G. F. Unger Sonder-Edition 208 - Western - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger Sonder-Edition 208 - Western E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

John Cheshum ist alt geworden. Er besitzt nicht mehr die Kraft, sich gegen Matt Savage zur Wehr zu setzen, der seine Ranch genauso schlucken will, wie er all die anderen Ranches im Antelope-Land geschluckt hat Also beschließt John Cheshum, aufzugeben und zu seiner Tochter nach Galveston zu ziehen. Doch vorher wird er Matt Savage noch einen Brocken vorwerfen, an dem der skrupellose Weidepirat ersticken wird. Für die Ausführung seines Plans kann sich der listige alte Fuchs keinen besseren Mann denken als Jock Weaver, den jungen furchtlosen Deputy Sheriff von Antelope ...

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Inhalt

Cover

Weaver

Vorschau

Impressum

Weaver

Es ist an einem späten Nachmittag, als Jock Weaver die Tumbling-C-Ranch erreicht und den alten John Cheshum auf der Veranda im Schaukelstuhl sitzen sieht. Als er bei der Veranda sein Pferd verhält, bleibt er noch eine Weile im Sattel und betrachtet den alten Mann.

Aber auch John Cheshum sieht den Reiter an, und es ist wie ein letztes Prüfen, welches stets einem Entschluss vorausgeht.

»Gut, dass du gekommen bist«, spricht John Cheshum endlich und nickt. Wie er da so auf seinem Schaukelstuhl sitzt, lässt er an einen alten, schon sehr zerzausten Adler denken, der auf seinem Horst hockt und sein Reich überblickt. Denn von der Veranda des Ranchhauses kann er fast das ganze Tal überblicken.

»Ich bin gern gekommen«, erwidert Jock Weaver und sitzt ab.

Es zeigt sich nun, dass er ein sehr geschmeidiger Mann mit lässigen und leichten Bewegungen ist trotz seiner Größe und Schwergewichtigkeit, die er bei aller Hagerkeit besitzt.

Ja, er hat die Figur eines Reiters. Er ist ein Mann mit einem ruhigen, ernsten Gesicht, in dem sich die ersten dunklen Linien zeigen, die das Leben so mit sich bringt, wenn einige Höhen und Tiefen hinter einem liegen.

Er betritt sporenklingelnd die Veranda und setzt sich auf die Bank an der Hauswand.

»Warum sollte ich kommen?« So fragt er dann ruhig. »Doch wohl nicht in meiner Eigenschaft als Deputy Sheriff?«

»Nein, mein Junge«, John Cheshum grinst mit braunen Zähnen unter dem weißen Sichelbart, »nicht, weil du ein Deputy-Sheriff bist. Ich will ein Geschäft mit dir machen. Und ich habe lange überlegt, mit wem von euch einst so wilden Burschen ich es machen soll. Du hattest in meinen Überlegungen einige Konkurrenten. Aber dann habe ich mich für dich entschieden. Du kannst meine Ranch bekommen. Für dreitausend Dollar gebe ich sie dir. Und wenn es bald wieder Absatzmärkte gibt für die Rinder, dann ist sie mehr als zehntausend Dollar wert. Du würdest ein gutes Geschäft machen, mein Junge.«

»Vielleicht«, murmelt Jock Weaver, »vielleicht. Aber ich habe keine dreitausend Dollar. Niemand hat jetzt so kurz nach dem Krieg hier in Texas dreitausend Dollar, Yankeedollars.«

Er verstummt mit einer nachsichtigen Höflichkeit. Dann will er sich wieder erheben. Doch der alte Cheshum sagt: »Bleib sitzen, mein Junge. Hör mich doch erst einmal an. Ich weiß selbst, dass wir Texaner von keiner Bank einen Kredit bekommen können, damit wir unsere Steuern nicht bezahlen können. Und dann kommen die Steuereintreiber und lassen alles versteigern. Wer ersteigert dann alles, he? Stets ist es ein Yankee mit dem neuen Geld. Aber bei mir ist es anders. Ich habe die Steuer für ein Jahr bezahlt. Ein Jahr habe ich Ruhe. Und wenn du mir in einem Jahr dreitausend Dollar auf den Tisch legen kannst, gehe ich zu meiner Tochter nach Galveston. Ich will dort meinen Lebensabend verbringen. Weißt du, meine Tochter ist dort in der Hafenstadt gut verheiratet mit einem Reeder. Sie hat mir auch das Geld für die Steuer geschickt. Doch wenn ich zu ihr ziehe, will ich nicht von meinem Schwiegersohn abhängig sein. Du weißt ja, dass meine Söhne Bill und Tom nicht aus dem Krieg heimgekommen sind. Sie hätten die Ranch als ihr Erbe übernommen. Diese Ranch ist mein Lebenswerk. Matt Savage soll sie nicht bekommen können. Ja, er würde sie sich nehmen nach meinem Tod – einfach nehmen. Du hast ein ganzes Jahr Zeit, mein Junge, die dreitausend Dollar zu beschaffen. Das solltest du dir doch zutrauen. Dein Job als Deputy Sheriff ist ohnehin nichts für dich. Du bist zu mehr befähigt. Warst du nicht Offizier in der Konföderiertenarmee?«

Indes er auf Weavers Antwort wartet, denkt dieser nach. Als er vor sechs Jahren in den Krieg ritt, war er ein junger, wilder Bursche, ein Cowboy wie so viele andere Jungens aus Texas.

Und im Krieg wurden sie Männer. Er wurde sogar Offizier, weil er andere Männer zu führen verstand. Als er vor einem Jahr heimkehrte, war er wieder ein armer Cowboy, nur fünf Jahre älter und voll bitterer Erlebnisse und Erinnerungen.

Es gab keine Arbeit für Cowboys. Denn für den großen Rindersegen fehlten die Absatzmärkte. Die Rinder waren nichts mehr wert. Nicht mal das Abhäuten lohnte sich, weil der Lohn und der Transport von Texas nach dem Osten zu teuer waren.

Es fehlten die Bahnlinien oder die schiffbaren Flüsse.

In Kansas zum Beispiel war alles anders.

Doch in Kansas gab es noch keinen Rindersegen. Auf der Kansasprärie gab es nur Büffel – aber auch eine Eisenbahn und den Missouri. Dort konnte man Millionen von Büffel töten, abhäuten und die Häute billig transportieren.

Als Jock Weaver mit seinen Gedanken soweit ist, hebt er den Kopf und sieht den alten Rancher an.

»Wir sind im Geschäft, Mr. Cheshum«, hört er sich sagen. »Ich lege Ihnen in einem Jahr dreitausend Dollar auf den Tisch.«

Er beugt sich vor und hält John Cheshum die Hand hin.

Und dieser schlägt ein nach Texanerart. So besiegeln sie ihren Vertrag. Ja, es ist ein Vertrag.

Als Jock Weaver sich wenig später erhebt und zum Verandarand tritt, wo sein Pferd geduldig mit am Boden liegenden Zügelenden wartet, da fragt der Alte: »Willst du es mir verraten, mein Junge?«

»Ich reite nach Kansas und werde dort dreitausend Büffel töten«, erwidert Jock Weaver. »Ich habe in den vergangenen Wochen schon mehrmals daran gedacht. Nun werde ich es tun. Ich will dreitausend Büffel töten.«

Nach diesen Worten sitzt er auf und reitet davon.

John Cheshum sieht ihm nach, bis er in den Hügeln verschwindet. Dann murmelt er: »Du wirst es schaffen, mein Junge. Und wenn du hier der Boss bist, wirst du auch groß genug sein, um dich gegen Matt Savage zu behaupten.«

Als Jock Weaver das Tal der Tumbling-C-Ranch verlässt und auf dem Wagenweg in Richtung Antelope reitet, taucht nach einigen Meilen zu seiner rechten Hand eine Reiterschar auf. Sie kommt aus der Hügellücke gejagt, die vom großen Haupttal zur S-im-Kreis-Ranch einen Durchgang bildet.

Und die S-im-Kreis gehört den Savages.

Er erkennt Matt Savage an der Spitze seiner Reiter und verspürt sofort ein Gefühl der Abneigung.

Schon als junge Cowboys haben sie sich nicht gemocht und einige Male geprügelt im Saloon oder bei Tanzfesten.

Doch nun sind sie beide je sechs Jahre älter.

Jock Weaver lässt seinen Braunen ruhig traben. Er blickt nicht über die Schulter zurück, als sich der trommelnde Hufschlag nähert, ihm immer näher kommt, dann bei ihm ist und die Mannschaft an ihm vorbeijagt, dabei Pfiffe und laute Rufe ausstoßend.

Es ist ein Wettritt. Und wer in Antelope zuerst an der Bar steht, der hat gewonnen.

So machen sie es fast immer, wenn sie von der Ranch in die Stadt reiten, um sich dort zu amüsieren.

Denn Matt Savage verfügt – im Gegensatz zu allen anderen Ranchern in diesem Land – über Barmittel.

Er besitzt die neuen Yankeedollars, über deren Herkunft es im Land allerlei Gerüchte gibt. Man raunt sich manchmal zu, dass Savage und dessen Mannschaft eine verdammte Banditenbande seien.

Doch es gibt keine Beweise.

Die wilde Savage-Mannschaft jagt also an ihm vorbei.

Doch Matt Savage zügelt neben ihm das Pferd und passt sich Jock Weavers Tempo an. So reiten sie ein Stück schweigend Steigbügel neben Steigbügel.

Dann sagt Matt Savage: »Was wolltest du beim alten Cheshum? Bei dem warst du doch, nicht wahr? Hat er dir gesagt, dass ich seine Ranch haben will?«

Weaver wendet den Kopf und starrt in Savages gelbbraune Augen. Savage ist im Gegensatz zum dunklen, indianerhaften Weaver hellhaarig, schwergewichtiger, bulliger und wirkt löwenhaft.

»Du willst immerzu etwas, Matt«, spricht Weaver. »Und zusammengenommen ist das eine ganze Menge. Am liebsten wäre dir das ganze Land, alle sieben Täler um das Haupttal, dieses natürlich auch und die Stadt.«

»Richtig«, Matt Savage nickt ernst. »So ist es, auch die Stadt, in der du ein kleiner Deputy bist, den der Distrikt schlecht bezahlt. Jock, du bist nach all den Jahren nicht weitergekommen. Du bist ein armer Hund. Ich werde auch Jessica bekommen, da kannst du sicher sein. Und am liebsten würde ich mich mal wieder mit dir prügeln, denn ich mag dich mit dem Stern auf der Weste noch weniger als damals vor dem Krieg, als wir noch jung und wild waren und eigentlich nur unsere Kräfte messen wollten wie junge Bullen.«

Er stößt die letzten Worte mit einem kehligen Lachen hervor.

Jock Weaver hält sein Pferd jäh an.

Und weil auch Matt Savage es tut, sehen sie sich wieder an.

»Wenn du dich mit mir prügeln willst, Matt, dann steig ab«, murmelt Jock Weaver. »Das kannst du haben, jederzeit. Deine Mannschaft ist weit voraus. Wir sind ganz unter uns. Na los, versuche es.«

Plötzlich ist die Abneigung wieder stark zwischen ihnen – so wie damals, als sie noch junge und wilde Burschen waren, von denen sich jeder als der bessere Mann erweisen wollte, sodass sie sich im ewigen Wettstreit befanden, wo sie sich auch trafen.

»Wenn dich mein Stern stört, dann lege ich ihn ab«, fügt Weaver noch hinzu.

Einen Moment sieht es so aus, als würde Matt Savage die Herausforderung annehmen.

Seine Augen werden schmal. Und sein breiter Mund presst die Lippen fest zusammen.

Aber als er in Weavers graugrüne Augen starrt, da erkennt er darin die Härte dieses Mannes, der für den Süden ein Kriegsheld wurde. Er weiß, dass Weaver das Töten von Feinden lernen musste, um selbst am Leben bleiben zu können.

Und er, Matt Savage, war nicht im Krieg. Er blieb daheim und machte Geschäfte mit der Armee. Er holte Pferde aus Mexiko.

Wahrscheinlich stahl er sie dort mit einer Bande von Burschen seiner Sorte und verkaufte sie teuer.

Auch er lernte gewiss das Töten, um zu stehlen und mit der Beute entkommen zu können.

Er schüttelt plötzlich den Kopf und sagt: »Ich will mich in Antelope amüsieren. Verschieben wir unseren Kampf noch ein wenig. Du entkommst mir nicht auf die Dauer, wenn du im Land bleibst. Und dein Blechstern ist nur so viel wert wie du selbst.«

Nach diesen Worten gibt er seinem riesigen Wallach die Sporen und jagt seiner Mannschaft hinterher.

Jock Weaver verharrt noch. Und er denkt: Wenn ich jetzt nach Kansas verschwinde, um dort Büffel zu schießen, wird er denken, dass ich fortgelaufen bin vor ihm.

Er denkt es mit Bitterkeit.

Doch er weiß, dass er keine andere Wahl hat.

Als Büffeljäger kann er in einem Jahr an die dreitausend Dollar machen. Sonst wäre ihm das nur noch als Bandit möglich durch einen Überfall.

Er setzt seinen Weg fort, und es wird nun schnell Abend.

Vor ihm, rechts und links des Wagenwegs, sind nun die Lichter der kleinen Stadt Antelope in der zunehmenden Dunkelheit zu erblicken.

Er mag diese kleine Stadt und deren wenige Bürger. Es ist eine bescheidene Stadt, die von den Ranches und dem mäßigen Durchgangsverkehr lebt.

Es ist ein bescheidenes Leben.

Als der County Sheriff ihn damals als Deputy herschickte, war er für eine Weile froh und dankbar, denn er hatte einen Job für vierzig Dollar im Monat und war gewissermaßen daheim bei Menschen, die ihn schon als Jungen kannten.

Jetzt aber wurde alles anders.

Wenig später reitet er vor den Mietstall und sitzt im Schein der Laternen ab.

Curly, der glatzköpfige Stallmann – er soll tatsächlich mal Locken gehabt haben – kommt heraus und nimmt ihm den Braunen ab.

»Die Savage-Mannschaft kam wie eine betrunkene Indianerhorde in die Stadt gejagt«, murmelt Curly. »Mit denen wird es immer schlimmer. Irgendwann...«

»Ich weiß, Curly«, unterbricht ihn Weaver. Er möchte ihm sagen, dass ihn das gar nichts mehr angeht, weil er hier fertig ist und fortreiten will nach Kansas. Aber er sagt es nicht. Er käme sich zu sehr wie ein Feigling vor.

Er geht dann sporenklingelnd die Straße entlang, durchquert die Lichtbahnen und überlegt, wie er es Jessica beibringen soll.

Wenig später betritt er Jessicas kleinen Schneiderladen für Ladys und Kinder.

Er findet sie in ihrer Nähstube, wo sie an einer Schneiderpuppe ein Kleid absteckt.

Zwischen ihren Lippen hält sie einige Stecknadeln, und so kann er ihre Worte kaum verstehen, als sie sagt: »Ich bin gleich für dich da. Gleich kannst du mich küssen, Sheriff.«

Er muss mühsam schlucken, denn gleich wird er ihr sagen, dass er für ein Jahr fortgehen wird, um dreitausend Büffel zu töten.

Wird sie es verstehen?

Er ist sich plötzlich nicht mehr sicher, denn sie ist ein mehr als hübsches und ziemlich lebenshungriges Mädchen.

Sie muss sich nicht nur auf die Zehenspitzen stellen, um ihn küssen zu können, nein, sie muss ihre Arme um seinen Nacken legen und sich hochziehen.

Doch dann fasst er sie an den Hüften und hält ihr Gewicht mühelos.

Sie küssen sich lange und trennen sich dann etwas atemlos.

»Gleich mache ich unser Abendessen. Und dann...«

Sie verstummt, denn im Lampenlicht erkennt sie etwas in seinen Augen.

Und so fragt sie hastig: »Ist was?«

»Ja«, erwidert er, »ich muss fort. Ich muss dreitausend Dollar verdienen. Die könnte ich hier nicht in zehn Jahren sparen.«

Ihre grünen Katzenaugen werden schmal. Dann schüttelt sie so heftig den Kopf, dass ihre rotgolden schimmernden Haare fliegen.

»Was sprichst du da?«

»Ich muss fort«, wiederholt er. »Ich habe nur ein Jahr Zeit, um dreitausend Dollar zu verdienen, nur ein einziges Jahr. Wirst du warten können, Jessica?«

Sie sieht ihn eine Weile wortlos aus immer noch schmalen Augen an, doch es ist ihm, als würde sie ihn gar nicht sehen, sondern tief in sich hineinlauschen.

Dann hebt sie leicht die Schultern und lässt sie wieder sinken.

»Ein ganzes Jahr«, flüstert sie schließlich, »oh, ein ganzes Jahr – und ich bin schon sechsundzwanzig. Ich frage mich schon eine Weile, warum du mich noch nicht gefragt hast, ob ich deine Frau werden will. Du hast mir immer noch keinen Heiratsantrag gemacht, Jock Weaver. Und jetzt willst du für ein ganzes Jahr fort? Ich weiß nicht, ob ich so lange warten kann. Denn hinter mir sind eine Menge Männer her in diesem Land, angefangen von Matt Savage bis...«

»Schon gut, Jessica«, unterbricht er sie. »Du brauchst nicht auf mich zu warten. Und wer weiß, ob ich überhaupt in einem Jahr zurückkomme. Es kann ja dort, wo ich hin will, eine Menge passieren. Weißt du, ich will dreitausend Büffel töten. Warte also nicht.«

Er wendet sich ab und geht.

Und sie sieht ihm schweigend nach. Nicht ein einziges Wort ruft sie ihm hinterher.

Als er draußen in der Nacht steht, atmet er einige Male tief durch.

Und er begreift, dass sich für ihn eine Menge verändert hat. Einen Moment lang erinnert er sich an Jessicas Zärtlichkeiten, an ihren Hunger nach körperlicher Liebe. Sie war gierig, durstig und bekam nie genug. Doch sie gab alles mit ihrem ganzen Feuer zurück.

Es waren wunderschöne Nächte, ein Paradies für sie beide.

Doch jetzt...

Er blickt die Straße hinauf und hinunter. Lichtbahnen fallen aus den Häusern. Aus dem Antelope-Saloon tönt Lärm. Die S-im-Kreis-Mannschaft feiert ein Fest.

Vielleicht werden sie nach Mitternacht so wild toben, dass er als Sheriff einschreiten muss. Und dann wird er es mit Matt Savage zu tun bekommen.

Er wird dann verdammt allein gegen alle sein.

Bisher war dies seine Stadt. Er war hier Sheriff. Sein Distrikt hier in den Davis Mountains bedeckt eine Fläche von fast dreißig Meilen in der Runde. Und er ist dem County Sheriff in El Paso unterstellt.

Nun wird er hier aufgeben.

Warum soll er nicht jetzt sofort losreiten? Natürlich muss er erst nach El Paso, um dem County Sheriff zu sagen, dass er einen anderen Deputy nach Antelope schicken soll.

Dann aber wird er frei sein, frei für einen neuen Lebensweg.

Denn wenn er in einem Jahr mit dreitausend Dollar zurück in die Antelope Hills und nach Antelope kommt, wird er ein Rancher sein.

Denn John Cheshum wird sein Wort halten.

Er setzt sich also in Bewegung. In seinem Office bewohnt er eine kleine Kammer. Sie war gut genug für seine Ansprüche.

Er muss am Saloon vorbei. Drinnen tönt Gelächter, auch das Lachen von Frauenstimmen. Und dann hämmert das Klavier.

Als er am Eingang des Saloons vorbei will, tritt Matt Savage heraus. Es ist eine seltsame Fügung des Schicksals, dass Savage ausgerechnet in diesen Sekunden aus dem Saloon tritt, um frische Luft zu atmen.

»Hey, da bist du ja wieder, Jock Weaver.« Savage lacht. »Vielleicht wird es heute etwas laut in Antelope. Meine Jungs müssen nun mal dann und wann etwas über die Stränge schlagen. Wirst du ihnen das übelnehmen?«

Jock Weaver hält inne. Er muss zu Matt Savage hochblicken, denn dieser steht auf der Veranda des Saloons, zu welcher drei Stufen hinaufführen. Savage tritt bis an den Rand der Treppe und wippt auf den Fußsohlen. Seine Daumen hat er in den Gürtel gehakt.

Nun hört er Jock Weavers nachsichtiges Lachen und ihn dann mit trügerischer Freundlichkeit sagen: »Matt, du hast gewonnen. Ich reite für eine Weile fort. Ich gebe dem County Sheriff meinen Stern zurück. Dann werde ich eine Weile fortbleiben, wahrscheinlich ein ganzes Jahr. Doch dann komme ich wieder her.«

Er geht weiter.

Und Matt Savages Worte holen ihn ein: »Ich werde auf dich warten, Jock Weaver!«

Es ist ein weiter Weg für Jock Weaver zum Büffelland nördlich des Cimarrons.

Zu dieser Zeit nach dem Bürgerkrieg gibt es vier große Büffelherden, und man schätzte damals die Gesamtzahl der Büffel auf fast fünfzig Millionen.

Am günstigsten ist die Büffeljagd jedoch im Gebiet nördlich des Cimarrons. Denn von dort sind die Transportwege für die Büffelhäute nach Kansas City am kürzesten. Es mussten ja Millionen von Büffelhäuten transportiert werden. Kansas City hat einen großen Flusshafen, nämlich Westport.

Und je günstiger der Transport der Büffelhäute ist, umso mehr bleibt übrig für die Büffeljäger, Abhäuter und Frachtfahrer.

Es ist am 21. Juli 1867, als Jock Weaver in Kansas City eintrifft.

Er ist gut ausgerüstet mit einer schweren Buffalo Sharps und reichlich Munition. Zu seiner Buffalo Sharps gehört auch ein Zielfernrohr aus Germany.

Seine sonstige Habe hat er in der Sattelrolle und den beiden Satteltaschen.

Kansas City ist zurzeit das große Ausfalltor nach Westen und Norden. Es wimmelt in der Stadt von allen Sorten der Menschheit. Und überall bei den Landebrücken des Flusshafens stapeln sich die stinkenden Büffelhäute zu Zehntausenden.

Sie werden mit Hilfe der Lademasten in die Dampfboote verladen. Und es rollen immer neue Frachtwagen mit Häuten beladen heran.

Jock Weaver sieht sich das alles zwei Tage und zwei Nächte an.

Dann entschließt er sich und besucht das Camp einer Büffeljägermannschaft, welche hergekommen ist, um sich neu auszurüsten und ein wenig Spaß zu haben – etwa so wie Matrosen eines Walfängers, die nach langer Walfangjagd in einem Hafen an Land gehen.

Als Jock Weaver in das Camp reitet, ist man dort dabei, sich fertig zu machen für den Aufbruch zur Büffelweide.

Die sechs Männer sehen ihn schweigend an und schätzen ihn ab.

Sie warten, bis er vom Sattel aus fragt: »Braucht ihr noch einen guten Schützen?«

Eine Weile lassen sie ihn auf Antwort warten. Dann fragt einer: »Hast du schon mal Büffel getötet?«

»Nein«, erwidert Weaver ruhig.

Wieder betrachten sie ihn eine Weile schweigend. Dann spricht ihr Sprecher von vorhin mit einem Klang von Bitterkeit: »Mann, das ist ein Mordgeschäft. Nicht jeder hält das durch. Denn es ist keine Jagd. Wir töten friedliche Tiere. Es ist eine ungefährliche Sache für uns Jäger. Denn die Büffel sind immer noch so arglos, dass sie stoisch verharren und zusehen, wie ihre Artgenossen abgeschossen werden. Die ergreifen erst die Flucht, wenn man ein Leittier nicht gut genug trifft, es also nur verwundet und dadurch die Herde gewarnt wird vor der Gefahr. Wir sind keine Büffeljäger, sondern Büffelmörder. Und so muss wenigstens jeder Schuss von uns sitzen. Wie gut bist du mit der Sharps?«

»Ich treffe auf vierhundert Yards«, erwidert Weaver. »Ich habe ein Zielfernrohr. Meine Sharps ist erstklassig, und ich schieße mit Hartbleigeschossen mit Hohlspitze. Ich garantiere, dass es bei mir keine verwundeten Büffel gibt, sondern nur tote nach dem ersten Treffer.«

Sie betrachten ihn nun noch härter und forschender.

Dann sagt ihr Sprecher trocken: »Na gut, dann zeige uns mal, wie du auf vierhundert Yards zu treffen verstehst. Einer von uns wird hinreiten mit einer Stange und ein altes Wolfsfell an diese Stange hängen. Dann kannst du drei Schüsse abgeben. Und dann werden wir sehen. Gut so?«

»Gut so«, erwidert Jock Weaver, »das ist fair.«

Und so geschieht es auch.

Etwas später kracht Weavers Buffalo Sharps dreimal. Dann kommt der Reiter mit dem Wolfsfell zurück in das fast schon abgebrochene Camp.

Er zeigt ihnen die Einschüsse.

Und da sagt der Sprecher der Mannschaft: »Du bist mit dabei. Ich bin Pugh Stone. Die anderen Jungs haben mich zum Vormann gewählt. Wir sind jetzt sieben Schützen. Zu uns gehören ein Dutzend Abhäuter und ein Dutzend Frachtfahrer mit einem Dutzend Wagen. Wir haben sie schon gestern vorausgeschickt, weil wir schneller reiten, als die Wagen fahren. – Bei uns wird alles geteilt. Einen halben Anteil bekommen wir Schützen, den anderen Anteil bekommen die Abhäuter und Fahrer. – Du bist also als Schütze dabei. Aber ich warne dich. Es ist ein Morden von friedlichen Tieren. Und es stinkt im Camp nach Blut. Unsere Abhäuter stinken wie die Büffel. Das Krachen deiner Sharps, das Morden der Büffel, die blutigen Kadaver, die stinkenden Häute – das alles kann einen Mann fertigmachen. Nicht alle halten das durch. Du bist ein Texaner, und ich weiß, Texaner haben einen besonderen Stolz seit Alamo. Ich warne dich also vor der Büffelabschlachterei. Bist du so scharf auf das Geld? Du könntest ebenso gut auch oben in Montana Gold suchen oder als Bandit Postkutschen überfallen.«

»Ich muss in einem Jahr dreitausend Dollar zusammenbringen«, erwidert Weaver.

Sie starren ihn an und nicken, fragen aber nichts.

Pugh Stone sagt schließlich: »Ja, wir alle wollen möglichst schnell zu einem gewissen Kapital kommen, um damit etwas anfangen zu können. Wir alle wurden zu Büffelmördern, um eine Basis zu bekommen. Aber wir werden noch lange nach Büffel, nach Blut und Pulverdampf stinken – noch sehr lange, auch im Innern.«

Damit ist nun alles gesagt.

Sie brechen das Camp ab und ziehen wieder hinaus auf die Büffelweide wie in eine weite See. Und sie haben einen Neuen bei sich.

Drei Tage später, der graue Morgen wandelte sich langsam zu einem hellen Sonnentag, da sieht Weaver die große Herde, zu der sie Anschluss suchten und nun fanden.

Die Herde ist unzählbar, so unzählbar wie die Sterne am Nachthimmel.

Überall bedecken sie die weite Prärie, sind in kleine, weidende Rudel verteilt. Bis an die Grenze der Sichtweite – also bis zum fernen Horizont– sind Büffel, nichts als Büffel.