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Ich wollte mit meinen vier schwer beladenen Frachtwagen ins Goldland von Colorado, und ich hoffte, dort gute Geschäfte zu machen. Allerdings stand der Winter vor der Tür, und die Zeit drängte. Kein Wunder, dass ich dem Rat der beiden Männer folgte, die Abkürzung über die noch junge Stadt Riverbridge mit der neu erbauten Brücke über den Little River zu nehmen. Das ersparte mir einen tagelangen Umweg, und ich konnte sicher sein, die Campstädte in den Cochetopa Hills noch vor dem ersten Schneefall zu erreichen. Meine Begeisterung war groß. Wie hätte ich ahnen können, dass ich mit meiner Zehntausend-Dollar-Fracht mitten in eine teuflische Falle fuhr?
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Nur eine miese Stadt
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Manuel Prieto/Norma
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-5568-0
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Nur eine miese Stadt
1
Der Winter war von Wyoming und Nebraska her weit nach Süden gekommen – weiter als all die Jahre zuvor mit seiner ganzen Härte. Dies spürten wir auch hier in der südöstlichen Ecke des Colorado-Territoriums.
Ich ritt meinen vier schwer beladenen Murphy-Frachtwagen voraus und hatte den Kragen der langen Lammfelljacke hochgestellt, sodass er auch meine Ohren wärmte, besonders das rechte Ohr. Denn von Norden – also von rechts hinten, von der Kansas Prärie her –, da kam der kalte Wind.
Vor uns waren die Hügelketten, die Vorberge der Sangre-de-Christo-Berge, und wenn wir sie am späten Nachmittag erreichen würden, hatten wir es besser. Dort gab es Schutz vor dem so erbarmungslos kalten Wind. Ich wollte mit meinen vier Frachtwagen ins Goldland von Colorado.
Dort hoffte ich, gute Geschäfte zu machen.
Denn ich hatte alles aufgeladen, was Menschen in der Wildnis einen langen Winter hindurch brauchten, wollten sie nicht Not leiden oder gar umkommen.
Meine vier Frachtwagen und deren kleinere Anhänger enthielten all die Waren eines großen Gemischtwaren-Store, der imstande war, eine ganze Stadt zu versorgen. So war das also.
Die Wagenfährten, die den Wagenweg kennzeichneten, wiesen mir den Weg. In vier oder fünf Tagen mussten wir die Campstädte des Goldlandes in den Cochetopa Hills erreichen.
Und dann hatte ich es gewiss geschafft und binnen weniger Tage zehntausend Dollar Reingewinn gemacht. Da war ich sicher.
Aber es kommt ja im Leben oftmals anders, als man denkt. Nur bei den wirklichen Glückskindern unserer Welt klappt stets alles nach Wunsch – und zu dieser seltenen Sorte gehörte ich ganz gewiss nicht.
Oha, wenn ich damals gewusst hätte, was alles auf mich wartete, dann …
Nun, ich will es der Reihe nach erzählen: Zuerst erblickte ich etwas am Wegrand, was mich anhalten und staunen ließ.
Denn es waren vier gewaltige Baumstämme, jeder länger als vierzig Yard und schon vierkantig zugehauen oder gesägt. Ich wusste es nicht genau. Aber diese vier Stämme waren die gewaltigsten Balken, die ich jemals in meinem Leben gesehen hatte.
Ich ahnte, dass man sie von weither herangeschafft haben musste, wahrscheinlich vom Missouri her. Und gewiss hatten sie dort auf dem Big Muddy zu einem Riesenfloß gehört, welches von Norden kam, wo es solche gewaltigen Bäume geben sollte.
Jetzt lagen sie hier, so als wären sie herrenlos. Warum?
Wer hatte sie hier liegen lassen?
Ich ritt vom Wagenweg und hinter die Stämme.
Und da sah ich es. Es waren die Trümmer und Überreste von Wagenrädern, Achsen und dergleichen Zeug. Jemand hatte die vier Stämme von den fahrbaren, lafettenähnlichen Gestellen geworfen, auf denen man sie transportierte. Und dann hatte man diese Transport-Stafetten zerschlagen, zerstört.
Ich ritt weiter. Meine vier Wagen folgten mir in die Hügel.
Der Wagenweg bog nach Norden ab.
Aber an der Biegung stand nicht nur ein Wegweiser nein, es war auch eine Hütte dort, vor der ein Feuer brannte. An diesem Feuer wärmten sich zwei Männer. Ihr leichter Wagen und die beiden Pferde standen im Windschutz der Hütte.
Die Männer sahen mir und meinen Wagen entgegen. Ich hielt an und nickte.
Sie grüßten freundlich.
Einer fragte: »Ein Wagenzug mit Handelswaren? Haben Sie Proviant? Saatgut? Wollen Sie mit Ihren Waren ins Goldland, um dort die Goldgräber-Campstädte zu versorgen?«
Ich nickte. Und da sah ich ihnen an, wie sehr sie sich freuten, wie befriedigt sie waren, so als hätten sie sich genau das gewünscht.
Oh, sie wirkten wie rechtschaffene Männer, wie redliche Familienväter, Handwerker wahrscheinlich.
»Sie haben Glück«, sagte der eine und deutete auf den Wegweiser, an dem ein neues Schild – ein zweites – unter dem alten befestigt war.
»Wir haben das neue Schild soeben angenagelt«, sagte der Mann.
Ich las beide Schilder.
Auf dem oberen, welches schon verwittert war, konnte ich lesen:
Riverbend 20 Meilen
einzige Furtpassage
Dann las ich die Worte auf dem neuen Schild:
Riverbridge 4 Meilen
Abkürzung 36 Meilen
Oha, ich begriff es sofort.
Sie hatten eine Brücke gebaut, die den Wagenweg in gerader Richtung fortsetzte. Man brauchte keinen Umweg mehr nach Riverbend zur Furt machen.
Das gefiel mir.
Ich nickte den Männern zu.
»Seid ihr aus Riverbridge?«, fragte ich.
Sie nickten.
»Und ist eure Brücke stark genug für meine schweren Frachtwagen?«
Sie nickten wieder. Einer sagte: »Vielleicht werden Sie die Anhänger nicht zugleich mit den Hauptwagen hinüberfahren können. Aber einzeln wird es gehen.« Seine Augen funkelten. Er fügte hinzu: »Sie werden die neue Brücke einweihen. Deshalb dürfen Sie umsonst hinüber – ohne Brückenzoll, verstehen Sie.«
Ich nickte.
Die Dämmerung kam von Osten her herangezogen.
Aber ich wollte die vier Meilen noch hinter mich und meinen kleinen Wagenzug bringen. Deshalb wandte ich mich im Sattel um und winkte dem Fahrer des ersten Wagens zu, dass er geradeaus weiterfahren sollte.
Die beiden Männer traten indes das Feuer aus und kamen mir bald in ihrem leichten Wagen nach. Eine Weile fuhren sie neben mir her.
»Ich bin Bill Clarke, der Town Marshal und Schmied von Riverbridge«, sagte jener, der die Zügel hielt. »Und dies ist John Parker; er führte uns in dieses Land und hatte die Idee des Brückenbaus.«
Ich nickte, denn ich freue mich immer, tüchtige Männer zu sehen. Und diese da waren ganz offensichtlich echte Pioniere, die diesem Lande eine neue Zeit brachten.
Ich nannte nun auch meinen Namen. »Ty Milburne heiße ich«, sagte ich ihnen. »Und wenn mir eure Brücke gefällt, werde ich sie öfter benutzen und Zoll zahlen. Vielleicht kann ich eure Stadt sogar mal mit Waren beliefern. Das ist mein Geschäft.«
Wir grinsten uns an.
Dann fuhren sie schneller, denn vor ihrem leichten Wagen konnten sie das Gespann mühelos traben lassen.
Ich war zufrieden damit, dass ich den Wagenweg um sechsunddreißig Meilen abkürzen konnte. Einen ganzen Tag und noch etwas mehr würde ich früher am Ziel sein. Das war gut bei diesem kalten, unfreundlichen Wetter.
I
Als ich dann die Lichter zu sehen bekam, war es schon dunkle Nacht. Es waren nicht viele Lichter. Die Stadt musste noch sehr klein sein und aus kaum mehr als einem Dutzend Häusern und deren Nebengebäuden bestehen.
Von der Brücke war nichts zu erkennen.
Aber es war ja auch sehr dunkel. Es gab in dieser Nacht keinen Mond und keine Sterne.
Eine Menschengruppe erwartete uns mit Laternen. Es waren auch Frauen dabei.
Jemand rief: »Hier könnt ihr rasten! Dieser Platz hier ist gut für euch! Dort drüben ist ein großer Corral für eure Gespanne! Und wir haben heißen Tee mit Rum gebracht. Ihr müsst ja halb erfroren sein!«
Es war eine warme Frauenstimme.
Und es schien ein freundlicher Empfang zu sein.
Das konnten wir – also meine Fahrer und ich – gut verstehen. Schließlich weihten wir diese Brücke ein, die wir noch gar nicht sehen konnten. Und die Luft roch nach Schnee. Wahrscheinlich hing er schon am dunklen Himmel und würde bald fallen.
Oha, diese Brücke war gewiss ein Glück für mich!
Ich saß ab und bekam die erste Blechtasse Tee aus der großen Kanne, die man in eine Wolldecke eingehüllt hatte. Auch meine Fahrer kamen mit ihren Gehilfen.
Wir alle bildeten eine dichte Traube von Menschen.
Meine Fahrer und ich, wir tranken den heißen Tee mit dem scharfen Rum darinnen. Oh, das heiße Getränk tat uns gut nach diesem langen, so erbärmlich kaltwindigen Tage. Und auch der freundliche Empfang tat uns gut.
Als sich dann plötzlich die Welt mit mir zu drehen begann und mir schwarz vor Augen wurde, da schöpfte ich immer noch keinen Verdacht. Ich dachte jedoch: He, so viel Rum war doch gar nicht im Tee. -Ich kann doch unmöglich betrunken sein. Nein, das ist unmöglich …
Aber dann fiel ich auch schon in bodenlose Tiefen.
Und mit meinem allerletzten Gedanken begriff ich, dass sie uns was in den Tee und den Rum getan haben mussten.
Wir waren in eine Falle geraten.
I
Irgendwann erwachte ich, und es war Tag.
Ich lag angekleidet auf einem Bett. Nur meine Stiefel hatte man mir ausgezogen.
Als ich den Kopf wandte, sah ich die Frau.
Ja, es war eine Frau – kein Mädchen mehr. Und sie war mehr als nur schön. Schönheit kann kalt sein – oder unnahbar und nicht genug lebendig wirken. Aber diese Frau da wirkte sehr lebendig. Sie strömte etwas aus, was ich vom allerersten Moment an spürte. Ihre Schönheit war von den Zeichen und Linien eines Lebens gezeichnet, welches schon einige Male Höhen und Tiefen erlebte. Ja, ich sah diese Zeichen und konnte sie deuten. Sie war eine Frau, die das Leben kannte.
Ich räusperte mich. Als ich dann sprach, klang meine Stimme einigermaßen verständlich.
»Diese Tropfen«, sagte ich, »tut man auch im Hafen von San Franzisko den Dummköpfen in den Rum, wenn man sie gegen ihren Willen an Bord eines Walfängers bringen will, damit sie dort für die nächsten zwei Jahre wie Sklaven arbeiten. Warum habt ihr uns das Zeug als Willkommenstrunk spendiert?«
In meiner Stimme war bittere Verachtung.
Ich hatte auch schon festgestellt, dass mein Colt weg war. Meine Revolverhalfter hingen an der Stuhllehne. Doch die Halfter waren leer.
Sie trat an das Fußende des Bettes. Ihre Hände legten sich um die Kugel eines der Bettpfosten. Eine Weile betrachtete sich mich ernst.
»Sie sind also schon weit herumgekommen«, sagte sie.
Ihre Stimme gefiel mir.
Langsam setzte ich mich auf. Mein Schädel brummte und summte wie ein Bienenhaus. In der Ecke des Zimmers stand ein Waschtisch. Die Schüssel war mit Wasser gefüllt. Ich sah es, als ich davorstand, und so steckte ich meinen Kopf hinein. Das tat ich einige Male. Zwischendurch schnappte ich Luft.
Als ich mich aufrichtete, trat die Frau zu mir und reichte mir ein Handtuch.
»Tut mir leid – dies alles«, sagte sie. »Aber wir hatten keine andere Wahl mehr. Wir waren am Ende – verstehen Sie?«
»Nein«, erwiderte ich. »Gar nichts verstehe ich – außer, dass ich mit meinen Leuten Banditen in die Hände fiel, Wegelagerern. Und mir hat noch niemand etwas wegnehmen können. Schwester, ich zahle stets alles mit Zinsen zurück – Gutes oder Böses. Ich glaube, ihr seid hier verdammte Narren.«
»Ja, das stimmt wohl«, gab sie zu und ging zur Tür. Dort wandte sie sich um und sagte: »Das Frühstück wartet unten.«
Ich war allein und sah mich um.
Das Zimmer war primitiv, alles noch sehr roh und unfertig.
Als ich aus dem Fenster sah, hatte ich einen guten Blick auf den Fluss.
Es gab dort keine Brücke.
Nur ein großer Felsen ragte mitten im Fluss aus dem Wasser. Fast wie ein Brückenpfeiler wirkte er. Ich sah, dass man ihn oben abgeflacht hatte. Wochenlang musste man daran gearbeitet haben mit Hämmern und Keilen. Ich begriff, dass dort auf diesem Felsen die mächtigen Stämme wie auf einem Brückenpfeiler liegen sollten.
Aber sie hatten ja nicht mal die Stämme die letzten vier Meilen herbeischaffen können. Und es waren wohl auch nur diese vier Stämme vorhanden – sonst keine anderen mehr.
Ich begann überhaupt eine ganze Menge zu begreifen – oder zumindest zu ahnen.
Und so ging ich hinunter, wo das Frühstück auf mich warten sollte.
Auch die Treppe war primitiv wie alles in diesem Hause, welches offenbar das Hotel von Riverbridge sein sollte, aber kaum mehr als eine zweistöckige Hütte war.
Wo mochten meine Männer sein?
Unten in der Ecke neben dem Durchgang zur Küche war der Tisch gedeckt.
Die Schöne brachte mir die Spiegeleier in der Pfanne. Auch frisches Brot war auf dem Tisch. Sie musste es in der Nacht gebacken haben – ich ahnte, dass es mein Mehl war, welches ich in einem der Wagen transportierte.
Sie setzte sich zu mir, trank einen Schluck Kaffee und wärmte ihre Hände an der Tasse. Ich begann zu essen. Ja, ich hatte Hunger. Seit gestern früh hatte ich nichts mehr gegessen. Denn um das Abendbrot – welches unsere Hauptmahlzeit war – waren wir ja heimtückisch gebracht worden.
Kauend fragte ich: »Was ist mit meinen Männern?«
»Wir haben sie in eine Scheune gelegt und gut mit Decken zugedeckt. Sie liegen weich und warm. Wenn sie aufgewacht sind, wird jemand sie herbringen zum Essen.«
Ich nickte und kaute wieder, trank Kaffee.
»Das ist gewiss auch mein Kaffee, nicht wahr?«, fragte ich.
Sie nickte.
»Wir hatten nur noch etwas Tee und eine halbe Flasche Rum«, sagte sie. »Wir alle litten Hunger. Fast hätten wir unsere zwei letzten Pferde geschlachtet.«
»Die vor dem Wagen waren, mit dem die beiden Schufte am Wegweiser warteten, um uns hier herzulocken?«, fragte ich.
Sie nickte.
»Wir waren am Ende«, sprach sie weiter. »Uns blieb keine andere Wahl mehr. Mister, wir wären hier in den nächsten Tagen schon nach und nach umgekommen. Es war sozusagen Mundraub, Notwehr. Verstehen Sie?«
»Nein«, grinste ich grimmig und kaute weiter. »Ich bin Ty Milburne. Und ich werde es wohl auch nicht verstehen, wenn Sie mir alles erzählt haben. Aber zumindest das sollten Sie jetzt tun.«
Sie sah mich prüfend an und nickte.
»Ich bin Susen Clayborne. Mir gehört diese zweistöckige Hütte, aus der mal ein Hotel werden soll. Ja, ich werde Ihnen die ganze Geschichte erzählen. Und dann möchte ich von Ihnen hören, was wir sonst hätten tun sollen und was Sie an unserer Stelle anders gemacht hätten.«
2
»Wir alle fanden uns in Kansas City zusammen«, begann sie. »Es hieß ja vor noch nicht sehr langer Zeit Westport, und es ist immer noch das große Ausfalltor zum Westen. John Parker führte uns, denn er hatte uns alle für seine Idee gewonnen. Diese Idee war die Brücke über den Fluss. Er war schon mal in diesem Lande und kannte sich aus. Er überzeugte uns davon, dass wir eine wichtige Stadt am Wagenwege nach Westen sein würden durch die Brücke. Und so glaubten wir alle an die große Chance. Unsere Interessengemeinschaft war eine gute Mischung von Handwerkern, Kaufleuten und Farmern also Städtern und Siedlern. Denn zu einer Stadt gehört ja auch ein besiedeltes Umland. Beide – Städter und Farmer – brauchen sich einander. Wir zogen los und bauten die Anfänge dieser Stadt.«
Nach diesen einleitenden Worten machte sie eine Pause.
Ich saß da, nickte und kaute.
Denn bis jetzt war alles klar.
Auf genau diese Weise war von der Ostküste her der Westen erobert worden und hatte sich die Zivilisation vorgeschoben. Dies alles war Tausende Male ähnlich geschehen.
Und dennoch musste hier eine ganze Menge anders sein.
Es hing mit der Brücke zusammen – und mit der anderen Stadt, deren verwittertes Schild ich am Wegweiser sah. Riverbend hieß die Stadt. Und sie besaß die einzige Furt am Fluss.
Susen Clayborne sprach weiter: »Wir ließen aus Kansas vom Missouri die großen Stämme kommen, welche den Unterbau der Brücke bilden sollten. Über ein Jahr war vergangen. Unsere Mittel und Vorräte gingen zu Ende. Wir hofften auf die erste Ernte, welche die Farmer in der Umgebung der Stadt einbringen würden. Wir brauchten diese Ernte. Aber dann brannten die Felder. Die Stämme kamen nie nach Riverbridge. Man überfiel den Transport und …«
»Ich weiß«, unterbrach ich sie kauend. »Ich habe es gesehen. Die Lafetten wurden total zerstört. Und die vier mächtigen Bäume liegen zwischen den Hügeln und werden langsam verrotten. Ja, ich habe es gesehen. Und nun lassen Sie mich mal raten, Susen Clayborne, ja? Es waren die Leute von Riverbend, welche ihre Furt konkurrenzlos halten wollten, weil sonst ihre Stadt abseits vom Wagenwege liegen würde. Ja, es waren die Leute aus Riverbend, die euch aufhielten. Nicht wahr?«
»Sie warben irgendwelche Banditen an«, erwiderte sie. »Und das können wir noch nicht mal beweisen. Diese Banditen überfielen auch uns hier. Sie raubten die meisten unserer Pferde, trieben auch uns zusammen und nahmen uns alle Waffen. Wir waren zum Untergang verurteilt. Wir konnten von hier nicht mal mehr mit unserer Habe fort. Es fehlten die Zugtiere. Und die nahm man uns, damit wir die Stämme nicht vielleicht doch noch die letzten vier Meilen transportieren konnten. Wir begannen zu hungern. Und dann kam der Winter.«
»Und ich kam mit vier Doppelwagen voller …«
»Ja – ja – ja!« Sie rief es heftig und sprang auf.
»Was hätten Sie denn an unserer Stelle getan?« So fragte sie dann herbe und sah mich über den Tisch hinweg an.
Ich sagte nichts.
Denn was sollte ich da noch sagen?
Aber sie sollten mich noch kennenlernen.
Oha, sie waren eine miese Stadt. In meinen Augen waren sie Versager, Pfeifen.
Dass sie mir vier Doppelwagen voll kostbarer Fracht abnehmen konnten, war ihnen nur geglückt, weil ich nicht im Traum daran dachte, dass dies alles hier in einer Stadt geschehen könnte.
Aber jetzt wusste ich Bescheid.
Und die sollten mich noch kennenlernen.
Ich war nicht irgendwer. Ich war Ty Milburne.
Und überall auf den Wagenwegen kannte man meinen Namen. Ich war keine Pfeife wie diese hier. Wahrhaftig, diese Pinscher würden sich noch wundern. Denn sie hatten einen Tiger am Schwanz gepackt und ihm mehr als nur einige Haare aus dem Fell gerissen.
Ich stand auf und ging hinaus.
Denn es wurde Zeit, dass ich etwas in Gang brachte.
I
Draußen schien eine kalte Morgensonne, deren Tagesbogen sehr flach sein würde. Trotz des Sonnenscheins war es kalt. Ich schlug meinen Kragen hoch und sah mich um.
Jetzt bei Tageslicht erkannte ich all die Ärmlichkeit dieser Stadt, welche kaum mehr als eine Siedlung war. Ja ärmlich, das war wohl das rechte Wort für alles hier.
Ich begriff, dass diese Leute auf die Brücke hofften, mit der sie den Wagenweg verkürzen wollten, um vom Durchgangsverkehr zu leben.
Doch das klappte nicht.
Und weil sie nicht kämpfen konnten – oder wollten, stand alles still.
Zuerst sah ich niemanden – keinen einzigen Menschen.
Und dennoch wusste ich – spürte es stark –, dass sie mich beobachteten aus ihren Hütten und Häusern heraus.
Ich konnte meine Wagen sehen, als ich mich vorwärts bewegte und zwischen den Häusern hindurch in einen großen Hof zu blicken vermochte.
Ja, da standen sie vor einem großen Schuppen, den ich für das Magazin eines General Store hielt.
Als ich vor dem Store stand, konnte ich meine Wagen und das Magazin nicht mehr sehen. Doch ich las über dem Laden auf einem großen Schild:
Riverbridge’s General Store
Inh. Mel Hopkins
Alles, was gebraucht wird
Ich grinste bitter. Denn ich wusste, dass dieses »Alles, was gebraucht wird« nun buchstäblich stimmte. Denn in meinen Frachtwagen war alles geladen, was man in diesem Lande einen langen Winter bis zum Frühjahr oder zur nächsten Ernte im Spätsommer brauchte – einfach alles.
Ein kleiner Junge kam aus dem Store.
Er biss in einen Apfel, kaute heftig und schluckte heftig. Er ließ mich an ein kleines, gieriges Ungeheuer denken. Seine Ohren wackelten, so gierig kaute und schluckte er und biss immer wieder knirschend in den großen Apfel.
Von diesen Äpfeln hatte ich vier Kisten in einem der Wagen.
Auch vier Kisten frische Eier hatte ich mitgenommen. Denn es war kalt genug, sie eine Weile frisch zu halten. Soeben hatte ich welche davon gefrühstückt.
Der kleine Junge hielt kauend vor mir inne, legte seinen Kopf weit zurück in den Nacken und starrte zu mir empor. Ich war ziemlich groß, und obwohl ich um die neunzig Kilo wog, hatte ich kein einziges Gramm zu viel Fleisch am Körper. Ich war also sehr groß, und er starrte zu mir empor wie zu einem Baum.
Aber nach einigen Sekunden nickte er und sagt: »Onkel, es wurde aber auch Zeit, dass du mit der Fracht gekommen bist. Wir alle waren am Verhungern. Aber jetzt sind wir ja gerettet.«
Nach diesen Worten vertilgte er auch das innere Gehäuse des Apfels mitsamt den Kernen. Nein, er warf nichts weg. Er aß alles.
Kauend ging er um mich herum.
Ich aber ging in den Store hinein.
Dort drinnen stand und lag noch alles herum, verursachte eine Enge überall. Und einige Männer waren dabei, alles in die Regale zu packen, ordentlich an den Wänden zu stapeln, aufzuhängen und zu lagern.
Als ich eintraf, hielt alles inne, erstarrte mitten in der Bewegung.
Nur der Mann hinter dem Ladentisch bewegte seine Hände und Arme. Er brachte eine Schrotflinte mit abgesägten Läufen zum Vorschein. Ich kannte diese Flinte. Sie gehörte einem meiner Fahrer, und sie war stets mit Indianer- und Banditenschrot geladen. Der Storehalter richtete die Doppelmündung auf mich.
»Ihr verdammten Giftmischer und Banditen«, sagte ich grimmig. »Ihr hinterhältigen Ratten. Wenn man in diesem Lande schon nicht mehr den Bürgern einer Stadt trauen kann, wem …«
»Hätten Sie uns Ihre Waren auf Kredit überlassen?«, fragte er scharf und unterbrach mich damit.
Ich schimpfte auch nicht mehr weiter. Es hatte keinen Sinn.
»Natürlich nicht«, beantwortete ich seine Frage. »Solchen Pfeifen wie euch kann ein seriöser Kaufmann keinen Kredit geben. Er würde mit euch Pleite gehen. Denn ihr seid nicht fähig, gefasste Pläne durchzuführen. Ihr seid Versager. Ihr seid eine verdammt miese Stadt, eine Stadt voller Nieten, die sich nicht mal mehr aus eigener Kraft ernähren könnte – Burschen wie euch kann niemand Kredit geben, es sei denn, er will sich ruinieren.«
Er erwiderte nicht sogleich, stand nur bewegungslos mit seiner Schrotflinte hinter dem Ladentisch und blinzelte wie ein Uhu. Ja, er hatte Ähnlichkeit mit einem Uhu; sein Anblick ließ an einen solchen Vogel denken.
Die anderen Männer aber bewegten sich nun. Sie traten zu ihm hinter den Ladentisch und bildeten dort eine grimmig und entschlossen wirkende Gruppe.
Sie starrten mich an, und sie alle waren bewaffnet.
Einer trug meinen Colt im Hosenbund. Es war jener Mann, der sich gestern beim Wegweiser als Town Marshal und Schmied vorgestellt hatte. Die Waffen der anderen gehörten gewiss meinen Leuten. Ich hatte aber auch eine Kiste mit Gewehren und Revolvern nebst Munition und Sprengpulver für die Minen in einem meiner Wagen mitgeführt.
Der Schmied und Town Marshal sagte: »Milburne, wir sind keine Banditen. Wir waren in echter Not. Und wir werden uns irgendwie einigen. Banditen sind die Leute von Riverbend. Zumindest haben sie Banditen auf uns gehetzt. Sie werden eines Tages für Ihre Fracht den reellen Preis von uns bezahlt bekommen. Hier, dieser Mann hier, ist unser Storehalter und Bürgermeister. Er nimmt Ihre Ware nur in Kommission. Er verkauft an uns nur auf Schuldscheine, also Kredit. Und wenn wir eines Tages unsere Schulden bei ihm bezahlen, wird er auch mit Ihnen abrechnen. Sie bekommen Ihr Geld eines Tages.«
Er versuchte in seine Stimme Überzeugungskraft zu bringen – doch es gelang ihm nicht. Was er sagte, klang kläglich.