im Blick der Fremden, das er nicht verstand. Als wüsste sie etwas, das er nur erahnen konnte. Dann straffte sie die Schultern. Wie eine Soldatin.

»Sie sind die Mitarbeiterin, die man geschickt hat?«, fragte seine Mutter, reichlich verspätet, während Noah noch nach seiner Stimme suchte.

Die junge Frau nickte und deutete auf das Ende des Flurs. »Ich kann Ihnen gerne alles ausführlich erklären, aber ich glaube, dazu sollten wir uns setzen.«

Bundesbehörde für Sondervorkommnisse. Erst da dämmerte ihm, was hier passierte. Dass, ganz gegen ihre unprofessionelle Erscheinung, diese Frau von ihm und seinem … Zustand wissen musste. Woher auch immer, was auch immer ihn verraten hatte – sie war seinetwegen hier.

Plötzlich fühlte er sich, als würde er fallen. Als hätte er die ganze Zeit taumelnd an der Kante einer Klippe gestanden, und mit einem Mal war er über den Rand gestürzt – oder geschubst worden. Sein Blick fiel panisch nach unten.

Doch alles, was er sah, waren seine gestreiften Socken.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie seine Mutter die Arme verschränkte. »Bevor wir irgendetwas tun, sagen Sie mir bitte erst mal, was Sie von uns wollen.«

Noahs schaute aus dem Augenwinkel zu seiner Mutter auf. Ärger funkelte in ihrem Gesicht, ein Muskel an ihrer Wange zuckte nervös. Sie glaubt der Frau nicht. Sie hat keine Ahnung, was mit mir passiert ist. Ein Teil von ihm war erleichtert, dass sein Geheimnis vorerst sicher war.

Ein anderer wünschte sich einfach, die gefrorenen Hände hochzuheben und ihnen die Wahrheit zu zeigen.

»Geben Sie mir eine Chance, Ihnen die Sachlage in Ruhe zu erklären«, bat die Frau. Sie hatte das Kinn vorgestreckt. Noah blinzelte. Ihre Worte waren klar und eindeutig, aber irgendetwas an ihrer Mimik zerbrach die gespielte Autorität in tausend Scherben. »Fünf Minuten, mehr brauche ich nicht.«

Mit wummerndem Herzen pendelte sein Blick zwischen den beiden hin und her. Zwei Frauen, die sich ihrer Sache offensichtlich sehr sicher waren. Er dagegen? Er wollte nur gehen.

»Wenn sie darauf bestehen …«

»Tue ich.«

Ein roter Schimmer zog über den Hals seiner Mutter. Sie atmete tief durch. Das kann nur schiefgehen. »Da bin ich ja mal gespannt.«

Die Fremde nickte und ihre Haltung entspannte sich. Nach einem letzten Zögern drehte sich seine Mutter um und ging voraus. Obwohl die Fremde aussah, als wolle sie ihm den Vortritt lassen, blieb er beharrlich stehen, bis sie seufzend an ihm vorbeizog. So konnte er seine Hände wenigstens hinter dem Rücken behalten.

Beim Betreten des Wohnzimmers zog die Fremde ihre Lederjacke aus und hängte sie über den Stuhl am Kopfende des Esstischs. Mit großen Augen strich Noahs Aufmerksamkeit über ihr blutrotes, am Rücken tief ausgeschnittenes Top und die feinen, schwarzen Tattoos, die daraus hervorbrachen wie Flügel. Etwas in ihm flatterte. Flügel. Warum Flügel?

»Wenn du aufhörst zu starren, können wir anfangen«, feixte sie.

Erst da bemerkte er, dass er stehengeblieben war, und setzte sich so ruckartig in Bewegung, dass er beinahe über seine eigenen Füße gestolpert wäre … und doch ging das Bild dieser filigranen Linien ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Bevor er es sich anders überlegen konnte, ließ er sich auf den Stuhl gegenüber seiner Mutter fallen.

Obwohl er die Augen stur auf die Tischdecke gerichtet hielt, spürte er den Blick der seltsamen Frau auf sich.

»Also?«, fragte seine Mutter herausfordernd, die Brauen zusammengezogen. »Was haben Sie so Dringendes zu erzählen?«

Die Angesprochene stieß ein Schnauben aus, gefolgt von einem leisen Seufzen des Kunstlederpolsters, als sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich weiß, dass Sie sich in einer außergewöhnlichen Situation befinden. Aber wenn Sie so direkt fragen, will ich uns nicht unnötig die Zeit stehlen, nicht wahr?«

»Außergewöhnliche Situation?« Seine Mutter schüttelte den Kopf. »Und die wäre bitte?«

Die Mundwinkel der Fremden zuckten milde, ein Versuch falscher Höflichkeit, dann schüttelte sie den Kopf. »Noah weiß, wovon ich spreche.« Sie nickte mit dem Kopf zu ihm hinüber.

Seine Mutter folgte der Geste und sah ihren Sohn erstaunt an. »Noah?«

Das kann gerade nicht passieren. Das kann nicht passieren. »Ich …« Er räusperte sich, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch nur Luft entwich. Sie weiß alles über mich. Alles.

Er wollte etwas sagen, die Stille füllen mit so vielen Worten gleichzeitig, dass sie seinen Mund blockierten. Seine Lippen zuckten, er fühlte ein Ziehen in der Kehle, aber … Nichts. Er brachte kein Wort heraus.

Lasst mich gehen, lasst mich bitte einfach gehen. Bitte. Er biss sich auf die Zunge und ballte die Fäuste, doch nichts tat sich. Ich will nicht darüber reden. Ich will nicht. Behalt es für dich. Geh einfach. Geh!

Die Frau räusperte sich. Er warf ihr einen flehenden Blick zu. Nein. Bitte. »Nun, es ist nicht ungewöhnlich, dass Noah Ihnen nichts davon erzählt hat. Ich …«

»Muss das sein?« Die Worte kratzten in seiner Kehle. Es fühlte sich an, als würde das Eis seinen Hals hinunterkriechen, seine Knochen knirschen lassen. Sein Herz trommelte gegen seinen Brustkorb, seine Lungen schienen zu schrumpfen – als würde er von innen einfrieren, bis er sich nicht mehr bewegen konnte. Als wäre er an diesen Stuhl gefesselt.

»Ich verstehe, dass das schwierig sein muss, aber denkst du nicht, dass deine Mutter es wissen sollte?«

Er wartete, dass sie weitersprach, aber sie hielt inne. Sie wartete auf seine Zustimmung zu einer Frage, bei der es nur eine Antwort geben konnte: Soll das ein Scherz sein?

»Noah …?«, hauchte seine Mutter in die Stille.

Draußen sang ein Vogel.

Seufzend ließ er den Kopf sinken. Am liebsten wäre er weggerannt. Hätte nicht die quälenden Worte gehört, die jetzt auf ihn zukamen, sondern einfach das Resultat akzeptiert, wie auch immer es aussah.

Er hörte, wie die Fremde Luft holte. »Ich weiß nicht, wie viel Sie von den Ereignissen vor gut einer Woche mitbekommen haben: Ihr Sohn ist durch eine unbekannte Ursache magisch kontaminiert worden. Die exakten Auswirkungen kennen wir noch nicht, aber nach allem, was wir wissen, ist er jetzt wohl ein Magier. Ein Eismagier, um genau zu sein.«

Stille.

Absolute, brennende Stille. Sie presste ihn in den Stuhl, nahm ihm den Atem und trieb die Kälte weiter seinen Rücken hinab. Ließ seine Hände taub werden. Was wird sie dazu sagen? Wird sie ihr glauben?

Zögernd hob er den Blick. Seine Mutter fixierte die Fremde mit versteinerter Miene und schwieg.

Noahs Brille hing ihm tief auf der Nase, aber er behielt die Hände unter dem Tisch, aus der irrsinnigen Angst heraus, seiner Mutter die glitzernden Frostspuren darauf zu zeigen.

Als die Stille unerträglich wurde, öffnete er den Mund und holte tief Luft … da hörte er ein Lachen. Erst leise, dann immer lauter, fast hilflos. Etwas in Noah knackte und eine Gänsehaut rann ihm über die Arme. Sie lacht über mich. Über das, was mit mir passiert ist.

»Nichts für ungut, aber finden Sie das witzig?« Seine Mutter musterte die junge Frau, die Arme vor der Brust verschränkt. Noahs Herzschlag klang hohl in seinen Ohren und er spürte, wie seine Hände sich erneut zusammenballen wollten – aber sie waren an seinen Oberschenkeln festgefroren. Die Eisschicht, die seinen Körper immer mehr vereinnahmte, wuchs und wuchs und wurde dicker, bis er das Gefühl hatte, darunter zu ersticken. »Ich weiß durchaus, dass es meinem Sohn die letzten Tage nicht gut ging, aber sich so einen Scherz zu erlauben?« Ihr Blick schoss zu ihm. Unwillkürlich straffte er den Rücken. »Und du, junger Mann – wenn ich herausfinde, dass du einen Anruf von der Polizei gestellt hast, dann …«

»Es ist kein Scherz«, flüsterte er und blinzelte angestrengt. Wo kamen auf einmal diese verdammten Tränen her? Er würde jetzt nicht weinen. Nein. Nein.

Wieder sah er durch die schiefe Brille auf seine Hände unter dem Tisch hinab. Trotz der Sommerhitze stieg feiner Nebel von ihnen auf.

»Schatz, was soll das? Das ist doch jetzt albern, ich meine – verdammt, Noah!« Erschrocken sprang sie auf, als sie seine Hände sah. Die blau angelaufenen, knackenden Hände. Die er nicht mehr bewegen konnte. Deren Eis ihn seit Tagen immer wieder ans Bett fesselte. An den Stuhl. An die Türklinke. Die Hände, die er gerade zitternd über die Tischplatte gehoben hatte.

Und von denen diese seltsame Frau wusste. Weil sie von der Bundesbehörde für Sondervorkommnisse kam.

Doch anders als erwartet wich seine Mutter nicht vor ihm zurück, sondern hastete stattdessen um den Tisch herum und fiel vor Noah auf die Knie. Ihre Hände schlossen sich um seine – und zuckten zurück. »Die sind ja eiskalt!«

Sie sind aus Eis. Er musste schmunzeln, obwohl der Kloß in seinem Hals bei ihren Worten größer wurde.

»Tut das nicht weh? Sollen wir sie aufwärmen?« Ihre großen Augen zuckten zwischen ihm und der Fremden hin und her.

Einer seiner ersten Gedanken nach dem Unfall: Frieren mir jetzt die Finger ab? Kriege ich Frostbrand? Mühsame Online-Recherchen hatten die Angst nur weiter angeheizt, hatten ihn Sonntagnachmittag im Bett festfrieren lassen, bis er schreien wollte. Tränen waren ihm auf den Wangen gefroren, bis tief in die Nacht, bis er endlich in wirre Träume gefunden hatte.

In denen er zu Eis erstarrte. Zu einer Statue, die seine Mutter am nächsten Morgen fand und prompt in den Garten stellte.

»Es kann ihm nichts anhaben«, erklärte die Fremde gelassen. Noahs Schultern sackten vor Erleichterung nach unten. »Die Magie kommt von ihm – sie wird ihn nicht verletzen.«

Er seufzte tief und bemerkte erst jetzt, dass er die Luft angehalten hatte. Schnell blinzelte er die Tränen weg. Ich werde nicht erfrieren. Langsam schaute er auf, bis er der Frau ins Gesicht sah – und stellte fest, dass ihr Blick raus in den Garten gerichtet war. Anspannung durchdrang ihre Arme, ihre Schultern, hoch bis zu ihrem Kiefer, den sie fest zusammenpresste. Ist da irgendwas? Aber als er ihrem Blick folgte, sah er nur die große leere Rasenfläche, ein paar Bäume und Hecken.

»Das heißt … können wir irgendetwas tun?« Seine Mutter blinzelte zu ihm auf, fuhr ihm durch die Haare und rückte seine Brille zurecht. Auf einmal fühlte er sich sehr klein. Bemuttert. Er unterdrückte ein Schnauben und sah weg.

»Ja und nein. Für den Moment kann ich helfen, aber langfristig kann das nur Noah.«

Überrascht hoben sich seine Brauen. Als er jetzt zu der Fremden sah, schlug ihm aus ihren Augen eine solche Schwermut entgegen, dass er unwillkürlich nach Luft schnappte. Da war etwas Dunkles. Wie ein enger Raum mit verschlossener Tür, wenn man sich nach dem Himmel sehnte.

»Ist es so schlimm?«, hauchte er.

Einer ihrer Mundwinkel zuckte, aber das Lächeln wirkte falsch.

»Nein, ist es nicht. Es …«

»Was ist das für eine Organisation, von der Sie kommen?« Seine Mutter erhob sich entschlossen und schaute auf die Besucherin herab. »Verstehen Sie mich nicht falsch, ich … kann den Tatsachen hier nicht widersprechen. Aber warum schicken die ausgerechnet Sie?«

Die Fremde lachte trocken und die Dunkelheit in ihren Augen schien sich zurückzuziehen. Aber nicht, als wäre sie vertrieben worden, sondern, als hätte sie sie weggepackt. Tief, tief in sich vergraben, wo niemand sie sehen konnte. Auf einmal bekamen die zerfledderten Jeans und die Lederjacke eine ganz andere Note, von der Noah selbst nicht wusste, wie er sie deuten sollte.

»Sehr direkt, aber von mir aus.« Die Frau griff in ihre Jackentasche und zog ein schwarzes Ledermäppchen heraus, das sie Noahs Mutter mit einer lockeren Handbewegung zuwarf.

Überrascht fing diese es, klappte es auf und warf einen Blick auf den Inhalt. »Eine Marke?«

Die Frau nickte und schlug ein Bein über das andere. »Ich bin sozusagen ein erweiterter Teil der örtlichen Polizei. Und des Sozialamts. Es gibt auch eine zweite Behörde, die das Militär berät und in internationalen Fragen unterstützt – grob gesagt, diese beiden Behörden hängen irgendwo zwischen der Polizei und den anderen Staatsorganen, die Sie so kennen. Meine Behörde besteht aus einigen ausgewählten Mitarbeitern mit entsprechenden Fähigkeiten. Wir schalten uns ein, wenn der Verdacht magischer Vorkommnisse aufkommt.«

Seine Mutter musterte weiter die Marke und schüttelte kaum merklich den Kopf, bevor sie sie auf den Tisch legte. Wären Noahs Hände nicht gerade vereist, würde er ihr auch nicht glauben. »Und was qualifiziert einen dafür?« Warum siehst du dann nicht aus wie eine Beamtin?

Die junge Frau schmunzelte – und in diesem Moment war es wohl das Gruseligste, was sie tun konnte. Wortlos streckte sie Noah ihre Hände entgegen und wedelte auffordernd mit den Fingern. Seine Mutter sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren.

»Gib mir deine Hände«, verlangte die Fremde.

Ein Kribbeln breitete sich in Noah aus, das bis in seine Fingerspitzen jagte, und er wich kaum merklich zurück. »Ich …«

»Gib schon her.« Bevor er es verhindern konnte, war sie vorgeschnellt und hatte ihre Hände um seine gelegt. Schwielen zogen sich über ihre schmalen, langen Finger, und auf einmal kam die surreale Angst in ihm auf, dass das Eis einfach darüberwachsen würde. Er hörte es knacken. Spürte es arbeiten. Ihm wurde schwindlig. Er wollte hier weg.

»Wirklich, ich glaube nicht, dass das …«, flehte er, während sein Herz ihm förmlich durch den Brustkorb sprang. Was passierte, wenn er sie verletzte? Seine Mutter hatte ihn anfassen können, aber nur kurz. Er zog an seinen Händen, aber er schaffte es nicht, sich aus ihrem Griff zu lösen. Nein, nein, nein!

»Halt still. Gleich haben wir’s.«

Gleich hat es dich. Was soll ich machen?! Panisch irrte sein Blick durch den Raum, bis er sich an seiner Mutter verfing. Hilf mir, bitte! Doch sie blieb bleich und bewegungslos, starrte nur auf die ineinander verschränkten Hände.

Bis die Fremde sich zurückzog. Zögernd hielt er seine Finger ins Sonnenlicht. Kein Eis. Lediglich ein dünner Schweißfilm und die sommerliche Wärme auf seiner Haut. Nie war ihm so warm gewesen.

Seine Lippen lösten sich zu Worten, doch sie blieben tonlos. »Was …?«, brachte er schließlich heraus.

»Frau Mertens, ich würde Sie bitten, sich wieder zu setzen, damit wir reden können.« Die junge Frau deutete auf den Stuhl seiner Mutter. »Dann kann ich alles genauer erklären.«

Ein Ruck lief durch seine Mutter und sie taumelte zurück zu ihrem Sitz. Innerhalb von Minuten schienen sich ihre grauen Strähnen vervielfacht zu haben.

»Vorschlag: Ich erkläre erst mal, wer ich bin, warum ich überhaupt hier bin und wie die nächste Zeit ablaufen wird. Im Anschluss können Sie Fragen stellen, wenn Sie welche haben. Okay?«

Noah nickte kaum merklich und begegnete dem Blick seiner Mutter. Passiert das gerade wirklich?

Die schluckte sichtlich, und das war Antwort genug.

Die Fremde bemerkte ihren stummen Austausch, behielt jeglichen Kommentar jedoch für sich. »Ich habe meine Ausbildung bei der Bundesbehörde für Sondervorkommnisse abgeschlossen und arbeite seitdem im Außendienst. Das heißt, ich reise zu Orten, an denen wir Meldung zu magischen Ereignissen erhalten haben, und arbeite dann gegebenenfalls mit den Betroffenen.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich in ihrem Stuhl zurückfallen. »Ich bin selbst Eismagierin, im Gegensatz zu Noah habe ich die Kraft aber von meinem Vater geerbt. Ich bin hier, um dich auszubilden, bis du deine Fähigkeiten genug im Griff hast, um in den Alltag zurückzukehren. Du bist also ab heute mein Lehrling, Noah.« Sie sah aus, als würde sie ihm zuzwinkern wollen, doch seine Mutter holte bedeutsam Luft.

Die Fremde war schneller. »Ich verstehe, dass das unglaubwürdig klingt, aber so ist es nun mal.« In einer fließenden Bewegung glitt ihre Hand durch die Luft, fast, als striche sie über reifen Weizen. Wo ihre Finger gewesen waren, formten sich Wassertropfen, die binnen eines Herzschlags zu Eis erstarrten und unter ihren Fingern tanzten.

Noah klappte die Kinnlade herunter. Magie. Und etwas in ihm sang dazu. Ein fremdes, eigenartiges Lied, das ihn so sehr gefangen nahm, dass seine Hand sich in dem Impuls hob, es ebenfalls zu versuchen. Unter seinen eigenen Fingern das gleiche Eis zu formen, das sich gerade um ihre Fingerkuppen legte.

Sie lachte leise. »Du wirst Zeit brauchen, bis du das hinbekommst. Aber das ist die Idee.« Mit einer Bewegung der freien Hand zog sie den dünnen Eisfilm über ihren Handrücken bis zum Handgelenk hinauf – und sprach weiter, als sei nichts geschehen. Als würde dort nicht eine Schicht aus Kälte der Hitze des Tages trotzen, direkt auf ihrer Haut. »Ich bin vor allem hier, um dir die Grundlagen beizubringen. Du sollst ja niemanden verletzen.«

Verletzen. Das Wort hallte in ihm nach – und bestätigte all die Albträume, die er gehabt hatte.

»Ich werde so lange bleiben, bis ich sicher bin, dass du gut genug bist, um alleine klarzukommen.« Sie zog eine Visitenkarte aus ihrer Jackentasche und schob sie ihm zu. »Das ist meine Nummer. Bei Notfällen kannst du mich jederzeit anrufen, die Uhrzeit ist völlig egal. Ich werde sowieso jeden Tag vorbeikommen. Wie lange, kommt auf deine Konzentration und meine Motivation an.« Nun zwinkerte sie tatsächlich und lachte leise, als er verstört zurückschaute.

»Ich werde hier sein, um deine Magie in die richtigen Bahnen zu lenken und dazwischenzugehen, wenn irgendetwas passiert. Ich bin quasi dein Mädchen für alles.«

»›Mädchen für alles‹ …?«, wiederholte er und griff nach der Visitenkarte. Sie war komplett weiß, nur ein Name und eine Handynummer standen darauf. Luca Wittek.

Sie winkte ab. »Nicht das, was du jetzt denkst.«

Er fuhr zusammen und seine Wangen fingen Feuer. »Das ist nicht …«

»Schon klar.« Sie schmunzelte. »Ich bin einfach für die Magie zuständig. Das war’s von meiner Seite. Gibt es noch Fragen?«

Alarmiert schaute er auf. So schnell? Mehr gibt es nicht zu sagen? Woher du kommst, wer du bist, was deine Behörde für eine Organisation ist? Warum ich plötzlich diese Fähigkeiten habe? Was am Samstag eigentlich passiert ist? Doch wieder wollte ihm nichts davon über die Lippen kommen. Verdammt, verdammt, verdammt!

»Gut, wenn das alles ist, werde ich mich für heute verabschieden.« Luca Wittek drückte sich in die Höhe, sammelte die Marke vom Tisch und warf sich ihre Lederjacke über. »Ich werde morgen um Punkt acht Uhr hier sein, dann können wir mit dem Training beginnen. Es wäre hilfreich, wenn du bis dahin gefrühstückt hast und heute Abend am besten keinen Alkohol trinkst. Das sollte man erst mit mehr Erfahrung.« Sie hob einen Mundwinkel, verabschiedete sich mit einem Wink über die Schulter und ging. Einfach so. Kurz darauf fiel die Tür ins Schloss.

»Wir haben sie nicht zur Tür begleitet«, stellte seine Mutter trocken fest und schaute von ihren verschränkten Händen auf.

Noah räusperte sich. »Nein, haben wir nicht.«

Lucas Turnschuhe klopften beim Laufen einen harten Takt auf den Asphalt, rhythmisch mit ihrem Herzschlag. Um sie herum zwitscherten Vögel, während Bäume, andere Jogger und Spaziergänger den Weg einrahmten. Sie kam an einer Familie vorbei – der kleine Racker im Kinderwagen, geschoben von der laufenden Mutter. Der Vater rannte hinterher, den Kläffer an der Leine, der Luca im Vorbeiziehen einen bösen Blick zuwarf.

Luca hob eine Braue, doch da war sie schon vorbei und ihr blieb nichts als die Frage, was sie diesem Hund getan haben könnte, dass er sie so anstarrte.

Sie richtete den Blick geradeaus und hob den Kopf. Ihre Muskeln summten angenehm durch die Bewegung, Luft floss in gleichmäßigen Atemzügen über ihre Lippen. Das war Entspannung. So und nicht anders verbrachte man den Tag nach sechs Stunden Fahrt für ein kurzes Gespräch mit einer fassungslosen Familie.

Noah Mertens. Sie wälzte den Namen auf der Zunge ein paarmal hin und her, sprach ihn sogar laut aus, die Wiesen um sie herum die einzigen Zeugen. Obwohl sie sich im Herzen einer Stadt befand, trotzten diese wenigen grünen Plätze hartnäckig dem Häuserdschungel und boten den Anwohnern mehr Natur, als sie in anderen Städten bekämen.

Je näher sie den Bahngleisen kam, desto ruhiger wurde es. Bäume sicherten ihr Schatten auf der schmalen, asphaltierten Strecke, die sie sich vorhin online herausgesucht hatte.

Was er wohl davon hält, dass er jetzt Magier ist? Sie dachte an seine Hände. An das Eis, das sie in seinen Schuhen und auf seinem Rücken gespürt hatte. Gerne hätte sie es ihm komplett genommen, aber um alles zu tauen, hätte sie deutlich mehr Zeit gebraucht. Er würde es selbst lernen müssen. Besonders, wenn er so viel Magie hat.

Noch nie hatte Luca einen so mächtigen Eismagier gesehen – oder gespürt. Als wäre ihm eine unsichtbare Präsenz auf Schritt und Tritt gefolgt. Hätte sich mit ihm an den Tisch gesetzt, seine Hände festgehalten und sie eingefroren.

Als sie sein Geheimnis offengelegt hatte, war sein Blick voller Schuld und Scham zu seiner Mutter gezuckt. Und doch hatte sie das Gefühl gehabt, dass in diesem Moment bei ihm etwas an die richtige Stelle gerückt war. Wie ein einzelnes Puzzleteil, dank dessen das Gesamtbild endlich klar wird.

Aber was zeigte das Gesamtbild? Es war, als fischte sie mit verbundenen Augen in einer Schachtel mit Puzzleteilen herum und zog willkürlich welche heraus, ohne zu wissen, was sie damit anfangen sollte.

Ein Junge, der spät von der Uni kam, Hausaufgaben im Gepäck, sich an dem Abend vermutlich nach dem Lernen mit seinen Freunden noch die Kante gegeben hatte. So hatte seine Mutter es am Telefon geschildert. Den ganzen nächsten Tag hatte er sein Zimmer nicht verlassen wollen, sogar die Tür verbarrikadiert. Vorher: keinen Funken Magie. Jetzt?

»Ein ganzes Fass voll«, murmelte sie, und eine Gänsehaut lief ihr über die Arme, doch sie joggte stur weiter.

Noahs Magie war stark, viel stärker als ihre, und sie war nicht sicher, ob sie diese Information mit ihm teilen sollte. Das am Tisch, ihre kleine »Vorstellung«, das war nicht mehr als ein Taschenspielertrick gewesen. Dennoch hatte sie sich anstrengen, sich konzentrieren müssen, um die Eisschicht auf ihrer Hand aufrecht zu halten – er dagegen fror alles ein, ohne es überhaupt zu wollen. Und auch wenn Noah auf den ersten Blick nicht wie jemand mit bösen Absichten erschien – vielleicht würde das Wissen seine Angst schüren. Magie zu kontrollieren hatte mit Selbstsicherheit zu tun, mit innerer Stärke – schlotternde Knie würden ihn nur behindern.

Seine Finger sind bereits wieder eingefroren, als ich das Haus verlassen habe. Nur Momente, nachdem ich sie davon befreit hatte. Seine Fähigkeit war roh, gewaltig, unberührt und stumpf. Und die sollte sie schärfen?

Luca hatte erst vor gut einem Jahr ihre Ausbildung abgeschlossen und noch nie als Lehrerin gearbeitet. Sie hatte kleinere Ermittlungen übernommen, Akten zugestellt, manchmal auch Personen verfolgt oder interessierten Kreisen aus der Wirtschaft und der Politik das Konzept von Magie nähergebracht.

Aber das? Eine Mentorin?

Unwillkürlich sah sie an sich hinab. Nachdem sie bei Noah und seiner Familie gewesen war, hatte sie einen Abstecher zu ihrem Hotel gemacht und sich umgezogen. Statt ihrer Jeans und dem T-Shirt trug sie jetzt enganliegende, schwarze Funktionskleidung und teure Laufschuhe. Sie wusste nicht einmal, von welcher Marke das alles stammte – und es war ihr auch egal. Früher einmal hatte sie Wert darauf gelegt, aber mittlerweile erschienen ihr solche Details bedeutungslos. Kleidung sollte praktisch sein und damit basta.

Und so jemanden setzten sie an auf den potenziell mächtigsten Magier seit Jahrzehnten.

Ein leises Stöhnen entfuhr ihr und kurz geriet sie aus dem Takt. Asphalt küsste ihre Schuhe, und sie bog scharf rechts ab, um wieder auf den Bürgersteig zu kommen. Zurück in die Stadt, an den Mehrfamilienhäusern vorbei, die sie wieder zu ihrem Hotel führten.

Vielleicht sollte ich meinen Vater um Rat bitten. Er war besser qualifiziert als sie und in Frankfurt stationiert – nicht zu weit entfernt, um ihn für ein kurzes Wochenende einzuladen. Und ihn zu bitten zu bleiben, damit sie ihren Auftrag gegen einen passenderen tauschen konnte.

Nein. Ein tiefer Atemzug, während sie eine weitere Straße überquerte. Das war ihre erste große Aufgabe. Selbst wenn ihr Vater seine Hilfe anbieten würde, was nicht auszuschließen war, würde sie eine wahnsinnige Chance verlieren, wenn sie sie annahm. Es wird eine neue Erfahrung. Oder so ähnlich.

Es kostete sie einige Schritte, um aus ihren Gedanken wieder aufzutauchen und sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren. Vor ihr kam der Bahnübergang in Sicht, den sie gedanklich mit einem X versehen hatte. Dahinter würde sie rechts abbiegen und geradeaus laufen, bis sie das Hotel …

Das Warnblinklicht sprang an, obwohl sie keinen Zug kommen hörte. Schranken senkten sich auf beiden Seiten, Fußgänger blieben davor stehen, daneben hielten Autos und warteten brav auf den vorbeirauschenden Zug. Luca hatte noch gute fünfzig Meter bis dorthin, vielleicht sogar mehr. Da-dum, da-dum, da-dum. Ihre Schritte wurden schneller. Da-dum.

Sie wusste nicht, was sie befiel. Was ihre Beine zum Sprinten veranlasste, was sie zu den Schienen trieb, immer schneller. Was sie die Menschen vergessen ließ, die dort warteten. Ein Blick zur Seite, das Rattern der Gleise, sie sah den Zug kommen.

Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Ein dumpfes, lautes Dröhnen in ihren Ohren – Musik. Das war Musik. Ihre Musik. Das war, wofür sie aufstand, für dieses Adrenalin, das sie fliegen ließ, wo sie normalerweise fiel.

Also rannte sie. Rannte, so schnell sie konnte, damit die Flügel sie trugen. Der Zug rauschte heran, ein Hupen, ein Dröhnen. Schreie hinter ihr, eine Hand, die nach ihr greifen wollte, aber schon war sie auf den Gleisen. Schritte, die ihr unendlich langsam vorkamen und doch so schnell, dass ihr Herz kaum Zeit hatte, sie zu zählen. Schräg über die Schienen, zur anderen Seite, dann …

Sie spürte den heftigen Windzug im Rücken. Er riss an ihren Haaren, biss in ihre schweißnasse Kleidung und schien sie davontragen zu wollen. Ihre Füße verloren die Bodenhaftung, doch sie rannte einfach weiter. Das Adrenalin war wie eine Droge, hetzte sie, trieb sie, und …

»Mein Gott, wieso haben Sie nicht angehalten?!«

Und schon war sie wieder gelandet. Kaum wurde sie sich ihres breiten Grinsens bewusst – da bröckelte es von ihren Lippen wie alte Farbe.

Sie brauchte noch zwei weitere Schritte, um anzuhalten. Zwei Atemzüge, um sich umzudrehen.

Vor ihr stand eine Frau, blondierte Haare, einen kleinen Schützling an der Hand. Er sah sie mit großen Augen an, als hätte auch er ihre Flügel gesehen.

»Wie bitte?« Ihre Stimme kam ihr fremd vor und Luca brauchte einen Moment, um zurück in ihren Körper zu finden.

»Wissen Sie eigentlich, wie verantwortungslos das war?!«, schrillte die Frau. »Sie wären beinahe überfahren worden! Denken Sie denn gar nicht an den armen Zugführer? An die Kinder«, sie deutete energisch auf ihren Sohn, »die Sie damit traumatisiert hätten?«

Aber mir ist nichts passiert. Die Worte lagen ihr auf der Zunge … aber dann sah sie in die Augen des Jungen. Groß, voller Staunen und, ja, vielleicht sogar Begeisterung.

Scheiße. Sie presste die Lippen zusammen, ihre Schultern verkrampften sich. All die Leichtigkeit war verflogen, zurück blieb der bittere Geschmack der Realität.

»Sie sollten sich schämen, wirklich. Sie sollten …«

Luca warf ihr einen bösen Blick zu. »Ich weiß«, seufzte sie, dann trat sie zu dem Jungen heran. Seine Mutter zog erschrocken an seinem Arm.

»Hey, Kleiner. Kann ich dir kurz etwas sagen?«

Sie spürte die Aufmerksamkeit der anderen Passanten. Die gerunzelte Stirn des älteren Herrn, den missbilligenden Blick des Radfahrers, der immer noch den Kopf schüttelte. Ich sollte einfach weiterlaufen, dachte sie, während die Schranke sich bereits wieder hob.

Doch stattdessen sah sie den Jungen an. Dieses kleine, blonde Wesen mit den riesigen Augen. Zögerlich trat er einen Schritt um das Bein seiner Mutter herum, die ihm beschützend eine Hand auf den Kopf legte. Die Blicke der anderen waren Luca egal, die Welt war ihr egal – aber das tat weh.

»Es war nicht in Ordnung, was ich gerade gemacht habe. Ich dachte, ich … wäre in Eile, aber siehst du, ich hätte nur ein bisschen warten brauchen, dann wären die Schranken wieder oben gewesen.« Eine Lüge. Eine glatte, glaubhafte Lüge. Mit Mühe schaffte sie es, die Mundwinkel zu heben. »Nur für den Fall, dass du mal spät dran sein solltest, irgendwann in deinem Leben: Lauf nicht, sondern bleib stehen. Dein Leben kann kurz auf dich warten.« Sie wollte die Hand ausstrecken und ihm durch die Haare wuscheln, aber stattdessen zwang sie sich wieder in den Stand und drehte sich um.

Ihr war egal, dass die Umstehenden sie anstarrten. Wortlos wandte sie sich ab und lief weiter, bog rechts ab, folgte der Straße zu ihrem Hotel und zwang sich, wieder an Noah zu denken. An seine gefrorenen Hände und daran, wie sie ihm helfen konnte, damit er nicht wie sie, irgendwann, einen vorbeirauschenden Zug brauchte, um sich lebendig zu fühlen.

Damit er nicht von innen gefror.

2

Das Messer klirrte – schrie geradezu –, als Noah damit versehentlich gegen seinen Teller schlug. Seine Schultern rutschten nach vorne und er warf einen schnellen Blick über den Tisch. Keiner hatte zu ihm hingesehen. Er entließ den unwillkürlich angehaltenen Atem und setzte sich gerader hin.

So ruhig es seine vereisten Finger zuließen, klaubte er das Brötchen vom Teller und stopfte sich so viel wie möglich davon in den Mund, bevor die Marmelade darauf gefror. Noch gestern hatte ihm das hochgezogene Augenbrauen eingebracht, aber jetzt? Jetzt schwiegen sie. Schon den ganzen Morgen.

Sein Vater hatte vor wenigen Minuten seiner Mutter einen Abschiedskuss gegeben, war ins Auto gestiegen und zur Arbeit gefahren. So wie jeden Morgen. Und wie an jedem Werktag – und an nicht wenigen Wochenenden – würde er erst spät abends wieder heimkommen und dann seine Ruhe haben wollen.

Der Rest der Familie blieb dagegen heute zu Hause. Selbst Vanessa war gestern Abend noch vorbeigekommen.

Noah räusperte sich und versuchte zu ignorieren, dass sein Rücken immer kälter wurde. Die Stille war unerträglich. Sie kribbelte unter der Haut, zog in seine Lunge und setzte sich dort fest, voll von Worten, die nach draußen drängten. Jeder Atemzug wurde zu einem Schwall an Sätzen, der von innen gegen seine Zähne schlug und ungehört verstummte.

Ein heftiges Klirren von Besteck ließ ihn zusammenfahren. Vanessa hatte den Versuch aufgegeben, sich zurückzuhalten, und funkelte nun böse abwechselnd ihn und seine Mutter an. »Das kann doch nicht wahr sein. Es ist etwas passiert, das können wir nicht einfach totschweigen!« Sie schnaubte, wodurch ihre Nase merklich breiter wurde, dann deutete sie mit ihrem Löffel auf ihn.

Sofort fiel die Raumtemperatur um mehrere Grad.

»Rede«, verlangte sie. Noah räusperte sich mühsam.

»Was willst du denn wissen?« Seine Stimme konnte nicht einmal zur Hälfte das fassen, was in ihm brannte. Was an die Oberfläche drängte. Vielleicht war die Eisschicht zu dick geworden?

Vanessas Mundwinkel zuckten verräterisch. Dafür, dass sie gerade an ihrer Promotion arbeitete, kam sie ihm viel zu oft wie die große Schwester vor, die nie älter wurde als sechzehn. Doch als sie den Mund aufmachte, war sie ungewöhnlich ernst: »Ich hab dich lieb – ich bin gestern aus allen Wolken gefallen, als Mama mich angerufen hat. Ich will einfach verstehen, was hier passiert.«

Wer nicht. Statt zu antworten, schaute Noah auf seinen Teller. Die Marmelade auf dem Brötchen war endgültig gefroren, die Klinge seines Brotmessers eingefasst in Eiskristalle, die einmal Butter gewesen sein mussten. Er zuckte hilflos mit den Schultern.

Vanessa seufzte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie den Kopf unbestimmt wandte, als wüsste sie nicht, wohin sie schauen sollte. Ihr Profil mit der hohen Stirn und den zu einem dicken Zopf zusammengefassten Dreadlocks war vom Sonnenlicht scharf umrissen.

Seine Mutter dagegen reagierte gar nicht.

Schließlich hielt er es nicht mehr aus, schaute auf – und begegnete ihrem direkten Blick, der ihn so unvorbereitet traf, dass er beinahe sofort wieder wegschaute.

Innerhalb der letzten Nacht schien sie um mehrere Jahre gealtert zu sein. Waren ihre Haare gestern auch schon so grau gewesen? Und seit wann sah ihre Bluse so verblichen aus? Als hätte er vorher ein Foto betrachtet, das er jetzt beiseite nahm, um es mit der Realität zu vergleichen.

»Ich weiß auch nicht«, gab sie schließlich zu. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wir haben dir erzählt, was gestern passiert ist, Vanessa. Keiner von uns weiß mehr.«

Gestern, direkt nach dem Gespräch, hatte sie ihn gezwungen, mehr über den verhängnisvollen Abend zu erzählen. An dem er unterwegs gewesen war, um mit seinen Freunden über den neuesten Übungsblättern zu brüten. Danach wie immer die Abkürzung hinter den Unigebäuden genommen hatte … und dann plötzlich nichts mehr. Leere. Blackout. Er erinnerte sich vage an irgendetwas, das ihm über den Arm gestrichen war. An Schritte auf der sommertrockenen Erde.

Und daran, wie er in seinem Bett aufgewacht war. Er wusste nicht einmal, wie er nach Hause gekommen war. Er wusste nur, dass ihn plötzlich eine dicke Eisschicht ans Bett fesselte.

»Ich …« Vanessa ließ den Löffel in ihr Müsli fallen, dann kippte sie kopfschüttelnd in ihrem Stuhl zurück. »Du sollst ein Zauberer sein? Wie Gandalf?«

Noahs Mundwinkel zuckten. »Ich glaube nicht«, meinte er und setzte an, seine Brille zurückzuschieben – hielt aber gerade rechtzeitig inne, als er das Eis an seinen Fingerspitzen funkeln sah. Schnell ließ er die Hände wieder sinken. »Ich habe nicht vor, gegen Dämonen zu kämpfen und Ringe in Vulkane zu werfen, wenn du das meinst.«

Vanessa schnaubte. »Du bist kein bisschen lustig.«

Die Worte fegten die Leichtigkeit fort. Betreten schaute Noah zurück auf sein Essen. Er setzte an, sein Messer aufzulesen, zog dabei aber gleich den ganzen daran festgefrorenen Teller in die Höhe. Erschrocken ließ er los.

Ein weiteres Klirren in der Stille.

Vanessa und seine Mutter musterten ihn. Er hatte das Bedürfnis, sich zu entschuldigen, dabei wusste er gar nicht genau, wofür.

»Was ist die Bundesbehörde für Sondervorkommnisse?«, fragte Vanessa schließlich – und legte den Finger damit zielsicher in die Wunde. Ähnlich wie gestern. Als sie plötzlich auf der Türschwelle gestanden hatte, die Haare noch nass vom Regen. Wer soll diese Luca Sowieso sein?

»Die Zuständige kommt bald. Sie kann es dir besser erklären, wenn du es wirklich wissen willst.« Seitdem die seltsame junge Frau gestern gegangen war, vermied seine Mutter es, ihren Namen in den Mund zu nehmen.

Vanessa stellte unbeeindruckt weiter die gleichen Fragen, die sie gestern schon gestellt hatte. Worte, die ihm inzwischen so bekannt vorkamen, entweder aus seinem eigenen Kopf oder aus den Mündern von anderen. Er war gar nicht mehr sicher, wie er das unterscheiden sollte.

Alle redeten immerzu über ihn. Als wäre er das Problem, das geklärt werden müsse, obwohl er es eigentlich nur hatte. Er war derjenige, der nicht richtig essen konnte. Der nur duschen konnte, wenn die Einstellung auf höchster Hitzestufe stand und er sich beeilte, bevor die Rohre einfroren.

Er griff nach seinem Wasserglas, mehr aus Routine als aus tatsächlicher Absicht zu trinken, und hob es an die Lippen.

Ein Eisblock schlug ihm gegen die Zähne.

Das Geräusch fuhr ihm durch die Knochen, der Schmerz schoss ihm unerwartet hoch in die Stirn. Beide Frauen am Tisch schielten zu ihm herüber, Fragen auf den Lippen – doch stattdessen unterbrach ein Klingeln die erneut aufkeimende Stille.

Sie ist da.

Schnell versuchte er, das Glas abzustellen, doch es war bereits an seinen Fingern festgefroren. Er fluchte innerlich, seufzte schließlich und nahm es einfach mit. Schritte folgten ihm, gemurmelte Stimmen, die er ausblendete, so gut es ging. Er war davon ausgegangen, dass er sich irgendwie befreit fühlen müsste, wenn seine Familie über die Magie Bescheid wusste. Doch tatsächlich fühlte er sich jetzt schwer wie nie zuvor. Als legten sie es darauf an, ihn mit ihren Fragen und ihren Blicken noch mehr auf der Stelle festzufrieren, als es seine eiskalten Füße eh schon taten.

Er ersparte sich den Blick durch den Türspion und drückte ohne zu zögern die Klinke herunter. Ihre Tür war die älteste der drei Eingänge im Haus und schabte leise über den Boden.

Noah hatte gewusst, dass Luca Wittek auf der anderen Seite der Tür auf ihn warten würde. Er hatte auf ihre blauen Augen gelauert, ihre dunklen Haare und ihre verbissene Miene. Deshalb konnte er sich nicht erklären, warum er plötzlich völlig perplex vor ihr stand und ihre Sportkleidung anstarrte.

»Genug gesehen?«, witzelte sie nach einem Moment und drückte sich an ihm vorbei. Im Vorbeigehen sammelte sie das Glas aus seinen Fingern, als wäre es nie dort festgefroren gewesen, und nahm einen tiefen Schluck daraus. Sie trug einen Rucksack, der ihren gesamten Rücken ausfüllte und irgendwie nicht wirklich zu ihr passte.

Statt seine Mutter und Vanessa zu begrüßen, nickte sie ihnen lediglich wortlos zu, durchquerte schnurstracks das Wohnzimmer und hielt erst vor der Terrassentür inne. Noah beeilte sich, sie einzuholen.

»Wollen wir?«, fragte sie über die Schulter, während sie sich selbst in den Garten ließ.

Als er sich der Terrassentür näherte, wurde Noah mit jedem Schritt langsamer. Doch Luca achtete gar nicht darauf, ob er ihr folgte, sondern lief einfach weiter, bis sie die Mitte des Gartens erreicht hatte. Gras spannte sich zu ihren Füßen wie ein See in alle Richtungen. Ganz außen am Gebäude begrenzte ein Zaun das Grundstück an den Seiten und zur Straße hin. Ein Haus, ein Garten, drei Familien. Noah konnte beinahe spüren, wie seine Verwandten an die Fenster traten, um das aufkommende Spektakel zu beobachten.

Er dagegen musterte Luca, als wäre sie ein wildes Tier. Eines, das er nicht verschrecken wollte, während sie dort stand und ihre Umgebung musterte.

Ihren Garten musterte. Warum ärgerte ihn das nicht? Warum schockierte es ihn nicht, dass sie einfach durch ihr Haus lief, als ob es ihr gehöre, und seine Familie nicht einmal anständig grüßte?

Dass er darauf keine Antwort wusste, ließ ihn erneut seufzen. Bevor er jedoch über die Schwelle treten konnte, um sich dieser seltsamen Frau zu stellen, griff jemand nach seinem Arm. Langsam drehte er sich um.

»Stört es dich, wenn wir zusehen?«, fragte Vanessa ungewöhnlich schüchtern, während seine Mutter zeitgleich »Pass auf dich auf, ja?« sagte.

Noah nickte unbestimmt und trat auf die Terrasse hinaus. Luca kniete sich gerade hin, öffnete den Rucksack und machte sich daran, Schoner anzulegen. Ähnliche wie die, die er getragen hatte, als er Inlineskaten lernte. Seltsamerweise sah sie damit nicht halb so lächerlich aus wie er damals.

An der Rasenkante hielt er inne. Seine nackten Zehen zogen sich unwillkürlich zurück und seine Hände krochen wie von selbst hinter seinen Rücken. Sein Herz schlug so hohl, dass er es gar nicht mehr hörte, als würde der Boden unter ihm nachgeben, wenn er sich zu schnell bewegte.

Er spürte die Blicke seiner Mutter und seiner Schwester hinter ihm. Worauf warteten sie? Auf ihn? Warum denn? Er atmete tief ein – und stieß Eisnebel wieder aus.

»Noah?«

Er zuckte zusammen und sah von seinen nackten Füßen auf. Luca kam auf ihn zu.

Erst jetzt bemerkte er, dass er die Zähne zusammenbiss.

Etwa einen Meter vor ihm hielt sie an und machte sich daran, ihre Haare hinter dem Rücken wieder zu einem festen Zopf zu flechten. »Kommst du?«, fragte sie. Gerne hätte er gesehen, was ihre Hände dort taten. Wie diese zarten Finger, die Eis befahlen, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre, solche filigranen Gesten ausführen konnten.

Seine Füße dagegen froren ihn auf der Stelle fest.

»Ich …«, begann er, doch es fühlte sich an, als knackten selbst seine Stimmbänder. Als würde die Kälte seine Kehle hinabrinnen. Was, wenn ich nichts erreiche heute? Erwartet sie irgendetwas von mir? Ich kann doch gar nichts. Ich bin doch einfach nur ich.

Statt verständnisvoll zu lächeln, als sie seine Unsicherheit bemerkte, musterte sie ihn nur. Endlich ließ sie die Hände sinken – nur um prompt die Arme vor der Brust zu verschränken. »Was ist das Problem?«

Seine Mutter trat neben ihn, eine Hand landete auf seiner Schulter. Sie kam ihm so weit weg vor. »Sehen Sie das nicht? Er braucht …«

Luca wedelte mit der Hand. »Sie wissen nicht, was er braucht. Ich rede mit Ihrem Sohn.«

Seine Mutter blinzelte überrascht und öffnete den Mund. Hinter ihr hörte er ein leises Lachen von Vanessa – ob aus Entrüstung oder Begeisterung, konnte er nicht sagen.

Wieder wartete er auf das Bedürfnis, sie zu verteidigen. Seine Mutter und ihr Haus und ihre Hand. Doch alles, was in ihm echote, war die Frage, die Luca gestellt hatte.

Was ist das Problem? »Letztes Mal, als ich in den Garten gegangen bin, habe ich das Gras eingefroren«, gab er zu. Vage deutete er mit dem Fuß auf die Stelle vor sich, an der die Pflänzchen sich noch immer nicht erholt hatten. Selbst jetzt krümmten sich noch einige Halme, als wollten sie vor ihm zurückweichen.

»Ich glaube, euer Rasen kann das ab.« Sie bedeutete ihm mit dem Kinn, ihr zu folgen, drehte sich um und ging wieder zu ihrem Rucksack.

Unbarmherzig. Er presste die Lippen aufeinander und setzte an loszugehen, doch wieder – wieder –war da diese Hand auf seiner Schulter.

Noah wandte sich zu seiner Mutter um und wartete darauf, dass sie etwas sagte. Ihre Augen waren groß, voller Sorge. »Ich glaube, wir gehen besser rein«, sagte sie plötzlich. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und wandte sich ab. »Pass auf dich auf.«

Noah nickte langsam und beobachtete, wie seine Familie ins Haus schlüpfte. Vanessa mit ein paar Worten des Protests, aber schließlich warf sie ihm nur noch einen letzten neugierigen Blick zu und verschwand.

Wieder sah er zu Luca und zwang sich zu einem schmalen Lächeln.

Ihre Mundwinkel zuckten nicht einmal. Dafür zog sie sich einen Helm auf, einen großen, der aussah wie der eines Eishockey-Spielers.

Was zur Hölle haben wir denn heute vor?

Er atmete tief durch und trat auf den Rasen. Das Gras schrie unter seinen Füßen und der Boden wurde hart, als die Feuchtigkeit darin erstarrte. Er schob seine Brille zurecht und zwang sich aufzusehen. Luca nickte stumm. Also nahm er allen Mut zusammen und ging weiter. Zwei Meter von ihr entfernt bedeutete sie ihm stehen zu bleiben.

Sofort hielt er an und stopfte die Hände in die Hosentaschen. »Ich …«

»Das versuchen wir gleich noch mal. Stell dich gerade hin. Das ist ja nicht mitanzusehen.«

Irritiert runzelte er die Stirn. »Was?«

Jetzt, ausgerechnet jetzt, schmunzelte sie. »Stell dich gerade hin. Nimm die Hände aus den Taschen und heb sie hoch. Auf Brusthöhe etwa.«

Seine Arme zuckten, aber er behielt sie unten. »Warum? Was soll das?«

»Wir werden trainieren.« Sie klopfte mit dem Plastik-Handschützer gegen ihren Helm und nahm eine Kampfstellung ein, breit stehend, die Arme erhoben. Doch ihr Grinsen erreichte ihre Augen nicht.

Noah verschränkte die Arme und hoffte, dass sie mehr sagen würde, wenn er sie nur lange genug anstarrte. Blaue Augen gegen braune. Etwas funkelte in ihren, etwas, das ihr auf der …

Langsam runzelte sie die Stirn. Die Furchen wurden immer tiefer, und schließlich legte sie den Kopf schief. »Wenn du eine Frage hast, dann stell sie. Ich kann keine Gedanken lesen.«

Noah spürte, wie seine Wangen warm wurden, und ergeben hob er die Hände. »Schon gut.«

Jetzt schien sie endgültig verwirrt. Seufzend erhob sie sich aus ihrer Kampfhaltung und schüttelte den Kopf. »Wenn was ist, dann sag es einfach.«

Er spürte, wie sich sein Mund öffnete und wieder schloss. Schließlich hob er abwehrend die Hände, die Finger gespreizt, das Eis knackend in der Sommerhitze.

»Du irritierst mich«, meinte Luca und nahm wieder ihre Grundstellung ein. Diesmal ging sie etwas in die Knie und stellte sich leicht schräg, sodass ihre linke Schulter zu ihm zeigte.

Er musterte sie, dann versuchte er, ihre Haltung nachzuahmen. Zunächst reagierte sie gar nicht, ließ ihn ausprobieren. Schließlich nickte sie zufrieden.

»Gut. Und jetzt greif mich an.«

Sofort schnappte er in den geraden Stand zurück. »Ich soll was?!«

Sie stöhnte und zog sich den Helm vom Kopf. »Was glaubst du, warum ich so angezogen bin? Ich will wissen, was du kannst.«

»Mit Kampfsport?«

Luca ließ den Helm an der linken Hand baumeln, verschränkte die Arme und musterte ihn finster. »Hör zu: Ich bin keine gute Lehrerin. Ich hab das noch nie gemacht. Aber ich bin Schülerin gewesen. Mein Vater hat mir meine Eismagie so gezeigt.«

»Indem ihr euch gegenseitig die Schädel eingeschlagen habt?« Er bereute die Frage in dem Moment, in dem er sie aussprach. Eigentlich hatte sie nur ein Gedanke sein sollen.

Luca trat mit erhobenem Zeigefinger auf ihn zu und deutete auf seine Brust. Genauer gesagt stieß sie dagegen, genau auf die Stelle, wo sein Herz lag. »Kampfsport hat eine lange Tradition. Man respektiert seinen Partner. Was willst du sonst machen – Fußball spielen?«

Vielleicht weiter Gläser einfrieren? Oder Gras? Er biss sich auf die Lippen. Gut, wenn sie es so wollte … schließlich hatte sie ihre Magie so gemeistert. Was hatte er für eine Wahl, als ihr zu vertrauen?

Er brauchte ein paar Anläufe, um in die Grundposition zurückzukommen. Nicht, dass er je stark gewesen wäre, aber es fühlte sich an, als hätten die Tage der Bewegungslosigkeit seine Muskeln noch zusätzlich verkümmern lassen.

»Die Hände etwas höher … okay. Jetzt kannst du versuchen, mich anzugreifen.«

Noah schluckte schwer. Aber seltsamerweise wurde ihm mit jedem Atemzug … leichter. Luca, so verbissen und merkwürdig sie war, hatte es geschafft, ihn für den Moment seine Angst vergessen zu lassen. Die Situation wurde schlicht von Minute zu Minute absurder. Sie erschien einfach zu lächerlich, um sie ernst zu nehmen.

Bis jetzt.

»Was ist?« Die Frage hätte besorgt klingen können, doch Lucas Tonfall war sachlich. Eine Fehleranalyse.

»Soll ich dich … mit Eis angreifen?« Ich weiß nicht, wie. Noah suchte nach Kontrolle, wo es keine gab. Suchte nach einem Fluchtweg zurück in sein altes Leben. Das vor zwei Wochen. In dem der einzige Stress, den er hatte, die Hausaufgaben für das Studium waren, die sie wöchentlich einreichen mussten.

Und jetzt stand er hier. Mit dieser seltsamen Fremden in seinem Garten.

»Das ist bescheuert«, knurrte er und setzte an, die verkrampfte Haltung wieder zu verlassen. Seine Oberschenkel zogen, seine Augen brannten. Ich brauche einfach nur Ruhe. Irgendwann wird das schon wieder weggehen.

Doch Lucas Hand war schneller. Einen Moment lang dachte er, dass sie sie ihm wie seine Mutter auf die Schulter legen würde, um ihn zu beruhigen. Ihm Halt zu geben, obwohl er sich dabei stets fühlte, als drücke das Gewicht ihn nur zusätzlich herunter.

Doch stattdessen packte sie sein T-Shirt, zerrte ihn nach vorne und bevor er auch nur blinzeln konnte, war er über ihr Bein gestolpert und hing hilflos über dem Boden, halb von ihrem Arm in der Luft gehalten.

Das ist doch ein schlechter Scherz.

Doch niemand lachte. Luca grinste nicht einmal. »Ich werde dir keinen Harry-Potter-Moment anbieten. Keine große Erklärung. Niemand weiß, woher deine Magie kommt, und wir werden es nie herausfinden, wenn du sie nicht in den Griff kriegst. Hör auf, dich kleinzumachen. Damit können wir nicht arbeiten.«

Noah setzte an, ihr zu widersprechen – aber plötzlich fehlte ihm die Kraft. Sein Inneres war leer. Da war nur sein Herz, das ihm in den Ohren pochte, und das Eis, das aufgehört hatte zu wachsen, aber immer noch wie eine zweite Haut um ihn lag. »Dann erklär mir wie. Ich weiß nicht, wie ich das mache! Es … kommt einfach.«

Sie nickte, als hätte sie mit seiner Antwort gerechnet. In einer fließenden Bewegung, als würde er überhaupt nichts wiegen, zog sie ihn wieder hoch und stellte ihn auf die Füße. Verwirrt zupfte er an seinem zerknitterten, ausgeleierten T-Shirt.

»Gut, dann machen wir es anders.«

Beinahe hätte er dankbar geseufzt. Beinahe – denn plötzlich spürte er, wie sich die Luft um Luca veränderte. Wie etwas, das zuvor zu ihm gesungen hatte, auf einmal mit ihrer Stimme flüsterte.

Instinktiv ließ er sich in die Hocke fallen und kippte beinahe hintenüber. Keine Sekunde später schoss ein Eisschwall über ihn hinweg. Kein Nebel, sondern ein gezielter Strahl, genau dorthin, wo er eben noch gestanden hatte.

Ihm wurde schlecht.

»Was soll denn das?«, fauchte er und erhob sich. Von der Terrassentür und – natürlich – vom Haus seiner Tante hörte er aufgebrachtes Gemurmel. Seine Familie sah also zu. Die ganze Familie. Super.

Luca dagegen hob nur die Schultern. »Irgendwie müssen wir es triggern.«

»Und deshalb beschließt du, mich anzugreifen?«

Statt zu antworten glitt ihr Fuß über das Gras. Eis folgte der Bewegung – und wuchs dann darüber hinaus. Wie als Antwort auf einen unsichtbaren Startschuss wucherte es über den Rasen, breitete sich in alle Richtungen aus, kroch unter seine nackten Füße. Instinktiv spannte er sich an und streckte die Arme aus – doch zum ersten Mal hielten seine gefrorenen Füße ihn aufrecht.