G. F. Unger 2009 - Western - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger 2009 - Western E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

Dodge City war damals erbarmungslos, und jeder Mensch in dieser wilden Treibherdenstadt lebte nach dem Motto: "Achte auf dich selbst und halte dich aus allem raus!" So hatte auch ich bis dahin gedacht, gelebt und gehandelt. Ich, Jim Radigan vom Brazos in Texas. Aber dann hatten mich die drei Slater-Brüder im Mietstall eingekeilt, als ich dort mein Pferd holen wollte, um aus der Stadt zu verschwinden. Ja, ich wollte einem Kampf mit ihnen aus dem Wege gehen. Aber das schaffte ich nicht. Und als wir dann miteinander fertig waren, hatte ich zwei Kugeln im Leib. Jesse Slater war tot, und seinen beiden Brüdern ging es noch schlechter als mir. Johnny Slater starb eine Woche später. Kirby Slater aber, der jüngste der wilden Brüder, würde sein ganzes Leben lang am Stock gehen müssen. Seine Mom holte ihn eines Tages mit einem Wagen heim auf die erbärmliche Farm. Vielleicht würde er ihr endlich - trotz seines steifen Beines und der wohl für immer kranken Schulter - eine bessere Hilfe sein können als zuvor. Aber das waren nicht meine Sorgen. Ich hatte damals keinen Kampf gewollt. Ich wollte mein Pferd holen und verschwinden. Ich begann erst zu kämpfen, als mir die erste Kugel das Fleisch von der Rippe riss. Und warum der Kampf entstanden war, wollen Sie wissen? Ach, der Grund war lächerlich. Es war ein Mädel aus einem der Saloons. Kirby hatte es haben wollen. Doch ich war ihm zuvorgekommen. Und das vertrugen die Slater-Brüder nicht ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 158




Inhalt

Cover

Impressum

Allein unter Wölfen

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Salvador Faba/Norma

Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-8071-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Allein unter Wölfen

Dodge City war damals erbarmungslos, und jeder Mensch in dieser wilden Treibherdenstadt lebte nach dem Motto: »Achte auf dich selbst und halte dich aus allem raus!«

So hatte auch ich bis dahin gedacht, gelebt und gehandelt. Ich, Jim Radigan vom Brazos in Texas.

Aber dann hatten mich die drei Slater-Brüder im Mietstall eingekeilt, als ich dort mein Pferd holen wollte, um aus der Stadt zu verschwinden.

Ja, ich wollte einem Kampf mit ihnen aus dem Wege gehen. Aber das schaffte ich nicht. Und als wir dann miteinander fertig waren, hatte ich zwei Kugeln im Leib. Jesse Slater war tot, und seinen beiden Brüdern ging es noch schlechter als mir. Johnny Slater starb eine Woche später. Kirby Slater aber, der jüngste der wilden Brüder, würde sein ganzes Leben lang am Stock gehen müssen. Seine Mom holte ihn eines Tages mit einem Wagen heim auf die erbärmliche Farm. Vielleicht würde er ihr endlich – trotz seines steifen Beines und der wohl für immer kranken Schulter – eine bessere Hilfe sein können als zuvor.

Aber das waren nicht meine Sorgen. Ich hatte damals keinen Kampf gewollt. Ich wollte mein Pferd holen und verschwinden. Ich begann erst zu kämpfen, als mir die erste Kugel das Fleisch von der Rippe riss.

Und warum der Kampf entstanden war, wollen Sie wissen?

Ach, der Grund war lächerlich. Es war ein Mädel aus einem der Saloons.

Kirby hatte es haben wollen. Doch ich war ihm zuvorgekommen. Und das vertrugen die Slater-Brüder nicht …

Sie hätten es auch nicht vertragen, wenn jemand ihnen einen alten Hosenknopf fortgeschnappt haben würde.

Solche Jungs waren das.

Nun, es wurden dann bittere Wochen für mich.

In Dodge City bekam man nichts geschenkt – gar nichts. Man musste für alles seinen Preis zahlen.

Deshalb zahlte ich in diesen Wochen für den Doc, der mich die erste Zeit täglich zweimal besuchen musste. Ich zahlte einige Wochen für das kleine Zimmer im Hotel, für mein Pferd im Mietstall. Ich zahlte für irgendwelche Medikamente – und nicht zuletzt für Verpflegung.

Das alles dauerte ein Vierteljahr.

Als ich aus dem Hotel musste, besaß ich nur noch die Kleidung auf meinem hageren Leib und den alten Colt.

Diesen Colt hatte niemand kaufen wollen – nicht mal für einen Dollar. Denn die Waffe hatte keinen Abzug mehr, kein Korn vorn auf dem Lauf. Sie sah auch recht alt aus. Der Kolben mit den Walnussholzschalen war ziemlich abgenutzt, dazu noch unter den Holzschalen mit Blei ausgegossen. Das war keine Waffe für Anfänger. Mit diesem Ding musste man Jahre gelebt haben. Das war eine ganz eigenwillige Kanone.

Und deshalb hatte ich sie nicht zu Geld machen können. Leider!

Denn für den Dollar hätte ich mir gerne zwei gute Essen geleistet.

Was hatte ich damals ständig für einen Hunger! Zuvor konnte ich viele Wochen nicht viel essen. Wahrscheinlich war die Blutvergiftung und waren die Wunden, die sich nicht schließen wollten, daran schuld. Aber als ich dann endlich über den Berg war, wie man so sagt, konnte ich gar nicht so viel zu essen kaufen, wie ich haben wollte.

Meine einzige Hoffnung an diesem Abend war, dass ich irgendeinen Burschen aus Texas oder von sonst wo finden konnte, der mich kannte und der bereit war, mir auszuhelfen.

Denn zumindest brauchte ich einen alten Sattel und ein Pferd, um wieder ins Geschäft kommen zu können.

Aber während ich durch die Lokale von Dodge City strich und mich unter all den Jungs nach Bekannten umsah, wurde meine Chance kleiner und kleiner.

Als ich aus dem Opal Saloon trat, wartete einer der Deputy Marshals auf mich. Er stand etwas im Schatten der Laterne, doch sein Blechstern funkelte deutlich genug.

Und er sagte: »Radigan, deine Zeit hier bei uns ist um. Du bist blank und findest niemanden, der dir aus der Klemme hilft. Du läufst jetzt schon eine Weile herum und kannst dir nicht mal mehr einen Drink kaufen. Aus dem Hotel haben sie dich rausgeworfen. Wir wollen nicht erst noch warten, bis du dir irgendwo ein Pferd stiehlst, nicht wahr? Also komm, mein Junge.«

»Wohin?« Ich fragte dies nicht, weil ich Hoffnung hatte, er hätte eine schöne Überraschung für mich oder würde mir auf Kosten der Stadt eine Wohltat erweisen.

Ich wollte nur etwas Zeit gewinnen. Denn ich wusste, was er mit mir vorhatte.

Er erklärte es mir auch geduldig und sprach: »Weißt du, Radigan, wir haben nichts gegen dich persönlich. Gar nichts! Und als du die verrückten Slater-Jungs voll Blei fülltest, war das ganz in unserem Sinn. Denn sie taugten nichts und hätten nie etwas getaugt. Aber wenn du in unserer Stadt bleibst, Radigan, wird es auch mit dir schlimm enden. Also, gehen wir, Radigan! In zehn Minuten fährt ein Zug ab. Ich spreche mit dem Bremser, dass er dich hundert Meilen mitfahren lässt, bevor er dich aus dem Zug wirft. Komm, Radigan, deine Zeit hier in Dodge City ist um.«

»Ihr wollt mich also aus der Stadt jagen?«, fragte ich bitter.

»Wir helfen dir, fortzukommen, bevor wir miteinander Ärger kriegen«, verbesserte er mich. »Aber wir können es auch anders machen.«

Ich sollte also abgeschoben werden. Und ich konnte nichts dagegen tun. Wir gingen nebeneinander zum Bahnhof. Es war kurz nach Mitternacht.

»Ich würde morgen bestimmt einen Job finden«, sagte ich noch einmal.

Aber er erwiderte: »Du bist noch viel zu klapprig, um eine Arbeit zu verrichten, für die jemand einen Dollar pro Tag zu zahlen bereit ist.« Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Einen Dollar braucht man hier in unserer Stadt pro Tag, um für seinen Unterhalt sorgen zu können. Also, Radigan, mach mir keine Schwierigkeiten.«

In mir war Bitterkeit.

Und aus diesem bitteren Gefühl wurde allmählich ein kalter Zorn.

Ich hatte in dieser Stadt eine Menge Geld gelassen und sogar mein Pferd und den guten Sattel verkaufen müssen. Ich war keinem Menschen etwas schuldig geblieben.

Nun aber sollte ich in einem Vieh- oder Güterwagen auf die Reise gehen.

Oh, ich wusste genau, was mir bevorstand.

Wenn mich die Bremser nicht auf freier Strecke vom Zug jagten, würden mich die Gesetzesmänner der nächsten Stadt gar nicht aussteigen lassen. Denn niemand wollte einen mittellosen Tramp haben.

Die Bremser wussten das. Also mussten sie mich auf freier Strecke abspringen lassen. Und dann stand ich irgendwo zu Fuß in der Prärie, ohne Pferd und ohne Ausrüstung.

Vielleicht würde ich mir von der nächsten Ranch oder Farm etwas stehlen können – aber vielleicht erwischte man mich auch und machte mit mir kurzen Prozess.

Dieser Deputy Marshal wusste das alles.

Er war mein Feind, mein erbarmungsloser Feind, der mich dorthin befördern wollte, wo ich entweder untergehen oder auf jenen höllischen Weg geraten musste, der den Anfang vieler Banditenkarrieren bildete.

Wir hatten nun den Verladebahnhof erreicht.

Die Lok stand schon unter Dampf. Sie ließ nun auch das Signal hören, dass alles fertig sei für die Abfahrt.

Ein Mann tauchte aus der Dunkelheit auf. Er trug einen langen Knüppel. Es war einer der Bremser. Und er fluchte und sagte drohend: »Ihr werdet wohl doch nicht aufspringen wollen, ohne bezahlt zu haben? Ich sage euch, dass ich jeden Narren …«

Er verstummte, denn nun endlich sah er im matten Sternenlicht den Stern des Deputys blinken.

»Nimm ihn mit«, sagte der Deputy. »Wir wollen ihn nicht in der Stadt haben.«

»Dann sperr ihn doch im nächsten Wagen ein!« Dies brüllte der Bremser und eilte weiter.

Der Deputy öffnete eine Verriegelung und schob die Schiebetür etwas auf. Drinnen im Wagen lagen stinkende Büffelhäute.

»Hinein mit dir«, sagte er.

Ich zögerte, obwohl ich wusste, dass ich in meinem Zustand keine Chance gegen ihn hatte. Ich war noch viel zu schwach. Er aber war ein harter Bursche. Sonst wäre er nicht Deputy in einer Stadt wie dieser geworden. Wäre ich gesund gewesen, ich hätte mir zugetraut, ihm etwas zu zeigen, was er noch nicht kannte.

So fragte ich nur: »Du bist doch Ray Henderson, nicht wahr?«

Im Sternenlicht sah ich seine Zähne blinken.

»Der bin ich«, sagte er. »Und wenn es dir einfallen sollte, zurückzukommen, um dich bei mir zu revanchieren, dann …«

Er kam nicht mehr weiter.

Denn hinter ihm tauchte die Silhouette eines Mannes auf.

Ein dumpfer Schlag wurde hörbar.

Ich fing den Marshal auf, doch ich brach fast in die Knie dabei.

Aber ich bekam sofort Hilfe.

»Hinein mit ihm«, sagte der Mann, der mir zu Hilfe gekommen war. Ich hielt ihn für einen Cowboy, einen Burschen von meiner Sorte, »Wir lassen ihn an deiner Stelle mitfahren. Das wird ihm Spaß machen.«

Ich hatte nicht viel Zeit, zu überlegen. Denn die Lok ruckte an, Ihre Räder drehten noch durch und ließen gewiss Funken fliegen. Doch schon beim nächsten Anrucken würde sich der Zug in Bewegung setzen.

Wir hoben den Deputy in den Wagen, schlossen die Tür und traten zurück.

Die lange Reihe der Güterwagen begann endlich zu rollen.

Auf dem letzten Wagen stand der Bremser auf der mittleren Stufe der Leiter des Bremshäuschens. Er schwang noch die Laterne und sah uns. Er brüllte: »Ich schmeiße ihn mitten in der Prärie raus!«

Dann sahen wir nur noch das rote Schlusslicht.

Der Mann, der mir zu Hilfe gekommen war, lachte leise wie über einen guten Spaß. Doch ich konnte nicht recht lachen. Ich grinste nur etwas verzerrt, und mir war nicht wohl dabei.

Ich wandte mich meinem Nachbarn zu. »Vielen Dank, Bruder«, sagte ich. »Es wäre wirklich nicht schön gewesen, hätten mich die Bremser irgendwo in der Prärie vom Zug gejagt. Dieser Deputy ist wirklich kein feiner Mensch. Der hatte vielleicht sogar Spaß bei dem Gedanken, wie schlecht es mir ergehen würde.«

»Stimmt«, pflichtete mir der Bursche bei, und dann gingen wir in die Stadt zurück.

Er war einige Jahre jünger als ich – vielleicht vierundzwanzig. Aber er war fast so groß wie ich, gut proportioniert und wog zwanzig Pfund mehr.

»Und wieso hast du dich in meinen Verdruss eingekauft, ohne selbst etwas dabei zu riskieren?«, fragte ich ihn.

In meiner Stimme war deutlich hörbare grimmige Bitterkeit.

Denn er hatte wahrhaftig nichts riskiert. Der Deputy war von ihm niedergeschlagen worden, ohne ihn zu erkennen.

Aber mich kannte Ray Henderson gut. Der Fremde lachte. »Vielleicht hätte ich dir gar nicht helfen sollen, was?«

Er blieb nach einigen Schritten stehen.

»Ich bin hier ziemlich bekannt«, sagte er. »Wir haben fünfzig Meilen von hier eine Ranch. Ich muss immer wieder her, um Geschäfte zu erledigen, Post zu holen oder Vorräte einzukaufen. Ich konnte mich nicht mit einem Marshal anlegen und mich dabei auch noch erkennen lassen. Begreifst du das, Kamerad? Du bist doch dieser Radigan, Jim Radigan, der es mit den Slaters austragen musste?«

»Ja«, sagte ich. »Und wer bist du?«

»Frank Gilbert – und ich stand draußen vor dem Saloon, als der Deputy dich schnappte. Ich war neugierig, auf wen Ray Henderson wohl wartete. Deshalb blieb ich hinter der Saloonecke verborgen. Aber ich hörte fast jedes Wort und begriff, dass es dir nicht recht sein würde, irgendwo in der Prärie aussteigen zu müssen. Ich konnte nicht anders, ich musste dir aus der Klemme helfen. Und wahrscheinlich hättest du an meiner Stelle nicht anders gehandelt.«

»Ich wäre hervorgetreten«, sagte ich, »und hätte dir einige Dollar spendiert, wie viel, das hätte von meinem Vermögen abgehangen. Sobald ich in der Lage gewesen wäre, für meinen Lebensunterhalt zu sorgen, hätte mich der Deputy in Ruhe lassen müssen.«

»Dann habe ich es also falsch gemacht?« Frank Gilbert – so hatte er sich ja genannt – fragte es bestürzt. Und diese schuldbewusste Bestürzung war echt.

»Vielleicht war ich auch noch zu sehr betrunken«, sagte er dann. »Ich bin eigentlich erst richtig nüchtern geworden, als ich Henderson was auf den Hut gab. Na schön, Radigan, vielleicht hätte ich mich in die Sache nicht auf diese Art einkaufen sollen. Na schön! Aber ich will es wieder gutmachen. Ich habe einen Job für dich, der mir blanke zehn Dollar wert ist. Und überdies kannst du dann auf der Ranch bei meinem Alten mit meiner Empfehlung um einen Job bitten. Vielleicht kannst du zumindest so lange bleiben, bis du dir ein Pferd und einen Sattel verdient hast. Na?«

Gewiss, ich war misstrauisch wie ein narbiger Wolf, der schon mal in einer Falle gesessen hatte und längst erkennen musste, dass die Welt für ihn voller Gefahren ist.

Aber selbst ein erfahrener Wolf geht in eine Falle, wenn er krank und hungrig ist. Dann missachtet er leicht die Warnsignale seines Instinkts, unterdrückt alle unguten Gefühle und ist bereit, an sein Glück zu glauben.

So ähnlich erging es mir. Denn ich brauchte die zehn Dollar dringend. Und ich brauchte auch einen Job.

»Was soll ich tun?« So fragte ich, und ich war entschlossen, nichts zu riskieren, gar nichts!

Wir waren wieder weitergegangen. Nun aber verhielt er abermals.

»Ich kam nach Dodge City«, sagte er, »um Post und Medizin zu holen. Wir haben einen Kranken auf der Ranch, der diese Medizin haben muss. Deshalb müsste ich heim. Aber ich kenne hier eine Frau, die ich erst morgen besuchen kann. Ihr Mann fährt erst morgen in Geschäften nach Osten. Verstehst du das, Radigan?«

»Ja«, sagte ich. »Und mir ist es gleich, ob es Frauen gibt, die ihre Männer mit dir betrügen. Das geht mich nichts an. Ich soll also für dich die Post und die Medizin zu eurer Ranch bringen. Wie weit ist das?«

»Ich sagte es dir schon – so an die fünfzig Meilen. Traust du dir zu, so weit zu reiten? Kannst du das schon durchhalten?«

»Ich könnte nicht um die Wette reiten«, murmelte ich. »Und ich müsste unterwegs zwei- oder dreimal eine Pause einlegen. Aber innerhalb von fünfzehn Stunden würde ich es schaffen.«

»Das langt«, sagte er. »In einer Stunde ist Mitternacht. Wenn du bis morgen Nachmittag dort bist, reicht es. Der Kranke muss die Medizin erst am Abend bekommen. Und meinem Vater sagst du einen schönen Gruß und dass ich hier noch etwas Spaß gefunden hätte. Ich käme in zwei oder drei Tagen.«

»Aber ich habe kein Pferd«, wandte ich ein.

Da sah ich ihn im Sternenschein grinsen. »Ich gebe dir meins und hole mir später eines aus dem Mietstall«, sagte er. »Hier sind die zehn Dollar und noch ein Dollar extra, damit du noch einmal reichlich essen kannst. Geh in die Bratküche in der Gasse beim Black Horse Saloon. Die ist noch offen. Dort kannst du dich für einen Dollar vollstopfen, dass du glaubst, erst wieder in einem Monat essen zu müssen. Ich komme mit dem Pferd und dem Postbeutel dorthin. Nimm dir eine halbe Stunde Zeit. Ich muss das Pferd erst aus dem Mietstall holen. Also!«

Als ich hinaus in die Gasse kam, mussten sich meine Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen.

Aber dann sah ich ein Stück weiter in der Gasse das Pferd. Es war ein geschecktes Pferd, sogar ziemlich verrückt gefleckt.

Es trug zwei Brandzeichen – ein S im Kreis und darüber ein G. Aha, dachte ich, G steht für Gilbert.

Jener Bursche, der mir bis jetzt so fein geholfen hatte, wartete bei dem Pferd. Er atmete noch etwas hastig, so als hätte er sich bis vor einer halben Minute noch mächtig beeilen müssen.

»Na los«, sagte er. »Hier ist das Pferd. Der Postbeutel hängt am Sattelhorn. Die Wasserflasche ist gefüllt. Immer nach Westen reiten und auf der Poststraße bleiben. Etwa vierzig Meilen weiter kommst du an einen Wegweiser, der dich zur Gilbert Ranch weisen wird. Alles klar?«

»Ja«, sagte ich.

»Dann los«, drängte er. »Und sag meinem Alten, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht und er ja auch mal jung gewesen ist.«

Ich ritt aus der Gasse und schlug den Weg zum westlichen Ausgang der Stadt ein.

Einige Leute kamen aus irgendeinem Saloon und sahen zu mir her.

Aus einem Hotel trat ein Mann, sah sich suchend um und rief nach dem Marshal. Er sah auch zu mir her und rief: »He, Cowboy, wenn du den Marshal siehst, schick ihn her!«

Dann lief er nach der anderen Richtung.

Ich dachte: He, mit Ray Henderson ist diese Nacht nicht mehr zu rechnen.

Dann hatte ich das Ende der Stadt erreicht.

Die Poststraße wand sich nach Westen durch sanfte Hügel. Sie folgte dem Fluss. Jener Frank Gilbert hatte mir nicht gesagt, dass ich den Santa-Fe-Weg nehmen sollte. Da hätte ich nämlich auf die andere Seite des Flusses gemusst.

Als die Sonne hochkam, saß ich zum ersten Mal ab. Ich ging eine Viertelstunde, um meine verkrampften Muskeln zu lockern, und legte mich dann eine halbe Stunde hin.

Als ich erwachte, hatte ich noch gar nicht richtig die Augen auf, da wusste ich bereits, dass ich nicht mehr allein war.

Ich hörte Pferde.

Sie umgaben mich im Kreis, und sie schnauften, stampften und keuchten.

Und als ich mir dann die Versammlung grimmiger Gentlemen ansah, da verspürte ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Solch ein Gefühl hatte ich im Verlauf meines Lebens erst zwei- oder dreimal kennen gelernt.

Ich richtete mich langsam auf und sah mich gründlicher um.

Und da erkannte ich Deputy Marshal Ray Henderson. Es war auch noch ein zweiter Deputy da.

Henderson sah mich an.

Ich dachte darüber nach, wie er es wohl geschafft haben konnte, so schnell aus dem Zug zu kommen.

Aber vielleicht hatte er die gegenüberliegende Schiebetür aufmachen oder durch eine Dachluke klettern und dann abspringen können. Vielleicht hatte er sich schon auf dem Rückmarsch befunden, indes ich in der Bratküche mein spätes Nachtmahl verschlang.

Er hatte seinen Hut etwas schief auf dem Kopf. Wahrscheinlich musste er den Hut so tragen, weil ihn sonst die Beule drückte.

Ray Henderson sah mich mit glitzernden Augen an, und ich wusste, dass er mein unversöhnlicher Feind war.

Aber was konnte er mir schon anhaben?

Es stellte sich heraus, dass er das Kommando hatte. Er sagte: »Radigan, du bist festgenommen. Solltest du Widerstand leisten oder gar nach der Waffe greifen, dann schießen wir ohne weitere Warnung. Durchsucht ihn und alles, was er bei sich hat!«

Drei Reiter saßen ab, darunter auch der andere Deputy.

Indes sie mich und mein weniges Gepäck durchsuchten, sagte ich: »Henderson, bist du hinter mir her, weil ich mich von dir nicht in einen stinkenden Häutewagen sperren lassen wollte und mir jemand zu Hilfe kam, den ich gar nicht kannte?«

Er bewegte zuerst nur verächtlich seine Mundwinkel.

Aber dann sagte er: »Gleich wirst du wissen, warum wir hinter dir her sind, du dämlicher Narr.«

Einer hatte nun den Inhalt des Postbeutels auf meine Decke geschüttet.