G. F. Unger Sonder-Edition Collection 24 - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger Sonder-Edition Collection 24 E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

5 spannende Westernromane von G. F. Unger lesen, nur 4 bezahlen! G. F. Unger wird zu Recht als der beliebteste und erfolgreichste deutschsprachige Western-Autor gefeiert. Mit einer Rekordauflage von über 250 Millionen Exemplaren gehört er zur internationalen Spitzenklasse der Spannungsliteratur. Seine Epoche ist das späte 19. Jahrhundert, seine Schauplätze sind die unermesslichen Weiten des amerikanischen Westens, deren Grenzen von unerschrockenen Frauen und Männern immer weiter nach Westen verschoben werden, bis sie schließlich die Küste des Pazifiks erreichen. Erleben Sie den amerikanischen "Wilden Westen", wie nur G.F. Unger ihn schildern kann: hart, authentisch, leidenschaftlich. Dieser Sammelband enthält die Folgen 116 bis 120 der G.F. Unger Sonder-Edition: Folge 116: Mann im Schatten Folge 117: Captain Ironheart Folge 118: Keine Chance für mich Folge 119: Mesa King Folge 120: Der Colt war sein Schicksal

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Seitenzahl: 995

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Impressum

BASTEI LÜBBE AG Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Für die Originalausgaben: Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln Coverillustration: Manuel Prieto/Norma ISBN 978-3-7517-1615-4 www.bastei.de www.luebbe.de www.lesejury.de

G. F. Unger

G. F. Unger Sonder-Edition Collection 24

Inhalt

G. F. UngerG. F. Unger Sonder-Edition 116 - WesternDie drei wichtigsten Leute von Sun Mesa suchen Cass Morgan auf ihre Seite zu bringen: Bud McKimmey und Earl Dawson, zwei undurchsichtige Saloonbesitzer, und der Town Marshal Rufus Whitehead. Cass entscheidet sich für den Marshal, und so wird er der "Mann im Schatten", der Mann, der Whitehead den Rücken deckt. Zusammen mit ihm befreit er die Silberminenstadt von der Gewalt der beiden Townwölfe. Doch dann trifft es Cass wie ein Huftritt. Hat er sich in Whitehead getäuscht? Benutzt dieser ihn nur, um sich selbst zum Boss der Stadt zu machen? Erst in einer letzten dramatischen Auseinandersetzung gelingt es Cass Morgan das Rätsel um Rufus Whitehead zu lösen...Jetzt lesen
G. F. Unger Sonder-Edition 117 - WesternIn Gedanken nannte ich ihn ein vom Ehrgeiz zerfressenes Schwein. Denn er kannte nur seine Karriere als Offizier. Ihr ordnete er alles unter, selbst sein Gewissen und jedes Gefühl für Menschlichkeit. Sogar seine Soldaten und seinen Eid auf die Fahne opferte er seinem Wahn. Vor allem als Bad Wolf ihm die Frau entführte und ihn mit zweihundert Soldaten in die Falle lockte. Warum ich für den arroganten Mistkerl den Chefscout machte, fragen Sie mich? Warum ich ihm diente, anstatt ihn einfach umzubringen und so vielen armen Teufeln das Leben zu retten? Nun, es gab da leider etwas, das uns auf Leben und Tod verband. Aber um das zu verstehen, müssen Sie schon unsere Geschichte lesen...Jetzt lesen
G. F. Unger Sonder-Edition 118 - WesternFür mich, den Sattelstrolch, war es ein Geschenk des Himmels, als Big Herb Morgan mir anbot, in seine Dienste zu treten. Denn ein Mann, der sich Morgans Befehlen bedingungslos unterwarf, konnte bei ihm sein Glück machen. So wurde ich ein Caballero und besaß das Vertrauen des Kings. Doch dann kam der Tag, an dem Sybille Morgan mir ihr furchtbares Geheimnis verriet. Meine Entscheidung stand fest: Ich durfte Big Herb Morgan nicht länger gehorchen. Auch wenn ich mir den Teufel selbst zum Todfeind machte...Jetzt lesen
G. F. Unger Sonder-Edition 119 - WesternDer alte Thor Cleveland hat ein Königreich zu vergeben. Die Thronanwärter sind seine drei Vormänner, und der Preis, den sie ihm zahlen sollen, ist Mesa King, der Wildhengst. Ben McClellan weiß, dass er und seine Konkurrenten vor der schwierigsten Aufgabe ihres Lebens stehen. Und als er sieht, wie die beiden Mitbewerber um Clevelands Thron versuchen, den Hengst mit brutaler Härte zu zerbrechen, und trotzdem scheitern, weiß er auch, welch ein Fuchs sein Boss ist. Denn Thor Cleveland hat sich wirklich etwas einfallen lassen, um herauszufinden, wer unter seinen Männern ein würdiger Nachfolger für ihn ist...Jetzt lesen
G. F. Unger Sonder-Edition 120 - WesternDies ist die Geschichte von Jim Quaid, der als Junge die Härte und Grausamkeit des Krieges erfuhr und sich nach der Kapitulation der Südstaatenarmee in einen Lebenskampf hineingeworfen sah, der noch gnadenloser war als der Krieg, aus dem er kam. Sechszehn erst, ohne Eltern und Heimat, herumgestoßen und verachtet, kennt er nur den einen Wunsch: einmal ein stolzer, von der ganzen Welt respektierter Mann zu werden. Sein schneller Colt schien ihm hierfür das große Zaubermittel zu sein...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Mann im Schatten

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 9

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Vorschau

Mann im Schatten

Lieber Leser!

In dieser Geschichte ist auch von einem Town Marshal die Rede, und ich möchte dazu einiges erklären:

Es entstanden damals immer wieder aus wilden Camps Städte, deren Bürgerschaft Männer unter Vertrag nahm, die sie für geeignet hielt, in der Stadt für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Das war u. a. in Dodge City, Tombstone und vielen anderen Städten so. Ein Town Marshal vertrat die Stadtgesetze und unterstand den Vertretern der Bürgerschaft. Außerhalb der Stadtgrenzen hatte er keinerlei Amtsbefugnis.

Ein Town Marshal war also weder ein Sheriff noch ein US-Marshal, der das Bundesgesetz vertrat.

Nicht wenige der einstigen Town Marshals waren Revolverhelden, und es kam nicht selten vor, dass z. B. eine Stadt in Kansas einen Town Marshal unter Vertrag hatte, der in Arizona oder einem anderen weit entfernten Staat wegen irgendwelcher Verbrechen gesucht wurde.

Hierfür gibt es genügend historische Beispiele.

Ein solcher Mann war James Butler Hickok, geb. 1837 in Illinois, erschossen 1876 in einem Saloon in Deadwood. Wild Bill Hickok war ein Revolverheld und Spieler. Dennoch war er in einigen Städten Marshal, tötete dort viele Revolvermänner, obwohl er selbst einer war. Aber die wilden Städte, wie z. B. Hays City und Abilene, brauchten solche harten, skrupellosen Burschen.

So war das damals.

Man muss sich also unter einem Town Marshal nicht immer einen redlichen, untadeligen Gesetzesvertreter vorstellen. Diese kamen erst später, nachdem die Revolver-Marshals mit dem Gesindel, das oft ihresgleichen war, aufgeräumt hatten. Was damals geschah, kann man nicht mit heutigen Maßstäben messen – und die damaligen Rechtsverhältnisse lassen sich nicht mit unseren heutigen vergleichen.

Es war die wilde Zeit des Umbruchs, in der das heutige Amerika entstand.   G.F. Unger

1

Von Sun Mesa hatte ich schon gehört; es war eine Stadt, in der sich nur harte Burschen behaupten konnten. Allen anderen Leuten wurde dort mehr oder weniger das Fell über die Ohren gezogen.

Die Postlinie endete in Sun Mesa, und der Mann, auf dessen Fährte ich nach Colorado kam, hatte die Post von Denver nach Sun Mesa genommen und war bisher bei keiner Station ausgestiegen.

Ich wusste, dass ich ihn in Sun Mesa treffen würde. Diesmal war ich sicher. Das sagte mir nicht nur mein Verstand – auch mein Instinkt. Es fehlten die merkwürdigen Ahnungen, die mich stets fühlen ließen, wenn etwas schief gehen würde.

Die letzten zwei Meilen stieg die Poststraße ständig an, und ich ließ meinen Archie ruhig gehen. Wir hatten ja Zeit.

Als wir dann auf der Hochebene waren, da sah ich die Stadt Sun Mesa in ihrem Lichterglanz. Aus der Ferne sah alles gut und freundlich aus. Die vielen Lichter wirkten ruhig und warm, wärmer als die kalten Sterne, die so fern und unirdisch waren.

Dort war eine Stadt mit Menschen jeder Art, mit Sünden und Lastern. Und die Freundlichkeit und Wärme, die von den Lichtern ausging, war nur Bluff.

Ich wusste genau, dass ich in eine wilde Stadt ritt.

Es würde Kummer geben, wenn ich auf Rex Massey stieß. Wenn er mich erkannte, würde er die Waffe ziehen und schießen, denn das war seine einzige Chance.

Aber auch ich hatte gegen diesen gefährlichen Burschen nur eine Chance. Ich musste aufpassen, dass er mich nicht zuerst sah. Ich war nicht sicher, ob ich ihn im Ziehen schlagen konnte.

Rex Massey hatte die schnellsten Hände, die ich jemals sah. Er tat nichts anderes, als mit den Karten oder dem Colt zu jonglieren und Kunststücke zu üben. Archie witterte widerwillig zu der Stadt hinüber, schnaubte unruhig und schüttelte seinen Kopf, als wollte er sagen: Cass, bleib weg von Sun Mesa. – Du wirst doch nicht ein so großer Narr sein und mit mir nach Sun Mesa reiten, Cass Morgan?

So heiße ich: Cass Morgan – ein Name wie viele andere. Auch mein Äußeres fiel nicht aus dem Rahmen. Ich war ziemlich lang und von einer trockenen Hagerkeit. Tausend Cowboys sahen nicht viel anders aus als ich. Besonders hübsch war ich ganz und gar nicht, eher hässlich und dunkel wie ein Sioux. Als junger Bursche war ich auf einer Ranch mit einem harten Mann zusammengeraten, dem ich das Pferd satteln und die Stiefel putzen musste; denn er war der Boss unserer Mannschaft – und ich der jüngste Reiter, der sich erst zuletzt das Steak von der Platte nehmen durfte.

Als ich mich erwachsen fühlte, kam es also zum Kampf.

Seitdem trug ich die Narben in meinem Gesicht. Dass ich nicht mehr länger eines anderen Mannes Pferd satteln und seine Stiefel putzen musste, hatte ich teuer bezahlt – auch das Vorrecht, mir zuerst das Fleisch nehmen zu dürfen – das größte und beste Stück. Aber man muss für alles im Leben bezahlen.

Auch Rex Massey, den ich in Sun Mesa zu finden hoffte, würde bezahlen müssen.

Ich sagte Archie, dass er weitertraben solle. Er gab sein unwilliges Schnauben auf und begann zu traben.

So kamen wir der wilden Stadt immer näher, und bald hörten wir ein gewisses Summen und Brausen, das zusammengesetzt war aus tausend Geräuschen. Als wäre Sun Mesa ein riesiges Hornissennest, so klang es. Zu meiner Rechten begann plötzlich ein Zaun. Ich erkannte im Mond- und Sternenlicht im gleichen Moment, was da eingezäunt war.

Gräber! Das da war der Friedhof. Es gab eine Menge Grabsteine, einfache Bretter und Holzkreuze. Dieser Friedhof war so groß, als wäre die Stadt schon einige Dutzend Jahre alt oder als hätten irgendwelche Seuchen gewütet.

Doch Sun Mesa war erst vor zwei Jahren entstanden. Man fand in den Hügeln ringsum Silber, obwohl man nach Gold gesucht hatte. Es war genügend Silber da, so dass man sich damit zufriedengab und auf das Gold verzichtete.

So entstanden einige große Minen und viele kleine, ein Stampfwerk und eine Schmelze. Die Stadt Sun Mesa wuchs aus einem primitiven Camp.

Mit dem Wohlstand und Reichtum kamen die Glücksritter, die Schurken und Schufte, der ganze Abschaum des Westens.

Das ist ja überall so auf der Welt. Dort, wo der Dollar leicht rollt, da sammeln sie sich alle – alle. Sie begehen alle Sünden und verfallen allen Lastern.

Ich kannte solche Städte; denn ich kam ziemlich weit herum. Ich hatte auch schon von Sodom und Gomorrha gelesen, den zwei lasterhaften Städten, die Gott vernichtet hatte.

Es gab also immer solche Orte, würde sie auch immer wieder geben.

Sun Mesa war auch so. Als ich zwischen den ersten Häusern hineinritt, entdeckte ich gleich den Mietstall, bog in die Einfahrt ein und sagte dem Stallmann, der mich im Schein der Laterne scharf und wachsam musterte, dass er meinen Rappwallach gut abreiben und erstklassig füttern solle.

»Für zwei Dollar«, brummte der Mann, »werde ich das tun, Mister.«

Ich gab ihm die zwei Dollar und sagte ihm, dass er noch einen bekäme, wenn ich nichts an Archies Unterbringung auszusetzen hätte.

Dann ging ich wieder. Ich wusch mir auf dem Hof flüchtig den Staub aus dem stoppelbärtigen Gesicht und trank einen Schluck Wasser. Das Wasser war gut und kühl. Der Brunnen war tief. Ein Windrad drehte sich ständig im kühlen Nachtwind und pumpte Wasser aus dem Brunnenschacht. Das Gestänge war gut geschmiert. Selbst wenn es gequietscht hätte, die Stadt war sehr viel lauter und übertönte mit ihrem Lärm alles andere.

Sun Mesa brüllte, tobte, grölte.

In fast allen Tingeltangels, die sich rechts und links der Hauptstraße drängten, spielten Kapellen – und wie sie spielten: laut und noch lauter.

Vor all diesen Amüsierhöllen, Tanz- oder Spielhallen, standen die Anreißer und verkündeten lauthals die fragwürdigen Freuden, die drinnen auf jeden Besucher warteten.

Und der Strom der mehr oder weniger angetrunkenen und nach den tausend angepriesenen Freuden lüsternen Minenarbeiter wälzte sich unaufhörlich auf beiden Seiten der Straße, drängte in die Lokale hinein.

Überall waren die schweren Wagen der Minen abgestellt, mit denen zwei oder drei Dutzend Arbeiter in die Stadt gefahren kamen. An den Haltestangen standen aber auch Rinderpferde, und diese erinnerten daran, dass es in der Gegend einige große Rinderranches, Dutzende kleiner Ranches, Farmen und Siedlerstätten gab.

Es waren also auch sporentragenden Reiter auf den Gehsteigen zu sehen.

Sun Mesa lief über wie ein brodelnder Suppentopf.

Ich fragte mich, wo ich Rex Massey finden könnte. Diese Frage war eigentlich leicht. Ich blieb an einer Hausecke neben einem Mann stehen, der wie ein Cowboy aussah, an einem Zündholz kaute und in der Hosentasche mit einigen Dollars klimperte. Er überlegte sichtlich, wohin er gehen sollte. Er stand an einer Ecke, und im Hintergrund der schmalen Gasse leuchtete eine rote Laterne.

Ich fragte: »Bruder, wo ist hier der nobelste Laden, wenn es darum geht, ein Spiel zu machen?«

Er betrachtete mich etwas zweifelnd. Dann grinste er: »In der Royal First Class Hall, da gibt es kein Limit. Doch wer so abgerissen aussieht wie du, Bruder, der muss erst sein Geld vorzeigen, bevor sie ihm die Tür öffnen. – Mit ein paar Knöpfen lassen sie dich erst gar nicht rein. Aber es gibt auch noch anderen Spaß, meine ich. Es muss ja nicht die nobelste Spielhalle sein. – Am Ende der Gasse ist Fair Marys Etablissement. Ich führe dich dort gern ein und …«

»Danke, Bruder«, unterbrach ich ihn. »Ich muss in die Royal First Class Hall. Das lässt sich leider nicht aufschieben. Wie komme ich hin?«

»Hinter der zweiten Gassenmündung auf der anderen Seite, dort, wo die meisten Laternen die Nacht zum Tag machen. – Ach, dann geh ich eben allein zu Fair Marys Mädels.«

Entschlossen stampfte er in die Gasse hinein auf die rote Laterne am anderen Ende zu.

Ich ging weiter, kam aber nicht weit. Aus einem der Saloons drängte sich plötzlich ein ganzer Schwarm von Männern. Es waren fünf oder sechs. Sie hatten sich ineinander verbissen wie Wildkatzen. Es handelte sich offensichtlich um zwei kämpfende Parteien, und ich konnte erkennen, dass es drei Minenarbeiter und zwei Cowboys waren. Sie wälzten, stießen, schlugen und zerrten sich bis in die Mitte der Fahrbahn, wo der Staub und Dreck am tiefsten waren. Dort kämpften sie dann mit wechselndem Erfolg, wobei sie reichlich Zuschauer hatten, die sie anfeuerten.

Schließlich bekamen die beiden Cowboys allmählich die Oberhand, weil die Miner schon ziemlich betrunken waren. Das machte sich nun in der frischen Nachtluft bemerkbar.

Plötzlich kam ein Reiter angeritten, ein wuchtiger Mann auf einem großen Braunen. Er ritt einfach in den sich balgenden Männerhaufen. Sein Pferd – offenbar daran gewöhnt – rammte mit Brust und Schultern die Männer zur Seite und stieß sie auseinander. Der Reiter beugte sich blitzschnell nach links und rechts aus dem Sattel und schlug mit dem Revolverlauf auf einige Köpfe. Das ging blitzschnell und wirkte leicht wie eine Spielerei.

Dann war auch schon alles vorüber. Die Prügelei war beendet. Alle fünf Männer lagen im Staub, vom Pferd umgeworfen oder vom Reiter zusammengeschlagen. Als sich der Reiter im Sattel aufrichtete, sah ich den Stern auf seiner Weste blinken.

Es war der Marshal.

Es war Marshal Rufus Whitehead. Von ihm hatte ich schon gehört, denn er war einer der legendärsten Städtezähmer. Die Bürgerschaft von Sun Mesa hatte ihn vor nicht langer Zeit angeworben, damit er diese wilde Stadt unter Kontrolle halten und wenigstens einigermaßen für Sicherheit und Ordnung sorgen sollte.

Nun hatte ich ihn bei der Arbeit gesehen. Ein eisenharter, schneller und gefährlicher Mann, der nicht lange überlegte, sondern rücksichtslos durchgriff, weil dies die einzige Chance war, die Stadt unter Kontrolle zu halten.

Er glich einem Dompteur, der in einem Raubtierkäfig vorwiegend Löwen, Tiger, Panther, Wölfe und Giftschlangen, aber nur wenige friedliche Tiere hat.

Und so hatte er zwei Aufgaben: Er musste verhindern, dass die Raubtiere sich gegenseitig umbrachten und er musste aufpassen, dass sie nicht über die friedfertigen Tiere herfielen.

Er konnte sie nur unter Kontrolle und im Zaum halten, wenn er nicht die geringste Furcht erkennen ließ. So ungefähr war es.

Ich wusste das, denn ich war nicht fremd in dieser Branche.

Der Marshal war ein einsamer Mann, vielleicht sogar ein Narr, der sich für unverletzbar und unüberwindlich hielt, der an sein Glück und seine Stärke glaubte.

Dabei machte er sich jede Nacht Feinde, hatte sicher schon Dutzende.

Mit einer einzigen Kugel aus einer der dunklen Gassen wäre er hin.

Oha, ich hatte schon ein solches Ende einiger harter Gesetzesmänner in wilden Städten gesehen oder davon gehört. Ich wusste, dass auf die Dauer keiner davonkommen konnte.

Wir waren ein ziemlich dichter Kreis von Zuschauern geworden.

Einige kannte der Marshal beim Namen. Er rief sie an und befahl ihnen: »Bringt diese Dummköpfe in die Zellen! Nehmt ihnen die Waffen ab! George Summer! Sie sind mir dafür verantwortlich!«

Dann ritt er weiter.

Und ich blieb, um zu sehen, ob man seine Befehle ausführen würde. Man tat es. Die Männer, die er benannt hatte – und besonders George Summer –, verlangten von anderen Zuschauern Hilfe. So bekam man die fünf betrunkenen oder noch halb bewusstlosen Burschen auf die Beine und brachte sie fort – in das Stadtgefängnis.

Der Marshal auf seinem Pferd war schon nicht mehr zu sehen; er war in eine Gasse eingebogen.

Ich ging weiter, um die Royal First Class Hall zu erreichen, dachte aber noch eine Weile über Marshal Rufus Whitehead nach.

War er ein Narr, der an seine Unverletzlichkeit und Unbesiegbarkeit glaubte? Verachtete er aus Dummheit die Gefahr?

Oder hatte er Vorsorge getroffen und wusste genau, was er tat und wie weit er gehen konnte?

Ich verbannte jeden Gedanken an ihn, denn ich stand vor der Royal-Spielhalle. Ich zögerte keine Sekunde und ging hinein.

Natürlich wusste ich nicht, ob ich Rex Massey dort finden würde. Das war noch fraglich.

Doch wenn Rex Massey heute um diese Zeit und in dieser Stadt ein Spiel machte, dann tat er das bestimmt in der nobelsten Spielhalle und dort, wo die Einsätze ohne Limit waren.

Mit kleinen, zweitrangigen Dingen gab sich der Spieler und Revolverheld Rex Massey niemals ab. Wenn er eine Frau eroberte, dann war es die schönste. Wenn er ein Pferd kaufte, dann war es das Beste. Wenn er ein Spiel machte, dann war es stets ein großes Spiel. Und wenn er sich mit einem Gegner einließ, dann war das kein kleiner Mann. Alles, was Rex Massey tat, war von besonderem Format. Er war ein Edeltiger. Das wusste ich, weil ich ihn gut genug kannte. Wir waren uns in einigen Camps und Städten begegnet – bis dann in einer Stadt etwas geschah, das mich zwang, seiner Fährte zu folgen.

Und nun? Würde diese Fährte hier enden? Und für wen? Für ihn oder für mich?

Das waren die Fragen, die ich mir stellte, als ich in die Royal Hall ging und mich umsah.

Zuerst kam man in die große Spielhalle, in der man auf jede Art sein Spiel riskieren konnte. Sogar Billard konnte man auf guten Tischen spielen – und natürlich Poker, Pharao, Blackjack, Roulette, Würfel – nur nicht Halma.

Es war auch eine Bar da, und alles sah recht nobel aus mit dicken Teppichen, Spiegeln und Ölbildern an den Wänden, vielen Messingspucknäpfen, eleganten Möbeln, Vorhängen, schweren Kronleuchtern und Wandlampen.

Vor einem dicken Samtvorhang standen zwei Kerle, die von unterschiedlicher Sorte waren.

Einer war ein ehemaliger Preiskämpfer. Das konnte man unschwer an seiner Statur und an seinen Blumenkohlohren erkennen. Der andere Bursche war ein Revolvermann. Einer von der Sorte, die sich wie Dandys kleideten, aber keine waren. Diese nachgemachten Gentlemen waren hart geblieben, obwohl sie nicht mehr Flanell-, sondern nur noch Seidenhemden mit Rüschen trugen.

Als ich vor ihnen stand, betrachteten sie mich sorgfältig. Und sie ließen sich nicht von meinem abgerissenen, staubigen Äußern täuschen. Sie hielten mich von Anfang an nicht – was andere Menschen oft taten – für einen Cowboy, der von weither gekommen war, um einmal eine Stadt zu sehen.

Sie hatten mich sofort durchschaut. Wären sie Wölfe gewesen, dann hätten sie warnend geknurrt, und ihre Nackenhaare hätten sich gesträubt. So sahen sie mich nur böse an.

Ich nickte ihnen zu. »Lasst mich nur hinein, Freunde«, sagte ich.

Sie zögerten noch und überlegten, und ich sah sie an. Sie begriffen plötzlich, dass ich mächtigen Verdruss bringen würde, wenn sie mir den Weg versperren würden.

Oh, sie hatten keine Angst. Das war es nicht. Sonst hätten sie diesen Job nicht ausgeübt. Aber sie hatten wohl auch den Befehl, jeden unnötigen Ärger zu vermeiden.

Ich kam ihnen zu Hilfe, machte einen ruhigen Schritt zwischen ihnen hindurch, teilte mit einer Handbewegung den dicken Vorhang und trat in einen der nobelsten Spielräume, die es damals in ganz Colorado gab. Und das wollte etwas heißen, denn man leistete sich in diesen Silber- und Goldstädten eine Menge unvernünftigen Luxus. Es gab sogar Leute, die ließen sich die Dielen ihrer Häuser mit Silberstücken pflastern.

Es war eine Pracht. Man glaubte, in den Spielsaal eines Palastes zu treten. Meine schmutzigen Stiefel versanken in weichen Teppichen.

Die Gesellschaft war bunt und gemischt.

Da saßen reiche Minenbesitzer, Geschäftsleute und ein Rindermann, der sicher erst vor wenigen Stunden eine Longhornherde zu einem guten Preis verkauft hatte. Die Minenarbeiter brauchten jeden Tag Tausende von Steaks.

Es waren reiche Geschäftsleute da, Spekulanten, und es gab auch einige Burschen, die so stoppelbärtig und abgerissen waren wie ich – und deren Taschen voll Geld steckten.

Einige Spieler von Format hielten die Bank an den Tischen. An einem Pharao-Tisch teilte eine Frau die Karten aus. Sie war schön und verlockend wie die Sünde. Nicht wenige der Spieler an ihrem Tisch spielten nur deshalb, um sie aus nächster Nähe betrachten zu können. Auch ich hätte das gerne getan, denn sie war ein wunderbares Mädchen mit roten Haaren und grünen Augen. Ihr Kleid hatte genau die Farbe ihrer Augen.

Ihr Gesicht war von einer rassigen Schönheit, und wenn sie lächelte, was sie oft genug tat, blitzten ihre Zähne.

Sie war in dieser wilden Stadt und in diesem frauenarmen Land etwas, das man sich ansehen musste. Dabei spielte es gar keine Rolle, ob sie in ihrem Kern gut oder schlecht war.

Es kam erst einmal auf ihr Äußeres an. Wahrscheinlich war sie eiskalt und berechnend, eine scharf kalkulierende Glücksjägerin, die am Spieltisch mehr verdiente als ein guter Bergwerksingenieur bei der Arbeit in den Minen.

Ihr Blick traf mich kurz, wollte über mich hinweggleiten, kam jedoch sofort wieder zurück. Auch sie hatte schnell erkannt, dass man mich zweimal ansehen musste.

Ich grinste sie an und zog meinen Hut. Ganz so, als sei sie mir von irgendwoher bekannt und müsse auch sie mich kennen. Dann kehrte ich ihr den Rücken zu.

Ich musste zuerst herausfinden, ob Mister Rex Massey im Raum war, und wenn er hier an einem Spieltisch saß, dann musste ich ihn sehen, bevor er mich entdeckte. Ich hoffte nur, dass er mich – so stoppelbärtig und abgerissen – nicht in Sekundenschnelle erkennen konnte. Dann würde er sofort ziehen. Ich brauchte die Zeitspanne, in der zweifelte und zögerte.

Als ich mich also abwandte, sah ich ihn auch schon.

Ja, das war Rex Massey, und er sah wie ein nobler Gentleman aus, steckte in einem erstklassigen Maßanzug und trug ein gefälteltes Hemd, eine seidene Krawatte mit einer Brillantnadel. Auch an seiner Linken blitzte ein großer Brillant. Er war ein dunkler Typ, und seine glattrasierten Wangen schimmerten bläulich.

Um seinen Spieltisch, an dem alle Plätze besetzt waren, standen einige Zuschauer, die ihm bisher die Sicht versperrt hatten.

Doch ich war ein Stück weitergegangen. Außerdem hatte sich einer der Zuschauer zum Imbisstisch an der Wand entfernt.

Und da sah ich ihn also.

Er aber sah auch mich.

Er erkannte mich sofort und begriff im selben Augenblick, dass ich nicht zufällig hier auftauchte, sondern seinetwegen. Er wusste in dem Moment auch, was das bedeutete.

So zögerte er nicht eine Sekunde.

Er warf sich rückwärts mit dem Stuhl zu Boden. Dabei zog er unheimlich schnell seinen kurzläufigen Revolver aus dem Schulterhalfter. Oha, was war er schnell! Und wie entschlossen handelte er! Er war wie eine Katze.

Aber ich war darauf vorbereitet. Ich wusste, was geschehen würde. Und so hatte auch ich im selben Moment nach der Waffe gegriffen. Sie kam glatt aus dem Halfter; ich wusste, dass ich so schnell zog wie vielleicht noch niemals in meinem Leben.

Als ich abdrückte, blitzte sein Mündungsfeuer. Seine Kugel fetzte durch mein über dem Gürtel aufgebauschtes Hemd und streifte leicht die Haut über der Hüfte.

Dann war es vorbei.

Ich lebte und hatte besser getroffen.

Nun erst holten mich mein Verstand und meine Gedanken wieder ein. Zu dem Gefühl, am Leben geblieben zu sein – kam schon bald das Gefühl der Bitterkeit. Ich spürte keine Freude mehr, sondern fragte mich, was ich nun davon hatte und warum ich es überhaupt tat. Ich fühlte mich plötzlich ausgebrannt und müde, denn die Fährte war lang gewesen; ich hatte sie oft genug verloren und nur schwer wiedergefunden. Manchmal musste ich in den Städten nach Anhaltspunkten suchen. Es war schwer, Rex Massey zu finden – aber es war dann gar nicht schwer, ihn zu töten.

Ich spürte jetzt keine Befriedigung, sondern Bitterkeit. In Gedanken nannte ich mich einen verdammten Revolverhelden.

Inzwischen war ich bis zur Wand zurückgewichen und hielt die Waffe noch in der Hand. Es roch nach Pulverrauch, und die Leute im Raum, die erst losgebrüllt und sich in Deckung geworfen hatten, nachdem schon alles vorbei war, starrten mich an wie ein Tier mit zwei Köpfen.

Dann kamen die Hauspolizisten. Auch die beiden Burschen, die draußen gestanden hatten und mich nur ungern eintreten ließen, waren dabei. Der Ex-Preiskämpfer sagte bitter: »Aha, der also! Den hätten wir doch nicht einlassen sollen. – Jetzt haben wir den …«

Er wollte wohl »Salat« sagen, doch inzwischen sahen er und die anderen, mit wem ich mich geschossen hatte.

Sie sahen Rex Massey am Boden liegen und stellten fest, dass er tot war. Als sie mich dann anblickten, taten sie das respektvoll und waren sehr vorsichtig.

Sie kannten Rex Massey sicher gut genug als Edeltiger. Vielleicht hatten sie ihn gefürchtet. Auf jeden Fall hatte er sich unter ihnen längst Respekt verschafft – den hatten sie jetzt vor mir.

Nun tauchte ein Mann auf, der offensichtlich in diesem Laden etwas zu sagen hatte.

Es war ein dicker Mann, quallig und nicht besonders groß. Er hatte ein rotbäckiges Gesicht, einen kahlen Schädel und keinen Hals. Seine Arme waren lächerlich kurz und dick, und in seiner Linken hielt er ein blaues Taschentuch, mit dem er sich ständig den Schweiß aus dem Gesicht und vom Kopf wischte. Es sah so aus, als wollte er seine Glatze polieren.

Seine kleinen, tief in Fett gebetteten Augen waren hart wie Flintstein und kalt wie Gletschereis. Seine Stimme klang wie die eines Colonels. Er sah mich an und sagte: »Bleiben Sie dort stehen, Cowboy. Der Marshal wird geholt.«

Dann wandte er sich an die Gäste und fragte einen Mann, der mit am Spieltisch gesessen hatte und den er offensichtlich gut kannte, nach dem Verlauf der Sache. Der Gefragte sah mich scharf an. Dann wandte er sich wieder zu dem Dicken und sagte: »Ach, das ging so schnell, Earl. Roy Madden warf sich plötzlich mit dem Stuhl nach hinten und zog den Revolver. Das ging blitzschnell, aber dennoch nicht schnell genug für diesen Fremden, bei dessen Anblick Roy Madden auch schon das Eisen in der Hand hatte. Mehr ist nicht zu sagen.«

Nun sahen sie mich alle an.

»Er hieß Rex Massey«, sagte ich. »Roy Madden war nicht sein richtiger Name. Er hat in Warbluff den Sheriff getötet. Es gibt einen Steckbrief von ihm. Zweitausendfünfhundert Dollar Belohnung! – Tot oder lebendig! Man soll einem Toten nichts Schlechtes nachsagen, doch er war der beste Falschspieler, den es jemals gab. – Ich gehe jetzt. Ich bleibe in der Stadt. In einem Hotel kann der Marshal mich finden.«

»Gehen Sie gleich nebenan ins Royal-Hotel«, sagte der Dicke. »Ich bin der Besitzer. – Earl Dawson ist mein Name. Ich lasse Ihnen ein gutes Zimmer geben. Wenn das Play Rex Massey war, von dem ich schon viel hörte, dann bin ich Ihnen vielleicht zu Dank verpflichtet. Ich bemühe mich, meinen Spielsaloon sauber zu halten. Play Rex Massey hätte keinen Spieltisch bekommen, wenn ich gewusst …«

»Schon gut«, sagte ich und ging. Ich hielt den Revolver immer noch in der Hand, wenn auch mit dem Lauf nach unten. Ich kannte mich aus.

Aber niemand hielt mich auf. Man machte mir Platz.

Erst im großen Spielraum steckte ich den Colt ein. Man starrte mich von allen Seiten an, und es öffnete sich eine Gasse durch die Leute, die vor dem Eingang des First Class Room standen.

Ich kam unbehelligt auf die Straße. Ein Stück weiter baumelte das Schild des Royal Hotels unter den beiden Lampen über dem Eingang.

Der Dicke hatte mir ein Zimmer angeboten. Sollte ich es nehmen?

Es würde schwer sein, in dieser überfüllten, turbulenten Stadt eine Bleibe zu finden. Ich war ausgebrannt und müde. Die Jagd war zu Ende – ich hatte Rex Massey getötet. Ich wollte allein sein, sehnte mich nach einem dunklen Zimmer und einem Bett. Ich musste nachdenken, um das, was geschehen war, zu bewältigen. Ich kannte diese schlimmen Stunden, denn Rex Massey war nicht der erste Mann, den ich im Zweikampf erschoss. Ich wusste, dass ich alles in meinen Gedanken und in der Erinnerung wieder und wieder erlebte. Schwarze Stunden lagen vor mir. Bei aller Müdigkeit würde ich keinen Schlaf finden.

Früher hatte ich versucht, mich mit Alkohol zu betäuben. Dabei wäre ich fast zum Säufer geworden, und die Ernüchterung danach war schlimmer als alles andere vorher.

Ich ging also ins Hotel, und auf wunderbare Weise wusste der Portier schon Bescheid. Ich bekam schnell ein Zimmer. Bald darauf lag ich auf dem Bett.

Das Fenster stand offen. Der Lärm der Stadt brauste unaufhörlich. Es war etwa so, wie wenn man dicht bei einem Wasserfall sein Camp aufschlägt. Nach einer Weile hat man sich an das Brausen gewöhnt und nimmt es gar nicht mehr wahr.

Ich dachte an Rex Massey, den ich erschoss.

Durfte ich das tun?

Das war die bohrende Frage.

Meine Gedanken wanderten zu dem Mann, den Massey getötet hatte, weil er ihn des Falschspiels überführte. Dieser Mann hieß Nathan Stone. Er war der Sheriff von Warbluff.

Ich war sein Gehilfe und hatte ihm nicht beistehen können. Ich konnte nur seinen Mörder verfolgen und stellen.

Sollte ich nach Warbluff zurückreiten? Würde man mir dort das Sheriffsamt geben, damit ich nicht länger Deputy zu sein brauchte?

Ich bezweifelte das. Für die Leute in Warbluff war ich ein Revolverheld, gut genug, um einem soliden und verantwortungsbewussten Sheriff gesetzteren Alters Waffenhilfe und Rückendeckung zu geben – doch mehr nicht. Ich war bestimmt, der Mann im Schatten zu sein. Welche Stadt wählt schon einen Revolverschwinger zum Sheriff und gibt ihm die Macht des Gesetzes? Nein, ich brauchte nicht nach Warbluff zurück. Was ich dort hatte oder bekommen konnte, konnte ich auch woanders haben. Ich wollte nicht mehr zurück.

Morgen würde ich überlegen, was ich tun sollte.

2

Irgendwann war ich eingeschlafen. Als ich am späten Morgen erwachte, schien der gestrige Tag sehr fern und weit zu liegen. Es kam mir alles wie ein böser Traum vor – ein Alptraum, den man gerne vergessen möchte.

Ich lag eine Weile still da.

Auch die Stadt war still. Es lärmte und tobte niemand mehr. Alles war regungslos, ruhte nach einer Nacht der Laster und Sünden aus.

Ich spürte Hunger, der mich immer mehr quälte. Oh, ich hatte ja vierundzwanzig Stunden nichts gegessen! Das Frühstück gestern war die letzte Mahlzeit. Danach rauchte ich nur oder trank dann und wann einen Schluck Wasser.

Ich stand auf, wusch mich und säuberte meine Kleidung, so gut es ging. Mit einem scharfen Messer, das ich im Stiefelschaft trug, rasierte ich mich.

Danach betrachtete ich mein hageres, narbiges Sioux-Gesicht im Spiegel, und ich war ganz und gar nicht zufrieden mit dem Burschen, der mir entgegenblickte, der Cass Morgan hieß und in Texas auf einer Rinderranch geboren wurde.

Ich verließ das Zimmer, ging nach unten und durch einen Verbindungsgang zum Restaurant hinüber. An einem Ecktisch saß ein Mann, den ich kannte. Er aß Spiegeleier, Schinken und Brot und trank pechschwarzen Kaffee, der bestimmt so stark war, dass er einen toten Indianer wieder munter gemacht hätte.

Er sah mich kauend an und nickte. »Da sind Sie ja«, sagte er. »Sie sind doch der Mann, der gegen Rex Massey gewinnen konnte? Oder war es nicht Rex Massey? – Ich glaube, Sie sind mir einige Erklärungen schuldig, Freund. – Hoffentlich wissen Sie es zu schätzen, dass ich Sie nicht aus dem Bett holte?«

Es war der Marshal Rufus Whitehead, dem ich gestern bei meiner Ankunft in Sun Mesa bei der Arbeit zugesehen hatte.

Nun war er schon wieder auf und entwickelte einen gesegneten Appetit.

Ich trat an seinen Tisch, blickte auf ihn nieder und sah einen Ausdruck in seinen Augen, der mich in Erstaunen setzte.

In diesen Augen war ein heißes Flackern.

Der Mann war vielleicht gar nicht eiskalt und beherrscht, sondern impulsiv und unberechenbar.

Ich setzte mich, gab bei der Bedienung, die sich näherte, meine Bestellung auf. Dann kramte ich Rex Masseys Steckbrief und seinen Haftbefehl aus einer Tasche, außerdem eine Bescheinigung, die mich als Hilfssheriff auswies, der den Auftrag hatte, Rex Massey zu finden und tot oder lebend einzubringen.

»Das wäre es wohl?«, fragte ich.

Und der Marshal, der sich alles sorgfältig durchlas, nickte.

»Selbst wenn Sie ohne Haftbefehl gekommen wären«, sagte er, »hätte ich Ihnen nichts anhaben können. Zeugen sagten, dass er bei Ihrem Anblick zur Waffe griff. Man fand in seiner Kleidung ein halbes Dutzend neuer Kartenspiele, die zwar nicht gezinkt, doch auf eine besondere Art sortiert waren. Mit einem solchen Kartenspiel kann jeder geschickte Jongleur zaubern. Nun gut, Sie haben ihn also von Warbluff hierher verfolgt. – Wie oft verloren Sie seine Fährte?«

»Ach, viele Male wollte ich schon aufgeben«, sagte ich bitter.

»Und warum taten Sie es nicht?« Seine Frage klang gespannt. Dabei sah er mich seltsam an. Es war, als versuchte er, tief in mein Inneres einzudringen und zu ergründen, was da wohl vorhanden war.

Ich wollte ihm sagen, dass ihn das nichts anginge, hatte aber plötzlich das Gefühl, es würde mir gut tun, wenn ich darüber sprechen konnte.

Und so sagte ich: »Der Sheriff in Warbluff war ein Mann, den ich achten musste. Ich hatte ihn gern, und ich war auch gern sein Gehilfe. Er war mehr als nur mein Boss. Als er Rex Massey beim Falschspiel erwischte, war ich nicht in der Stadt. Ich war hinter drei Indianern her, die aus dem Reservat ausgebrochen waren und eine kleine Farm überfallen hatten, deshalb konnte ich dem Sheriff nicht beistehen. Doch ich war es ihm schuldig, seinen Mörder zu finden. – Ja, und das tat ich.«

Ich verstummte nachdenklich.

Die Bedienung brachte mein Essen. Mein Magen knurrte, doch ich hatte keinen Appetit und aß lustlos. Der Marshal fragte: »Reiten Sie nach Warbluff zurück, Cass Morgan?«

Ich hatte ihm meinen Namen nicht gesagt. Er hatte ihn in den Papieren gelesen. Ich schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte ich. »Ich werde einen Brief an den dortigen Richter schreiben, einen Bericht geben und meinen Dienst kündigen. Ich kehre nicht nach Warbluff zurück. Es ist eine Stadt wie jede andere. Ich könnte doch nicht Sheriff werden. Sie machen dort keinen Revolverschwinger zum Gesetzesmann. Sie geben ihm nur einen untergeordneten Posten.«

Rufus Whitehead nickte wie ein Mann, der Bescheid weiß.

»Ja«, sagte er. »So ist das überall! Man braucht Männer, die das Gute vor dem Bösen schützen. Man lässt zu, dass diese Männer mit den Colts Gutes auf böse Weise tun. Dennoch sind sie nicht gesellschaftsfähig. Man hält sie für gewalttätig, für eine Sorte, die gerne jagen will und einen Jagdschein dafür haben möchte. Man lässt sie für Recht und Gesetz kämpfen. – Sonst bleiben sie im Schatten des Mannes, den man ehrenhaft nennt. – Ich kenne das, Cass Morgan. Doch hier in Sun Mesa ist es anders. Sun Mesa ist eine wilde Stadt mit eigenen Gesetzen. Wir haben keinen Sheriff hier. Man schickt uns dann und wann einen Hilfssheriff aus Denver – doch der kehrte stets bald um. Es gibt hier zu viele mächtige Leute, die keine Steuern zahlen und das auch in Zukunft nicht möchten. Darum halten sie das Gesetz aus dem Lande. – Ich vertrete die Stadtgesetze, sonst nichts. Ich bin angeworben, um hier in Sun Mesa für ein gewisses Maß an Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Die Bürger der Stadt, die Kaufleute und die Besitzer der Lokale, sie alle wollen, dass es ihre Stadt bleibt. Deshalb warben sie mich an. – Cass Morgan, ich biete Ihnen zweihundert Dollar im Monat und freie Unterkunft und Verpflegung für Sie und Ihr Pferd. Ich möchte Sie als Gehilfen haben.«

Ich sah ihn an.

Sein Vorschlag war gar nicht so ungewöhnlich, wie er sich vielleicht anhörte. So etwas gab es überall da, wo ein einzelner Mann für Ordnung sorgen sollte. Ein solcher Mann musste seine Rückendeckung sichern.

Das war wichtig.

Und nun hatte dieser Rufus Whitehead mich dazu bestimmt.

Ich sollte wieder der Mann im Schatten werden.

Zweihundert Dollar und alles frei.

In Warbluff hatte ich achtzig Dollar bekommen, und das war immer noch mehr als doppelter Cowboylohn. Zweihundert Dollar?!

Aber wie lange lebte man in dieser Stadt mit einem Stern an der Weste?

Während ich über diese Frage nachdachte, sagte Rufus Whitehead langsam und schwer: »Ich schaffe es nicht länger allein. Ich weiß, dass sie mich bald aus einer dunklen Gasse abknallen. Cass Morgan, ich brauche Hilfe. Oder ich werfe in einer Nacht alles hin und laufe davon. – Wir sind von einer Sorte. Sie wissen, wie das ist. – Ich brauchte einen Partner, auf den ich mich verlassen kann. – Und bei Ihnen weiß ich, dass man sich auch dann noch auf Sie verlassen kann, wenn man schon tot ist, wenn der Mörder entkommen konnte. Sie finden ihn. – Darauf kommt es an. Helfen Sie mir. Ich kann hier nicht kneifen und fortlaufen. Wenn man etwas anfängt, muss man es zu einem Ende bringen. Wollen Sie mein Vertreter und Gehilfe werden?«

»Ihr Schatten!«, sagte ich bitter. Und ich sah ihm fest in die Augen. Da erkannte ich, dass er mit seinen Nerven am Ende war. Er fürchtete sich vor der Nacht, wenn die Stadt wieder lärmte und tobte, und wenn er sie unter Kontrolle halten musste. Ich dachte daran, wie er gestern stolz zu Pferde ankam und die Keilerei einfach zerschlug.

Aber er fürchtete die ganze Zeit, aus einer Gasse eine Kugel zu erwischen.

Oh, ich wusste, wie das war.

Er tat mir leid.

Wenn er aufgäbe und fortliefe, so wäre er für immer erledigt. Er hätte nie wieder Mut.

»Ich überlege es mir«, sagte ich.

Da drängte er nicht mehr länger. Er war zu stolz dazu. Er beendete sein Frühstück, sagte noch einige belanglose Worte und ging hinaus. Er war etwas größer und schwerer als ich und hinkte leicht.

***

Ich schlenderte später durch die Stadt, sah sie mir bei Tage an. Es gab mehr als zwei Dutzend Saloons, Spielhallen, Tingeltangels, die kleinen Spelunken in den Gassen gar nicht eingerechnet. Es gab ein Dutzend Hotels und einige Dutzend Pensionen. Dazu kamen Restaurants und Speiseküchen, Läden jeder Art, einige Handwerksbetriebe, die Postagentur, die Bank, die Minen- und Grundstücksgesellschaft, der Frachtwagenhof und Fair Marys Häuser, vor denen nach Anbruch der Dunkelheit die roten Laternen brannten.

Es gab außer der Mesa Street noch die Sun Street; das waren die beiden Hauptstraßen. In der Mesa Street lagen die Tingeltangels, in der Sun Street die ordentlichen, seriösen Geschäfte und die Wohnhäuser der Bürger, die nichts mit dem Amüsierbetrieb zu tun hatten. Die beiden Hauptstraßen, die von Nord nach Süd liefen, wurden durchkreuzt von vier Gassen, die Erste, Zweite, Dritte und Vierte Straße hießen.

Nördlich der Vierten Straße, zwischen der Sun und der Mesa Street, lag der China-Block.

Als man vor wenigen Jahren in Nevada und Utah die Eisenbahn baute, die sich mit der Union Pacific vereinigte, tat man dies mit Hilfe eines Heeres von Chinesen, die nach Beendigung des Bahnbaus arbeitslos wurden und in alle vier Himmelsrichtungen zogen. Deshalb gab es auch hier in Sun Mesa ein China-Viertel. Viele der Minenarbeiter waren von gelber Hautfarbe.

Ich schlenderte also durch die Stadt und sah mir alles an; ich sah es mir so gut und gründlich an, dass ich mich auch in stockdunkler Nacht zurechtfinden konnte. Ich entdeckte mehr als ein Dutzend Winkel, von denen aus man einen Mann wie Rufus Whitehead, wenn er durch die Straßen ritt, leicht und ungesehen aus dem Sattel holen konnte.

Man wird vielleicht sagen, dass Whitehead lieber hätte zu Fuß gehen sollen, dann würde er nicht ein so großes Ziel bieten.

Nun, dies ging aus verschiedenen Gründen nicht.

Rufus Whitehead musste stets groß und imponierend wirken, völlig furchtlos und ganz so, als könne er sich diese Stadt jederzeit in die Hosentasche stecken. Wenn er dahergeritten kam, musste er aussehen, als könne ihn nichts aufhalten. So wirkte er auf seinem großen Pferd.

Außerdem war die Stadt für einen Mann, der stündlich seine Runden machen musste, viel zu groß. In irgendeiner Ecke der Stadt war immer etwas los. Ein Marshal musste schnell dorthin gelangen, sonst hätte er immer im Laufschritt eilen müssen.

Nein, ein Mann wie er musste reiten. Die Pose gehörte zu seinem Job – genau wie zu einem Offizier, der hoch zu Pferd seiner marschierenden Einheit vorausreitet.

Das war so. Aber es war auch gefährlich.

Als ich an einer primitiven Spelunke vorbei wollte, trat dort ein gähnender Bursche aus der Tür. Er hatte rote Haare und tausend Sommersprossen. Als er mich sah, klappte er schnell seinen aufgerissenen Mund zu und staunte.

»Du verdammter Indianer«, sagte er. »Was machst du in dieser gefräßigen Stadt?«

Dabei kam er auf mich zu und boxte mir freundschaftlich in die Rippen. Er grinste von einem Ohr bis zum anderen.

Auch ich freute mich, Jessup Adams wiederzusehen. Wir hatten zusammen Krieg und Gefangenschaft überstanden. Dann trennten sich unsere Wege. Ausgerechnet hier trafen wir uns wieder!

Ich knuffte und boxte ihn ebenfalls, und als wir uns dann anblickten, sagten wir zweistimmig, als hätten wir es zuvor eingeübt: »Darauf müssen wir einen Schluck trinken!«

Wir gingen in die Spelunke, traten an die roh zusammengezimmerte Bar und verlangten »Pumaspucke«. So hieß bei uns schon früher immer eine scharfe Sache.

Als wir getrunken hatten, bekam ich eine Weile keine Luft. Ein solches Feuerwasser hatte ich noch nie probiert. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn mir statt des Atems Flammen aus dem Mund geschlagen wären.

Jess Adams grinste und sagte: »Das ist echter Mondschein-Whisky für haarige Männer. Den bekommt man nur in den Gassen. Er ist doppelt so stark wie der Bourbon Whiskey in den noblen Läden und nur halb so teuer. Trinken wir noch einen, Bruderherz!«

Ich konnte es ihm nicht abschlagen, denn die Freude leuchtete aus seinen veilchenblauen Augen. Beim zweiten Glas bekam ich Ohrenklingeln und Schluckauf.

Ein drittes Glas lehnte ich ab, denn ich hatte Angst, dass ich danach aus Mund, Nase und Ohren qualmen würde wie ein undichter Ofen mit einem schlechten Abzug.

Jess hatte mich inzwischen gefragt, wie es mir ginge und was ich hier in Sun Mesa wolle. Aber noch bevor ich ihm antworten konnte, klatschte er sich gegen die Stirn und sagte: »Jetzt weiß ich es! Du bist der Mann, mit dem dieser Spieler gestern in der Royal-Spielhalle Streit hatte. Nun wundert es mich nicht mehr, dass er einen schnelleren Gegner fand. Cass, ich weiß schon fast, was du seit unserer Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft getrieben hast. – Bleibst du hier in der Stadt?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte ich und sah, dass der Ausdruck seiner Augen sich wandelte.

In ihnen standen jetzt Ernst und tiefe Nachdenklichkeit.

»Was machst du hier, Jess?«, fragte ich plötzlich. Er zuckte leicht zusammen und legte sein sommersprossiges Gesicht in würdevolle Falten.

»Oooh – ich mache so allerlei Geschäfte. Ich verdiene mein Geld. – Bist du knapp? Ich kann dir hundert Dollar borgen – oder fünfhundert. Mir geht es gut.«

Ich betrachtete ihn genauer. Nun, da die erste Wiedersehensfreude vorbei war und er sein Gesicht nicht mehr ständig vor Freude verzog, konnte ich sehen, dass es härter geworden war, scharfe tiefe Falten bekam. Um seine Mundwinkel war ein Ausdruck, den ich zu deuten wusste.

Er war schon immer gut mit dem Revolver gewesen. Auch jetzt hing die Waffe tief unter der Hüfte, ein erstklassiger Colt in einem steifen Halfter. Jess trug recht gute Kleidung.

»Ich arbeite für Budd McKimmey«, sagte Jessup Adams plötzlich. »Ich bin auf der Westseite der Mesa Street.«

Er sagte das auf eine besondere Art, und mir fiel ein, dass die Royal-Spielhallen und das Royal-Hotel auf der Ostseite der Mesa Street standen. Mir fiel auch der dicke, quallenhafte Earl Dawson wieder ein, der sich mit einem blauen Taschentuch ständig die Glatze gerieben hatte und dessen Augen so hart wie Flintsteine und so kalt wie Gletschereis waren.

»Aaah«, sagte ich. »Wie ist das mit den Seiten der Mesa Street?«

Jess sah mich an. »Nun«, sagte er dann, »es ist in dieser Stadt so, dass es zwei Parteien gibt – oder vielmehr drei, wenn man die anderen Bürger mitzählt. Dass sie überhaupt noch zählen, verdanken sie dem Marshal, den sie anwerben konnten, als sie noch einflussreicher waren. Damals mussten Earl Dawson und Budd McKimmey erst ihre Vereine organisieren. – Sie haben die Amüsierstraße und die halbe Stadt unter sich aufgeteilt. Earl Dawson kontrolliert die Ostseite, Budd McKimmey kontrolliert die Westseite. Wenn du in dieser Stadt bleiben willst, wirst du dich entscheiden müssen. Da wir gute, alte Freunde sind, wirst du dich für meine Seite entscheiden. Denn sonst …«

Er sprach nicht weiter, doch es war klar, dass er mich nicht auf der Gegenseite sehen wollte.

Ein Mann kam plötzlich an den Tisch, an dem wir mit unseren Gläsern saßen. Er sah mich scharf an und sagte dann zu Jess: »Der Boss will dich sofort sehen. – Komm in den Silver Star, Jess!«

Dann ging der Bursche.

Jess erhob sich. »Komm zum Mittagessen ins Restaurant meiner Schwester«, sagte er. »In der zweiten Straße zwischen den beiden Hauptstraßen. Du wirst es finden.«

Im Hinausgehen rief er dem Barmann zu, er solle von mir kein Geld nehmen.

Nachdenklich verließ ich das Lokal.

Da war ich in diese Stadt gekommen, hatte einen Mann gestellt und getötet. Der Marshal dieser Stadt bat mich um Hilfe, dann traf ich einen alten Freund. Aus Jessup Adams war ein Revolvermann geworden, der hier zu einer Partei gehörte. Sein Boss hieß Budd McKimmey. Das hatte Jess mir gesagt, und er hoffte, dass ich, wenn ich in der Stadt bliebe, auf seine Seite käme.

Seine Schwester führte hier ein Restaurant.

Ja, ich erinnerte mich, dass er manchmal während des Krieges von seiner Schwester sprach, ab und zu einen Brief von ihr erhielt und immer behauptete, seine Schwester wäre so hübsch, dass niemand glaubte, dass sie Geschwister seien.

Ich ging zum Barbier, ließ mir die Haare schneiden. Wenig später kam ein Mann herein, der schweigend seine Hand aufhielt und den Barbier ansah. Der fluchte leise, ging zur Ladenkasse, nahm Geld heraus und gab es dem Mann. Als dieser wortlos ging, fluchte der Barbier lauter.

Ich hörte zu und sagte: »War das ein Vereinsbeitrag?«

Er sah in den Spiegel, und dort trafen sich unsere Blicke.

»Ja«, sagte er. »Es ist ein Schutzverein. Wenn ich keinen Beitrag zahle, wird es teurer. Spiegel und Scheiben sind hier schwer zu kriegen und kosten viel Geld.«

Wir schwiegen, denn es kamen zwei Kunden herein, die sich auf die Wartestühle setzten.

Ich brauchte auch gar nichts mehr zu hören. Ich wusste genug. Die Geschäftsleute mussten hier irgendwelchen Leuten Geld zahlen. Das war Erpressung.

Sun Mesa war eine üble Stadt. Ich dachte an Marshal Rufus Whitehead, und er kam mir gar nicht mehr so beachtlich und großartig vor. In seiner Stadt wurden die Geschäftsleute erpresst. Wenn sie nicht zahlten, wurden ihre Läden zertrümmert.

Und er – der große Rufus Whitehead – konnte sie nicht schützen. Er konnte nur reiten, Raufereien schlichten, Betrunkene einsperren und den Anschein von Ordnung aufrechterhalten.

Vielleicht konnte er nicht mehr tun, weil er so allein war?

Ich verließ den Barbierladen.

Und mir war es, als hörte ich in einiger Entfernung irgendwo in den Gassen den Klang von Schüssen. Sollte am frühen Mittag in dieser jetzt so still und friedlich wirkenden Stadt jemand schießen?

Ich erreichte die Zweite Straße, in der das Restaurant von Jessups Schwester liegen sollte. Ich fand es schnell. Es war eine kleine Speisewirtschaft.

Auf einem Schild stand:

Hier kocht und backt die Wirtin selbst für ihre Gäste.

Ich erinnerte mich daran, dass Jessups Schwester Liz hieß, und ich fragte mich, ob sie wirklich so hübsch wäre, wie er immer behauptet hatte.

Bevor ich eintrat, sah ich mich noch einmal um.

Ich erblickte Jessup Adams, meinen Freund. Er war zwischen zwei Häusern hindurch in die Gasse gekommen und bewegte sich mühsam und mit letzter Kraft auf mich zu. Er stützte sich an die Hauswände. Einige Leute waren aufmerksam geworden und beobachteten ihn.

Zuerst glaubte ich, er wäre betrunken von dem scharfen Zeug, das wir getrunken hatten.

Doch er war nicht betrunken. Er hatte den Schnaps besser vertragen als ich. Er war angeschossen, dies wurde mir schnell klar, als ich ihn so kommen sah.

Sicher wollte er zu seiner Schwester. Er schaffte es nicht, fiel plötzlich auf die Knie. Sofort war ich bei ihm, denn ich war natürlich gleich losgelaufen. Ich hob ihn auf, und dabei sah ich, dass er zweimal getroffen wurde.

In seinem Halfter fehlte der Colt.

Er hatte die Waffe verloren.

Er sah mich an und sagte schwach: »Du lieber Gott gleich ist es aus – Cass, ich sterbe!«

Ich hielt ihn auf meinen Armen. Er war nur mittelgroß, fast einen Kopf kleiner als ich. Er wog auch nicht mehr als hundertfünfzig Pfund; er war von dieser drahtigen, zähen, irischen Art.

Ich lief mit ihm zum Restaurant seiner Schwester, trat die Tür auf und drängte mich hinein.

Es waren noch keine Gäste da. Nur eine mächtig große, schwere Frau war dabei, die Tische zu decken. Sie starrte mich und meine blutende Last an. Dann rief sie mit schriller Stimme: »Liz! – Liz, komm schnell!«

Liz Adams kam aus der Küche. Viel sehen konnte ich nicht von ihr. Sie trug eine weiße Kittelschürze und ein Kopftuch, das bis auf das Oval ihres Gesichtes alles verbarg. In einer Hand hielt sie ein großes Messer; doch sie ließ es fallen, als sie den Bruder auf meinen Armen erkannte.

»Lauf zum Doc, Esmeralda!«, sagte sie hastig und lief zu einer Tür. Sie hielt die Tür auf und sagte: »Hier hindurch, Mister! Bitte tragen Sie ihn noch dieses Stück!«

Ich folgte ihr durch ein kleines Wohnzimmer in ein Zimmer hinein, das ich sofort als ihr Schlafzimmer erkennen konnte. Ich legte Jessup Adams auf ihr Bett. Er seufzte erleichtert.

»Die Stiefel«, sagte er, und ich begriff, ging zum Fußende und zog ihm die Stiefel aus. Er wollte nicht in den Stiefeln sterben.

Liz hantierte an ihm herum, öffnete seine Kleidung und seufzte beim Anblick der Verletzungen. Sie eilte zu einer Kommode, riss Leinenzeug heraus.

»Es hat keinen Sinn mehr, Liz«, sagte Jessup seltsam klar und fest. Er blickte mich fest an, und ich sah, dass er nicht mehr viel Zeit hatte.

»Wer war es?«, fragte ich möglichst ruhig.

Er versuchte ein Grinsen.

»Ollie Everett«, antwortete er. »Er lauerte beim Durchgang neben der großen Scheune zur Dritten Straße auf mich. Das war meist mein Weg, wenn ich vom Silver Star zu meiner Schwester wollte. – Er schoss sofort. Er gehört zu Earl Dawsons Leuten – aber ich kann nicht beschwören, dass er mich in Earl Dawsons Auftrag tötete; denn ich hatte eben im Silver Star Streit mit …«

Weiter kam er nicht.

Er schloss die Augen. Das war das einzige Zeichen, dass er tot war. Ganz friedlich sah er aus. Sein Gesicht war merkwürdig klein.

3

Seine Schwester stand regungslos vor dem Bett und sah auf ihn nieder. Das Leinenzeug, mit dem sie seine Wunden verbinden wollte, um das Bluten zu stillen, entfiel ihren Händen.

Mit einer müden Bewegung nahm sie das Kopftuch ab. Ihr Haar war voll und gelb wie reifer Weizen, sie hatte braune Augen.

Obwohl die weite Kittelschürze fast alles von ihr verbarg, sah ich, dass Jessup nie übertrieben hatte. Dieses Mädchen war prächtig. Sie war mehr als einfach nur ein reizvolles Mädchen. Sie war eine Frau, die inmitten einer rauen Minenstadt für sich sorgte.

Sie kniete nieder und legte ihr Gesicht neben dem Bruder auf das weiße Bettzeug. So verharrte sie.

Ich aber dachte nach.

Jessup hatte im Silver Star Streit gehabt. Er konnte mir nicht mehr sagen mit wem, war jedoch zu Budd McKimmey, seinem Boss, gerufen worden.

Ein Mann, der Ollie Everett hieß und als Earl Dawsons Mann galt, hatte ihn getötet. – Doch Jessup hatte unmissverständlich darauf hingewiesen, dass es nicht sicher war, ob Ollie Everett in Earl Dawsons Auftrag auf ihn schoss.

Eine verzwickte Geschichte!

Vielleicht – aber vielleicht auch nicht.

Meine Gedanken arbeiteten schnell und scharf. Auf meinen Verstand hatte ich mich schon immer verlassen können.

Ich war in die Stadt gekommen, um meinen Boss, den Sheriff von Warbluff, zu rächen oder zumindest für Vergeltung zu sorgen.

Das war mehr oder weniger in Sun Mesa bekannt geworden.

Und dann traf ich einen alten Freund. Wir hatten vor dem Saloon gejubelt, hatten uns vor Freude geboxt, und es gab überhaupt keinen Zweifel, dass wir uns über dieses Wiedersehen freuten. Auch an der Bar und am Tisch sprachen und benahmen wir uns wie Freunde.

Nun war Jessup Adams plötzlich tot.

Wer mich kannte, konnte darauf wetten, dass ich seinen Mörder verfolgen und finden würde.

Und dann?

Das war die Frage. Wenn dieser Ollie Everett ein Mann Earl Dawson war, würde ich mir Dawson kaufen. Das war logisch.

Es war ja wohl nicht vorgesehen, dass Jessup mir den Namen seines Mörders nennen konnte.

Wenn alles stimmte, was ich mir plötzlich dachte, so würde ich auch noch von anderer Seite erfahren, wer die beiden Kugeln auf Jessup geschossen hatte.

Und dann?

Das war schon wieder eine Frage. Aber sie war einfach zu beantworten. Jemand ließ Jessup umbringen, um mich auf Earl Dawson zu hetzen. – Ollie Everett, den ich noch nicht kannte, war der zweite Mann, der daran glauben sollte. Er wusste es nur noch nicht.

Er sollte es bald wissen, denn ich würde ihn finden.

Ich ging hinaus, ohne ein Wort mit Liz Adams zu reden. Ich ging dorthin, wo Jessup hergekommen war.

Leute standen herum und sahen mich an. Ich beachtete sie nicht. Ich kam bald an den Durchgang neben der großen Scheune. Ich fand Jessups Colt und das erste Blut, das er verlor, und wusste auch, auf welchem Platz der Mann gestanden hatte, der auf Jessup Adams lauerte. Der Boden war staubig, einige Abdrücke waren gut zu erkennen. Als ich um die Scheune ging, entdeckte ich auf der Vorderseite an einer Haltestange die frischen Hufspuren eines Pferdes und frische Pferdeäpfel.

Hier hatte also ein Pferd gestanden. Die Fußspuren des Mannes führten dorthin. Dort war er in den Sattel gestiegen. Die Fußspur verriet es deutlich: Der Mann, der Jessup Adams aufgelauert und niedergeschossen hatte, war hier auf sein Pferd geklettert und davongeritten.

Ich folgte den Hufspuren über den kleinen Hof auf einen schmalen Weg, der aus der Stadt führte. Ich gelangte zu einer Stelle, an der alle vier Hufabdrücke besonders deutlich zu sehen waren.

Jede Hufspur hatte bestimmte Merkmale, die sie von anderen Hufspuren unterschieden.

Und diese Spur sagte mir eine Menge.

Das Pferd war vor kurzem beschlagen worden, doch die Kanten der Eisen waren schon ziemlich stumpf, ein Zeichen, dass der Reiter viel über felsigen oder harten Boden ritt.

Der Gaul drehte den linken Hinterhuf auf eine besondere Art, so dass diese Spur leicht verwischte.

Den rechten Vorderhuf warf das Tier nach außen und wischte ebenfalls über den Boden.

Das waren für mich deutliche Zeichen.

Natürlich wäre es Unsinn, die Hoffnung zu hegen, dass man diese Fährte verfolgen könne. Der Reiter würde bald schon auf die Straße eingebogen sein, wo es hundert und mehr verschiedene Spuren gab. Um diese Tageszeit waren auf allen Wegen und Straßen viele Reiter und Wagen unterwegs. Ich lebte nicht in der Wildnis, wo eine solche Fährte leicht zu verfolgen war.

Ich hatte lediglich feststellen können, wie die Fußabdrücke des Mannes und die Hufabdrücke des Pferdes aussahen.

Beide würde ich wiedererkennen, das war sicher. Dort, wo ich aufgewachsen war, gehörte es zu den Lebensnotwendigkeiten, Spuren lesen zu können, Spuren von Comanchen, von Banditen, Rindern, Wölfen und Pferden.

Von all den Leuten, die mich in der Zweiten Straße noch beobachtet hatten und deren Blicke mir bis zur Scheunenecke folgten, war niemand mehr zu sehen. Sie waren mir nicht nachgegangen. Das war gewiss nicht uninteressiert, sondern wahrscheinlich der Wunsch, sich nicht einzumischen. Diese Sache gehörte zu den Dingen, aus denen man sich heraushielt. Man kannte Jessup Adams als Revolvermann aus dem Silver Star, und man wusste wohl genug über die Machtkämpfe in dieser Stadt.

Dann sah ich doch einen Mann, als ich mich umwandte, um zur Stadt zurückzugehen.

Es war der Marshal Rufus Whitehead. Wieder fiel mir auf, dass er leicht hinkte. Es war nicht schlimm, nicht so, dass es ihn beim Gehen behindert hätte, aber doch erkennbar, obwohl er sich Mühe gab, es möglichst zu verbergen.

Vielleicht ritt er auch deshalb meistens durch die Stadt, vielleicht machte ihm das Laufen größere Schwierigkeiten, als man merkte. Ich erinnerte mich an seinen Ruf, an seine Kämpfe, die Legende waren, und ich wusste, dass er eine Menge Narben haben musste, weil er schon mehrmals verwundet worden war.

Langsam kam er näher und hielt vor mir an.

»Nun?«, fragte er.

Ich sah ihn an und grinste. In meinem Grinsen lag keine Freundlichkeit. Ich wusste, dass ich jetzt aussah wie ein Indianer, der sich einen Skalp holen will. Und es gab dann und wann harte Burschen, die vor mir gekniffen haben, wenn ich sie so angrinste.

»Eigentlich ist das Ihre Sache, Rufus Whitehead«, sagte ich. »In ihrer Stadt wurde einem Mann aufgelauert, wurden ihm zwei Kugeln in den Leib gejagt. Aber zufällig war Jessup Adams ein alter Freund von mir.«

»Wer wusste das?«, fragte er schnell, und diese Frage zeigte mir, wie scharf und folgerichtig sein Verstand arbeitete.

»Einige Leute«, erwiderte ich. »Wahrscheinlich hat man mich seit meinem Kampf mit Rex Massey überhaupt nicht mehr aus den Augen gelassen. Rufus Whitehead, in dieser Stadt gibt es zumindest zwei Parteien, werden Machtkämpfe ausgefochten. Es ist mir klar, dass mich keine Partei auf der anderen Seite haben will, nachdem man weiß, wie gut ich mit einem Mann von Rex Masseys Format zurechtkam. – Selbst Sie, Marshal, wollen mich ja auf Ihrer Seite haben. – Ja, man hat mich beobachtet, hat herausgefunden, dass Jessup Adams ein alter Freund ist. – Und dann hat man ihn umgebracht.«

»Er arbeitete für Budd McKimmey«, sagte Rufus Whitehead langsam. Und da grinste ich ihn wieder an.

»Er konnte mir noch den Namen seines Mörders nennen«, sagte ich. »Dieser Bursche arbeitet für Earl Dawson. – Und damit sieht alles sehr einfach aus, nicht wahr?«

In meiner Stimme war bei der Frage ein kalter Hohn. Dann fügte ich noch hinzu: »Ich kam in diese Stadt, um Rex Massey zu töten, weil er meinen Boss, den Sheriff von Warbluff, umbrachte. Und weil das so ist, erwartet jeder, dass ich nun auch meinen Freund Jessup Adams räche. – Oder?«

Er ging auf meine Frage nicht ein, fragte vielmehr selbst: »Jessup Adams lebte noch, um den Namen seines Mörders zu nennen?«

Ich nickte. »Jess fiel hin, und der Mann dachte sicher, er hätte ihn getötet. Er lief zu seinem Pferd, saß auf und ritt fort. Aber Jess lebte noch, kam an der Scheunenwand auf die Beine und schleppte sich bis in die Gasse. – Ja, er sagte mir, dass Ollie Everett ihm aufgelauert und auf ihn geschossen habe.«

Der Marshal dachte wieder nach.

»Aber das konnte nicht geplant sein«, sagte er dann.

»Nein«, erwiderte ich. »Das braucht es auch nicht. Man wird mich schon noch mit der Nase draufstoßen, dass es Ollie Everett war. Außerdem traut man mir wohl auch zu, dass ich eine Menge selbst herausfinde.«

Ich deutete auf den Boden. »Ich kenne seine Fußspur und die Hufspur seines Pferdes. Bevor ich hinauf ins Mesaland und nach Sun Mesa kam, sagte man mir unten im Tiefland, dass es nur drei Wege gäbe, hinunterzukommen. Den Weg von Süden kam ich herauf. Kennen Sie die beiden anderen Möglichkeiten?«

Rufus Whitehead sah mich an.

»Wollen Sie Ollie Everett folgen?«, fragte er mich langsam.

»Ich bringe ihn zurück«, sagte ich.

Er sah mich an, blickte dann an mir vorbei auf die Stadt. Er betrachtete sie nachdenklich, doch in seinen Augen erkannte ich wieder den Ausdruck, den ich schon am Anfang bemerkt hatte.

Ich glaubte, dass es der Ausdruck von Hass und Furcht war. Die beiden Gefühle waren wie ein Feuer in ihm. Er hielt sie tief verborgen, doch sie waren vorhanden.

Das wusste ich jetzt ziemlich sicher.

»Und dann?«, fragte er plötzlich.

Ich grinste. »Das möchte ich selbst wissen, was dann sein wird«, sagte ich. »Diese Stadt hat ein Gefängnis und – wie ich hörte – auch einen gewählten Richter. Als Marshal fungieren Sie auch als Ankläger. So ist es doch in diesen Minenstädten, die aus Camps entstanden sind, oder?«