G. F. Unger Sonder-Edition 299 - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger Sonder-Edition 299 E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

Als Simson Oakland auf der Drake-Ranch den Job des Vormanns annimmt, glauben alle, dass er damit sein Todesurteil unterschrieben hätte. Denn der alte Drake ist schwer verwundet ans Bett gefesselt, seine Mannschaft besteht aus lauter Faulenzern und Halunken - und Kate Robinson, die heimliche Chefin der mächtigen Stirrup-Ranch, hat Orson Drake und seiner schönen Tochter Sybill den Tod geschworen...

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Der Reitboss

Vorschau

Impressum

Der Reitboss

Auf der Wasserscheide des Passes hält der Fahrer die Postkutsche an, zieht die Bremse fest und ruft heiser: »Zehn Minuten Pause, Leute! Die Ladys nach links und die Gents nach rechts!«

Dann klettern er und sein Begleitmann vom hohen Bock herunter und kümmern sich um das keuchende Gespann. Die sechs Tiere sind mit einer Schweiß- und Staubschicht überzogen, und sie schnauben dankbar für die Verschnaufpause.

Simson Oakland bewegt sich nicht, als die anderen Fahrgäste aussteigen. Er bleibt ruhig in der Ecke sitzen und lächelt auf eine seltsam gespannte Art. Er beobachtet, wie sich der dicke Whiskyvertreter durch die Tür nach draußen quetscht und nickt nur, als der stiernackige Viehaufkäufer ihm versehentlich auf den Fuß tritt und sich sofort entschuldigt. Auf der anderen Seite klettern die Farmersfrau und ihre beiden halberwachsenen Töchter aus der Kutsche.

Als Simson Oakland nun allein ist, streckt er seine langen Beine aus und seufzt langsam, denn schon bevor die Kutsche hielt, hatte er die drei Reiter bei den Felsen an der Quelle bemerkt.

Es ist ein bitteres, freudloses und langsames Seufzen, das Seufzen eines Mannes, der einen Verdruss erwartet und der bald wird kämpfen müssen, weil sein Verdruss sonst noch schlimmer werden könnte.

Aber an wilde und mitleidlose Kämpfe ist Simson Oakland seit fast zehn Jahren gewohnt. Er verdient sich als Kämpfer seinen Lebensunterhalt, lebt sparsam und spart für eine Ranch.

Ja, Simson Oakland ist ein Revolvermann.

Früher, da hat ihm dieses wilde und kampferfüllte Leben eine seltsame Freude bereitet, das ist schon sehr lange her. Jetzt verspürt er zuweilen eine seltsame Bitterkeit in sich, und er weiß, dass dieser Auftrag hier seine letzte Arbeit als Revolvermann sein wird.

Ihm fehlen noch knapp dreitausend Dollar für die Ranch seiner Träume. Hier, im Red Sage Valley, hofft er dieses Geld verdienen zu können.

Er späht wieder aus dem Fenster zur Quelle hinüber, und er sieht, wie die drei Männer dort ihre Hüte fester auf die Köpfe drücken, an ihren Waffengürteln rücken und sich der Kutsche nähern.

Der erste Mann ist mittelgroß, aber von der Art eines geschmeidigen Panthers. Er geht mit seinen zierlichen Füßen federleicht über den steinigen Boden, hält dabei den Kopf schief und die Arme bewegungslos an den Seiten seines Körpers.

Der Mann trägt einen piekfeinen perlgrauen Stetson, ein hellblaues Seidenhemd, Maßhosen und Maßstiefel. Sein rotes Halstuch flattert im Wind, und sein dunkles Gesicht ist kugelrund mit kleiner Nase, einem schmalen Mund, dessen Winkel nach unten gezogen sind, und zwei schrägen Schlitzaugen.

Das Band seines Hutes ist aus Goldlitze geflochten, und sein patronengespickter Kreuzgurt ist reich mit Verzierungen versehen und besitzt eine goldene Schnalle.

Nur die beiden Colts, deren Holster auf den Oberschenkeln festgebunden sind, wirken alt und abgenutzt. An diesen Colts ist nichts Blitzendes, Farbiges oder Nagelneues.

Simson Oakland kennt den Mann, und weil das so ist, schluckt er schwer, nimmt den Hut ab und einen kleinen Derringer aus der Hosentasche. Er hält die kleine Waffe schräg in der Hand und schiebt den Daumen über den Hutrand. So sieht man von seiner Hand nur den Daumen, und es sieht aus, als hätte er wegen der Hitze nur seinen Hut abgenommen und hielte ihn lässig in der verdeckten Hand.

Dann lehnt er sich zurück und wartet auf Hay Fox.

Die beiden anderen Männer bei Hay Fox hat er auch blitzschnell gemustert. Er kennt sie nicht, aber er hat sie richtig abgeschätzt. Diese zwei Ungetüme sind nichts anderes als mitleidlose Schläger.

Simson Oakland schließt sogar die Augen. Nach wenigen Sekunden hört er die stampfenden Schritte der beiden Riesen.

Als die Geräusche verklingen, öffnet er wieder die Augen und sieht in Hay Fox' leicht überraschtes Gesicht.

Fox steht in der offenen Tür und sieht Simson Oakland einige Sekunden schweigend an. Und er hält ganz lässig einen seiner beiden alten Colts in der Hand. Die Mündung ist nicht auf Oakland gerichtet, aber das ist nun einmal Hay Fox' Stil.

Simson Oakland lächelt ein wenig und sagt: »Hallo, Dandy Fox! Auch hier im Land? Dass man doch immer wieder die alten Bekannten trifft! Was hast du für den prächtigen Hut bezahlt?«

»Du sollst also der neue Reitboss der Fork-Ranch sein, Simson?«

Hay Fox' Stimme ist sanft, aber doch irgendwie heiser und kalt. Der Eindruck von Sanftheit wird nur durch die leise Sprechweise erzeugt, und bald merkt man, dass es eine mitleidlose und gefühllose Stimme ist: die Stimme eines Killers.

Nun, Simson Oakland ist ein Revolvermann, aber er würde sich mit Hay Fox niemals verglichen sehen wollen, Simson Oakland ist ein Kämpfer, aber Hay Fox ist ein Killer. Und das ist ein großer Unterschied, denn ein Kämpfer wie Oakland wird nie seine Grundsätze verraten – und ein Killer besitzt überhaupt keine Grundsätze, weil er diese Grenze innerlich längst überschritten hat.

Killer und Kämpfer sehen sich also an. Sie kennen sich, denn sie sind sich hier und da in rauen Städten, Camps und auf rauen Wegen begegnet, haben voneinander gehört – und gingen sich bisher aus dem Weg.

Aber jetzt ist es anders.

»Du sollst also der neue Reitboss der Fork-Ranch sein, Simson?«, wiederholt Hay Fox seine Frage.

Simson Oakland hebt leicht die breiten Schultern.

»Wahrscheinlich. Aber du weißt ja, dass ich nicht für jeden Boss, der einen guten Lohn zahlt, arbeite, nicht für jeden Hundesohn oder Piraten. Und ich habe Orson Drake von der Fork-Ranch bisher nur brieflich kennen gelernt. Wenn er mir gefällt, so werde ich für ihn reiten. Vielleicht fragst du in den nächsten Tagen noch mal nach, Hay? Dann kann ich es dir genau sagen.«

Er grinst ihn an, und es ist ein scharfes Grinsen. Es gibt viele Männer, die sich für sehr hart hielten, die aber dann still zur Seite traten und ihre Absichten aufgaben, wenn Simson Oakland sie auf diese Art angrinste.

Dabei ist es beileibe kein böses Grinsen – und es ist auch nicht mordlustig oder drohend. Es ist ein einfaches, scharfes Lächeln. Aber es verrät den Kämpfer.

In Simson Oaklands grauen Augen erscheinen dann stets seltsame Funken, und sein dunkles, scharfes und trotz seiner Unregelmäßigkeit sehr sympathisches Gesicht strafft sich auf seltsame Art. Seine Nasenflügel beginnen zu vibrieren, und an seinen Kinnwinkeln arbeiten die Muskeln.

Aber Hay Fox weicht vor diesem Grinsen nicht zurück. Er hebt nur nachdenklich den Colt und kratzt sich mit dem Lauf sein rundes Kinn. Dann schüttelt er sanft den Kopf und sagt: »Ich habe immer gewusst, dass wir miteinander noch einmal Kummer bekommen würden, Simson. Nun, ich reite für Thor Robinson, und dieser ehrenwerte Gentleman hat herausbekommen, dass Orson Drake auf einen scharfen Tiger wartet, der seine Mannschaft führen soll. Wir bewachten aus diesem Grund die beiden Pässe, die in das Red Sage Valley führen. Und nun sehe ich dich, Simson. Du wirst jetzt aussteigen, Freund!«

Die letzten Worte kommen scharf. Auch Hay Fox' tintenschwarze Augen werden noch schärfer.

Simson Oakland hebt den langen Zeigefinger seiner linken Hand.

»Bedränge mich nicht, Hay. Halte mich nicht auf! Ich habe etwas gegen Wegelagerer, die mit blankem Colt friedliche Reisende aus einer Postkutsche holen wollen. Lass es sein, Hay, und warte ab, ob ich mich überhaupt nach Inaugenscheinnahme der Sachlage auf Orson Drakes Lohnliste setzen lasse. Warte ab! Und dann komm zu mir, und wir werden es austragen.«

Hay Fox lächelt plötzlich seltsam. Er zeigt dabei Zähne, die so klein und spitz sind, als hätte er sie sich abfeilen lassen. Plötzlich erinnert er an den Anblick eines Kannibalen.

»Das kommt alles noch«, sagt er, »ich meine, es kommt schon noch der Tag, wo wir es Mann gegen Mann austragen, Simson. Aber für heute habe ich leider andere Befehle.«

Er grinst wieder, und seine schwarzen Augen glänzen wie Perlen. Langsam hebt er die Linke und deutet mit dem Daumen über die Schulter hinweg auf die beiden Muskelmänner.

»Wie gesagt: Ich habe für heute andere Befehle. Mein Boss will es erst mit gütlichem Zureden versuchen. Deshalb hat er mir diese beiden netten Jungen mitgegeben.

»Ich soll dich nur aus der Kutsche holen und dir den Colt wegnehmen. Die beiden Sunnyboys werden sich dann mit dir beschäftigen. Nun, ich gebe zu, dass diese Art für viele harte Männer die richtige Lektion wäre, aber bei dir habe ich wenig Hoffnung. Wenn du deine Beschädigungen überstanden hast, wirst du wohl zurückkommen. Ich würde es lieber jetzt gleich mit dir mit den Colts austragen, aber ich habe meine Befehle. Du weißt ja, dass ich mich immer genau an die Befehle meines jeweiligen Bosses halte. Nun komm schon raus, Simson! Nimm es wie ein Mann hin! Steig rückwärts aus, damit ich gut an deinen Colt herankommen kann. Los!«

Er richtet nun seinen Colt genau auf Simson Oaklands Bauch.

In seinen schwarzen Perlenaugen erscheint ein böses Licht, als Simson Oakland sich überhaupt nicht bewegt, sondern ihn seltsam anlächelt.

Die beiden Schläger hinter Fox bewegen sich erwartungsvoll.

Und die beiden Postwagenleute und die Fahrgäste bilden bei der Quelle eine bewegungslose Gruppe, die neutral ist und nur zusehen will. Sogar die grobknochige Farmerfrau und ihre beiden Töchter sehen wie hypnotisiert herüber.

»Pass auf, Dandy Fox«, sagt Simson Oakland plötzlich kalt, »pass mal gut auf. Du denkst, dass ich tot bin, wenn du jetzt abdrückst, was?«

»Nicht gleich, aber bestimmt noch vor Sonnenuntergang.« Hay Fox grinst, und eine böse Lust glimmt in seinen Augen auf.

»Dann werden wir zu gleicher Zeit auf derselben Rutschbahn ins Jenseits sausen, Freund. Bleib nur stehen! Du musst dich jetzt entscheiden, Hay. Wenn du deinen Finger bewegst, drücke ich ebenfalls ab. Dann bist du auch tot! Das ist ein hoher Preis für meine Wenigkeit, was?«

Er verstummt und grinst wieder.

Hay Fox' Augen werden mit einem Mal unruhig. Sie prüfen in Oaklands Augen, wandern dann über dessen Körper und bleiben endlich auf den Hut gerichtet.

Dann atmet er schwer ein und bläst die Luft mit vorgeschobener Unterlippe gegen seine Nase.

»Das ist es also«, sagt er heiser. »Du hast einen Derringer unter dem Hut?«

»Und beide Hähne sind gespannt«, verkündet Simson sanft.

Hay Fox' Gesicht wird ausdruckslos.

»Du hast gewonnen, Simson. Wir würden uns jetzt wirklich beide totschießen. Keiner von uns hätte eine Chance. Und wenn man schon kämpft, so muss doch wenigstens die Nasenspitze einer Chance zu sehen sein. Yeah, du hast gewonnen. Und wenn wir jetzt weggehen, werden die Fahrgäste wieder in die Kutsche kommen. Dann können wir es nicht einmal mit Gewehren versuchen, weil wir dann auch die anderen verletzen könnten und dies wirklich Wegelagerei wäre.«

»Es wäre ein Überfall auf die Postkutsche.« Simson nickt. »Und da würde nicht einmal ein Sheriff – mag er noch so sehr mit euch an einem Lasso ziehen – die Augen zudrücken können. Hast du genug für heute, Dandy Fox?«

»In einem scharfen Spiel verliert jede Partei dann und wann eine Runde.« Fox nickt, schiebt seine Waffe ins Holster und wendet sich zu den beiden Ungetümen um.

»Die Vorstellung fällt heute aus«, sagt er zu ihnen und geht davon.

Die beiden Schläger glotzen ziemlich dumm. Dann beginnen sie zu fluchen und werfen böse Blicke auf Simson Oakland.

Der nickt ihnen freundlich zu und sagt verheißend: »Nehmt es nicht so schwer, Jungens! Wir bekommen sicherlich schon recht bald eine Menge Spaß miteinander. Lasst euch nur immer recht kräftiges Essen geben, damit ihr eure Muskelkraft behaltet. Bis zum nächsten Mal, Freunde!«

Er winkt ihnen lässig zu, nimmt den Hut von seinem Derringer und steigt langsam aus der Kutsche. Er ist groß, schlank, sehr hager und sehnig, mit schmalen Hüften, breiten Schultern, kräftigem Hals und langen, vom vielen Reiten fast unmerklich gekrümmten Beinen. Er wiegt bei aller Hagerkeit bestimmt hundertachtzig Pfund, und seine Handgelenke sind breit.

Die beiden Muskelmänner sehen ihn an, fluchen noch einmal und gehen davon.

Simson Oakland setzt langsam den flachen Stetsonhut auf und schiebt ihn zurück. Er steckt den kleinen Derringer weg und schielt einen Moment auf seinen Colt hinunter, der tief an seiner linken Seite hängt. Auch diese Waffe wirkt alt und abgenutzt. Simson Oakland ist Linkshänder – und er hat oft während seiner Zeit als Kämpfer bewiesen, dass er es mit den wirklich großen und berüchtigten Revolverhelden aufnehmen kann.

Aber jetzt fragt er sich mit einiger Sorge, ob er in naher Zukunft schneller als dieser Hay Fox wird ziehen können. Dandy Fox ist gefährlich. Simson Oakland weiß die Namen guter und schneller Revolverkämpfer, die Hay Fox schlagen konnte, und er weiß, dass Fox, wenn es sein muss, auch einen Mann von hinten erledigt.

Dieser Hay Fox ist ein mitleidloser Wolf und eine Schlange zugleich. Simson denkt auch an die Ranch seiner Träume und fragt sich düster, ob es nicht doch für ihn gesünder wäre, wenn er auf Orson Drakes Angebot nicht eingehen würde. Dann brauchte er es eines Tages nicht mit Hay Fox auszutragen.

Aber sofort nach diesem Gedanken strafft sich Simson merklich.

»Nein«, murmelt er, »wenn mir Orson Drake gefällt, so werde ich den Job annehmen und Hay Fox, diesem Bastard, noch weitere Tricks zeigen.«

Er sieht zur Quelle hinüber. Dort steigen die drei Reiter jetzt in die Sättel, und die Gruppe der Fahrer und Fahrgäste kommt schnell zur Kutsche herüber.

Simson dreht sich eine Zigarette. Die Frau mit ihren Töchtern und die beiden anderen Fahrgäste drücken sich scheu an ihm vorbei in die Kutsche hinein. Der Fahrer und sein Wachmann bleiben einen Moment vor Simson stehen. Sie betrachten ihn vorsichtig und mit sichtlicher Achtung. Dann nickt der alte Kutscher und spuckt seinen Priem aus.

»Sie sind also Orson Drakes neuer Reitboss – und dieser Killer wollte Sie aufhalten?«, fragt er.

»Er hat es sich überlegt.« Simson lächelt. »Wie viel Meilen sind es noch bis Sage?«

»Von der nächsten Passkehre aus haben wir einen guten Überblick über das Red Sage Valley«, erklärt der Fahrer. »Und dann werden Sie auch bald das Kuhdorf unter sich liegen sehen.«

Er nickt und klettert auf den hohen Sitz. Sein Begleiter nickt Simson zu.

»Hay Fox ist erst einige Wochen in diesem County, aber er hat bereits allen Männern heilige Mannesfurcht beigebracht. Diese Sache hier wird sich im ganzen Valley schnell herumsprechen. Fox weiß das, und er wird nicht mehr ruhig schlafen können, bis...«

»Oh, ich kenne seine Sorte gut genug«, unterbricht ihn Simson sanft, wirft die Zigarette weg und klettert in die Kutsche.

Der Fahrer treibt mit heiseren Rufen sein Gespann an. Die Kutsche kommt schnell in Fahrt und schwankt bald mit kreischenden Bremsen um die erste Kehre.

Simson Oakland achtet nicht darauf, dass ihn die anderen Fahrgäste verstohlen beobachten. Er späht durchs Fenster und sieht bald darauf das weite Red Sage Valley mit seinen Hügeln, Flüssen und weiten Weiden unter sich in der Spätnachmittagssonne liegen.

Nach Osten zu steigen mächtige Canyons an. Die Sicht ist außergewöhnlich gut. Simsons Blick schweift wohl an die fünfzig Meilen in die Runde, und selbst dort noch heben sich die gewaltigen Bergrücken klar und deutlich gegen den Himmel ab.

Und überall leuchtet der Sage in unwirklicher Purpurfarbe.

Red Sage Valley!

Simson Oakland atmet tief ein.

Dieses mächtige Tal gefällt ihm.

Simson Oakland ist schon in hundert Rinderstädten gewesen, die sich durch nichts von Sage unterschieden.

Die Poststraße führt mitten durch den Ort und bildet seine Hauptstraße. Zu beiden Seiten stehen Holzhäuser, deren zweite oder dritte Stockwerke nur durch falsche Fassaden vorgetäuscht sind. Ein paar schmale Gassen münden in die Hauptstraße, und es gibt eine Schmiede, einen Mietstall, einen Generalstore, eine Sattlerei, einen Barbier, ein Hotel, zwei Saloons, die Posthalterei und einige andere wichtige Geschäfte und Gebäude wie zum Beispiel das kleine Doktorhaus, die Schule und das Marshal's Office.

Die Fahrbahn ist staubig und verwandelt sich bei Regen gewiss in einen tiefen Morast. Die Plankengehsteige sind mit einem Geländer versehen. Überall sind Haltebalken für Pferde und Wagen.

Ja, es ist wirklich eine Stadt wie hundert andere, in denen Simson Oakland gewesen ist und wo er zumeist auf irgendeine Art sein Zeichen hinterlassen hat.

Er klettert als letzter Fahrgast aus der Postkutsche, geht nach hinten und lässt sich vom Begleitfahrer seinen Sattel, das Bündel und das Gewehr herunter in die Arme werfen. Er trägt seine wenige Habe zum Gehsteig, setzt dort alles ab, lehnt sich gegen einen Stützpfosten des überhängenden Daches, dreht sich eine Zigarette und versucht das Wesen dieser kleinen Rinderstadt zu ergründen.

Er wittert.

Seine Augen sind wachsam, und sie sehen viel und nehmen binnen einer Sekunde mehr auf, als es die Augen eines Durchschnittsmenschen in fünf Minuten können.

Er leckt über das Blättchen und steckt die Zigarette an. Und er weiß, dass ihn sicherlich viele Augen unauffällig beobachten. Aber das ist immer so in solchen Städten, wenn draußen auf der Weide eine heiße Fehde ausgetragen wird und wenn scharfäugige Männer mit tiefhängenden Colts als Fremde auftauchen.

Simson Oakland fragt sich, ob diese Stadt neutral ist oder tätigen Anteil am Weidekrieg nimmt. Aber er sieht nicht Auffälliges, nur die Menschen auf den Gehsteigen, die Pferde an den Haltestangen, die Gruppe neben sich vor der Posthalterei und einige Gestalten vor den Saloons.

Simson Oakland war fast drei Tage mit Postkutschen unterwegs. Er verspürt eine steife Müdigkeit und sieht verlangend nach dem Hotel hinüber.

Aber als er sein Gepäck aufgenommen hat, lenkt er seine langen Schritte erst dem Mietstall zu. Er hat stets gern ein Pferd in Bereitschaft.

Der Stallbesitzer ist alt, grauhaarig und hager. Er trägt mit ernster Würde einen sichelförmigen Schnurrbart, der sein Gesicht noch hagerer erscheinen lässt, und eine steife Melone zu einer geblümten Weste. Der Mann macht gerade eine Box sauber, aber er stellt sofort die Gabel zur Seite und sieht Simson fragend an.

»Ich wollte ein Pferd mieten, aber ich brauche es erst morgen und möchte es nur schon jetzt zur Verfügung haben«, sagt Simson ruhig.

»Ich weiß«, nickt der Stallmann. »Sie sind Orson Drakes neuer Reitboss, und Sie haben oben auf der Wasserscheide diesem Hay Fox eine Lektion erteilt.«

Simson nickt und wundert sich überhaupt nicht darüber, dass sich die Nachricht binnen weniger Minuten bereits in der ganzen Stadt verbreitet hat. Er kennt diese Städte viel zu gut und weiß von ihren geheimnisvollen Strömungen und seltsamen Telegrafenlinien. Nachrichten verbreiten sich in solch kleinen Rinderstädten, die einem Weidekrieg zusehen, blitzschnell und auf wunderbare Weise.

Der Stallmann studiert ihn mit vorsichtiger Zurückhaltung.

»Diese Stadt ist vorerst noch ziemlich neutral, und dieser Mietstall ist es auch«, murmelt er und wischt sich seine Hände an der Schürze ab. »Die Fork-Ranch und auch die Stirrup-Ranch haben stets einige Pferde bei mir untergestellt. Da Sie Orson Drakes Vormann sind, können Sie eines von seinen Pferden haben und brauchen keines meiner Tiere zu mieten.«

Simson schüttelt leicht den Kopf.

»Vielleicht werde ich die Mannschaft der Fork-Ranch führen, vielleicht aber auch nicht, Mister. Erst muss ich mir meinen zukünftigen Boss ansehen. Und das tue ich lieber auf einem ›neutralen Pferd‹. Das ist nun mal mein Tick, Mister.«

Nun glimmt in den hellen Augen des Stallmannes eine starke Neugierde auf. Sein studierender Blick wird noch schärfer, aber er sagt nichts über seine schnelle Erkenntnis, dass Simson Oakland ihm jetzt viel über sich verraten hat.

Oha, denkt der Stallmann, oha, dieser Tiger ist stolz und hat eiserne Grundsätze. Er will nicht auf dem Pferd eines Mannes reiten, solange es für ihn noch nicht feststeht, ob er für diesen Mann überhaupt arbeiten will.

Nun, vielleicht ist es gut für Sybill, wenn dieser Mann ihres Vaters Vormann wird. Ein harter Mann mit eisernen Grundsätzen wäre gut für diesen verdammten Weidekrieg, der alle Beteiligten zu Mördern und Banditen machen wird.

So denkt der alte Stallmann, wendet sich ab und führt Simson zu einer Box, in der ein schwarzer Wallach seinen Kopf wendet.

»Das wäre ein gutes Pferd für Sie, Mister, und ich weiß genau – ganz genau –, wem ich das sage. Es ist ein gutes Pferd!«

Simson Oakland nickt, legt den Sattel über die Stange und sagt dann: »All right! Wenn ich es brauche, werde ich es holen.«

»Fünf Dollar pro Tag, Mister.«

Simson zahlt, nimmt sein restliches Gepäck, verlässt den Stall und geht durch den tiefen Staub der Fahrbahn zum Hotel hinüber.

Dort steht ein kleiner Mann im Eingang. Er trägt einen großen Hut, Stiefel, Reithosen und einen schwarzen Gehrock. Der Rock steht offen und gibt den Blick auf einen Colt im Schulterholster und einen Stern auf der Weste frei.

Aus einem schmalen Falkengesicht prüfen zwei scharfe Augen in Simsons Gesicht. Dann tritt der Mann langsam zur Seite und gibt Simson den Weg frei.

Aber Simson bleibt stehen und sieht auf den kleinen, drahtigen und sicherlich sehr harten Mann nieder.

»Jetzt haben Sie mich gesehen, Marshal. Mein Name ist Simson Oakland. Haben Sie etwas auf dem Herzen?«

Der Marshal lächelt schmal.

»Diese Stadt ist neutral«, sagt er sanft. »Ich sorge dafür, dass der Weidekrieg außerhalb der Stadt bleibt. Ich habe Ihren Namen gehört, Oakland. Mein Name ist Lester, Curly Lester. Und diese Stadt ist neutral. Denken Sie immer daran. Natürlich dürfen Sie sich verteidigen, wenn jemand Sie angreifen sollte. Mich kümmern die Gründe eines Kampfes nicht. Ich stehe immer auf der Seite des Angegriffenen. Ich trete jedem auf die Zehen, der den Stadtfrieden bricht. Das wollte ich Ihnen sagen. Guten Abend, Mister.«

Er tippt leicht gegen seine breite Hutkrempe und geht davon.

Simson Oakland sieht ihm nach, und er sieht auch, dass im Westen die Sonne hinter den Bergen versinkt, er kann es durch eine Hauslücke gut sehen.

Dann geht er hinein, trägt sich ins Gästebuch ein, bekommt ein Zimmer und steht wenig später mit entblößtem Oberkörper vor dem Waschtisch.

Als er sich die linke Gesichtshälfte rasiert hat, klopft es gegen die Tür. Simson tritt schnell zum Bett und nimmt dort den Colt aus dem abgelegten Waffengurt. Er schiebt die Waffe in den Hosenbund, wendet sich wieder dem Spiegel zu, rasiert sich ruhig weiter und ruft, als es zum zweiten Male klopft: »Come in!«

Die Tür öffnet sich ganz langsam. Simson beobachtet es im Spiegel. Und dann erscheint ein mächtiger Mann, der die Tür fast vollkommen ausfüllt. Der Mann ist ziemlich schäbig gekleidet, aber eine goldene Uhrkette hängt über seiner Weste. Am Kinn des viereckigen Gesichtes hängt ein Spitzbart, und dieser Bart wirkt fast wie ein schmutziger Eiszapfen.

Die Augen des Mannes sind klein, wieselflink und unruhig, und doch drückt seine ganze Haltung böse Unduldsamkeit und Arroganz aus.

Einen Moment bleibt der Riese in der Tür stehen und starrt auf Simsons Rücken, wo sich sehnige Muskelstränge deutlich abzeichnen, Muskeln, die zwar nicht protzig sind, dafür aber von jener zähen und nie ermüdenden Kraft und Ausdauer sein dürften, wie man sie zum Beispiel bei Wüstenwölfen findet, die immer wieder aus schier unerschöpflichen Quellen Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer schöpfen.

»Wenn Sie mit mir sprechen wollen, so machen Sie bitte die Tür zu«, sagt Simson ruhig und schabt sich dann die rechte Wange glatt.

»Sicher, ich will mit Ihnen reden«, sagt der Riese schwer, schließt die Tür und lehnt sich dagegen.

Simson wischt sich den restlichen Seifenschaum ab, wendet sich um und sieht den Mann an. Dessen Blick heftet sich auf den Colt in Simsons Hosenbund.

»Ich habe einen Moment geglaubt, Sie wären sehr unvorsichtig«, murmelt er dann, fischt sich eine Zigarre aus der Tasche, beißt die Spitze ab und spuckt sie ins Zimmer.

»Ich bin Hay Fox' Boss, ich bin Thor Robinson. Mir gehört die Stirrup-Ranch, und ich wollte mir den Mann ansehen, der Drakes Mannschaft führen soll. Sie haben Fox einen feinen Trick gezeigt, Mister.«

»Ich werde ihm noch mehr Tricks zeigen – und Ihnen auch, Robinson, wenn...«

»Schon gut, Oakland. Wir wollen jetzt noch nicht streiten. Ich hätte nicht geglaubt, dass Orson einen so guten Mann wie Sie auf seine Seite bringen könnte. Und ich kenne Ihren Namen als Kämpfer so genau, dass ich Ihnen einen Vorschlag unterbreiten möchte. Haben Sie Interesse?«

»Vorschläge höre ich mir immer an, Robinson!«

»Yeah, Sie sind weise, Oakland. Sie sind bestimmt noch nicht älter als dreißig Jahre, aber Sie sind weise. Deshalb werden Sie meinen Vorschlag gut überdenken und...«

»Kommen Sie zur Sache, Robinson.«

»Well, gehen Sie nicht zu Drake, sondern reiten Sie für mich. Werden Sie der Reitboss meiner Mannschaft!«

»Sie haben doch den prächtigen Hay Fox schon an der Spitze Ihrer Lohnliste stehen, Robinson.«

»Pah, Fox ist ein Mörder! Ja, ich weiß ganz genau, dass Fox ein verdammter Bastard ist, der eine sadistische Freude am Töten hat. Ich brauche einen Kämpfer – und ich konnte nur diesen Killer bekommen. Ich brauche für meine Mannschaft einen Reitboss. Es ist eine Revolvermannschaft, und sie würde mir und meinen Söhnen sehr bald über den Kopf wachsen. Eine Revolvermannschaft muss von einem Revolvermann geführt werden. Ich hätte gern einen guten Revolvermann als Reitboss, keinen Killer, der aus Freude tötet, sondern einen ehrenhaften Kämpfer wie Sie, Oakland.

Wie gesagt, ich konnte keinen solchen Mann bekommen. Deshalb musste ich Hay Fox nehmen. Hören Sie gut zu, Oakland. Sie können sofort Hay Fox' Stelle einnehmen. Ich zahle Ihnen mehr als Orson Drake. Sie können Fox sofort zum Teufel jagen. Ich verlange nur von Ihnen, dass Sie mir treu sind und meine Interessen vertreten. Was halten Sie von meinem Vorschlag, Oakland?«

»Sie haben gewaltige Angst, dass Hay Fox in Ihrem Namen eines Tages höllische Dinge tun wird, Dinge, die ich nie tun würde. Sie haben sich in Hay Fox einen Bastard des Teufels selber zu Hilfe geholt, und nun regt sich allmählich die Angst in Ihren Knochen, dass es durch Hay Fox so höllisch werden könnte, dass Sie bald die jetzt noch neutralen Leute des Countys gegen sich haben. Sie wollen Hay Fox wieder loswerden und dafür einen Mann wie mich bekommen. Nun, Robinson, daraus wird nichts. Ein Rancher, der einen solchen Mörder anwirbt, weil er im Moment keinen anderen Mann bekommen kann, der wird in seiner Not, wenn er keinen Ausweg mehr sieht, selbst zu solch einem Bastard wie Fox.«

Er schweigt einen Moment und fährt dann fort: »Sie wollen Orson Drake aus dem Lande jagen. Dazu ist Ihnen jedes Mittel und jeder Mörder recht. Und obwohl Sie diesen höllischen Weg reiten wollen, verspüren Sie im Grunde Ihres Herzens eine feige Angst. Niemand hätte Ihnen verübelt, wenn Sie sich einen harten und rauen Vormann genommen hätten. Aber Sie haben das getan, was ein Rancher mit Grundsätzen niemals tun würde: Sie haben einen verdammten Mörder auf diese Weide geholt und haben ihm den Befehl über eine Kampfmannschaft gegeben. Sie werden Hay Fox nicht mehr loswerden. Vielleicht hätte ich Ihr Angebot angenommen, damit Sie Fox hätten kündigen können. Aber dann müsste ich gegen Orson Drake kämpfen. Und Drake hat mein Versprechen, dass ich dieses Land wieder verlasse, wenn er mir als Boss nicht zusagt. Überdies würde Hay Fox sich durch nichts mehr von einem Kampf gegen mich abhalten lassen. Robinson, Sie werden mit diesem Killer noch eine Menge Kummer haben und den Tag verfluchen, an dem Sie ihn herbeigerufen haben. Und jetzt gehen Sie, Robinson. Unsere Unterhaltung ist vorerst beendet.«

»Ich zahle Ihnen fünfhundert Dollar Monatslohn, Oakland!«

Thor Robinson stößt es scharf hervor und kommt schnell durch das Zimmer, bis er dicht vor Simson steht. Sie sind fast von gleicher Größe, aber Robinson ist gewiss fünfzig Pfund schwerer und fünfzehn Jahre älter.

»Ich zahle Ihnen fünfhundert Dollar! Das verdient ein guter Cowboy in einem langen Jahr – und Sie bekämen es als Monatsgehalt. Sie werden annehmen, Oakland, sonst...«

»Oh, drohen Sie mir nicht, Robinson!«

»Nein. Aber wenn Sie für Orson Drake den Reitboss machen, muss ich Hay Fox von der Kette lassen. Dann wird es schlimm auf der Weide! Dann bricht die Hölle los! Denn von meinem Endziel lasse ich mich nicht abbringen. Ich höre mit diesem Krieg erst dann auf, wenn es keinen Orson Drake mehr auf dieser Weide gibt. Oakland, wenn Sie nicht in meine Dienste treten wollen, so verlassen Sie lieber das Land. Es gibt noch mehr Männer wie Hay Fox! Und ich lasse sie alle kommen, um mein Ziel zu erreichen!«

Er spricht die letzten Sätze mit heiserer Stimme, und seine unruhigen Augen werden plötzlich fest und kalt. Er starrt Simson an und atmet schwer.

»So habe ich Sie gleich eingeschätzt. Sie gehen über Leichen und entfesseln jede Hölle. Robinson, in Ihnen brennt ein verrückter Hass! Ich kenne den Grund für diesen Hass noch nicht, aber ich weiß, dass Hass einen Mann in die Hölle führt. Und jetzt weiß ich auch, dass es keinen Zweck hat, wenn ich Hay Fox abschieße und das Land verlasse. Sie würden sich neue Männer wie Fox herholen. Nun, ich werde wohl bleiben, Robinson. Verschwinden Sie jetzt!«