G. F. Unger Sonder-Edition 137 - Western - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger Sonder-Edition 137 - Western E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

Wir saßen höllisch in der Klemme. Ich und meine vier Partner hatten im Crazy Canyon eine riesige Goldader entdeckt, konnten sie aber nicht ausbeuten. Wir mussten den Claim nämlich erst noch anmelden, und das in Canyon City zu tun wäre unser Tod gewesen. Die Goldwölfe hätten uns auf der Stelle umgelegt. Also musste einer von uns nach Fort Benton zu einem Regierungsbeamten. Keine Frage, dass nur ich für diesen Job geeignet war. Aber auch unterwegs lauerten die Goldwölfe, und meine Chancen, ihnen durch die Maschen zu schlüpfen, standen eins zu tausend. Es sei denn, ich wartete, bis der erste Blizzard kam ...

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EPUB

Seitenzahl: 176

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Inhalt

Cover

Impressum

Mann im Blizzard

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manuel Prieto/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-6540-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Mann im Blizzard

1

Als ich das Camp in der Querschlucht des Crazy Canyons erreichte, begann es zu dunkeln. Im Feuer­schein sah ich die vier Männer, die meine Partner waren, beim Abendbrot.

Ich hatte eine gute Jagd gehabt. Meine beiden Packtiere waren mit Wildbret beladen. Es hatte sich gelohnt, länger als eine Woche fort zu sein und zu jagen.

Es war schon sehr kalt. Der Winter konnte von einer Stunde zur anderen über die Welt hier im nördlichen Montana herfallen und Tausende von Goldgräbern unter sich begraben wie unter einem Leichentuch.

Viele von ihnen waren bereits nach Süden geflüchtet.

Doch die meisten waren geblieben.

Nicht wenige würden umkommen.

Ich begann meine Jagdbeute abzuladen. Es war mein Job. Denn ich war der Jäger unserer Gemeinschaft, auch zuständig für Brennholz und für das Futter unserer Tiere.

Meine vier Partner taten nichts anderes, als den Boden in unserer Schlucht nach Gold umzuwühlen. Das war ihr Job.

Ich hing das Wildbret in die Vorratshütte, brachte dann die drei Tiere in den Corral und versorgte sie mit Heu, da ich den ganzen Sommer über von den Bergwiesen erntete.

Dann trat ich ans Feuer und hockte mich zu ihnen.

Curly reichte mir einen Blechteller mit Speck, Bohnen und ein paar Kartoffeln. Dazu gab es starken Kaffee.

Ich wurde mir plötzlich bewusst, dass die vier Männer sich irgendwie verändert hatten. Es war zu wittern.

Und nun erkannte ich im Feuerschein auch das Glitzern in ihren Augen. Aber sie schwiegen beharrlich, kauten mechanisch, und besonders Curly bewegte beim Kauen die Segelohren so auffällig, dass mir bei anderer Gelegenheit bestimmt ein Schmunzeln gekommen wäre.

Ich schlürfte den Kaffee vom heißen Becherrand und sah sie nacheinander an. Windy war schon ein alter Knacker, ein ehemaliger Postkutschenfahrer. Wir kannten seinen richtigen Namen gar nicht. Wahrscheinlich wurde er Windy genannt, weil er stets in Wind und Wetter hoch oben auf einem Postkutschenbock saß und überdies auch noch ziemlich geschwätzig war.

Vielleicht aber hatte er seinen Namen auch wegen seiner fortwährenden Blähungen erhalten. Vielleicht war aber auch alles zusammen die Ursache dafür.

Neben ihm hockte der glatzköpfige Curly. Auch er war schon alt. Doch beide gehörten zu jenen zähen Typen, die einfach nicht kleinzukriegen sind und dann erst richtig loslegen, wenn viel jüngere Männer als sie längst schlappgemacht haben.

Der dritte Mann war Starbuck.

Wir alle wussten, dass er im Süden ein berüchtigter Revolvermann war, bis er mal von einem schnelleren Mann zusammengeschossen wurde und sein Revolverarm danach nicht mehr so schnell wie vorher war.

Er war ein schweigsamer Bursche, der für zwei arbeitete.

Der vierte Mann war San Saba. Er war ein Excowboy aus dem San-Saba-Land in Texas, wahrscheinlich ein Rinder- und Pferdedieb auf der Flucht vor dem Gesetz mit einer rauchigen Fährte, die er erst hier oben in Montana verwischen konnte.

Das waren sie also: Windy, Curly, Starbuck und San Saba.

Mein Name ist Pierce Bannack. Ich wurde in diesem Land geboren und hatte viele Jahre unter Indianern gelebt.

Ich begann zu essen. Ich langte ordentlich zu, und die Wölfe in meinem Magen gaben langsam Ruhe.

Als ich dann den ersten Hunger gestillt hatte, sagte ich: »Raus mit der Sprache. Verdammt, hockt nicht da wie die Ölgötzen! Redet jetzt endlich. Ich sehe euch doch an, dass ihr daran noch erstickt, wenn ihr es nicht bald loswerden könnt!«

Ja es fiel ihnen schwer, noch länger zu schweigen. Ich sah ihnen an, dass sie am liebsten aufgesprungen wären und vor Freude und Begeisterung losgebrüllt hätten.

Curly stöhnte schließlich: »O Mann, o Mann, ich halte es nicht mehr aus! Verdammt, ich platze, wenn ich’s noch länger für mich behalte.«

»Hihihihi«, kicherte Windy albern.

Starbuck sagte: »Heiliger Rauch.«

Und San Saba endlich erklärte im schleppenden Tonfall des Texaners: »Wir haben es gefunden. Ja, wir fanden einen erstarrten Blitz.«

Ich wusste sofort, was er meinte. Es konnte sich nur um eine Goldader handeln, auf die sie gestoßen waren wie auf einen in der Erde erstarrten Blitz.

Im ersten Moment wollte ich vor Freude losbrüllen.

Doch im nächsten Moment holte mich mein Verstand wieder ein.

Und so schob ich mir schnell eine gefüllte Gabel in den Mund und begann wieder zu kauen.

Denn wir durften unsere Freude nicht zeigen. Es war zu gefährlich. Wir alle wussten Bescheid über die Verhältnisse im Goldland. Hier hatten die Steine Ohren, und man konnte niemandem wirklich trauen. Wie viele erfolglose Goldsucher und Glücksjäger gab es hier, Menschen, die voller Hoffnung hergekommen waren, inzwischen aber ihre Hoffnungen längst begraben mussten. Das Leben hier hatte sie hart gemacht. Viele von ihnen scheuten vor einem Verbrechen nicht zurück, wenn sie plötzlich eine Chance witterten.

Aber es gab auch das zweibeinige Raubwild, das nur von Beute lebte. All diese Bösen waren längst organisiert. Ihnen entging nichts, gar nichts. Und wenn jemand auf einen Goldfund gestoßen war, schlugen sie gnadenlos zu. Diese Banditen waren bereits eine große Macht.

Es war mir sofort klar, dass wir hier verloren waren, wenn die Banditen des Goldlandes erfuhren, dass wir auf eine Goldader stießen.

Denn wir hatten sie ja noch gar nicht registrieren lassen, also noch nicht angemeldet bei einer amtlichen Stelle.

Und besonders das war das große Problem.

Denn wenn erst einmal bekannt wurde, dass wir in einer kleinen Querschlucht des mächtigen Crazy Canyons auf eine Goldader gestoßen waren, brach hier die Hölle los. Jeder – wenn er nur stark genug war – konnte uns vertreiben, solange wir den Entdeckerclaim nicht angemeldet hatten. Sie würden uns zu töten versuchen, um die Goldader auf ihren Namen anmelden zu können.

Und selbst wenn alles registriert war, würden tausend Mann in unsere Schlucht kommen und uns jeden Quadratzoll streitig machen, obwohl wir als Entdecker einer Hauptader das Recht hatten, all ihren Verästlungen zu folgen, selbst über fremde Claims hinweg.

O Moses, dachte ich. Es ist schon höllisch schwer, eine Goldader zu finden. Doch jetzt, da wir sie gefunden haben, beginnen die Schwierigkeiten erst richtig.

Ich schluckte würgend mein Abendbrot herunter und goss dann genügend Kaffee nach.

Dann sagte ich: »Tja, da stecken wir wohl mächtig in der Klemme.«

»So ist es«, knurrte Starbuck grollend. »Jeden Tag hocken dort oben auf den Schluchträndern irgendwelche Burschen und sehen nach, was wir hier unten treiben – jeden Tag. Curly war es, der die Goldader fand. Er riss einige trockene Büsche aus dem Boden, um damit Feuer anzufachen. Und da sah er sie. Sie ist so dick wie ein Männerschenkel. Irgendwann floss das Gold durch eine Rinne und erkaltete. Nun liegt es wie ein erstarrter Blitz in der Erde, keinen Steinwurf weit entfernt von unserem Feuer. Curly war schlau genug, sich nichts anmerken zu lassen. Er riss nur weitere trockene Büsche aus da und dort. Das war nicht verdächtig, denn mit diesem Zeug macht er immer Feuer, bevor er Holzscheite nachlegt. Überall unter dem trockenen Buschzeug ist also die Goldader. Wir möchten brüllen und tanzen vor Glück, und gleichzeitig könnten wir uns die Haare raufen vor …«

Er verstummte heiser.

Ich nickte verständnisvoll.

Meine Gedanken jagten sich.

Dann fiel mir das Wesentliche an der ganzen Sache ein. Und so sagte ich trocken: »Vielleicht ersticken wir morgen hier schon im Schnee. Ich kann die Blizzards bereits wittern. Die Zeit der Blizzards ist gekommen. Der mächtige Blizzardgott, den die Indianer ›Waniyetula‹ nennen, wird seine Jungens, die ›Wasiyas‹, bald auf die Reise schicken. Und dann ist alles hier ganz anders, völlig anders.«

Sie starrten mich über das Feuer hinweg an und nickten.

Curly sagte: »Ja, wir werden dann nicht mehr unter freiem Himmel am Feuer sitzen können, sondern eingepfercht sein in unserer Hütte. Windys ständiges Furzen wird uns auf den Geist gehen und …«

»Aaah, ihr habt euch doch inzwischen längst daran gewöhnt«, unterbrach ihn Windy. »Das ist doch nur falsche Luft. In jedem Pferdestall ist es schlimmer.«

Wir schwiegen.

Und ich spürte deutlich ihre Hilf­losigkeit, die zugleich eine dumpfe Wut war.

O Himmel, dachte ich. Wir haben Gold gefunden und dürfen es niemanden merken lassen. Der Winter wird über uns herfallen, und jemand von uns muss nach Fort Benton am Missouri, um die Goldader registrieren zu lassen. Nein, es hat keinen Sinn, sie in Last Chance City oder sonst wo in der Nähe anzumelden, wo es Claim Offices gibt. Wir müssen nach Fort Benton zu einem Regierungsmann. Nur dort ist die Registrierung unwiderlegbar. Nur dort.

Aber selbst wenn es uns gelang, die Goldader auf uns eintragen zu lassen, war das nur etwas wert, wenn wir stark genug waren, uns hier zu behaupten, sie also auszubeuten, zu verteidigen und mit dem Gold aus dem Land in die Sicherheit der Zivilisation zu gelangen.

Sie sahen mich an, so als erhofften sie sich von mir die Lösung aller Probleme.

Gewiss, ich war ein Mann dieses Landes. Schon mein Vater hatte hier als Händler gelebt und mit den Indianerstämmen Geschäfte gemacht. Ich kannte das Land, die Indianer und hatte auch ein paar Freunde hier.

Immer noch sahen sie mich fragend an.

»Wir werden sie erledigen müssen«, sagte ich. »Wie Raubwild werden wir sie abschießen und erledigen müssen. Es gibt keine andere Möglichkeit.«

Als ich es gesagt hatte, nickten sie. Denn zu dieser Erkenntnis waren auch sie gekommen während meiner Abwesenheit. Ich hatte es ihnen nur noch bestätigt.

»Also werden wir kämpfen müssen«, sprach Starbuck. »Und einige von uns werden dabei draufgehen. Lohnt sich das?«

Da nickten wir alle.

»Es ist unser Gold«, sprach San Saba. »Und wer es uns wegnehmen und mich dabei umbringen will, den schicke ich zur Hölle.«

Wir nickten. Denn er sprach uns aus der Seele.

Es war schwer für uns, weiterhin so zu tun, als suchten wir nach Gold, obwohl wir es längst gefunden hatten.

Meine vier Partner trieben da und dort Stollen in die Schluchtwände, folgten einigen Spalten, suchten nach Goldvorkommen. An einigen Stellen fanden sie auch etwas im Gestein und dem herausgeholten Erdreich. Sie mussten es mit Hämmern zertrümmern, denn wir besaßen ja keine Erzmühle, nicht einmal ein Stampfwerk. Wir mussten alles mit primitiver Knochenarbeit machen. Nur eine Waschanlage hatten wir bei dem kleinen Wasserfall gebaut.

Jeden Tag wuschen meine Partner für fünf bis zehn Dollar Gold aus dem zerkleinerten Erdreich und den fast zu Pulver zerschlagenen Steinen.

Unsere Ausbeute war also bisher so gering, dass es knapp zum Leben reichte. Denn was man in Canyon City auch kaufte – vom Hufnagel bis zur Rosine –, es war alles sündhaft teuer. Und wäre ich nicht ein erfolgreicher Jäger gewesen, dann hätten wir gewiss kein einziges Stück Fleisch zwischen die Zähne bekommen.

Doch auch die Jagd wurde immer mühsamer. Es gab ja noch andere Jäger außer mir, zumeist Indianer oder Halbblutmänner. Sie ließen sich das Fleisch fast mit Gold aufwiegen. Das Wild wurde immer weniger. Man musste immer weiter vom Goldland fort. Es war also ein erbärmliches Leben.

Und dabei hatten wir eine Goldader gefunden, waren also reiche Leute.

Verdammt, es gibt stets Schwierigkeiten auf dieser Erde. Nicht einmal die Rosen sind ohne Dornen.

Wir machten am nächsten Abend in unserer Hütte einen genauen Plan, zeichneten die genaue Lage der Goldader ein und formulierten einen Vertrag, der uns zu gleichberechtigten Partnern machte. Nun erfuhren wir auch endlich, wie Windy und Curly mit richtigen Namen hießen. Windy trug sich als Jonathan Fisher ein. Und Curly hieß richtig Tabhunter Hacket. Nur San Saba blieb bei seinem Namen, aber wir waren sicher, dass er anders hieß. Denn San Saba, das ist der Name eines Flusses.

Doch wir fragten nicht, bedrängten ihn nicht, waren jedoch jetzt noch sicherer als zuvor, dass er Schatten auf seiner Fährte hatte.

Nun, wir machten also alles fertig für eine Registrierung.

Und es war von Anfang an völlig klar, dass ich damit nach Fort Benton ritt. Wer sonst? Ich war der Jäger und ging immer wieder auf Jagd. Mein Fortgehen war also unverdächtig.

Doch wenn die Goldwölfe des Landes irgendwie etwas wittern würden – und wenn es ihnen verdächtig vorkommen sollte, dass ich mich zu einer Zeit auf die Socken machte, da man mit Blizzards rechnen musste, oho, dann sah die ganze Sache unter Umständen schon wieder völlig anders aus.

Wir alle hier im Crazy Canyon und seinen Querschluchten wussten längst, dass die Goldwölfe ein außergewöhnlich gutes Nachrichtensystem besaßen. Nichts entging ihnen, und sie konnten sich aus den geringfügigsten Beobachtungen ein Bild zusammensetzen.

Vor allen Dingen besaßen sie Instinkt.

Es war dann in der nächsten Nacht, als sich meine Partner aus der Hütte schlichen und in der Schlucht zu der Stelle gingen, wo die Goldader im Boden lag.

Sie hofften, dass es dunkel genug war, sodass man sie von den oberen Schluchträndern nicht beobachten konnte. Und sie waren auch so leise, dass kaum einmal ein Klirren ihrer Werkzeuge hörbar wurde.

Als sie dann zwischen Mitternacht und Morgen zurück in die Hütte kamen, hatten sie zwei Holzeimer voller Goldbrocken herausgeholt.

Heiliger Rauch, in drei bis vier Stunden brachen sie mit Beilen, Messern und einem Meißel so viel Gold aus der Ader, dass sie unsere beiden Holzeimer damit randvoll füllten.

Und jetzt erst wurden wir uns so richtig bewusst, wie reich wir waren.

Was wir da in den beiden Holzeimern hatten, war gewiss zwei- bis dreitausend Dollar wert. Wir wussten es nicht genau, denn es kam ja auf die Reinheit des Goldes an. Aber die Goldader musste Hunderttausende von Dollars wert sein.

Deshalb saßen wir in der Falle. Die Beute war einfach zu groß, als dass die Goldwölfe sie uns lassen würden.

Überall wurden Goldgräber und Claimgemeinschaften überfallen. Und selbst wenn sich Goldgräber für die Heimreise zu größeren Gruppen zusammenschlossen, um sich auf den gefährlichen Wegen gegenseitig Schutz und Hilfe zu geben, gerieten sie fast immer in einen Hinterhalt.

Es war dann am nächsten Vormittag, als Doc Joshua kam.

2

Er hieß eigentlich Joshua Whittaker, und gewiss war es mehr als zweifelhaft, ob er überhaupt ein richtiger Doc war.

Dennoch nannte man ihn nur Doc Joshua. Er zog Zähne, heilte Wunden und Knochenbrüche, holte Kugeln aus menschlichen Körpern und hatte für fast jede Krankheit irgendwelche Tropfen, Pülverchen und Tees. Sogar die Lustseuche, die sich immer wieder jemand von den einsamen Burschen bei den Flittchen in den Bordells von Canyon City holte, behandelte er – wie man sich erzählte – erfolgreich mit irgendwelchen quecksilberhaltigen Mitteln. Aber das wusste man nicht so genau.

Wenn man Doc Joshua sah, dann dachte man unwillkürlich an einen gütigen Petrus an der Himmelspforte. Er war ein kleiner, dicklicher, gütig und weise wirkender Mann mit weißen Locken und einem weißen Vollbart. Seine blauen Augen blickten so rein und unschuldig wie die eines Kindes.

Wie gut, dass es auf dieser Erde solche Menschen gab, so gut und weise, hilfreich und rein!

»Hallo, Jungens, wie geht’s euch denn?«, fragte er, nachdem er von seinem Maultier gerutscht war und die Leine seines Packtiers einfach zu Boden hatte fallen lassen. »Ist keiner krank? Hat niemand einen eiternden Zahn? Sind auch eure Pferde gesund? Braucht ihr irgendwelchen Rat? Ihr wisst ja, ich bin für solche Sachen der gute Onkel. Na?«

O ja, er konnte gewiss auch kranke Seelen heilen.

Und für Burschen, die nicht lesen und schreiben konnten, verfasste er auch Briefe oder las sie vor.

Eigentlich war er unentbehrlich.

Curly sagte: »Ja, ich habe einen verdammten Backenzahn, der mir immer wieder die Hölle bereitet.

»Und ich habe ein Geschwür am Hintern«, sagte Windy. »Ich kann schon seit einigen Tagen nur auf der linken Backe sitzen.«

»Und sonst habt ihr keine Sorgen?« Er fragte es richtig erleichtert, so als gönnte er uns von Herzen alle guten Dinge. »Immer noch keinen größeren Fund?«

Er fragte es zuletzt sehr teilnahmsvoll und so als hoffte er, dass wir endlich mal Glück haben würden.

Wir alle schüttelten mürrisch unsere Köpfe, wirkten deprimiert und verbittert.

Starbuck sagte: »Wenn wir unseren Jäger Pierce Bannak nicht hätten, würden wir uns nicht mal Fleisch leisten können – nur Bohnen und Kartoffeln.«

»Warum bleibt ihr dann hier?« Doc Joshua fragte es mitleidig. »Ihr solltet es vielleicht mal woanders versuchen. In Bozeman hat ein Mann seine Goldader verkauft und die fünfzigtausend Dollar im Kanonenofen versteckt. Denn weil seine Frau nicht in der Hütte war, wollte er sie suchen gehen und das Geld nicht mitschleppen. Indes er seine Frau suchte, kam sie heim und machte Feuer, um Essen zu kochen. Als er ihr dann sagte, dass sie fünfzigtausend Dollar verbrannt hätte, wollte sie sich das Leben nehmen. Doch der Mann tröstete sie mit den Worten: Oha, Jamie, ich finde morgen eine neue Goldader. Und tatsächlich, am nächsten Morgen schlug er irgendwo seine Spitzhacke in den Boden und entdeckte die zweite Goldader. He, so könnte es euch auch gehen.

Er lachte vergnügt. Dann fragte er: »Soll ich erst Curlys Zahn ziehen oder Windys Geschwür am Hintern behandeln?«

Ich hörte nicht länger mehr zu. Ich nahm die Sichel und warf mir einen Sack über die Schulter. Dann begann ich an einer geeigneten Stelle dicht neben dem Wasserfall die ziemlich steile Schluchtwand hinaufzuklettern.

Denn es war immer noch kein Schnee gefallen. Die ersten Blizzards ließen noch auf sich warten, obwohl ich sie schon seit einigen Tagen und Nächten wittern konnte.

Aber vielleicht gelang es mir, noch einen Sack mit Gras zu füllen, bevor es losging. Das Gras war gelb und trocken. Wir brauchten Futter für unsere Pferde. Und der Winter konnte lang werden.

Als ich oben war, da sah ich den Mann. Er lag einen Steinwurf weit entfernt am Rand der Schlucht auf dem Bauch und blickte hinunter in die Schlucht. Er musste erst gekommen sein, als ich schon in der Schluchtwand emporkletterte und mich in einer Rinne neben dem Wasserfall in guter Deckung befand.

Ich legte Sichel und Sack zu Boden und ging langsam zu ihm hin, schlug dabei einen flachen Bogen, sodass ich mich ihm mehr von hinten näherte. Da die Schlucht auch noch einen Knick machte, kam mir das bei meiner Annäherung zugute.

Ich bewegte mich leise wie ein Schatten.

Auch ein Indianer hätte nicht leiser sein können.

Als ich dann bei dem Mann verhielt, bemerkte er mich immer noch nicht. Ich sah nun neben ihm in die Schlucht hinunter.

Und da konnte ich erkennen, was seine Aufmerksamkeit so sehr beanspruchte, dass er voll darauf konzentriert war.

Von hier oben konnte man sehen, wo meine vier Partner in der vergangenen Nacht ein Stück der Goldader freigelegt hatten. Es war an der dunkleren Bodenfärbung zu erkennen. Man sah deutlich, dass das Erdreich dort feuchter war, nicht so staubig. Und besonders auffällig waren die trockenen Büsche, die sie in die feuchte Erde als Tarnung hineingesteckt hatten.

Sofort begriff ich die Gefahr.

Und wieder einmal mehr wurde mir klar, wie schlau und erfahren die Spione der Goldwölfe waren. Sie schlichen überall umher. Auch am Rand der Schlucht hatten wir schon mehrmals welche bemerkt. Doch bisher war uns dies egal gewesen, da wir ja keine Goldfunde machten und nichts zu verbergen hatten. Man hatte von hier oben stets erkennen können, wo wir den Boden umgewühlt hatten und in die Schluchtwände Stollen oder Löcher trieben.

Doch dies dort unten sah jetzt anders aus. Wir hätten es nicht mit den trockenen Büschen tarnen dürfen.

Ich trat drei Schritte zurück und sagte dann lässig: »Hallo, Freund!«

Er erschrak mächtig und kam schnell wie ein Wolf auf die Füße. Er stand plötzlich lauernd vor mir, und ich spürte sofort, wie gefährlich er war.

»Hey.« Er grinste. »Du bist ja so leise wie ein Geist.«

Ich grinste zurück und wartete. Oha, ich wusste, dass er etwas vorhatte. Er konnte mich gar nicht mehr weggehen lassen. Denn ich hatte ihn dabei überrascht, wie er etwas über uns herausgefunden hatte, was wir unbedingt geheim halten mussten. Ich kannte nun sein Gesicht.

Er grinste stärker, so richtig freundlich wie ein Mensch, der sich gerne und zu jeder Zeit auf seinen Wegen Freunde macht. Und so streckte er mir seine Rechte entgegen und trat einen Schritt auf mich zu.

»Ich bin Ernest Burnett«, sagte er. »Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Bruder.«

Er war so groß wie ich, gewiss auch ebenso schwer. Etwa um die neunzig Kilo, sodass wir uns körperlich ziemlich gleich waren.

Ich wusste instinktiv, was er vorhatte.

Schießen wollte er nicht, obwohl er seinen Revolver wie ein Revolverschwinger trug. Es sollte keinen Lärm geben. Was er mit mir vorhatte, sollte wie ein Unfall aussehen. Ich nahm also seine Hand, als wäre ich völlig arglos.

Er packte zu wie ein Schraubstock.

Oha, er hatte eine unheimliche Kraft. Und deshalb fühlte er sich auch so sicher.

Als er blitzschnell herumwirbelte, um mich über die Schulter hinweg in die Schlucht zu werfen, stieß ich ihm mein Knie von der Seite gegen den Oberschenkel. Es war ein sogenannter »Pferdekuss«, und ich traf genau die richtige Stelle, sodass sein Bein unter ihm wegknickte, weil ihm seine Muskeln plötzlich nicht mehr gehorchten.

Geistesgegenwärtig ließ er meine Rechte los und versuchte mich zu umklammern. Er wollte sich an mir festhalten, bis seine Not vorüber war.