1,99 €
In Longhorn City ist der Dollar nur die Hälfte wert, denn Edward McCafferty hat in allen Geschäften seine gierigen Finger drin. Mithilfe einer brutalen Schlägermeute führt er in der Stadt ein gnadenloses Regiment und presst sie aus bis aufs Blut. Niemand wagt es, gegen ihn aufzumucken und ihm das Handwerk zu legen.
Aber dann nimmt McCafferty dem Spieler Amos Scarlock die Frau weg, lässt ihn halbtot prügeln und zu den brüllenden Rindern in einen Viehwaggon werfen. McCafferty glaubt, den lästigen Nebenbuhler los zu sein. Doch Amos Scarlock ist ein Mann, der sich nicht abschütteln lässt, wenn man sich einmal mit ihm angelegt hat ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Longhorn City
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Manuel Prieto/Norma
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-6402-6
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Longhorn City
1
Als der Zug mit kreischenden Bremsen anhält und das Scheppern der Wagen verklungen ist, herrscht einen Moment lang unwirkliche Stille.
Dann aber ruft draußen auf der Prärie eine heisere Stimme: »Longhorn City! Endstation! Ladys und Gentlemen, Sie sind in der jungen und fairen Stadt Longhorn City eingetroffen! Willkommen! Willkommen in Longhorn City!«
Es steigen knapp zwei Dutzend Menschen aus, und als sie sich auf der staubigen Kansas-Prärie umsehen, da bietet sich ihnen ein ziemlich trostloser und deprimierender Anblick.
Einer der männlichen Passagiere – wahrscheinlich ein Handelsvertreter – sagt mit bitter klingender Stimme: »O Vater im Himmel!«
Die anderen Passagiere stehen noch wortlos da und staunen.
Denn da drüben liegt die Stadt. Sie besteht aus einigen Dutzend Brettergebäuden und Hütten. Alles ist noch unfertig, eilig zusammengenagelt, primitiv. Einige Windräder drehen sich über Brunnen, aus denen sie mit Hilfe vom Pumpen ständig frisches Wasser heraufholen.
Wahrscheinlich wurde diese Stadt deshalb an dieser Stelle errichtet, weil es hier ein unterirdisches Quellensystem gibt, aus dem man unaufhörlich schöpfen kann.
Sicherlich wird Longhorn City bald schon eine grüne Stadt mit Gärten und Bäumen sein. Denn Wasser ist genug vorhanden, und es wird überall hingeleitet, auch zu zwei hölzernen Wassertürmen beim Bahnhof, aus denen die Lokomotiven versorgt werden.
Die Passagiere stehen immer noch wie angenagelt beim Eisenbahnzug auf der Prärie und sind dabei, ihre Enttäuschung zu überwinden.
Ein bullig und imposant wirkender Mann nähert sich ihnen. Es ist der Rufer von vorhin, der den Neuankömmlingen das freundliche »Willkommen in Longhorn City« entbot.
Nun verkündet er mit vertrauenerweckendem Lachen in der Kehle: »Es sieht nur auf den ersten Blick so trostlos aus. Man muss etwas Fantasie haben und sich vorstellen, wie das in einigen Wochen aussehen wird. Sobald hier genügend Geld im Umlauf ist, erblühen alle Knospen. Und Geld ist da! Viel Geld! In der Bank von Longhorn City liegen Hunderttausende von Dollars. Sie warten nur auf die Rinderherden. Stellt euch vor, Leute, was sein wird, wenn die ganzen Herdentreiber hier nach vielen Monaten Herdentreiben ihren Lohn ausgeben. Longhorn City wird einer Hafenstadt gleichen, zu der die Seeschiffe aus allen Erdteilen kommen, und die Besatzungen …«
»Schon gut, Sie brauchen uns nicht zu beschwatzen«, unterbricht ihn eine Stimme. »Uns interessiert nur, wann die Herden kommen mit ihren durstigen und nach all den menschlichen Sünden lechzenden Treibern. He, wann, Mister?«
»Mein Name ist Edward McCafferty«, sagt der so imposant wirkende Mann würdig und öffnet seine Jacke, damit man die schöne Brokatweste und die goldene Uhrkette bewundern kann, »Ich bin der Gründer dieser Stadt. Ladys und Gentlemen, ich werde dafür sorgen, dass diese Stadt für alle Bürger eine Goldgrube wird. Und nun zu Ihrer Frage, Mister. Blicken Sie mal nach Süden! Was sehen Sie dort über dieser wunderschönen Prärie, die wie ein Meer aus Gras vor Ihren Augen liegt? He, Leute, was ist da im Süden über den Bodenwellen zu erkennen?«
Sie alle wenden sich nach Süden.
Jemand sagt: »Staub! Da ist Staub, so wie man ihn vor wenigen Jahren noch sah, wenn die Büffelherden wanderten.«
»Longhorns!« Edward McCafferty ruft es triumphierend. »Die erste Longhornherde kommt! Morgen wird sie hier eintreffen. Und übermorgen verjubeln diese wilden, texanischen Cowboys ihren Lohn. Willkommen in Longhorn City, Ladys und Gentlemen. Ich bin für jeden Neubürger oder Gast in meinem Office zu sprechen.«
Er wendet sich nach diesen Worten um und geht zur Stadt hinüber.
Zwei Männer, die in einiger Entfernung warteten, schließen sich ihm an. Rechts und links einen Schritt hinter ihm flankieren sie ihn wie Leibwächter. Ja, es sind gewiss Leibwächter, Revolvermänner, die ihre Waffen in tief geschnallten Holstern tragen.
Die ausgestiegenen Passagiere setzen sich ebenfalls mit ihrem zumeist nur leichten Gepäck in Bewegung. Einige sind Handelsreisende, die hier auf gute Geschäftsabschlüsse hoffen für die verschiedensten Dinge, angefangen von Klavieren und anderen Musikinstrumenten bis zu Haushaltswaren und Waffen jeder Art.
Einige andere Passagiere – sie gehören zum sogenannten »Schwachen Geschlecht« – sehen so aus, als seien sie hergekommen, um hier das älteste Gewerbe der Welt auszuüben. Sie werden angeführt von einer dicken Frau wie eine Hühnerschar von einer fetten Ente.
Einige Männer sind offensichtlich Handwerker, die sich in der neugegründeten Stadt eine neue Existenz erhoffen. Sie haben ihre Frauen mit dabei. Sogar ein paar Kinder erkennt man unter den Neuankömmlingen.
Auch der Spieler Amos Scarlock kam nach Longhorn City, aber das ist mehr ein Zufall, weil er weiter im Osten auf den schon abfahrenden Zug springen musste, um einem Kampf aus dem Weg zu gehen. Sein Kartenglück war einigen Leuten, die zu der Sorte gehörten, die nicht verlieren kann, zu groß.
Amos Scarlock blickt zur Seite auf die schöne Jenna McGee, die bisher in einem anderen Wagen saß. Aber er sah sie mehrmals, wenn die Passagiere sich während der Aufenthalte auf den Bahnhöfen die Beine vertraten, beobachtete sie aus einiger Entfernung. Nein, er versuchte keine Annäherung.
Doch jetzt sagt er: »Nur Mut, Schwester, nur Mut! Diese armselige Stadt wird sich verdammt schnell verändern, so schnell wie …«
Er verstummt, so als würde ihm bewusst, dass er im Begriff ist, zu grob und zu unschicklich zu werden.
Aber die gelbhaarige Jenna McGee sieht ihm fest in die Augen und fordert: »Sprechen Sie den angefangenen Satz ruhig zu Ende, Mister. Ich bin sehr neugierig auf Ihre nächsten Worte. Gewiss sind sie ein treffender Vergleich. Also!«
»… wie aus einem Mädchen eine geldgierige und schamlose Dirne werden kann. Dies wäre ungefähr die zweite Hälfte meines angefangenen Satzes geworden, Schwester.«
Sie sieht ihn immer noch fest an.
Dann aber nickt sie leicht und erwidert: »Ja, so ist es wohl mit Städten dieser Art. Wir kennen uns aus, nicht wahr? Ich sah Sie in der kleinen Stadt in Missouri in letzter Sekunde diesen Zug erreichen. Es wirkte wie eine Flucht.«
Er grinst blinkend, und er ist ein dunkler, fast elegant wirkender, dennoch etwas indianerhaft aussehender Bursche mit grauen Augen.
»Es gibt immer Burschen, die nicht verlieren können«, sagt er dabei. »Ich hatte die Wahl.«
Er sagt nicht, was für eine Wahl er hatte; verzichtet auf jede Erklärung.
Aber sie weiß, was er meint. Er konnte bleiben und kämpfen – oder er musste die Flucht ergreifen. Und er tat Letzteres.
Doch sie glaubt nicht, dass er feige ist. Sie erkennt es in seinen Augen, spürt es mit ihrem untrüglichen Instinkt. Er wollte nicht töten, wollte kein Blut vergießen. Deshalb schwang er sich auf den abfahrenden Zug.
»Darf ich Ihr Gepäck tragen?« So fragt er und fügt hinzu: »Sie sehen ja, ich habe nicht einmal eine Tasche bei mir und werde mich hier erst einmal ganz neu ausrüsten müssen.«
»Ja, Ihr weißes Hemd ist schmutzig«, erwidert sie und wartet, bis er ihre beiden großen Reisekoffer aufgenommen hat.
»Vielleicht essen wir heute gemeinsam zu Abend«, spricht er an ihrer Seite auf sie nieder. Er ist sehr groß, sie aber für eine Frau nur mittelgroß. »Ich werde auch ein sauberes Hemd anhaben, Schwester. Mein Name ist Amos Scarlock. Und wie heißen Sie?«
Sie zögert einige Sekunden, und er weiß, dass sie jetzt darüber nachdenkt, ob sie ihm ihren richtigen oder einen falschen Namen sagen soll. Irgendwie spürt er, dass sie angefüllt ist mit Misstrauen gegen die ganze Welt.
Aber sein Instinkt sagt ihm, dass sie eine Glücksjägerin ist, wie er ein Glücksjäger und Spieler ist. Irgendwie gehören sie zur gleichen Sorte, sind nur unterschiedlichen Geschlechts. Und das gefällt ihm sehr. Er würde gern recht bald mit ihr im selben Bett liegen. Und er wird sich Mühe geben, diesen Zustand so schnell wie möglich herbeizuführen.
Sie sieht zu ihm auf und liest es in seinen Augen.
Aber sie ist daran gewöhnt, dass sie überall auf Männer trifft, die mit ihr etwas anfangen wollen. Es sind stets Männer mit außergewöhnlichem Selbstbewusstsein, niemals durchschnittliche Burschen. Letztere Sorte wagt sich gar nicht an sie heran. Und auch dieser Amos Scarlock ist kein nur durchschnittlicher Bursche. Sie spürt es. Und so denkt sie: Sicherlich ist es wieder einmal gut, wenn ich in solch einer Stadt einen Beschützer habe – zumindest für die ersten Tage.
Und so lächelt sie zu ihm empor und sagt: »Amos Scarlock, ich weiß, Sie wollen mich knacken, wie Sie schon viele Frauen geknackt haben. Aber das wird schwer sein. Denn ich lasse mich nicht mit jedem Burschen ein. Sie müssten sich schon als was ganz Besonderes erweisen.«
»Ich weiß.« Er grinst. »Oh, ich weiß. Ich steige ja auch nicht jeder Frau nach. Auch sie muss schon was Besonderes sein. Wir werden sehen, nicht wahr?«
»So ist es.« Sie lächelt. »Wir werden sehen.«
☆
Als sie nach dem Abendbrot beim Kaffee sind, kommt Edward McCafferty an ihren Tisch und setzt sich, ohne dazu aufgefordert oder eingeladen zu sein.
»Ich hätte sie auch in mein Office kommen lassen können«, beginnt er. »Doch bei einer so schönen Frau mache ich gerne eine Ausnahme. Davon profitieren jetzt auch Sie, mein Freund.«
Er sieht Amos Scarlock bei seinen letzten Worten an.
»Ich weiß es zu würdigen«, erwidert dieser lässig. »Und ich weiß inzwischen auch, wer der Boss in dieser Stadt ist, sozusagen der Bulle im Corral. Das ist fast überall so in einer Stadt wie dieser hier. Man muss den Königen Tribut zollen. Was also verlangen Sie, Mister McCafferty?«
Dieser grinst, doch in seinen gelben Augen ist keine Freundlichkeit, nur kalte Schlauheit und rücksichtslose Härte.
»Ein verständiger Bursche sind Sie, mein Freund«, murmelt er. »Ja, es ist meine Stadt. Hier ist der Endpunkt einer Nebenlinie. Ich habe mit der Eisenbahn einen Vertrag. Es geht darum, den anderen Verladestädten – zum Beispiel Dodge City und Abilene – möglichst viele Herden abzujagen. Deshalb muss diese Stadt den Herdentreibern etwas bieten. Verstehen Sie? All die wilden Burschen müssen hier die Sünden des Paradieses begehen können. Dann geben sie auch ihre Dollars hier aus. Ich habe in Longhorn City viel Geld investiert und muss an die Bosse und Eigentümer dieser Nebenlinie zahlen. Also muss ich nehmen, was ich bekommen kann. Und von Ihnen und dieser Lady nehme ich die Hälfte. Dafür bekommen Sie jeden Schutz in meiner Stadt, jeden! Verstanden? Ihr zwei habt Format. Ich kenne mich aus. Hier in Longhorn City zahlt jeder, der auf irgendeine Art Geld macht, die Hälfte seiner Einnahmen an mich. Ihr zwei könnt aber auch morgen schon wieder verschwinden. Ihr habt die Wahl.«
»Ich bleibe«, erwidert Amos Scarlock. »Ich wollte schon immer mal den Aufstieg einer jungen Stadt miterleben. Und ich weiß, dass Sie mein großer Gönner sind.«
»Ich bleibe ebenfalls«, spricht Jenna McGee ruhig.
Edward McCafferty starrt sie einige Atemzüge lang an. »Mit Ihrer Schönheit und unter meinem Schutz werden Sie bald die Königin dieser Stadt sein«, murmelt er. »Ich wette, Sie beherrschen nicht nur jedes Spiel mit Karten. Sie sind gewiss auch eine Frau, die auf der Bühne alle Zuschauer verzaubert. Ich sah es an Ihren Bewegungen und höre es an Ihrer Stimme. Sie sind Golden Jenna, nicht wahr?«
»Sie haben von mir gehört, Mister McCafferty?«
»In unserer Branche …«, beginnt er. Dann hält er inne und betrachtet sie abschätzend. »Sie sind weit weg von den beiden großen Strömen. Zuerst war der Mississippi zwischen New Orleans und Saint Louis Ihr Jagdrevier. Dann gewannen Sie ein Dampfboot und bevorzugten die Strecke zwischen Saint Louis und Kansas City. Ich sah Sie mal in Saint Louis in einer Kutsche vorbeifahren und fragte meinen Begleiter, wer die schöne Frau sei. Aber das ist schon drei Jahre her und war während des Krieges. Sie haben sich wenig verändert, Golden Jenna. Oh, Sie sind gewiss noch schöner geworden, aber doch wirken Sie irgendwie anders. Ich konnte Sie nicht sofort wiedererkennen. Sind Sie auf der Flucht?«
Es ist zuletzt eine ziemlich brutale Frage.
»Und wenn?« So fragte Jenna McGee zurück.
Da grinst McCafferty breit. »Was es auch ist, hier sind alle, die zu mir gehören und von denen ich profitiere, in Sicherheit. Sie werden das sicherlich bald zu schätzen wissen, Jenna. Ich darf sie doch Jenna nennen wie ein guter Freund? Und sagen Sie einfach nur Ed zu mir. Ich glaube, wir alle werden hier in Longhorn City eine schöne Zeit erleben.«
Nach diesen Worten erhebt er sich und blickt noch einmal auf Jenna McGee und Amos Scarlock nieder.
Und dann sagt er geradezu: »Jenna, ich glaube nicht, dass Sie mit ihm hier in dieser Stadt ins Bett gehen sollten. Ich würde es erfahren und eifersüchtig werden. Das wäre nicht gut.«
Nach diesen Worten wendet er sich ab und geht davon.
Sie blicken ihm schweigend nach und dann noch eine Weile auf die Tür, durch die er hinaus verschwand.
Dann murmelt Amos Scarlock: »Wir haben wohl beide einen Endpunkt erreicht, nicht wahr? Von hier aus geht es nur noch ins Indianer- und Büffelland. Die Frage ist: Wollen wir noch weiter flüchten oder uns stellen. Weil McCafferty sich eine Menge von uns verspricht, wird er uns beistehen. Doch das verpflichtet uns ihm gegenüber noch mehr. Wir stecken in einer Klemme, schöne Jenna. Oder sehe ich das falsch?«
Sie sieht ihn fest an, und er spürt, wie sehr ihr Instinkt an ihm tastet und in ihn einzudringen versucht. Ja, er spürt das fast wie eine körperliche Berührung.
»Sind Sie auch auf der Flucht?« So fragt sie schließlich.
Er hebt die Schultern, lässt sie lässig wieder sinken.
»Ja und nein«, erwidert er. »Es gibt da zwei Narren – Zwillingsbrüder –, die ich nicht töten möchte. Ich sagte es schon, Jenna, nicht wahr? Es gibt immer wieder Burschen, die nicht verlieren können. Und auch dieser McCafferty gehört zu dieser Sorte. Wollen Sie bleiben, Jenna?«
»Und wenn nicht?« Sie fragt es herausfordernd.
Er lächelt sie an.
»Dann ginge ich mit Ihnen, Jenna. Sie sind zu schön und zu reizvoll, um Sie allein zu lassen. Und auch hier in Longhorn City würde ich mich einen Teufel darum scheren, ob McCafferty eifersüchtig auf mich wird oder nicht.«
Sie betrachtet ihn ernst.
Und sie revidiert ihre anfängliche Einschätzung. Sie weiß plötzlich, dass er nicht aus Feigheit und Furcht in der kleinen Stadt am Missouri auf den Zug sprang, um in letzter Minute entkommen zu können.
Nein, es war keine Furcht. Er wollte nur nicht zwei Narren töten müssen.
Das glaubt sie ihm.
»Draußen ist eine linde und helle Nacht«, murmelt sie. »Machen wir einen Spaziergang durch Longhorn City und sehen wir uns die Stadt einmal im Mond- und Sternenschein an. Morgen kommt die erste Treibherde. Und übermorgen ist hier der Teufel los. Heute ist noch alles ruhig. Kommen Sie, Amos.«
Sie erheben sich und gehen hinaus.
Longhorn City wirkt friedlich und still. Überall sind Lichter, besonders beim Verladebahnhof.
Über der Kansas-Prärie wölbt sich der samtene Nachthimmel mit türkisfarbenen Sternen, überall darin verstreut.
Und der volle Mond ist eine blanke Silberscheibe.
Doch aus Texas sind jetzt viele Treibherden unterwegs.
Und deren Treibmannschaften haben vier oder fünf Monate nichts als Rinder getrieben durch alle sieben Höllen.
2
Es ist am nächsten Mittag, als von Osten her zwei Loks eine endlose Reihe leerer Viehwagen an die Verladerampen beim Bahnhof schieben.
Aber zu diesem Güterzug gehören auch zwei Personenwagen, die weitere Reisende nach Longhorn City bringen, Viehaufkäufer zum Beispiel, die fast alle bewaffnete Leibwächter bei sich haben, da sie stets viel Bargeld mitführen.
Denn alle Texas-Mannschaften wollen Bargeld sehen. Sie nehmen keine Schecks, weil es dort, von wo sie herkommen, keine Bankhäuser gibt, bei denen sie die Schecks einlösen könnten.
Es kommen aber auch noch andere Reisende. Und zwei dieser Reisende sind unverkennbar Zwillingsbrüder.
Amos Scarlock lehnt an einem Telegrafenmast, von dem aus die Leitung in das Bahnhofsgebäude geht.
Als die Parkinsonbrüder ihn erblicken, halten sie inne.
Einer sagt aus dem Mundwinkel zum anderen: »Da ist er ja.«
»Und er läuft nun nicht mehr weg. Der hat auf uns gewartet«, sagt der andere.
Sie verharren noch einige Sekunden.
Bisher fühlten sie sich als Jäger, die hinter einem flüchtigen Wild her sind. Nun aber spüren sie etwas anderes. Es ist der Atem von Gefahr, der gegen sie prallt und von diesem Scarlock ausgeht. Nun spüren sie ihn zum ersten Mal.
Oh, sie sind zwei harte Burschen, die sich vor nichts fürchten. Und weil sie Zwillinge sind, gehen sie alles gemeinsam an, was es auch ist.
Fast zur gleichen Zeit und auf die gleiche Art lecken sie sich über die Lippen und fahren mit ihren Händen über ihre Stoppelbärte.
Dann aber haben sie sich entschlossen und setzen sich wieder in Bewegung.
Etwa sechs Yards vor Scarlock halten sie an.
Und einer sagt heiser: »Jetzt haben wir dich, du Kartenhai. Unser kleiner Bruder hat sich eine Kugel durch das Hirn geschossen, nachdem er den Erlös für die Pferde an dich verlor – das ganze Geld, das er zur Bank bringen sollte, damit wir endlich schuldenfrei würden mit unserer Farm.«
»Er war alt genug«, erwidert Amos Scarlock. »Und ihr musstet ihn doch kennen, wenn ihr ihm euer Geld anvertraut habt. Er besaß also euer Vertrauen. Und auch ich hielt ihn für einen Burschen, der genau wusste, was er tat. Ich bin jetzt weit genug vor euch weggerannt. Haut ab! Kehrt heim!«
»Nein!« Sie zischen es beide zur gleichen Zeit, und es ist ihr gemeinsames Zeichen zum Ziehen.
Aber noch bevor sie ihre Revolverläufe hochschwingen und auf Scarlock richten können, schießt dieser zweimal. Er zog unwahrscheinlich schnell. Es war wie Zauberei. Die beiden Zwillingsbrüder kamen gar nicht mehr zum Schuss.
Einer dreht sich halb zur Seite, bevor er umfällt.
Der andere fällt auf die Knie, lässt dabei den Colt fallen und hält sich beide Hände gegen den Leib, so als könnte er dadurch verhindern, dass ihn das Leben verlässt.
Es ist still am Bahnhof.
Die Menschen, die eben noch in Bewegung waren, verhalten.
Amos Scarlock wartet, den rauchenden Colt in der Faust.
Edward McCafferty, der wie immer bei Ankunft eines Zuges am Bahnhof ist, um die ankommenden Reisenden zu begrüßen und sich eingehend anzusehen, kommt mit seinen beiden Leibwächtern heran. Er verhält nicht bei den Zwillingsbrüdern, die tot oder sterbend im Staub liegen, sondern kommt bis zu Scarlock. Ganz dicht tritt er an ihn heran und blickt aus nächster Nähe in dessen Augen.
»Ich habe es gesehen, Scarlock. Die hatten keine Chance.«
»Ich weiß«, erwidert Scarlock. »Deshalb lief ich ja auch vor ihnen weg, so weit mir dies möglich war. Passt Ihnen etwas nicht, McCafferty?«
Dieser tritt langsam zurück.
»Sie haben in meiner Stadt getötet«, sagt er. »Aber ich sehe ein, dass Sie dazu gezwungen wurden. Der Town Marshal wird ein Protokoll anfertigen müssen. Doch Sie können auf meine Zeugenaussage rechnen. Nur eines möchte ich Ihnen sagen, Scarlock.«
Er macht wieder eine kleine Pause und tritt noch einmal ganz nahe an ihn heran.
Und dann spricht er so leise, dass nur Scarlock es hören kann: »Benutzen Sie Ihren schnellen Colt nur nie gegen meine Interessen, mein Freund. Ich warne Sie! Denn sonst …«
Er spricht die Warnung oder Drohung nicht aus.
Doch Scarlock kann sie in McCaffertys Augen erkennen. McCafferty wartet nicht auf eine Antwort.
Er wendet sich ab und ruft einem Mann, der die Plakette eines Bahn-Marshals trägt, mit ruhiger Stimme zu: »Schafft sie weg! Ich will nicht, dass hier in Longhorn City tote Narren herumliegen. Schafft sie weg, Jennings!«
»Yes, Sir«, erwidert der Bahn-Marshal.
Scarlock wendet sich ebenfalls ab, schiebt dabei seinen Colt ins Holster und erblickt Jenna McGee. Sie sitzt auf einem Pferd, das sie sich offenbar für einen Ausritt aus dem Mietstall geholt hat. Er nähert sich ihr, und als er bei ihr verhält, da erkennt sie etwas in seinen Augen.
Impulsiv sagte sie: »Wenn Sie sich im Mietstall ein Pferd leihen, dann warte ich auf Sie. Oder wollen Sie jetzt allein sein, Amos Scarlock?«
Er schüttelt langsam den Kopf.
Dann sagt er: »Ja, ich leihe mir ein Pferd. Reiten Sie langsam voraus. Ich welche Richtung muss ich Ihnen folgen?«
»Nach Süden. Ich will die Treibherde sehen.
☆
Er trifft sie etwa zwei Meilen vor der Stadt auf dem Kamm einer Bodenwelle, von der aus man einen weiten Blick über die Prärie hat. Der Wind bewegt das von der Sonne ausgetrocknete Büffelgras. Man glaubt, inmitten eines unendlichen Ozeans zu sein, denn die Prärie reicht bis zum Horizont, und nur eine riesige Staubwolke bietet dem Auge Halt. Es ist Spätsommer, der bald in den Indianersommer übergehen wird, und es liegt bereits eine Ahnung des kommenden Herbstes in der Luft.
Jenna späht zur Treibherde hinüber, die da von Süden herangezogen kommt. An der Spitze fährt der Wagen des Kochs, dahinter noch ein zweiter Wagen, der die Ausrüstung, die Bettenrollen und andere Dinge der Mannschaft transportiert.
Ein Stück hinter den Wagen führen zwei Reiter den mächtigen Leitstier, einen richtigen Mossyhorn.
Und ihm folgt die Herde. Es ist ein gewaltiger Keil von knochigen Rücken und klappernden Hörnern. Sie kommen daher wie ein unaufhaltsames Element, flankiert von ihren Treibern.