G. F. Unger Sonder-Edition 138 - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger Sonder-Edition 138 E-Book

G. F. Unger

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Alle halten Lieutenant George Howell für einen Feigling, seit er bei der Verfolgung des berüchtigten Apachen-Häuptlings Jerome sämtliche Männer verlor und als Einziger lebend zurückkehrte. Die Schande ist für George Howell deshalb so unerträglich, weil man ihm einen Verrat unterstellt, den er nicht begangen hat, und er keine Möglichkeit sieht, die Sache aufzuklären. Doch dann verfällt das Schicksal auf einen grausamen Trick, um die verletzte Ehre des Offiziers wiederherzustellen. Allerdings scheint die Rehabilitierung für George Howell zu spät zu kommen, denn der hat die Armee bereits verlassen und ist zum Deserteur geworden ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Impressum

Verdammte Flagge

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manuel Prieto/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-6541-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Verdammte Flagge

1

Es war schon eine verdammte Sache mit der Flagge oder Fahne, hinter der sie durch das Land ritten. Sie hassten die Armee zumeist, sie hassten das Schicksal, das sie zur Armee geführt und zu Soldaten gemacht hatte, und sie hassten die Flagge, hinter der sie herritten.

Dennoch war diese Flagge das Zeichen, unter dem sie mitunter zu Erfolgserlebnissen kamen, sogar manchmal siegten. Dann verspürten sie ein Gefühl der Stärke. Denn allein war fast jeder von ihnen ein Nichts gewesen. Die Fahne machte sie zu einer Schicksalsgemeinschaft.

Und sie wurden angeführt von Offizieren, die sich für eine besondere Menschenklasse hielten, die vom Ehrgeiz angetrieben wurden und blind waren vor lauter Selbstüberschätzung und Überheblichkeit.

Aber wenn es ans Sterben ging, dann waren sie alle gleich.

So war es mit der US-Kavallerie, die damals durch das Arizona-Territorium ritt und zumeist erfolglos gegen die Apachen kämpfte.

Als die Postkutsche die Wasserscheide des Mateo-Passes erreicht, hält der Fahrer an, um das Sechsergespann verschnaufen zu lassen. Er, sein Begleitmann und die vier männlichen Passagiere verlassen die Kutsche.

Der Fahrer ruft halblaut: »Die Lady nach links und die Gentlemen nach rechts!«

Doch Sarah Wheeler, die als einzige Frau in der Kutsche mitfährt, macht von dem Angebot keinen Gebrauch. Sie steigt nicht einmal aus, um sich die Beine zu vertreten, wie man so bezeichnend sagt. Sie bleibt in der Kutsche, erwacht gar nicht richtig aus ihrem Halbschlaf. Sie ist zu müde und erschöpft, und dies ist kein Wunder, denn sie ist schon viele Tage und Nächte unterwegs. Längst hätte sie einmal – in Santa Fé zum Beispiel – ihre Reise unterbrechen und sich in einem Hotel gründlich ausschlafen müssen.

Aber weil sie das nicht tat, befindet sie sich jetzt in einem Zustand der Erschöpfung. Das ewige Rütteln, Stoßen und Schwanken der Kutsche, der Staub, die Hitze bei Tag und die Kälte bei Nacht sind einfach zu viel für sie geworden.

Auch jetzt – etwa zwei Stunden nach Mitternacht – ist es schneidend kalt, denn es ist eine helle Nacht hier oben. Mond und Sterne leuchten mit kalter, unirdischer Pracht auf dem Mateo-Pass, den man auch Apachenpass nennt.

Die Männer gehen ein Stück von der Kutsche weg und stellen sich dann in einer Reihe auf, um ihr Wasser abzulassen. Man hört es sicherlich bis zur Kutsche. Doch hier in diesem Land ist alles sehr viel menschlicher als anderswo.

Einer der Männer sagt zum Kutscher, der neben ihm steht: »Was ist, wenn die verdammte Armee die verdammten Apachen doch nicht verjagt hat und dieser verdammte Pass gar nicht frei ist?«

Der Mann gehört offenbar zu der Sorte von Menschen, deren jedes zweite oder dritte Wort ein Fluch ist.

Der Fahrer aber lacht leise und mit einem deutlichen Klang von Bitterkeit. Dann spricht er grimmig: »He, Mann, was dann ist, wollen Sie wissen? Oha, wenn die verdammte Armee mal wieder nicht geschafft hat, was sie versprach, dann …«

Der Fahrer kommt nicht weiter mit seinen Worten.

Denn ein Apachenpfeil durchfährt seinen Hals.

Neben ihm sterben auch die anderen Männer.

Und der wilde Pumaschrei der Apachen klingt durch die mondhelle Nacht. Aus dem Schatten der Felswand, deren Rissen und Spalten, hinter den Dornbüschen hervor, da springen die sehnigen, halbnackten Gestalten der Angreifer.

Doch die sechs Gespannpferde der Kutsche rasen los, erschreckt vom Pumaschrei.

Und so kommt es, dass die Kutsche den Apachen vorerst mal davonfährt.

In der Kutsche aber erwacht Sarah Wheeler aus ihrem Halbschlaf. Denn diesen Apachenschrei kennt sie gut genug. Es ist erst wenige Jahre her, da sie ihn hörte. Sie war damals noch ein Mädchen an der Schwelle zur Frau. Und ihre Mutter warf sich damals in jenem jämmerlichen Armeezelt, das so wenig Schutz bot, über sie, um sie mit ihrem Körper zu schützen, indes die Apachenpfeile durch das Zelt fauchten.

Ja, diesen Apachenschrei kennt sie noch gut genug.

Sie vergaß ihn nie.

Der Weg vom Pass hinunter zum Canyon des Cherry Creeks ist schmal und gewunden. Die Postkutsche jedoch ist ohne Fahrer. Dass sie mit dem durchgehenden Gespann nicht schon bei der ersten Biegung abstürzt, liegt nur daran, dass das Gespann diesen Weg schon oftmals hinter sich brachte und selbst in Panik instinktiv das tut, was ihm sonst der Fahrer mit Hilfe der Zügel und viel Gebrüll abverlangt.

Sarah Wheeler aber ist sich der Gefahr bewusst, in der sie schwebt.

Sie saust in einer Kutsche, deren Gespann durchging, ohne Fahrer einen gefährlichen Passweg abwärts.

Und nur ein gütiges Geschick wird sie retten können.

Einige Male wird die Kutsche auf zwei Rädern um die Biegungen geschleudert, hängt mit den anderen Rädern über dem Abgrund. Das Gespann gerät noch mehr in Panik, steigert weiter sein Tempo und die Katastrophe scheint nicht mehr aufzuhalten. So ist es tatsächlich ein Wunder, dass sie auf dem Passweg bleiben und nicht abstürzen.

Sarah Wheeler kann nichts tun als beten und hoffen.

Einige Male möchte sie aus der Kutsche springen. Deren Türen standen ja offen, indes die Kutsche und das Gespann auf der Wasserscheide verharrten. Jetzt sind die Türen längst an den Felswänden zerschmettert, abgerissen bis auf wenige Überreste.

Sarah Wheeler könnte hinausspringen.

Doch sie wagt es nicht.

Denn der Weg ist so schmal, dass sie entweder gegen die Felswand oder in den Abgrund springen würde. Sie kann sich nur festhalten, um nicht hinausgeschleudert zu werden, und darauf hoffen, dass sich die sechs Pferde wieder beruhigen und den Weg ohne Schaden hinter sich zu bringen.

Pferde sind ja Gewohnheitstiere. Was man ihnen einmal beibrachte, tun sie auf Verlangen immer wieder.

Doch diesmal fehlt der Fahrer.

Werden sie jetzt instinktiv das Richtige tun?

Sarah kann es nur hoffen.

Und sie hört sich einmal wild und fordernd rufen: »Du Gott im Himmel, hilf mir, steh mir bei!«

Sie wird sich darüber klar, dass sie es nicht kläglich ruft, nicht kreischend vor Angst. Nein, in ihrer Stimme liegt zwar ein Bitten, doch kein flehendes Jammern und Betteln.

Ja, sie hat sich wieder unter Kontrolle.

Und obwohl sie in der Kutsche hin und her geworfen wird, verliert sie nicht die Nerven.

Und dann ist es plötzlich überstanden.

Irgendwie beginnt sie zu begreifen, dass entweder ihre Bitte vom Himmel erhört wurde oder auf andere Weise ein Wunder geschehen ist.

Denn sie haben den gefährlichen Passweg hinter sich gebracht, ohne abzustürzen. Jetzt geht es zwar immer noch abwärts, doch der Weg wird breiter und die Biegungen sind nicht mehr so eng. Das Gespann beruhigt sich immer mehr.

Wahrscheinlich läuft es nur deshalb weiter, weil es vor sich die nächste Pferdewechselstation weiß, wo es abgelöst wird und sich in einem Corral bei Futter und Wasser erholen kann.

Bald trabt das fahrerlose Gespann mit der Kutsche durch den Cherry Creek Canyon unterhalb des Tonto Rim zum Tonto Basin hinunter, das auch Mogollon Rim und Mogollon Basin genannt wird.

Der Cherry Creek mündet in den Salt River, etwa in der Mitte zwischen Fort Apache und einer aus einem Camp entstehenden Stadt, die man bald Phoenix nennen wird. Denn wie der Phoenix aus der Asche, so wird sie in der Wüste erstehen, sobald das Problem der Bewässerung gelöst ist.

Doch davon weiß Sarah Wheeler nichts.

Auch die meisten Menschen hier im Arizona-Territorium wissen davon nichts. Würden es nicht einmal für möglich halten. Es sind nämlich noch zu viele Apachen da, mit denen die Armee nicht fertig wird.

Dies ist die allgemeine Ansicht.

Die Kutsche schwankt und rüttelt nicht mehr so schlimm. Das Gespann zieht sie nun in einem ruhigen Trab.

Und dann hält es an.

Sarah Wheeler klettert hinaus. Als sie im Mond- und Sternenlicht, die Adobehütten, die Corrals und Schuppen sieht, da stößt sie einen lauten Ruf aus und wundert sich dabei, dass sich noch niemand zeigte.

Der Stationsmann und dessen Leute mussten in der stillen Nacht doch die Kutsche schon aus meilenweiter Entfernung gehört haben.

»Hoiii Leute!« So ruft Sarah abermals.

Aber sie erhält keine Antwort.

Nichts regt sich hier.

Dann sieht sie den toten Hund zu ihren Füßen.

Und dann weiß sie, dass die Apachen zuerst hier waren, bevor sie den Pass hinauf zur Wasserscheide ritten, um dort auf die Kutsche zu warten.

Warum warteten sie nicht hier? Dies fragt sie sich.

Wie eine Antwort auf ihre Frage hört sie plötzlich etwas.

Und das Geräusch kennt sie. Es ist ihr vertraut aus der Kindheit, als sie mit ihrer Mutter noch bei der Armee lebte – leben musste. Was sie da kommen hört, ist der klirrende Trab reitender US-Kavallerie, jenes unverkennbare Geräusch, das sich zusammensetzt aus Hufschlag, klirrenden Metallteilen, Säbelgerassel, Pferdeschnauben, Klappern irgendwelcher Ausrüstungsstücke.

Was da kommt, muss die Eskorte sein, die ihr Vater aus Camp Mateo zur Cherry Canyon Station gesandt hat, um sie von hier abzuholen.

Denn ihr Vater ist der Kommandant von Camp Mateo.

Sie stößt einen befreiten Ruf aus.

Denn sie glaubt, dass sie nun gerettet ist.

Soldaten kommen.

Sie ist wieder bei der Armee, so wie damals, als Mutter, Vater und sie noch eine Familie waren und bevor ihre Mutter mit ihr aus diesem verdammten Land floh wie aus der Hölle.

Sie verharrt bewegungslos beim Brunnen vor dem Stationshaus, als Lieutenant George Howell mit sechs Soldaten angeritten kommt, denen ein leichter Bagagewagen folgt.

Als die kleine Kolonne anhält, verharrt Sarah immer noch bewegungslos.

Und es wird ihr bewusst, dass sie nun wieder bei der Armee gelandet ist, in deren Mitte sie vor knapp zwanzig Jahren in einem Offizierszelt geboren wurde.

Der Lieutenant kommt herbeigeritten und hebt grüßend die Hand an die Hutkrempe. Im Mondschein betrachten sie sich einige Sekunden lang schweigend.

Dann sagt er: »Sarah, du bist wunderschön geworden. Und es ist kaum mehr als vier Jahre her …«

»Verdammt, George Howell«, unterbricht sie ihn. »Hast du noch nicht begriffen, dass ich ganz allein hier bin, dass es außer mir kein Leben gab, bevor ihr herkamt? Gleich werden die Apachen hier auftauchen. Und du redest von meiner Schönheit! Oh zum Teufel, was ist los mit dir?«

Sie sieht ihn im Sattel zusammenzucken.

Dann blickt er sich rasch um.

Und endlich dämmert ihm, wie wenig hier auf dieser Pferdewechselstation in Ordnung ist.

Seine Stimme klingt schrill, als er seinen Reitern zuruft: »Absitzen! Die Station durchsuchen! Alles für eine Verteidigung vorbereiten! Vorwärts, Leute!«

Er schwingt sich vom Pferd, so als befürchtete er plötzlich, dort oben im Sattel ein gutes Ziel zu bieten.

Als er an Sarah herantritt, erkennt sie seinen unsicheren Gang. Und das kann nicht nur mit Sattelsteifheit zusammenhängen – nein, sie spürt nun auch ein wenig von seinem Atem. Und da kann sie es wittern. Ja, sie ist plötzlich sehr sicher, dass er nicht nüchtern ist. Er hat getrunken. Sie wittert den Geruch von billigem, doch starken Brandy, wie man ihn in der Kantine ausgeschenkt bekommt.

Oh, was ist aus George Howell geworden? Dies denkt sie bestürzt. Und dabei erinnert sie sich wieder daran, wie ehrgeizig, schneidig und wagemutig er damals vor vier Jahren als blutjunger Offizier war, als er geradewegs von West Point zur Einheit ihres Vaters ins Arizona-Territorium kam.

Jetzt ist er offenbar ein Säufer.

Und dabei sieht er immer noch beachtlich aus, sehr männlich und kühn, ganz und gar wie ein Offizier, der zu führen versteht.

»Erzähl mir, was geschehen ist, Sarah«, verlangt er und kämpft dabei gegen seine Trunkenheit an. Seine Sprechweise wird sicherer. Sie berichtet ihm alles mit knappen Worten, und sie staunt dabei über sich, weil sie alles so beherrscht und sachlich schildern kann, als berührte es sie innerlich nicht.

Doch sie begreift, immer klarer, dass sie wieder bei der Armee gelandet ist, bei der sie bis zu ihrem sechzehnten Jahr gelebt hat. Sie hat schon wieder die Denkweise dieser Armee übernommen – und die Art, jedes Gefühl tief in sich verborgen zu halten.

Als sie verstummt mit ihrem Bericht, nähert sich Sergeant Tab Hunter.

Er wirft ihr einen forschenden Blick zu.

»Hey, Tab«, sagt Sarah, »ich habe nicht vergessen, dass ich auf deinen Knien reiten lernte, als du noch der Bursche meines Vaters warst. Und dann hast du mich vor dich auf dein Pferd genommen – später als Korporal. Weiß du noch, ich habe dir damals zum Abschied einen Kuss auf die Wange gegeben. Komm her, damit ich dies auch zum Wiedersehen tun kann!«

»O Miss Sarah …«, ächzt Sergeant Tab Hunter.

Aber sie wirft sich in seine Arme und küsst seine stoppelbärtige Wange, auf der Schweiß und Staub eine schmierige Schicht bilden.

Dies besiegelt ihre endgültige Rückkehr zur Armee. Ja, was sie da tut, ist symbolhaft für Sarah.

Sie ist zurück.

Denn sie hatte keine andere Wahl.

George Howells Stimme aber klirrt böse: »He, Sergeant, ich will Ihren Bericht! Es ist jetzt keine Zeit für Sentimentalitäten!«

Sarah gibt den alten Sergeanten frei.

Er nimmt vor dem Lieutenant Haltung an und meldet: »Sir, sie sind alle tot. Es handelt sich um den Stationsmann, dessen Frau und dessen Gehilfen. Sie sind tot. Es sieht schlimm dort drinnen aus – alles mit Blut bespritzt. Sie haben wie die Teufel gehaust. Sir, wir sollten von hier verschwinden. Ich glaube nicht, dass die Indianer uns folgen werden. Denn es sind nicht viele. Sie hätten hier auf der Station auf uns gewartet, wenn sie stark genug gewesen wären. So aber ritten sie der Postkutsche entgegen. Zusammen mit den Leuten der Postkutsche wären wir hier zu stark für sie gewesen. Es kann sich nur um eine kleine Horde handeln.«

Er verstummt heiser und wie beschwörend. Und er ist ein alter, eisgrauer und in diesem Land erfahrener Sergeant.

Doch Lieutenant George Howell schüttelt heftig den Kopf. »Nein«, sagt er, »wir verschanzen uns in der Station und warten ab. Ich gehe mit der Tochter des Majors kein Risiko ein. Vorwärts, Sergeant!«

Er wendet sich ab, beachtet den Sergeanten und auch Sarah nicht mehr. Er tritt zu seinem Pferd, geht auf die andere Seite des Tieres und nimmt dort die Wasserflasche ab. Als er deren Boden gen Himmel hebt und glucksend trinkt, da wissen Sarah und der Sergeant, dass es gewiss kein Wasser war, das er durch die Kehle rinnen ließ.

2

Das Haupthaus der Station ist so gebaut, dass es leicht zu verteidigen ist. Es besteht aus Adobe, also Lehmziegeln, und scheint einigermaßen solide gebaut.

Sie haben die Toten hinüber in einen Schuppen gebracht und hier in dem dreiräumigen Raum etwas Ordnung gemacht. Auf dem niedrigen Speicher haben zwei Soldaten sich im Maisstrohdach Öffnungen geschaffen, um von dort aus schießen zu können. Unten sind die schießschartengroßen Fenster je mit einem Soldaten besetzt. Im Ganzen sind sie neun Mann, nämlich der Lieutenant, sechs Reiter und die beiden Soldaten, die den Bagagewagen fuhren.

Neun Soldaten und Sarah Wheeler, die einzige Tochter ihres Majors – sie warten und lauschen und fragen sich, was kommen wird. Sind die Apachen wirklich zu schwach, um sie anzugreifen?

Oder werden noch andere Horden zu jener Horde stoßen, mit der sie es zu tun haben. Sie wissen, dass die Apachen stets in kleineren Horden auf der Suche nach Beute durchs Land streifen. Und nach jedem Überfall ziehen sie sich stets in raues und fast völlig wasserloses Land zurück, dessen wenige Sickerquellen nur sie allein kennen. Die Armee kann ihnen dann wegen Wassermangel kaum länger als drei Tage folgen. Für die kleinen Apachenhorden aber reicht das Wasser. Für die Armee also bleiben sie stets unerreichbar, indes sich die kleinen Apachenhorden untereinander immer wieder auf geheimnisvolle Weise verständigen und zusammenfinden. Es ist, als besäßen ihre Anführer einen besonderen Sinn dafür.

Sarah Wheeler erinnert sich an all diese Dinge, indes sie und die Soldaten schweigend in der Station warten.

Sie haben kein Licht in den drei Räumen, und nur ein schwacher Schimmer der hellen Mond- und Sternennacht fällt durch die kleinen, schießschartenartigen Fenster. Nur schemenhaft vermögen sie einander zu erkennen.

Doch Sarah, die sich mit George Howell im selben Raum befindet, hört ihn mehrmals glucksend aus einer Flasche trinken.

Und immer wieder fragt sie sich: Warum wurde er zum Säufer? Was ist mit ihm geschehen? Es muss mit ihm etwas geschehen sein. Denn wie sonst konnte ein Mann wie er zum Säufer werden? Verdammt, was macht dieses Land aus uns Menschen? Meine Mutter floh mit mir wie aus der Hölle. Und ein Mann wie George wurde zum Säufer. Warum eigentlich bin ich hierher zurückgekommen?

Sie erhebt sich von der Bank, auf der sie saß, und tritt zu George Howell, der mit dem Colt in der Hand beim Fenster steht und nach draußen späht.

Und als sie dicht bei ihm verhält, da riecht sie deutlich den Brandy, den er in sich hineinschüttete.

»George«, sagt sie leise, »du weißt, dass ich dich als Mädchen bewundert habe. Du warst für mich der schneidigste Lieutenant der ganzen Armee. Warum wurdest du zum Trinker?«

Ihre Frage kommt unvorbereitet und fast brutal. Doch sie war schon immer ein Mädchen, das die Dinge beim Namen nannte und niemals auf Umwegen auf ihr Ziel zuging.

Er lässt sie lange auf Antwort warten.

Dann aber murmelt er: »Du wirst es schon noch erfahren, Sarah. Bei der Armee im ganzen Arizona-Territorium kennt man meine Geschichte. Du wirst sie schon noch erfahren – aber nicht von mir. Ich kann sie nicht so gut erzählen wie die Leute, die gar nicht dabei waren, nur davon hörten und ihrer Fantasie freien Lauf lassen können. Nur eines kann ich dir sagen, Sarah.«

Als er eine Pause macht, fordert sie: »Dann sag es, George.«

Er hält die große Wasserflasche der US-Kavallerie, die mit Brandy gefüllt war, in der Linken, will sie wieder zum Trinken ansetzen, lässt sie dann aber sinken.

»Diese verdammte Flagge …«, murmelt er heiser. »Ich schwor ihr einst die Treue. Doch nun hasse ich den Tag, an dem dies geschah. Ich hasse auch diese verdammte Flagge, die mich für alle Menschen zum Feigling werden ließ. Verdammte Flagge, verdammte Armee …«

»Und warum bist du dann noch Soldat?« Sie fragt es scharf.

»Das liegt an deinem Vater«, murmelt er. »Er bewilligt mein Abschiedsgesuch nicht. Und so besteht die Armee darauf, dass ich meinen Vertrag mit ihr erfülle. Sie hat mich in West Point zum Offizier ausgebildet. Ich muss meine Jahre abdienen. Dein Vater bescheidet jedes Abschiedsgesuch abschlägig. Und er ist mein Kommandeur. Bei der Armee hält man den Dienstweg ein, alles geht vorschriftsmäßig vonstatten.«

Er verstummt mit bitterem Spott. Dann setzt er wieder die Flasche an den Mund und trinkt gierig.

Sarah verharrt noch neben ihm – und sie weiß nicht, ob das Gefühl in ihr nun Mitleid, Enttäuschung oder Verachtung ist. Es wird wohl Mitleid sein, denkt sie.

Denn längst weiß sie, dass die Dinge auf dieser Erde sich ständig verändern, auch die Menschen.

Sie möchte ihn fragen, was ihn zum Säufer machte und was man sich von ihm in der Armee des Arizona-Territoriums erzählt.

Doch dann entschließt sie sich, den Sergeanten zu fragen. »Sersch« Tab Hunter ist wie ein guter Onkel zu ihr. Er wird ihr alles objektiv berichten.

Sie kehrt wortlos wieder zu ihrem Platz auf der Bank zurück, setzt sich und wartet, wie sie alle hier in der Station warten.

Ihre Pferde befinden sich draußen im Corral. Es war nicht möglich, die Tiere mit ins Haus zu nehmen. Die Räume sind zu klein.

Manchmal hören sie die Pferde schnauben oder stampfen. Einer der Soldaten sagt im Nebenzimmer: »Die Gäule wittern diese verdammten Bastarde schon, diese stinkenden Hurensöhne.«

In der Stimme des Mannes klingt Hass, bösester Hass.

Und das ist nur zu verständlich.

Der Mann weiß, dass er morgen vielleicht schon tot sein wird.

Und er kann nicht davonlaufen. Er gehört der Armee, musste auf die Fahne oder Flagge einen Eid schwören. Nun hasst er den Tag, an dem er dies tat. Und er hasst die Flagge. Denn sie ist das Symbol seiner Machtlosigkeit gegenüber dem Schicksal.

Langsam geht die Nacht draußen ihrem Ende zu.

Mond und Sterne verblassen. Das erste Grau steigt im Osten auf und tilgt alle Schatten.

Dann beginnen die Nebel zu steigen.

Und da passiert es.

Der Soldat an dem Fenster, das dem Corral zugekehrt ist, ruft plötzlich scharf: »Da sind sie! Sie stehlen unsere Pferde, die Pferde der US-Kavallerie. Soll ich schießen, Sir? Aber ich sehe nicht viel. Der Nebel. Sie haben Deckung zwischen unseren Pferden.«

»Nein, nicht schießen«, erwidert die Stimme des Lieutenants heiser.

»Es hätte wenig Sinn, unsere Pferde zu töten, um vielleicht einen Apachen zu erwischen. Wir schießen nur, wenn sie uns hier angreifen.«

Wieder herrscht im Haus Schweigen.

Sie alle lauschen nach draußen. Die Geräusche sind unverkennbar.

Man treibt alle Pferde fort. Die Tiere schnauben lauter und heftiger als normal. Ihnen behagt die Witterung der Apachen nicht. Sie sind zu sehr an die Soldaten gewöhnt.

Sarah denkt unwillkürlich: Meine Mutter wollte mich damals vor vier Jahren von der Armee wegbringen – und sich selbst ebenfalls –, doch jetzt bin ich wieder hier. Vielleicht werden auch diese Pferde eines Tages wieder bei der Armee sein, wenn die Apachen sie nicht töten, weil es dort, wohin sie flüchten müssen, kein Wasser für die Tiere gibt.