G. F. Unger Sonder-Edition 98 - Western - G. F. Unger - E-Book
Beschreibung

Mit seinem wilden Banditenrudel war der einstige Revolutionsgeneral der Schrecken des Grenzlandes. Doch das Ende seiner grausigen Terrorherrschaft brach an, als Clint Hannagan den eindeutigen Beweis dafür in Händen hielt, dass der Tod seiner geliebten Frau tatsächlich auf El Toros Schuldkonto ging ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:196


Inhalt

Cover

Impressum

El Toro

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manuel Prieto/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-3864-5

www.bastei-entertainment.de

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www.bastei.de

El Toro

1

Die Postkutsche hält vor einem schlecht beleuchteten Hotel und der Fahrer stößt einen erleichterten Fluch aus, als löste sich in ihm eine Spannung. Dann ruft er: »Santa Rosa! Hier ist Schluss mit der Linie! Santa Rosa!«

Clint Hannagan klettert als letzter Fahrgast aus der Kutsche. Er tritt schnell aus dem Lichtschein und bleibt dann in der Dunkelheit außerhalb der Lichtbahnen stehen. Seine Reisetasche hält er in der Rechten. Die Linke hängt ruhig neben dem Colt. Ihre Finger berühren manchmal ein wenig das glatte Leder des Holsters.

Clint Hannagan nimmt Witterung von dieser kleinen Stadt an der Sonoragrenze. Oh, er war schon oft in solchen Städten. Deshalb kennt er ihren Atem, ihren Pulsschlag – und er kann Strömungen wahrnehmen mit dem feinen Instinkt eines zweibeinigen Wolfes, der in einen neuen Corral kommt.

So ist das mit Clint Hannagan. Ja, man kann ihn als zweibeinigen Wolf bezeichnen.

Die kleine Stadt wurde einst von den Spaniern gegründet, denn nach den Rittern und deren gepanzerten Soldaten, die nach Gold suchten, kamen die Missionare. Und sie gründeten auch hier eine Mission, um die dann ein Dorf und schließlich eine kleine Grenzstadt entstanden.

Später kamen Anglo-Amerikaner und bauten sich einen eigenen Stadtteil.

Solche Städte gibt es jetzt zu Dutzenden längs der Grenze.

Clint Hannagan weiß es.

Er sieht die leere Postkutsche auf der Straße wenden und bald darauf in der Einfahrt zum Wagenhof der Postgesellschaft verschwinden. Dort neben dieser Hofeinfahrt befindet sich auch das Postbüro. Natürlich ist es noch geöffnet, denn mit der Postkutsche kamen ja auch Postsäcke, Pakete und Päckchen.

Clint Hannagan setzt sich endlich in Bewegung und überquert schräg die Fahrbahn. Dabei fällt auf, dass er seiner Kleidung nach ein Reiter ist, sich jedoch so leicht und geschmeidig wie ein Bergläufer bewegt – wie ein Yaqui zum Beispiel. Und Yaquis können wie Katzen klettern und hundert Meilen fast so schnell wie Pferde traben.

Clint Hannagan ist groß und hager.

Als er das Postbüro betritt, wendet sich der Post- und Frachtagent Stap Eastmaster ihm zu. Er steht mit einer Handvoll Briefen vor einem Regal und ist dabei, diese Briefe in viele Fächer zu sortieren.

Doch diese Arbeit vergisst er nun völlig.

Er hält es für sehr viel wichtiger, seinen Besucher zu betrachten und ihn sehr genau anzusehen.

Selten sah er einen härter wirkenden Mann. Und das hat in diesem Land an der Grenze, in dem es sehr viele harte Männer gibt, schon eine ganze Menge zu sagen.

Clint Hannagans Gesicht wirkt auf den ersten Blick dunkel, ruhig und etwas narbig. Aber dann – wenn man erst in seine rauchgrauen Augen sieht –, erkennt man mehr, eine ganze Menge mehr.

Und man spürt es plötzlich.

Was?

Nun, das ist nicht so einfach zu beschreiben. Es ist etwas, was einem sagt, dass man jetzt sehr wachsam sein sollte – und höflich und freundlich. Und vielleicht gibt es dann und wann auch einen Mann, der das Gefühl bekommt, dass seine Nackenhaare sich sträuben.

So ist das also.

Stap Eastmaster ist ein rotblonder, bulliger Mann, der sich als Maultiertreiber und Frachtfahrer hocharbeitete und der durchaus in der Lage ist, eine raue Frachtwagenzugmannschaft als Boss zu führen. Eastmaster ist ein Mann, der schon auf vielen Wegen kämpfte.

Dennoch ist er jetzt instinktiv wachsam wie noch nie.

»Ja?«, fragt er.

»Ein Brief«, murmelt Clint Hannagan. »Ein Brief für mich. Postlagernd unter dem Kennwort ›Pikes-Whisky‹. Kann ich den Brief haben?«

Eastmaster nickt. »Ja, so einen Brief habe ich im Fach«, murmelt er und wendet sich wieder dem Regal zu.

Er nimmt einen Brief heraus und reicht ihn dem Fremden.

»Kann ich Ihren Namen erfahren?«, fragt er.

Clint Hannagan lächelt ernst – und etwas bitter, wie es scheint.

»Das wird sich nicht vermeiden lassen, sollte ich noch eine Weile hier in Santa Rosa bleiben.«

Dann öffnet er den Brief und wirft einen kurzen Blick hinein. Offenbar hat er nur wenige Worte zu lesen. Er ballt das Papier sofort in der Faust zusammen, steckt es in die Tasche und macht auf dem Absatz kehrt.

Er verschwindet, ohne seinen Namen zu nennen.

Stap Eastmaster flucht grimmig hinter ihm her und sagt dann zu sich selbst: »Wenn das kein verdammter …«

Doch er verstummt und presst die Lippen zusammen. Er wirft die Briefe, die er soeben noch sortieren wollte, auf den Tisch und tritt hinaus auf die Straße.

»Verdammt, verdammt, wer mag dieser Hombre sein?«, murmelt er und sieht drüben beim Hotel den Fremden in den Lichtbahnen auftauchen und im Hotel verschwinden.

Als Hannagan verschwunden ist, macht Eastmaster eine Bewegung, als wollte er ihm folgen. Doch er lässt es bleiben, denn er sieht den Town Marshal Earl Kilham auftauchen und gleichfalls ins Hotel gehen.

»Na gut, dann …«, murmelt Eastmaster und geht in sein Office zurück.

Inzwischen hat Clint Hannagan drinnen im Hotel dem Portier, der ihm das Anmeldebuch zuschieben wollte, zugenickt und gesagt: »Später vielleicht. Jetzt muss ich erst einmal auf Zimmer Nummer fünf. Dort wartet Ted Harriet auf mich. Ist er noch oben?«

Der alte Mann hinter dem Anmeldepult schluckt etwas mühsam und nickt dann stumm. Er deutet zur Treppe.

Clint Hannagan findet das Zimmer schnell. Es ist nicht verschlossen, und die Lampe brennt. Im Bett liegt ein Mann. Es ist Ted Harriet. Er ist tot und schon kalt.

Clint Hannagan betrachtet den Messergriff, der aus Ted Harriets Leib ragt.

Es ist ein Green-River-Messer mit einer schmalen Klinge und einem schweren Griff. Diese Dinger kennt er gut genug aus seiner Zeit im Norden auf dem Oregon und Bozeman Trail.

Als er aufblickt, sieht er den Town Marshal, es gibt keinen Zweifel daran, denn der Stern blinkt im Lampenlicht.

Der Revolverlauf in des Marshals Hand glänzt matt.

»Haben Sie ihn im Schlaf erstochen?«, fragt Marshal Earl Kilham mit trockener Kälte.

Hannagan betrachtet den Mann schweigend.

Er sieht einen weißblonden Tex mit einem sichelförmigen Schnurrbart, dessen Enden tief über die Mundwinkel niederhängen. Er sieht einen großen, hageren Mann mit hellen, harten Augen.

Nach einigen Atemzügen lächelt er kaum merklich und spricht dann mit lässiger Nachsicht: »Langsam, Marshal. Der Hombre hier ist schon kalt. Da ich soeben aus der Postkutsche stieg, kann man sich leicht ausrechnen, dass ich zumindest vierzig Meilen von Santa Rosa entfernt war, als jemand dieses Messer in Ted Harriet steckte. Noch irgendwelche Einwände?«

Der Marshal sagt nichts. Aber er kommt weiter herein. Mit schussbereitem Colt geht er um Clint Hannagan herum und holt sich dann – von hinten an ihn herantretend – den Colt.

Dann erst tritt er an das Bett des Toten und befühlt dessen Handgelenk und die Stirn.

»Na schön«, sagt er. »Aber warum ist er tot? Und warum besuchten Sie ihn? Was verbindet – oder vielmehr, was verband euch? Sie kamen mit der Postkutsche und wussten genau, wo Sie ihn finden konnten. Ich sah Sie zuerst ins Postoffice gehen. Wahrscheinlich hatte er dort eine Nachricht für Sie hinterlegt. Ich möchte diesen Brief sehen. Her damit!«

Er zielt mit dem Colt auf Hannagan und streckt die andere Hand verlangend aus. Hannagan grinst nachsichtig.

»Warum nicht«, murmelt er und greift in die Tasche. Er holt das zusammengeknüllte Papier heraus, ballt es in der Faust zusammen – und wirft es nicht etwa dem Marshal zu, sondern lässt die kaum mehr als nussgroße Papierkugel in den Zylinder der Tischlampe fallen. Die Papierkugel klemmt sich gleich oben fest und brennt sofort.

Der Marshal flucht und springt vor, um mit spitzen Fingern hineinlangen zu können. Er nimmt es in Kauf, sich die Fingerspitzen zu verbrennen, denn er ist davon überzeugt, dass mit dem brennenden Papierkügelchen eine wichtige Nachricht und ein wichtiger Hinweis vernichtet werden.

Er schafft es, den brennenden Papierball herauszuzupfen. Doch er muss ihn fallen lassen und mit dem Fuß austreten.

Als er sich bückt, um ihn aufzuheben, begeht er einen Fehler. Er achtet in der Eile nicht auf Clint Hannagan. Vielleicht verlässt er sich zu sehr darauf, dass dieser unbewaffnet ist.

Hannagan trifft den sich bückenden Mann mit dem Knie auf Ohr und Schläfe. Der Marshal kracht mit der Schulter gegen die Zimmerwand und bleibt am Boden.

Hannagan schnauft bitter. Er holt sich seinen Revolver und entlädt die Waffe des Town Marshals. Er wirft sie so neben den Mann, dass man meinen könnte, dieser habe sie verloren.

Dann hebt er den schon halb verbrannten Papierball auf und faltet ihn auseinander, so gut dies noch möglich ist. Aber er braucht sich eigentlich keine Mühe zu geben, die wenigen Worte zu entziffern. Er las sie zwar nur einmal, doch sie waren leicht zu merken.

Er sagt sie noch einmal in Gedanken, während er still mitten im Zimmer steht:

»El Toros zusammengeraubte Beute befindet sich noch in Santa Rosa. Ich weiß genau, wer sie versteckt hält. Komm sofort auf Zimmer fünf.

Ted«

Das waren die Worte – und sie sind in Hannagans Kopf.

Aber Ted Harriet ist tot.

Er kann ihm nicht mehr sagen, wer die Beute von El Toro hier in Santa Rosa verborgen hält. Und es ist keine geringe Beute.

Was der berüchtigte Banditenführer und ehemalige Revolutionsgeneral El Toro in all den Jahren mit seinen Banditen zu beiden Seiten der Grenze zusammenraubte, erbeutete, erpresste und auf noch andere Weise mit Gewalt, List und Gnadenlosigkeit erwarb, ist kein kleiner Schatz.

Irgendwie glich dieser El Toro immer einem Piratenkapitän, der seinen Schatz nicht nur gut versteckte, sondern ihn auch ständig vermehrte.

Und dann bestahl ihn sein bester Freund, sein zuverlässigster Leutnant und Stellvertreter. Paco Rodriges’ Treue reichte wohl nicht mehr aus.

Die große Jagd begann.

Clint Hannagan ist nur einer der Jäger.

Ted Harriet war einer seiner Helfer, die er längs der Grenze in allen Ortschaften und Siedlungen verteilt hatte.

Vor zwei Tagen erreichte ihn eine Nachricht, dass Ted Harriet eine Spur gefunden habe. Und so kam er nach Santa Rosa und fragte nach einem postlagernden Brief unter dem vereinbarten Kennwort »Pikes-Whisky«.

Aber jetzt ist Ted Harriet tot. Er kann ihm nichts mehr über den Banditenschatz sagen, gar nichts mehr.

Clint Hannagan schnauft leicht durch die Nase, und sein Mund verzieht sich bitter. Er betrachtet den Marshal und weiß, dass er mit diesem Mann noch Verdruss bekommen wird.

Er vernichtet den halb verbrannten Brief endgültig und wartet dann.

Der Marshal regt sich auch nach einer Weile, verharrt dann wieder und bemüht sich, einen klaren Kopf zu bekommen. Das geht schnell. Er beginnt schon bald zu fluchen und greift den Colt vom Boden auf, während er sich erhebt.

An der Wand lehnend, starrt er auf Clint Hannagan.

»Mein Colt ist natürlich entladen«, murmelt er.

»Ja, ich nahm die Zündhütchen ab«, murmelt Clint Hannagan.1)

Marshal Earl Kilham starrt ihn immer noch an.

»Das war ein Angriff auf einen Gesetzesvertreter«, sagt er heiser.

»Ach ja«, grinst Hannagan. »Sie sind doch nur ein Revolverschwinger, den sich die Bürger dieser Stadt mieten, um etwas Schutz zu haben vor den anderen wilden Jungens. Ich will Ihnen etwas sagen, Mister. Und ich sage es nur einmal. Machen Sie Ihre Ohren richtig auf. Also: Gehen Sie mir aus dem Weg! Mein Name ist Clint Hannagan, jawohl, jener Clint Hannagan! Mann, wollen Sie Verdruss mit mir?«

Die Frage kommt nicht etwa drohend oder zornig. Nein, sie klingt sehr sachlich und ruhig.

Town Marshal Earl Kilham steht still da und überlegt. Irgendwie gleicht er einem Wolf, der sich auf ein Wild stürzen wollte und nun erschreckt und wachsam lauernd verhält.

Er hebt seine Oberlippe. Unter seinem rotblonden Schnurrbart zeigt er starke Schneidezähne.

»Clint Hannagan also«, sagt er. »Kein kleiner Wolf wirklich, kein kleiner. Aber wenn Sie glauben, dass ich kneife, dann irren Sie sich. Ich sehe nur ein, dass ich wahrscheinlich schneller hinter dieses Spiel komme, wenn ich erst einmal abwarte und zusehe. Ich nehme an, dass Sie den Mörder dieses Mannes suchen und finden werden. Na schön, das ist die eine Sache! Kommen wir zur anderen.« Er macht eine kleine Pause und wischt sich mit dem Handrücken über Bart und Lippen, wobei sein helläugiger und scharfer Blick fest auf Clint Hannagan gerichtet bleibt.

Clint Hannagan fragt nicht, was für eine andere Sache der Town Marshal meint. Er wartet ruhig, und er braucht nicht lange zu warten. Dann sagt es Earl Kilham ihm mit den Worten: »Hannagan, Sie gehören zu den Burschen, die immerzu auf einer Fährte reiten. Und wohin Sie auch kommen in diesem Land, es wird überall Menschen geben, die irgendwo fortgelaufen sind und sich in Sicherheit brachten. Auch in Santa Rosa gibt es gewiss mehr als einen Burschen mit Schatten auf seiner Fährte. Was glauben Sie, Hannagan, wie sehr die Angst …«

»Schon gut!« Hannagans Stimme hat einen bitteren Beiklang.

»Nein, nichts ist gut«, widerspricht Kilham beharrlich. »Wir sind Revolvermänner, Sie und ich. Uns kann man für einen bestimmten Preis anwerben – mieten! Ich wurde von den Bürgern hier angeworben. Mein Revolver ist ihnen hundert Dollar im Monat wert – bei freier Station. Das ist fünffacher Cowboylohn. Und auch von Ihnen wird man glauben, dass Sie angeworben wurden, um hier einen Auftrag zu erfüllen. Ein paar Leute werden sich zu fürchten beginnen. Wenn sie nicht in ihrer Furcht fortlaufen, dann legen sie sich gewiss mit Schrotflinten in einen Hinterhalt – und es gibt eine Menge Ärger, Verwicklungen und Kummer in dieser Stadt. Wollen Sie mir nicht lieber sagen, was hier für ein Spiel läuft? Wenn Sie mich fragen, dann war dieser Ted Harriet – so trug er sich im Hotelbuch ein – ein Mann, von dem Sie Nachricht erhielten, wo Sie einen anderen Mann finden können, auf den Sie angesetzt wurden. Also, wer ist der Mann, hinter dem Sie her sind? Wer ist der Bursche? Wahrscheinlich fühlte er sich von Ted Harriet erkannt und tötete ihn deshalb. Also …«

»Es hat keinen Sinn, Marshal«, sagt Hannagan. Er steht einige Atemzüge lang unbeweglich da und überlegt.

Die kurze Nachricht, die Ted Harriet ihm hinterließ, steht Wort für Wort in seinen Gedanken. Und er wiederholt sie sich immer wieder im Geiste.

El Toros zusammengeraubte Beute befindet sich noch in Santa Rosa. Ich weiß genau, wer sie versteckt hält. Komm sofort auf Zimmer fünf.

Ted

Das waren die Worte.

Aber was kann er damit anfangen?

Noch nichts! Aber eines ist ziemlich sicher. Derjenige, der nach Ted Harriets Meinung den Banditenschatz von El Toro verborgen hält, ist wahrscheinlich auch Ted Harriets Mörder.

Clint Hannagan weiß viel über dieses Land zu beiden Seiten der Grenze. So erfuhr er auch schnell, dass Paco Rodriges, dem El Toro wie einem Blutsbruder vertraute, mit El Toros Schatz verschwand und seine Flucht so gut vorbereitete, dass El Toro nun schon wochenlang hinter ihm her ist. Clint Hannagan hat es schnell erfahren und sich dann in Pacos Lage versetzt. Er kannte Paco gut genug, um sich dessen Pläne einigermaßen vorstellen zu können.

Er setzte ein Dutzend Männer ein, ließ sie dorthin reiten, wo Paco Rodriges diesseits der Grenze – und schon fast den Verfolgern entwischt – durchkommen musste.

So also war es.

Hannagan sieht Earl Kilham an.

»Ich zahle für die Beerdigung«, sagt er. »Soll der Tote ewig im Hotel liegen?«

Kilham hebt wieder seine Oberlippe, so dass seine starken Schneidezähne sichtbar werden.

»Sie kriegen mich hier nicht weg«, sagt er spöttisch und beginnt seinen 44er Remington-Revolver mit neuen Zündhütchen zu bestücken. Die Waffe hat einen zwanzig Zentimeter langen, achteckigen Lauf und ist für einen Revolvermann eigentlich zu lang und zu schwer. Aber Kilhams Hände sind unwahrscheinlich kräftig, und seine Handgelenke besitzen fast die Breite der Handrücken. Ein Mann mit so starken geschmeidigen Händen kommt gewiss auch mit diesem schweren Colt zurecht. Auf Entfernungen von mehr als zwölf Schritt ist er wahrscheinlich sogar einem Gegner mit einer kurzläufigeren Waffe überlegen.

Er ruft durch die offene Tür zur Treppe hinunter: »He, Longridge! Hier ist ein Toter! Laufen Sie zu Beale hinüber!«

Er wendet sich ins Zimmer zurück und sieht, dass Hannagan mit der Durchsuchung des Toten begonnen hat.

»Wenn ich wüsste, wonach zu suchen ist, könnte ich helfen«, sagt er mit lauerndem Spott.

»Sie können zur Hölle gehen«, murmelt Hannagan. »Ich kann Ihr Gequatsche nicht mehr anhören. Schleich dich, Tex!«

Aber Kilham grinst nur.

»Du kannst mich mal, Revolverschwinger«, spricht er gewollt freundlich. »Und es könnte sein, dass du bald gar nicht mehr so groß in deinen Hosen bist … Vergiss nur nicht, dass du mich vorhin nur deshalb überrumpeln konntest, weil ich nicht wusste, was für ein Tiger du bist. Aber jetzt …«

Er richtet den nun wieder schussbereiten Revolver auf ihn. »Wenn ich ein Dummkopf und überdies auch noch nachtragend wäre«, sagt er, »hättest du jetzt ein Loch im Bauch.«

Hannagan gibt ihm keine Antwort. Er hat den Toten eingehend untersucht und sogar im Stiefelfutter nachgesehen.

Aber er fand nichts, was ihm irgendwie als weiterer Hinweis dienen könnte. Er sieht den Hotelmann an, der mit einem leisen Fluch ins Zimmer tritt und dann zum Marshal sagt: »Ich habe Bob in den Saloon geschickt. Wenn Beale noch nicht zu betrunken ist, wird er den Toten wohl aus dem Hotel holen.«

Nun macht Hannagan doch eine ungeduldige Handbewegung.

Er fragt mit einer Spur von Schärfe in der. Stimme: »Wer war zuletzt bei Harriet?«

Der Hotelmann sieht ihn ausdruckslos an und zuckt mit den hageren Schultern.

»Das ist Clint Hannagan«, murmelt der Town Marshal kühl. »Ich denke mir, dass er kam, weil Harriet in unserer Stadt jemand für ihn aufspürte. Aber jetzt ist dieser Spitzel eines Menschen- und Kopfgeldjägers tot. Und vielleicht ist es für Hannagan jetzt gar nicht mehr so leicht, sein Wild zu erkennen.«

Er lacht leise.

Der Hotelmann aber bekommt plötzlich unruhige Füße.

Bevor er sich jedoch umwenden kann, sagt Hannagan trocken: »Wenn der Tote fortgeschafft worden ist, behalte ich sein Zimmer. Lassen Sie neue Bettwäsche aufziehen.«

»Glauben Sie vielleicht, dass Sie mir das erst sagen müssen?« Der Hotelbesitzer fragt es grimmig. »Mein Name ist Longridge, Sam Longridge! Ich bin ein richtiger Christ und kein …«

Er verstummt plötzlich, denn er kann nicht länger in Hannagans kühle Augen sehen. Er geht. Earl Kilham, der inzwischen seinen Revolver wegsteckte und seine anschwellende. Kopfseite betastet, lacht wieder leise. Hannagan beachtet ihn nicht, sondern durchsucht das Zimmer.

Nach einer Weile kommen Männer, um den Toten zu holen.

Als sie mit ihm verschwunden sind, wendet sich Hannagan an den Town Marshal: »Jetzt raus hier aus meinem Zimmer!«

Earl Kilhams Augen werden schmal. Kalte Wut glitzert in ihnen.

»Oh, Hannagan«, knirscht er, »es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass wir füreinander bestimmt sind. Aber ich kann warten.«

Nach diesen Worten geht er.

Von der Treppe her klingt noch einmal sein heiseres, kalt-spöttisches Lachen. Es gibt keinen Zweifel daran, dass er ein gefährlicher Mann ist – und ein Mann, der warten kann.

2

Es ist schon bald Mitternacht, als Hannagan sich auf den Weg macht. Tief in seinem Inneren spürt er so etwas wie eine bittere Resignation, und er gibt sich Mühe, diese zu bekämpfen und zu überwinden.

Er war so dicht vor dem Ziel gewesen.

El Toros Banditenschatz ist in Santa Rosa, und Ted Harriet wusste, wer diesen Schatz hier verborgen hält.

Aber nun …

Nur eines ist wohl klar: Paco Rodriges, der El Toros Beute raubte, muss hier in Santa Rosa gewesen sein, zumindest unbemerkt und kurzfristig. Er muss hier einen Vertrauten gehabt haben – oder eine Vertraute.

Und wo ist Paco jetzt?

In Hannagan sind viele Fragen, während er durch die nächtliche Stadt geht.

In Santa Rosa ist es still. Es brennen nur noch wenige Lampen da und dort in den Häusern. Im mexikanischen Teil der Stadt ist es völlig dunkel, und irgendwo heult ein Hund.

Im Saloon, in der Posthalterei, im Hotel und dort am anderen Ende der Stadt beim Mietstall brennen Lampen. Hannagan wandert die Straße hinauf und kehrt am Ortsausgang wieder um. Er geht auf der anderen Straßenseite wieder zurück. Immer wieder verhält er in der Dunkelheit und wittert. Anders kann man sein Verhalten nicht bezeichnen. Es ist ein Wittern, ein instinktives Lauschen oder Abwarten. Hannagan ist ein Mann, der imstande ist, geheimnisvolle Strömungen zu spüren. Er kann sie auffangen, und so spürt er auch jetzt die Abweisung dieser Stadt. Sie ist ihm nicht freundlich gesonnen nein. Diese kleine Stadt erscheint ihm jetzt in der Dunkelheit ein Tier zu sein, das sich vor einer Gefahr verkriecht und duckt.

Und dennoch gehen von hier Gefahren aus.

Hannagan weiß, dass er mit seinem Leben spielt. Doch er kann und will keine Zeit verschwenden. Es ist eine Frage der Zeit, bis El Toro hier mit seiner Bande auftaucht und diese Stadt übernimmt. Und wenn El Toro erst davon überzeugt ist, dass sich sein Schatz noch hier in Santa Rosa befindet, dann macht es ihm gar nichts aus, Santa Rosa zu zerstören und die Menschen zu töten. El Toro hat drüben in Mexiko schon viele kleine Städte besetzt, deren Bewohner ihre Wertsachen gut versteckten. Aber El Toro brachte selbst die härtesten Gefangenen dazu, ihm alles zu erzählen, was er hören wollte – alles! Und so wird es bald auch hier in Santa Rosa sein.

Er verhält jäh, als er in der Dunkelheit einer Gassenmündung jenes Geräusch vernimmt, welches durch das Spannen zweier Schrotflintenhähne erzeugt wird. Es ist ein unverwechselbares knackendes Doppelgeräusch.

»Nur ruhig bleiben«, spricht er sanft über die Schulter in die Dunkelheit der Gasse hinein.

Eine Stimme lacht leise.

Aber es ist ein gekünsteltes, gewolltes Lachen. Dem Mann ist nicht geheuer.

»Hinter wem sind Sie her, Hannagan? Sagen Sie mir, hinter wem Sie her sind, dann werde ich wissen, ob ich abdrücken muss. Also! Ich gebe Ihnen drei Sekunden! Dann drücke ich auch so ab!«

Die Stimme wurde immer schriller und misstönender. Die Aufregung des Sprechers ist groß, und wahrscheinlich zucken seine Finger. Wenn er den Abzugshahn durchzieht …

Aber daran denkt Hannagan nicht. Das gewöhnte er sich längst ab. Er glaubt viel zu sehr an ein unabwendbares Schicksal. Seine Furchtlosigkeit entspringt diesem Denken. Er ist ein Mann, dem Sterben nicht fremd ist und der deshalb jede Angst davor verloren hat.

»Im Hotel lag ein toter Mann«, sagt er. »Hinter dessen Mörder bin ich her. Wenn Sie dieser Mörder sind, dann drücken Sie nur ab. Sonst …«

Er vollendet seinen angefangenen Satz nicht. Vielleicht deshalb nicht, weil es wie eine Bitte klingen könnte. Aber er wartet lauernd und hat seine Revolverhand bereit. Oha, er wird selbst mit zwei Ladungen Schrot im Körper noch ziehen und schießen. Nicht zuletzt diese Fähigkeit gehört zu einem Revolvermann seines Formats.

Er kann spüren, wie der Mann in der Gasse mit sich kämpft. Dann hört er ihn sagen: »Ich glaube Ihnen. Doch ich kann Ihnen nicht helfen. Vielleicht fragen Sie Conchita Monteno. Wir hier in Santa Rosa glaubten, dass dieser Ted Harriet nur wegen der schönen Conchita hier hängen geblieben war. Gehen Sie nur zur schönen Conchita in den Saloon. Vielleicht kann sie Ihnen sagen, für wen dieser Ted Harriet ein Nebenbuhler war. Ich gehe nun, Mister Hannagan. Denn ich glaube jetzt, dass man Sie nicht geschickt hat, um mich erledigen zu lassen, wie ich einst …«

Der Sprecher verstummt nun wie jemand, der sich ertappt, dass er dabei ist, zu viel zu sagen.

Hannagan versucht nicht, ihm zu folgen.

Er atmet langsam aus. Eine Spannung löst sich in ihm. Er weiß zu gut, dass alles auf eines Messers Schneide stand. Nun hat sich eine kleine Möglichkeit aufgetan, vielleicht sogar eine erste Spur. Ein Mann, der sich verfolgt fühlte, gab ihm einen ersten Tipp, um ihn nicht auf der eigenen Fährte zu wissen.