Funkelnde Wintertage am Meer - Tina Keller - E-Book

Funkelnde Wintertage am Meer E-Book

Tina Keller

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mara wollte eigentlich nur Urlaub mit ihrer liebenswert-schrägen Familie in einem gemütlichen Ferienhaus an der Ostsee machen. Dumm nur, dass dieses Haus ausgerechnet doppelt vermietet wurde – an Ben, der als Autor dringend auf der Suche nach Ruhe ist. Während Maras Familie sich vergeblich bemüht, den sensiblen Autor nicht zu stören, versucht Ben verzweifelt, an seinem Liebesroman zu schreiben - einem Liebesroman mit erotischen Szenen. Was er nicht weiß: Mara kennt sie - und das verändert alles. Als sich Ben und Mara gerade etwas annähern, tauchen gleich zwei Störfaktoren auf: Maras Ex, dem plötzlich eingefallen ist, dass die Trennung ein großer Fehler war. Und Bens Co-Autorin, die diese überaus prickelnden Szenen zusammen mit ihm schreibt. Während Mara mehr über Bens Fantasien weiß, als ihr lieb ist, steht Ben plötzlich Maras Vergangenheit gegenüber. Und das ist nicht gerade hilfreich, wenn man sich eigentlich näherkommen will...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Tina Keller

Funkelnde Wintertage am Meer

Liebesroman

Mara wollte eigentlich nur Urlaub mit ihrer liebenswert-schrägen Familie in einem gemütlichen Ferienhaus an der Ostsee machen.

Dumm nur, dass dieses Haus ausgerechnet doppelt vermietet wurde – an Ben, der als Autor dringend absolute Ruhe braucht.

Während Maras Familie sich vergeblich bemüht, den sensiblen Autor nicht zu stören, versucht Ben verzweifelt, an seinem Liebesroman zu schreiben - einem Liebesroman mit erotischen Szenen. Was er nicht weiß: Mara kennt sie – und das verändert alles für sie.

Als Ben und Mara sich gerade annähern, tauchen gleich zwei Störfaktoren auf: Maras Ex, dem plötzlich eingefallen ist, dass die Trennung ein großer Fehler war. Und Bens Co-Autorin, die diese überaus prickelnden Szenen mit ihm schreibt.

Während Mara mehr über Bens Fantasien weiß, als ihr lieb ist, steht Ben plötzlich Maras Vergangenheit gegenüber. Und das ist nicht gerade hilfreich, wenn man sich eigentlich näherkommen will...

Kapitel 1

Warum um alles in der Welt habe ich mir einen Elektro-Smart zugelegt?

Frustriert jaule ich auf, als auch diese Stromsäule besetzt ist – wie bereits die drei Stromsäulen vorher. Und zwei funktionierten nicht. Inzwischen habe ich nur noch ein paar Kilometer auf dem Tacho, weil ich endlos von einer Säule bis zur nächsten rumkurven musste. Und selbst, wenn das Auto nur herumsteht, verbraucht es Strom. Was soll ich denn jetzt machen?

Verzweifelt wandert mein Blick über den Angeber-Porsche, der bestimmt 200.000 Euro kostet. Warum zum Teufel kann dieser Idiot nicht den Schnelllader benutzen? Den Anschluss dazu hat er. Aber wahrscheinlich will er langsamer laden, weil es billiger ist. Wenn man schon ein arschteures Auto hat, kann man ja wenigstens beim Laden sparen.

Stöhnend fahre ich mir mit beiden Händen durch die zerzausten Haare. Ich werde wirklich wahnsinnig mit meinem neuen Auto. Niemand hat mir gesagt, dass man auf der Autobahn die doppelte Ladung Strom verbraucht, und niemand hat mich darauf hingewiesen, dass ich mit dieser Karre im Winter lächerliche 80 Kilometer schaffe, bevor es wieder anfängt zu piepen.

Mein Handy klingelt und ich erblicke das grinsende Gesicht meiner Cousine Barbara.

„Hey, du alter Feuermelder“, begrüße ich sie und seufze theatralisch.

„Hast du Lust, nach Charlottenburg zu kommen und drei Stunden neben mir im Auto zu sitzen? So lange dauert es wahrscheinlich, bis der dämliche Porsche neben mir vollgeladen ist und ich dran bin.“

„Ich entnehme deinen Worten, dass du total zufrieden mit deinem Elektro-Auto bist“, säuselt Barbara.

„Aber nein, ich habe leider weder Zeit noch Lust, mich stundenlang in die Kälte zu setzen. Dafür wollte ich dich was fragen.“

„Schieß los, ich habe ja jetzt Zeit.“

„Hast du Lust, mit uns Urlaub an der Ostsee zu machen?“, will Barbara wissen.

„Wer ist uns?“, will ich wissen. „Die übliche Mischpoke, mit der du dich immer auf dubiosen Kreuzfahrten herumtreibst?“

„Genau die“, lacht Barbara. „Unser verfressener Dieter und der gute alte Schluckspecht Onkel Burkhard. Wir haben ein wunderschönes Häuschen an der Ostsee gemietet und da die Männer in der Überzahl sind, würde ich mich über eine charmante weibliche Begleitung sehr freuen.“

„Das hast du aber nett formuliert, Cousinchen“, lobe ich sie. „Wann soll es denn losgehen? Und wohin überhaupt?“

Barbara nennt mir Termin und Ort und ich notiere mir beides in meinem Handy.

„Ich werde auf jeden Fall darüber nachdenken“, verspreche ich. „Ein bisschen Luftveränderung könnte nicht schaden.“

„Wir würden uns freuen“, erwidert Barbara. „Also, sag bald Bescheid.“

„Das werde ich tun, falls ich jemals wieder nach Hause komme.“

Ich warte geschlagene zwei Stunden in eisiger Kälte, bis der Besitzer des Angeber-Schlittens endlich auftaucht. Er sieht genauso aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe: schmierige Haare, korpulente Figur, dämliches Grinsen. Zu allem Überfluss setzt er sich breitbeinig in sein Gefährt und fängt in aller Seelenruhe an zu telefonieren. Jetzt reicht es mir aber.

Wütend steige ich aus meinem Smart und klopfe an sein Fenster.

„Könnten Sie vielleicht mal die Stromsäule freigeben?“, erkundige ich mich.

„Ich warte seit zwei Stunden. Eigentlich soll man nur für die Dauer des Einkaufs laden.“

„Wie sind Sie denn drauf?“, raunzt mich der Blödmann an. „Ich kann hier laden, solange ich will. Der Akku ist noch lange nicht voll.“

„Was ist los? Wie lange wollen Sie denn noch hier stehen? Sie blockieren die Säule jetzt schon seit zwei Stunden. Andere wollen auch mal laden.“

Nach einigem Hin und Her erklärt sich der Typ endlich bereit abzudampfen. Erleichtert klemme ich mein Auto an die Ladesäule und entschließe mich dazu, mich im Supermarkt aufzuwärmen.

Also laufe ich eine Stunde sinnlos mit dem Einkaufswagen herum, damit ich wenigstens 30 Kilometer auf dem Tacho habe und nach Kreuzberg zurückkomme.

So kann man seine Zeit auch verdaddeln…

Ein Hoch auf die Elektro-Autos!

Zum Glück fahren wir drei Wochen später nicht mit meinem Auto nach Rügen, sonst würden wir alle 50 km zwei Stunden laden müssen und zwei Tage für die Anreise brauchen.

Nein, wir fahren mit Burkhards geräumigem Van im feschen Armee-Look. Burkhard selbst passt sehr gut dazu, denn er ist mal wieder als Feldwebel unterwegs, eine seiner Lieblingsrollen – wenn man von Elvis Presley absieht.

Burkhard sitzt so aufrecht hinter dem Steuer, als hätte er einen Stock verschluckt und kommt sich offenbar vor wie ein General auf der Kommandobrücke. Er trägt eine Sonnenbrille im Leoparden-Look und hat seine Hände lässig auf dem Lenkrad abgelegt. Dieter sitzt neben ihm, Barbara und ich thronen hinten.

„Achtung, Achtung!“, donnert er. „Männer, Frauen, Diverse! Hiermit erkläre ich diese Fahrt offiziell zur Operation Ostseebrise. Ziel: Rügen. Feindlage: Stau, Hunger und schlechte Laune.“

„Ich habe belegte Brote dabei“, verkündet Dieter.

„Hervorragend“, ruft Burkhard. „Die Feldverpflegung ist gesichert. Merke: Wer isst, ohne zu teilen, wird zum Küchendienst abkommandiert.“

Ein paar Kilometer später trommelt Burkhard mit den Fingern aufs Lenkrad.

„Ruhe im Fahrzeug!“, befiehlt er. „Ich höre verdächtige Geräusche aus dem hinteren Bereich. Entweder knistert da eine Tüte oder wir haben einen Saboteur an Bord.“

„Das sind Chips“, erklärt Dieter schmatzend.

„Chips?!“, empört sich Burkhard. „Unkontrollierte Knabberware! Das endet immer in Chaos, Fettfingern und Krümelkrieg.“

„Guck du mal lieber nach vorne“, rate ich ihm. „Vorne spielt die Musik, Onkel Burkhard.“

„Hier spielt gar nichts und du musst mich nicht auf unseren verwandtschaftlichen Beziehungsgrad hinweisen“, knurrt Burkhard. „Cousine… äh… Neffe… nein, was bist du denn? Nichte! Nichte Maria.“

„Mara“, helfe ich ihm. „Aber bei dreitausend Nichten kann man schon mal den Überblick verlieren.“

Als ein LKW uns schneidet, richtet Burkhard sich kerzengerade auf.

„Feindkontakt auf drei Uhr“, knurrt er. „Keine Panik. Wir bleiben souverän. Der Gegner hat eindeutig keine Ausbildung genossen.“

Barbara kichert. „Burkhard, du bist unmöglich.“ „Unmöglich, aber siegreich“, kontert er stolz.

Nach einer Weile seufzt er dramatisch.

„Moralbericht“, fordert er. „Sind alle noch kampfbereit oder brauchen wir Musik zur Truppenstärkung?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schaltet er den CD-Player ein und es ertönt Elvis Presley. Wer sonst?

„Hymne genehmigt“, verkündet er. „Der King hebt die Stimmung und die Disziplin.“

Ich lehne den Kopf an die Scheibe und grinse. Wenn wir heil auf Rügen ankommen, dann nicht wegen moderner Technik, sondern weil Feldmarschall Burkhard persönlich darüber wacht, dass diese Reise militärisch korrekt, musikalisch fragwürdig und vollkommen chaotisch verläuft.

Formularbeginn

„Kurzer Boxenstopp“, schreit unser Fahrer plötzlich und nimmt behände die nächste Ausfahrt zu einer Raststätte.

„Wir haben genau 15 Minuten, Freunde der Nacht. Wer länger braucht, bleibt zurück und schlägt sich allein bis Rügen durch.“

„Du spinnst ja wohl“, schnauzt Dieter ihn an. „Wehe, ihr fahrt ohne mich los. Essen und auf Toilette gehen – das schafft man doch gar nicht in einer Viertelstunde. Und warum sollen wir uns überhaupt hetzen? Wir haben Zeit genug.“

Als wir wieder einsteigen, mustert Burkhard uns streng.

„Vollzähligkeit melden! Ist niemand verloren gegangen? Sehr gut. Dann: Motor an, Ostsee erobern – und zwar zügig, aber würdevoll.“

Ich lehne mich zurück, ziehe die Jacke enger um mich und grinse. Meine buckelige Verwandtschaft ist so herrlich schräg, dass der Urlaub garantiert der Knaller wird. Ich freue mich richtig, ein paar Tage mit ihnen zu verbringen – und auf die Ostsee freue ich mich natürlich auch.

Je näher wir Rügen kommen, desto stiller wird es im Auto. Nicht, weil Burkhard seine Rolle aufgibt – im Gegenteil –, sondern weil draußen plötzlich eine andere Welt beginnt. Wir haben die Autobahn inzwischen verlassen und die Straßen sind schmaler geworden.

„Winterliche Gefechtslage“, meldet Burkhard. „Sicht eingeschränkt. Traktion fragwürdig. Aber keine Sorge – der Feldwebel kennt kein Zittern.“

Er reduziert die Geschwindigkeit und umklammert mit beiden Händen fest das Lenkrad. Der Van brummt gleichmäßig, während die Reifen über den festgefahrenen Schnee knirschen. Links und rechts tauchen Bäume mit weißen Ästen auf, flache Felder, vereiste Gräben, vereinzelt ein Reetdachhaus, aus dessen Schornstein Rauch steigt.

„Achtung, Männer, Frauen, Diverse: Wir haben Rügen erreicht“, verkündet Burkhard feierlich. „Der Feind Schnee ist allgegenwärtig.“

Elvis läuft immer noch, jetzt leiser, fast ehrfürchtig. White Christmas passt überraschend gut zu den Flocken, die im Licht der Scheinwerfer schräg vom Himmel fallen. Für einen Moment sagt niemand etwas. Selbst Burkhard nicht.

Dann rutscht der Van leicht in einer Kurve.

„Alles unter Kontrolle“, ruft Burkhard sofort. „Das war Absicht. Taktisches Anpassen an die Straßenverhältnisse.“

Schließlich taucht das Ortsschild im Schneegestöber auf, das schon halb eingeschneit ist.

„Ziel erreicht“, sagt Dieter. „Operation Ostseebrise erfolgreich abgeschlossen. Keine Verluste. Nur leichte Erfrierungen.“ Wir lachen.

Wir rollen langsam durch einen Ort, der aussieht, als hätte jemand eine Schneekugel über ihn gestülpt. Die Straße wird noch schmaler, das Tempo fast automatisch langsamer. Links und rechts reihen sich niedrige Häuser aneinander, geduckt unter dicken weißen Mützen. Reetdächer tragen den Schnee, aus den Schornsteinen steigt Rauch auf, der in der kalten Luft träge stehen bleibt.

Die Fenster leuchten warm und einladend, fast ein wenig geheimnisvoll. Hinter Spitzenvorhängen bewegen sich Schatten, irgendwo hängt ein Stern aus Papier, dort blinkt eine Lichterkette. Ein Holzzaun ist halb eingeschneit, ein Briefkasten trägt eine dicke Haube aus Pulverschnee, als hätte ihn jemand liebevoll zugedeckt.

Der Van rollt langsam über das Kopfsteinpflaster, die Reifen knirschen leise. Kein Mensch ist zu sehen, kein Auto weit und breit. Es ist kein Laut zu hören außer dem Motor und Elvis, der sanft aus den Lautsprechern singt. Es fühlt sich an, als dürften wir hier nur flüstern.

„Strategisch wertvoll. Hoher Gemütlichkeitsfaktor. Ideal zum Überwintern“, sagt Burkhard ungewohnt leise.

Tannenzweige sind über Gartentore gebunden, dick mit Schnee beladen, als würden sie uns willkommen heißen. Vor einer Haustür steht ein Holzschlitten, der halb im Schnee versunken ist. Daneben sind Fußspuren in Kindergröße, die irgendwohin verschwinden – vielleicht in eine Küche, in der Kakao dampft.

Ein einzelner Schneemann bewacht einen Vorgarten. Seine Karottennase ist schief und jemand hat ihm einen Schal umgebunden.

Barbara beugt sich vor.

„Guckt mal, ist das nicht wunderschön?“, flüstert sie.

An einer kleinen Kurve steht eine alte Dorfkirche, ihr Turm verschwindet fast im grauen Himmel. Daneben ein kahler Baum, dessen Äste mit Schnee bestäubt sind, als hätte jemand sie in Zucker getaucht. Eine einzelne Laterne wirft ihr Licht auf die Straße und lässt die Flocken golden funkeln.

Aus einem Schornstein steigt Rauch in den Himmel. Ich stelle mir vor, wie es hier riecht – nach Holz, Frost und Abendessen. Vielleicht nach Eintopf. Vielleicht nach Heimat.

Dann verlassen wir diesen bezaubernden Ort. Aber das Gefühl bleibt. Als hätten wir kurz in ein Wintermärchen hineingelugt und dürften es jetzt mitnehmen.

Kapitel 2

Das Haus liegt da, als hätte es die ganze Zeit auf uns gewartet. Es ist dicht an die Küste geschmiegt und hat ein Reetdach, das schwer unter dem Schnee ruht.

Links und rechts stehen hohe, dunkle Tannen, deren Zweige weiß bestäubt sind. Sie schützen das Haus ein wenig vor dem Wind, der vom Meer herüberzieht.

„Hört ihr das?“, frage ich.

„Was?“, sagt Barbara.

„Nichts“, antworte ich. „Genau das. Das ist doch fantastisch. Endlich Ruhe.“

Dieter bleibt kurz stehen und schaut zum Strand hinunter, wo ein kleines Boot im Schnee liegt, als hätte es sich zur Ruhe gelegt.

„Da unten könnte man jetzt einfach sitzen und nichts tun“, sinniert er.

„Niemand hält dich davon ab“, erwidert Barbara. „Wenn du unbedingt erfrieren willst…“.

Rechts öffnet sich der Blick auf den Strand: ein schmaler Streifen Sand, halb gefroren, halb vom Wasser umspült. Kleine Wellen rollen träge an, grau-blau, gedämpft, als hätten auch sie beschlossen, leiser zu sein.

Eine alte Holzbank steht am Rand des Weges, ebenfalls verschneit, daneben eine Laterne, die ein warmes Licht auf den Schnee wirft. Es ist dieses Licht, das alles verwandelt: Frost in Gemütlichkeit, Einsamkeit in Geborgenheit.

Niemand ist zu sehen. Kein anderes Haus. Kein Geräusch außer dem Meer, dem leisen Wind und dem Knirschen unserer Schritte im Schnee.

Barbara steckt den Schlüssel ins Schloss und wir treten ein. Warme Luft schlägt uns entgegen.

„Oh“, macht Barbara. „Da hat ja schon jemand geheizt. Wow, das ist ja richtig gemütlich.“

Kaum ist die Tür ins Schloss gefallen, stehen wir in einem großen Wohnzimmer. Der Raum ist hoch, fast bis unter das Dach offen und mit dicken Holzbalken versehen, die dunkel und ein wenig knorrig über uns verlaufen. Ein Kamin nimmt eine ganze Wand ein. Darin glimmt bereits ein Feuer, als hätte jemand gewusst, dass wir kommen. Das Holz knackt leise, warm und beruhigend.

„Wow“, sagt Barbara und dreht sich einmal im Kreis. „Hier kann man sehr gut den ganzen Winter verbringen.“

Vor den Fenstern hängen schwere, helle Vorhänge. Eine riesige Sofa-Landschaft steht mitten im Raum, ebenso drei bequeme Sessel, daneben ein großer Tisch aus massivem Holz.

„Hier wird gesessen“, stellt Dieter fest. „Viel gesessen. Und noch mehr gegessen. Genau das Richtige für mich.“

Burkhard mustert den Raum mit verschränkten Armen.

„Gute Raumaufteilung. Klare Linien. Kamin strategisch günstig platziert.“

„Du kannst auch einfach sagen, dass es dir gefällt“, grinst Barbara.

„Das habe ich doch gesagt“, entgegnet Burkhard ernst.

Ich atme tief ein. Es riecht nach Holz, Wärme und ein bisschen nach Meer, obwohl wir drinnen sind.

„So“, sage ich schließlich. „Machen wir eine Haus-Erkundung?“

„Haus-Erkundung“, bestätigt Burkhard. „Aber systematisch.“

Wir gehen in die Küche, die neben dem Wohnzimmer liegt. Sie ist so groß, dass man sich nicht ständig im Weg steht, auch wenn man zu viert kocht. Helle Schränke, eine große Arbeitsfläche und ein massiver Holztisch in der Mitte mit sechs Stühlen. Auf der Fensterbank steht eine kleine Schale mit Obst.

„Hier passt meine Feldverpflegung rein“, sagt Burkhard zufrieden und öffnet den Kühlschrank.

Gleich neben der Küche liegt das Bad. Ein kleines Fenster beschlägt sofort leicht von der warmen Luft.

„Gut, dass das Bad gleich unten ist“, sagt Barbara. „Nach langen Spaziergängen am Strand ist eine heiße Dusche genau das Richtige.“

Dann entdecken wir das Highlight: einen riesigen Wintergarten mit einer kleinen Couch und zwei Sesseln. Durch die großen Scheiben ist das Meer zum Greifen nah.

„Das ist ja der Hammer“, sage ich begeistert.

„Hier trinkt man Tee und liest ein gutes Buch“, beschließt Barbara.

„Oder man beobachtet die Lage“, ergänzt Burkhard. „Bei jedem Wetter.“

„Oder man isst was Leckeres“, schlägt Dieter vor.

So hat jeder seine Vorstellung davon, wie er den Wintergarten nutzen möchte.

Dann geht es die Treppe hinauf. Oben öffnet sich ein breiter Flur, von dem fünf Schlafzimmer abgehen.

Wir schauen in das erste Zimmer: ein kleines Bett, weiße Bettwäsche, ein Fenster mit Blick auf die Bäume.

„Das ist meins“, sagt Barbara sofort.

„Reserviert“, bestätigt Burkhard.

Das nächste Zimmer ist etwas größer und hat ein breiteres Bett, eine Dachschräge und ein Fenster, durch das man das Meer sehen kann.

„Meerblick“, sagt Dieter ehrfürchtig. „Hier schlafe ich. Zumal das Klo direkt nebenan ist. Das ist super für nächtliche Notfälle.“

Burkhard hebt mahnend eine Augenbraue.

„Details sind unnötig.“

„Zwei Bäder“, sagt Barbara zufrieden. „Der Frieden ist gesichert.“

Im dritten Zimmer steht ein Doppelbett mit einem alten Holzschrank, der ein bisschen knarrt, wenn man ihn öffnet. Es riecht nach frischer Wäsche und Holz.

„Hier schläft man bestimmt gut“, sage ich. „Das ist meins.“

Das vierte Schlafzimmer liegt ganz am Ende. Es ist am schlichtesten, aber gemütlich, mit einer kleinen Lampe und einem Fenster, hinter dem nur Schnee und Himmel zu sehen sind.

„Solide“, sagt Burkhard. „Ohne Schnickschnack. Das ist meins.“

Das fünfte Zimmer bleibt leer.

Wir stehen einen Moment still da, jeder hat ein anderes Zimmer im Kopf. Unten knackt der Kamin. Draußen rauscht das Meer.

Und dann entdecken wir den zweiten Wintergarten.

Er liegt hier oben wie ein Aussichtspunkt. Rundum Glas, wieder drei Sessel und eine Couch. Von hier aus sieht man über die Dünen hinweg direkt aufs Meer. Auf der Fensterbank liegt Schnee, der Himmel ist hellgrau, das Wasser bewegt sich kaum.

„Das ist der Denkplatz“, sagt Barbara.

Burkhard nickt. „Oder der Beobachtungsposten.“

Unten rauscht leise das Meer, drinnen ist es warm. Zwei Wintergärten – das ist wirklich die Krönung. Was für ein wunderschönes Haus! Hier werde ich sitzen und stundenlang auf das Meer schauen. Was gibt es Schöneres?

Das Chaos Team fängt an, sich häuslich einzurichten. Wir schleifen unsere Koffer nach oben, jeder räumt sein Zimmer ein und danach treffen wir uns wieder unten. Jeder hat etwas mitgebracht. Auf dem großen Holztisch in der Küche landen Brote, Käse, Wurst, ein Glas Gurken, Butter und ein paar hartgekochte Eier. Dieter sortiert alles mit großer Ernsthaftigkeit, Barbara schneidet Brot, und ich stelle Gläser bereit.

Draußen dämmert es, im Kamin knackt das Feuer und das Meer ist nur noch ein dunkler Streifen hinter den Fenstern.

Barbara bleibt kurz am Fenster stehen, Dieter setzt sich schon mal an den Tisch, und Burkhard wirft einen prüfenden Blick auf das Feuer, als müsse er sicherstellen, dass es seinen Dienst ordentlich verrichtet.

„Auf uns und einen wunderschönen Urlaub“, sage ich und hebe mein Glas.

„Auf ein paar kostbare Tage ohne Termine“, erwidert Barbara.

„Auf ausreichende Kalorienzufuhr“, grinst Dieter.

Burkhard nickt feierlich. „Auf eine erfolgreiche Mission Winterruhe.“

Wir stoßen an, essen, reden durcheinander und lachen viel. Keiner hat es eilig. Es ist gemütlich, entspannt und lustig und ich fühle mich pudelwohl. Das Haus ist warm, draußen liegt Schnee, drinnen sitzen wir zusammen. Besser könnte es gar nicht sein.

Plötzlich zucken wir zusammen, weil wir ein Geräusch hören, mit dem wir nicht gerechnet haben. Im Schloss der Haustür dreht sich eindeutig ein Schlüssel.

„Einbrecher!“, zischt Barbara panisch. „Burki, hast du zufällig ein Gewehr dabei?“

Burkhard runzelt die Stirn.

„Natürlich nicht. Wir sind doch hier nicht in Amerika. Aber ich habe einen Schlagstock. Der könnte vielleicht helfen.“

„Das sind keine Einbrecher“, winke ich ab. „Einbrecher haben keine Schlüssel. Sicher ist das der Vermieter, der nachsehen will, ob wir gut angekommen sind.“

„Aber der kommt doch nicht einfach zur Tür rein, sondern klingelt“, widerspricht Barbara.

Gebannt starren wir Richtung Flur und werden auch gleich belohnt, denn Sekunden später taucht ein junger, attraktiver Mann im Türrahmen auf.

Er ist dick verpackt, trägt eine rote Wollmütze und starrt uns genauso perplex an wie wir ihn.

Burkhard tritt einen Schritt nach vorne. Seine Feldwebel-Haltung ist sofort wieder da.

„Junger Mann, Sie dringen hier unerlaubt ein. Identifizieren Sie sich bitte unverzüglich“, sagt er streng.

„Was soll ich machen?“, fragt der Mann irritiert. „Wieso?“

„Weil Sie hier unerlaubt eindringen“, erwidert Burkhard finster. „Das sagte ich bereits.“

„Sind Sie der Vermieter?“, schalte ich mich ein.

„Äh… nein“, stammelt der Mann. „Im Gegenteil. Also, ich bin der Mieter. Ich habe dieses Haus gemietet.“

„Das kann ja wohl nicht sein.“

Barbara springt auf und stemmt ihre Hände in die Hüften.

„Wir haben dieses Haus gemietet. Sie haben sich wahrscheinlich geirrt und sind im falschen Haus gelandet.“

„Das glaube ich nicht. Dann würde der Schlüssel nicht passen.“

Das ist allerdings nicht von der Hand zu weisen.

„Zeigen Sie mal Ihre Buchungsbestätigung“, fordere ich den Eindringling auf.

---ENDE DER LESEPROBE---