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Es ist schon Nacht, als Jim Carmody den Ortseingang von Show Down erreicht und anhält. Die letzten drei Meilen ging er zu Fuß.
Er späht in den Hof der Schmiede hinein. In der halb offenen Schmiede hängt eine brennende Laterne und die Feuerstelle leuchtet noch dunkelrot aus dem Hintergrund.
Jim Carmody erkennt auch die hagere Gestalt des Schmieds, der sich prustend am Wassertrog wäscht. Das Licht der Laterne beleuchtet Amos Locke gut.
Jim Carmody erkennt ihn sofort wieder und atmet langsam aus. Noch eine Weile bleibt er unbeweglich stehen - ein großer Mann, der mit einem lahmenden Pferd aus der Nacht kam. Dann bewegt er sich und zieht das Pferd hinter sich her. Als er den Wassertrog erreicht, trocknet sich der Schmied gerade ab ...
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Seitenzahl: 168
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Bitterer Ruhm
Vorschau
Impressum
Bitterer Ruhm
Es ist schon Nacht, als Jim Carmody den Ortseingang von Show Down erreicht und anhält. Die letzten drei Meilen ging er zu Fuß.
Er späht in den Hof der Schmiede hinein. In der halb offenen Schmiede hängt eine brennende Laterne und die Feuerstelle leuchtet noch dunkelrot aus dem Hintergrund.
Jim Carmody erkennt auch die hagere Gestalt des Schmieds, der sich prustend am Wassertrog wäscht. Das Licht der Laterne beleuchtet Amos Locke gut.
Jim Carmody erkennt ihn sofort wieder und atmet langsam aus. Noch eine Weile bleibt er unbeweglich stehen – ein großer Mann, der mit einem lahmenden Pferd aus der Nacht kam. Dann bewegt er sich und zieht das Pferd hinter sich her. Als er den Wassertrog erreicht, trocknet sich der Schmied gerade ab ...
Die Tür des gegenüberliegenden Wohnhauses öffnet sich. Im herausfallenden Licht zeigt sich die Gestalt eines Mädchens. Und eine Stimme ruft fragend über den Hof: »Kommst du jetzt zum Abendessen, Vater?«
»Ich komme, Anne«, brummt der Schmied und starrt dann auf die große Gestalt seines späten Besuchers, denn Jim Carmody hielt genau an der Grenze des Lichtscheins an. Natürlich hörte Amos Locke schon am Schritt des Pferdes, dass diesem vorn das linke Eisen fehlt. Und deshalb sagt er, ohne auf die zu erwartende Bitte seines späten Kunden zu warten, mürrisch, wie es stets seine Art ist: »Heute nicht mehr, Mister!«
Jim Carmody gibt ihm keine Antwort. Er führt sein hinkendes Pferd um den Wassertrog und den Schmied herum bis zum Eingang der Schmiede und lässt es unter der Laterne stehen. Dann betritt er die Schmiede und sieht sich mit kundigem Blick um.
Erst dann sagt er über die Schulter: »Kommen Sie her, Locke, und bringen Sie das Feuer in Gang!«
Amos Locke stößt ein böses Brummen aus. Er hängt das Handtuch über den Pumpenschwengel, zieht mit einer heftigen Bewegung die Hose hoch und setzt sich dann mit schwingenden Armen in Bewegung.
»Zum Teufel, du verdammter Cowpuncher«, sagt er kehlig. »Das habe ich gern. Mir Befehle zu erteilen! Nun aber raus hier! Raus hier, habe ich gesagt! Zum Teufel, wer bist du überhaupt?«
Er hat nun Jim Carmody erreicht und streckt schon eine Hand aus, um diesen an der Schulter herumzureißen.
Doch da wendet sich Jim Carmody ihm zu und schiebt dabei den Hut aus der Stirn. Das Licht der Laterne beleuchtet sein ruhig wirkendes Gesicht, lässt die dunklen Linien darin erkennen und zaubert seltsame Funken in seine rauchgrauen Augen.
Diese Augen liegen sehr tief und stehen weit auseinander – und als Amos Locke in diese Augen blickt, hält er mitten in der Bewegung inne. Von irgendwo aus seinem innersten Kern zuckt plötzlich ein scharfes Warnsignal durch seinen hageren Körper.
Er starrt seinen späten Besucher an – und dann fällt seine noch halb erhobene Hand langsam nieder. Amos Locke schluckt seltsam und fragt dann heiser: »Wer sind Sie, Fremder?«
Jim Carmody betrachtet ihn langsam von oben bis unten. Er erkennt, dass sich Amos Locke während der vergangenen zehn Jahre kaum verändert hat. Gewiss, sein Haar ist dünner geworden und er wirkt noch hagerer und sehniger als zuvor. Auch mürrischer, unduldsamer und bösartiger scheint er geworden zu sein. Sein jetzt bloßer Oberkörper wirkt auf den ersten Blick mager, aber dieser Mann besitzt immer noch seine zähe, ausdauernde und manchmal auch bösartige Kraft.
»Wir kennen uns gut, Locke«, sagt Jim Carmody sanft, und es ist keine gute Sanftheit. »Es ist zehn Jahre her, da ich hier für harte Arbeit Prügel und schlechtes Essen erhielt und endlich den Mut fand, davonzulaufen, weil es mir nirgendwo auf dieser Welt schlechter als hier ergehen konnte. Mein Name ist Jim Carmody. Ich erinnere mich noch an alle Dinge, Locke. Ich habe nichts davon vergessen. Und jetzt bring das Feuer in Gang! Mein Pferd braucht ein Eisen!«
Die letzten Worte spricht er mit einer kalten Härte.
Amos Locke atmet zitternd aus. Sein Blick beginnt zu flackern und irrt an Jim Carmodys Gestalt nieder. Schließlich bleibt dieser Blick eine Weile auf Carmodys Colt gerichtet. Der hängt tief unter der linken Hüfte. Es ist eine alte Waffe mit einem dunklen und abgegriffenen Holzkolben. Diesen Colt betrachtet Amos Locke mit flackerndem Blick. Dann erzittert seine sehnige Gestalt.
»Ich werde das Tier beschlagen – sofort«, sagt er dann tonlos und tritt zum Feuer. Er bringt es in Gang, betätigt selbst den Blasebalg, geht dann kurz zu Jim Carmodys großem Pferd und betrachtet dessen Huf. Dann macht er sich an die Arbeit, indes Jim Carmody an einem Stützpfosten des Daches lehnt, raucht und schweigend zusieht.
Immer wieder irren die Blicke des Schmieds zu Carmodys großer und in ihrer abwartenden Ruhe irgendwie drohend wirkenden Gestalt. Als er das Eisen wieder ins Feuer hält und den Blasebalg betätigt, fragt Carmodys Stimme trocken: »Wie kommt es, dass ich hier keinen halb verhungerten Jungen sehe, der Männerarbeit verrichten muss? Gibt es keine Waisen mehr im Land, deren du dich annimmst, damit sie ein ehrenwertes Handwerk erlernen?«
Amos Locke hält beim Blasebalg inne. Er starrt an Jimmy Carmody vorbei. Der wendet den Kopf und erkennt das Mädchen. Und er hört ihre Stimme sagen: »Kirby Lamm ist uns gestern fortgelaufen.« Sie sagt es mit bitterer Stimme und wendet sich dann ihrem Vater zu, der mit hängenden Armen neben dem Feuer steht.
»Mach weiter, Locke!«, sagt Jim Carmody hart.
»Yeah, Carmody«, sagt der Schmied heiser und setzt den Blasebalg wieder in Tätigkeit.
»Jim? Jim Carmody?«, fragt das Mädchen und tritt schnell näher.
Jim wendet sich ihr zu und nimmt den Hut ab.
»Yeah, Anne«, murmelt er, »ich bin Jim.«
Sie blickt zu ihm auf, denn er ist einen ganzen Kopf größer als sie. Sie betrachtet ihn auf eine sehr feste Art und auch er sieht sie sehr eingehend und genau an. Dabei wird er sich bewusst, dass auch sie längst erwachsen und so voll erblüht ist, wie es ein Mädchen von zweiundzwanzig Jahren nur sein kann.
Sie bietet einen sehr erfreulichen Anblick, und das ist wie ein Wunder, denn er hatte sie als ein mageres, ziemlich hässliches und ungelenkes Ding in Erinnerung. Er erinnert sich auch an viele Dinge, die zwischen ihr und ihm waren. Und als er damals fortlief, wollte sie mit ihm gehen.
Ihre Nase ist immer noch etwas zu klein und hat einen winzigen Schwung nach oben. Doch ihre Augen sind groß und blau und aus ihrem einst so dünnen und fast farblosen Haar wurde eine weizengelbe Pracht. Ja, sie bietet einen sehr erfreulichen Anblick, hält sich sehr stolz und natürlich und wirkt anmutig und lebendig.
In ihren Augen ist plötzlich warme und herzliche Freude, und ihr Mund lächelt ein Willkommen.
Aber dann kann er sehen, wie sie bei einem plötzlichen Gedanken erschrickt. Sie blickt kurz zu ihrem Vater hinüber, der nun das Eisen nochmals aus dem Feuer nimmt, um ihm die letzte Form zu geben. Als sie ihren Blick wieder auf Jim richtet, ist ein ernstes und fast banges Forschen darin.
»Warum bist du gekommen, Jim?«, fragt sie herbe.
Er betrachtet sie noch eine Weile und murmelt dann: »Ich bin heimgekommen. Mein Vater und meine Brüder wurden hier begraben. Und ich besitze als einziger Überlebender der Carmodys hier eine Ranch. Auch gibt es noch eine Menge anderer Gründe. Anne, ich freue mich, dich zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, ob es dir gut geht und ob du schöner geworden bist als alle anderen Mädels im Land.«
Er kann erkennen, wie sie sich noch mehr aufrichtet und auf eine sehr stolze Art das Kinn hebt.
»Jim, warum bist du ein Revolverheld geworden?«, fragt sie auch schon bitter. »Warum hast du dir mit dem Colt einen traurigen und bitteren Ruhm erworben? Du gabst mir damals einige Versprechen, Jim! Keines hast du gehalten. Und jetzt bist du zurückgekommen. Ist dir kein besserer Gedanke gekommen? Bist du heimgekommen, um überall Rache zu nehmen? Oh, Jim ...«
Sie bricht ab, denn ein Reiter kommt von der Straße her in den Hof geritten. Ein Sheriffstern blitzt bald darauf im Lampenlicht, als der Reiter vor der offenen Schmiede anhält. Und er sitzt nicht allein auf dem gelben Pferd. Hinter ihm hockt ein Junge. Sie rutschen beide vom Pferd.
Dann tritt der Sheriff näher.
Er wirft einen scharfen Blick auf Jim Carmody, stutzt leicht, blickt kurz auf Amos Locke und wendet sich wieder an Jim.
»Sie haben es eilig?«, fragt er ruhig.
»Nicht sehr, Hondo Trueblood«, murmelt Jim gedehnt. »Ich bin heimgekommen und am Ziel. Ich habe es nicht eilig. Aber ein Pferd soll nie länger als nötig ohne Eisen sein, nicht wahr? Alles andere hat Zeit, bis mein Pferd beschlagen ist.«
Sheriff Hondo Trueblood zuckt nur leicht und unmerklich zusammen. Dann starrt er Jim fest an und sagt mit einem bitteren Ausatmen: »Jim Carmody?«
»Yeah.«
Der Sheriff nickt.
»Es war eines Tages zu erwarten«, sagt er mit kaltem Grimm.
Jim Carmody betrachtet ihn fest und er sieht einen nicht sehr großen, aber mächtig breiten Mann, der sich schon vor Jahren den Ruf geschaffen hat, eisern und hart zu sein. Er ist jetzt den Fünfzigern sehr nahe, aber sein Haar war schon vor zehn Jahren grau. Hondo Trueblood war stets ein rauer Sheriff, ein Revolver- und Hänge-Sheriff.
Und das ist er jetzt sicherlich immer noch.
Er starrt Jim Carmody fest an, und in diesem Blick ist keinerlei Furcht. Er wirkt unversöhnlich und unnachgiebig.
»Du hast dir einen ziemlichen Ruf geschaffen«, sagt er. »Aber wenn du hergekommen bist, um die alte Fehde wieder neu aufleben zu lassen, dann ...«
»Nur keine Drohungen, Hondo«, unterbricht ihn Jim Carmody kalt.
»Du weißt genau, dass ich niemals drohe«, erwidert Hondo Trueblood sanft.
Und dann sehen sie beide und das Mädchen zu, wie der Schmied Carmodys Pferd beschlägt. Amos Locke ist ein wirklicher Könner seines Berufes. Er beschlägt das Tier in Rekordzeit – und dennoch weiß Jimmy Carmody, dass an seiner Arbeit nichts auszusetzen ist.
Als Amos Locke fertig ist, behält er den Hammer in der Hand.
»Fertig«, sagt er rau. »Was sonst noch?«
Jim Carmody nickt langsam, zieht einen Dollar aus der Tasche, betrachtet ihn nachdenklich und wirft ihn dem Schmied vor die Füße.
»Da«, sagt er, »nimm ihn oder lass ihn liegen.«
»Suchst du Streit?«, fragt Amos Locke, denn die Anwesenheit des Sheriffs macht ihm Mut. Er wirkt nun nicht mehr so furchtsam wie zuvor.
Jim Carmody lächelt bitter.
»Ich habe nie Streit gesucht«, murmelt er dann. »Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich Streit gesucht. Und dennoch hatte ich manchmal alle Hände voll zu tun, um mich gesund und am Leben zu erhalten. Locke, an einem Schwein wie dir vergreife ich mich nicht. Du musst mir nur immer aus dem Weg bleiben – hörst du?«
»Vorsichtig, Jim«, sagt der Sheriff ruhig. »Du hättest deinen Hass bekämpfen und vergessen sollen. Hass führt in die Hölle. Es war eine schlechte Idee von dir, nach Show Down zurückzukommen.«
Er zuckt mit den breiten Schultern und winkt den Jungen herbei, der die ganze Zeit abwartend in der Nähe stand und sich nicht rührte, so als hielten ihn Furcht und Schrecken auf dem Platz fest.
»Komm her, Kirby«, sagt der Sheriff. Und zu Amos Locke gewandt, sagt er härter: »Amos, ich weiß genau, wie erbärmlich du alle Jungen behandelst. Es ist kein Wunder, dass sie dir immer wieder fortlaufen. Ich habe dir Kirby zurückgebracht, damit er kein Tramp wird, der in schlechte Gesellschaft gerät und eines Tages ein Verlorener ist. Ich werde nicht dulden, dass du ihn verprügelst. Er ist kein Hund, verstehst du? Sei fair zu ihm, Amos. Das ist meine letzte Warnung. Ich werde jede Woche einmal zu Kirby kommen und ihn fragen, wie du ihn behandelst. Seine Hände sind voller Blasen, weil du ihn ein Eisen halten ließest, das noch viel zu heiß war.«
»Er war zu dumm, es mit der Zange richtig halten zu können«, knurrt Amos Locke böse.
»Ich habe dich gewarnt, Amos«, erwidert der Sheriff kalt und wendet sich seinem Pferd zu.
Doch da sagt Jim Carmody plötzlich: »Der Junge bleibt nicht bei diesem Schmied, Sheriff – nicht bei diesem Burschen!«
»He!«, stößt Hondo Trueblood hervor und wendet sich schnell um. »Geh fort, Anne«, sagt er dann. »Dieser Mister Carmody will rau werden. Geh fort, Mädel!«
»Ich bleibe«, sagt Anne fest und tritt neben Kirby Lamm. Sie legt ihren Arm um die Schultern des Jungen. »Niemand hier in der Stadt will ihn haben«, sagt sie bitter. »Und ich kann ihn nicht vor der bösen Härte meines Vaters schützen. Jeder Junge erlebt hier in dieser Schmiede die Hölle – und mit Jim Carmody fing es damals vor zwölf Jahren an. Nach ihm liefen schon viele fort – immer wieder. Aber Kirby hat keine Eltern oder Verwandten. Ihm geht es so, wie es damals Jim erging. Wenn er beim nächsten Mal nicht wieder eingefangen werden kann, wird auch aus ihm vielleicht ein Revolverheld wie aus Jim Carmody. Sheriff, können Sie denn Kirby nicht zu anderen Leuten bringen?«
»Zum Teufel, Tochter!«, ruft Amos Locke böse. »Was höre ich da für Reden? Du stellst dich gegen deinen Vater und ...«
»Ich hätte es schon früher tun sollen!«, ruft sie erregt.
»Ruhig«, sagt der Sheriff schroff und behält seinen Blick auf Jim Carmody gerichtet.
»Wie war das, Jim?«, fragt er kalt. »Wolltest du eben einen Befehl erteilen? Der Junge bleibt nicht hier? Nun, wohin soll er denn? Wer will ihn denn haben? Wo kann er denn ein Handwerk lernen, um sich später auf rechtliche Art sein Brot zu verdienen, he?«
»Amos Locke ist verrückt«, sagt Jim Carmody ruhig. »Irgendwie hat er einen Wurm im Schädel und ist verrückt. Er hasst alle Jungen – er hasst sie, weil seine Frau bei der Geburt eines Knaben starb. Er kann keinen Jungen in seiner Nähe haben, ohne ihm die Hölle auf Erden zu bereiten. Ich weiß das.«
»Ich habe es als Junge selbst nicht besser gehabt«, keucht Amos Locke. »Ich war selbst bei einem harten Schmied in der Lehre, und ich wurde ein guter Schmied. Es gibt keinen besseren Schmied auf tausend Meilen in der Runde.«
»Das mag sein«, fährt Jim Carmody ruhig fort. »Nur als Mensch bist du minderwertig. Bei dir wird jeder Junge verdorben. Ich lief dir damals fort und ich hatte eine furchtbare Angst vor den harten und rauen Wegen, auf denen ich ritt. Es war mir, als müsste ich aus der Hölle in einen tiefen Abgrund springen. Aber der Abgrund war mir lieber als die Hölle.«
»Und dann wurdest du der Revolverheld Jim Carmody«, sagt der Sheriff.
»Der Unterschied zwischen uns, Sheriff, besteht nur darin, dass du einen Stern trägst.«
»Meinst du, Jim?«
Der zuckt mit den Schultern. »Ich habe immer daran gedacht, dass ich zurückkommen werde«, sagt er. »Und ich habe mich darauf vorbereitet. Auch ich habe in einigen wilden Städten und in den Baucamps der Union Pacific den Stern getragen. Ich habe mir meinen bitteren Ruhm auf die gleiche Art erworben wie du, Hondo. Und jetzt pass auf, Sheriff! Ich lasse nicht zu, dass dieser Junge bei Amos Locke bleibt. Ich nehme ihn zu mir. Denn ich bin der einzige Mensch im Land, der einem solchen Jungen ein großer Bruder sein könnte. Ich habe erlebt, was diesem Jungen bevorstehen könnte. Hondo, ich nehme Kirby Lamm zu mir, wenn er nur will.«
Hondo Trueblood überstürzt nichts. Er steht eine Weile bewegungslos da und starrt Jim Carmody an.
Amos Locke flucht bitter und knurrt dann böse: »Hondo, du wirst doch nicht zulassen, dass ein Revolverheld ...«
»Halt den Mund, Amos«, unterbricht ihn der Sheriff kalt. »Es gab bisher keinen Menschen im Land, der Kirby Lamm zu sich nehmen wollte. Nur deshalb kam er zu dir. Denn wer nimmt schon den Sohn eines ...« Er bricht ab, weil der Junge jetzt zum ersten Mal einen Laut ausstößt. Es ist ein seltsam wildes und böses Knurren.
»Nur ruhig, Kirby«, sagt Anne.
Ihr Vater scheint sich nun plötzlich an sie zu erinnern. Denn er wendet sich zu ihr um und sagt: »Du hast gegen mich Partei ergriffen, Tochter. Und immer wieder hieltest du gegen mich mit den Jungen zusammen. Vielleicht fragst du Jim Carmody, ob er auch dich haben will? Bei mir ist kein Platz mehr für eine Tochter, die gegen ihren Vater ist.« Er wendet sich mit einem Ruck um und geht davon. Fluchend stapft er über den Hof, verschwindet im Wohnhaus und wirft schmetternd die Tür hinter sich zu.
Der Sheriff beachtet das gar nicht. Er fragt vielmehr: »Jim, was hast du vor? Wenn du hergekommen bist, um Rache zu nehmen, dann kannst du dich doch nicht um diesen Jungen kümmern. Oder weißt du schon, dass die Maddens auch seinen Vater ...«
Er verstummt und er wirkt plötzlich unsicher.
»Die Maddens haben meinen Vater umgebracht und sitzen auf unserer Weide«, sagt der Junge. »Und ich würde gerne zu Ihnen kommen, Mister Carmody. Ich würde sehr gerne bei Ihnen bleiben, Mister.«
Jim nickt ihm zu und er beginnt zu ahnen, dass das Schicksal dieses Jungen dem seinen noch viel ähnlicher ist, als er bisher glaubte.
Der Sheriff aber fragt wieder: »Was hast du vor, Jim Carmody?«
»Ich bringe die Carmody Ranch wieder in Gang«, erwidert ihm Jim. »Und da du hier den Stern trägst, wirst du dafür sorgen müssen, dass die Maddens von meiner Weide verschwinden, die sie nun schon zwölf Jahre widerrechtlich nutzen.«
»Und wenn ich nicht dafür sorge?«, murmelt Trueblood heiser.
Jim Carmody betrachtet ihn fest.
»Es gibt einige Geschichten über mich«, sagt er dann. »Ich habe für Revolverlohn schon einige Weidegründe von Piraten gesäubert, nicht wahr? Und hier würde ich es ohne Revolverlohn tun, weil es meine eigene Weide ist. Sie ist im Grundbuch eingetragen, und ich habe jedes Jahr Steuern dafür überweisen lassen und auch die alten Steuerschulden bezahlt. Jetzt wird es sich herausstellen, ob du ein Sheriff der Madden Ranch bist.«
Hondo Trueblood nimmt seinen Hut ab, holt ein Taschentuch hervor und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Dann nickt er bitter und murmelt: »Das habe ich kommen sehen. Ich habe immer gewusst, dass mir diese Sache nicht erspart bleiben wird. Jim, du bist ein Narr. Du hättest nicht zurückkommen sollen. Ich muss nun mit einem Stock auf ein Hornissennest schlagen. Ich muss es tun, weil ich den Stern trage. Aber für jeden toten Mann, der am Boden liegen wird, wirst du verantwortlich sein. Du bist ein Narr, Jim Carmody.« Er setzt den Hut wieder auf, tritt zu seinem Pferd, sitzt auf und reitet davon. Den Jungen scheint er völlig vergessen zu haben. Seine Gedanken sind mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt. Denn ein Mann, der sich einen besonderen Ruhm als Revolverkämpfer erworben hat, kam in die Heimat zurück und macht nun seine Rechte geltend.
Der Sheriff aber kennt die Maddens und all die Dinge, die hier im Land ruhten, genau genug, um sich ausrechnen zu können, dass der ganze Kummer, der vor zwölf Jahren endete, nun nochmals von vorn beginnen wird. Und überdies verspürt er ein Schuldgefühl, das tief in seinem innersten Kern verborgen war und nun wieder lebendig wird.
Indes er seinem Office zureitet, spürt er deutlich, dass die alte Fehde nun wieder ausbrechen wird, wenn er die Maddens nicht friedlich zu halten vermag. Dies jedoch wird ein Stück Arbeit sein, das er vielleicht nicht schaffen kann. Doch er trägt den Stern und muss es versuchen. Und noch etwas fällt ihm wieder ein: Kirby Lamm.
Es ist noch nicht lange her, da wurden auch Kirby Lamms Vater und Brüder von den Maddens durch das Land gehetzt, weil sie Vieh gestohlen haben sollten.
Gewiss, es gab einige Beweise dafür. Und weil sich die Lamms gegen die Maddens zur Wehr setzten und sogar einen Reiter der Madden Ranch töteten, wurden sie im Verlauf der wilden Hetzjagd, die Wochen dauerte, vernichtet. Er, Sheriff Hondo Trueblood, war dabei und ritt mit den Maddens. Er jagte vermeintliche Viehdiebe und wollte, dass diese sich dem Gesetz und einer Jury stellten. Aber die Lamms stellten sich nicht, sondern setzten sich bis zum letzten Atemzug zur Wehr. Das sprach zunächst natürlich für ihre Schuld.
Und doch spürte der Sheriff immer wieder Zweifel. Auch jetzt.
Er flucht bitter, als er vor seinem Office aus dem Sattel rutscht.
✰
Anne Locke, Kirby Lamm und Jim Carmody blieben allein zurück. Das Mädchen steht immer noch neben dem Jungen, und beide blicken sie Jim an.
