G. F. Unger 1957 - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger 1957 E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

Als Wyatt Uvalde aus dem Krieg nach Texas heimkehrt, muss er erkennen, dass seine Brüder vom Gesetz gejagt werden. Doch er will dafür kämpfen, dass die Uvaldes keine verlorene Sippe bleiben ...


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EPUB

Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Impressum

Verlorene Sippe

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manuel Prieto/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-6442-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Verlorene Sippe

Sergeant, ein magerer, narbiger Wallach, trägt seinen Herrn Wyatt Uvalde der Heimat zu. Vier harte Kriegsjahre und die entbehrungsreiche Gefangenschaft liegen hinter Wyatt.

Jetzt, auf dem Heimritt, erzählt er seinem Sergeant in glühenden Farben, welch herrliches Futter auf ihn wartet und wie viel Freude er selber auf das Wiedersehen mit Eltern und Brüdern in sich trägt.

Aber was findet Wyatt vor?

Nicht nur eine Stadt voller Feinde, sondern auch die unmöglich erscheinende Aufgabe, seine wilden Brüder – die verlorene Sippe – auf den rechten Weg zurückzuführen …

In der kleinen Rinderstadt Chance lümmelt sich Wesly Sholem träge vor dem Gemischtwaren-Store herum. Bei seinem Anblick denkt man immer an einen mageren, aber dennoch starken und gefährlichen Wüstenwolf.

Er hält eine offene Konservenbüchse in der Hand und holt mithilfe eines langen und spitzen Dolchs einen halben Pfirsich nach dem anderen heraus. Er kaut genussvoll, denn Pfirsiche in Konserven, das ist etwas ganz Neues, bis vor wenigen Tagen für Wesly Sholem völlig Unbekanntes.

Wesly Sholem schluckt den letzten Pfirsich hinunter und trinkt gerade den Saft aus der Büchse, als er einen Reiter zwischen den ersten Häusern in den Ort kommen sieht.

Er verschluckt sich, hustet erstickt und lässt die Büchse achtlos fallen.

Dann macht er kehrt und bewegt sich eilig zum Best Chance Saloon hinunter. Die morschen Bretter des Gehsteigs knarren unter seinen großen Füßen. Seine mexikanischen Sporen klimpern und klingeln. Er bewegt sich sehr eilig und schielt mehrmals zur Kommandantur der Besatzungstruppe hinüber, indes er diese auf der anderen Straßenseite passiert. Er stößt dann die Schwingtür des Saloons auf, durchquert diesen und tritt an den runden Tisch in der Ecke, an dem einige Männer beim Poker sitzen.

»Wyatt Uvalde kommt in die Stadt geritten«, sagt er heiser, und er starrt dabei Sullivan Malone an.

Malone ist blond, löwenmähnig und sehr stattlich. Er ist ein großer, mit Muskeln bepackter Mann. Er sieht inmitten von anderen Männern stets wie der Boss aus, und er ist unduldsam, arrogant und hart. Seine kühlen, grünlichen Augen sind zwingend und kalt.

Er legt seine Karten offen auf den Tisch, und die anderen Männer sehen, dass er zwei Zehner und zwei Könige hat. Er grinst selbstzufrieden und streicht den Pott ein.

Die anderen Männer wenden ihre Aufmerksamkeit nun Wesly Sholem zu. Die beiden Sergeants der Besatzungstruppe grinsen böse, und Jack Lanelee, der Revolvermann, dem Sullivan Malone einen hohen Lohn zahlt, sagt mit sanfter Stimme: »Ah, jetzt ist also auch der berühmte Wyatt Uvalde heimgekommen! Zum Teufel, warum hat er im Gefangenenlager nicht die Cholera bekommen? Boss, ich sollte ihn besser abschießen, bevor er sich mit seiner verdammten Sippe vereinigt. So leicht bekomme ich ihn nie wieder vor den Lauf, wenn er erst …«

»Langsam – nur langsam«, knurrt Sullivan Malone kehlig. In seinen grünlichen Augen glitzert kaum verborgene Bosheit, als er seinen Revolvermann ansieht und bedächtig sagt: »Du kannst Wyatt Uvalde nicht einfach abschießen, Jack.«

Dann sieht er den Sheriff zwingend an.

Brad Robinson duckt sich unwillkürlich, und er kann Malones Blick nicht standhalten.

»Sheriff«, sagt dieser, »es sieht so aus, als würdest du bald ein sehr berühmter Mann werden. Wir werden jetzt endlich den Uvaldes eine Falle stellen können. Die ganze Sippe wird nach Chance kommen. Und weil wir sie erwarten, werden wir sie auslöschen – so wird es gemacht!«

Der Sheriff bewegt unruhig die Schultern und rutscht auf dem Stuhl herum.

»Wie …«, beginnt er heiser, aber Sullivan Malone bringt ihn sofort mit einer Handbewegung zum Schweigen.

Er starrt nun die beiden Sergeants der Besatzungstruppe an.

»Jetzt müsst ihr mal wieder etwas für das Geld tun, das ich jeden Monat für euch rauswerfe«, grinst er. »Wyatt Uvalde wird jetzt sicherlich schon im Store sein. Er wird kein Geld haben – aber Ben Miller war schon immer ein Freund der Uvaldes und wird ihm Kredit geben. Wyatt wird sich ein Hemd und eine Hose kaufen, beim Barbier ein Bad nehmen und sich rasieren und die Haare schneiden lassen. Dann wird er im Restaurant essen und überall zu hören bekommen, dass seine Brüder und sein Onkel für vogelfrei erklärt worden sind. Er wird ziemlich wütend werden. Wahrscheinlich wird er sogar auch zu Captain Lee Tucker gehen. Aber der wird ihn kurz abfertigen und sogar verwarnen, sich mit seiner Sippe zu vereinigen. Er wird immer wütender werden. Ich denke, dass er in einer guten Stunde hier im Saloon auftauchen wird.«

Sullivan Malone macht eine Pause und grinst wieder.

Die anderen Männer starren ihn an.

»Und dann?«, fragt Wesly Sholem heiser.

»Du hast eine schöne Uhr, Wes«, sagt Malone sanft und grinst voller Schadenfreude, als Wesly Sholem zusammenzuckt.

»Ich – ich – habe keine«, stottert Sholem.

»Doch! Du hast die Uhr des Steuereinnehmers Stewart Longstone in deiner Tasche. Longstone wurde gestern zehn Meilen von hier aus der Postkutsche geholt und erschossen. Als ihn der Sheriff fand, fehlten ihm die Brieftasche und die Uhr. Sholem, du hast die Uhr, nicht wahr?«

Malone bewegt seinen massigen Körper, als wollte er aufstehen.

Wesly Sholem weicht einen Schritt zurück, greift sich an den Hals und flüstert: »Yeah, ich habe die Uhr. Ihr wisst ja, dass ich Longstone tot auf der Straße fand. Ja, ich habe die Uhr.«

»Dann hat er auch die Brieftasche des Dicken genommen«, knurrt Bill Brown, einer der beiden Sergeants. »Sholem, du Hundefloh, du wirst mit uns teilen müssen, nicht wahr?«

»Er wird mit euch teilen«, nickt Malone grinsend und sieht Wesly Sholem grimmig an. »Und die schöne Uhr wird er diesem Wyatt Uvalde in die Tasche stecken. Wenn Wyatt Uvalde in diesen Saloon kommt, werden diese beiden Sergeants mit ihm einen Streit anfangen. Sholem, du wirst dich einmischen. Zu dritt werdet ihr Wyatt Uvalde sicherlich zusammenschlagen können. Ihr bringt ihn dann zur Kommandantur hinüber, und die Sergeants erstatten bei ihrem Captain Anzeige, weil Wyatt Uvalde die Armee beleidigt und einen Streit begonnen hat – nicht wahr? Der Captain wird ihn für einige Tage in eine Zelle sperren und ihm vorher alles persönliche Eigentum abnehmen lassen. Dabei wird dann die Uhr in Wyatt Uvaldes Tasche gefunden werden. Der Captain kennt die Uhr ganz genau, weil Longstone ja oft damit protzte. Wyatt Uvalde steht dann unter Mordverdacht. Und weil das so ist, wird sich auch seine Sippe alle Mühe geben, ihn aus dem Gefängnis zu holen. Habt ihr mich verstanden?«

Wie Sullivan Malone es vorausgesagt hat, sitzt Uvalde tatsächlich vor dem Store ab.

Wyatt Uvalde ist ein schlanker, großer Mann mit dunkelblondem Haar.

»Sergeant«, sagt er zu seinem narbigen Wallach, »wenn Ben Miller noch mein alter Freund ist, dann habe ich bald einige Dollarstücke in der Tasche. Und dann bekommst du im Mietstall das beste Heu und die allerbesten Körner.«

Er bückt sich unter dem Gehsteiggeländer hindurch und geht auf den erhöhten Brettersteig hinauf. Dann tritt er langsam durch die offene Tür in den Store und klatscht mit der flachen Hand auf den Ladentisch.

Sofort ertönt aus dem angrenzenden Büro- und Lagerraum Ben Millers heiser klingende Stimme: »Sofort – ich komme sofort!«

Wenig später erscheint Ben Miller, ein kleiner, dürrer, alter Mann mit einem scharfen Gesicht und weißen Haaren. Er ist so kurzsichtig, dass er Wyatt Uvalde erst erkennt, als er diesem auf der anderen Seite des Ladentisches gegenübersteht.

Aber dann zuckt er zusammen und hebt beide Hände, als wollte er Gott preisen.

»Dem großen Vater sei es gedankt«, sagt er staunend. »Du warst zweimal in diesem verdammten Krieg für tot erklärt und stehst jetzt lebendig vor mir! Junge, wie ich mich freue! Komm schon, du Rebellen-Captain der Texas-Brigade! Komm, Junge! Ich werde diesen verdammten Store schließen!«

Sie treffen sich am Ende des Schanktischs und schütteln sich die Hände. Dann gehen sie nach hinten.

Ben Miller holt eine Flasche Whisky aus Schottland hervor und schenkt ein.

»Nicht so viel«, murmelt Wyatt. »Ich habe seit zwei Tagen keinen Bissen gegessen. Ich will mich auch nicht lange aufhalten. Weißt du, ich habe vier Jahre lang daran gedacht, wie es sein wird, wenn ich heimkehre. Und jetzt komme ich als abgerissener Satteltramp.«

»Sie haben dich lange festgehalten in diesem Gefangenenlager«, murmelt Ben Miller bitter.

»Ich besuche dich in den nächsten Tagen, Ben – vielleicht am Sonntag. Ich wollte dich nur fragen, ob du mir etwas Kredit geben könntest, damit ich nicht abgerissen …«

»Natürlich, Junge! Einkleiden kann ich dich hier im Store! Aber du brauchst ein Bad – und du musst zum Barbier.«

»Wie geht es meinen Eltern und meinen Brüdern? Ich habe gehört, dass die Jungs ziemlich wild sind und Schwierigkeiten mit der Besatzungsarmee haben. Ben, wie schlimm ist es?«

Der alte Mann seufzt. Er macht eine resignierende Handbewegung und sagt bitter: »Wyatt, es ist so schlimm wie die Hölle.«

»Dann erzähl mir alles, Ben. Und keine Sorge. Ich kann eine Menge vertragen.«

»Sicher, aber erst mache ich dir etwas zu essen. Wir essen hier. Du kannst inzwischen die notwendigen Kleidungsstücke aussuchen. Dort in den Regalen wirst du etwas finden.«

Er wendet sich schnell ab und geht in die Küche.

Wyatt Uvaldes scharfes und dunkles Gesicht bleibt unbewegt. Nur in seinen rauchgrauen Augen erscheinen tanzende Funken. Er atmet langsam aus und murmelt: »Es muss also mächtig schlimm sein, wenn sogar Ben Zeit gewinnen will. Nun, was schlimm ist, das läuft einem nicht weg. Das wartet beharrlich.«

Er trinkt das Glas leer und wendet sich dann den Regalen zu.

Als Ben Miller eine Weile später aus der Küche tritt, ist Wyatt Uvalde umgezogen. Er trägt nun einen schwarzen Stetson, ein schwarzes Hemd und eine Cordhose. Er hat seine abgerissenen Kavalleriestiefel mit halb hohen Cowboystiefeln vertauscht. Aber einen Gegenstand hat er behalten – seinen Armeecolt mit dem einfachen Holzgriff. Die Waffe steckt in einem gebrauchten Waffengürtel, und das ausgeschnittene Holster ist tief am Oberschenkel festgeschnallt.

Ben Miller beobachtet ihn einige Sekunden schweigend und sieht, wie Wyatts geschmeidige und kräftige Finger Patronen in die leeren Schlaufen des Gürtels schieben.

»Es wäre vielleicht besser für dich, Wyatt, wenn du keinen Colt tragen würdest«, sagt er dann zu ihm. »Für deine Brüder wäre es auch besser gewesen. Komm in die Küche. Das Essen ist fertig.«

Sie setzen sich an den Küchentisch.

Wyatt isst langsam und bedächtig – und dennoch sieht man ihm den Hunger an. Als Ben Miller ihm den Teller zum zweiten Mal gefüllt hat, hält er für einen Moment inne.

»Jetzt erzähl es mir endlich«, murmelt er.

Ben Miller schenkt erst einen starken Kaffee ein.

»Well, Junge! Dein Vater konnte die festgesetzte Steuer nicht bezahlen. Daraufhin wurde der größte Teil eurer Ranch versteigert. Dein Vater und auch dein Bruder Lester hatten sich auf der Ranch verschanzt. Deine Mutter lud die Gewehre. Es war ein schlimmer Kampf, den die Armee gewann. Lester wurde getötet und dein Vater wurde für immer zum Krüppel. Die Ranch wurde versteigert, und nur die kleine Siedlerstätte, die deine Mutter von ihrem Bruder erbte, gehört euch jetzt noch.«

Ben Miller verstummt seufzend.

»Und meine drei anderen Brüder – und mein Onkel, was taten sie?«, fragt Wyatt dann gepresst.

»Dein Onkel Jack und Jubal, David und Alamo waren nicht zur Armee gegangen, sondern hatten sich bei Quantrills Guerillatruppe anwerben lassen.«

»Hölle, bei dieser Banditenbande«, knurrt Wyatt scharf.

»Yeah, Junge. Du weißt ja, wie wild dein Onkel ist. Er hatte deine Brüder wohl überredet. Dein Vater war damals mit einer Rinderherde für die Armee unterwegs. Sie waren also bei Quantrill. Als sie nach dessen Tod heimkehrten, hatten sie die Chance auf Pardon, wenn sie sich bei den Besatzungstruppen gemeldet hätten. Aber das haben sie nicht getan, weil inzwischen dein Bruder Lester getötet, eure Ranch versteigert und dein Vater ein Krüppel geworden war. Sie begannen sofort gegen die Besatzungstruppen zu kämpfen. Sie halfen den Ranchern, Farmern und Siedlern gegen die Steuereintreiber, wo sie nur konnten. Und das war falsch. Die Besatzungstruppe musste ja eines Tages den Kampf gewinnen. Jetzt haben deine Brüder und dein Onkel keine Freunde mehr. Jetzt sind sie allein. Sie werden gejagt und gehetzt. Nun müssen sie Überfälle verüben, um sich am Leben zu erhalten. Nun sind sie Banditen geworden. Deine Sippe ist verloren, Junge. Das ist es!«

Wyatt Uvalde atmet langsam aus. Seine Gefühle – und bestimmt ist ein ganzer Sturm von Gefühlen in ihm – bleiben tief in seinem Innern verborgen. Nur seine rauchgrauen Augen sind dunkel geworden, und die Muskeln an den Kinnbacken arbeiten.

Seine Stimme klingt gepresst und heiser, als er fragt: »Nun, Ben, sie haben es also falsch gemacht, nach deiner Meinung. Wie hätten sie es richtig anpacken sollen?«

»Malone – Sullivan Malone steckt hinter allen Dingen«, murmelt Ben Miller und sieht sich unwillkürlich scheu um. »Malone ist der schlaue Kopf, der die ganz großen Geschäfte macht und für den die Steuereintreiber arbeiten, weil er sie an seinen Gewinnen beteiligt. Er hat sie alle in der Tasche und wird mit jedem Tag, der zu Ende geht, reicher und mächtiger.«

»Sullivan Malone?«, murmelt Wyatt Uvalde. »Was ist das für ein Mann? Und wie sieht sein großes Spiel aus?«

»Er ist reich – und er ist ein Yankee. Er hat Verbindungen zu den höchsten Regierungskreisen. Irgendwie schafft er es, dass nur solche Steuereintreiber ins Land kommen, die ihm in die Hände spielen. Und das geht so: Da kommt also ein Steuereintreiber auf eine Ranch und schätzt alles ab. Nach dieser Schätzung wird dann die Steuer bemessen. Texas ist arm geworden, mein Junge. Und niemand kann eine große Steuersumme bezahlen. Siehst du, Junge, so wird es dann gemacht. Wenn die Frist abgelaufen ist, lässt der Steuereinnehmer die Ranch – oder Farm – oder was es auch sei, einfach versteigern. Und dann tauchen Sullivan Malones Strohmänner auf und erwerben den Besitz für einen Spottpreis – für einen Bruchteil des wirklichen Wertes. So kommt Sullivan Malone zu unermesslichem Landbesitz – und zu hunderttausend Rindern – zu Schafen – zu Pferdeherden und zu Wasserrechten. Er ist ein König! Er hat alle wichtigen Leute in der Tasche. Er besticht sie, schmiert sie. Hier herrscht Korruption. Und wer nicht sein Diener sein will, der wird erledigt. Gestern ist der Steuereintreiber Stewart Longstone von maskierten Banditen aus der Postkutsche geholt und erschossen worden. Aber das Merkwürdige an der Sache ist, dass Longstone als ein sehr fairer Mann galt, der nicht nach Malones Pfeife tanzte. Selbstverständlich hat man den Mord wieder deinen Brüdern zur Last gelegt. Well, Wyatt, nun weißt du so ziemlich, wie das Spiel hier läuft. Deine Brüder hätten sich Malone selbst vornehmen müssen – nicht immer wieder nur seine Handlanger.«

Ben Miller verstummt. Er wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht und schenkt noch einmal die Kaffeetassen voll.

Wyatt Uvalde starrt eine Weile ins Leere, aber man sieht ihm an, dass seine Gedanken arbeiten.

»Und was ist mit dem kommandierenden Offizier der Besatzungstruppe?«

»Captain Lee Tucker ist in Ordnung. Aber er hat Befehl, die Steuereintreiber zu schützen und zu unterstützen. Er darf ihnen keine Vorschriften machen, wie hoch sie …«

»Schon gut, Ben«, murmelt Wyatt und erhebt sich langsam.

»Ich werde mir diesen Sullivan Malone einmal ansehen. Wo kann ich ihn finden?«

»Er hat im Best Chance Saloon sein Hauptquartier. Der Saloon gehört ihm. Aber geh lieber nicht zu ihm, Wyatt! Er hat stets einige schlimme Revolverhelden bei sich. Wenn du zu ihm gehst, so stehst du einem bösen Rudel gegenüber. Sie reißen dich ganz einfach in Stücke – nur deshalb, weil du ein Uvalde bist. Lass dir lieber die Haare schneiden und reite zu deinen Eltern. Dein Vater und deine Mutter warten auf dich. Sie wollen, dass du deine Brüder unter Kontrolle bringst und mit ihnen in ein anderes Land reitest, wo man euch nicht kennt. Hier in Texas habt ihr Uvaldes nichts mehr zu erwarten – nur noch den Tod.«

»Schon gut, Ben«, murmelt Wyatt. »Ich bin kein Narr. Ich werde schon das Richtige tun.«

Wyatt Uvalde bleibt einige Sekunden vor dem Store stehen und starrt zum Best Chance Saloon hinüber. Er hat seine Hände in die Hosentaschen gesteckt und klimpert mit einigen Dollarstücken, die Ben Miller ihm wortlos zugesteckt hat.

Er unterbricht seine bitteren und düsteren Gedankengänge, als er sich plötzlich bewusst wird, dass sein magerer Wallach ziemlich ungeduldig schnaubt und heftig mit dem rechten Vorderhuf scharrt.

»Sicher«, murmelt er. »Ich habe dir eine prächtige Mahlzeit versprochen, Sergeant, und die sollst du jetzt auch bekommen.«

Er bückt sich unter dem Geländer hindurch, löst die Zügel des narbigen Rappen vom Haltegeländer und führt das Tier zum Mietstall hinüber. Einige Minuten später tritt er wieder auf die Straße, hält inne und schlendert dann zum Barbier hinüber. Auch dieser Mann ist neu in Chance – und gegen die Gewohnheiten aller Barbiere merkwürdig schweigsam.

Wyatt Uvalde zahlt, tritt hinaus und beobachtet das abendliche Straßenleben in Chance.

Er denkt an sein Pferd – und er weiß, dass er dem Tier noch eine halbe Stunde Zeit lassen muss.

Vielleicht hätte ich doch noch ein warmes Bad nehmen sollen, denkt er, und zugleich spürt er den immer stärker werdenden Wunsch in sich, diesen Sullivan Malone wenigstens zu sehen, um sich ein klares Bild über ihn machen zu können.

Er zögert nun nicht mehr und geht – ganz so, wie es Sullivan Malone seinen Handlangern voraussagte – zum Best Chance Saloon hinüber. Er stößt die Schwingtür auf und tritt ein.

Wyatt erkennt Wesly Sholem sofort wieder. Die vier Jahre haben den ehemaligen Viehdieb nicht viel verändert, höchstens, dass er sich jetzt etwas sauberer kleidet. Wesly Sholem steht am Schanktisch und grinst zu Wyatt hinüber, als wäre dieser ein guter Bekannter von ihm. Rechts und links von Sholem haben sich zwei bullige Sergeants aufgebaut, aber sie wenden Wyatt den breiten Rücken zu und starren wahrscheinlich aufmerksam in den Spiegel. Die beiden Sergeants sind wirklich schwere Brocken.

Wyatt Uvalde verspürt plötzlich die ernste Sorge, dass es Verdruss geben könnte.

Seine Augen schweifen scharf und wachsam in die Runde. Und da sieht er Sullivan Malone auch schon am Ecktisch beim Poker sitzen. Nur dieser Mann, der wie ein selbstzufriedener und harter Boss aussieht und bei dessen Anblick man an einen großen und vor Kraft strotzenden Löwen denkt, kann Sullivan Malone sein.

Er teilt gerade Karten aus und grinst dabei. Der Sheriff und Jack Lanelee, der gefährliche Revolvermann, sitzen bei ihm. Sie wenden langsam die Köpfe und sehen Wyatt Uvalde kurz an. Dann wenden sie ihre Aufmerksamkeit scheinbar wieder dem Pokerspiel zu. Außer ihnen sind noch zwei andere Männer am Tisch, die halb städtisch gekleidet sind und steife Melonen tragen. Das sind wahrscheinlich Agenten oder Makler. Sie wirken hart und mitleidlos, kühl und scharf.

Das ist die Sorte, die kein Erbarmen kennt und über Leichen geht, denkt Wyatt bitter und setzt sich in Bewegung.

Kurz bevor er den Schanktisch erreicht, stößt Wesly Sholem die Sergeants rechts und links von sich mit den Ellbogen an und kichert scheinbar angetrunken: »Platz da, ihr Drei-Winkel-Soldaten! Platz da für den besten Captain der Texas-Brigade! He, Platz für den Kriegshelden Wyatt Uvalde! Oho, Captain! Willkommen in der Heimat!«

Er hebt grinsend sein Glas und leert es mit einem Ruck. Dabei bleiben seine höhnisch funkelnden Augen auf Wyatt gerichtet.