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Sie ist die schönste Frau von Fort Buford und der Traum eines jeden Mannes. Kein Wunder, dass der schwer angeschossene Goldgräber sich zu Ester Moris flüchtet und ihr sterbend sein millionenschweres Geheimnis anvertraut. Aber der Fundort am Gold River liegt mitten in den Rockys, und allein wäre Ester den Goldwölfen, die der Alte auf seiner Fährte hatte, schutzlos ausgeliefert.
Eigentlich kennt sie nur einen Mann, der erfahren, vertrauenswürdig und furchtlos genug ist, um mit ihr den Ritt zum Gold River zu wagen: den Pelztierhändler John Caine. Aber dem hat sie erst vor wenigen Stunden einen Korb gegeben...
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Gold River
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Manuel Prieto/Norma
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-5881-0
www.bastei-entertainment.de
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Gold River
1
»Bist du tatsächlich eine russische Gräfin, Natascha?« John Caine fragt es staunend.
»So wie du ein Trapper und Bergläufer bist«, erwidert die dunkelhaarige und grünäugige Schönheit und lächelt nachsichtig über so viel Unglauben in John Caines Stimme.
Er grinst und hebt prostend sein Glas.
»Dann trinken wir auf dein blaues Blut, Gräfin.« Er lacht. »O Moses, dass ich mal mit einer echten Gräfin im Bett das Paradies erleben würde, hätte ich mir im Traum nicht einfallen lassen, hahaha!«
Er ist schon ein wenig angetrunken. Deshalb ist er so vergnügt und albern.
Er ist ein Bursche, der nach einem langen Jagdwinter eine ganze Menge Edelpelze nach Fort Buford brachte und überdies auch noch seinen Skalp behielt.
Und um dieses Glück zu feiern, ging er in dieses Etablissement.
Wer kann das einem Bergläufer und Trapper verdenken, der viele Monate in der Einsamkeit zubringen musste?
Aber zu seinen letzten Worten schüttelt sie den Kopf.
»Nicht mit mir, mein Freund.« Sie lächelt gnädig. »Ich bin hier die Chefin. Ich empfange die Gäste und nehme mit ihnen einen Begrüßungsdrink. Ich unterhalte mich mit ihnen und stelle dabei fest, ob sie dem Niveau meines Etablissements entsprechen. Wenn das zutrifft, mache ich sie mit einer der Gesellschafterinnen bekannt. Dies hier, mein Freund, ist kein Bordell.«
Er staunt.
Dann sieht er sich um. Im großen Empfangsraum sitzen da und dort einige Paare beisammen. Eines der Mädchen spielt auf einem Klavier wie eine echte Künstlerin. Aber es wird auch viel getrunken und gelacht.
John Caine sieht Mädchen aller Rassen.
Und alle sind wunderschön und haben tatsächlich etwas Besonderes.
Er sieht aber auch, dass jetzt ein Paar nach oben geht.
Nun richtet er den Blick wieder auf die angebliche Gräfin Natascha, von der man sagt, dass sie aus Alaska nach Fort Buford gekommen sei.
Und hier sammelte sie dann all die Schönen, die von Saint Louis mit den Dampfbooten heraufkamen. Man sagt, dass sie bald mit dieser Truppe hinauf nach Fort Benton und von dort ins Goldland zum Gallatin Valley oder in die Last Chance Gulch gehen werde, um die zehntausend Goldgräber zu erfreuen, die inzwischen das ganze Land nach Gold durchwühlen.
»Aha.« John Caine nickt. »Sie sind also die Chefin, Ma’am. Und Sie gehen nicht mit Ihren Gästen ins separate Zimmer hinauf. Aber nachdem ich Sie kennengelernt habe, Ma’am, möchte ich keine andere Lady kennenlernen.«
Er hat seine ganze Ausdrucksweise plötzlich geändert, nennt sie Ma’am und benimmt sich so respektvoll, als wäre sie tatsächlich eine Gräfin und echte Lady.
»Ich kann Sie wirklich nicht umstimmen, Gräfin Natascha?«
Auf ihrem Gesicht erscheint einen Moment der Ausdruck von Misstrauen, so als befürchtete sie, dass er sich über sie lustig machte. Doch in seinen rauchgrauen Augen erkennt sie nicht den geringsten Spott.
Noch bevor sie auf seine Frage antworten kann, werden sie gestört.
Zwei Männer kommen herein und treten zu Natascha und John Caine. Sie wirken sehr selbstbewusst, fast sogar herausfordernd und drohend, auf jeden Fall so, als gehörte ihnen das Etablissement.
Einer sagt: »Wo ist er? Bei welchem Mädchen hat er sich verkrochen? Komm schon, Grünauge, führe uns hin. Wir wollen nicht erst das ganze Haus durchsuchen. Na los, komm, komm!«
Der Sprecher tritt bei seinen Worten vor und will Natascha aus dem Sessel hochziehen. Doch sie erweist sich nun nicht als vornehme Dame, denn sie tritt ihm mit aller Kraft gegen das Schienbein, so dass er vor Schmerz unwillkürlich aufjault, dann jedoch böse flucht und zugreifen will, um sie an den Haaren hochzuziehen.
Doch da tritt ihn John Caine mit seinem langen Bein vom anderen Sessel aus gegen den Hüftknochen. Der Mann taumelt zur Seite und fällt aufbrüllend über den dritten Sessel der Sitzgruppe.
Sein Begleiter will sich nun einmischen. Sie kamen ja beide bewaffnet herein, tragen also Colts in den Holstern und Messer am Gürtel. Der Mann schnappt nach seinem Colt.
Doch als er ihn heraus hat, steckt ein Messer in seiner Schulter. John Caine zauberte es hinter seinem Nacken hervor und warf es im selben Sekundenbruchteil. Der Mann lässt den Colt fallen, indes Schrecken und Panik sein Gesicht verzerren. John Caine aber ist schon unterwegs zu dem anderen Kerl, der nun, hochkommt und dabei ebenfalls den Colt herausholen will. Er trifft ihn mit der Stiefelspitze unters Kinn, so dass der Bursche abermals zu Boden geht.
Und dann ist es vorbei.
John Caine wendet sich an Natascha, die sich inzwischen erhoben hat.
»Dieses Etablissement mag ja sehr vornehm sein«, sagt er und grinst sie an, »doch es gibt in diesem Land eine Menge Burschen, die darauf keine Rücksicht zu nehmen scheinen.«
Er tritt zu dem stöhnenden Mann, aus dessen Schulter das Green-River-Messer ragt, fasst es blitzschnell und reißt es heraus. Er wischt die blutende Klinge am Oberärmel des halb bewusstlosen und wie betrunken schwankenden Burschen ab und lässt das Messer wieder verschwinden.
»Siehst du, meine liebe Gräfin, wenn du mit mir auf dein Zimmer gegangen wärest, dann würde das alles nicht geschehen sein.«
Nach diesen Worten geht er.
Er bedauert sehr, dass er sich mit den beiden Kerlen in einen Streit einließ. Er kennt die Sorte zu gut. Sie gehören zu dem Abschaum, der nach dem Krieg nach Norden kam. Die meisten werden gesucht – entweder vom Gesetz oder von irgendwelchen Feinden oder Rächern.
Denn hier im Norden gibt es kein Gesetz. Die Armee mischt sich in Zivilangelegenheiten nicht ein. Sie hat auch alle Hände voll mit den Indianern zu tun.
Und eigentlich ist das hier alles noch Indianerland, den Roten durch Friedensvertrag garantiert.
Fort Buford sichert den Missouri hier an der Yellowstone-Mündung. Und in seinem Schutz bauten Händler eine Siedlung. Inzwischen wurde schon eine kleine Stadt daraus mit Saloons, Tingeltangels, Hotels. Es gibt Landebrücken für die Schiffe und einen großen Holzplatz mit einer Sägemühle.
Wenn die Dampfboote hier Brennholz übernehmen, gehen die Passagiere an Land, um sich zu amüsieren.
Von diesen Passagieren und von den Soldaten und Trappern lebt die kleine Stadt. Außerdem kommen noch einige friedliche Indianerstämme zum Handeln nach Fort Bufort.
John Caine tritt hinaus in die Nacht.
Vom Fort leuchten die Lichter herüber. Auch hier im Ort brennen noch viele Lichter. Alle Lichtbahnen fallen aus den Fenstern der Saloons und der Spielhallen.
Langsam schlendert er in den Saloon hinüber und denkt dabei: Aaaah, ich werde mir einen Rausch antrinken und mein Glück beim Poker versuchen. Vielleicht sollte ich mir, wenn ich wieder in die Berge gehe, eine Squaw kaufen. Für zwei oder drei Pferde und ein wenig anderes Zeug bekomme ich eine Augenweide, die mich warmhält, wenn der Blizzard um meine Hütte orgelt. Was mögen diese beiden Pfeifen wohl für einen Mann gesucht haben – und warum? Aber sie hat ihnen nichts verraten. Oha, sie hat den Kerl vor die Schienbeine getreten, dass es nur so krachte. Was für ein Weib! Ob sie wirklich eine russische Gräfin ist – oha?
Er vermag es nicht zu glauben, obwohl sie mit der Klangfarbe einer echten Russin sprach.
Nun, er verschwindet im Saloon und lässt sich von Hanky Scott einen Drink einschenken. »Wenn der nach einem toten Hund schmeckt, Hanky«, sagt er trocken, »dann lass ich dich die ganze Flasche leer trinken.«
Darauf bekommt der Barmann und Wirt kleine Augen. Sein bärtiges Gesicht zuckt und verzerrt sich.
»Das bringst du fertig, du verdammter Witwentröster«, sagt er. »Wie war das eigentlich mit der schönen Witwe von Captain Jennison, die du aus dem Indianerdorf holtest? Hast du sie wirklich …«
»Das geht dich nichts an«, knurrt John Caine und wirkt nun sehr gefährlich. Er ist ein großer, hagerer, indianerhafter Bursche. Und vielleicht hat er auch ein Achtel Indianerblut in sich.
Der Barmann sagt nichts mehr. Überdies muss er nun am anderen Ende der Bar andere Gäste bedienen.
John Caine lehnt sich mit dem Rücken an die Bar, behält das Glas in der Hand und sieht sich im großen Raum um.
Da man mit den Dampfbooten verhältnismäßig billig jede Fracht herschaffen kann, ist der Saloon fast nobel eingerichtet. Er ist ziemlich gefüllt, denn an den Landebrücken liegen zwei Dampfboote, die Holz übernahmen für ihre Kesselfeuerungen und dann wegen der schwarzen Nacht nicht mehr weiterzufahren wagten.
Die Passagiere kamen an Land, und die meisten davon sind jetzt im Saloon. Denn hier wird doch etwas Abwechslung geboten. An Bord ist alles enger, und man kennt sich untereinander schon zu gut.
Auch wird hier jede Art von Glücksspiel gespielt, und es sind auch einige Mädchen da. Eine Kapelle spielt – und die vielen ausgelassenen Stimmen täuschen Fröhlichkeit vor. Außer den Passagieren der Schiffe sind auch noch Soldaten, Frachtfahrer, Flussschiffer, Trapper und all die anderen Sorten von Menschen da, denen man nicht sofort ansieht, von welchen Einkünften sie leben und was sie in diesem Land tun. Da sind getarnte Spieler, die fast wie ehrenwerte Prediger wirken und dennoch eiskalte Haie sind. Da sind Handelsreisende und Banditen auf der Flucht.
Und auch Frauen sind dabei, Glücksjägerinnen, Abenteuerinnen, die nach jeder Chance greifen und zu allem bereit sind, um zu überleben.
Nun, John Caine betrachtet sie aufmerksam, beobachtet sie mit dem Glas in der Hand, aus dem er manchmal einen kleinen Schluck nimmt.
An einem Tisch sieht er eine bemerkenswerte Frau sitzen und mit vier sicherlich sehr hartgesottenen Männern Poker spielen. Einer dieser Spieler ist Morg Lassalle, ein Mörder und Bandit, der sich darauf spezialisiert hat, Trappern, die nach einem langen und mühevollen Jagdwinter mit ihrer Fell- und Pelzbeute nach Fort Bufort kamen, die Beute abzunehmen.
John Caine weiß das ziemlich sicher.
Obwohl er es nicht beweisen könnte. Dennoch hat er sich vorgenommen, diesen Morg Lassalle zur Hölle zu schicken, wenn der ihm einmal in der Einsamkeit über den Weg laufen sollte.
Er muss die Frau immer wieder betrachten. Von seinem Platz aus hat er freie Sicht auf sie zwischen zwei Spielern hindurch, die mit dem Rücken ihm zugewandt am Spieltisch sitzen.
Einige Male schon begegneten sich ihre Blicke.
Und als sie wieder einmal zu ihm herblickt, da hebt er das Glas und trinkt ihr zu.
Sie dankt ihm mit einem leichten Lächeln.
Er begreift, dass sie ihn erkennen lassen will, was er herauszufinden versuchte. Ihr Lächeln könnte also bedeuten: Hey, du gefällst mir, Mister. Versuche es also, und wir werden sehen, ob du meinen Wünschen entsprichst.
Er kann sehen, dass sie immer wieder gewinnt. Die Gesichter ihrer vier Spielpartner – von denen sich jeder für einen hartgesottenen und guten Pokerspieler hält – werden immer länger und wütender. John Caine begreift in der nächsten halben Stunde – als er schon das dritte Glas leert –, dass sie Hilfe brauchen wird.
Sie hat schon zu viel gewonnen, und ihre Spielpartner sind keine Gentlemen. Er verlässt nun endlich seinen Platz an der Bar und wandert durch den großen Raum. Beim Roulette und dann auch beim Faro riskiert er einige Dollars und gewinnt. Er lächelt dann eines der Mädchen an, das zum Klang der lärmenden Kapelle mit ihm tanzen will.
»Oha, Rosy«, sagt er, »ich habe zwei linke Füße. Ich kann selbst mit einer Elfe, wie du eine bist, nicht tanzen. Aber ich schenke dir das Geld für die Tanzkarte.«
Er schiebt ihr ein paar Dollars in den Kleidausschnitt.
Und Rosy stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst seine Wange.
»Du bist einer wie sonst kein zweiter unter zehntausend«, sagt sie. »Warum ist diese verdammte Welt so arm an Burschen von deiner Sorte!«
Sie sagt es nicht als Frage, sondern als Feststellung und wartet nicht auf seine Antwort. Er nimmt ihre Worte auch nicht ernst, sieht ihr lächelnd nach.
Dann erinnert er sich wieder an die Spielerin am Tisch der Hartgesottenen.
Und so begibt er sich wieder zu seinem alten Platz an der Bar. Dort steht schon ein Bursche, den er ebenfalls kennt. Es ist ein Armeescout.
Er sagt zu diesem Scout: »Hau ab, Pierce, hau ab hier.«
Der Mann will wütend erwidern, doch als er in John Caines Augen blickt, behält er seine aufsteigende Wut tief in sich verborgen, verdrängt sie in den innersten Kern. Nur seine Augen glitzern böse.
»Sicher, ich wollte ohnehin gehen, Caine«, erwidert er. »Wenn der große Wolf zur Tränke kommt, machen ihm alle Platz, die ihn fürchten müssen.«
»So ist es, Pierce.« John Caine grinst schmal und nimmt seinen alten Platz wieder ein. Er kann sehen, dass die schöne Spielerin dies alles beobachtet hat und gewiss auch richtig zu deuten weiß.
Wieder tauschen sie einen Blick über die Entfernung hinweg.
Er nickt leicht, und er weiß, dass sie sein Nicken verstanden hat. Sie weiß jetzt, dass er ihr Hilfe geben wird, sollte dies notwendig werden.
Sie spielt nur noch eine Runde mit den vier Männern und gewinnt auch diesmal einen Pott, in dem gewiss an die fünfzig Dollar liegen.
Als sie nun ihre Handtasche vom Boden neben ihrem linken Fuß aufnimmt, sie auf ihren Schoß stellt, öffnet und das Geld vom Tisch mit Hand und Unterarm hineinwischt, da schätzt John Caine, dass es mehr als sechshundert Dollar sind, und das ist ein hübscher Gewinn für ein paar Stunden Poker.
Er kann hören, wie sie sagt: »Nun, Gentlemen, es ist nach Mitternacht. Ich höre auf und gehe an Bord zurück. Ich spiele nie länger als bis eine Stunde nach Mitternacht. Es hat mich sehr gefreut, ihre Gesellschaft genießen zu dürfen.«
Bei den letzten Worten erhebt sie sich.
Doch die vier Kerle bleiben sitzen.
Einer von ihnen sagt: »Lady, Sie haben uns zu viel abgenommen, um ohne Revanche gehen zu können. Sie bleiben. Das Spiel geht weiter. Basta!«
Die Stimmen werden lauter, als nun auch die drei anderen Spieler dem ersten Sprecher beipflichten.
Ihr Blick richtet sich wieder auf John Caine, der nun an der Bar sein Glas wegstellt und näher tritt.
Über die Köpfe der vier Spieler hinweg sagt er: »Lady, ich begleite Sie, wenn es Ihnen recht ist. Diese Gentlemen wissen sicherlich nicht, dass eine schöne Frau geregelten Schlaf und frische Luft braucht, um sich ihre Schönheit erhalten zu können zur Freude aller Männer. Kommen Sie, Lady.«
Er ging indes um den Tisch herum und bietet ihr nun den rechten Arm.
Seinen Revolver trägt er links, und seine Linke hängt dicht neben dem Colt.
Drei der Männer wollen aufbegehren, ja, sie springen drohend auf.
Nur jener Morg Lassalle bleibt sitzen. Er sagt jedoch: »Oh, lasst ihn nur gehen mit ihr. Das da ist John Caine. Der kommt mit uns zurecht, glaubt es mir. Der da, das ist Yellowstone John. Bleibt friedlich! Diese schöne Hexe hat ihm was zu bieten, gegen das wir nicht anstinken können. Ihr würdet einen Tiger am Schwanz packen.« Seine Stimme bekommt einen beschwörenden Klang.
Und die drei Spieler zögern. Sie sind klug genug, um eine Warnung ernst zu nehmen, wenn sie dabei auch noch den Mann abschätzen können, vor dem man sie warnt.
Dazu kommt, dass Morg Lassalle selbst wie ein harter Bursche aussieht, der sich so leicht nichts abnehmen lässt.
Indes hat John Caine sich mit der Frau schon einige Schritte entfernt. Sie erreichen den Ausgang.
Erst hier dreht John Caine sich nochmals um und zeigt ihnen sein blinkendes Lächeln, bevor auch er verschwindet.
Am Tisch sagt Morg Lassalle heiser: »Der hätte zumindest zwei von uns umgebracht, wenn wir rau geworden wären. Und diese Chance ist mir zu klein. Schreibt eure Verluste an die Schöne ab. Sie fand einen Beschützer. Den finden solche Frauen immer, denn sie können mit etwas bezahlen, wofür schon der alte Adam zum Sünder wurde.«
Er lacht nach diesen Worten, denn die drei Spieler machen ziemlich dumme Gesichter.
Indes gehen John Caine und die schöne Spielerin den Uferweg entlang zu den Landebrücken der Schiffe.
»Danke, mein Freund«, sagt sie. »Man nennt Sie John Caine – oder Yellowstone John – und letzterer ist Ihr Kriegsname, ja?«
»Und Ihr Name?«
»Boston, Boston Lane«, sagt sie. »Wollen Sie einen Anteil von meinem Gewinn? Zehn Prozent vielleicht?«
»Nein«, erwidert er. »Es hat mir Freude gemacht, Ihnen Schutz zu geben. Ich mochte besonders einen der Spieler nicht.«
Sie haben nun das erste Dampfboot erreicht und betreten die Landebrücke.
»Bringen Sie mich an Bord«, verlangt sie.
Der Decksmann an der Gangway lässt sie passieren. Offenbar hält er John Caine für einen Passagier. Sie gehen hinauf auf das Kabinendeck bis zu einer der Luxuskabinen. Boston Lane öffnet mit ihrem Schlüssel und sagt dann kehlig über die Schulter zu ihm zurück: »Kommen Sie herein, mein Freund. Ich habe einen guten Whiskey für Sie.«
Er folgt ihr, und er weiß, dass sie mehr für ihn hat als nur einen Whiskey.
Sie hat längst gespürt, dass er ein besonderer Mann ist. Rosy hat gesagt, dass er ein Mann sei wie sonst keiner unter zehntausend. Das hat auch sie erkannt.
In der Kabine verbreitet eine Lampe mit heruntergedrehtem Docht gedämpftes Licht.
Boston Lane wendet sich zu ihm.
»Es gibt auf dieser Welt nicht genug Männer von jener Sorte«, sagt sie kehlig, »zu der du ganz offenbar gehörst. Ich treffe manchmal einen auf meinen Wegen. Und den lasse ich mir dann nicht entgehen.«
Indes sie dies leise spricht, kommt sie in seine Arme.
Ja, sie ist eine Abenteuerin, vergleichbar einer nach Beute streifenden Wölfin. Sie lässt sich nichts entgehen – auch nicht einen streifenden Wolf.
So einfach ist das.
Denn für sie und für ihn gelten nicht die allgemeingültigen Maßstäbe.
Er hat einen gefährlichen Jagdwinter hinter sich.
Und sie will einen Beschützer für sich gewinnen.
Ob sie das schaffen wird in dieser halben Nacht bis zum Morgengrauen, wenn das Dampfboot ablegen wird?
2
Als das Dampfhorn zum ersten Mal ertönt, ist dies das Zeichen für all jene Passagiere, die noch an Land sind, an Bord zu kommen – und das Zeichen für ihn, von Bord zu gehen.
Er erhebt sich, und obwohl er sich alle Mühe gibt, sie nicht zu wecken, gelingt ihm das nicht.
Denn er hört sie sagen: »Geh nicht! Bleib an Bord! Geh mit mir ins Goldland! Gib alles auf. Dies ist eine Doppelkabine. Bleib bei mir.«
»Nein«, sagt er ruhig. »Aber ich danke dir für das, was du mir geschenkt hast. Du warst wundervoll. Vielleicht begegnen wir uns noch mal irgendwann und irgendwo.«
Sie schweigt einige Sekunden. Dann spricht sie kehlig mit einem Klang von tiefstem Bedauern: »Schade, mein Freund, schade. Und es sind nicht meine roten Haare, die dich stören?«
»Nein«, erwidert er. »An dir ist alles richtig; es könnte nicht vollendeter sein. Und deine Haare sind nicht nur einfach rot – sie sind glänzendes Rotgold. Aber ich lebe in einer anderen Welt als du. Ich bin ein Bergläufer und Trapper. Ich brauche einsame Täler, Wälder, Flüsse, Wildnis und freien Himmel, die starken Düfte eines unberührten Landes, den Rauch des Campfeuers, den Geruch regenfeuchter oder sonnenwarmer Erde, harziger Kiefern – und duftender Wildblumen. Ich brauche den Sturm und den Wind, die mir erzählen, wie großartig es ist, am Leben zu sein – und wie sehr diese Welt voller Neuigkeiten, Abenteuer und unvorhergesehener Ereignisse ist, denen man sich stellen muss. Das alles macht die Tage und Nächte gut. Kannst du das verstehen, Boston Lane? Auch du warst etwas Gutes in dieser Nacht. Doch deine Wege sind anders als meine. Leb wohl.«
Er hat sich nun angekleidet, öffnet die Kabinentür und gleitet hinaus.
Sie sagt nichts mehr – kein einziges Wort ruft sie ihm nach. Aber es ist ein großes Bedauern in ihr. Sie weiß, dass sie solch einem Mann auf ihren Wegen so schnell nicht wieder begegnen wird.
Er ist ein zweibeiniger Berglöwe, denkt sie.
Nun ertönt das Dampfhorn des Schiffes zum zweiten Mal.
John Caine drängt sich vom Hauptdeck über die Gangway auf die Landebrücke.
Ihm entgegen kommen die letzten Passagiere. Die meisten sind betrunken. Einer knurrt ihn böse an mit den Worten: »Platz da, du Hammel – oder ich werfe dich ins Wasser.«
Aber John lacht nur, drängt sich an dem betrunkenen und rauflustigen Mann vorbei. Er steht an Land, als das Dampfboot ablegt.
Es ist grauer Morgen. Im Osten werden bald die ersten Lichtblitze der Sonne deren Aufgang ankündigen.
Oben auf dem Kabinendeck erscheint nun Boston Lane an der Reling. Sie trägt einen Morgenmantel, den sie eng um den makellosen Körper gewickelt hat.
Sie winkt ihm zu, und er winkt zurück, lächelt blinkend.
Dann wendet er sich dem kleinen Ort zu.
Er wird im Hotel frühstücken, anschließend seine Ausrüstung vervollständigen, die drei Packpferde beladen und seine grauen, narbigen Wallach satteln.
Und dann wird er in das Land zwischen den Big Horn Mountains und den Grand Tetons reiten.1) Er wird in diesem gewaltigen Land untertauchen wie ein Staubkorn.
Washakie Needle, Owl Mountains, Shoshone Cavern, Shoshone Mountains, Rattlesnake Mountains, Wind River – das alles sind die Namen in diesem Gebiet westlich der Big Horns und des Big Horn River.
Als er sein Hotelzimmer betritt, um dort seine Siebensachen zu packen, erwartet ihn eine Überraschung.
Am Fenster sitzt eine Frau auf dem Stuhl – und wahrscheinlich sah sie ihn schon vom Fluss heraufkommen.
Er verharrt. Im Halbdunkel des Zimmers kann er sie erkennen.
»Oha, Natascha«, sagt er, »das ist aber eine Überraschung. Eine richtige russische Gräfin in meinem Zimmer, oha – wenn ich das gewusst hätte …«
»Dann wärest du vielleicht nicht mit der Spielerin auf das Dampfboot gegangen?«
Sie fragt es kühl zurück.
Da wird auch er kühl. »Dir entgeht wohl nichts hier in Fort Buford?«
»Nein«, sagt sie. »Das gehört zu meinem Geschäft. Ich ließ dich suchen, weil ich dich schnellstens sprechen wollte. Es war nicht schwer, herauszubekommen, wohin du so plötzlich verschwunden warst. War sie dir sehr dankbar?«
»Sehr.« Er nickt. »Bist du zu mir gekommen, um mir ebenfalls Dank abzustatten?«
Er lacht bei seiner lässigen Frage.
Sie aber bleibt ernst, als sie erwidert: »Vielleicht später irgendwann einmal, sehr viel später, mein Freund. Vorerst bin ich hier, um dir ein Geschäft vorzuschlagen, dir eine Partnerschaft anzutragen.«
»Partnerschaft? An deinem noblen Freudenhaus?« Er fragt es staunend.
Sie lacht kehlig – und plötzlich spricht sie nicht mehr mit diesem russisch klingenden Akzent. Nun klingt ihre Sprechweise so, als wäre sie eine Südstaatlerin französischer Abstammung, vielleicht aus New Orleans. Sie sagt: »Der Mann, den die beiden Kerle in meinem Etablissement suchten …«
Sie macht nun eine kleine Pause. Dann fügt sie hinzu: »… ist in der vergangenen Nacht kurz nach deinem Weggang in meinem Bett gestorben.«
»Aha«, sagt er und tritt neben sie. »Deshalb hatte ich bei dir keine Chance und musste mich woanders umsehen. Ist er an Überanstrengung gestorben, weil er schon zu alt war?«
Er blickt grinsend von der Seite her auf sie nieder.
Sie aber sieht zu ihm empor und bläst zornig eine Haarsträhne aus ihrer Stirn.