G. F. Unger Western-Bestseller 2530 - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger Western-Bestseller 2530 E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

Es war schon Nacht, als ich die Reiter kommen hörte. Zuerst glaubte ich, dass es meine Brüder wären, die mit unserem Onkel früher als sonst aus der Stadt zurückkämen, aber dann erkannte ich, dass es sehr viele Reiter waren. Mehr als zwei Dutzend mussten es sein, und sie ritten rau. Ich fühlte mich unbehaglich, machte mir Sorgen und begriff, dass es dieser trommelnde Hufschlag in unserem Canyon war, der mich alarmierte. Aber was hätte ich schon tun können? Ich war damals gerade siebzehn und hatte mir vor einiger Zeit beim Zureiten eines Wildpferdes das Bein gebrochen. Der Bruch war noch nicht richtig verheilt, sodass ich mithilfe einer Krücke herumhumpeln musste. Deshalb war ich auch nicht mit meinem Onkel und meinen Brüdern in die Stadt geritten, sondern daheim bei Mom geblieben. Mom schlief schon oder hatte sich jedenfalls zur Ruhe gelegt. Aber wahrscheinlich würde sie jetzt wach werden. Ich blieb auf der Bank vor unserem Haus sitzen. Was hätte ich auch anderes tun sollen? Überdies hatte ich ein gutes Gewissen. Aber es wurde mir klar, dass dort in der Nacht ein Aufgebot ritt. Hinter wem mochte es her sein?

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Inhalt

Cover

Die Slatermans

Vorschau

Impressum

Die Slatermans

Es war schon Nacht, als ich die Reiter kommen hörte. Zuerst glaubte ich, dass es meine Brüder wären, die mit unserem Onkel früher als sonst aus der Stadt zurückkämen, aber dann erkannte ich, dass es sehr viele Reiter waren. Mehr als zwei Dutzend mussten es sein, und sie ritten rau.

Ich fühlte mich unbehaglich, machte mir Sorgen und begriff, dass es dieser trommelnde Hufschlag in unserem Canyon war, der mich alarmierte.

Aber was hätte ich schon tun können?

Ich war damals gerade siebzehn und hatte mir vor einiger Zeit beim Zureiten eines Wildpferdes das Bein gebrochen. Der Bruch war noch nicht richtig verheilt, sodass ich mithilfe einer Krücke herumhumpeln musste. Deshalb war ich auch nicht mit meinem Onkel und meinen Brüdern in die Stadt geritten, sondern daheim bei Mom geblieben. Mom schlief schon oder hatte sich jedenfalls zur Ruhe gelegt. Aber wahrscheinlich würde sie jetzt wach werden.

Ich blieb auf der Bank vor unserem Haus sitzen. Was hätte ich auch anderes tun sollen? Überdies hatte ich ein gutes Gewissen. Aber es wurde mir klar, dass dort in der Nacht ein Aufgebot ritt. Hinter wem mochte es her sein?

Ich versuchte, meine unguten Gefühle zu unterdrücken, doch es gelang mir nicht. Sie wurden stärker und stärker, je näher der trommelnde Hufschlag kam. Und eines begriff ich endlich: Das Ziel dieser Reiter war unser Anwesen.

Das konnte nicht anders sein, weil sie sonst ihre Pferde nicht so wild gejagt hätten. Sie hatten die Kraft und Zähigkeit ihrer Tiere nur bis zu uns berechnet. Weiter brauchten die Tiere nicht zu laufen. Sie würden hier eine Verschnaufpause bekommen.

Deshalb ritten sie im schnellsten Galopp.

Die Nacht war hell. Mond und Sterne warfen ihr silbernes Licht in den Canyon.

Bald schon konnte ich die dunkle Traube der Reiter erkennen. Sie war dicht zusammengedrängt und veränderte ständig ihre Form.

Ich dachte einen Moment daran, meinen Colt oder das Gewehr aus dem Haus zu holen. Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl, mich bewaffnen zu müssen.

Doch dann ließ ich es.

Wenn dieses große Aufgebot etwas von uns wollte, dann war es besser, unbewaffnet zu sein.

Denn ich war ziemlich hitzköpfig, und wenn ich auch erst siebzehn war, so war ich doch ein echter Slaterman, nämlich hitzköpfig, stolz, wild – und schnell mit der Waffe zur Hand.

Ich konnte mit einem Colt in der Hand zaubern, jawohl, zaubern.

Aber gegen ein starkes Aufgebot würde ein Colt natürlich ein denkbar schlechtes Argument sein.

Denn so langsam ahnte ich, dass dieses Rudel wegen meiner Brüder angesaust kam.

Ich erhob mich, schob mir eine Krücke unter die Achsel und trat bis an den Rand der Veranda, sodass ich nicht mehr im Schatten des Daches saß, sondern im Mond- und Sternenlicht zu erkennen war.

Dann jagten sie auch schon heran. Sie kamen nicht alle auf unseren Hof. Das taten nur fünf oder sechs von ihnen.

Die anderen Reiter umzingelten unsere Farm.

Und damit war für uns alles klar, ja, auch für Mom. Denn sie trat nun ebenfalls aus dem Haus. Sie hatte sich ihren alten Morgenmantel über das Nachthemd geworfen. Sie war eine kleine, schon etwas vom Alter gebückte Frau. Aber es war ja auch nicht einfach gewesen für sie, vier Söhne großzuziehen ohne Mann.

Denn unseren Vater hatten sie vor mehr als einem Dutzend Jahren eingesperrt. Er hatte zwanzig Jahre bekommen. Bei einem seiner vielen Fluchtversuche hatten sie ihn dann erschossen.

Ja, solch eine Familie waren wir. Jawohl!

Mom stand mehr als zwei Köpfe kleiner neben mir. Ich war bei meiner Länge noch sehr dünn.

Einige der Reiter kannten wir gut, die anderen weniger gut.

Am besten kannten wir den Sheriff und den wohl reichsten und mächtigsten Mann unseres Countys, Mr Parradine.

Letzterer war es auch, der die Befehle gab, und dem Sheriff hatte er schon immer Befehle gegeben, weil dieser zuvor bei ihm Vormann gewesen war. Der Sheriff war also gewöhnt, Mr Parradines Befehle auszuführen.

Barsch wandte sich Parradine dann vom Sattel aus an uns: »Wo sind sie? Wo sind diese verdammten Mörder?«

Meine Mom schien neben mir ein ziemliches Stück größer zu werden.

»Mister Parradine«, sagte sie mit ihrer ruhigen, klaren und niemals ungeduldig klingenden Stimme. »Mister Parradine, Sie sind offensichtlich sehr erregt. Ich kenne den Anlass dazu nicht. Doch was es auch sein mag, Ihre Frage kann ich beantworten. Hier gibt es keine Mörder. Hier leben nur meine Söhne und mein Schwager Clint Slaterman. Wenn Sie Mörder suchen, Mister Parradine, dann ist dies nicht der richtige Ort.«

Aber Parradine gab ihr keine Antwort. Er rief vielmehr laut genug, sodass es alle Reiter hören konnten: »Also durchsucht diese Wolfshöhle. Durchsucht alles genau! Los, Jungs!«

Überall schwangen sich die Reiter aus den Sätteln.

Drei von ihnen wollten an uns vorbei ins Haus.

Ich stellte mich ihnen in den Weg – aber das war dumm, denn einer gab mir einen Stoß vor die Brust, dass ich mitsamt meiner Krücke fast nach hinten einen Purzelbaum schlug und hart gegen die Hauswand knallte.

Ich war halb betäubt und lag einige Atemzüge lang regungslos da. Als meine Sinne dann wieder klarer wurden, hörte ich Mom mit fester Stimme sagen: »Sheriff, was bedeutet das? Ist dieser Mister Parradine ...«

»Adam hat seinen Sohn erschossen«, sprach der Sheriff hart dazwischen. »Es gibt Augenzeugen, Mae Slaterman. Ja, ich unterstütze alles, was Mister Parradine in Gang bringt – alles! Damit müssen Sie sich abfinden. Schon Ihr Mann war ein Mörder, der mit zwanzig Jahren glimpflich davonkam. Nun ist es auch einer Ihrer Söhne. Ich denke, dass wir diese Wolfshöhle wirklich ausräuchern müssen.«

Ich rappelte mich langsam hoch, nahm meine Krücke, stemmte sie mir wieder unter den Arm und trat neben meine Mom.

Verdammt, ich konnte ihr nicht helfen. Ich war ein Junge von siebzehn Jahren und noch nicht erwachsen. Aber sie hätte jetzt einmal mehr einen reifen und erfahrenen Mann gebraucht, einen Mann, bei dem sie Schutz finden und sich geborgen fühlen konnte, einen Mann, der genau wusste, was zu tun war.

Die Kerle schlugen in unserem Haus alles kurz und klein, rissen alles auseinander. Es war klar, sie waren hergekommen, um zu zerstören, und nicht so sehr, um zu durchsuchen. Denn sie hatten sich ausrechnen können, dass außer Mom und mir sonst niemand daheim war.

Sie wollten zerstören.

Das war es.

Der Sheriff und Parradine saßen noch in den Sätteln.

Sie warteten. Ihre Männer waren auch drüben bei den Corrals, in den Ställen und der großen Scheune. Die Pferde trampelten auch in Moms Gemüsegarten herum.

Wir konnten nichts tun.

Mein Bruder Adam sollte den Sohn eines mächtigen Mannes getötet haben.

Nun wurden wir klein gemacht. Und der Sheriff machte mit, weil er Parradines Mann war und wieder gewählt werden wollte.

Ich wusste plötzlich, dass unsere Farm in dieser Nacht vernichtet werden würde. Ja, darauf lief es hinaus.

Mom stand noch immer kerzengerade auf der Veranda. Unter ihrem Morgenmantel schaute das weiße Nachthemd hervor. Ihre nackten Füße steckten in viel zu großen Pantoffeln, und ihr graues Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr auf den Rücken hing. Sie war eine unscheinbare Frau – aber jetzt wirkte sie so stolz, wie ich sie noch niemals in meinem ganzen Leben gesehen hatte.

»Mister Parradine«, sagte sie laut und klar, »Sie zerstören mein Heim. Sie begehen jetzt Landfriedensbruch.«

»Sicher«, sagte Parradine, »sicher, Mae Slaterman. Aber ich habe meinen einzigen Sohn verloren. Adam erschoss ihn von hinten, weil er nicht verlieren wollte. Mit dem zweiten Schuss schoss er ihn bei einem Wettritt aus dem Sattel. Ja, Mae Slaterman, ich lasse alles zerstören – alles, was die Slatermans hier noch im Land hält. Und Ihre Söhne, Mae Slaterman, werde ich um die ganze Erde jagen lassen, bis es keinen mehr von ihnen gibt. Ich will sie tot am Boden sehen wie meinen Sohn.«

Seine Stimme knirschte.

Und endlich begriff ich, dass er sich kaum noch beherrschen konnte. Er war angefüllt von einem bösen Vernichtungswillen und Schmerz. Sein Sohn war tot. Er kannte den Schuldigen und wollte Rache an dessen ganzer Familie.

Er war nicht mehr zurechnungsfähig. Aber er war der mächtigste Mann im Lande. Er konnte handeln wie ein Despot. Niemand hielt ihn auf. Und der Sheriff war sein Mann.

Ich hörte mich sagen: »Mister, wenn Sie alle Slatermans töten wollen, dann fangen Sie bei mir an. Ich stehe unbewaffnet vor Ihnen. Sie können mich leicht von den Beinen schießen.«

»Ja, das kann ich!« Er stieß es knurrend aus und zog seinen Colt.

Aber da trat meine Mom vor mich.

Und auch der Sheriff sagte: »Mister Parradine, der war bestimmt nicht mit dabei. Der kann doch nur mithilfe der Krücke gehen. Er kann noch nicht reiten und ist noch ein Junge.«

»Ein junger Wolf ist er«, knurrte Parradine. »Der ist nicht anders als die ganze Slaterman-Bande. Und vielleicht wird er eines Tages der böseste Bursche von ihnen sein, wenn wir nicht alle erwischen und erledigen.«

Aber er steckte nach seinen Worten die Waffe wieder weg.

Da er meinen Bruder und den Onkel nicht bei uns finden konnte, trieb ihn die Ungeduld nach Rache wieder an. Er begriff plötzlich, dass er hier wahrscheinlich nur Zeit verschwendete.

Und so zog er sein Pferd herum, ritt umher und trieb mit scharfer Stimme seine Männer an.

In der Scheune war plötzlich Feuer.

Meine Mom sah zum Sheriff hin, der immer noch im Sattel saß, und sagte hart: »Sie krummer Hund. Sie tragen einen Stern und lassen das zu. Sie sind ein verdammter Bastard, Ben Miller!«

Aber er gab ihr keine Antwort, sondern zog sein Pferd herum, sodass er uns den Rücken zukehrte.

Nun ritt auch er über den Hof.

Hinter uns kamen die Männer aus unserem Haus. Ich roch auch hier Feuer.

»Ihr Schweine«, sagte ich zu einem der herausdrängenden Männer.

Aber er grinste nur und stieß mich vor die Brust, sodass ich über das Verandageländer hinunter in den Hof fiel.

Stöhnend blieb ich dort liegen. Mein kaum zusammengewachsenes Bein schmerzte, als wäre es erneut gebrochen. Aber ich rappelte mich hoch. Ich wollte Mom beim Löschen helfen.

Doch sie hatten drinnen im Haus die Lampe umgekippt. Das brennende Öl hatte sich schon überall verteilt.

Eine alte Frau und ein einbeiniger Junge konnten da nicht viel machen mit Wasser, welches sie erst in Eimern aus dem Brunnen holen und schleppen mussten. Wir hatten keine Chance.

✰✰✰

Als es Tag wurde, wärmten uns die glühenden Reste unserer Farm.

Wir hatten ein wenig von unserer persönlichen Habe und vom Hausrat gerettet.

Nun saßen wir herum und wussten nicht recht, was wir tun sollten.

Aber dann sahen wir im Morgengrauen zwei Reiter kommen. Es waren zwei Männer, die oft genug hier als Freunde meiner Brüder zu Gast waren. Sie besaßen weiter in den Hügeln eine kleine Farm. Doch hauptsächlich brannten sie in einem verborgenen Camp Whisky.

Einer von ihnen sagte: »Mae Slaterman, Ihr Schwager und Ihre Söhne kamen bei uns vorbei. Sie waren auf der Flucht und baten uns, uns um Sie, Mae, und um den Kleinen zu kümmern. Sie sagten, wir sollten Ihnen helfen, alle Habe, die Sie mitnehmen wollen, auf einen Wagen zu laden. Und dann sollen Sie mit dem Kleinen nach Westen fahren, immer nur nach Westen. Und hier sind hundert Dollar.«

Mom nahm die hundert Dollar und nickte.

Und dann sagte sie: »Ja, ich will nach Westen fahren mit Mike. Ja, ich will es tun, damit ich sie alle noch einmal wiedersehen und ihnen noch etwas sagen kann. Ja, ich will noch einmal auf den langen Trail gehen.«

✰✰✰

Der Wagentreck, mit dem wir zogen, war ziemlich zusammengewürfelt. Es gab kleinere Gemeinschaften, Sippen, die mit mehreren Wagen unterwegs waren, aber auch kleine Familien, die nur einen Wagen besaßen, also nur aus dem Elternpaar und Kindern bestanden. Es gab viele Kinder in unserem Treck.

Einige Reiter gehörten ebenfalls dazu. Es waren die größeren Söhne der Teilnehmer, aber auch Männer, die angeworben worden waren als Helfer und Scouts. Zu dem Wagenzug gehörte auch Vieh. Eine Pferde- und eine Maultier-Remuda wurden mitgetrieben. Dies alles machte Helfer zu Pferde notwendig.

Und überdies ritten einige Reiter mit uns, die nicht allein nach Westen reiten wollten, sondern lieber Gesellschaft hatten.

Ein solcher Reiter war auch Pete Skinner.

Er stieß eines Tages zu uns, sprach mit unserem Treckboss, gab Auskunft über sich und wurde akzeptiert. Von nun an blieb er bei uns. Er half, wo er konnte, machte sich durch sein ruhiges und freundliches Wesen beliebt und schloss sich mehr und mehr meiner Mom und mir an, sodass er bald jeden Abend an unserem Feuer saß und Mom für ihn mitkochte. Dafür nahm er ihr alle anderen Arbeiten ab – und manchmal, wenn ich mal einige Stunden im Sattel sitzen wollte, da fuhr er auch unseren Wagen. Er verstand sich gut mit Mom.

Eigentlich war dieser Pete Skinner ein unscheinbarer Bursche, nicht groß, eher ein Leichtgewicht, mit sandfarbenem Haar, einer ziemlichen Stirnglatze und blauen Kinderaugen. Sein Bartwuchs war spärlich. Seinen Revolver trug er ganz normal. Er sagte, dass er Gehilfe in einer großen Saatgut- und Futtermittelhandlung gewesen wäre und nun in den Westen wolle, um vielleicht dort eine Farm zu gründen. Aber dies wäre wohl für einen Mann ohne Frau sehr schwer. Er hätte jedoch bis jetzt noch kein Mädchen finden können, vielleicht deshalb, weil es ihm nicht so leicht falle, Bekanntschaften mit Mädchen zu schließen.

Mom und ich, wir glaubten, dass er sich deshalb diesem Wagenzug angeschlossen hatte. Denn hier waren eine ganze Anzahl heiratsfähiger Girls. Eine der großen Familien hatte sogar sieben Töchter, die hinter jedem Burschen her waren.

Aber leider waren sie so hässlich, dass alle Burschen vor ihnen wegliefen.

Mom lachte dann immer und sagte: »Lass uns mal weiter westlich des Mississippi sein, dort, wo die Frauen seltener sind. Dann werden diese sieben Girls in den Augen der Burschen jeden Tag schöner. Ich wette, die bekommen alle ihre Männer. Und auch Pete sollte sich eine von ihnen aussuchen. Denn sie sind tüchtig. Sie können arbeiten wie Ochsen. Und solche Frauen braucht ein Siedler, jawohl.«

Sie sagte das ohne Bitterkeit – aber ich wusste, dass sie wie zwei Ochsen gearbeitet hatte. Denn als mein Vater eingesperrt wurde, hatte sie vier Söhne satt zu machen. Es war schon viel Arbeit für sie, uns in Trab zu halten. Denn meine Brüder und auch unser Onkel Clint, die hielten nicht viel von der Arbeit. Sie gingen lieber auf die Jagd oder fischten am Fluss. Und wenn sie das nicht taten, brannten sie Schnaps.

Pete Skinner war da ein anderer Bursche. Er machte sich überall beliebt, half, wo er konnte – und wahrscheinlich hätte sich Mom ihre Söhne so gewünscht wie ihn.

Indes vergingen also viele Tage. Wir zogen nach Westen, immer weiter nach Westen. Das Land senkte sich vom Cumberland Plateau zu den Flüssen nieder. Unsere Zugtiere brauchten kaum lange Steigungen hinauf. Eines Tages erreichten wir bei Sonnenuntergang die Furt des Tennessee River.

Es war der größte Fluss, den ich bisher in meinem ganzen Leben gesehen hatte. Aber er führte um diese Jahreszeit nicht viel Wasser.

Deshalb setzten wir an diesem Abend nicht gleich über, sondern blieben diesseits. Das war eigentlich gegen die Regel. Denn die Flüsse wurden von Wagentrecks zumeist sofort durchfurtet, weil sich ja der Wasserstand manchmal binnen weniger Stunden ändern konnte.

Es wurde ein schönes Camp.

Die Kinder – und nicht nur diese – badeten bald in dem recht warmen Wasser. Tiere und Menschen genossen die Rast am Fluss. Die Frauen begannen noch Wäsche zu waschen.

Auch Pete Skinner und ich badeten, indes wir unsere Tiere tränkten.

Ich sah, dass er einige Narben hatte. Sie sahen aus wie Kugelnarben. Ich kannte mich damit aus, weil auch mein Onkel und meine Brüder solche Narben hatten. Aber woher sollte ein Mann wie Pete Skinner, der auf mich sehr friedfertig und durchaus nicht abenteuerlich wirkte, solche Kugelnarben haben?

»Warst du Soldat? Bist du verwundet worden?«, fragte ich ihn geradezu.

Er nickte ruhig – und zum ersten Mal entdeckte ich in seinen sonst so sanften blauen Kinderaugen ein Funkeln.

»Ja, ich war im Krieg«, sagte er. »Und ich wurde mehrmals zusammengeschossen. Es war schrecklich. Ich möchte es vergessen.«

Ich nickte nur stumm, denn bei ihm konnte ich verstehen, dass er nicht über den Krieg und seine Verwundungen reden wollte.

Meine Brüder hätten damit geprahlt.

✰✰✰

Auch diese Nacht am Tennessee River schlief ich wieder unter unserem Wagen. Ich wusste, dass es meiner Mom so recht war. Sie hatte mich dann stets in Rufnähe und konnte mich auch durch Klopfen auf den Wagenboden wecken oder auf etwas aufmerksam machen.

Sie lag oft viele Stunden wach. Manchmal hörte ich sie lange husten. Dieser Treck nach Westen war gewiss nicht leicht für sie. Ich machte mir Sorgen, wie es mit ihr sein würde, wenn wir schlechteres Wetter bekamen.

Auch in dieser Nacht schlief ich sofort ein. Pete Skinner schlief in unserer Nähe auf der anderen Seite unseres verglühenden Feuers. Das ganze Wagencamp war nun zur Ruhe gekommen. Nur manchmal bellte ein Hund oder weinte in einem der Wagen ein kleines Kind.

Und die Nachtwächter machten ruhig ihre Runden, redeten manchmal mit den Tieren.

Es waren die üblichen Geräusche, die diesmal nur durch das leise Plätschern des Flusses etwas anders waren als sonst.

Ich musste bis eine Stunde nach Mitternacht geschlafen haben, als ich plötzlich keine Luft mehr bekam. Ich erwachte und begriff, dass jemand mir Mund und Nase mit der Hand zuhielt.

Doch bevor ich zu kämpfen beginnen konnte, zischte mir eine leise Stimme ins Ohr: »Sei still, Kleiner – ich bin es, George!«

Heiliger Rauch, dachte ich, das ist ja mein Bruder George.

Ich drehte mich auf die Seite und sah ihn nun dicht neben mir. Er war zu mir unter den Wagen gekrochen und presste sich dicht an mich, sodass wir in der Dunkelheit wie ein einziger Körper wirkten.

»O George ...«, sagte ich voller Freude, aber er hielt mir wieder den Mund zu, denn ich war in meiner Freude wohl zu laut.

»Bist du verrückt, so zu brüllen ...«, zischte er mir ins Ohr.

Von oben fragte Moms Stimme durch den Wagenboden zu mir nieder. »Mike, was ist mit dir? Mike, mit wem redest du?«

Ich gähnte zuerst. Dann sagte ich verschlafen: »Ach, Mom, ich träumte von George. Ich hab im Schlaf sicherlich geredet. Schon gut, Mom. Es ist nichts.«

Dann verhielten wir uns eine Weile still.

Endlich krochen wir dann leise unter dem Wagen hervor und glitten zum Fluss hinunter. Zwischen zwei Büschen hielten wir an.

»Du Brüllaffe«, sagte George – aber er sagte es milde und gab mir dabei eine leichte Kopfnuss.

Ich wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Ich war fast außer mir vor Freude. Endlich war ich mit Mom nicht mehr allein. Nun würde ich gleich zu hören bekommen, wo sich Onkel Clint und meine anderen Brüder befanden.