G. F. Unger Sonder-Edition 297 - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger Sonder-Edition 297 E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

Die staubige Poststraße führt über den Hügelsattel hinweg. Auf der Wasserscheide verhält Wyatt Uvalde sein mageres Pferd und späht auf die Häuser von Chance nieder. Zu den alten Holzbauten sind einige neue Gebäude gekommen, und auf der Hauptstraße herrscht mehr Leben, als Wyatt Uvalde erwartet hat. Aber er ist ja auch vier lange Jahre fort gewesen, und in dieser Zeitspanne kann sich nicht nur eine kleine Rinderstadt verändern.
Vier Jahre Bürgerkrieg liegen hinter Wyatt Uvalde, und dann der endgültige Zusammenbruch der Südarmee bei Appomattox. Der Weg in die Gefangenschaft war bitter, aber jetzt ist Wyatt Uvalde in die alte Heimat am Brazos River zurückgekehrt.

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Seitenzahl: 232

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Verlorene Sippe

Vorschau

Impressum

Verlorene Sippe

Die staubige Poststraße führt über den Hügelsattel hinweg. Auf der Wasserscheide verhält Wyatt Uvalde sein mageres Pferd und späht auf die Häuser von Chance nieder. Zu den alten Holzbauten sind einige neue Gebäude gekommen, und auf der Hauptstraße herrscht mehr Leben, als Wyatt Uvalde erwartet hat. Aber er ist ja auch vier lange Jahre fort gewesen, und in dieser Zeitspanne kann sich nicht nur eine kleine Rinderstadt verändern.

Vier Jahre Bürgerkrieg liegen hinter Wyatt Uvalde, und dann der endgültige Zusammenbruch der Südarmee bei Appomattox. Der Weg in die Gefangenschaft war bitter, aber jetzt ist Wyatt Uvalde in die alte Heimat am Brazos River zurückgekehrt.

Er sitzt locker und lässig im Sattel, ein langer, hagerer und sehniger Mann mit grauen Augen und dunkelblonden Haaren, die lange Zeit nicht gestutzt wurden und sich über den Kragen der Militärjacke rollen. Er ist stoppelbärtig und etwas hohlwangig. Als er sich den alten Armeehut in den Nacken schiebt, zeigt es sich, dass sein Kopf gut geschnitten ist. Sein etwas unregelmäßiges Gesicht wirkt scharf und kühn. Es besteht aus festgefügten Kinnwinkeln und hohen Backenknochen, einer leicht gekrümmten und etwas schiefen Nase und einem festen Mund.

Er trägt die geflickte und abgenützte Uniform der Südarmee, aber ohne jede Rangabzeichen.

Langsam dreht er sich eine Zigarette. Als er über das braune Papier leckt, späht er wieder scharfäugig zur Stadt hinunter.

Jetzt, am Ende seines langen Rittes, denkt er, wie schon so oft, an seine Sippe, an die Eltern und an die vier Brüder.

Die Zigarette schmeckt ihm plötzlich nicht mehr, und nicht nur deshalb, weil er seit zwei Tagen keinen Bissen mehr gegessen hat. Er drückt sie am Sattelhorn aus und steckt sie in die Tasche.

Dann bewegt er lässig seinen Körper und murmelt: »Los, Sergeant, bring mich ans Ziel!«

Sein mageres Pferd – es ist mit Narben bedeckt und zeigt oft das Weiße der Augen – schnaubt willig und setzt sich in Bewegung. Es trägt den großen Mann den Hügel hinunter und den ersten Häusern des Ortes zu.

Wesly Sholem lümmelt sich träge vor dem Gemischtwaren-Store herum. Bei seinem Anblick denkt man immer an einen mageren, aber dennoch sehr starken und gefährlichen Wüstenwolf.

Er hält eine offene Konservenbüchse in der Hand und holt mit Hilfe eines langen und spitzen Dolches einen halben Pfirsich nach dem anderen heraus. Er kaut genussvoll, denn Pfirsiche in Konserven, das ist etwas ganz Neues, bis vor wenigen Tagen für Wesly Sholem völlig Unbekanntes.

Er vertilgt deshalb, wenn er in der Stadt ist, stets einige Büchsen, obwohl er für jede den Preis eines Rindes bezahlen muss, aber auch das wieder hat nicht viel zu bedeuten, denn zur Zeit ist hier in Texas jedes Stück Rindvieh nur etwas mehr als einen Dollar wert. Es gibt noch keine Absatzmärkte für den Rindersegen von Texas. Erst zwei Jahre später, im Jahre 1868, wird ein gewisser Jesse Chisholm das Wagnis unternehmen, eine Treibherde nach Kansas zu den Eisenbahnstädten zu treiben. Erst in zwei Jahren wird es den Chisholm Trail geben, und die Rinder von Texas werden sich in blanke Dollars verwandeln.

Noch ist es nicht soweit.

Wesly Sholem schluckt den letzten Pfirsich herunter und trinkt gerade den Saft aus der Büchse, als er den Reiter zwischen den ersten Häusern in den Ort kommen sieht.

Er verschluckt sich, hustet erstickt und lässt die Büchse achtlos fallen.

Dann macht er kehrt und bewegt sich eilig zum Best-Chance-Saloon hinunter. Die morschen Bretter des Gehsteiges knarren unter seinen großen Füßen. Seine mexikanischen Sporen klimpern und klingeln. Er bewegt sich sehr eilig und schielt mehrmals zur Kommandantur der Besatzungstruppe hinüber, indes er diese auf der anderen Straßenseite passiert. Er stößt dann die Schwingtür des Saloons auf, durchquert diesen und tritt an den runden Tisch in der Ecke, an dem einige Männer beim Poker sitzen.

»Wyatt Uvalde kommt in die Stadt geritten«, sagt er heiser, und er starrt dabei Sullivan Malone an.

Malone ist blond, löwenmähnig und sehr stattlich. Er ist ein großer, mit Muskeln bepackter Mann. Er sieht inmitten von anderen Männern stets wie der Boss aus, und er ist unduldsam, arrogant und hart. In seinem breitflächigen und festgefügten Gesicht sitzt eine stumpfe Nase. Seine kühlen, grünlichen Augen sind zwingend und kalt. Manchmal wirken sie wie Gletschereis.

Er legt seine Karten offen auf den Tisch, und die anderen Männer sehen, dass er zwei Zehner und zwei Könige hat.

Er grinst selbstzufrieden und streicht den Pot ein.

Die anderen Männer wenden ihre Aufmerksamkeit nun Wesly Sholem zu. Brad Robinson, der Sheriff, flucht leise. Die beiden Sergeanten der Besatzungstruppe grinsen böse, und Jack Lanelee, der Revolvermann, dem Sullivan Malone einen hohen Lohn zahlt, sagt mit sanfter Stimme: »Aaah, jetzt ist also auch der berühmte Wyatt Uvalde heimgekommen! Zum Teufel, warum hat er im Gefangenenlager nicht die Cholera bekommen! Boss, ich sollte ihn besser abschießen, bevor er sich mit seiner verdammten Sippe vereinigt. So leicht bekomme ich ihn nie wieder vor den Lauf, und wenn er erst...«

»Langsam, nur langsam«, knurrt Sullivan Malone kehlig und legt dann nachdenklich seinen langen und dicken Zeigefinger an die Nase.

In seinen grünlichen Augen glitzert kaum verborgene Bosheit, als er seinen Revolvermann ansieht und bedächtig sagt: »Du kannst Wyatt Uvalde nicht einfach abschießen, Jack – den kannst du nicht einfach abschießen. Seine ganze Sippe ist schon schlimm genug, aber dieser Wyatt kann noch schlimmer sein, wenn er erst einmal loslegt. Und dann...«

Er knetet nachdenklich sein breites Kinn. Seine Augen schließen sich zu schmalen Schlitzen.

Plötzlich grinst er breit und zeigt ein prächtiges Gebiss, mit dem er sicherlich mühelos harte Nüsse knacken könnte.

Er sieht den Sheriff zwingend an.

Brad Robinson duckt sich unwillkürlich um einen Zentimeter, und er kann Malones Blick nicht standhalten.

»Sheriff«, sagt dieser, »es sieht so aus, als würdest du bald ein sehr berühmter Mann werden. Wir versuchen doch schon viele Wochen, den Uvaldes eine Falle zu stellen und ihrer habhaft zu werden. Aber sie waren bisher immer eine Kleinigkeit schlauer als wir, nicht wahr? Nun, wenn wir jetzt diesen Wyatt Uvalde überrumpeln und in einer Zelle festsetzen können, dann werden alle anderen Männer seiner Sippe herkommen, um ihn zu befreien. Die ganze Sippe wird nach Chance kommen. Und weil wir sie erwarten, werden wir sie auslöschen können. So wird es gemacht!«

Der Sheriff bewegt unruhig die Schultern und rutscht auf dem Stuhl herum.

»Wie...«, beginnt er heiser, aber Sullivan Malone bringt ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

Er starrt nun die beiden Sergeanten der Besatzungstruppe an.

»Jetzt müsst ihr mal wieder etwas für das Geld tun, das ich jeden Monat für euch rauswerfe«, sagt er grinsend. »Wyatt Uvalde wird jetzt sicherlich schon im Store sein. Er wird kein Geld haben – aber Ben Miller war schon immer ein Freund der Uvaldes und wird ihm Kredit geben. Wyatt wird sich ein Hemd und eine Hose kaufen, beim Barbier ein Bad nehmen und sich rasieren und die Haare schneiden lassen. Dann wird er im Restaurant essen und überall zu hören bekommen, dass seine Brüder und sein Onkel für vogelfrei erklärt worden sind. Er wird ziemlich wütend werden. Wahrscheinlich wird er auch zu Captain Lee Tucker gehen. Aber der wird ihn kurz abfertigen und sogar verwarnen, sich mit seiner Sippe zu vereinigen. Er wird immer wütender werden. Ich denke, dass er in einer guten Stunde hier im Saloon auftauchen wird.«

Sullivan Malone macht eine Pause und grinst dann wieder.

Die anderen Männer starren ihn an.

»Und dann?«, fragt Wesly Sholem heiser und schluckt hart.

»Du hast eine schöne Uhr, Wes«, sagt Malone sanft und grinst voller Schadenfreude, als Wesly Sholem zusammenzuckt.

»Ich... ich habe keine...«, stottert Sholem und wischt sich mit einer hastigen Bewegung über das Gesicht.

»Doch! Du hast die Uhr des Steuereinnehmers Steward Longstone in deiner Tasche. Longstone wurde gestern, zehn Meilen von hier, aus der Postkutsche geholt und erschossen. Als ihn der Sheriff fand, fehlten ihm die Brieftasche und die Uhr. Sholem, du hast die Uhr, nicht wahr? Muss ich dich erst verprügeln, bevor du es zugibst?«

Malone bewegt seinen massigen Körper, als wollte er aufstehen.

Wesly Sholem weicht einen Schritt zurück, greift sich an den Hals und flüstert: »Yeah, ich habe die Uhr. Ihr wisst ja, dass ich Longstone tot auf der Straße fand, bevor der Postfahrer hier in der Stadt beim Sheriff Meldung machte. Ja, ich habe die Uhr.«

»Dann hat er auch die Brieftasche des Dicken genommen«, knurrt Bill Brown, einer der beiden Sergeanten. »Longstones Brieftasche war stets dick und prall. Sholem, du Hundesohn, du wirst mit uns teilen müssen, nicht wahr?«

»Er wird mit euch teilen«, sagt Malone grinsend und sieht Wesly Sholem grimmig an. »Und die schöne Uhr wird er diesem Wyatt Uvalde in die Tasche stecken. Halt dein Maul, Sholem! Ich will es euch erklären! Wenn Wyatt Uvalde in diesen Saloon kommt, werden die beiden Sergeanten mit ihm einen Streit anfangen. Sholem, du wirst dich einmischen. Zu dritt werdet ihr Wyatt Uvalde sicherlich zusammenschlagen können. Ihr bringt ihn dann zur Kommandantur hinüber, und die Sergeanten erstatten bei ihrem Captain Anzeige, weil Wyatt Uvalde die Armee beleidigt und einen Streit begonnen hat, nicht wahr? Der Captain wird ihn für einige Tage in eine Zelle sperren – und ihm vorher alles persönliche Eigentum abnehmen lassen. Dabei wird dann die Uhr in Wyatt Uvaldes Tasche gefunden werden. Der Captain kennt die Uhr ganz genau, weil Longstone ja oft damit protzte. Wyatt Uvalde steht dann unter Mordverdacht. Und weil das so ist, wird sich seine Sippe alle Mühe geben, ihn aus dem Gefängnis zu holen. Habt ihr mich verstanden?«

Wie Sullivan Malone es vorausgesagt hat, sitzt Wyatt Uvalde tatsächlich vor dem Store ab.

Als er die Steigbügel über das Sattelhorn hängt, murmelt er zu seinem mageren und narbigen Wallach: »Sergeant, wenn Ben Miller noch mein alter Freund ist, dann habe ich bald einige Dollarstücke in der Tasche. Und dann bekommst du im Mietstall das beste Heu und die allerbesten Körner. Aaah, diese Stadt hat sich verändert! Ich habe einige Bekannte gesehen, aber sie grüßten mich nicht, oder sie sahen weg, bevor ich sie grüßen konnte. Zum Teufel!«

Er bückt sich unter dem Gehsteiggeländer hindurch und steigt auf den erhöhten Brettersteg.

Dann tritt er langsam durch die offene Tür in den Store und klatscht mit der flachen Hand auf den hölzernen Ladentisch.

Sofort ertönt aus dem angrenzenden Büro- und Lagerraum Ben Millers heiser klingende Stimme: »Sofort, ich komme sofort!«

Wenig später erscheint Ben Miller, ein kleiner, dürrer, alter Mann, mit einem scharfen Gesicht und weißen Haaren. Er trägt einen Kneifer und eine graue Schürze. Er ist so kurzsichtig, dass er Wyatt Uvalde erst erkennt, als er diesem auf der anderen Seite des Ladentisches gegenübersteht.

Aber dann zuckt er zusammen und hebt beide Hände, als wolle er Gott preisen.

»Dem großen Vater sei es gedankt«, sagt er staunend. »Du bist zweimal in diesem verdammten Krieg für tot erklärt worden, und jetzt stehst du lebendig vor mir! Junge, wie ich mich freue! Komm schon, du Rebellen-Captain der Texasbrigade! Komm, Junge! Ich werde diesen verdammten Store schließen!«

Sie treffen sich am Ende des Schanktisches und schütteln sich die Hände.

Dann gehen sie nach hinten.

Ben Miller holt eine Flasche Whisky aus Schottland hervor und schenkt ein.

»Nicht so viel«, murmelt Wyatt. »Ich habe seit zwei Tagen keinen Bissen gegessen. Ich will mich auch nicht lange aufhalten. Weißt du, ich habe vier Jahre lang daran gedacht, wie es sein wird, wenn ich heimkehre. Und jetzt komme ich als abgerissener Satteltramp...«

»Sie haben dich lange festgehalten in diesen Gefangenenlagern«, murmelt Ben Miller bitter. »Und es ist nur verständlich, dass du zu deiner Familie willst. Aber...«

»Ich besuche dich in den nächsten Tagen, Ben, vielleicht am Sonntag. Ich wollte dich nur fragen, ob du mir etwas Kredit geben könntest, damit ich nicht abgerissen...«

»Natürlich, Junge! Einkleiden kann ich dich hier im Store! Aber du brauchst ein Bad, und du musst zum Barbier. Nun...«

»Wie geht es meinen Eltern und meinen Brüdern? Ich habe gehört, dass die Jungens ziemlich wild sind und Schwierigkeiten mit der Besatzungsarmee haben. Ben, wie schlimm ist es?«

Der alte Mann seufzt, aber seine kurzsichtigen Augen hinter der Brille halten Wyatts Blick stand. Er macht eine resignierte Handbewegung und sagt bitter: »Wyatt, es ist so schlimm wie die Hölle.«

»Dann erzähl mir alles, Ben. Und keine Sorge. Ich habe eine Hölle schon hinter mir. Ich kann eine Menge vertragen.«

»Yeah, das kannst du wohl«, murmelt Ben Miller. Aber dann schüttelt er den Kopf.

»Erst mache ich dir etwas zu essen fertig. Du wirst nicht ins Restaurant gehen. Wir essen hier. Du kannst dir inzwischen die notwendigen Kleidungsstücke aussuchen. Dort in den Regalen wirst du etwas finden.«

Er wendet sich schnell ab und verlässt den Raum, um in die Küche zu gehen.

Wyatt Uvaldes scharfes und dunkles Gesicht bleibt unbewegt. Nur in seinen rauchgrauen Augen erscheinen tanzende Funken. Sie verlöschen wieder. Er atmet langsam aus und murmelt: »Es muss also mächtig schlimm sein, wenn sogar Ben Zeit gewinnen will. Nun, was schlimm ist, das läuft einem nicht weg. Das wartet beharrlich.«

Er trinkt das Glas leer und wendet sich dann den Regalen zu, in denen Unterwäsche, Flanellhemden und Levishosen aufgestapelt sind.

Als Ben Miller eine Weile später aus der Küche tritt, ist Wyatt Uvalde umgezogen. Er trägt nun einen schwarzen Stetson, ein schwarzes Hemd und eine Cordhose. Er hat seine abgerissenen, langen Kavalleriestiefel mit halbhohen Cowboystiefeln vertauscht. Aber einen Gegenstand hat er behalten – seinen Armeecolt mit dem einfachen Holzgriff. Die Waffe steckt in einem gebrauchten Waffengürtel, und das ausgeschnittene Holster ist tief an den Schenkel geschnallt.

Ben Miller beobachtet ihn einige Sekunden schweigend und sieht, wie Wyatts geschmeidige und kräftige Finger gelbe Patronen in die leeren Schlaufen des Gürtels schieben.

»Es wäre vielleicht besser für dich, Wyatt, wenn du keinen Colt tragen würdest«, sagt er dann zu ihm. »Für deine Brüder wäre es auch besser gewesen. Komm in die Küche. Das Essen ist fertig.«

Sie setzen sich an den Küchentisch. Eine lange Weile essen sie schweigend. Der Hunger in Wyatt Uvalde ist zu gewaltig, und er selbst ist ein Mann, dessen harter und starker Körper zu außergewöhnlichen Leistungen befähigt ist, aber deshalb auch ständig kräftige Nahrung braucht.

Er isst langsam und bedächtig, und dennoch sieht man ihm den Hunger an. Als Ben Miller ihm den Teller zum zweiten Mal gefüllt hat, hält er für einen Moment inne.

»Jetzt erzähl es mir endlich«, murmelt er.

Ben Miller schenkt erst den starken Kaffee ein.

»Wir haben eine Besatzungstruppe im Land«, beginnt er. »Hier in unserem County wird diese Abteilung von Captain Lee Tucker befehligt. Tucker ist zwar ein Yankee, aber er ist gar nicht so übel. Was er hier tun muss, gefällt ihm nicht, aber er muss es tun, weil er seinen Befehlen gehorchen muss.«

»Was muss er tun?«

»Den Steuereintreiber und dessen Gehilfen schützen, Ruhe und Ordnung aufrechterhalten, und alle Burschen, die sich gegen die neuen Gesetze und Verordnungen auflehnen, einsperren. Deine Brüder, Wyatt, gehören zu jenen wilden Burschen, für die der Krieg immer noch nicht beendet ist und die der Besatzungstruppe immer wieder Schaden zufügen.«

»Sicherlich haben sie gute Gründe dafür«, murmelt Wyatt und kaut langsam weiter.

»Sie fangen es falsch an – oder vielmehr, sie haben es falsch angefangen. Jetzt ist es zu spät. Jetzt sind sie für vogelfrei erklärt und werden, wenn man sie lebendig erwischt, aufgehängt. Wyatt, ich wünschte, ich brauchte es dir nicht so schonungslos zu sagen, aber du gehörst zu einer verlorenen Sippe, wenn du den Fehler begehen solltest, dich auf die Seite deiner Brüder zu stellen.«

»Es sind meine Brüder, und ich kenne sie gut«, murmelt Wyatt düster und kaut weiter.

Obwohl er noch längst nicht gesättigt ist, schiebt er plötzlich den Teller zurück und starrt Ben Miller an.

»Schneller, Ben! Du brauchst es mir nicht in Bruchstücken beizubringen! Sag mir alles schneller!«

»Well, Junge! Nun, dein Vater konnte die festgesetzte Steuer nicht bezahlen. Daraufhin wurde der größte Teil eurer Ranch versteigert. Dein Vater und auch dein Bruder Lester, hatten sich auf der Ranch verschanzt. Deine Mutter lud die Gewehre. Es war ein schlimmer Kampf, den die Armee gewann. Lester wurde getötet, und dein Vater wurde für immer ein Krüppel. Die Ranch wurde versteigert, und nur die kleine Siedlerstätte, die deine Mutter von ihrem Bruder erbte, gehört euch jetzt noch.«

Ben Miller verstummt seufzend und sieht, wie Wyatt sich langsam über Augen und Stirn wischt.

»Und meine drei anderen Brüder und mein Onkel, was taten die?«, fragt er dann gepresst.

»Die waren zu dieser Zeit noch gar nicht aus dem Krieg zurück. Nur Lester wurde vorzeitig entlassen, weil man ihm den linken Arm amputiert hatte. Dein Onkel Jack und Jubal, David und Alamo waren nicht zur Armee gegangen, sondern hatten sich bei Quantrills Guerilla-Truppe anwerben lassen.«

»Verdammt, bei dieser Banditenbande«, knurrte Wyatt scharf.

»Yeah, Junge. Du weißt ja, wie wild dein Onkel ist. Er hatte sie wohl überredet. Dein Vater war damals mit einer Rinderherde für die Armee unterwegs. Sie waren also bei Quantrill. Als sie dann nach dessen Tod heimkehrten, hatten sie die Chance auf Pardon, wenn sie sich bei den Besatzungstruppen gemeldet hätten. Aber das haben sie nicht getan, weil inzwischen dein Bruder Lester getötet, eure Ranch versteigert und dein Vater ein Krüppel geworden war. Sie begannen sofort gegen die Besatzungstruppe zu kämpfen. Sie haben eine Menge schlimme Dinge getan, wenn man allen Berichten und Meldungen Glauben schenken darf. Lohntransporte wurden überfallen. Verpflegungs- und Munitionstransporte sprengten sie in die Luft. Einige Frachtwagenzüge wurden angehalten. Die gepfändeten Dinge, Korn, Möbel und andere Dinge, die abtransportiert werden sollten, wurden vernichtet. Auch Pferde- und Rinderherden nahmen sie den Steuereinnehmern wieder ab. Es gab immer wieder blutige Kämpfe. Manchmal führten deine Brüder eine starke Mannschaft von mehr als fünfzig Reitern und somit einen richtigen Krieg. Sie halfen den Ranchern, Farmern und Siedlern gegen die Steuereintreiber, wo sie nur konnten. Und das war falsch. Die Besatzungstruppe musste ja eines Tages den Kampf gewinnen. Jetzt haben deine Brüder und dein Onkel keine Freunde mehr. Jetzt sind sie allein. Sie werden gejagt und gehetzt. Nun müssen sie Überfälle verüben, um sich am Leben zu erhalten. Nun sind sie Banditen geworden. Deine Sippe ist verloren, Junge. Das ist so!«

Wyatt Uvalde sieht den väterlichen Freund scharf und forschend an. Aber dann erkennt er, dass dieser nur so scharf und schonungslos berichtet, weil er selbst im Innern verbittert ist.

Er atmet langsam aus. Seine Gefühle – und bestimmt ist ein ganzer Sturm von Gefühlen in ihm – bleiben tief in seinem Innern verborgen. Nur seine rauchgrauen Augen sind dunkel geworden, und die Muskeln an den Kinnbacken arbeiten.

Seine Stimme klingt gepresst und heiser, als er fragt: »Nun, Ben, sie haben es also falsch gemacht nach deiner Meinung. Wie hätten sie es richtig anpacken sollen?«

»Malone, Sullivan Malone steckt hinter allen Dingen«, murmelt Ben Miller und sieht sich unwillkürlich scheu um. »Malone ist der schlaue Kopf, der die ganz großen Geschäfte macht und für den die Steuereintreiber arbeiten, weil er sie an seinen Gewinnen beteiligt. Er hat sie alle in der Tasche und wird mit jedem Tag, der zu Ende geht, reicher und mächtiger.«

»Sullivan Malone?«, murmelt Wyatt Uvalde. »Was ist das für ein Mann? Und wie sieht sein großes Spiel aus?«

»Er ist reich – unheimlich reich –, oder er hat reiche Hintermänner. Aber ich glaube nicht, dass er für andere Männer arbeitet. Er ist ein Mann, der sich niemals Befehle geben lässt. Er ist ein Yankee. Er kam mit den Besatzungstruppen in dieses Land und brachte eine raue Mannschaft mit. Er hat Verbindungen zu den höchsten Regierungskreisen. Irgendwie schafft er es, dass nur solche Steuereintreiber in dieses Land kommen, die ihm in die Hände spielen. Wie er es macht? Nun, mein Junge, das ist ein ganz einfaches und glattes Spiel für ihn. Dein Vater war der erste Mann, an dem er es vorexerzierte. Da kommt also ein Steuereintreiber auf eine Ranch und schätzt alles ab. Er schätzt den Wert dieser Ranch so mächtig hoch ein, dass man nur staunen kann. Aber bald staunt man nicht mehr, denn nach dieser Schätzung wird die Steuer bemessen. Texas ist arm geworden, mein Junge. Wir haben hier unser Vermögen mehr oder weniger in die Rinderzucht gesteckt. Es gibt aber keine Absatzmärkte für unseren Rindersegen. Viele Rancher bränden ihre Rinder schon gar nicht mehr, weil es sich nicht lohnt. Niemand hat Bargeld. Und niemand kann eine große Steuersumme zahlen. Siehst du, Junge, so wird es dann gemacht. Wenn die Frist abgelaufen ist, lässt der Steuereinnehmer die Ranch oder Farm oder was es auch sei, einfach versteigern. Und dann tauchen Sullivan Malones Strohmänner auf und erwerben den Besitz für einen Spottpreis – für einen Bruchteil des wirklichen Wertes. So kommt Sullivan Malone zu unermesslichem Landbesitz und zu hunderttausend Rindern, zu Schafen, zu Pferdeherden, zu Farmland und zu Wasserrechten. Er wird ein König! Natürlich kann er vorläufig nicht viel mit den gewaltigen Rinderherden anfangen, aber die Zeiten werden ja nicht immer so schlecht bleiben. Eines Tages wird ein Rind vielleicht zehn oder fünfzehn Dollar kosten, und dann steigen auch die Landpreise. In wenigen Jahren werden sich Malones Ausgaben zehnfach oder gar zwanzigfach verzinsen. Und er hat alle wichtigen Leute in der Tasche. Er besticht sie, schmiert sie. Hier herrscht Korruption. Und wer nicht sein Diener sein will, der wird erledigt. Gestern ist der Steuereintreiber Steward Longstone von maskierten Banditen aus der Postkutsche geholt und erschossen worden. Aber das Merkwürdige an der Sache ist, dass Longstone als ein sehr fairer Mann galt, der nicht nach Malones Pfeife tanzte. Selbstverständlich hat man diesen Mord wieder deinen Brüdern zur Last gelegt. Well, Wyatt, nun weißt du so ziemlich, wie das Spiel hier läuft. Deine Brüder hätten sich Malone selbst vornehmen müssen – nicht immer wieder nur seine Handlanger. Sie hätten ihn erledigen müssen, so oder so!«

Ben Miller verstummt. Er hat sich zuletzt sehr in Hitze geredet. Nun wischt er sich den Schweiß aus dem Gesicht und schenkt noch einmal die Kaffeetassen voll.

Wyatt Uvalde starrt eine Weile ins Leere, aber man sieht ihm an, dass seine Gedanken arbeiten.

»Und was ist mit dem kommandierenden Offizier der Besatzungstruppe?«, fragt er sanft.

»Captain Lee Tucker ist in Ordnung. Aber er hat Befehl, die Steuereintreiber zu schützen und zu unterstützen. Er darf ihnen keine Vorschriften machen, wie hoch sie...«

»Schon gut, Ben«, murmelt Wyatt und erhebt sich langsam.

»Ich werde mir diesen Sullivan Malone einmal ansehen. Wo kann ich ihn finden?«

»Er hat im Best-Chance-Saloon sein Hauptquartier. Der Saloon gehört ihm – und auch das Hotel, das Restaurant und die Bank. Ihm gehört fast die ganze Stadt. Aber er hält sich mit einer eigenartigen Vorliebe am liebsten im Saloon auf. Vielleicht ist dieser Hundesohn in solch einer Bude mal zur Welt gekommen. Aber geh lieber nicht zu ihm, Wyatt! Er hat stets einige schlimme Revolverhelden bei sich. Und es gibt wohl im ganzen Land keinen Mann, der ihn mit den Fäusten schlagen könnte. Das ist ein richtiger Löwe, mein Junge. Auch Wesly Sholem, den dein Vater einmal wegen Rinderdiebstahl auspeitschen ließ, arbeitet für Sullivan Malone. Wenn du zu ihm gehst, so stehst du einem bösen Rudel gegenüber. Sie reißen dich ganz einfach in Stücke – nur allein deshalb, weil du ein Uvalde bist. Lass dir lieber die Haare schneiden und reite zu deinen Eltern. Dein Vater und deine Mutter warten auf dich. Sie wollen, dass du deine Brüder unter Kontrolle bringst und mit ihnen in ein anderes Land reitest, wo man euch nicht kennt. Hier in Texas habt ihr Uvaldes nichts mehr zu erwarten – nur noch den Tod.«

Auch Ben Miller hat sich erhoben. Er ist dicht an Wyatt getreten und hält ihn an den Oberarmen gepackt.

»Schon gut, Ben«, murmelt dieser. »Ich bin kein Narr. Ich werde schon das Richtige tun. Vielen Dank, Ben! Ich besuche dich bald wieder.«

Er geht schnell zur Tür und verschwindet, ohne sich noch einmal umzusehen.

Ben Miller wischt sich wieder über sein Gesicht. Ihm ist sehr heiß geworden. Er keucht heiser: »Oh, sie sind eine verlorene Sippe – und nur Wyatt hat das Zeug in sich, sie aus der Hölle führen zu können. Viel Glück, Wyatt!«

Wyatt Uvalde bleibt einige Sekunden vor dem Store stehen und starrt zum Best-Chance-Saloon hinüber. Er hat seine Hände in die Hosentaschen gesteckt und klimpert mit einigen Dollarstücken, die Ben Miller ihm wortlos zugesteckt hat.

Er unterbricht seine bitteren und düsteren Gedankengänge, als er sich plötzlich bewusst wird, dass sein magerer Wallach ziemlich ungeduldig schnaubt und mit dem Vorderhuf scharrt.

»Sicher«, murmelt er, »ich habe dir eine prächtige Mahlzeit versprochen, Sergeant.«

Er bückt sich unter dem Geländer hindurch, löst die Zügel des narbigen Rappen vom Haltegeländer und führt das Tier zum Mietstall hinüber. Einige Minuten später tritt er wieder auf die Straße, hält inne und schlendert dann zum Barbier hinüber. Auch dieser Mann ist neu in Chance – und entgegen der Gewohnheit aller Barbiere merkwürdig schweigsam.

Wyatt Uvalde zahlt, tritt hinaus und wird sich bewusst, dass im Westen die Sonne untergeht. In den Seitengassen und auf den überdachten Gehsteigen werden die Schatten tiefer. In den Häusern werden da und dort die ersten Lampen angezündet. Reiter kommen von der Weide in die Stadt geritten. Vor der Posthalterei wartet ein frisches Sechsergespann auf die Postkutsche, die auf ihrem Weg nach Fort Worth noch mehrmals ihre Pferde wechseln muss.

Ein Frachtwagenzug von sechs schwerbeladenen Merville-Wagen kommt rumpelnd und knarrend die Straße entlang und biegt in den Hof der Fracht-Company ein.

Einige Kavalleristen in blauen Uniformen und gelben Streifen an den Hosen lungern vor der Kommandantur herum. Aus dem Store kommen drei Frauen mit Einkaufskörben, trennen sich und streben ihren Häusern zu. Ja, es ist Abend geworden, und die Stadt wirkt friedlich. Aber fast jedes Ungeheuer, das zufällig mal ausruht und nicht in Tätigkeit ist, wirkt im Ruhezustand friedlich.

Wyatt Uvalde denkt an sein Pferd – und er weiß, dass er dem Tier noch eine halbe Stunde Zeit lassen muss.

Vielleicht hätte ich doch noch ein warmes Bad nehmen sollen, denkt er, und zugleich verspürt er den immer stärker werdenden Wunsch in sich, sich diesen Sullivan Malone wenigstens einmal anzusehen.

Wyatt Uvalde hat sich Männer, die wahrscheinlich einmal seine Gegner werden könnten, schon immer gern aus nächster Nähe angesehen und studiert. Es fiel ihm dann immer leichter, sich in die Gedankengänge dieser Burschen hineinversetzen und zuvorkommen zu können. Er fühlt mit seinem feinen Instinkt, dass er mit diesem Sullivan Malone noch eine Menge Verdruss bekommen wird.

Deshalb möchte er den Mann einmal sehen, um sich ein bestimmtes Bild über ihn machen zu können.

Er zögert nun nicht mehr und geht – ganz so, wie es Sullivan Malone seinen Handlangern voraussagte – zum Best-Chance-Saloon hinüber. Er stößt die Schwingtür auf und tritt ein.

Wyatt erkennt Wesly Sholem sofort wieder. Die vier Jahre haben den ehemaligen Viehdieb nicht viel geändert – höchstens, dass er sich jetzt etwas sauberer kleidet. Wesly Sholem steht am Schanktisch und grinst zu Wyatt hinüber, als wäre dieser ein guter Bekannter von ihm. Rechts und links von Sholem haben sich zwei bullige Sergeanten aufgebaut, aber sie wenden Wyatt ihre breiten Rücken zu und starren wahrscheinlich aufmerksam in den Spiegel. Die beiden Sergeanten sind wirklich schwere Brocken. Sie sind breit und groß. Sicherlich wiegen sie zusammen mehr als vier Zentner.

Wyatt Uvalde verspürt plötzlich die ernste Sorge, dass es Verdruss geben könnte – Wesly Sholem grinst nämlich zu freundlich. Wyatt denkt eine Sekunde darüber nach, dass es für ihn wahrscheinlich gesünder und klüger wäre, wenn er sich auf dem Absatz herumdrehen und den Saloon wieder verlassen würde.

Aber dann gewinnt sein Stolz die Oberhand. Er war schon immer so, dass er niemals einem Verdruss aus dem Weg ging. Er hat noch nie vor anderen Männern gekniffen und ist keiner Herausforderung ausgewichen. Das ist seine Schwäche.

Vielleicht wäre er aber dennoch umgekehrt, wenn er nicht den Wunsch gehabt hätte, Sullivan Malone zu sehen.