G. F. Unger Western-Bestseller 2548 - G. F. Unger - E-Book

G. F. Unger Western-Bestseller 2548 E-Book

G. F. Unger

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Beschreibung

Es ist Mitternacht in Laramie, als Ty Jones sie zum ersten Mal sieht. Ihre Stimme geht allen Zuhörern unter die Haut und ihre sparsamen Bewegungen auf der Bühne der Vergnügungshalle verraten ein kaum gebändigtes Feuer. Man sieht es ihr an und man glaubt es auch aus ihren Liedern heraushören zu können, dass sie ein Vollblutweib ist. Ihr rotgoldfarbenes Haar leuchtet im Lampenschein. Und ihre Augen sind von einem unwahrscheinlichen Grün. Ja, sie ist etwas, wovon die vielen männlichen Zuhörer nur träumen können. Äußerlich jedenfalls entspricht sie den allerhöchsten Vorstellungen. Und sie schlägt die Burschen in ihren Bann, macht Betrunkene nüchtern und bringt Nüchterne dazu, sich zu betrinken. Sie singt von einsamen Männern, die auszogen, das Glück zu finden, und von treuen Frauen, die daheim auf sie warten. Und immer wieder wird der Beifall erst dann leiser und wandelt sich zu atemloser Stille, wenn klar ist, dass sie noch eine Zugabe gewährt ...

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Seitenzahl: 159

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Inhalt

Cover

Wyoming-Falke

Vorschau

Impressum

Wyoming-Falke

Es ist Mitternacht in Laramie, als Ty Jones sie zum ersten Mal sieht.

Ihre Stimme geht allen Zuhörern unter die Haut und ihre sparsamen Bewegungen auf der Bühne der Vergnügungshalle verraten ein kaum gebändigtes Feuer. Man sieht es ihr an und man glaubt es auch aus ihren Liedern heraushören zu können, dass sie ein Vollblutweib ist.

Ihr rotgoldfarbenes Haar leuchtet im Lampenschein. Und ihre Augen sind von einem unwahrscheinlichen Grün. Ja, sie ist etwas, wovon die vielen männlichen Zuhörer nur träumen können. Äußerlich jedenfalls entspricht sie den allerhöchsten Vorstellungen. Und sie schlägt die Burschen in ihren Bann, macht Betrunkene nüchtern und bringt Nüchterne dazu, sich zu betrinken. Sie singt von einsamen Männern, die auszogen, das Glück zu finden, und von treuen Frauen, die daheim auf sie warten.

Und immer wieder wird der Beifall erst dann leiser und wandelt sich zu atemloser Stille, wenn klar ist, dass sie noch eine Zugabe gewährt ...

Auch Ty Jones hat in einsamen Nächten schon von solch einer Frau geträumt. Er fragt sich, indes er wie alle anderen Gäste dem Klang ihrer dunklen, ein wenig herben und doch so melodischen Stimme lauscht, wie sie als Mensch ist, ob sie gut oder schlecht ist, schwach oder stark, dumm oder klug, glückhaft oder vom Pech verfolgt.

Ja, er würde sie gerne näher kennenlernen.

Doch er weiß, dass solche Frauen nicht für einen Burschen wie ihn bestimmt sind.

Er lehnt mit dem noch halb vollen Glas in einer und der halb aufgerauchten Zigarre in der anderen Hand an der Wand wie viele andere Gäste und Zuhörer, die keinen Platz mehr fanden in der Jackson's Hole Hall.

Und als sie dann ihr allerletztes Lied gesungen hat und zu keiner Zugabe mehr bereit ist, verlässt er bald darauf den Vergnügungs- und Tingeltangel-Laden.

Er glaubt nicht, dass er diese Ginger Lane – der Name steht auf den bunten Plakaten rechts und links des Eingangs – noch einmal wiedersehen wird.

Aber er wird sie wiedersehen.

Als er sich nach rechts dreht, prallt er mit einem Mann zusammen, welcher sofort ärgerlich knurrt, einen halben Schritt zurückweicht und ihm dann die Faust in die Magengegend hämmern will.

Doch im allerletzten Moment hält der schon ziemlich betrunkene Bursche inne und schaut überrascht.

»Oha, du bist das ja, Ty, du verdammter Pferdestehler! Komm mit, wir machen alle Fässer leer – auch die mit den toten Hunden. Ich zahle alles, auch die Honeybees! Das ganze Bienenhaus kaufe ich uns! Komm nur, alter Lederstrumpf. Ich bin reich! Junge, ich bin so reich an Gold wie ein Indianerhund an Flöhen ist. Na komm, komm schon! Oder sind wir nicht mehr dicke Freunde? Lass dir einen ausgeben vom großen Glückspilz Berni Hammer, ja?«

Der bullige Bursche umarmt ihn nun glücklich und brüllt ihm die Worte ins Ohr.

Dann ziehen sie beide davon. Denn sie sind alte Freunde und waren einige Male schon Jagdpartner langer Winter im Yellowstone-Land. Aus den Augen verloren sie sich vor zwei Jahren, als Berni Hammer ein Arapahoe-Mädchen heiratete und ein sogenannter Squawman wurde, der mehr bei den Indianern lebte als bei den Weißen.

Nun aber ist dieser Berni Hammer in Laramie und hat die Taschen voller Gold, gibt es aus mit vollen Händen.

Und es ist kein Goldstaub, nein, was Berni Hammer da immer wieder zum Vorschein bringt, ist pures Gold, losgebrochenes Adergold.

Und alle, die ihn kennen, werden in dieser Nacht von ihm freigehalten.

Als Ty Jones einmal zu ihm sagt: »He, Berni, willst du denn alles auf den Kopf hauen und dir nicht etwas für schlechte Zeiten zurücklegen?«, da lacht ihn Berni Hammer nur aus und erwidert stolz, so stolz und einfältig, wie nur ein Betrunkener sein kann: »Oh, du alter Pferdestehler, wo diese Brocken herkommen, ist noch mehr, noch sehr viel mehr. Denn ich habe das ›Goldene Vlies‹* entdeckt. Hörst du, Bruderherz? Das Goldene Vlies!«

»Ich höre«, erwidert Ty Jones bitter. »Und ich bin erstaunt darüber, wie gebildet du bist. Und wo liegt denn dieses Goldene Vlies, he?«

Da lacht Berni Hammer trunken und wild.

»Dadadadas sage ich nininicht mal dir«, kichert er schließlich. »Denn du, du warst mimimit mir schon mal dort. Aberaberaber dadadamals waren wir beide so bliblablind wie Maulmaulwürfe, hahahahaha!«

Er will sich ausschütten vor Lachen.

Und Ty Jones macht sich immer größere Sorgen um ihn.

Denn er ist schon lange nicht mehr mit Berni Hammer allein. Sie ziehen nun einen ganzen »Rattenschwanz« von Burschen mit sich, wohin sie auch gehen. Berni Hammer kennt eine Menge Leute, und die meisten sind Wyoming-Satteltramps, Fallensteller und Scouts wie er. Auch Ty Jones kennt die meisten, denn auch er gehört ja irgendwie zu dieser Gilde.

Ty Jones ist davon überzeugt, dass Berni Hammer bald schon – wenn er nur noch etwas betrunkener ist – jedem Frager verraten wird, wo die Goldader liegt. Und weil er ein wirklicher Freund von Berni Hammer ist, möchte er das natürlich verhindern.

Deshalb wendet er das allerletzte Mittel an.

Er reicht Berni an der Bar des Silvertip Saloons eine halb volle Flasche Whisky und sagt: »Ich wette, dass du nicht mehr stehen kannst, wenn du die mit einem Zug leer getrunken hast. Hörst du, Berni, ich wette mit dir!«

Berni Hammer schwankt schon auf den Sohlen, und er muss sich mit der Hand am Schanktisch festhalten. Er starrt grinsend in die Runde.

»Habt ihr das gehört?« Er fragt es jetzt, ohne zu stottern. »Habt ihr das gehört, ihr Läuseknacker? Der will mich umfallen sehen. Doch ich vertrage noch einen ganzen Eimer voll Pumaspucke. Einen ganzen Eimer! Aaah, gib schon her! Aber wenn ich dann noch stehe, bist du an der Reihe. Oha!«

Er nimmt die Flasche, setzt sie an und beginnt zu schlucken. Denn er ist nun mal ein Bursche von jener Sorte, die sich in betrunkenem Zustand zu den unsinnigsten Dingen herausfordern oder animieren lässt.

Als er die Flasche geleert hat, grinst er stolz und zeigt sie in die Runde.

Dann stellt er sie noch auf den Schanktisch.

»Ich stehe noch«, sagt er ganz deutlich und klar. »Jetzt bist du an der Reihe, alter Pferdestehler. He, Jungs, wisst ihr eigentlich, warum ich ihn immer Pferdestehler nenne? Wir haben nämlich damals den Cheyennes von Red Wolf ...«

Weiter kommt er nicht.

Seine klare Sprechweise täuschte zuletzt alle über seinen Zustand.

Denn sein Arm und seine Hand, mit denen er sich am Schanktisch festhält und abstützt, zittern plötzlich.

Dann fällt er nach vorn – und in Ty Jones' Arme.

Ty Jones bückt sich mit einer raschen Bewegung unter ihn, lädt ihn sich auf und hat ihn über der Schulter liegen.

Einer der vielen Mitzecher sagt: »Der hat im Jackson's Hole Hotel das nobelste Zimmer. Wenn wir ihn richtig zu Bett bringen wollen, müssen wir ihn dorthin bringen, nicht wahr?«

Ty Jones setzt sich sofort in Bewegung. Und er verspürt eine grimmige Zufriedenheit. Er hat dafür gesorgt, dass Berni Hammer bewusstlos wurde und deshalb auch nicht mehr reden und sein Geheimnis verraten kann.

Niemand mehr kann Berni Hammer jetzt noch ausfragen.

Und am nächsten Tag – nun, dann wird er sicherlich wieder bei Verstand sein.

Aber eigentlich ist es ja jetzt schon fast wieder Tag. Es muss drei oder vier Stunden nach Mitternacht sein.

Berni wird sicherlich seinen gewaltigen Rausch erst in zehn oder zwölf Stunden überwunden haben.

Sie legen ihn also auf das Bett und ziehen ihm die Stiefel aus.

Einer der Männer, die mitgekommen sind, fragt misstrauisch: »Und du willst wohl jetzt bei ihm bleiben wie eine gute Mami, ja, Jones?«

Ty Jones grinst nur. Er drängt das ganze betrunkene Rudel aus dem Zimmer auf den Gang, und er weiß, dass sie sich alle und sie alle ihn belauern.

Er schließt die Tür von außen ab – und als sie dann alle auf den Schlüssel in seiner Hand starren, da bückt er sich und schleudert mit einer geschickten Bewegung seiner Finger den Schlüssel unter dem Türspalt hindurch in Berni Hammers Zimmer zurück.

»Irgendwann wird er ihn finden und von innen aufschließen«, sagt er, drängt sich durch die Gruppe und geht die Treppe hinunter.

Sie folgen ihm. Der Nachtportier hinter dem Anmeldepult betrachtet sie böse und missmutig. Denn sie stören seinen Schlaf.

Erst draußen sagt einer der Burschen: »He, Jones – Berni sagte, dass ihr schon mal gemeinsam dort gewesen wäret, wo er das Gold fand. He, Jones, wo war das wohl? Willst du uns das verraten? Oder möchtest du dich allein dorthin schleichen?«

Ty Jones schüttelt fast mitleidig den Kopf.

»Berni und ich«, sagt er, »waren mehrere Winter Jagdpartner im Yellowstone-Land, und wir jagten jedes Jahr in einem anderen Gebiet. Ihr wisst genauso gut wie ich, dass die Indianer jeden Narren totschlagen, der den Bozeman-Weg verlässt. Berni aber war in den vergangenen Jahren ein Squawman. Er lebte bei den Indianern. Ich glaube nicht, dass wir dorthin gelangen können, wo er hergekommen ist. Schlagt euch das aus dem Kopf.«

Nach diesen Worten geht er davon. Und sie blicken ihm grimmig und bitter hinterdrein.

Einer sagt: »Man müsste ihm auf den Fersen bleiben, ihn nicht mehr aus den Augen lassen. Dann ...«

Aber ein anderer Mann lacht verächtlich. »Oh, du heilige Einfalt! Shane, was bist du doch für ...«

»Keine Beleidigungen! Sonst bekommst du was aufs Maul!«

»Na schön, keine Beleidigungen, Shane. Aber ich glaube, du kennst Ty Jones nicht richtig. Wenn der nicht will, dass ihm jemand folgt, dann geht das auch nicht. Weißt du nicht, wie man ihn nennt? He, weißt du das nicht?«

»Wyoming-Falke – na und?« Jener Shane schnauft es.

Die anderen betrachten ihn fast mitleidig.

Dann gehen sie in verschiedenen Richtungen davon.

Und auch jener Shane gibt sich vorerst zufrieden. Er wird sich wieder an Berni Hammer hängen, wenn dieser seinen Rausch ausgeschlafen hat.

Drei Tage später – nach einem langen Tagesritt – erreicht Ty Jones mit seinen beiden Packpferden die Post-Station bei den Medicine Springs.

Unterwegs dachte er mehrmals an seinen einstigen Jagdgefährten Berni Hammer, doch er sah ihn nicht mehr in Laramie.

Er dachte auch einige Male an die schöne Sängerin Ginger Lane, die er auf der Bühne im Jackson's Hole Saloon erlebte.

Aber dann verdrängte er alles im Verlaufe des langen Tagesrittes.

Er ist unterwegs zu seinem Jagdgebiet im Yellowstone-Land. Dort wird er bis zum kommenden Frühjahr wertvolle Pelztiere jagen – und er wird dort allein sein in dieser Welt.

Aber als er noch seine drei Tiere tränkt, sieht er die Postkutsche kommen.

Zuerst steigt dann jene Ginger Lane aus. Er erkennt sie sofort wieder, obwohl sie jetzt für eine solche Reise sehr praktisch gekleidet ist und nicht jenes wunderschöne grüne Seidenkleid trägt wie auf der Bühne der Jackson's Hole Hall.

Die Postkutsche bekommt ein neues Gespann.

Indes vertreten sich die Passagiere ein wenig die Beine. Einige, darunter eine andere Frau, gehen in die Gaststube der Station, wo es Kaffee und belegte Brote gibt.

Ginger Lane tritt zu Ty Jones an die von einer Mauer eingefasste Quelle.

Sie macht das Tuch nass und wäscht sich damit das Gesicht.

Dann blickt sie im roten Schein der Abendsonne auf Ty Jones und fragt: »Mister, sind Sie ein Trapper – ein Scout – ein Gebirgsläufer?«

»Zurzeit bin ich das, Ma'am«, erwidert er und greift an seinen alten Hut.

Sie deutet nach Norden zu dem Bozeman-Weg hinauf.

»Ist es wirklich so gefährlich, den Bozeman-Weg zu verlassen?«

Er nickt. »Ja, das ist gefährlich. Die Indianer haben Wind bekommen von dem bevorstehenden Bahnbau, der ihr Büffelland in zwei Teile trennen wird. Es gibt einen Friedensvertrag, der uns Weißen freien Durchgang durch das Indianerland nach den Goldfundgebieten von Montana garantiert. Aber wer den Bozeman-Weg verlässt, begibt sich in große Gefahr. Doch in dieser Postkutsche sind Sie einigermaßen sicher. Der große Indianerkrieg wird sicherlich erst im nächsten Jahr ausbrechen. Dann nämlich werden die Roten herausgefunden haben, dass man sie wieder einmal mit Verträgen eingelullt und hinterrücks betrogen hat.«

Ginger Lane nickt.

Dann sagt sie: »Aber Sie sind doch Trapper. Sie verlassen doch ganz gewiss diesen Weg und reiten durch das Indianerland. Fürchten Sie sich nicht?«

»Doch – etwas«, sagt er. »Aber mich erwischen die Roten nicht so leicht. Überdies kenne ich viele ihrer maßgebenden Anführer. Es gab mal eine Zeit, da gehörte Fort Laramie noch nicht der Armee, sondern weißen Händlern. Und in dieser Zeit lebten die Roten und Weißen hier friedlich beieinander und trieben Handel. Mein Vater war solch ein Händler. Mich töten sie hier in diesem Land aus den verschiedensten Gründen nicht so schnell wie jeden anderen Weißen, der die Verträge verletzt.«

Sie nickt ernst, betrachtet ihn sehr sorgfältig. Er spürt ihre Ausstrahlung, und er weiß, dass sie eine erfahrene Frau ist, eine Abenteurerin und Glücksjägerin.

Ihr Instinkt tastet an ihm, versucht in ihn einzudringen.

»Ich habe Sie auf der Bühne gesehen und singen gehört«, murmelt er. »Sie sind eine sehr reizvolle Frau, Ginger Lane. Was wollen Sie im Norden? Halt, ich frage Sie das, um Ihnen vielleicht einen guten Rat geben zu können. Ich will nicht aufdringlich sein.«

Aber sie lächelt. »Ach«, sagt sie, »da Sie wissen, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, werden Sie auch verstehen, dass ich gerne dorthin möchte, wo man an Sangeskunst keine großen Ansprüche stellt und dennoch gute Gagen zahlt. Und im Goldland von Montana soll der Dollar leichter rollen, wird der Goldstaub leichter ausgegeben. Es ist reiner Geschäftssinn, Mister. Wie ist Ihr Name?«

»Ty Jones«, sagt er. »Und ich wünsche Ihnen Glück. Wahrscheinlich werde ich von Ihnen träumen in meinem einsamen Camp. Sie sind sehr schön, Ginger Lane, eigentlich zu schön für das raue Goldland dort im Norden. Nur die ganz Harten überwintern dort.«

Sie nickt. »Das glaube ich«, erwidert sie. »Und ich gehöre wahrscheinlich auch zu dieser Sorte.«

Sie betrachtet ihn noch einmal mit einem nachdenklichen und zugleich forschenden Blick und wendet sich dann ab, weil der Fahrer ruft: »Leute, es geht weiter, denn die Nacht wird mondhell und sternenklar. Steigt in die Kutsche, Leute! Ich fahre gleich los!«

Wenig später blickt Ty Jones der Kutsche nach, lauscht auf den allmählich verklingenden Lärm, den sie in der sonst so stillen Nacht macht – auf den leiser werdenden Hufschlag, das Knallen der Peitsche, das Rufen des Fahrers und das Knarren der Ledergehänge.

Der Stationsmann und dessen Gehilfe bringen nun das ausgeschirrte Gespann zu den Corrals. Der Stationsmann sagt zu Ty Jones, den er gut kennt: »Ob die durchkommen, ist noch längst nicht sicher. Und vielleicht haue ich hier bald ab mit meiner Familie. Ich hab noch ein paar Freunde unter den Roten, die werden mich warnen. Es ist irgendein Mist am Stinken. Die Roten werden sich langsam darüber klar, was der bevorstehende Bahnbau für sie an Nachteilen bringen wird. Wahrscheinlich wird es bald wieder Friedensgespräche geben. Und wenn die Roten dann merken, dass man sie einmal mehr reingelegt hat, werden sie verrückt werden wie Hornissenschwärme, in deren Nestern man mit Stöcken stochert. Diese Rothaarige war schön, nicht wahr? Aber die andere Frau, welche in die Gaststube kam, stand ihr nicht viel nach, nicht wahr?«

»Ich habe diese zweite Frau nicht richtig gesehen«, erwidert Ty Jones und fügt hinzu: »Ich ruhe mich ein paar Stunden bei dir aus, Rosco. Dann reite ich weiter.«

Die Sonne scheint noch, als er nach etwa fünfundzwanzig Meilen die nächste Relaisstation der Post- und Frachtlinie erreicht. Unterwegs hat er mehrmals an die schöne Ginger Lane denken müssen, aber einmal hat er amüsiert gelacht – so sehr, dass seine Pferde schnaubten –‍, als er sich vorstellte, dass er eine Frau wie Ginger Lane mit in die Einsamkeit nehmen würde und sie dort nicht viel anders als eine Squaw leben müsste.

Als er mit seinen Pferden um die Scheune biegt, da sieht er die Kutsche.

Ja, sie steht dort vor dem Stationshaus. Warum?, denkt er.

Und auch Ginger Lane sieht er wieder, dazu noch die anderen Passagiere.

Es sind noch fünf – und einer dieser Passagiere ist ebenfalls eine Frau. Nun sieht er sie richtig, und er denkt an Roscos Worte. Ja, auch diese zweite Frau ist von besonderer Art.

Ihr blondes Haar leuchtet wie reifer Weizen. Sie hat es hinter dem Nacken mit einem Samtband zusammengebunden. Obwohl sie blond ist, gehört sie zu den stets gebräunt wirkenden Typen, und ihre Augen sind schwarz.

Indes er seine Pferde verhält, denkt er bei sich: Heiliger Rauch, die hat blonde Haare, ist fast so dunkel wie eine Indianerin und hat auch noch schwarze Augen. Was für eine Mischung!

Als er mit seinen Gedanken so weit ist, sieht er sich nach dem Stationsmann, dem Fahrer der Kutsche und dessen Begleitmann um. Aber er sieht keinen der Männer. Und überdies sind außer zwei müden Kutschpferden keine anderen Tiere zu sehen. Die Corrals sind leer.

»Was ist passiert?« So fragt er, denn ihm ist klar, dass etwas passiert sein muss.

Einer der vier männlichen Fahrgäste, der neben der Tür an der Hauswand lehnt und an einem Stück Holz schnitzt, sagt lässig: »Pferdediebe. Sie waren mit allen Tieren noch gar nicht lange fort. Der Stationsmann, der Fahrer, der Begleitmann und einer von uns Passagieren nahmen auf den ausgespannten Kutschpferden die Verfolgung auf. Der Stationsmann war allein hier. Seine indianische Frau ist ihm mit den Kindern fortgelaufen. Er sagte, das wäre kein gutes Zeichen. Wir warten hier schon ein paar Stunden.«

Ty Jones nickt. Er lässt die Leinenenden der beiden Packtiere einfach fallen. Dann blickt er noch einmal in alle Gesichter, und ganz besonders interessiert er sich für die vier Männer unter den sechs Passagieren.

Er fragt sich, warum nicht noch wenigstens zwei mitgeritten sind. Denn es sind ja noch zwei Kutschpferde vorhanden.

Mann für Mann betrachtet er die vier Fahrgäste.

Jenen, der am Holz herumschnitzt, hält er sofort für einen Townwolf, einen Spieler und Revolverhelden also.

Der zweite Mann mag früher vielleicht einmal Preiskämpfer gewesen sein. Die Narben in seinem Gesicht und die Blumenkohlohren verraten das. Und gerade an diesen Mann kann er sich gut erinnern. Er hat ihn, Berni Hammer und das ganze Rudel von Berni Hammers Schmarotzern in einer Bar bedient. Er hat Berni auch ein halbes Pfund Gold gegen Dollars eingetauscht und mitgetrunken, wenn Berni einen ausgab.

Jetzt ist dieser Barkeeper unterwegs ins Goldland.

Ty Jones sieht nach den beiden anderen Männern.

Und er sieht die gleiche Sorte. Auch diese beiden hält er für Townwölfe, also für Burschen aus den Saloons, Spieler, Revolverhelden.

Einer von ihnen lässt ihn an einen sandfarbenen Wolf denken – der andere Bursche ist sehr ansehnlich, blond, scharfgesichtig. Aber er ist zu dandyhaft gekleidet, zu nobel. Und er trägt zwei Revolver in den Schulterholstern unter der offenen Jacke. Seine Weste ist mit Brokat bestickt. An seinen keinen Fingern blitzen Brillantringe.

Zuletzt blickt er auf die beiden Frauen.

Und da fällt ihm sofort der Unterschied auf.

Die blonde Schöne, deren Namen er noch nicht kennt, wirkt sehr unruhig, nervös. Ihr Blick weicht seinem aus. Jene Ginger Lane aber wirkt beherrscht, so als hätte sie mehr Format als die Blondine.

Er will anreiten, doch da fragt ihn der Mann, welcher immer noch am Holzstück herumschnippelt: »Wohin, Lederstrumpf – wohin?«

Ty Jones' Augen werden schmal, denn in der Stimme des Mannes ist ein Ton, der ihm nicht gefällt. Aber er beherrscht sich und sagt ruhig: »Nun, ich reite ihnen nach. Vielleicht kann ich ihnen ein wenig behilflich sein, wenn sie irgendwo dort in den Hügeln die Fährte verlieren sollten.«

Aber der Mann an der Hauswand schüttelt den Kopf.