G. F. Unger Sonder-Edition 61 - Western - G. F. Unger - E-Book
Beschreibung

Ich hatte das Leben eines Revolvermannes satt, und eines Tages verkroch ich mich auf eine einsame Ranch in den Antelope-Hügeln, um Rinder zu züchten. Ich hatte mich schon richtig an das neue Leben gewöhnt, als einige Narren mir meine kleine Herde raubten. Davonkommen lassen konnte ich die Kerle nicht, denn die Rinder waren alles, was ich besaß. Als ich mich auf ihre Fährte setzte, ahnte ich noch nicht, dass ich den ganzen Verdruss einer Frau verdankte, die den Rinderdiebstahl im großen Stil betrieb, und die so schön war, dass sie alle Männer um den kleinen Finger wickeln konnte. Auch mich würde sie zum Werkzeug ihres unversöhnlichen Hasses machen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:180


Inhalt

Cover

Impressum

Longhorn Queen

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manuel Prieto/Norma

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-1303-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Longhorn Queen

1

Drei Tage und drei Nächte hatte ich in Fortune Spaß gehabt. Nach einem langen Winter in den Hügeln auf meiner kleinen Ein-Mann-Ranch war ich endlich wieder unter Menschen gekommen.

Ich hatte getrunken, Karten gespielt und war auch in der Badeanstalt von China-Dollys Etablissement gewesen, bevor die mehr als hübsche und noch sehr junge Rosy Polomsky mich dann mit auf ihr Zimmer nahm. Sie sprach kaum mehr als zehn Worte englisch, aber ich war ja nicht zu ihr gegangen, um lange Gespräche zu führen. Wir verstanden uns auf andere Weise prächtig.

Nun, ich kam also am vierten Tag von meinem Ausflug nach Fortune wieder zu meiner kleinen Hügelranch zurück, war ziemlich verkatert und schämte mich überhaupt nicht meiner Sünden.

Als ich dann nach meinen Rindern Ausschau zu halten begann, die um diese Tageszeit zumeist bei dem kleinen See versammelt waren, der zu meiner Weide gehörte, da sah ich nichts – einfach gar nichts.

Ich staunte nicht lange. Denn die Sache war ziemlich klar.

Meine Rinder waren ganz gewiss nicht aus eigenem Antrieb von dieser prächtigen Weide rings um den See weggewandert, die mussten weggetrieben worden sein.

Und indes ich mich in Fortune amüsierte und von einem einsamen Hügelwolf wieder zu einem Menschen wurde, hatten die Viehdiebe mehr als drei Tage und drei Nächte Zeit dazu gehabt.

Ich saß eine Weile bewegungslos im Sattel.

In mir stieg ein bitterer Zorn hoch.

Da hatte ich nun einen harten und einsamen Winter lang in den Hügeln ausgehalten und meine Rinder vor dem Raubwild beschützt. Ich hatte mich auf die vielen Kälber gefreut und daran gedacht, dieses Jahr meinen ersten Helfer einzustellen, der einigermaßen kochen können musste. Denn ich war es leid, mein selbst gekochtes Essen zu vertilgen. Es wären auch weitere Corrals und eine Scheune zu errichten gewesen.

Doch jetzt sah alles wieder anders aus.

Meine Rinder waren weg. Daran biss keine Maus mehr einen Faden von ab.

O Moses, dachte ich, jetzt ist es mit dem friedlichen Leben vorbei.

In mir war ein grimmiges und bitteres Bedauern: Ich hatte mich auf dieser Hügelranch eingenistet, weil ich einen Schlussstrich unter mein bisheriges Leben ziehen wollte. Ich hatte die Absicht, friedlich und zurückgezogen zu leben und meinen Namen in Vergessenheit geraten zu lassen.

Ja, ich hatte einen Namen gehabt, den manche Menschen wie einen Fluch aussprachen, der andere aber mit der Zunge schnalzen ließ. Es kam ganz darauf an, zu welcher Sorte sie gehörten.

Mein Name ist Whitehead, Bruce Whitehead, und ich war nicht irgendein Whitehead, sondern der mit dem schnellen Colt.

Deshalb hatte ich mich eines Tages in den Hügeln verkrochen.

Doch jetzt …

Ich ahnte, dass es wohl für mich ein Schicksal gab, dem ich nicht entkommen konnte.

Da hatten mir ein paar Narren meine Rinder gestohlen.

Ich konnte sie nicht davonkommen lassen. Denn diese Rinder waren alles, was ich besaß. Also musste ich den Kerlen folgen und sie klein machen.

Was blieb mir anderes übrig?

Ich fand in meiner zweiräumigen Hütte, die aus Bruchsteinen und Holz gebaut war, ein Stück Pappe von einer großen Schachtel. Darauf schrieb ich mit der Bleispitze einer Gewehrpatrone:

Diese Ranch ist nicht aufgegeben.

Ich reite nur für eine Weile fort.

Wenn sich hier jemand einnistet,

dem schieße ich nachher die Ohren ab.

Whitehead

Ich legte dieses Warnschreiben auf den Tisch.

Und wenig später ritt ich auf der Fährte meiner Rinder davon. Es war eine deutliche Fährte. Meine Herde zählte genau einhundertsiebenundzwanzig Tiere. Ich wusste es, weil ich sie immer wieder zählte.

In meinem Corral hatten überdies auch noch drei Pferde und ein Maultier gestanden. Auch diese Tiere waren verschwunden.

Und weil die Diebe es eilig hatten, trieben sie meine Tiere hart und schnell und machten keinen Versuch, ihre und meiner Rinder Fährte zu verwirren. Nein, sie trieben geradeaus. Es waren fünf Reiter, und sie verstanden ihr Handwerk als Viehtreiber. Ich stellte das immer wieder fest.

Vor allem war ihr Vorsprung recht groß. In den vergangenen drei Tagen und drei Nächten mussten sie mehr als dreißig Meilen vorangekommen sein. Und bis ich sie eingeholt hatte, würden sie mehr als vierzig Meilen zurückgelegt haben, vielleicht sogar fünfzig.

Dann aber würden die Rinder nicht mehr können und durch nichts mehr zu bewegen sein, auch nur noch einen einzigen Schritt zu machen.

Was also wartete fünfzig Meilen weit voraus auf mich?

Ich kannte das Land dort vor mir nicht, war noch niemals dort gewesen. Nur eines wusste ich. Es war ein unübersichtliches Land, ein Land mit vielen grünen Hügeln und Tälern, ein unübersichtliches Land mit tausend verborgenen Winkeln, ein Land mit Creeks und Canyons.

Eine Stadt sollte es dort geben. Ich hatte mal von ihr gehört.

Longhorn hieß diese Stadt.

Brachten die Viehdiebe meine Herde dorthin? Und wenn, an wen würden sie meine Rinder verkaufen? Gab es in Longhorn oder Umgebung jemanden, der gestohlene Rinder kaufte?

Ich begriff, dass es gut wäre, wenn ich die Viehdiebe vorher einholen würde.

***

Ich ritt den ganzen Tag und schwitzte dabei den Rest des Feuerwassers aus, überwand auch meinen Kater. Als es dunkel wurde, hatte ich gut zwanzig Meilen hinter mir. Die Tage waren jetzt im Frühjahr noch sehr kurz. Es wurde eine dunkle Nacht. Und hier in den Hügeln war die Fährte nicht mehr zu verfolgen. Zähneknirschend musste ich anhalten und eine windige Nacht an einem Feuer verbringen. Am nächsten Morgen ritt ich weiter, kaute an einem Happen Rauchfleisch und erreichte dann bald die Stelle, an der die Viehdiebe ihre Richtung änderten.

Damit hatte ich gerechnet. Sie waren erfahrene Burschen. Wäre ich nachts auf gut Glück in der alten Richtung weitergeritten, darauf hoffend, bei Tage wieder die Fährte zu finden, hätte ich umkehren müssen.

Nun hatten sie wieder viele Stunden Vorsprung bekommen.

Meine Stimmung wurde immer böser.

Und ich konnte nur hoffen, dass die nächste Nacht mond- und sternenhell sein würde.

Denn nur dann konnte ich aufholen.

Es waren wahrhaftig erstklassige Viehtreiber, denn die Fährte meiner Herde führte durch schwieriges und raues Gelände, in welchem man schnell einige Tiere verlieren konnte. Es ging über Hügelsättel in enge Täler und Canyons hinunter, durch Creeks und an Bergketten entlang.

Aber die Kerle schienen keine Schwierigkeiten mit den Rindern zu haben. Dennoch holte ich an diesem Tag mächtig auf, denn ich kam mindestens viermal so schnell vorwärts wie sie. Als es Abend wurde, sah ich immer wieder zum Himmel hinauf. Doch heute zeigte sich kein Wölkchen. Es würde eine helle Nacht werden. Diesmal blieben Mond und Sterne nicht hinter dichten Wolken verborgen. Und so würde ich auf der Fährte bleiben können.

Und dann?

Ich dachte manchmal darüber nach, was dann sein würde.

Mit fünf Gegnern musste ich rechnen. Und ich war allein.

Aber die Kerle würden um meine Herde verteilt sein und sich mir nicht mit ihrer Übermacht entgegenstellen können.

Ja, ich würde sie einzeln aus den Sätteln schießen. Für Rinder- und Pferdediebe gab es keine Gnade.

Mein Pferd wurde müde und begann zu stolpern. Ein kalter Wind wehte immer stärker durch die helle Nacht, in der alle aufragenden Dinge einen tiefen Schatten auf die vom Mondlicht beschienene Erde warfen.

Das Land wurde immer rauer. Nun gab es immer wieder Felsgruppen in bizarren Formationen, zernagt von der Erosion der Jahrtausende.

Ich ritt immer vorsichtiger.

Denn wenn die Viehdiebe nicht nur erfahrene Viehtreiber waren, sondern auch erfahrene und mit allen Wassern gewaschene Banditen, dann hatten sie vielleicht einen Mann auf ihrer Fährte zurückgelassen.

Und dieser Mann lauerte dann irgendwo in einem Hinterhalt auf mich.

Vielleicht visierte er mich schon über Kimme und Korn seines Gewehres an.

Ich fluchte in Gedanken über diese Welt. Es gab stets welche, die von Raub lebten, von Beute irgendwelcher Art.

Es gab jene, die fraßen, und jene, die gefressen wurden.

Und es gab wenige, die sich nicht fressen ließen.

Zu Letzteren wollte ich gehören.

Und so ritt ich weiter.

Dann aber – es war bereits nach Mitternacht – erreichte ich den Rand eines steilen Abfalls. Ich blickte hinunter auf ein unübersichtliches, geheimnisvolles Land mit tiefen Schluchten, Felsbarrieren, Waldstücken, durchzogen von einigen Creeks, die alle nach Westen abflossen.

Und weit, weit im Westen, da konnte ich in der hellen Nacht die freie Weide, die Prärie, ahnen – nein, nicht sehen, sondern ahnen, so wie man auch das Meer ahnen kann.

Indes ich so verhielt und mit allen Sinnen witterte, horchte, spähte und auf meinen Instinkt lauschte, da sah ich dort unten für einen Moment ein Licht. Es war so, als wenn eine Tür geöffnet wurde und aus einem erhellten Raume Lichtschein fiel. Und weil das in einer schattigen Schlucht geschah, die das Mondlicht nur zur Hälfte ausleuchtete, erfasste mein Blick das kurze Aufleuchten.

Ob meine Herde nun dort in jener Schlucht rastete?

Nun, ich würde es bald herausfinden.

Denn in einer guten Stunde konnte ich dort unten sein.

Also machte ich mich auf den Weg und fand auch bald schon den Abstieg, den auch meine Rinder und deren Treiber genommen hatten.

Abermals fragte ich mich, was ich tun würde. Und da gab es nur eine Antwort: töten.

Töten. Sollte ich das auf mich nehmen? Waren meine Rinder diesen Preis wert? Ich hatte mich vor zwei Jahren auf meine einsame Hügelranch zurückgezogen, um nicht mehr töten zu müssen – ja, müssen. Denn ich hatte den Stern getragen und die Guten vor den Bösen beschützt. Man nannte mich einen Revolvermarshal. Die Schwachen und Furchtsamen kauften meinen Revolver zu ihrem Schutz gegen das zweibeinige Raubwild. Besonders unten am Rio Grande, wo immer wieder mexikanische Banditen herüberkamen, um zu rauben und zu morden, hatte ich mir Revolverruhm erworben.

Dann wollte ich nicht mehr. Ich verschwand in den Hügeln und baute eine kleine Ranch auf.

Doch jetzt – das wusste ich mit untrüglicher Sicherheit – würde ich abermals Blut vergießen, töten.

Lohnte sich das für einhundertsiebenundzwanzig Rinder, zwei Pferde und ein Maultier?

Als ich mir diese Frage stellte, hielt ich sogar einen Moment an in der kalten, windigen Mondnacht. Einige Atemzüge lang war ich versucht, umzukehren. Denn nun, da der Kampf dicht bevorstand, verspürte ich den Widerwillen, die Abscheu.

Doch dann ritt ich weiter.

Denn ich wollte und konnte nicht der Hammel sein, der sich von den Wölfen fressen ließ. Ich war Bruce Whitehead, und ich ließ mir nichts wegnehmen.

2

Ich brauchte fast zwei Stunden bis zu jener Schlucht hinunter. Dann sah ich die große Hütte und deren Nebengebäude. Es gab auch einige Corrals. In diesen Corrals waren Rinder. Sie verhielten sich sehr ruhig. Es waren sicherlich meine Rinder, die erschöpft waren vom harten Treiben.

Aber ich musste es genau wissen. Und so ließ ich mein Pferd zurück und machte mich zu Fuß auf den Weg.

Wenig später wusste ich es. Ja, es waren meine Rinder. Sie alle trugen mein Brandzeichen. Aber einige meiner Rinder waren schon umgebrändet worden. Aus meinem W hatte man eine Heugabel gemacht.

Im Mondlicht konnte ich es einigermaßen gut erkennen. Mein Brandzeichen war geschickt verändert worden. Auch in dieser Hinsicht waren die Kerle hier erstklassige Fachleute.

Sie waren gewiss müde. Das harte Treiben hatte nicht nur die Rinder erschöpft.

Vielleicht hatten sie deshalb keine Wache hier draußen.

Als ich mich das fragte, da sagte hinter mir eine Stimme: »Du bist schneller gekommen, als wir dachten. Wie konntest du nur so dumm sein?«

Ich verharrte, und ich wusste, er stand etwa sechs Schritte hinter mir und zielte auf mich. Er musste hinter einem Stapel Corralpfosten gehockt haben.

Es war dumm von mir gewesen, mir die Brandzeichen der Tiere in den Corrals ansehen zu wollen. Man hatte das vorausgesehen und hier auf mich gelauert.

War er allein? Oder gab es noch mehr Gegner?

Das war die Frage. Aber seine Stimme klang zu selbstsicher, ganz und gar wie die Stimme eines Mannes, der sich mit einem Colt in der Hand fast alles zutraute, wenn die Situation so war wie jetzt.

Ich fluchte in Gedanken. Und ich wusste, ich würde eine Kugel auffangen. Aber ich musste alles riskieren. Sie würden mich auf keinen Fall davonkommen lassen. Denn ich hatte den Ort gefunden, wo Viehdiebe die gestohlenen Rinder umbrändeten.

Und so zögerte ich nicht länger.

Noch als ich herumwirbelte, traf mich seine Kugel. Und als ich aus der Drehung heraus auf sein zweites Mündungsfeuer schoss, streifte mich seine zweite Kugel.

Doch dann fiel er um.

Ich stöhnte vor Schmerz und schwankte. Doch jetzt musste ich weitermachen.

Zwei Gestalten kamen aus der Hütte herausgesprungen. Eine Stimme rief heiser: »Ringo, hast du ihn?!«

In der Dunkelheit – denn die Hütte und die Corrals lagen ja im Mondschatten – kamen sie näher. Als sie endlich erkennen konnten, dass ich ein Fremder war, begannen sie zu schießen. Doch die Entfernung für sichere Revolverschüsse war noch recht weit. Vielleicht hätten sie mich treffen können, würden sie angehalten und sorgfältig gezielt haben.

Sie fehlten mich.

Ich stand ruhig, breitbeinig und zielte sorgfältig.

Und so schoss ich sie von den Beinen.

Dann wartete ich stöhnend und presste meine Hand gegen die Seite. Dort steckte eine Kugel. Warum war sie nicht wieder herausgeflogen, sondern stecken geblieben? O verdammt! Und an meinem rechten Oberschenkel brannte der Streifschuss wie von einem Schwerthieb.

Und immer noch nicht war es vorbei.

Aus der Hütte klangen Rufe, Flüche, dann die wild gebrüllte Frage: »Was ist? Müssen wir herauskommen? He, Ringo! Larry! Jake! Was ist los dort draußen? Ist er nicht allein gekommen?«

Ich begriff, dass sie dort drinnen nicht glauben konnten, drei von ihnen könnten mit mir nicht fertig geworden sein.

Und so setzte ich mich in Bewegung, hinkte bis zur Hüttenecke und holte ein Schwefelholz aus meiner Westentasche. Ich hielt es über mich an das Strohdach. Dann trat ich zurück und lud meinen Revolver wieder auf.

Ich musste eine Weile warten. Dann endlich steckte einer den Kopf aus der Tür und sah den Feuerschein des brennenden Strohdaches.

Er brüllte wild auf, schrie dann: »Die Hütte brennt! Feuer! Man will uns ausräuchern!«

Ich musste nicht lange mehr warten, denn sie kamen aus der Hütte gehechtet und rollten sich durch den Staub, wollten schnell sein und hofften, so den Kugeln zu entgehen.

Aber das Strohdach brannte nun lichterloh, erhellte den schattigen Teil des Schluchteingangs.

Ich feuerte und traf sie beide.

Die Schüsse hallten durch die Schlucht zu deren anderem Ende hin. Dann war es still bis auf das Knistern der Flammen.

Die Tiere in den Corrals waren zu erschöpft, um unruhig zu werden. Überdies blies der Wind auch von den Corrals weg.

Ich verharrte seufzend und voller Bitterkeit.

Das war es also. Meine Vergangenheit hatte mich eingeholt. Ich hatte ihr nicht entkommen können. Mit dem Colt in der Hand hatte ich wieder einmal gekämpft und getötet.

In diesem Moment wusste ich, dass ich hätte umkehren und meine Rinder aufgeben sollen. Denn dieser Preis war zu hoch für einhundertsiebenundzwanzig Rinder, zwei Pferde und ein Maultier.

Ich hatte sie nun wieder zurück.

Aber der Preis war zu hoch.

Doch es war nichts mehr rückgängig zu machen. Es war geschehen. Kein Bedauern konnte das ändern.

Und so stand ich da und wurde mir bewusst, wie sehr ich in der Klemme steckte. Es war ja nicht nur so, dass ich gekämpft und getötet hatte wie ein gnadenloser Halbgott, der sich anmaßte, Richter und Henker zu sein – nein, ich war böse angeschossen und würde meine Rinder gar nicht mehr zurück auf die Heimatweide treiben können.

O verdammt, in was hatte ich mich da eingekauft, nur weil Zorn und Stolz mich dazu trieben, mir nichts wegnehmen zu lassen und mich unbedingt behaupten zu müssen in einer harten Welt, ja, in was hatte ich mich eingekauft!

Ich zog mich vorsichtig zurück, denn die lichterloh brennende Hütte verbreitete eine unerträgliche Hitze. Meine Schmerzen wurden immer böser.

Und dann kam noch jemand aus der Hütte gesprungen.

Diesmal schoss ich nicht. Nein, ich wollte nicht mehr.

Ich sah auch, dass es kein Mann war, sondern eine Frau oder ein Mädchen. Sie trug zwar Hosen und eine Jacke, sodass man sie beim flüchtigen Hinsehen für einen jungen Burschen halten konnte – doch da waren ihre langen, hellblonden Haare, die sie verrieten.

Solche Haare besaß nur eine Frau.

Sie rief zu mir herüber: »Und warum schießen Sie nicht auf mich, Sie verdammter Killer?«

Sie kam nun näher, öffnete ihre Jacke und zeigte mir ihre nur mit einem dünnen Hemdchen bedeckte Brust. »Schieß doch«, verlangte sie wild und wie von Sinnen. »Oh, du Sohn von tausend Vätern, schieß doch auch mich über den Haufen!«

Dann aber griff sie mich wie eine Furie an, trat nach mir, versuchte, mir das Gesicht zu zerkratzen, gebärdete sich wie eine fauchende Panterkatze. Sie trat mir gegen die Schienbeine und auch gegen die Beinwunde.

Ich stöhnte vor Schmerz, und ich schwankte und wankte. Jede Bewegung, die ich machen musste, um mir diese zweibeinige, fauchende Katze vom Leibe zu halten, bereitete mir höllische Schmerzen.

Natürlich hätte ich dieses sich wie verrückt gebärdende Wesen mit einem einzigen Hieb ausschalten können. Doch ich hatte schon als kleiner Junge keine Mädchen schlagen können, und so konnte ich das jetzt noch weniger.

Aber als sie mich wieder ansprang, da wischte ich sie zur Seite, sodass sie zu Boden fiel und fast einen Purzelbaum schlug.

Da blieb sie endlich keuchend liegen.

Nun begann sie zu weinen. Sie schluchzte herzerweichend, so richtig voll Schmerz und Bitterkeit.

Dann aber kroch sie auf Händen und Knien zu einem der leblos am Boden liegenden Männer, verharrte bei ihm, und ich hörte sie schluchzend sagen: »Jim, o Jim, du bist nicht tot – nein, nein, das kann nicht sein. Jim, wach auf, du darfst nicht tot sein. Denn wir wollten doch beide von hier aus zu einem neuen Anfang. Jim, du wolltest mit mir fort von hier. Lass mich doch nicht im Stich, Jim. Wach auf, oh, wach wieder auf!«

Ich begriff die ganze Sache schnell.

Dieses Mädchen da hatte all ihre Chips auf einen der Viehdiebe gesetzt. Er hatte ihr etwas versprochen, einen neuen Anfang, ein neues Leben. Sie hatte hier auf ihn gewartet. Vielleicht war meine Herde die letzte Herde, die sie stahlen, um sie zu Geld zu machen.

Ja, so mochte es wohl sein.

Doch da war ich gekommen, hatte ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Aber nachdem ihr Wächter mich vor seinem Colt hatte, blieb mir kein anderer Ausweg als der Kampf.

Ich trat schwankend zu der bei dem Toten kauernden und schluchzenden jungen Frau.

»Was sollte ich denn tun?« So fragte ich bitter auf sie nieder. »Sollte ich mir zuerst meine Herde stehlen und mich dann auch noch totschießen lassen? War es das, worauf Sie mit diesem Jim eine neue Zukunft gründen wollten? Oha, zum Teufel, was wäre das für ein neuer Anfang gewesen! Und jetzt kommen Sie in die Hütte da drüben. Zünden Sie drinnen eine Lampe an und versorgen Sie meine Wunden. Na los, vorwärts!«

Sie richtete sich auf. Ihr wimmerndes Schluchzen verstummte.

Einen Moment lang sah es so aus, als würde sie mich wieder angreifen wollen. Sie öffnete auch schon den Mund, um mich erneut zu verfluchen.

Im Feuerschein der brennenden Hütte konnte ich sie sehr genau betrachten. Sie war ein hübsches Mädchen, noch sehr jung und von der Sorte, wie man sie als Animiermädchen, Tanzgirls oder in den Etablissements für käufliche Liebe trifft.

O ja, sie war noch jung an Jahren, doch reich an Erfahrung mit Männern.

Denn im Feuerschein wurde ihr Blick nun abschätzend.

Ihr Schmerz, ihre Enttäuschung, ihre fauchende Wut – dies alles war nun weg.

Sie lebte davon, dass Männer etwas von ihr wollten, und hatte längst gelernt, diese Vorteile auszunutzen. Das war ihr sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen und zum Selbsterhaltungstrieb geworden.

Wer konnte dies einem Mädchen wie ihr in dieser harten Welt verdenken?

»O ja«, sprach sie kehlig, »du brauchst Hilfe, Rindermann. Alle Männer wollen zumeist was von mir. Nur wenn ich mal was von ihnen will, dann …«

Ich hatte, als ich sie aufforderte, in die Hütte zu kommen und dort eine Lampe anzuzünden, natürlich nicht die brennende Hütte gemeint. Nein, es gab da auf der anderen Seite der Corrals noch eine andere Hütte. Sie war kleiner und kaum mehr als eine Art Stall. Aber ich hoffte, dass sie mich dort versorgen konnte. Denn gleich konnte ich mich nicht mehr auf den Beinen halten. Gleich würde ich umfallen. Vor meinen Augen wurde es manchmal dunkel. Dann sah ich den Feuerschein nicht mehr. Und der Boden unter mir schien sich in die Plattform eines sich drehenden Karussells zu verwandeln.

Sie sprach nicht weiter, sondern setzte sich in Bewegung.

Ich folgte ihr mit letzter Kraft. Und als ich in die Hütte kam, hatte sie drinnen tatsächlich eine Kerze angezündet, die spärliches Licht verbreitete.

In der Hütte waren Sättel, Werkzeuge, Vorräte.

Ich hatte auf eine Lagerstatt gehofft, eine Schlafpritsche, auf der ich mich ausstrecken konnte. Doch es gab nur eine große Futterkiste, in der man während des Winters zusätzliches Kornfutter für die Pferde aufbewahrte. Ich sah es, als ich den Deckel anhob. Da der Winter vorbei war, gab es nur noch einen winzigen Rest in der Kiste.

Das Mädchen sah mich an, hielt die brennende Kerze noch in der Hand.

Im Kerzenschein sah sie hübsch aus, fast schön.

Aber es war ein Mädchen in einer unheilen Welt. Und deshalb war es hart und auf den eigenen Vorteil bedacht.