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An der Straße von Kansas City nach Santa Fé, mitten im Land der aufständischen Kiowas, errichtet Jeremy Coburne eine Stadt. Trotz der Mutlosigkeit in den eigenen Reihen, trotz der Banditenhorde, die ihm den Tod geschworen hat, und trotz der Kiowas, die Rosebee City von allen Seiten umzingelt haben, verfolgt er unbeirrbar sein Ziel. Doch dann bricht das Verhängnis über ihn herein. Auf eine Weise, wie er es nie vermutet hätte. Über Nacht verlässt ihn die Frau, die er liebt, und bei sich hat sie zwei Packtaschen, in denen sich Jeremys ganzes Geld befindet...
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Kiowa Trail
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Manuel Prieto/Norma
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-5883-4
www.bastei-entertainment.de
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Kiowa Trail
1
Es war im Sommer 1866, als ich mit meinem Wagenzug den Medicine Lake erreichte und anhalten ließ, obwohl es erst Nachmittag war und wir bis Nachtanbruch noch einige Meilen hätten fahren können.
Doch das Wasser des Medicine Lake war zu gut. Es enthielt irgendwelche Mineralien und galt bei den Indianern als gutes Heilwasser. Und was für die Indianer gut war, konnte auch für Mensch und Tier meines Wagenzuges nicht schlecht sein.
Mein Wagenzug war nicht groß. Es war kein Frachtwagenzug, der für Geld Frachten transportierte. Nein, bei mir war es anders. Ich war ein »Fahrender Händler«. Mein Wagenzug war sozusagen ein »Fahrender General Store«, und jeder der vier Wagen konnte schnell zu einem Verkaufsstand umfunktioniert werden.
Meine vier Fahrer waren zugleich auch Verkäufer.
Den fünften Wagen – er war klein – fuhr unser Koch. Und ich selbst ritt im Sattel.
Wir waren also sechs Mann stark. Aber es gab sicherlich zwischen Kansas City und Santa Fé keine hartbeinigere Mannschaft. Wir nahmen es – wenn es sein musste – auch mit dem Teufel auf. Das hatten wir längst bewiesen. Und es sprach sich bald herum auf dem Santa-Fé-Trail, den man auch Kiowa Trail nannte, weil der Wagenweg von Kansas City nach Santa Fé durch das Gebiet der Kiowas führte.
Nun, ich wusste fast alles über die Kiowas.
Äußerlich waren sie die am edelsten aussehenden Indianer mit einem geradezu klassisch-römischen Profil. Sie alle waren prächtig gewachsen, und auf ihren Pferden boten sie einen besonders stolzen Anblick.
Und noch waren sie die Herren in ihrem Land, obwohl von 1836 bis 1850 die Weißen zu den Goldfundgebieten in Kalifornien strömten und wenig später zu den Gold- und Silberfunden in Colorado. Es war gerade die Zeit der Büffeljagd. Und weil die Büffel auch für die Kiowas die Lebensgrundlage bildeten, musste es Krieg geben. Das war unausweichlich.
Denn die Büffeljäger schossen die Büffel zu Tausenden tot, nahmen nur ihre Häute und ließen die Kadaver verfaulen.
Wir hatten an diesem Nachmittag unsere Tiere eben erst ausgespannt und getränkt, als Lone Wolf angeritten kam.
Er kam nicht allein, denn er war einer der maßgebenden Häuptlinge der Kiowas. Deshalb hatte er eine stattliche Garde bei sich, so an die fünfzig Mann auf bunten Pferden und mit flatterndem Zierrat. Sie boten ein sehr beeindruckendes, heidnisches Bild. Ja, sie waren hier die Ritter der Prärie.
Und das demonstrierten sie allein schon durch ihren Anblick.
In ihrer Mitte transportierten sie zwischen zwei hintereinander gehenden Pferden eine Bahre, und ich fragte mich, als ich dies erkannte, wen sie da wohl anbringen mochten.
Wollten sie nur zum Heilwasser des Sees?
Oder wollten sie zu mir?
Denn ich hatte als Händler stets auch einige Medizin und all die notwendigen Dinge für Wundbehandlung unter meinen Waren, sogar Kästen mit chirurgischen Instrumenten führte ich mit. Ihr Verkauf brachte guten Gewinn.
Lone Wolf und ich, wir kannten uns gut. Schon mein Vater hatte mit seinem Vater Handel getrieben. Und wenn Lone Wolf zu mir kam, um Einkäufe zu machen, dann bezahlte er stets mit Gold. Irgendwo in den Bergen von Colorado besaß er eine geheime Goldmine. Es konnte durchaus sein, dass er die Entdecker und Besitzer dieser Goldmine getötet hatte.
Er ließ seine Kriegerschar mit der Bahre halten und kam allein zu uns herübergeritten. Meine Männer hielten sich bereit. Sie hatten Schrotflinten und auch Sprengstoffstangen mit kurzen Lunten in Bereitschaft. Und jeder rauchte eine Zigarre, weil man damit die kurzen Lunten besonders schnell und bequem durch Blasen anzünden konnte.
Aber Lone Wolf zeigte uns seine Handflächen zum Zeichen, dass er in friedlicher Absicht kam, und hielt vor mir an. »Zwischen uns«, sprach er in einwandfreiem Englisch, »wird immer Frieden sein, Jeremy. Schon unsere Väter waren Freunde, die sich achteten und einander vertrauten. Ich brauche deine Hilfe. Du erinnerst dich an meine Schwester?«
Ich nickte und sah hinüber zu der Bahre, die noch zwischen den Pferden hing und in der ein Mensch lag.
Ob es Rosebee war, deren Körper sich durch das Segeltuch der Bahre abzeichnete?
»Ich erinnere mich gut an Rosebee«, erwiderte ich. »Wie könnte ich sie vergessen haben? Sie ist das schönste Mädchen, das ich jemals sah in meinem Leben.«
Er nickte.
Dann sagte er hart: »Sie wird sterben, wenn du ihr nicht mit einem besonderen Instrument die Kugel neben ihrem Herzen herausholen kannst. Du hast doch stets solch einen Kasten mit Instrumenten bei dir. Wir brauchen eine lange, dünne Zange. Die Kugel sitzt so dicht beim Herzen, dass wir sie nur auf diese Weise herausholen können. Willst du mir helfen?«
»Sicher«, erwiderte ich. »Und besonders Rosebee will ich helfen. Sie ist zu schön, um zu sterben. Ich hole den Kasten mit dem chirurgischen Besteck.«
Nach diesen Worten wandte ich mich zu meinen Männern um und begann ihnen Befehle zu erteilen.
Und mir war klar, dass ich jetzt hier am Medicine Lake mitten auf der Kansas-Prärie eine Operation vornehmen musste, bei der es auch für mich und meine Leute um Leben und Tod ging.
Nun, wir spannten eine Zeltplane auf, legten eine andere Plane auf den Prärieboden und ein weißes Laken auf die Plane.
Dann brachten sie Rosebee, und als ich sie sah, da hatte ich nicht einen einzigen Hoffnungsfunken mehr. Es ging mit ihr zu Ende. Gewiss hatten sich schon die Medizinmänner der Kiowas an ihr versucht und an der Wunde herumgefummelt, die Kugel jedoch nicht herausbekommen.
Sie hätten wahrscheinlich ihr Herz freilegen müssen, um die Kugel packen zu können. Das aber wagten sie nicht.
Da erinnerte sich Lone Wolf gewiss daran, dass schon meine Eltern so nebenbei auch Wunden versorgten und Kranken halfen. Das alles gehörte zum Service fahrender Händler und machte sie zwangläufig zu Laienwundärzten.
Mich dauerte Rosebee sehr.
Denn ich hatte sie lachend, voller Feuer und wunderschön in Erinnerung.
Kiowamädchen waren die schönsten Mädchen unter allen Indianervölkern, und Rosebee war wiederum die Schönste unter den Kiowamädchen.
Und jetzt lag sie im Sterben, war fast schon tot.
Lone Wolf sah mich hart an.
»Hilf ihr«, verlangte er.
Er versprach mir nichts, drohte auch nicht. Er sagte einfach nur »Hilf ihr«, doch ich wusste, dass er mir Erfolg oder Misserfolg niemals vergessen würde.
Wir knieten zu beiden Seiten der Bewusstlosen. Ihr Körper war nun nackt. Doch wir hatten keinen Blick für die makellose Schönheit dieses Mädchenkörpers, wir sahen nur die Wunde.
»Ich werde alles versuchen, was in meinen Kräften steht, so, als wäre sie meine Schwester«, versprach ich und sah in Lone Wolfs schräge Augen, die zu seinem Namen passten.
Unser Koch Sam Jenkins brachte mir die Flasche mit reinem Alkohol, dazu einen Beutel mit Watte. Indes ich die Bewusstlose um die Wundgegend herum mit Alkohol abzureiben begann, brachte mir der Koch all das andere Zeug, nämlich den Kasten und auch einige frische Handtücher.
Ich wusste, dass ich eine Menge Glück brauchte. Denn ich war ja kein Arzt, sondern nur ein Laie. Ich hatte noch keinen Menschen mit offenliegenden Herzen gesehen, wusste also nicht, wohin ich mit der langen und dünnen Schnabelspitze der Zange gelangen würde.
Ich konnte nur hoffen, dass ich gegen die Kugel stieß und sie dann auch fassen und herausziehen konnte. Und wenn ich zu fest gegen sie stoßen sollte, dann würde ich vielleicht das Herz oder irgendwelche Adern verletzen.
Auch innere Blutungen konnten die Folge meiner laienhaften Bemühungen sein.
Aaah, all diese Gedanken waren in mir, und mir wurde so richtig klar, dass ich kein Doc war und sicherlich noch viel weniger wusste als die Medizinmänner in Lone Wolfs Dorf.
Doch dann endlich erinnerte ich mich an ein Buch, in dem ich einmal blätterte. Es war ein medizinisches Buch. Ich brauchte es mit anderen Dingen von der Schiffslandestelle bei Kansas City, die damals noch Westport hieß, nach Medicine Lodge zu einem Arzt.
In diesem medizinischen Buch waren allerlei Zeichnungen, auch über das Herz des Menschen.
Nun versuchte ich mir diese Zeichnungen noch einmal ins Gedächtnis zurückzurufen.
Lone Wolf sah mich immer noch hart an.
Und dann stieß er hervor: »Fürchtest du dich wie die Medizinmänner meines Dorfes? Würdest du auch jetzt lieber mit einer Knochenrassel klappern und ähnlichen Unsinn machen?«
Er war ein sehr aufgeklärter Bursche, dieser Lone Wolf. Aber er hatte in seiner Jugend von den Jesuitenpatres, die aus ihm einen Christen machen wollten, eine Menge gelernt. Als er irgendwann begriff, wie mies, heuchlerisch und schlecht viele Christen sind, zog er es vor, eine Heide zu bleiben.
Aber deshalb wurde er nicht plötzlich wieder dumm und ungebildet.
Ich entschloss mich also. Ich nahm die Kugelzange. Sie glich einer lange, dünnen Schere. Nachdem ich sie mit Alkohol abgerieben hatte, machte ich mich an die Arbeit.
Ich senkte sie in das Kugelloch, hielt sie vorsichtig und versuchte, mich damit vorsichtig zur Kugel vorzutasten.
Der Schusskanal ging zur linken Herzkammer, und dort war irgendwo die Hauptkörperschlagader. Von der rechten Herzkammer ging die Lungenschlagader ab, auch das wenigstens wusste ich. Wenn die Kugel in der Nähe der Hauptschlagader steckte, dann konnte ich diese mit einer ungeschickten Bewegung zerreißen oder beschädigen.
Und dann war es aus mit der schönen Rosebee.
Ich schwitzte, doch ich achtete nicht darauf. Ich konzentrierte mich ganz und gar auf meine Hand und die Zange, versuchte mir vorzustellen, dass diese mein verlängerter Finger war, mit dem ich die Bleikugel fühlen wollte.
Und dann glaubte ich, die Kugel ertastet zu haben. Ja, ich war wohl jetzt gegen sie gestoßen. Einen Moment verhielt ich. Dann öffnete ich die Zange und schob sie noch etwas tiefer.
Du lieber Vater im Himmel, hilf mir! Das war mein Gedanke. Ich schloss die Zange und zog sie wieder heraus, ganz langsam und vorsichtig. Und dennoch floss jetzt wieder Blut. Aber das war gewiss kein schlechtes Zeichen, falls die Ader nicht beschädigt war.
Als ich die Zangenspitze betrachtete, sah ich die blutige Kugel.
Ja, ich hatte sie wahrhaftig beim ersten Versuch erwischt.
Das war mehr als Glück. Es konnte nur Schicksal sein. Der Himmel musste mir geholfen haben.
Ich hielt die Kugel vor Lone Wolfs Nase.
Er nahm das blutige Ding mit zwei Fingern und nickte mir zu.
»Weiter«, sagte er, »mach weiter, Jeremy Coburne.«
Er sprach meinen Namen so klar und deutlich wie ein Weißer, doch in seiner Kehle war ein kehliger Klang.
Ich begann nun die Wunde zu versorgen. Als die Blutung zum Stillstand kam und das Herz des Mädchens immer noch schlug, da konnte ich hoffen, dass alles gut gehen würde.
Lone Wolf erhob sich und nickte mir zu.
»Sie ist in guten Händen bei dir«, sprach er. »Ich komme sie holen, sobald sie transportfähig ist. Jetzt muss ich reiten.«
»Von wem bekam sie die Kugel?«, fragte ich.
»Ein Büffeljäger überraschte sie an einem Creek, in dem sie badete«, erwiderte er ernst, und in seinen gelben Augen glühte der Hass.
»Zuerst tat er ihr Gewalt an«, sprach er dann weiter. »Und damit sie ihn später nicht wiedererkennen sollte, versuchte er sie zu töten. Denn er sah uns kommen und ergriff die Flucht. Nun befindet er sich in einem Büffeljägercamp unter zwei Dutzend anderen Büffeljägern. Da wir ihn nur aus der Ferne sahen, würden wir ihn nicht erkennen unter anderen Männern seiner Sorte. Rosebee würde ihn wiedererkennen. Doch so lange warte ich nicht. Ich werde sie alle töten, alle.«
Nach dieser für ihn sehr langen Rede sah er mich wieder hart an.
Dann sagte er langsam Wort für Wort: »Der Kiowa Trail ist ab sofort gesperrt für alle Weißen. Nur du mit deinen Wagen darfst weiter zwischen Kansas City und Santa Fé verkehren – nur du allein, wenn Rosebee wieder gesund ist.«
Nach diesen Worten ging er zu seinem Pferd, saß auf und ritt mit seinen Kriegern davon.
Ich aber wusste nun, dass wir Krieg hatten am Kiowa Trail zwischen Kansas City und Santa Fé.
Nur mich würden sie schonen, mich, meine Wagen und meine paar Männer.
Doch ich würde neutral bleiben müssen.
Konnte ich das? Ich war ein Weißer. Und wenn auch ein weißer Hurensohn das alles in Gang gebracht hatte, so waren doch nicht alle Weißen solche Hurensöhne.
Aber was konnte ich tun?
Nichts konnte ich tun, gar nichts.
Die Sache war nicht mehr aufzuhalten.
2
Wir saßen fest. Lone Wolf hatte mir seine Schwester anvertraut, und irgendwann würde er kommen, um sie mitzunehmen in sein Dorf.
Wenn er sie nicht lebend bei mir vorfand, würden wir das alle büßen müssen.
Also mussten wir zusehen, dass wir sie am Leben erhielten. Das bedeutete für mich und meinen Wagenzug, dass wir hier am Medicine Lake bleiben mussten. Denn Rosebee war nicht transportfähig. Sie durfte sich nicht rühren.
Wir waren hier gewissermaßen festgenagelt, ja festgenagelt. Besser konnte unsere Situation nicht beschrieben werden.
Ich würde hier mit vier schweren Wagen voll kostbarer Ware sitzen bleiben, bis Rosebee von ihrem Bruder – dem wohl einflussreichsten Häuptling der Kiowas – wieder abgeholt wurde.
Aber ich hätte auch dann nicht anders handeln können, wenn sie nicht Lone Wolfs Schwester gewesen wäre. Denn ich mochte sie. Ich hatte sie schon als Kind gekannt und sie zum schönsten Mädchen der Kiowas heranwachsen sehen. Sie mochte mich ebenfalls sehr. Ich hätte also auch ohne Lone Wolfs Druck alles für sie getan, was in meinen Kräften stand.
Und so wandte ich mich an meine fünf Männer, die immer noch ihre Zigarren pafften, und sagte: »Also gut, Männer. Schlagen wir hier ein festes Camp auf. Wir müssen uns gewiss auf zwei bis drei Wochen einstellen.«
»Da könnten wir ja hier eine kleine Stadt errichten«, sagte der riesige Mike O’Conner. »Dies wäre der beste Platz dafür. Denn wir sitzen hier mitten auf dem Kiowa Trail, bevor der sich nach Santa Fé und nach Denver im Goldland von Colorado gabelt. Ja, hier müssen alle vorbei. Dies wäre ein guter Platz für eine Stadt. Und Lone Wolf gab sein Wort, uns nichts zu tun. Und wir sollten diese Stadt Rosebee nennen. Na, Boss, wäre das was?«
Ich sah ihm an, dass er es selbst nicht ganz ernsthaft meinte. Es sollte mehr ein sarkastischer Scherz sein. Er hätte diesen Scherz auch noch weiter ausmalen können. Schließlich hatten wir ganze Säcke mit Saatgut dabei und in einem der Wagen auch einen Pflug, Werkzeuge und tausend andere Dinge.
Mir wurde in diesen Sekunden klar, dass wir wahrhaftig eine Stadt aufbauen konnten, wenn wir das wollten. Alles, was dafür notwendig war, befand sich in unseren Wagen.
Und plötzlich schien mir das gar nicht mal so abwegig. Denn der Platz hier war erstklassig. Es gab den See und den Creek. Der Creek kam von Süden, füllte den See, floss wieder ab und mündete weiter im Norden in den Arkansas.
Hier am Medicine Lake gabelte sich der Kiowa Trail. Nach Nordwesten ging es in die Goldfundgebiete in Colorado. Nach Südwesten führte der Wagenweg nach Santa Fé.
Ja, dies hier war der richtige Platz für eine Stadt.
Ich entschloss mich in dieser Minute und sagte zu Mike O’Conner: »Das ist eine gute Idee, Mike. Ja, bauen wir eine Stadt. Einen besseren Platz könnten wir nicht finden. Wir bauen eine Stadt.«
Sie staunten mich an. Und sie kannten mich gut genug und wussten deshalb, dass ich nicht scherzte. Sie konnten es mir ansehen.
Mit offenen Mündern und staunenden Augen verharrten sie.
Dann sagte unser Koch Sam Jenkins feierlich: »Und mein Restaurant wird berühmt sein zwischen Santa Fé und Kansas City, zwischen Denver und Kansas City.«
»Sicher«, sagte Bud Larkin. »Besonders dann, wenn du dein Spezialgericht auf die Speisekarte setzt: Klapperschlangen nach Sam-Jenkins-Art. Und überdies kannst du den Leuten immer die Coburne-Mannschaft zeigen, die du nicht umbringen konntest mit deinem Fraß, hahaha!«
Nun lachten sie alle brüllend los, denn sie ließen sich nie eine Gelegenheit entgehen, ihren Koch ein wenig aufzuziehen.
Aber Sam Jenkins lachte nicht mit. Er fauchte, stemmte beide Hände gegen die Hüften und fragte böse: »Wollt ihr damit sagen, dass ich euch Fraß koche, ja, vielleicht sogar Gift ins Essen mische, he?«
Sie wurden schnell sehr ernst.
»Aber das tust du doch nur in bester Absicht«, sagte Jube Spencer. »Du hast doch selbst erlebt, was damals geschah, als mich die Klapperschlange biss. Ihr Gift konnte mir nichts anhaben, weil ich unempfindlich geworden war gegen jede Art von Gift. Im Gegenteil, die Schlange starb an meinem vergifteten Blut. Und das verdanke ich dir, Sam, mein Guter. Du glaubst nicht, was das für dein zukünftiges Restaurant für eine Reklame sein wird!«
Sie nickten feierlich zu Jubes Worten.
»Ja, so ist es«, meldete sich Frank Woodman. »Wer lange genug dein Essen aß, ist sogar gegen Klapperschlangen immun. Verlass uns nur nie, Sam, sonst sind wir verloren, weil wir normales Essen nicht mehr vertragen.«
Und wieder grölten sie los.
Ich verließ sie, denn sie würden sich noch lange hänseln. Aber sie würden dabei auch ihre Arbeit verrichten.
Ich ging wieder unter die aufgespannte Zeltplane und hockte mich neben Rosebee auf die Absätze.
Sie war immer noch bewusstlos. Aber sie atmete jetzt eine wenig tiefer. Ihr Herz schlug also noch. Und die Wunde blutete nicht mehr.
Ich goss etwas Alkohol auf den Verband, denn es war meine größte Sorge, dass die Wunde sich entzünden könnte. Also wollte ich den Verband mit Alkohol feucht halten. Vielleicht half das.
Ich sah nachdenklich auf das wunderschöne Kiowamädchen nieder.
War das alles schicksalhaft gewesen? Hätte ihr Bruder sie nicht zu mir gebracht, so würde ich hier nicht festsitzen und auf die Idee gekommen sein, an dieser Stelle eine Stadt zu errichten.
Ich wusste, es geschehen im Leben eines Mannes immer wieder irgendwelche Dinge, die seinen Weg beeinflussen und ihm bestimmte Richtungen geben.
Lone Wolf würde sein Versprechen halten und mich hier dulden mit meinen Männern und mit allen, die sonst noch zu mir gehörten.
Doch was würde er tun, wenn er erst begriff, dass ich eine Stadt baute?
***
Der Kiowa Trail war allgemein ein ziemlich belebter Wagenweg, auf dem fortwährend Wagenzüge, Reiter, Postkutschen und sogar Schaf- und Rinderherden verkehrten.
Denn nach Santa Fé und auch ins Goldland von Colorado wurden ständig Waren jeder Sorte transportiert und auch Menschen aller Sorten strebten dorthin.
Doch in den nächsten Tagen und Nächten war der Kiowa Trail ohne Leben – ein toter, verlassener Weg.
Und das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass Lone Wolf zwischen uns und Kansas City Krieg machte und auch eine Kriegshorde nach Westen geschickt hatte, die den Weg von der anderen Seite sperrte.
Lone Wolf war ein mächtiger Häuptling, der allein schon mehr als vierhundert Krieger aus seinem Dorf in die Sättel bringen konnte. Wenn er sich mit anderen Häuptlingen vereinigte – mit Santana und Kicking Bird zum Beispiel –, dann konnte er mehr als zwölfhundert Krieger aufbieten.
Ich fragte mich, wie lange die Armee wohl brauchte, bis sie ihn zu jagen begann. Denn wenn er den Trail lange genug sperren konnte, würde es bald im Goldland und auch im Südwesten an allen Dingen fehlen – vom Hufnagel bis zum Klavier, von der Bibel bis zum Saatgut und vom Strumpfband bis zum Nachtgeschirr.
Meine Leute und ich, wir arbeiteten von früh bis spät.
Da es hier nur wenig Holz gab, dafür aber Lehm an einigen Stellen des Sees, machten wir Lehmziegel, stachen den Grasboden der Prärie aus. Und bis im Umkreis von zehn Meilen fällten wir jeden halbwegs brauchbaren Baum. Es gab längs des Creeks dann und wann einige. Die Bäume am See ließen wir stehen. Denn unsere Stadt sollte nicht völlig kahl auf der Prärie stehen.
Am dritten Tag endlich erwachte Rosebee aus ihrer Bewusstlosigkeit. Ich hatte ihr vorher schon ein wenig Tee eingeflößt, den sie schluckte, ohne aufzuwachen.
Ich hockte bei ihr, als sie die Augen öffnete.
Sie hatte grüne Katzenaugen. Zuerst blickten sie ohne Begreifen, dann begannen sie zu staunen – und dann kam die Erinnerung. Ihr Gesicht verzerrte sich. Ihr Mund öffnete sich zu einem Schrei. Und ihr Körper wollte sich reflexhaft bewegen.
Es war, als wollte sie aufspringen, um die Flucht zu ergreifen.
Aber ich hielt sie fest, so fest, dass sie bewegungslos am Boden liegen musste, sich nicht rühren konnte.
Und dabei flüsterte ich: »Bleib ruhig, Rosebee, ganz ruhig, mein Mädchen. Ich bin es, Jack, den du als Kind Big Jack nanntest. Lone Wolf brachte dich zu mir, damit ich die Kugel neben deinem Herzen fortholte. Du musst stillliegen, ganz ruhig. Du bist in Sicherheit. Dein Bruder ist unterwegs, um den Bösen zu töten. Alles ist gut.«
Sie erkannte mich und entspannte sich wieder, lag ganz still, dachte über meine Worte nach. Und in ihren Augen erkannte ich das Begreifen.
Ich gab ihr Tee zu trinken.
Als sie danach sprach, klang ihre Stimme schon recht verständlich.
Sie sagte: »O ja, Big Jack – ich erinnere mich an dich. Eigentlich habe ich sehr oft an dich gedacht und dein Bild vor Augen gehabt. Doch du bist ein Mann geworden, dessen Bild jetzt anders ist. Fast hätte ich dich nicht wiedererkannt.«
»Aber ich dich.« Ich grinste auf sie nieder, »Obwohl du noch schöner geworden bist. In einigen Tagen wirst du aufstehen können. Dann kann ich dich erst richtig bewundern. Hast du Hunger?«
Sie schien intensiv in sich hineinzulauschen.
Dann nickte sie. »Ja, ich habe Hunger, Big Jack. Und ich freue mich, dass ich jetzt bei dir bin. Du weißt, was mir der stinkende Büffeljäger angetan hat?«
Ich nickte.