G. F. Unger Sonder-Edition 113 - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger Sonder-Edition 113 E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

Das ist die Geschichte von Tabhunter Ketshum, der in den Andreas Mountains ein paradiesisches Tal entdeckte und dort mit Hilfe einer Handvoll Getreuer ein gewaltiges Rinderreich errichtete.
Wie alle Cattle Kings seiner Zeit verachtete er die Schwachen, schuf sich seine eigenen Gesetze und hielt sich für unbesiegbar.

Aber dann begann sein Thron zu wanken, weil er sich einen anderen Mächtigen zum Feind machte. Ein Kampf der Giganten begann. Ein Kampf, der von beiden Seiten mit gnadenloser Härte geführt wurde. Ein Kampf, bei dem es am Ende keinen Sieger, sondern nur Besiegte gab...

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EPUB

Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Impressum

Cattle King

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manuel Prieto/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-4914-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Cattle King

1

Als sie alle am Tisch versammelt sind, um das Frühstück einzunehmen, das fast schon ein Mittagessen und ganz bestimmt ihr Abschiedsessen ist, betrachtet er sie der Reihe nach.

Sie sind verkatert, und sie schlürfen den Kaffee gierig, um wieder einigermaßen klare Köpfe zu bekommen. Es war eine lange Nacht in Lou Marrylands sündigem Haus.

Oh, sie würden gewiss noch einige Tage und Nächte bleiben und nachholen, was sie in langen Kriegsjahren entbehrten: Weiber und Alkohol.

Aber ihr Geld ist alle.

Sie müssen bis Mittag hier raus.

Ihr Anführer betrachtet sie einer nach dem anderen und denkt dabei: Dies also sind die letzten Männer meiner Abteilung – nur noch sieben. Guerillas für den Süden waren wir, und mich nannten sie Major. Aber jetzt sind wir Satteltramps. Und wir sollten uns von hier aus möglich schnell in alle Winde verstreuen, damit wir unsere Fährten verwischen und die Häscher der Blaubäuche uns nicht finden können. Nun gut …

Nachdem er dies gedacht hat, klopft er mit dem Löffel an die Tasse.

Die Gesichter der Männer wenden sich ihm zu.

Er sagt ruhig: »Von hier aus reitet jeder seinen eigenen Weg. Verwischt eure Fährten. Geht nicht auf die Heimatweide zurück, nicht dorthin, wo man euch von früher kennt. Sucht nach einer Chance. Irgendwo wartet sie auf jeden von uns, man muss sie nur finden. Viel Glück.«

Sie starren ihn an.

Und in ihren verkaterten Hirnen beginnt es nun gewissermaßen zu knirschen. Endlich begreifen sie, dass er ihren »Verein« auflösen will, dass er sie verlassen will und plötzlich alles ganz anders sein wird.

Denn bisher hat er für sie gedacht und ihnen gesagt – befohlen – was sie zu tun hatten. Jetzt aber …

Sie halten inne beim Gedanken an die Zukunft. Sie weigern sich, weiterzudenken. Und endlich sagt einer stotternd: »Mamamajor, dududu willst uns doch nicht verlassen?«

Die Stimme des Fragers gewinnt zuletzt wieder mehr Festigkeit, und es ist ein vorwurfsvoller Klang darin.

Die anderen nicken zu diesen Worten, wobei das Nicken mehr dem vorwurfsvollen Klang als den Worten selbst gilt.

Und nun haben sie auch ihren verkaterten Zustand vergessen. Jetzt sind sie hellwach, und in ihren Augen erkennt er jenes Funkeln, das immer dann in ihren Augen war, wenn sie wussten, dass es hart werden würde. Er ist ein großer, sehniger, hellblonder Mann mit blaugrauen Augen, ein Mann, der schon äußerlich so wirkt, als könnte er andere Männer führen oder als würden sie sich ihm ganz selbstverständlich unterordnen, weil sie spüren, dass er auf allen Gebieten der bessere Mann ist.

Fest erwidert er die funkelnden Blicke.

Eigentlich will er ihnen sagen, dass nun alles vorbei wäre und er keine Lust hätte, noch länger ihr »Kindermädchen« zu sein. Ja, er will ihnen sagen, dass er nicht länger mehr für sie denken und sorgen will, sondern nur noch für sich allein.

Aber er würde dann ihre ganze Verachtung zu spüren bekommen.

Und so sagt er: »Ich werde dann, wenn ich eine Chance für uns gefunden habe, jedem von euch einen postlagernden Brief nach El Paso senden. Von dort aus könnt ihr diese Briefe anfordern. Gut so?«

Sie starren ihn nun noch funkelnder an.

Nur einen kurzen Moment noch strömt und prallt ihr Misstrauen gegen ihn.

Dann erinnern sie sich daran, dass er sie niemals anlog, ihnen stets die Wahrheit sagte und sie niemals enttäuschte, wenn es darum ging, dass sie sich auf ihn als Major verlassen mussten.

Und weil er ihre Blicke fest erwidert, glauben sie ihm.

»Nun gut«, sagt einer von ihnen. »Unser Major hat stets gewusst, was gut für uns ist. Und wir konnten uns stets auf ihn verlassen. Nun gut, machen wir es so. Irgendwann werden wir wieder alle beisammen sein.«

Und alle beginnen sie nacheinander zu nicken.

Dann endlich – so als hätten sie plötzlich Appetit bekommen – fangen sie an zu essen.

***

Als er seine wenigen Sachen in die beiden Satteltaschen und die Sattelrolle packt, da kommt Lou Marryland ins Zimmer.

Sie trägt noch ihren Morgenmantel, und sie hat ihn sich eng um ihre prallen Formen gewickelt. Nein, sie ist nicht dick, nur ein klein wenig praller als normal. Sie hat alles, was zu einer Frau gehört in der richtigen Weise.

Und diese Nacht lag sie in seinen Armen dort in dem zerwühlten Bett.

Er betrachtet sie jedoch auf eine unpersönlich wirkende Art, so als hätte es zwischen ihnen nie etwas gegeben, und vielleicht hat es das auch nicht wirklich. Denn käufliche Liebe ist ein Geschäft.

Und nichts davon bleibt danach im Herzen oder in der Seele zurück.

»Was willst du?« So fragt er ruhig, indes er die Schnallen der Satteltaschen schließt.

Sie verharrt dicht genug vor ihm, sodass er sie greifen könnte.

Und ganz gewiss kann er sie riechen.

Sie duftet verlockend. Denn wenn sie auch ein Flittchen ist, so pflegt sie sich dennoch wie eine Lady.

Sie sagt: »Bleib hier, Major. Ich weiß nicht mal deinen Namen. Sie nennen dich alle nur Major. Aber ich sage dir, bleib hier. Diese Stadt wird bald aufblühen. Denn sie liegt an zwei sich kreuzenden Wagenwegen. Mit deinen Männern könntest du die Stadt übernehmen. Und wir könnten reich werden. Bleib! Denn ich möchte wieder in deinen Armen liegen. Oder war es nicht schön und gut zwischen uns in dieser Nacht?«

Sie fragt es zuletzt mit einem aggressiven Klang in der Stimme.

Er grinst, und es ist ein scharfes, blinkendes Grinsen unter seinem gelben Sichelbart. »Nein, ich bleibe nicht«, sagt er dann nur.

Er erklärt nicht, warum er nicht bleiben will. Er sagt einfach nur »Nein«, aber weil sie eine erfahrene Frau ist, liest sie eine Menge in seinen Augen und spürt es auch mit ihrem feinen Instinkt.

»Diese Stadt ist dir zu schäbig«, murmelt sie. »Und dieses Haus ist dir zu anrüchig. Du bist einer von diesen Burschen, die sich ein Königreich erobern wollen jetzt nach diesem Krieg. Ich wäre dir auch nicht gut genug. Na schön, dann raus hier! Raus hier! Du hast bezahlt für alles, was du bekommen hast. Aber es ist Mittag. Bis Mittag habt ihr bezahlt, sonst müsst ihr neu zahlen.«

Er sagt nichts mehr, nimmt sein Gepäck, geht hinaus, die Treppe hinunter und durch die Hintertür in den Hof.

In einem Corral stehen die Pferde.

Sein grauer, narbiger Wallach kommt auf seinen Pfiff hin zum Gatter.

Er sattelt ihn, befestigt die Sattelrolle hinter dem Zwiesel, wirft die prall gefüllten Satteltaschen über den Pferdenacken, sitzt auf und reitet davon, ohne sich noch einmal umzublicken.

Hinter ihm kommen die anderen Männer nacheinander aus dem Haus.

Und oben aus den Fenstern blicken die Mädchen in den Hof nieder. Sie lachen und rufen anzügliche Bemerkungen, die von den Männern erwidert werden.

Aber dann reiten auch sie davon.

Ihre Wege trennen sich. Manche reiten zu zweit, einige allein.

Was wird in den nächsten Wochen und Monaten aus ihnen werden?

Und werden sie von ihrem Major jemals wieder etwas zu hören bekommen?

***

In den nächsten Tagen und Wochen reitet Tabhunter Ketshum nach Westen, immer nur nach Westen. Er hält sich nie lange irgendwo auf, nur eben lange genug, um an einem Spieltisch ein paar Dollars zu gewinnen und sich nach irgendwelchen Chancen umzuhören.

Er sucht sogar in einigen alten, verlassenen Minen nach Silber oder Gold, hofft dabei, auf neue Vorkommen zu stoßen.

Aber dieses Glück stellt sich nicht ein.

Es kommt zwar immer wieder vor, dass jemand in verlassenen Minen neue Vorkommen entdeckt – manchmal sogar Adern –, aber zu diesen Glücksburschen gehört er nicht.

In diesen Wochen ist er nicht allein auf dem Weg nach Westen.

Jetzt nach dem verlorenen Krieg – verloren für den Süden –, sind viele Reiter nach Westen unterwegs, auch Wagenzüge. Und alle Menschen suchen nach Chancen. Die Armut ist überall groß. Es gibt kaum Bargeld. Zumeist werden Tauschgeschäfte abgewickelt.

Selbst die großen Ranches können keine Löhne zahlen, obwohl sich während des Krieges die Rinder überall wie Mäuse oder Kaninchen vermehrt haben.

Für diesen Rindersegen gibt es jedoch keine Absatzmärkte. Und selbst für eine Rinderhaut erhält man so viel Geld, um den Abhäuter und den Transport bezahlen zu können.

Rinder sind zurzeit nichts wert.

Scheinbar!

Denn irgendwann muss es Absatzmärkte geben.

Man munkelt, dass im Osten große Fleischfabriken entstehen, dass es Kühlhäuser gibt – und diese Kühlhäuser auch in Seeschiffe eingebaut werden, damit man das Fleisch nach Europa schaffen kann, in welcher Form auch immer.

Es müssen bald andere Zeiten kommen.

Jeder hofft es.

Überall hier im Südwesten tauchen auch die Steuereintreiber der Union auf, begleitet von Soldaten. Und schon bald finden Versteigerungen statt. Die Käufer sind zumeist reiche Yankees oder deren Beauftragte.

Denn die Yankees im Osten – die Kriegsgewinnler, die während des Krieges große Geschäfte machen konnten –, die haben eine Menge Geld. Und sie kaufen auf den Versteigerungen auf, was sie nur bekommen können. Sie bekommen es billig, sozusagen »für einen Apfel und ein Ei«. Manche arbeiten mit den Steuereintreibern zusammen.

Tabhunter Ketshum bekommt dies alles mit in diesen Wochen des Reitens und Suchens nach Chancen.

Einige Male ist es schon fast soweit, dass er einem Steuereintreiber oder einem reichen Yank die Kasse rauben will.

Doch dann beherrscht er sich letztlich, versucht am Spieltisch ein paar Dollars zu gewinnen und reitet eine Zickzackfährte nach Westen. Er durchfurtet den Pecos. Hielte er sich nördlich, käme er nach Santa Fe. Und wenn er die südlichere Richtung einhielte, müsste er nach El Paso gelangen.

Er weiß noch nicht, welche Richtung er wählen soll.

Am Nachmittag muss er über einen Hügelsattel.

Zu seinen Füßen – nur drei oder vier Meilen entfernt – erblickt er eine kleine Stadt im Tal.

Wieder eine Stadt mehr, die arm ist und in der schon mehr als ein Dutzend Burschen meiner Sorte auf ihre Chancen warten, denkt er bitter.

Denn er weiß, dass es auch dort in dieser Stadt so sein wird wie überall. Vor dem Saloon werden Müßiggänger herumlungern, die alles registrieren wie Raben auf einem Ast.

Er reitet dennoch auf die Stadt zu.

Als er sie ereicht, ist es schon fast Abend. Der Himmel wird sich bald über der sinkenden Sonne röten.

Von Norden her kommt eine Abteilung Soldaten mit einigen Zivilisten herangeritten. Man sieht ihnen an, dass sie einen langen Ritt hinter sich haben und einige Tage und Nächte im Freien verbrachten. Ihre Pferde stolpern. Die Reiter hängen müde in den Sätteln.

Als Tabhunter Ketshum von Osten her den Platz in der Stadtmitte erreicht, treffen die Reiter von Norden her ebenfalls dort ein.

Sie versammeln sich beim Brunnen.

Einige Neugierige treten näher. Und in Begleitung eines Armeezahlmeisters erscheint ein Mann auf der Hotelveranda, der laut herüberruft: »He, warum habt ihr den verdammten Hengst nicht eingefangen? Seid ihr denn alle solche Pfeifen, dass ihr einen Hengst und ein Dutzend Stuten nicht einfangen könnt?«

Die Stimme des Mannes grollt böse vor Verachtung.

Er ist dickleibig und halb wie ein Städter aus dem Osten gekleidet. Wahrscheinlich kommt er nicht einmal ohne Hilfe auf ein Pferd hinauf. Aber seine Stimme klirrt vor Wut und Verachtung.

Tabhunter Ketshum drängt sich mit seinem Pferd zwischen die Reiter beim Brunnen und den hier vorhandenen Wassertrögen. Auch er und sein Tier sind durstig und mit Staub bedeckt.

Er hört die heiseren, missmutigen und ärgerlichen Stimmen der Reiter, die wie er ihre Tiere tränken und sich erfrischen. Immer wieder wird ein Eimer mit frischem Wasser aus dem Brunnen hochgezogen.

Tabhunter Ketshum wird in diesen Minuten klar, was hier geschehen ist.

Ein wunderbarer Zuchthengst und ein Dutzend Zuchtstuten sind von dem dicken Mann ersteigert worden. Aber dann ist der Hengst mit den Stuten in einer dunklen Nacht verschwunden.

Und dann hat der reiche Yankee tausend Dollar Prämie für die Wiederbeschaffung ausgesetzt. Der Zahlmeister hatte sogar Soldaten ausgeschickt, die den Zivilisten als Treiber beim Einkreisen des Hengstes und dessen Stuten helfen sollten.

Aber der Hengst ist ihnen entkommen.

Als Tabhunter Ketshum das alles weiß, nimmt er sein Pferd an den Zügeln, zieht es hinter sich her und geht zur Hotelveranda hinüber, wo noch der Zahlmeister und der dicke Yankee stehen und sich von einem Sergeanten Bericht erstatten lassen.

Als der Sergeant abtritt, tritt Tabhunter Ketshum näher.

Er fragt: »Erhöhen Sie die Prämie, Mister?«

Die beiden Männer sehen ihn an. Und in ihren Augen erkennt er, wie hart und erfahren sie sind. Diese beiden Kerle sind hier, um den Süden auszuplündern, wie es gewiss ihrer Meinung nach jeder Besiegte verdient hat.

Sie sind ein Partnerpaar, das sieht man ihnen deutlich an.

Was der Zahlmeister als Vertreter der Besatzungsmacht versteigert, kauft der Dicke für ein Spottgeld.

»Und wenn?« So fragt der Dicke.

»Dann schaffe ich den Hengst und die Stuten herbei«, erwidert Tabhunter Ketshum ruhig.

»Und warum gerade Sie – wenn es die anderen nicht schafften?«

»Weil ich besser bin«, erwidert Ketshum schlicht. »Aber es muss sich lohnen«, fügt er hinzu. »Zweitausend Dollar.«

»Fünfzehnhundert, wenn Sie den verdammten Hengst und alle Stuten herschaffen. Fünfzehnhundert. Und für jede fehlende Stute fünfzig Dollar weniger. Es waren zwölf Stuten.«

Tabhunter Ketshum nickt.

»Geben Sie mir das schriftlich als Vertrag«, verlangt er.

»He, Sie sind wohl ein ganz vorsichtiger Bursche, Mann? Wie ist denn Ihr Name? Sie sind doch Texaner – oder?«

»Ich heiße Tabhunter Williams«, sagt der Gefragte und nennt dabei nur seine beiden Vornamen. »Und wer sind Sie?«

Der Dicke prustet vor verächtlichem Vergnügen. »Er kennt mich nicht mal«, schnauft er schließlich. »Mann, Williams, ich bin John Fitzgerald!«

Er sagt es wie ein Mann, der sicher ist, dass man ihn beim Nennen seines Namens mit Respekt und Ehrfurcht behandelt.

Aber Tabhunter Ketshum nickt nur und sagt: »Wie schön für Sie. Dann geben Sie mir endlich den Vertrag, der mir bei Erfolg die ausgemachte Prämie zusichert. Oder möchten Sie nicht, dass ich hinter dem verdammten Hengst hersause? Wie sieht er überhaupt aus? Hat er ein Brandzeichen und …«

2

Von Hinterhersausen kann natürlich keine Rede sein, denn Tabhunter Ketshum nimmt sich Zeit in den nächsten Tagen und Nächten.

Aber er weiß, dass ihm der Hengst mit den Stuten nicht entkommen kann.

Er wird ihn irgendwo und irgendwann mit dem Lasso einfangen.

Und wenn er den Hengst an der Leine hat, werden ihm die Stuten folgen. Das sind sie nicht anders gewöhnt. Dazu zwingt sie ihr Instinkt.

So einfach ist das also.

Wenn er den Hengst in der Lassoschlinge hat, ist er eintausendfünfhundert Dollar reicher. Und das ist ein gewaltiger Batzen Geld in dieser Zeit. Dafür könnte er eine Ranch kaufen.

Der Hengst und die zwölf Stuten müssen besonders wertvolle und einmalige Tiere sein. Wahrscheinlich sind die Stuten auch trächtig und deshalb noch wertvoller als ohnehin.

Sonst würde der dicke, reiche Yankee, der sich John Fitzgerald nennt, nicht so viel Geld dafür versprochen haben.

Die Fährte führt nach Westen, also nicht in Richtung El Paso im Süden und auch nicht nach Santa Fe im Norden.

Es geht nach Westen, immer nur nach Westen.

Aber es ist keine schnurgerade Fährte. Sie zickzackt, und manchmal ist sie kaum noch zu erkennen. Mehrmals verliert er sie in den nächsten Tagen. Aber er findet sie immer wieder.

Dennoch beginnt er den Hengst zu bewundern und immer größeren Respekt vor ihm zu empfinden. Denn dieses Tier ist so schlau wie ein alter Indianer auf der Flucht.

Immer tiefer folgt er dem Tier und dessen Harem durch die Sacramento Mountains. Die Fährte führt durch Hügelketten, tiefe Schluchten und gewaltige Canyons, über Pässe hinweg hinunter zu Ebenen. Und dann öffnen sich auch schon wieder jenseits dieser Ebenen neue Canyonmäuler, geht es hinunter in tiefe Schluchten, steigt das Gelände wieder an zu neuen Bergketten.

Weiter im Süden auf der anderen Seite des Hauptkammes der Rockys müssen die Andreas Mountains sein, und von ihnen abwärts gelangt man irgendwo zwischen Las Palomas und Socorro zum Rio Grande.

Das weiß Tabhunter Ketshum einigermaßen sicher. Doch in dieser Gegend hier war er noch nie. Es ist dies auch Apachenland. Während des Krieges sind die Schutztruppen hier aus dem New Mexiko- und Arizona-Territorium abgezogen worden, um auf den Kriegsschauplätzen zu kämpfen. Auch eilten viele männliche Bewohner des Gebietes beider Territorien zu den Fahnen.

Deshalb wurden die Apachen stark.

Und das ist auch immer noch so.

Tabhunter Ketshum muss also mit Vorsicht reiten.

Und es kann sogar sein, dass ihm die Apachen den Hengst und die Stuten wegschnappen und ihn selbst töten.

Die fünfzehnhundert Dollar werden kein leicht verdientes Geld sein.

***

Eine Woche später sieht er den Hengst und die Stuten zum ersten Mal von einem Pass aus über die Ebene zu seinen Füßen ziehen und in einem Canyonmaul verschwinden. Er hat noch Zeit, die Tiere zu zählen, und er stellt fest, dass sie noch vollzählig sind.

Er verspürt nun ein erstes Anzeichen von Ungeduld. Doch es gelingt ihm, alles wieder zu unterdrücken, wegzuwischen. Denn er weiß zu gut, dass Ungeduld der schlimmste Feind eines Jägers ist.

Etwa zwei Stunden später ist er unten auf der Ebene und lässt seinen grauen Wallach auf der deutlichen Fährte traben.

Aber dann biegt die Fährte plötzlich ab, schlägt einen kleinen Halbkreis und kehrt wieder auf den alten Indianerpfad zurück.

Er hält an, und er fragt sich, warum der Hengst mit seinen Stuten hier so plötzlich ausbog, fast so als hätte ihn aus den Büschen oder zwischen den kaum brusthohen Felsen hervor ein Wolf angeknurrt oder ein Puma angefaucht.

Tabhunter Ketshum wendet sein Pferd und reitet hinüber zum alten Indianerpfad. Und da sieht er es.

Es sind Gerippe, Menschengerippe und Totenschädel, halb zugedeckt und zugeweht zwar, doch nicht völlig verborgen.

Außer den Gerippen ist nichts zu entdecken vom Sattel aus – keine Ausrüstungsgegenstände oder Reste von Kleidungsstücken, Stiefel zum Beispiel, Wasserflaschen, Sättel.

Er überlegt, und sein Verstand sagt ihm, dass die Toten bis auf die nackte Haut ausgeraubt wurden. Also können es nur Apachen gewesen sein. Denn diese gebrauchen alles.

Diese Menschengerippe und Totenschädel stammen also von weißen Männern, die hier von den Apachen niedergemacht und völlig ausgeraubt wurden.

Ja, das ist wahrscheinlicher als alles andere.

Er seufzt leise, und er kann sich vorstellen, was für ein Drama sich hier abspielte. Sogar der Hengst bekam noch eine ungute Witterung, sodass sein Instinkt ihn einen Bogen schlagen ließ.

Er zögert.

Soll er absitzen?

Doch wozu?

Die Gerippe sind ja halb schon begraben. Und die Seelen der Toten sind entweder im Himmel oder in der Hölle.

Dennoch sitzt er ab. Er findet einen Knüppel und beginnt damit im Boden herumzustochern. Nein, er weiß nicht, was er sucht. Aber vielleicht hofft er auf irgendein Ausrüstungsstück, das ihm sagen kann, ob diese Toten Zivilisten, oder Soldaten waren.

Eine Weile findet er nichts. Wer diese Toten hier auch niedergemacht haben mag, er konnte alles gebrauchen, was sie bei sich trugen oder mitführten.

Er will schon aufgeben und sich seinem wartenden Pferd zuwenden, diesem narbigen Wallach, der ein Kriegspferd ist und sich nicht vor Toten oder deren Gerippen fürchtet.

Doch da stößt sein stochernder Stock auf etwas, was ihm zuerst als Stein unter der staubigen Erde vorkommt. Er hebelt es mit dem Stockende heraus.

Und es ist eine grün gewordene Messinghülse, wie Reiter sie in diesem Land als Tabaksdose oder Behälter für Zündhölzer, die nicht nass werden sollen, benutzen.

Er öffnet sie.

Und er holt ein eng zusammengefaltetes Papier hervor, herausgerissen wahrscheinlich aus einem Notizbuch.

Mit Tintenstift wurden die Worte geschrieben:

… diese Apachen machen uns gleich alle. Wir fanden keinen Weg für unsere Herde durch die Berge. Aber wir fanden ein herrliches Tal als Weide mit vielen Wasserstellen. Wir ließen Shorty Frank im Tal bei der Herde und wollten ausschwärmen, um einen Pass nach Westen zu suchen. Da versperrten uns die Apachen den Weg. Zwei von uns haben sie schon getötet. Gleich kommen sie wieder und erledigen den Rest von uns. Gott sei uns gnädig, denn wir alle waren Sünder.

H.B. Barrow

P.S. Kümmert euch um Shorty Frank, denn er verlor ein Bein und hat kein Pferd mehr. Er ist bei der Herde im Valley.

***

Tabhunter Ketshum starrt auf die kaum lesbaren Worte auf dem zerknüllten Zettel und versucht alles zu begreifen.

Aber eigentlich ist das recht einfach, wenn man nur genügend Vorstellungskraft besitzt.

Eine Herde wurde nach Westen getrieben und wollte auf die andere Seite der Rockies. Das Ziel dieser Herde können nur die Gold- und Silberfundgebiete in California gewesen sein.

Denn nur dort, wo zehntausende von Glückssuchern nach Gold und Silber suchen, nachdem der große Goldrun losgebrochen ist, kann man Rinder für viel Geld verkaufen. Nur dort in den Fundgebieten von California ist das Fleisch knapp. Nur muss man es lebend hinbringen.

Tabhunter Ketshum kennt die vielen Geschichten von Herden, die vor dem Krieg nach Westen aufbrachen, um einen Weg nach California über oder durch die Berge zu finden.

Viele Herden schafften es nicht und blieben irgendwo verschollen.