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Die Besatzung von Apache Springs und die in seinen Schutz geflüchteten Frauen und Kinder waren dem Tod geweiht. Coloradas Victorio, der Häuptling der Chiricahua-Apachen, wollte Rache für sein von weißen Skalpjägern grausam niedergemetzeltes Dorf.
Doch dann tauchte Les Quinnahan auf, der Mann, dem Red Vic die kleine Schwester geraubt hatte ...
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Apache Springs
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Manuel Prieto/Norma
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-5442-3
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Apache Springs
Der Apachenkrieg im Südwesten währte von 1835 bis etwa 1886, und noch im Jahre 1880 zahlte man in Tucson Prämien für Apachenskalps. Die höchsten Preise wurden 1840 von der mexikanischen Regierung gezahlt: hundert Goldpesos für einen männlichen, fünfzig Goldpesos für einen weiblichen und fünfundzwanzig Goldpesos für den Skalp eines Apachenkindes. Die Apachen erwiderten diesen Hass mit ganzer Kraft und standen den Weißen an Grausamkeit nicht nach.
Die Skalpjagd war für Schurken aller Rassen ein einträgliches Geschäft. Doch schon bald fand man heraus, dass eine Anzahl der angeblichen Apachenskalps von Mexikanern oder friedlichen Pueblo-Indianern stammte.
Es war eine grausame Zeit. Männer wie Les Quinnahan und Frauen wie Ann Sherburn lebten zu jener Zeit in diesem Land. Ihretwegen schreibe ich diese Geschichte – nicht wegen der roten oder weißen Mörder.
G. F. Unger
1
Als Les Quinnahan die Quelle erreicht, lebt Bill Sherburn noch. Die Apachen haben ihn mit einer Lanze am Boden festgenagelt.
Bill Sherburn liegt ganz still. Sein Gesicht ist schweißbedeckt. Wahrscheinlich spürt er die Schmerzen schon nicht mehr richtig. Als er den Reiter auf dem löwengelben Pferd auftauchen sieht, kehrt sein Verstand noch einmal zurück. Seine Energie lässt seine Lebensgeister noch einmal aufflackern.
Nach einer Weile erkennt er Les Quinnahan sogar. Sie begegneten sich manchmal in den wenigen Siedlungen des Landes und in Städten wie Tucson, Nogales, Silver City, Las Palomas und El Paso. Er verzerrt sein zerschundenes, schweißbedecktes Gesicht zu einem Grinsen. »Pass nur auf«, stößt er hervor, »dass sie dich nicht auch erwischen! Denn sie sind gewiss noch in der Nähe. Ich war …«
»… auf Skalpjagd«, unterbricht ihn Les Quinnahan heiser. »Du gehörtest zu einer Mannschaft, die auf Skalpjagd war. Am Pinto Creek habt ihr ein Dorf mit Frauen und Kindern gefunden und es überfallen. Ihr habt viele Skalps erbeutet.«1)
»Ja«, erwidert der Sterbende mühsam. »Ich selbst erwischte sieben Skalps und hätte mir für die Prämie eine neue Milchkuh und einige andere Dinge kaufen können. Die Apachen fügten mir immer wieder großen Schaden zu, und ich dachte mir, dass nun sie einmal bezahlen … Oh, ich konnte ihnen nicht entkommen. Coloradas Victorio holte uns ein. Er erwischte nacheinander alle von uns. Ich bin der letzte Mann. Doch bevor sie mich mit der Lanze hier festnagelten, sagte er mir, dass er dorthin ginge, wo unsere Frauen und Kinder lebten und …«
Er kommt nicht weiter. Seine leise und vor Schmerz heisere Stimme versagt.
Les Quinnahan saß inzwischen ab. Er berührt mit den Fingern die Lanze, doch er zögert, sie herauszuziehen. Er hat in diesem Land schon mehr als einen Mann auf diese oder ähnliche Art sterben sehen. Bill Sherburn wäre noch schneller tot, entfernte man die Lanze.
Sherburn öffnet wieder seine Augen.
»Du bist Quinnahan, nicht wahr? Reite zu meiner Frau und sag ihr, dass sie frei ist. Ich war schon immer ein Versager. Coloradas Victorio ist unterwegs, um kleine Siedlungen und Ranches zu überfallen. Er will Rache für unser Massaker nehmen. Ann und Joe müssen fort. Vielleicht können sie sich bis Fort Grant …«
Er schließt plötzlich die Augen, zuckt zusammen und entspannt sich allmählich. Er ist tot.
Les Quinnahan weiß es.
Er starrt auf Bill Sherburn nieder und weiß nicht, ob er ihn bedauern oder verachten soll.
Bill Sherburn war einer von diesen zähen, verwegenen Siedlern, die es wagten, mit Frau und Kind in einem Land zu leben, in dem sie ständig von wilden Apachen bedroht wurden. Diese Siedler setzten all ihre Chips darauf, dass es der Armee gelingen würde, die Apachen endgültig zu befrieden.
Doch zumeist verloren sie dieses Spiel – wie jetzt Bill Sherburn. Die Apachen stahlen oder töteten ihr Vieh und ihre Pferde. Sie brannten ihnen die Hütten nieder, vergifteten ihre Brunnen oder Wasserstellen. Oder sie töteten die Männer, manchmal auch die Frauen – niemals jedoch die Kinder.
Les Quinnahan steht bei dem Toten und denkt über all diese Dinge nach. Plötzlich erinnert er sich an Bill Sherburns Frau, an ihr rotes Haar und ihre grünen Augen, an ihren Gang, ihre Stimme und an die Art, wie sie das Kinn hob.
Das sah er damals in Tucson, als Sherburn mit seiner Frau aus der Bank kam, wo er einen Kredit bekommen hatte. Les hatte dem Paar nachgesehen und sich gefragt, wie ein Mann wie Sherburn zu einer solchen Frau kam?
Nun ist er tot. Und sie ist in Gefahr. Alle kleinen Siedlungen und Farmen nach Norden zu sind in Gefahr.
Les Quinnahan ist nur wenig mehr als mittelgroß, dabei hager wie ein Wüstenwolf. Doch seine Schulterpartie, seine langen Arme und die geschmeidigen Hände verraten eine rasche, zupackende Kraft. Seine Handgelenke sind fast so breit wie die Handrücken. Er hat ein dunkles, etwas hohlwangiges Gesicht, dunkles Haar und helle Augen. Sein Gesicht kerben einige tiefe Linien, und in den hellen Augen funkeln zuweilen seltsame Lichter.
Er trägt zwei Revolver und in den weichen Stiefeln ein Green-River-Messer.
Als General Crook hier im Südwesten das Kommando übernahm, nachdem General Howard es nicht geschafft hatte, die Apachen zu befrieden und in Reservate einzusperren, wollte er Les Quinnahan gern als Chef-Scout gewinnen.
Doch Quinnahan wollte nicht.
Während er auf den Toten starrt, entschließt er sich, zu dessen Frau zu reiten und zu versuchen, sie zu retten. Dabei fällt ihm ein, dass Sherburn auch einen Sohn hat – einen noch kleinen Sohn. Bei diesem Gedanken durchfährt es ihn heiß. Denn er denkt an ein kleines Mädchen.
***
Les Quinnahan kennt sich in diesem Land aus wie die Apachen, denn er wurde hier geboren. Sein schottischer Vater kam ins Land, als es noch zu Mexiko gehörte. Quinnahan musste schon sehr früh erfahren, dass dieses Land mitleidlos ist und die Lebewesen darin keine Gnade kennen. Hier galt von jeher nur das Gesetz des Überlebens.
Dieses Land ist hart und grausam zu allen, die darin leben; es duldet nur wilde Geschöpfe.
Die Frauen brauchen ihre ganze Kraft – sonst zerbrechen sie.
Es ist ein unendlich wirkendes, verlorenes und schweigsames Land, mit gleißenden Sonnenuntergängen, kalten Nächten und tausend Farben. Coyoten und Wüstenwölfe, Klapperschlangen, Antilopen, Schwarzschwanzrehe, Adler und Pumas leben hier.
Eine Handvoll Soldaten versucht manchmal, Apachen zu töten, und wird zumeist selbst getötet.
Es gibt Rancher, Siedler, Geächtete und Goldsucher in diesem Land. Doch mehr oder weniger gehört es noch den Apachen.
Aber ein Mann wie Quinnahan kann es mit ihnen aufnehmen.
Er reitet den Rest des Tages, beschreibt dann in der Nacht einen weiten Bogen und rechnet sich aus, dass er die Kriegshorde überholt hat. Als er dann wieder auf dem richtigen Weg reitet, weiß er, dass sie seine Fährte entdecken werden. Doch er hat keine Zeit mehr zu verlieren, er muss den kürzesten Weg reiten.
Als es Tag wird, hält er an und späht von einem Hügel aus nach Süden.
Die Staubwolke ist etwa drei Meilen zurück. Er hat also trotz des großen Bogens, den er in der Nacht schlug, drei Meilen Vorsprung.
Noch weiter zurück steigt Rauch zum Himmel. Wahrscheinlich brennt dort ein Wagenzug, den sie im ersten Morgengrauen überfallen haben.
Die anderen, die sich nicht beim Wagenzug aufhalten, kommen auf ihren hageren Mustangs schnell vorwärts.
Les Quinnahans löwengelber Wallach, der in der Wüste geboren wurde, ist die ganze Nacht gelaufen. Dennoch schnaubt er willig, als sein Herr ihn wieder antraben lässt.
Die Zeit drängt. Die Apachen haben Quinnahans Fährte gefunden und sofort begriffen, dass er unterwegs ist, um ihr Kommen zu melden und um das ganze Land zu alarmieren. Sie wissen, dass er vor ihnen, die den Tod bringen, warnen will.
Zehn Meilen weiter trifft Les Quinnahan auf seinem schweißbedeckten Pferd die Postkutsche von Tucson nach Nogales. Er hält sie mit erhobenen Händen an und zeigt damit, dass er friedliche Absichten hat; denn der Begleitmann zielt mit einer Schrotflinte auf ihn, die mit Indianerschrot geladen ist, das ihn gewiss ein Pfund schwerer machen würde.
»Wenn ihr in dieser Richtung weiterfahren wollt, so müsst ihr wissen, dass einige Meilen hinter mir Coloradas Victorio angebraust kommt«, sagt Les Quinnahan trocken zum Fahrer, während er näher an die Kutsche heranreitet.
»Na und?«, fragt der Fahrer und schiebt seinen Kautabak von einer Backentasche in die andere. Dann erst spricht er weiter: »Die Regierung hat mit den Apachen einen Vertrag, nach dem die Postwege offen sind. Das war schon bei Cochise der Fall und ist immer noch so. Wenn dieser Coloradas Victorio hinter Ihnen her ist, Amigo, dann bedeutet das noch lange nicht, dass wir uns Sorgen zu machen brauchen. Warum ist er denn hinter Ihnen her, ha?«
Les Quinnahan betrachtet den Kutscher fast ausdruckslos. Das ist seine Art; er drängt sich oder seinen Rat niemals auf. Wenn er gesagt hat, was zu sagen war, versucht er nie irgendwelche Überredungskünste. Denn er meint, dass jeder sein eigener Hüter ist und allein entscheiden muss.
Aber er beantwortet die Frage dennoch.
»Ihr wisst, dass man in Tucson Prämien für die Skalps von Bronco-Apachen zahlt. Es taten sich eine Anzahl Skalpjäger zusammen. Sie überfielen Coloradas Victorios Dorf, machten alle Frauen, Kinder und ein paar alte Krieger nieder. Der Rote Viktor und seine Krieger waren zu dieser Zeit noch drüben in Mexiko, um Pferde zu verkaufen. Sie kamen früher zurück, als die Skalpjäger erwartet hatten. Dann begann die Jagd, die sich über eine Strecke von fünfzig Meilen zog. Von den Skalpjägern lebt keiner mehr, obwohl sie ihre Skalps weggeworfen hatten, um nicht mit ihnen erwischt zu werden. Sie sind alle tot, alle! Und es waren insgesamt mehr als zwei Dutzend Burschen, die sich für hart hielten.
Mann, Red Vic ist unterwegs, um Rache zu nehmen! Ich sah kurz nach Tagesanbruch einen Wagenzug brennen. Und jetzt habe ich genug geredet, Leute!«
»Das hat er«, sagt der Begleitmann.
Der Fahrer nickt, spuckt seinen Priem aus und zieht das Sechsergespann herum. Als er es wieder auf der Straße hat, die eigentlich nichts anderes ist als eine ausgefahrene Spur von Wagenrädern, knallt er den Tieren die lange Peitsche um die Ohren und brüllt heiser: »Braah! Hoiiiya! Lauft, ihr dicken Tanten! Lauft nur, ihr Trampeltiere! Braaah! Hoiiiyaaah! Wollt ihr vielleicht, dass ich meine letzten Haare verliere!«
Eine Staubwolke bleibt zurück – so schnell ist die Überlandpost auf dem Rückweg nach Tucson.
Die Stadt Tucson wird für die nächste Zeit von jeglichem Verkehr abgeschnitten sein, einer Insel gleich inmitten eines von Piraten und Haien verseuchten Meeres.
Rings um die Stadt aber werden kleine Siedlungen, Farmen und Ranches brennen.
Denn was kann man von Coloradas Victorio genannt Red Vic – anderes erwarten? Obwohl er einige Jahre als Knabe in eine Missionsschule ging, wurde er später wieder ein Bronco-Apache, also ein wilder Apache. Doch selbst einem gläubigen Christen würde es an seiner Stelle wahrscheinlich schwerfallen, keine grausame Rache zu nehmen.
Les Quinnahan biegt von der Poststraße ab und lässt die Postkutsche davonsausen. Er kann sicher sein, dass längst der Straße bis nach Tucson Alarm gegeben wird.
Les dringt nun nach Osten zu tiefer in die südlichen Ausläufer der Santa-Catalina-Kette ein, die ihm den Weg zum San Pedro Valley versperrt.
Er weiß, dass es in diesen kleinen, grünen und geschützten Tälern viele Siedler, Farmer und kleine Rancher gibt. Schon oft wurden sie vertrieben, aber sie kamen immer wieder zurück und bauten neu auf.
Irgendwo in diesem Land muss auch Bill Sherburns Frau mit dem Jungen leben. Während er reitet, denkt er wieder an diese Frau.
Noch nie hat eine Frau einen solchen Eindruck auf ihn gemacht. Doch sie war die Frau eines anderen Mannes gewesen. Er hatte manchmal mit einem tiefen Bedauern daran gedacht.
Und nun … Er muss sie finden!
Gegen Mittag hat er endlich die erste Siedlerstätte erreicht. Er hält sich mit seiner Warnung nur zwanzig Sekunden auf und reitet weiter. Als er sich nach einer halben Meile im Sattel wendet, sieht er den Siedler mit Frau und Kindern davonreiten – alles zurücklassend, was sie in den beiden letzten Jahren aufbauten. Wahrscheinlich wird bald alles brennen, und die Tiere im Corral werden getötet …
In den nächsten beiden Stunden reitet er eine Zickzackfährte durch die Täler, warnt eine ganze Anzahl Menschen und verliert mehr und mehr von seinem Vorsprung.
Wenn er über Hügel oder Pässe reitet und gute Sicht zurück hat, sieht er Rauch aufsteigen, und er kann daran erkennen, wie dicht Coloradas Victorio hinter ihm ist.
Von den beiden letzten Siedlern, die Les Quinnahan warnte, erfuhr er die genaue Lage der Sherburn-Ranch.
Er wusste sofort Bescheid, denn vor dem Krieg lagerte er einmal in diesem Tal, dessen Quelle als »Apachen-Springs« bekannt ist.
Genau neben dieser Quelle, sodass er deren Wasser für sein Haus, den Garten und die Corrals nutzbar machen konnte, baute Bill Sherburn seine Ranch. Das ist eigentlich eine etwas schmeichelhafte Bezeichnung, denn es ist kaum mehr als eine Siedlerstätte.
In den Corrals sind nur zwei Pferde, ein Esel, ein paar Schafe und einige Kälber zu sehen.
Der Garten macht einen gepflegten Eindruck. Aber das hat Les von Ann Sherburn gar nicht anders erwartet. Als er auf das Haus zureitet, stößt er einen scharfen Ruf aus, wie es üblich ist, wenn man sich schon bei der Annäherung bemerkbar machen will.
Doch es ist niemand zu sehen. Weder aus dem Haus noch aus dem kleinen Stall oder der Scheune kommt jemand ins Freie. Auch im Garten ist nichts von Ann Sherburn oder ihrem Sohn zu sehen.
Les Quinnahan spürt plötzlich eine heiße Angst, dass Ann Sherburn und der Junge irgendwo draußen im Tal sind, vielleicht um nach den Rindern zu sehen oder um auf einer Wiese Alfalfagras zu mähen. Es gibt ja viele Gründe, die eine Frau in Abwesenheit des Mannes zwingen, das Haus zu verlassen.
Als er vor dem kleinen Haus – es ist kaum mehr als eine Blockhütte – verhält, ruft er nochmals.
Jetzt hört er drinnen Ann Sherburns Stimme: »Oh, komm schon herein, Bill! Komm herein und hilf mir!«
Er begreift, dass sie in Not ist und Hilfe braucht. Er wirft sich vom Pferd und ist mit ein paar geschmeidigen Schritten im Haus. Seine Stiefel sind fast so weich wie Apachen-Mokassins, und er trägt keine Sporen. Leicht wie ein Schatten bewegt er sich.
Das Haus besteht aus drei Räumen. Im kleinsten Raum, es ist die Schlafkammer des Buben, findet Les die Frau.
Sie ist dabei, dem arg zerschundenen Jungen das gebrochene Bein zu schienen. Der Bub ist offensichtlich ohne Bewusstsein.
Du lieber Gott, denkt Les Quinnahan, schlimmer kann es gar nicht sein. Was hat diese Frau denn verbrochen? Warum spielt das Schicksal ihr so übel mit?
Ann wirft ihm von der Seite einen schnellen Blick zu und erkennt, dass er gar nicht der längst zurückerwartete Mann ist.
»Helfen Sie mir!«, sagt sie. »Ich habe den Bruch gerichtet und will das Bein in Lehm einpacken und mit Binden umwickeln. Ich denke, wenn der Lehm fest wird, hält er den Bruch in der richtigen Lage, bis alles zusammengewachsen ist.«
»Sicher, Madam, ich helfe Ihnen«, erklärt Les Quinnahan bereitwillig. Er kniete neben ihr vor dem Lager nieder und weiß sofort, worauf es ankommt. Seine Hände sind geschickt. Er versteht sich mit der Frau ohne Worte, als wären sie nicht zum ersten Mal mit so einer Arbeit beschäftigt.
Dann und wann betrachtet ihn Ann Sherburn mit einem kurzen, forschenden Blick. Er spürt ihre Nähe. Ihr Duft gefällt ihm. Sie ist eine lebendige, energische Frau, und sie besitzt eine starke, eindringliche Schönheit, die von innen kommt.
Enttäuschungen sind ihr gewiss nicht fremd. Sie ist eine Frau, die sich in diesem Leben einzurichten wusste und daran glaubt, dass man nicht zuviel verlangen darf. Ihre Schönheit ist von herber Art – aber sie ist zugleich wach und lebendig. Sie ist gewiss keine Frau, die still duldet.
»Ich kenne Sie doch«, sagt sie plötzlich. »Irgendwo habe ich Sie gesehen. Sind Sie nicht Les Quinnahan, von dem man sich erzählt …«
»Der bin ich«, erklärte Les knapp und lässt sie gar nicht ausreden, was man sich hier im Südwesten von ihm erzählt. »Ich sah Sie einmal in Tucson«, fügt er hinzu. »Sie kamen mit Ihrem Mann aus der Bank. Ich glaube, dass ich Sie ziemlich ungehörig angestarrt habe.«
»Nicht so schlimm«, erwidert sie.
Dann arbeiten sie schweigend weiter, und einmal sagt sie knapp: »Er klettert überall herum. Als ich ihn zum Mittagessen rief, kam er nicht. Ich suchte ihn und fand ihn am Fuß des Felsens dicht bei der Quelle. Er war abgestürzt.«
Sie sagt es nicht klagend und weint auch nicht. Obwohl sie gewiss in größter Sorge ist, bleibt sie zuversichtlich.
Les bewundert ihre innere Stärke.
Selbst in diesem Land besitzen nur wenige Frauen so viel Energie.
Les Quinnahan erinnert sich wieder daran, warum er hergekommen ist. Für einige Minuten hatte er es ganz und gar vergessen. Sie waren mit dem Jungen zu sehr beschäftigt, und er selbst dachte mehr an Ann Sherburn und an seine Gefühle.
»Wir müssen fort«, sagt er rau. »Bronco-Apachen kommen. Vielleicht bleiben uns nur wenige Minuten zur Flucht. Ich bin gekommen, um Sie zu warnen und zu retten, sofern das noch möglich ist. Ihr Mann schickt mich.«
Sie steht still am Lager des Buben und betrachtet ihn. Langsam hebt sie die Hand und wischt sich über Stirn und Augen.
»Ich kann mit Joe nicht fort«, sagt sie dann. »Joe ist abgestürzt, vielleicht auch innerlich verletzt. Er hat zumindest eine Gehirnerschütterung und diesen Beinbruch. Er wird Fieber bekommen. Wahrscheinlich würde er auf einer Flucht sterben. Selbst Sie, der Sie ein starker Mann sind, könnten ihn auf einem galoppierenden Pferd nicht vorsichtig genug in den Armen halten. Nein, es geht nicht! Wenn mein Sohn schon sterben soll, dann … Oh, ich werde kämpfen! Wenn mein Mann weiß, dass wir in Gefahr sind – und er muss es wissen, da er Sie geschickt hat –, wird er auch für Hilfe sorgen oder selbst mit einem Aufgebot …«
»Er ist tot, Madam«, sagt Les Quinnahan fest. Er hat keine Zeit mehr, nach schonenden Worten zu suchen. Er muss diese Frau zur Flucht bewegen, und vielleicht kann er es, wenn er ihr einen Schock versetzt.
Sie tritt einen Schritt zurück und starrt ihn an. »Nein«, sagt sie.
»Doch«, murmelt er. »Sie hatten ein Dorf überfallen und Skalps erbeutet. Dann waren die Krieger des Dorfes hinter ihnen her und töteten sie – Mann für Mann. Bill ist tot. Ich muss Ihnen das so grob und schonungslos sagen, damit Sie endlich begreifen, dass wir trotz des schwerkranken Jungen fort müssen.«
Sie erwidert nichts, sondern sieht ihn nur an.
Plötzlich erkennt er die Lücke in ihrer Lebenskraft. Diese Frau kann nicht weinen.
Das ist für ihn erschreckend. Denn nun ahnt er, wie sehr sie in diesem Land – vielleicht auch an Bill Sherburns Seite – schon gelitten hat.
Sie kann nicht mehr weinen. Er wünscht, dass sie es könnte. Sein Mitleid mit ihr ist grenzenlos.
In ihren grünen Augen erscheint ein Ausdruck von Müdigkeit und tiefster Resignation. Wieder hebt sie mit der für sie wahrscheinlich typischen Gebärde ihre Hand und wischt über Stirn und Augen.
»Ich bringe die Pferde vor das Haus«, sagt Les.
Sie blickt auf den Buben, der blass, zerschunden und bewegungslos auf dem Bett liegt. Er atmet kaum. Sie beugt sich nieder, fühlt seine Stirn und prüft den Puls.
»Nein«, entscheidet sie, »ich bringe Joe nicht auf einem Pferd um – auf einer sinnlosen Flucht! Ich nehme lieber die Schrotflinte und versuche standzuhalten, bis Hilfe kommt oder …«
Sie spricht nicht aus, was dann droht.
»Vielen Dank für die Warnung«, sagt sie, und ihre Augen schauen Les Quinnahan fest an. »Jetzt reiten Sie aber schnell weiter, Mister Quinnahan. Kümmern Sie sich nicht länger um Joe und mich. Hat mein Mann sterbend an uns gedacht?«
»Mit seinen letzten Gedanken«, murmelt Les und geht zur Tür.
Er späht über das Tal.
Da sieht er sie kommen – gedrungene, bunt gekleidete Reiter auf scheckigen Pferden. Sie tragen Stirnbänder und langes Haar. Ja, es sind Apachen, genauer gesagt: Chiricahuas.
Coloradas Victorio, den die Weißen Red Vic nennen, führt sie an. Er ist zwar nicht so berühmt und bekannt wie Cochise, nach dem dieses Land einmal benannt werden wird; denn er lebte zumeist drüben in Mexiko. Vielleicht wird er schon bald berüchtigter sein als sein Vetter Cochise, dem er im Kampf gegen die Weißen zu Hilfe geeilt war.
Les wendet sich nach Ann Sherburn um.
»Schließen Sie die Fensterläden, und halten Sie Ihre Schrotflinte bereit! Dort kommt Red Vic, um die getöteten Frauen und Kinder seines Dorfes zu rächen.«
2
Nach diesen Worten springt er zu seinem Pferd, um sein Gewehr und die Satteltaschen zu holen, in denen sich Munition befindet.
Er schlägt dem löwengelben Wallach auf die Kruppe und ruft scharf: »Los, lauf, Nachez! Lauf!« Das Tier springt schnaubend davon.
Als er sich zur Tür wendet, steht Ann Sherburn dort mit der Schrotflinte. Sie starrt ihn seltsam an und hat die Apachen offensichtlich ganz vergessen.
»Sie bleiben?«
»Ja, Ann.«
Er schiebt die Frau zur Seite, tritt ein und wirft die starke Tür zu. Er legt den Querbalken vor und wendet sich zu der Treppenleiter in der Ecke, die hinauf zum Speicher führt.
Noch einen kurzen Blick wirft er auf Ann zurück.
Sie füllt ihre Schürzentaschen mit Schrotpatronen, die ihr Mann selbst hergestellt hat, und sie wirft ihm einen ruhigen und gefassten Blick zu.
»Ich habe in diesem Haus schon zweimal gegen Apachen gekämpft«, erklärt sie.
Welch eine Frau!, denkt Les Quinnahan und klettert hinauf.
Der Speicher ist nicht so hoch, dass ein Mann stehen könnte. Man muss sich in gebückter Haltung bewegen. Doch bietet dieser Raum viele Vorteile. Er hat nach allen Seiten kleine, schießschartenähnliche Öffnungen. Hier oben kann ein Mann von einer Seite zur anderen schießen. Was Bill Sherburn auch für ein Mann gewesen sein mag – dieses Haus hat er fest und mit Überlegung gebaut. Von hier oben kann sich ein tüchtiger Kämpfer gegen eine Übermacht behaupten.
Les Quinnahan hält nach den Apachen Ausschau. Sie müssen schon sehr nahe sein; denn er hört den trommelnden Hufschlag ihrer hageren, bunten Pferde.
Vor dem Haus teilen sie sich wie die Strömung eines Baches vor einem Stein. Sie wollen das Haus umzingeln. Les Quinnahan kennt die Apachentaktik. Erweiß, dass sie sich, sobald sie das Haus blitzschnell umstellt haben, von ihren Pferden werfen und von allen Seiten zu Fuß kommen. Irgendwo werden sie dann eine schwache Stelle finden oder Feuer anlegen.
Die angreifende Horde ist kaum mehr als zwei Dutzend Krieger stark. Doch zwei Dutzend Apachen – das sind zwei Dutzend Guerillakämpfer, die auf der ganzen Welt kaum ihresgleichen finden. Les Quinnahan hat selbst schon erleben müssen, wie eine so kleine Zahl Apachen mit einer doppelten Anzahl Soldaten zurechtkam. Diese gedrungenen, drahtigen, zähen, unheimlich schnellen Burschen kamen in grauer Vorzeit von Alaska als Eroberer in dieses Land. Sie selbst nannten sich Enjus oder Yndyes, was soviel heißt wie Volk. Apachu bedeutet in der Sprache der Pueblo-Indianer nichts anderes als Feind, und da die Enjus oder Yndyes als Eroberer gekommen waren, nannte man sie Apachus, Feinde. Später waren sie dann nur noch als Apachen bekannt.
Diese da, die nun angreifen, gehören zu dem Stamm der Chiricahuas, dem bedeutendsten Stamm des Apachenvolkes.
Als sie sich vor dem Haus teilen, um es zu umzingeln, machen sie einen Fehler.
Sie kamen zu dicht heran, weil sie auf ihre Schnelligkeit vertrauten.
Das büßen sie nun bitter.
Sie sind so nahe, dass Les Quinnahan mit seinen zwei Revolvern schießen kann, und mit seinen Revolvern schießt er unheimlich schnell. Seine Feuerkraft ist nicht geringer als die von sechs Gewehrschützen.
Gebückt steht er vor einer kleinen schießschartenähnlichen Fensteröffnung, feuert beidhändig, jagt alle zwölf Kugeln aus den Läufen und richtet eine furchtbare Verwirrung unter den Angreifern an.
Er trifft Pferde und Krieger. Er hält mitten hinein in das Durcheinander.
Als die Revolver leergeschossen sind, ergreift er das Gewehr und feuert auch damit. Denn er muss und will die wenigen Sekunden nutzen, die ihm zur Verfügung stehen.