G. F. Unger Sonder-Edition 125 - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger Sonder-Edition 125 E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

Die Sumtons sind mit ihren Zwillingen, zwei schönen jungen Mädchen, auf dem Weg ins Goldland. Um die Reise fortzusetzen, brauchen sie Geld. Jack Sumton, ein ehemaliger Preiskämpfer, versucht noch einmal sein Glück im Ring. Er gewinnt den Kampf, obwohl es ihn fast das Leben kostet. Aber als die Zwillinge anstelle des Vaters den Boxmanager Arch Hackett aufsuchen, um das Preisgeld abzuholen, weigert sich dieser zu zahlen. Es sei denn, die beiden verbringen die Nacht mit ihm.
Nun zeigt sich, dass Judy und Mary längst nicht mehr die unschuldigen Engel sind, für die man sie hält. Weil sie keinen anderen Ausweg sehen, willigen sie ein. Es ist ein Schritt, der ihrem Leben eine tragische Wende gibt und der erklärt, warum man sie bald "Todesengel" nennt...

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EPUB

Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Impressum

Todesengel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manuel Prieto/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-5567-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Todesengel

Damals in den Jahren von 1841 bis 1866 folgten fast eine halbe Million Amerikaner dem Ruf »Go west« und zogen von den Absprungsorten am Missouri nach Kalifornien und Oregon.

Unter diesen »Traumtänzern«, die ja nicht ahnen konnten, was alles ihnen bevorstand an unsäglichen Mühen – einer dieser Trecks aß sogar die Verstorbenen –, befanden sich auch die verschiedensten Sorten von Frauen.

Aber sie alle suchten das Glück, glaubten an ein Wunder und wollten irgendwann ein besseres Leben.

Sie fuhren mit Planwagen über die Rocky Mountains, auf Schiffen ums Kap Horn nach San Francisco oder marschierten dreitausend Meilen zu Fuß quer durch den Kontinent, kochten auf der Prärie mit Büffelmist das Essen für ihre Männer oder Begleiter in eisiger Kälte über stinkenden Feuern, gebaren oft genug auch noch Kinder und kämpften gegen die Indianer. Manche wurden berühmt und erhielten besondere Namen.

Es gab eine Mrs. Bulldog, eine Big Noose, eine Damned Molly, eine Calamity Jane, eine Fahlbein-Annie, eine Samtarsch-Rosy und viele andere.

Dies ist die Geschichte von Judy und Mary Sumton, die man eines Tages Todesengel nannte. Als sie vierzehn Jahre waren, sah man ihnen schon an, wie schön sie als Frauen sein würden. Mit vierzehn waren die Mädchen damals schon heiratsfähig und hatten mit zwanzig oft schon einige Kinder.

Aber ihre Geschichte, die ich hier niederschreibe, fängt mit einem Boxkampf an. Denn der Ausgang dieses Boxkampfes erklärt, warum sie zu Todesengeln wurden.

G.F. Unger

1

Als Jack Sumton den letzten Bissen zerkaut und heruntergeschluckt hat, betrachtet er seine Frau Hester ernst und mit einem Ausdruck von Mitleid in seinem Blick.

Dabei denkt er bitter: O Hester, es war keine gute Idee von dir, mich zu heiraten. Du hättest einen besseren Mann verdient – und unsere beiden Mädchen einen besseren Vater.

Sie erwidert seinen Blick, und er kann in ihren Augen erkennen, wie sehr sie sich Mühe gibt, all die Sorgen tief in ihrem Kern verborgen zu halten und zuversichtlich zu wirken.

Denn sie weiß, er braucht ihren Glauben, weil dieser Glaube ihn stark macht.

Sie sprechen kein Wort, doch das ist auch nicht notwendig. Sie verstehen sich ohne Worte, müssen sich nur ansehen so wie jetzt.

Er nickt ihr zu, erhebt sich und geht zum Fenster, setzt sich dort in den alten Sessel. Sie halten sich schon einige Tage in diesem billigen Hotel auf. Im Nebenraum schlafen die Zwillinge Judy und Mary.

Es ist längst schon Nacht geworden. Jack Sumton kann durch das Fenster zum Flusshafen von Saint Louis hinunterblicken.

Dort sind viele Lichter. An den Landebrücken liegen eine Menge Dampfboote: Seitenraddampfer, die den Mississippi befahren, und Heckraddampfer, die den Missouri hinaufdampfen.

Auf der Hafenstraße brennen Teerfässer – und es ist ein reges Leben und Treiben zu erkennen im Licht schein. Frachtwagen warten in langer Reihe, übernehmen Frachten von den Schiffen, um sie ins Landesinnere zu schaffen, oder entladen ihre Frachten auf die Missiouri-Steamer, die sie hinauf nach Norden zu den Goldfundgebieten bringen.

Hester bleibt am Tisch sitzen. Im Lampenschein betrachtet sie ihren Mann und spürt dabei in ihrem Herzen, dass sie ihn immer noch liebt.

Er sieht längst nicht mehr so prächtig aus wie vor fünfzehn Jahren, als er noch zwanzig war und sie schwängerte. Das war in Boston, und er war Matrose auf einem Walfänger gewesen.

Doch wegen ihr ging er nicht mehr an Bord zurück.

Als dann die Zwillinge kamen, war sie noch viele Monate krank. Die teuren Ärzte vermochte er von seinem Lohn als Stauer auf den Schiffen im Hafen nicht zu bezahlen.

Und so wurde er Preisboxer.

Man kannte noch längst nicht sie so genannten Queensberry-Regeln – und kennt sie hier in Amerika auch jetzt im Jahr 1866 noch nicht.

Und so kämpft man immer noch ohne Handschuhe, kennt keinen Boxring, der ja eigentlich ein Viereck ist. Und nach jedem Niederschlag endet eine Runde, sodass nach jeder Pause der Niedergeschlagene wieder zu sich kommen und weiterkämpfen kann.

Deshalb wird manchmal dreißig, vierzig, fünfzig und noch mehr Runden gekämpft, da so manche Runde bis zum Niederschlag nur Sekunden dauern kann.

Hester weiß das alles.

Und auch jetzt, da Jack am Fenster sitzt und sie ihn betrachtet, da erinnert sie sich wieder daran, wie er von seinem ersten Kampf in das karge Zimmer kam, in dem sie mit den Zwillingen wohnten.

Er brachte zwanzig Dollar mit.

Doch er war zerschlagen, krank, ausgebrannt.

Der Kampf hatte siebenundzwanzig Runden gedauert. Er war elfmal zu Boden gegangen.

Doch dann hatte er gewonnen.

Aber was für einen Preis hatte er bezahlt!

Sein Gesicht war zerschlagen.

Für zwanzig Dollar.

Hester betrachtet ihn immer noch stumm und erinnert sich an all die anderen Kämpfe. Bald verdiente er zweihundert Dollar und mehr, einmal sogar tausend.

Das war gewaltig viel Geld damals vor dem Krieg.

Doch die harten Fäuste seiner vielen Gegner richteten ihn immer schlimmer zu.

Und jetzt ist er ein hässlicher Mann, dem man sofort ansieht, dass er ein Preisboxer ist. Er ist nun so hässlich, dass die Menschen einen Bogen um ihn machen, geradezu animalisch hässlich, sodass man bei seinem Anblick an ein böses Tier denken muss.

Nur Hester weiß, wie gut sein Herz für sie und die beiden Töchter ist.

Sie denkt: Er hat das alles auf sich genommen für uns. Und er konnte auf andere Weise nie Geld genug verdienen. Oh, verdammt, warum war ich so viele Jahre krank? Und warum hat er uns nicht einfach verlassen?

Er wendet nun den Kopf und sieht zu ihr herüber.

»Hester, es wird mein letzter Kampf«, murmelt er. »Wenn ich gewinne, haben wir noch eine Chance oben im Nordwesten im Goldland. Unsere Schiffspassage haben wir vom Vorschuss bezahlt. Ich will, dass ihr im Morgengrauen an Bord geht, bevor der Steamer ablegt. Ihr habt eine Kabine und bekommt an Bord Frühstück. Ganz gleich, ob ich nach euch an Bord komme oder nicht, ihr verlasst das Boot nicht mehr. Hast du mich verstanden, Hester?«

Sie nickt stumm.

Dann erheben sie sich beide und treten dicht voreinander.

Sie sieht zu ihm auf, stellt sich dann auf die Zehenspitzen und küsst sein narbiges und so hässlich gewordenes Gesicht.

Dies hat sie schon viele Male getan so wie jetzt, wenn er zu einem Kampf ging, um seinen Job zu erledigen.

Er geht schweigend hinaus – ein großer, schwergewichtiger Mann, der zu seinem letzten Kampf antreten will.

Früher war er ein pantherhafter Bursche und stark wie ein Toro, ein spanischer Kampfstier. Und am Mississippi hatte er den Kampfnamen Toro-Jack.

Sie sieht ihn dann vom Fenster aus unten auf die Hafenstraße treten und sich auf den Weg machen.

Nein, sie wird sich nicht niederlegen, um einige Stunden Schlaf zu bekommen, bevor sie mit den Zwillingen an Bord geht.

Sie wird nur immerzu an ihn und all das denken, was er nun durchstehen muss.

Der Veranstalter hat ihm bei einem Sieg fünfhundert Dollar zugesagt.

Doch wenn er verlieren sollte …

Hester Sumton seufzt.

Sie sieht Jack in der Menge verschwinden.

Der Kampf findet etwas außerhalb in einem großen Lagerschuppen statt.

Und fast alle Zuschauer haben auf Jack Sumton oder auf seinen Gegner hohe Wetten abgeschlossen.

Es geht für alle um viel Geld.

***

Jack Sumton setzt Schritt für Schritt.

Dies wird mein letzter Kampf, denkt er immer wieder und verspürt tief in seinem Kern ein Gefühl der Furcht.

Denn wenn er verliert …

Er will nicht daran denken. Sie brauchen die fünfhundert Dollar, die er als Sieger bekommen soll. Gewiss, ihre Passagen bis hinauf nach Fort Benton haben sie bezahlt. Aber im Goldland ist das Leben teuer. Und er weiß, er wird nie wieder als Preisboxer kämpfen können.

Der Kampf, der ihm bevorsteht, der wird ihn zerbrechen. Selbst als Sieger wird er zerbrochen sein. Denn er will lieber sterben als verlieren.

Es gibt keine Gnade in diesem »Geschäft«.

Und so zieht in diesen Minuten, da er Schritt vor Schritt setzt, sein Leben noch einmal in Bildern vor seinen Augen vorbei.

Damals war er jung, stark und voller Selbstvertrauen und Siegeswillen.

Ein ganz großer Champ wollte er werden, die Größten besiegen und Dollars nur so scheffeln.

Doch er kam über die Mittelmäßigkeit nicht hinaus. Und nach jedem Kampf – selbst wenn er ihn gewann – fühlte er sich zehn Jahre älter.

Und dann waren da noch seine Frau Hester und die Zwillinge.

Sie sahen ihn niemals kämpfen und bluten. Er hatte es ihnen verboten. Sie sollten ihn nicht wie ein Tier kämpfen sehen.

O verdammt, denkt er, als er den großen Lagerschuppen erreicht.

Ambrose Sullivan tritt ihm entgegen.

»Da bist du ja endlich«, grollt er.

Sie verhalten voreinander, und sie kennen sich gut.

Ambrose arbeitet für den Veranstalter Arch Hacket. Er wird sich nach jeder Runde als Sekundant um Jack Sumton kümmern.

Und weil Jack Sumton nichts sagt, spricht Ambrose bitter: »Du kämpfst gegen einen Burschen, der so ist, wie du mal warst. Warum willst du es noch mal wissen als alter Mann gegen einen jungen Bullen?«

»Ich bin noch kein alter Mann«, murmelt Jack Sumton. »Ich bin erst fünfunddreißig Jahre. Und Erfahrung habe ich wie ein Hundertjähriger. Du wirst sehen, Ambrose, solche Jungs mache ich immer noch klein, besonders dann, wenn sie zu wild sind.«

Sie gehen nun wortlos hinein und verschwinden in einer behelfsmäßigen Umkleidekabine, die nicht größer ist als eine Gefängniszelle.

Und wie ein einem Gefängnis fühlt sich Jack Sumton nun auch.

Er kann nicht mehr entkommen.

Der Sekretär des Veranstalters steckt den Kopf in die kleine Kabine und betrachtet Jack Sumton mit kalten Fischaugen. Und auch seine Stimme klingt kalt, als er klirrend fragt: »Fertig, Jack? Bist du bereit?«

»Immer«, knurrt Jack Sumton.

»Du musst ihn schlagen«, klirrt die Stimme des fischäugigen Sekretärs. »Der Boss hat eine Menge Geld auf dich gewettet. Wenn du verlierst, bist du für immer an den Strömen erledigt. Fasse das als Drohung auf.«

Er verschwindet wieder.

Die beiden Männer in der Kabine sehen sich an. Dann nicken sie sich zu und gehen hinaus.

Der große Lagerschuppen ist gefüllt mit gut fünfhundert Zuschauern, von denen fast alle gewettet haben, die meisten gewiss auf den jungen Buster-Tom Polomsky, dessen Eltern aus Polen einwanderten.

Jack Sumton wird mit Beifall, aber auch mit Geheul und Pfiffen begrüßt. Und allein daran kann er erkennen, dass die meisten Zuschauer und Wetter nicht auf ihn gesetzt haben.

Er geht ruhig zu seinem Schemel und setzt sich dort. Schon jetzt kann man an seinen Bewegungen erkennen, dass er seine Kräfte schont, seine Muskeln möglichst wenig beansprucht. Es ist, als würde er müde zu seiner Sitzgelegenheit schleichen.

Und so werden die Pfiffe schriller und böser.

Eine wilde Stimme gellt durch den Lärm: »Seht ihn euch an! Der ist doch jetzt schon fast eine Leiche!«

Jack Sumton hört es durch den Lärm und denkt böse: Verdammtes Drecksvolk! Sie haben mich schon abgeschrieben.

Und dann spürt er, wie aus seinem Kern endlich der Trotz hochkommt.

Ja, er wird kämpfen und es der wilden Meute zeigen.

Sie sollen ihr Geld an jene verlieren, die auf ihn setzten. Das wird seine Rache sein.

Plötzlich denkt er nicht mehr an seine Frau und die beiden süßen Töchter.

Er ist nun voll konzentriert auf den Kampf und die ganze Situation, der er sich ausgeliefert fühlt und aus der er herauskommen will wie aus einem Gefängnis.

Er sieht nun seinen Gegner kommen.

Und er denkt mit einiger Bitterkeit: Ja, so war ich auch mal. Das also ist Buster Tom Polomsky. Ja, so war auch ich mal vor einem Dutzend Jahren.

Er sieht einen prächtig gewachsenen Burschen, dessen Körper mit Muskeln bepackt ist, die sich unter seiner Haut wie selbständige Lebewesen bewegen. Und unter der mächtigen Brust atmet gewiss auch eine mächtige Lunge.

Federnd und trotz seiner Schwergewichtigkeit sich leicht wie ein Tänzer bewegend, tritt Buster Tom in die Mitte des Kampfplatzes.

Es gibt kein Seilgeviert, welches man später in einigen Jahren »Ring« nennen wird.

Der Kampfplatz ist am Boden durch weiße Farblinien markiert.

Und die Kämpfer tragen keine Handschuhe. Sie werden sich blutig schlagen und die Narben ihr ganzes Leben lang behalten.

Jack Sumtons rechtes Ohr ist doppelt so groß geworden wie sein linkes. Es ist ein sogenanntes »Blumenkohlohr«, verstümmelt von vielen Schlägen.

Dieser Buster Tom hat noch normale Ohren.

Jack Sumton denkt grimmig: Ich werde ihm heute solche Ohren schlagen.

Er begreift nicht, wie brutal und böse seine Gedanken sind. Aber er muss sich für diesen Kampf motivieren. Es wird keine Gnade geben, und er muss gewinnen. Sie brauchen die fünfhundert Dollar dringend, um in Montana auf den Goldfeldern eine Chance zu bekommen. Denn dort brauchen sie Ausrüstung und Proviant.

Die beiden Kämpfer werden nun vom Ringrichter vorgestellt, treten sich einen Moment gegenüber, sehen sich in die Augen.

Buster Tom murmelt: »Hey, alter Mann, es wäre gut, wenn du beim ersten Niederschlag nicht wieder aufstehen würdest. Denn ich möchte dich nicht totschlagen.«

Jack hört es und grinst Buster Tom mit seinen Zahnlücken an, sieht so richtig böse und schrecklich aus, lässt an ein böses und wildes Tier denken.

Sie kehren noch einmal zu ihren Schemeln zurück, setzen sich und hören die Worte des Ringrichters wie aus weiter Ferne.

Denn sie starren sich an. Jeder ist auf den Gegner konzentriert und nimmt nichts anderes mehr wahr. Und dann beginnt der Kampf.

2

Buster Tom kommt tänzelnd und leicht heran, fintiert, schlägt gegen Jacks Deckung und springt wieder zurück. Ja, er tanzt und schnellt immer wieder vor wie eine Stahlfeder, versucht Schläge an den Kopf, auf die Leber und Rippen, Aufwärtshaken unters Kinn.

O ja, er ist geschmeidig, schnell und clever.

Und er glaubt an seine Überlegenheit gegen diesen als Boxer alten Mann.

Seine Bewegungen sind eine Augenweide, ja fast ästhetisch.

Ein prächtiger Körper bewegt sich und kämpft funktionell, angetrieben von einem gnadenlosen Willen, den Gegner zu besiegen. Denn dieser »alte Mann« steht zwischen ihm und seiner Zukunft als Preiskämpfer.

Und wie anders bewegt sich Jack Sumton. Er ist sparsam in seinen Bewegungen, nimmt Schläge scheinbar ohne Wirkung hin, blockt die meisten jedoch mit all seiner Erfahrung ab, lässt den jüngeren Gegner sich austoben.

Dabei tänzelt er nicht, bleibt auf den Sohlen seiner Füße stehen, bewegt nur den Oberkörper.

Doch dann muss er zu Boden mit seinem rechten Knie, um Buster Toms Leberhaken zu verdauen.

Und somit endet die erste Runde.

Jack kommt innerhalb der Zeit wieder auf die Füße und schleicht zu seinem Schemel in der Ecke des Kreidegevierts.

Da es kein Seilgeviert ist, wie man es später nach Einführung der Queensberry-Regeln haben wird, kann er die Arme nicht rechts und links in seiner Ecke auf die mittelsten Seile hängen. Er muss ohne Hilfe und ohne Stützen auf dem Schemel hocken, kann sich eine Minute ausruhen.

Nur eine Minute.

Dann geht es weiter.

Er macht nur zwei Schritte aus seiner Ecke auf den Gegner zu, der wie ein schnaubender Toro herangestürmt kommt, so richtig voller Dampf und Siegesgewissheit.

Und so verläuft die zweite Runde nicht anders als die erste.

Jack lässt seinen jüngeren Gegner sich austoben, erträgt dessen Schläge oder blockt diese ab. Er hört nicht das Hohngebrüll der Zuschauer, ihren Spott und all die Beschimpfungen. Er bewegt sich langsam auf seinen Sohlen, spart seine Kräfte, lässt Buster Tom sich wie ein Berserker austoben.

Und als das eine Weile gedauert hat und er am Kopf leicht getroffen wird, da legt er sich lang.

So ähnlich verlaufen auch die beiden nächsten Runden.

Und immer dann, wenn Jack auf dem Schemel sitzt und Ambrose sich müht, die aufgeplatzten und deshalb blutenden Narben zu schließen, mit Alaun das fast Unmögliche zu vollbringen und auch eine Pferdesalbe auf die Wunden schmiert, da brüllen die Zuschauer ihren Hohn und ihre Verachtung heraus.

Denn für Verlierer gibt es hier kein Mitleid.

Jack blickt nach dieser vierten Runde zum Gegner hinüber.

Im Lampenschein sieht er auf dessen Oberkörper die Schweißperlen funkeln. Und er sieht auch, wie sich der mächtige Brustkorb von Buster Tom nun schneller hebt und senkt, wie der jüngere Mann nun schon schnauft.

Und er denkt: Bald habe ich dich, mein Junge. Dann zeige ich es dir.

Die fünfte Runde beginnt. Buster Tom stürmt nun noch wilder heran. Ja, er will den bisher so ungleichen Kampf endlich beenden. Das Publikum fordert es von ihm. Die höhnenden Worte gelten nun auch ihm, weil er den sich kaum wehrenden Gegner, der ja so viel älter ist, nicht endgültig schlagen kann.

Denn bisher stand Jack stets innerhalb der Frist wieder auf.

Nun, Buster Tom kommt also wie ein Toro angestürmt – und rennt in eine Gerade, die sein Gesicht trifft wie ein Pferdehuf. Sie bricht ihm das Nasenbein und spaltet ihm die Oberlippe, und er muss zu Boden und verliert somit die fünfte Runde.

Der ganze Schuppen platzt nun fast, so sehr heulen und brüllen sie alle.

Jack hört es wie aus weiter Ferne, etwa so wie Meeresrauschen.

Als er dann sitzt und Ambrose ihm mit einem Handtuch Luft zufächelt, da hört er Ambrose sagen: »Jetzt weiß der Junge Bescheid. Das versucht er nicht noch mal so. Nun beginnt der Kampf erst richtig.«

Und so ist es auch.

Runde um Runde kämpfen sie, und längst bluten sie beide.

Buster Tom aber hat immer noch nichts gelernt. Er versucht es immer noch mit seiner Schnelligkeit, tanzt und gleitet, schlägt immerzu auf Jacks Deckung.

Jack macht stets nur wenige Schritte. Er spart seine Kräfte, ja, er geht Buster Tom aus seiner Ecke stets nur zwei Schritte entgegen.

Und die Menge brüllt immer wieder: »Kill him, kill him!«

Diese Menschen sind gnadenlos und deshalb wie von Sinnen und beweisen wieder einmal mehr, dass der Mensch das böseste Raubtier auf der Erde ist.

Jack spürt nun die Schwäche in seinem Körper, die Schmerzen der Schläge, und er muss sich immer wieder mit dem Unterarm das Blut aus den Augen wischen, um den Gegner sehen zu können.

Der ganze Lagerschuppen gleicht einem Tollhaus.

Sie alle wollen endlich das Ende erleben.

Und Jack Sumton will nicht nur überleben, sondern auch noch gewinnen.

Und so ist er grausam gegen sich selbst, erträgt alle Schmerzen.

In der siebenundzwanzigsten Runde stehen sie Fuß bei Fuß und schlagen in den Gegner hinein. Nun nimmt Jack Sumton den erbarmungslosen Kampf an.

Er hat sich sechsundzwanzig Runden lang geschont, Kräfte gespart, hat den jungen Toro sich austoben lassen. Und er weiß, dass Buster Tom in sich eine Verzweiflung spürt, weil er den alten Mann nicht endgültig schlagen kann und selbst nun mehr und mehr eine zunehmende Erschöpfung spürt, die wie Blei durch seinen muskulösen Körper kriecht und ihm die Luft nimmt.

Dann schlägt Jack Sumton mit all seiner noch vorhandenen Kraft zu. Es ist ein Aufwärtshaken, der das Kinn des Gegners trifft und ihm den Kopf weit nach hinten stößt, ihn drei Schritte rückwärts taumeln und dann auf den Rücken krachen lässt.

Dieser Aufschlag nimmt Buster Tom ihm die letzte Luft.

Er kann nicht mehr hochkommen, wird ausgezählt.

Der große Lagerschuppen tobt. Es ist ein unbeschreibliches Gebrüll, Gekreische und Geheul.

Denn diesen Ausgang hat keiner erwartet. Es gingen viele Wetteinsätze verloren. Nur wenige Wetter gewannen für einen Dollar Einsatz zehn.

Und so glauben viele dieser Enttäuschten an Betrug, an Schiebung.

Doch sie sehen, dass Buster Tom Polomsky nun versucht, endlich wieder hochzukommen. Doch er lag schon zu lange am Boden. Er wurde ausgezählt.

Und als er endlich hochkommt und auf den Füßen steht, da fällt er sofort wieder um. Jeder könnte erkennen, dass er geschlagen wurde, dass er nicht mehr kämpfen kann. Aber sie wollen es nicht erkennen oder begreifen.

Diese Meute heult, ist erbarmungslos. Doch das ist eine solche enttäuschte Meute fast immer. Dies hier sind keine Christenmenschen.

Jack Sumton bekommt das alles gar nicht richtig mit. Denn auch er ist am Ende und wird gleich umfallen. Er hat den Kampf zwar gewonnen, doch er ist bis in die letzten Fasern erschöpft, ausgebrannt, krank. Ja, er ist ein Kranker, und das vielleicht bis an sein Lebensende.

Es könnte sogar sein, dass er in der nächsten Stunde stirbt. Denn er hat zu viel gegeben, angetrieben von seinem Willen, durch diesen letzten Kampf die Zukunft seiner Familie sichern zu können.

Fünfhundert Dollar! Dies war der Preis, für den er alles gab, obwohl er doch als Preisboxer fast schon eine Ruine ist.

Er verharrt schwankend, blutend, fast blind und voller Schmerzen, hilflos eigentlich inmitten der tobenden Menge.

Es ist dann sein Sekundant Ambrose, der ihn stützt und wegführt.

Sie können sich einen Weg bahnen, denn der Zorn der heulenden Menge gilt nicht Jack Sumton, sondern dem Verlierer, der sie so grausam enttäuschte.

Ambrose bringt ihn glücklich in die kleine Kabine. Es gibt hier ein Feldbett, welches einmal während des Krieges einem Offizier zur Verfügung stand.

Als Jack Sumton auf dem Feldbett liegt, da verliert er die Besinnung, versinkt sozusagen in bodenlose Tiefen, spürt nichts mehr, ist für eine Weile erlöst.

Im schwachen Lichtschein der Lampe beugt Ambrose sich über ihn und murmelt: »Oh, du armer Hund. Das war nun dein letzter Kampf und ist auch dein Ende. Oha, du bist jetzt der ärmste Hund der Welt.«

Ambrose ist ein harter Bursche. Er war früher selbst einmal Preisboxer, aber nur ein mittelmäßiger. Und dafür, dass er Jack Sumton als Sekundant betreut, erhält er vom Veranstalter zwanzig Dollar.