G. F. Unger 1959 - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger 1959 E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

Obwohl ich am Ende war, gab ich nicht auf. Die Schufte, die mich ohne Pferd, Wasser und Ausrüstung in der Wildnis zurückgelassen hatten, sollten mich kennenlernen!


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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Impressum

Jede Menge Verdruss für mich

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manuel Prieto/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-6444-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Jede Menge Verdruss für mich

Es waren die prächtigsten Wildpferde, die ich jemals gefangen hatte. Mit Juan, meinem indianerblütigen Helfer, ritt ich sie während der letzten Wochen zu, ich, Jim Cane. Denn Jim Cane, das ist mein Name. Am nächsten Tag wollten wir die Tiere nach Santa Barbara bringen. Dort war ein guter Markt für erstklassige Pferde. Wir verbrachten also die voraussichtlich letzte Nacht in unserem verborgenen Camp. Der kleine Kessel am Ende einer Schlucht war ein natürlicher Corral für die Tiere. Hier hatten wir sie hineingejagt.

Als dann das erste Grau die zuletzt so verdammt kalte Nacht zu vertreiben begann, erhob sich Juan, um das Frühstück zu machen. Denn an diesem Morgen war er an der Reihe. Unser Proviant war knapp geworden. Es würde nur Kaffee und ein paar Tortillas geben. In zwei Tagen würden wir hungrig in Santa Barbara ankommen. Und dann …

Juan dachte schon jetzt daran, was dann sein würde. Er grinste immerzu vor Vorfreude. Doch er hatte sich zu früh gefreut. Als er beim Feuer verhielt und die Kaffeekanne in die Glut setzen wollte, da krachte der Schuss …

Die Kugel stieß Juan wie eine unsichtbare Riesenfaust über das Feuer hinweg. Die Funken stoben. Das Wasser aus der umgekippten Kaffeekanne zischte und ließ Dampf aufsteigen. Vielleicht war das mein Glück, denn dieser zischende Dampf machte die Sicht auf mich schlechter.

Ich sprang gar nicht erst aus den Decken, sondern rollte mich vom Feuer fort, und genau dort, wo ich gelegen hatte, fuhren Kugeln in den steinigen Boden, prallten als Querschläger ab. Eine ritzte meine Wade.

Ich gelangte in die Deckung einiger großer Steine und erreichte eine Felsrinne, in der ich den steilen Hang hinaufklettern konnte. Denn ich musste aus dem zur Falle gewordenen Talkessel heraus. Die Kerle, die uns auslöschen wollten und scharf auf unsere Pferde waren, befanden sich in günstigen Positionen.

Ich schätzte sie auf fünf oder sechs Mann. Und das war eine zu große Übermacht für mich.

Zum Glück hatte ich meinen Colt griffbereit neben mir unter der Decke liegen. Als ich mich fortrollte, griff ich ihn. Dafür fehlte mir etwas anderes, nämlich meine Stiefel. Ich trug nur meine durchlöcherten Socken an den Füßen.

Immer noch suchten Kugeln in dem grauen Morgen nach mir.

Eine scharfe, heisere Stimme brüllte: »Er ist in der Rinne nach oben. Er will raus aus der Schlucht! Lasst ihn nicht entkommen!«

Ich hörte es mit Bitterkeit. So schnell konnte sich in diesem Land alles ändern. Vorhin noch waren Juan und ich frohen Mutes gewesen und hatten uns schon auf Santa Barbara gefreut. Jetzt aber war Juan tot, und ich saß in der Klemme.

Keuchend erreichte ich den oberen Rand der Schlucht und kroch zwischen die Felsen. Von einer günstigen Stelle aus konnte ich in den Kessel am Schluchtende blicken und sah, dass dort drei Reiter unsere Pferde heraustrieben. Sie waren wie Mexikaner gekleidet, aber ich wusste, dass auch Angloamerikaner bei dieser Bande von Pferdedieben waren. Die Stimme vorhin gehörte einem solchen. Sie würden bald heraufgeritten kommen und nach mir suchen.

Was sollte ich tun? In Socken hatte ich keine besonders große Beweglichkeit. Dornen und Steine würden meine Füße bald schon böse zurichten. Der Weg zur nächsten Ortschaft war nur zwei Tagesritte weit, zu Fuß mindestens vier Tage, und so wurde mir klar, dass ich ein Pferd haben musste. Am besten war, ich blieb hocken und wartete. Denn sie würden kommen.

Und sie kamen auch. Ich hörte ihre Pferde, wenn die Hufeisen gegen Steine schlugen. Ich untersuchte nochmals meinen Colt und machte mich bereit.

Als ich einmal hinter meinem Felsen hervor sah, da erblickte ich einen der Reiter. Er hielt ein Gewehr in der Hand, hatte den Kolben auf den Oberschenkel gestemmt. Und er war mir nahe genug.

Ich wagte es, sprang hinter dem Felsen hervor und schoss. Ich traf ihn mit meinem langläufigen Walker-Colt. Die Kugel stieß ihn aus dem Sattel. Doch das Pferd blieb nicht stehen, wie es gute Pferde tun, denen man beibrachte, dass sie auf dem Fleck verharren müssen, wenn der Reiter aus dem Sattel fällt und die Zügelenden am Boden liegen.

Ich fluchte bitter und ging wieder in Deckung. Denn irgendwo mussten die anderen Kerle sein.

Nach einer Weile hörte ich Hufschlag, der sich entfernte. Es waren mehrere Pferde. Aber das konnte ein Trick sein. Deshalb blieb ich weiter bewegungslos hocken.

Indes wurde es heller Tag. Die Sonne stieg empor. Insekten begannen zu summen. Um bunte Kakteenblüten schwirrten Kolibris. Es blieb still. Nichts regte sich.

Mehrmals war ich schon so weit, meine Deckung zu verlassen, aufzustehen und wieder hinunter in das Camp zu klettern. Vielleicht hatten sie unsere paar Siebensachen dort unbeachtet gelassen. Dann würde ich auch meine Stiefel wiederbekommen. Und auch die Wasserflaschen würde ich nötig haben für den langen Weg. Ohne Wasser waren meine Chancen noch winziger, als sie es ohnehin schon waren. Auch musste ich dort unten erst Juan beerdigen.

Ich hatte also mehrere Gründe, mich zurück ins Camp zu wagen. Aber ich tat es nicht. Immer wieder warnte mich mein Instinkt.

Die Sonne begann schon zu brennen. Längst hatte sie alle Tautropfen getrocknet. Bald würde die Hitze über dem Boden flimmern. Mein Magen knurrte immer wieder vernehmlich. Wir waren ja noch nicht zum Frühstücken gekommen.

Ich dachte an meine Pferde. Diese waren inzwischen schon einige Meilen weit fortgetrieben worden. Wohin würden sie gebracht werden? Aber eigentlich gab es auch für Pferdediebe nur einen einzigen Ort, wo sie gute Preise erzielen würden: Santa Barbara. Deshalb mussten sie ja auch dafür sorgen, dass ich nicht dorthin gelangen konnte. Zumindest mussten sie sicher sein, dass sie in aller Ruhe die Tiere verkaufen konnten, bevor ich dort ankam.

Indes ich noch über all dies nachdachte, vernahm ich endlich ein schabendes Geräusch, und ich wusste, dass einer der Banditen zurückgeblieben war und nun die Geduld verloren hatte. Er suchte nach mir. Sein Kumpan wartete sicher mit den Pferden weit genug entfernt, aber nicht so weit, dass er Schüsse nicht mehr hören konnte.

Ich wartete immer lauernder, war bereit für alles. Wenn ich überleben wollte, würden meine Reflexe schneller als jeder Gedanke sein müssen. Ich hörte dann ein leises Schaben und Kratzen über mir. Der Bursche war auf der anderen Seite auf den Felsen geklettert, hinter dem ich hockte. Ich hob die Mündung meiner Waffe nach oben und wartete. Dann sah ich den Haarschopf, die Stirn und die Augen. Und eine halbe Armlänge daneben kam der Colt zum Vorschein.

Wir sahen uns an, indes ich im selben Moment abdrückte.

Auch er schoss, doch mehr als einen Schritt daneben. Ihm fehlte noch eine Zehntelsekunde, um das Ziel besser aufnehmen zu können. Meine Kugel traf ihn genau zwischen die Augen.

Ich erhob mich aus meiner kauernden Haltung und ging ein Stück in die Richtung, aus der bald jener andere Bandit mit den Pferden zurückkommen musste. Denn er hatte die Schüsse gehört.

Als ich weit genug gegangen war, hockte ich mich wieder in Deckung. Bald schon hörte ich den Hufschlag. Ich sah den Burschen auch kommen. Doch er hielt nun an und brüllte in die Stille: »Hoi, Johnny! Wo bist du, Johnny? Gib Antwort, Johnny!«

Der Bursche war vorsichtig. Er rief noch mehrmals, aber er kam keinen Schritt näher. Das war ihm zu gefährlich. Im Gegenteil, er ritt immer wieder ein Stück zurück. So, als rechnete er damit, dass ich ihm in guter Deckung näher kommen konnte.

Die Entfernung zu ihm wurde wieder größer. Doch es war so still hier oben, dass man Rufe auch noch eine halbe Meile weit hören konnte, Schüsse noch sehr viel weiter, natürlich auch Hufschlag.

Er rief noch einmal. Dann ritt er mit den Pferden davon. In der trockenen Luft hatte ich ihn mir trotz der Entfernung gut ansehen können. Ich würde ihn wiedererkennen, da war ich mir sicher.

Er ritt also mit den Pferden davon. Ich würde zu Fuß nach Santa Barbara gehen müssen. Und das war ein Vier-Tage-Weg durch raues, wasserloses Land, in dem es nur Klapperschlangen und Kleingetier gab.

Zwei Stunden später war ich unterwegs.

Die Banditen, die unsere Pferde forttrieben, hatten alles, was wir an Ausrüstung besaßen, ins Feuer geworfen, auch meine Stiefel. Juans Stiefel passten mir nicht. Auch nicht die Stiefel der beiden toten Pferdediebe. Denn ich war ein großer Bursche mit großen Füßen. Dennoch trug ich die Stiefel des einen Toten. Ich hatte sie aufgeschnitten. Juans Leiche hatte ich mit Steinen zugedeckt.

Da die Kerle auch unsere Wasserflaschen unbrauchbar machten, musste ich mich ohne Wasser auf den Weg machen. Ich fluchte schon lange nicht mehr. Wozu auch? Ich musste nun kämpfen.

Ob ich Santa Barbara erreichen konnte? Vielleicht fand ich doch irgendwo Wasser. Oder ich fand eine bestimmte Sorte von Kakteen, deren Mark man mit dem Messer herausholen und kauen konnte wie nasse Watte. Und bald würde mir gewiss auch eine gebratene Klapperschlange schmecken.

Verdammt, ich hatte jede Menge Verdruss am Hals.

Juan war tot. Die Pferde waren weg. Und ich war ohne Proviant und Ausrüstung zu Fuß unterwegs nach Santa Barbara.

Ich schaffte es in dreieinhalb Tagen. Deshalb war es schon Nacht, als ich die Lichter von Santa Barbara sah. Als ich den Creek erreichte, warf ich mich hinein. Das Wasser war nur knöchelhoch. Man konnte also nicht darin ertrinken.

Ich blieb lange darin liegen, trank immer wieder ein paar Schlucke und saugte mich wahrscheinlich auch äußerlich voll wie ein trockener Schwamm. Jedenfalls hatte ich so ein Gefühl.

Als ich nach etwa einer halben Stunde wieder einigermaßen beieinander war und mir auch das Denken wieder leichter fiel, da überlegte ich.

Wenn die Kerle mit meinen Pferden hergekommen waren – und das waren sie, weil ich ihrer Fährte folgte –, dann trafen sie hier vor zwei Tagen ein, spätestens vor zweieinhalb Tagen. Inzwischen konnten sie die Tiere verkauft haben. Und weil sie mich so schnell gewiss nicht erwarteten, würden sie noch feiern. Solche Kerle mussten Coups dieser Art, die schnelles Geld brachten, stets auf ihre Weise feiern: mit Schnaps, Karten und Weibern.

Ich wusste also ziemlich sicher, wo ich meine Freunde finden würde. Sie würden Augen machen, richtige Kulleraugen. Da war ich mir sicher. Denn ich war stundenlang all die Meilen durch Hitze und kalte Nächte wie ein Apache getrabt. Dabei hatte ich gewiss einige Pfunde Gewicht verloren, obwohl ohnehin keine Unze überschüssiges Fleisch an mir war.

Ich erhob mich triefend aus dem Creek und ging auf die Lichter zu. Als ich die Corrals beim Mietstall und Wagenhof erreichte, da sah ich meine Pferde, jedenfalls etwa zwei Dutzend davon. Sie waren von der Post- und Frachtlinie gekauft worden.

Ich machte kehrt und ging außen um die Stadt herum. Aber wenn ich Stadt sage, so sollte man sich nicht täuschen. Santa Barbara war nur ein kleines Nest, entstanden um eine Post- und Frachtstation am Wagenweg nach Nogales, also nach Mexiko hinüber.

Es gab in der Umgebung ein paar Minen, doch eigentlich lebte Santa Barbara nur vom Durchgangsverkehr und war Versorgungspunkt einiger verborgener Camps und der Minen. Weil hier der Creek war, es also Wasser gab, mussten alle hier vorbei.

Ich war auf dem Weg zu Rosy Dulldys Etablissement. Dabei war mir klar, dass Rosy Dulldy und deren Engelchen den Pferdedieben den größten Teil des Geldes schon abgenommen haben würden. Und sie würden es auch nicht wieder hergeben wollen, da sie ja – ihrer Meinung nach – einen echten Gegenwert dafür erbracht hatten.

Oha, es würde da noch eine Menge Probleme geben. Doch zuerst wollte ich den Pferdedieben und Mördern an die Kehle. Wer konnte mir das verdenken?

Über der Tür des Hauses hing eine rote Laterne, und die war sozusagen das Firmenzeichen. Es war ja gewissermaßen international und hatte zum Beispiel auch in allen Hafenstädten der Welt stets die gleiche Bedeutung. Hier im tiefsten Südwesten war das nicht anders.

Als ich klopfte, öffnete mir die dicke Rosy Dulldy selbst. Sie trug einen wallenden Flattermann, der ihre Fleischmassen zwar locker umhüllte, sie aber noch monumentaler wirken ließ. Sie erkannte mich nicht sogleich, denn ich sah schlimm aus, wie man sich denken kann.

»He, Rosy«, sagte ich. »Du kennst wohl deine alten Freunde nicht mehr?«

Nun erkannte sie mich endlich. Sie bekreuzigte sich und sagte: »Du heilige Jungfrau, konntest du das nicht verhindern?«

»Nein«, sagte ich, »denn dann gäbe es keine Gerechtigkeit auf Erden. Wo sind sie?«

Ich brauchte ihr gar nicht zu erklären, wen ich meinte. Denn ihre Engelchen hatten natürlich längst herausbekommen, woher die Kerle den vielen Zaster hatten, den sie hier verprassten. Rosy Dulldy wusste längst Bescheid. Ganz gewiss hatte sie gehofft, dass ich unterwegs krepiert war, sollte ich den Überfall überlebt haben.

Ich drängte mich an ihrer Fülle vorbei und trat die Tür hinter mir mit dem Absatz zu. Mein Colt steckte noch hinter dem Hosenbund.

Rosy sagte: »Das wirst du doch nicht hier in meinem Hause tun, Jim Cane?«

Ich grinste sie an. In meinen hellen Augen erkannte sie alles. Denn sie war erfahren, was Männer betraf. So wusste sie, dass niemand mich aufhalten konnte. Überdies kannte sie mich gut genug.

Sie seufzte und sagte: »Diese Dummköpfe. Aaah, warum mussten sie sich ausgerechnet mit dir anlegen? Waren die denn loco? Ausgerechnet mit dir, Jim Cane. Verdammt, dieses Haus wird gleich voller Blut und Toten sein. Hast du keine Angst, dass auch du dabei draufgehst?«

»Nein«, sagte ich und ging hinauf.

Gleich hinter der ersten Tür hörte ich das Gelächter eines Mannes und zweier Mädchen. Als ich die Tür öffnete, brach das Gelächter ab. Der Hombre und die beiden Mädchen lagen im Bett und starrten zu mir her. Der Hombre war einer der drei Mexikaner, die mit meinen Pferden abhauten, indes mich die drei anderen Kerle jagten, nach mir suchten und mich zu töten versuchten.

Er erkannte mich, brüllte auf, sprang aus dem Bett und griff nach dem Colt, der auf dem Tisch lag. Ich wartete, bis er den Colt in der Hand hatte und die Mündung auf mich richtete. Dann schoss ich ihn ins Herz. Ich sah noch in sein Mündungsfeuer, aber seine Kugel tat mir nichts.

Nur war im Haus die Hölle los. In den Zimmern kreischten Mädchen, brüllten Männer. Türen wurden aufgerissen. Und die Kerle sprangen heraus auf den Gang wie die Kastenteufel.

Es waren noch drei, nämlich jene zwei Mexikaner und der Angloamerikaner, der mit den Pferden ein Stück weggeritten war, um mich zu täuschen, indes sein Kumpan auf mich lauerte.

Ich hatte nur noch fünf Kugeln in meinem Colt. Das waren wenig gegen drei Schießer. Deshalb hatten sie wirklich eine reelle Chance.

Der Gang war nur schwach von zwei Wandlampen beleuchtet. Nun erhellten unsere Mündungsfeuer ihn, und der Pulverrauch breitete sich aus wie Nebel. Indes ich schoss und in ihre Mündungsfeuer sah, spürte ich, wie ihre Kugeln mich trafen.

Als mein Colt leer war, fiel ich auf die Knie. Denn ich konnte nicht mehr stehen. Aber dessen war ich mir eigentlich gar nicht mehr bewusst. Ich fiel dann nach der Seite um und versank wie ein Stein in bodenlose Tiefe.

Als ich irgendwann erwachte, da begriff ich, dass dieses Erwachen nicht im Jenseits sein konnte. Denn ich spürte Schmerzen. Und im Jenseits würde ich sicherlich keine Schmerzen spüren. Oder war ich in der Hölle? Zwickten und peinigten mich die Teufel?

Ich fürchtete plötzlich, tatsächlich in der Hölle zu sein. Und so riss ich die Augen auf. Zuerst sah ich nur Nebelschleier, doch dann lichtete sich alles.

Dolores, eines von Rosy Dulldys Mädchen, saß neben mir auf dem Bettrand. Sie hatte mir das schweißnasse Gesicht abgewischt und hielt das Handtuch noch in den Händen. Aber sie war dennoch keine barmherzige Samariterin, sondern ganz und gar Geschäftsfrau. Denn sie sagte: »Dieses Bett ist teuer, mein wilder Amigo. Wenn du lange hier liegen möchtest, kostet das eine Menge. Ist dir das klar? Meine Dienste sind nicht billig.«

Ich musste erst eine Weile über ihre Worte nachdenken, bis ich sie so richtig begriff. In meinem Hirn krochen die Gedanken noch sehr langsam um die Windungen.

Sie gab mir Tee zu trinken. »Der drückt dein Wundfieber. Wir haben ja nicht mal einen Doc in diesem verdammten Nest. Deshalb holten wir die alte Juana, die Kräuterhexe. Die hat dich einigermaßen wieder dicht gemacht.«

Ich grinste. »Und die anderen?« So fragte ich.

Sie schüttelte sich. »Dieses Haus hier wird nun bis in alle Ewigkeit verrufen sein wegen der Toten«, sagte sie. »Nur hofft Rosy Dulldy, dass wir Eintrittsgeld kassieren können, weil sie alle von nah und fern kommen werden, um den Ort des Kampfes betrachten zu können. Einer gegen vier! Heiliger Rauch! Mit fünf Kugeln aus deinem Colt hast du alle vier geschafft. Du bist eine Art Barbar.«

»Sicher«, sagte ich. »Sie haben Juan umgebracht, wollten mich töten und stahlen meine Pferde. Sie ließen mich ohne Pferd, ohne Wasser und Ausrüstung in der Wildnis zurück. Unterwegs biss mich sogar eine Klapperschlange. Doch sie hatte ihr Gift wohl kurz zuvor schon in ein anderes Opfer verspritzt. Oder aber ich bin gegen Klapperschlangengift immun. Ich war fast verrückt vor Angst. Ja, ich bin ein Barbar.« Ich verstummte müde.

Sie ließ mich noch einmal Tee trinken. Dann fragte ich: »Tut ihr hier auch manchmal was aus Nächstenliebe und nicht nur für Geld?«

Da lachte sie kehlig. »Nächstenliebe?«, so fragte sie. »Was ist das?«

Und da schlief ich wieder ein.

Als ich nach vielen Stunden zum zweiten Mal aufwachte, saß diesmal nicht Dolores an meinem Bett, sondern der Marshal von Santa Barbara. Er gefiel mir besser als die schöne Dolores, denn die war nur kalt und geldgierig. Frank Ringold aber kannte ich ziemlich gut. Wir hatten als junge Burschen vor dem Krieg schon mal drüben in Mexiko Pferde gestohlen. Jetzt war er hier Marshal, weil die Leute von Santa Barbara zu ihrem Schutz einen Revolvermann brauchten.