Horst Christian Bracht
Galgenfrist
Historischer Limburg-Krimi
Alle Rechte vorbehalten • Societäts-Verlag
© 2012 Frankfurter Societäts-Medien GmbH
Satz: Nicole Ehrlich, Societäts-Verlag
Umschlaggestaltung: Nicole Ehrlich, Societäts-Verlag
Umschlagabbildung: © ale_rizzo - Fotolia.com
eBook: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
ISBN 978-3-95542-002-4
Prolog
Polizeidirektor Senftleben hockte wutschnaubend in der leeren Amtsstube der Limburger Landmiliz. Der starrköpfige Mann um die fünfzig schlug seine geballte Faust auf den Eichentisch und schüttelte den Kopf. Am liebsten hätte er seine bittere Enttäuschung herausgeschrien. Er hatte den Täter zweifelsfrei überführt. Darin war er sich absolut sicher. Warum zögerte jener feige Richter, den Stab zu brechen und ihn dem Ruchlosen vor die Füße zu schleudern?
Vor fünf Monaten hatte der ehrwürdige Trierer Kurfürst höchstpersönlich den Koblenzer Polizeiobersten nach Limburg beordert, um einen sonderbaren Criminalfall aufzuklären. Schließlich hatte er den Malefikanten aufgespürt und vor den für schwere Criminaldelikte zuständigen Koblenzer Oberhof gebracht. Zunächst schien alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Auf dem Richtertisch lag das entscheidende Corpus Delicti. Ein honoriger Professor der Theologie hatte zudem jeden Zweifel am schändlichen Motivum des Delinquenten ausgeräumt. Für den Kommissar war der Fall abgeschlossen. Er hatte seine Arbeit mit der gebotenen Gewissenhaftigkeit durchgeführt und geliefert, was man von einem pflichtbewussten Ermittler erwartete.
Und dann das!
Der eigenwillige Richter hatte zur Verwunderung selbst der Schöffen das Verhör abgebrochen und Senftleben aufgefordert, die entlastende Aussage des verruchten Mörders zu überprüfen. Der verdammte Kerl wollte sich doch nur herausreden, um seinen Kopf zu retten. Nun sollte der Kommissar doch tatsächlich dem Schurken ein Alibi verschaffen! Unfassbar! Seit wann schenkte die Justiz einer noch so dubiosen Schutzbehauptung des Beschuldigten Gehör, wenn doch ausreichende Schuldbeweise vorlagen? Das ging zu weit! Nein und nochmals nein. Nicht mit ihm, zürnte Senftleben. Er hatte den Mörder ermittelt. Ein handfestes Beweisstück und ein eindeutiger Beweggrund sollten für eine Verurteilung ausreichen. Punktum. Notfalls konnte das Gericht das Geständnis durch Folter erzwingen. Sollte der Verbrecher doch die Beinschrauben spüren. Sollten doch seine Gelenke auf der Streckbank herausspringen. Nur zu!
Dennoch konnte sich Senftleben der richterlichen Anordnung nicht widersetzen. Er sah sich gezwungen, noch einmal nach Limburg zu reisen. Reine Zeitverschwendung in seinen Augen. Eine Zeit lang wartete er untätig ab. Halbherzig beauftragte er die Limburger Ordnungshüter, weitere Requisitionen anzustellen. Mit unverhohlener Schadenfreude stellte er bald fest: Sie traten auf der Stelle. Die plumpe Schutzbehauptung des Angeklagten musste ergo erstunken und erlogen sein. Auch der allzu nachsichtige Richter musste das wohl oder übel akzeptieren. Nun war es an der Zeit, dem Koblenzer Oberhof das Ergebnis zu präsentieren: Er habe das Alibi des Angeklagten in der gebotenen Akribie geprüft. Seine Ermittlungen hätten keine neuen, entlastenden Erkenntnisse erbracht. Das Schicksal des Mörders war somit besiegelt. Der Henker konnte den Galgen richten.
Kurz entschlossen packte der Kommissar seine Sachen und machte sich auf den Weg zur Poststation am Limburger Hammertor. Doch an jenem verhängnisvollen Vormittag des 10. Juni anno 1783 zogen aus heiterem Himmel von Norden kommend schwere, drohende Rauchschwaden auf. Sie verdunkelten die aufziehende Sonne, bis nur noch eine matte, dunkelrote Scheibe von ihr blieb. Fassungslos rannten die Limburger auf die Straßen und blickten sorgenvoll den rotgrauen Wolken nach, die langsam, aber stetig die Stadt in ein diffuses, schattenloses Dämmerlicht und die Häuser in ein schmutziges Grau tauchten. Eine seltsame Stille setzte ein. Kein Hund schlug an, kein Vogel zwitscherte, keine Katze streunte und selbst die Ratten verkrochen sich in ihre Löcher. Es schien, als hätten die feinsinnigen Tiere das aufziehende Unheil gespürt. Limburg erstarrte in höllischer Furcht und lähmendem Schrecken. Zum Entsetzen aller stieg den Menschen ein garstiger Schwefelgeruch in die Nase. Ein nach faulen Eiern riechender Gestank des Teufels. Die entgeisterten Limburger stürmten in panischer Angst scharenweise den Felsen hinauf zur Stiftskirche Sankt Georg in der Hoffnung, Antworten auf ihre bangen Fragen zu erhalten. Der Klerus werde sicher eine geistliche Deutung für das apokalyptische Ereignis parat haben.
Nur weg aus dieser garstig stinkenden, gottverlassenen und korrupten Stadt, fluchte Senftleben. Die Posthalterin Scherpf bedeutete ihm jedoch unwirsch, der Verkehr auf den Postkursen sei wegen der ungünstigen Witterung ausgesetzt. Die Höllenluft sei abträglich für die Pferde. Er solle abwarten, bis der Himmel wieder aufklare. So blieb dem Kommissar nichts anderes übrig, als seine Reise nach Koblenz zu verschieben. Er hatte Zeit. Der Delinquent war in sicherem Gewahrsam. Solle dieser sich doch im Kerker über eine zusätzliche Galgenfrist freuen. Dem Henker könne er nicht mehr entrinnen, frohlockte Senftleben. Er sollte sich zu früh gefreut haben.
Zurück in der öden Amtsstube rief er sich noch einmal die Ereignisse ins Gedächtnis zurück. Das Unheil hatte begonnen, als vor vier Jahren ein französischer Zimmermannsgeselle in Limburg aufgetaucht war ...
Vier Jahre zuvor A.D. 1779
1
Der Zimmermeister Heinrich Lang konnte sich wahrhaft nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Ein heftiges Aprilgewitter hatte über Limburg getobt und eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Ein gewaltiger Blitz war mit einem ohrenbetäubenden Knall zur neunten Abendstunde in den Vierungsturm der Stiftskirche Sankt Georg gefahren. Die eilig von der Sturmglocke herbeigerufenen Feuerläufer versuchten zu retten, was zu retten war. Vergebens. Bald erschien der ganze Turm wie eine brennende Fackel im dichten Nachtgewölk und sprühte Funken bedrohlich über die Dächer der Stadt. Dank göttlicher Fügung drehte der Wind und trieb den Feuerzauber zur Lahn hin. Die Gefahr für die Stadt war zwar gebannt, aber die Flammen hatten nicht nur den Turm mit dem Wetterhahn zerstört, sondern auch den nördlichen Seitenturm und einen Teil des Kirchendachs. Der Schaden war erheblich.
Wie jeden Morgen stieg Meister Lang die Eulengasse zur Georgskirche hinauf. Die Zimmermannszunft hatte sich unter seiner Leitung einen geräumigen Arbeitsplatz vor der Kirche gesichert und nutzte diesen als Werkstatt. Hier sollte der Turm abgebunden, vorgefertigt und komplett aufgebaut werden. Später würden die sorgsam gekennzeichneten Einzelteile auf dem Kirchdach aufgeschlagen werden. Schon von Weitem hörte Lang die kräftige Stimme seines Gesellen Phillip, der seine Leute zur Vorsicht und Sorgfalt anhielt.
Akribisch beäugte Lang das Hobeln und Zuschneiden der Balken und Verstrebungen. Immer wieder prüfte er mit geschultem Auge die Maße und warf einen Blick auf den Bauplan, den er gemeinsam mit seinem tüchtigen Gesellen Phillip an zahllosen Abenden bis tief in die Nacht entwickelt hatte. Seine größte Sorge galt der Statik der Holzkonstruktion. Schließlich hatten ihn die Stiftsherren eindringlich vor einer zu leichten Bauweise gewarnt, zumal der achteckige Spitzhelm wesentlich höher als der alte gebaut werden sollte. Ein schwieriges Unterfangen. Aber auf den Gesellen Phillip war Verlass. Kurz nach Ostern hatte der Wandergeselle an seine Tür geklopft, den breitrandigen Filzhut vom Kopf gezogen und um Arbeit gebeten. Zuvor hatte der Zimmermann streng nach den Zunftregeln die gerollte Krisetasche abgelegt, das rote Tuch darüber ausgebreitet, den dicken, gewundenen Stenz unter dem Rock eingeknöpft und das Felleisen über die linke Schulter gelegt.
Phillip Grandjeau entstammte einer Winzerfamilie aus der Champagne. Als jüngster von vier Söhnen hatte er sich für den Beruf des Zimmermanns entschieden, in Reims seine Gesellenprüfung abgelegt und war danach auf die Walz gegangen. Er war auf dem Weg nach Coeln, wo er den weit über die Grenzen der Stadt bekannten Dom mit den Reliquien der Heiligen Drei Könige besuchen wollte. Doch als er bei der Durchreise von dem eingestürzten Vierungsturm in Limburg hörte, erkannte er seine Chance. Hier würde er den ersehnten Meisterbrief erhalten und sich ein Denkmal setzen, sofern er an der Planung und dem Bau maßgeblich mitwirken konnte. Meister Lang gab ihm diese Chance. Hatte er doch sehr schnell Phillips handwerkliches Talent und vor allem dessen große Erfahrung erkannt, die Grandjeau in Frankreich bei zahlreichen Kirchenbauten erworben hatte. Der tüchtige, versierte Geselle kam ihm gerade recht. Denn zu Langs Verdruss hatte sich einer seiner Söhne entschieden, Naturwissenschaften zu studieren, und der andere frönte auf seine Kosten den schönen Künsten und war der Philosophie zugetan. Das väterliche Handwerk erkannten die Söhne nur der Einkünfte wegen an, die ihnen ein sorgenfreies Studentenleben garantierten.
Als Zuwanderer zahlte Grandjeau die geforderten sechs Reichstaler an die Stadtkasse und kaufte einen Ledereimer, so man ihn bei Feuersnöten brauchte. In der Regel mussten die Gesellen lange auf eine Meisterstelle warten. Oft bis zum Tod des Meisters, wenn sie die Witwe heirateten und die vakante Meisterstelle erbten. Lang erfreute sich jedoch guter Gesundheit. Dennoch schienen die Voraussetzungen für Phillip günstig zu sein. Der Meister hatte ihm angeboten, sich bei der Zunft für ihn zu verwenden. Nach Abschluss der Turmarbeiten wollte er sich aufs Altenteil zurückziehen. So bot er dem französischen Gesellen an, sich entweder in sein Geschäft einzukaufen oder seine Tochter Adelheid zu ehelichen. Ein Blick in seinen schmalen Geldsäckel ließ Phillip nur eine Wahl: Er musste in den sauren Apfel beißen. Nicht, dass er einer Hochzeit grundsätzlich abgeneigt gewesen wäre, aber die dralle Adelheid war nicht gerade das Muster einer liebreizenden Prinzessin, die ihren Prinzen liebevoll und voller Sehnsucht anhimmelt. Sie war zwar jung und durchaus ansehnlich, putzte sich stets wie eine eitle, französische Hofdame heraus. Ihr herrisches, forderndes Wesen aber schreckte ihn ab. Unter Liebe hatte sich Phillip etwas anderes vorgestellt: zärtliche Zuneigung, inniges Verständnis und sehnsüchtige Blicke – dies gab es allerdings wohl nur in den Geschichten von Voltaire. Adelheid verstand sich als Preis für die Meisterstelle. Das ließ sie den Gesellen tagtäglich auf anstrengende Art und Weise spüren. Sie trieb ihn zur Arbeit an, als könne sie die Vermählung nicht erwarten. Phillip schluckte wortlos ihre Keifereien und Gemeinheiten hinunter. Wollte er über sie die Meisterstelle erben, konnte er sich keine Gefühlsduseleien leisten und so tröstete er sich mit der Binsenweisheit, das Eheweib werde mit der Geburt des ersten Kindes sanfter, werde ihr Wesen verändern. Indes, wohl war ihm nicht bei dem Gedanken, sie als sein Weib zu nehmen.
„Phillip, horch emol. Lass uns noch mal den Sternenträger prüfen. Ei, es wäre zu blamabel, wenn der Turm schief aufgesetzt würde“, riss ihn der Meister aus seinen Gedanken.
„Keine Sorge, Meister. Wir reißen die horizontale Lage der Fundamentbalken mit der Setzwaage avec précision auf. Den Turmaufbau kontrollieren wir mit dem Senklot.“
„Sind wir auch nicht im Verzug? Der Dechant Alberich Joseph Dornuff hat mich schon ermahnt, mit den Arbeiten auf dem Dach zu beginnen. Dem kann es nicht schnell genug gehen.“
„In zwei Wochen können wir den Turm auf dem Kirchendach aufschlagen. Unsere Zunftgenossen haben das Gerüst schneller als geplant aufgebaut. Alles geht dans la bonne direction... Merde, verdammt noch mal, passt auf! Wenn ihr die Stämme auf den Böcken nicht mit Keilen sichert, kommt noch jemand zu Schaden.“ Der Geselle hatte seine Augen überall. Ihm entging keine Nachlässigkeit, er drohte sogar Prügel zur Strafe an und das sagte er nicht ohne Grund. In seiner Zimmermannstracht steckte eine griffbereite Rute. Dem Meister war es recht:
„Phillip, wenn du das Fluchen schon nicht lassen kannst, dann pass wenigstens auf, dass dich kein Pfaffe hört. Sonst bist du ganz schnell hier oben verbannt.“
Die Kirchenuhr schlug zur achten Stunde. Alle Zimmerleute schauten gespannt auf den Burschen, dass er nun eile, das fällige Bier für das Frühstück zu holen. Der gestrenge Geselle gab dem jungen Gehilfen mit einem Kopfnicken ein Zeichen und drückte ihm wie jeden Morgen ein paar Münzen in die Hand. Sogleich sauste er die Treppe hinunter zur Böhmergasse, um im Gasthaus ‚Roter Hirsch‘ zwei Kannen gewürztes Bier zu kaufen. Das Schälen, die Axtschläge und das Sägen verstummten. Die Arbeiter setzten sich auf einen Holzstapel, wischten sich den Schweiß von der Stirn und schielten mit ihren Keramikbechern in der Hand nach der fälligen Erfrischung. Ihre Kehlen waren in der aufziehenden Sommerhitze ausgetrocknet. Doch anstelle des sehnsüchtig erwarteten Gehilfen stapften zwei Landsknechte die Eulengasse herauf und steuerten mit strengem Gesichtsausdruck geradewegs auf den Gesellen Phillip zu.
„Geselle Phillip Granschau?“
„Oui, was wollt ihr von mir?“
„Ei, der Stadthauptmann Bogner schickt uns. Wir sollen dich zur Schießübung abholen.“
„Bestellt eurem Hauptmann, der Geselle ist unabkömmlich. Wir haben eine für die Stadt wichtige Arbeit zu erledigen. Jede Stunde zählt. Ich kann ihn nicht entbehren“, erwiderte Meister Lang schroff und machte eine abweisende Handbewegung, sie sollten gefälligst wieder verschwinden.
„Seid Ihr der Maschores? Wir haben ein Schreiben für Euch.“
Missvergnügt nahm Lang den Brief entgegen und las:
Gemäß der Verordnung des Stadtrats ist jeder taugliche Mann über zwanzig Jahren verpflichtet, zwölf Jahre in der Landmiliz zu dienen. Ausgenommen sind nur Staatsbeamte, Geistliche, Juden, Schultheißen und eine Reihe unehrlicher Berufe. Durch jährliche Zahlung eines Guldens können sich die betreffenden Personen loskaufen. Jedoch sind alle zünftigen Limburger Gesellen ohne Ausnahme zum Exerzierdienst verpflichtet. Die Meister sind angehalten, die Gesellen zu diesem Behuf freizustellen. Die Schießübungen überwacht der Stadthauptmann. Er legt die Zeiten des Waffendrills fest. Nur bei Krankheit ist ein Dispens geduldet. Sollte ein Geselle den Dienst verweigern oder wiederholt fernbleiben, drohen ihm eine peinliche Strafe und eine einwöchige Kerkerhaft. Der Geselle Phillip G. hat bereits zwei Schießübungen versäumt. Wir befehlen ihm, unverzüglich zum Dienst zu erscheinen, andernfalls sind die Stadtsoldaten angehalten, ihn sofort in Arrest zu nehmen. Kaspar Bogner, Stadthauptmann
Der Meister zog seinen Gesellen mit dem Brief in der Hand zur Seite.
„Phillip, hast du davon gewusst?“
„Naturellement. In meiner Heimat bin ich bewusst dem Militärdienst entwichen. Das Schießen ist mir ein Gräuel. Und ich werde niemals auf meine französischen Landsleute feuern, sollte es wieder zu einem Krieg kommen.“
„Aber wenn du da nicht erscheinst, wirst du ziemlichen Ärger bekommen.“ An die Landsknechte gerichtet fragte er: „Ist viel Betrieb im Schießgraben?“
„Ei, um diese Zeit ist kein großer Andrang. Der Schütze kann nach fünf Schüssen wieder gehen.“
Im Schießgraben hinter der berüchtigten Rosengasse hatten sich tatsächlich nur wenige Männer zum Exerzierdienst eingefunden. Der dickbäuchige, einen Kopf kleinere Stadthauptmann Kaspar Bogner herrschte Phillip zur Begrüßung mit einer Branntweinfahne an.
„Ei, da ist ja unser Franzos. Wie dann? Hat es sich der Driggeberjer doch noch überlegt? Er hat wohl Angst vor der peinlichen Strafe? Seid gewiss, ich hätte Euch heute in den Katzenturm an den Stock legen lassen wie einen hundsgemeinen Schurken. Wagt es nicht, noch einmal zu schwänzen, sonst werdet Ihr meine Peitsche spüren!“
Phillip wurde mit einem Schlag bewusst, dass er in dem harschen, gnadenlosen Stadthauptmann keinen Freund gefunden hatte. Er taxierte den grobschlächtigen Haudegen mit dem wettergegerbten Gesicht auf fünfzig. Ein grauschwarzer Rauschebart zierte sein zerfurchtes, griesgrämig dreinschauendes Antlitz. Mit sichtlicher Abscheu nahm Phillip ein Steinschlossgewehr entgegen und ließ sich von einem Stadtsoldaten die Handhabung erklären.
„Beim Abzug schnellt der Hahn mit dem Feuerstein auf die Batterie, erzeugt Funken, die dann das Feuerkraut in der Pfanne anfachen. Durch das Zündloch wird die Treibladung gezündet und der Schuss geht ab. Habt Ihr das verstanden?“
Phillip nickte brav, obwohl er nur mit halbem Ohr zugehört hatte. Zögerlich folgte er den Anweisungen, stellte sich breitbeinig hin und visierte das Ziel an der Stadtmauer an. Beim Befehl des Stadthauptmannes „Feuer frei!“ rührte er keinen Finger. Wie gebannt schaute er auf das Ziel, ein auf die Mauer gemalter Mensch. „Feuer frei!“, schrie der Hauptmann erneut, dass es einem angst und bange werden konnte. Doch Phillip schoss nicht. Der hinter ihm stehende Hauptmann griff seinen Ochsenziemer und drosch auf Phillips Rücken ein. Vor Schreck krümmte der Geschundene den Finger am Abzug. Der Schuss löste sich, verfehlte das Ziel. Die Kugel sauste über die Mauer hinweg. Phillip fiel rückwärts auf den Hosenboden und spürte einen stechenden Schmerz in seiner rechten Schulter. Als er sich mit peinerfülltem Gesicht aufraffte und seine Schulter massierte, erntete er hämisches Gelächter. Man hatte ihn bewusst nicht darauf hingewiesen, den Kolben fest an die Schulter zu drücken, um den gewaltigen Rückschlag aufzufangen.
„Ei, es geht doch, du Schlabbesack. Bisher habe ich aus jedem Lumpen einen brauchbaren Schützen gemacht. Ich werde dich mit der Peitsche so lange malträtieren, bis du freiwillig schießt. Verstanden, du Hannebambel? Gewehr laden!“
Phillip gehorchte. Wenn der Hauptmann zum Du und der Peitsche wechselte, stufte er ihn zu einem nichtsnutzigen Kretin herunter. Diese Demütigung wollte er nicht noch einmal erdulden. Insgeheim schwor er, es dem Stadthauptmann später heimzuzahlen. Von einem solch aufgeblasenen Menschenschinder ließe er sich nicht vorführen.
Nicht von ungefähr scharwenzelten um die Mittagszeit fein herausgeputzte Jungfern in weißen Linnenkleidern und einem Strohhut auf dem Kopf an der Stiftskirche herum. Ziel war nicht das Gotteshaus. Vielmehr wollten sie die jungen, kräftigen Zimmerburschen von ihrer Arbeit ablenken und manch einem schöne Augen machen. Besonderen Gefallen fanden sie an dem schmucken, drahtigen Gesellen in seiner schwarzen, samtenen Manchestertracht mit dem breiten Schlag an den Hosenbeinen und der ausgeschnittenen Weste mit den Perlmuttknöpfen. Dazu hatte er ein schmales, rotes Krawattenband umgebunden und den Schlapphut aus Filz auf dem Kopf, den die Zimmerleute „Obermann“ nannten. Phillip hatte die Ärmel seines weißen, kragenlosen Hemds hochgekrempelt. Die muskulösen Arme setzen alle Mädchen in helle Verzückung. Mit seinem langen, wallenden, schwarzen Haar erinnerte er an den Christuskopf auf den Heiligenbildern in der Kirche. Das war sicher kein Zufall. Die Herrgottsmaler porträtierten den Zimmermann aus Nazareth so, wie sie die Zimmerleute zu ihrer Zeit kannten.
„Schäkerst du wieder mit den Mädchen, Phillip?“, fuhr ihn Adelheid im besten Sonntagskleid mit Reifrock und einem Sonnenschirm in der Hand verärgert an. Sie wusste um die täglichen Besuche der halbwüchsigen Jungfern und war meist sofort zur Stelle. Phillip schmunzelte nur und enthielt sich jeden Kommentars.
„Kümmer dich lieber um die Arbeit. Es geht nicht schnell genug voran. Ich sehe keinen Fortschritt. Noch immer werkelt ihr an den Stämmen. Wann beginnt ihr endlich mit dem Turmaufbau? Du weißt, was davon abhängt. Ich warne dich, lange warte ich nicht mehr. Oder willst du nicht Meister werden?“
Phillip sah sie an, als blicke er durch sie hindurch. Dann zwinkerte er frech zu den Mädchen hinüber. Etwas abseits stand eine schüchterne Maid, größer und älter als die anderen Mädchen, dünn und flachbrüstig, in einem schlichten, blauen Leinenkleid mit einer weißen Schürze. Sie war weitaus hübscher und vielleicht auch etwas jünger als die affektierte Adelheid und beteiligte sich nicht an den lockenden Sprüchen der kessen Mädchen. Sie stach ihm sofort in die Augen.
„Comment tu t’appelles?“, rief er ihr zu. Sie hauchte ein „Johanna“ zurück.
„Also, das ist doch die Höhe! Verschwinde, du unverschämte Bix. Der Geselle ist mir versprochen. Phillip, mach nur weiter so. Dann kannst du die Meisterstelle in den Wind schreiben“, fauchte sie mit feurigen Augen.
Phillip ließ sie stehen und wandte sich seinem Plan zu, um die nächsten Schnittmaße festzulegen. Aus den Augenwinkeln blinzelte er zur schmunzelnden Johanna hinüber und verspürte dabei ein ungewöhnliches Kribbeln im Bauch. Diese warmherzigen, schwarzen Augen, die kastanienfarbigen Haarzöpfe, welche aus ihrer Haube hervorschauten, dieses schüchterne Lächeln gruben sich tief in seine Seele ein. Mutig zwinkerte er ihr zu und erhielt ein scheues Winken zurück.
„Phillip, das reicht jetzt. Lass deine Augen von dem Flittche.“
Wie immer in solchen Momenten kam ihm in den Sinn, Limburg zu verlassen und sich in Coeln zu verdingen. Dann aber rückte die Meisterstelle in weite Ferne. Er konnte nicht ahnen, dass sich seine missliche Situation mit einem Schlag ändern würde ...
2
Der Koblenzer Gasthof ‚Zu den drei Reichskronen‘ galt als wichtige Drehscheibe der Thurn-und-Taxis’schen Postkurse von Mainz nach Coeln und von Luxemburg über Limburg und Gießen nach Cassel. Gustave Grandjeau saß im großen Saal bei seinem kargen Frühstück und studierte das Allgemeine Churtrierische Intelligenzblatt mit gnädigstem Privilegio. Als Beilage fand er darin eine Flugschrift, welche die Freimaurer in Neuwied herausgaben. Seine Laune war auf dem Tiefpunkt. In der Nacht hatte er kein Auge zugemacht. Das abscheuliche Schlaflager roch nach verschwitzten Laken und es wimmelte nur so von Flöhen. Die beiden Männer neben ihm hatten lauthals geschnarcht.
Da trat der ehrwürdige Posthalter Franz Maas an seinen Tisch. Eine stattliche Erscheinung mit seiner schwarzen Perücke und seiner mit goldenen Knöpfen besetzten schwarzen Joppe, aus der ein Rüschenhalstuch hervorlugte.
„Mein Herr, Sie hatten um einen Transport nach Limburg gebeten. Erlauben Sie mir, auf einen besonderen Umstand hinzuweisen. Der hochlöbliche Erzbischof von Trier, Clemens Wenzeslaus von Sachsen, der hier auf Ehrenbreitstein residiert, hat heute Morgen eine Chaise mit Ziel Limburg exklusiv für einen Fahrgast reserviert. Sie wird in einer halben Stunde abfahren. Möglicherweise wäre der Fahrgast bereit, Sie mitzunehmen. Ich kann Ihnen sonst nur die ordinäre Post um zwölf anbieten, aber die ist bereits ziemlich ausgebucht.“
„Sehr freundlich, Monsieur Maas. Wer ist der Fahrgast, wo kann ich ihn sprechen?“
„Meines Wissens holt er gerade sein Reisegepäck. Sie finden ihn sicher am Anspannplatz.“
Eilig verstaute Gustave drei Ranken Brot und zwei luftgetrocknete rote Würste in seinen Brotsack und stürmte aus der Gaststätte hinaus in den Hof. Tatsächlich spannte ein Postillion in blauer Livree gerade vier Pferde an und reinigte mit einem Reiserbesen den Fahrgastraum.
„Wohin geht die Reise, wenn man fragen darf?“
„Nach Limburg. Eine Sonderpost für den Kurfürsten.“
„Ob ich da mitfahren kann?“
„Macht Euch keine Hoffnung. Ich weiß zwar nicht, wer der Fahrgast ist, aber wenn unsere Durchlaucht eine Sonderfahrt anordnet, ist die Chaise wohl allein einem besonderen Gast vorbehalten.“
Ein etwa fünfzigjähriger, beleibter, bärtiger Pater in schwarzer Kutte schleppte eine schwere Reisetasche herbei. Der Kutscher wollte sie übereifrig in der hinteren Gepäcktruhe verstauen.
„Die Tasche bleibt bei mir. Ich will unterwegs die Bücher studieren. Wie lange werden wir benötigen bis Limburg?“
„Etwa acht Stunden, gnädiger Herr. Die Strecke ist bereits chaussiert und schnell zu befahren.“
„Excusez-moi. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Gustave Grandjeau, Professor an der Universität zu Reims.“
„Was verschafft mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft?“
„Nun, ich suche eine Fahrgelegenheit nach Limburg. Der Posthalter Maas war so freundlich ...“
„Der Mann kann sein Maul nicht zügeln. Die Kutsche ist bezahlt, ich reise allein“, gab der Mönch schroff zurück und wandte sich ab.
„Acht Stunden sind eine lange Zeit. Etwas Konversation würde die Zeit verkürzen. Bedenkt auch, ein einzelner Reisender ist leicht dem Raubgesindel ausgesetzt. Ich zahle natürlich die Hälfte des Fahrpreises. Ich kann auch vorn beim Schwager Platz nehmen, sofern Ihnen meine Gesellschaft nicht angenehm sein sollte.“
Der Pater überlegte einen Augenblick. Dann bedeutete er Gustave, mit ihm etwas abseits zu gehen.
„Ich wäre einverstanden, wenn Sie mir den Fahrpreis sofort geben und das Schmiergeld für die Fahrt übernehmen.“
Gustave holte seinen Geldbeutel heraus und übergab ihm die geforderte Summe, wobei sich der Preis an dem üblichen Postgeld von acht Gulden für zwei Meilen orientierte. Dann reichte er dem Kutscher einige Münzen, die sollten für das Schmieren der Achsen reichen, und eilte in den Gasthof zurück, um seine vollgepackte Reisetasche und seine auffallende rote Redingote zu holen.
„Wie darf ich Sie ansprechen, Monsieur?“, begann Gustave vorsichtig das Gespräch, als die vierspännige Chaise in rascher Fahrt der Thüringischen Straße folgte.
„Pater Bernhard.“
„Werden Sie in Limburg bleiben?“
„Ich werde eine Professur am Limburger Franziskanerkloster übernehmen und den Ordensnachwuchs für die neugegründete niederthüringische Ordensprovinz in Theologie unterrichten. Und Sie?“
„Mein Bruder Phillip arbeitet als Zimmermannsgeselle in Limburg. Ich bin auf dem Wege zu ihm, um eine traurige Nachricht zu überbringen. Unser Vater ist vor einer Woche verschieden.“
„Das tut mir leid. War er krank?“, fragte der Pater sich bekreuzigend.
„Er ist im Alter von zweiundsiebzig Jahren sanft eingeschlafen. Mein Vater war Winzer in der Champagne.“
„Aus der Champagne stammt doch der berühmte Schaumwein, der Wein des Teufels, wie man sagt. Explodieren noch immer die Flaschen im Gärungskeller?“
„Das ist – Gott sei gelobt – vorbei. Die Kellermeister tragen nun keine Eisenmasken mehr, um sich zu schützen. Der Benediktinermönch Dom Pérignon hat ein Verfahren entwickelt, die Korken mit einer Kordel am Flaschenhals zu sichern. Somit können die Flaschen ohne Gefahren transportiert werden, selbst wenn der Schaumwein noch nachgären sollte.“
„Sie sind Professor? Welche Fakultät?“
„Ich habe an der Pariser Sorbonne Naturwissenschaften studiert und nun einen Lehrstuhl an der Universität Reims inne. Mich hat es halt wieder in die Champagne gezogen.“
„Sorbonne sagten Sie? Meines Wissens hat sich die Sorbonne allen modernen Entwicklungen verschlossen. Sie bekämpft den Humanismus, die Jesuiten und die aufklärerischen Gedanken des Philosophen Rousseau.“
„Richtig, deshalb habe ich der Sorbonne auch den Rücken gekehrt. Der schlechte Ruf von Intoleranz und Obskurantismus schreckte mich ab. Die Verteufelung von Jean-Jacques Rousseau hat der Sorbonne sehr geschadet. Und Sie, Père Bernhard? Ihrem bayerischen Akzent nach zu urteilen, stammen Sie aber nicht aus dem Kurfürstentum Trier.“
„Gut beobachtet, mein Herr. Nein, ich bin in Regensburg beheimatet. Clemens Wenzeslaus von Sachsen war damals dort Bischof, so haben wir uns kennengelernt. Ich gehöre dem Jesuitenorden an.“
Inzwischen hatten sie Montabaur erreicht. Der Postillion stieß in sein Horn, um die Kutsche anzukündigen. Sie machten in der Relaisstation unterhalb des Schlosses Station. Der Posthalter entpuppte sich als ungeschliffener Mensch, der zudem nicht gerade gastfreundlich war. Sie drängten den Kutscher, rasch die Pferde zu wechseln, während sie sich ein bescheidenes Mittagsmahl genehmigten.
„Wer gut schmeert, der gut fährt!“, unterbrach der Kutscher den Mönch, der gerade an einer Hähnchenkeule nagte. Pater Bernhard wies stumm mit einem Kopfnicken auf den jungen Mann neben ihm, welcher ohne zu zögern einige Münzen herausrückte. Nach kurzer Unterbrechung nahmen sie die Weiterfahrt auf.
3
Wir waren bei den Jesuiten, Père Bernhard. Wie sind Sie eigentlich nach Koblenz gekommen?“
„Der Erzbischof Clemens Wenzeslaus von Sachsen bot mir an, nach Koblenz zu wechseln und übertrug mir nun die Theologielehrstelle am Franziskanerkolleg in Limburg.“
„Ein Jesuit bei den Franziskanern? Geht das gut? Die beiden Orden sind sich doch spinnefeind!“
„Nun, wir sagen so: Die Jesuiten sind die Denker, die Franziskaner die Arbeiter der Kirche.“
Die Chaise erreichte die Lahnbrücke in Limburg. Ein warmer Sommerregen erwartete sie.
„Denkt daran, die Post ist jetzt am Hammertor, nicht mehr in der Brückengasse. Der Säcker zeigt Euch den Weg“, beschieden die Torwächter dem Kutscher. Noch vor fünf Jahren hatte die Poststation direkt hinter dem inneren Brückenturm an der Lahn gelegen. Sie war von der Posthalterin Scherpf betrieben worden. Nun half die Witwe gelegentlich beim neuen Verwalter Michael Oberst aus. Die neue Limburger Poststation am anderen Ende der Stadt hatte sich zu einem wichtigen Drehkreuz entwickelt. So konnte man jede helfende Hand gebrauchen. Dreißig Pferde standen dort bereit. Es wurden sogar wöchentlich zwei Fahrten auf dem Postkurs von Lüttich über Limburg, Franckfurt, Nürnberg, Passau nach Wien angeboten. Die Fahrt dauerte vierzehn Tage.
Der Schwager trieb seine schon etwas müden Pferde an. Ein vorauseilender Ausscheller sorgte für freie Fahrt durch die engen Gassen. Es ging zunächst die enge Fahrgasse hinauf zur Salzgasse, dann am belebten Kornmarkt vorbei, die Barfüßerstraße entlang zur Sebastianskirche. Schon waren sie am Hammertor angelangt, am Ziel ihrer Reise.
„Pater, ich nehme an, Sie werden im Franziskanerkloster erwartet?“, wandte sich die alte Posthalterin Scherpf an den Mönch.
„Richtig, weist Ihr mir den Weg?“
„Sie sind soeben am Kloster vorbeigefahren. Das sind nur wenige Schritte von hier. Und Sie, mein Herr? Benötigen Sie ein Quartier?“
„Danke, sehr freundlich von Euch. Aber ich bin auf der Suche nach meinem Bruder, der hier als Zimmermann arbeitet.“
„Alle Zimmerleute sind derzeit an der Stiftskirche tätig. Sie werden sicher auch Ihren Bruder dort antreffen. Folgen Sie dem Herrn Pater bis zum Kloster, dann sehen Sie die Georgskirche schon. Eine Steintreppe wird Sie den Felsen hinaufführen. Haben Sie genügend kleine Münzen dabei?“
„Wofür sollte ich die brauchen?“
„Sehen Sie doch nur die Schar von Kindern, die dort drüben auf Sie warten. Sie harren jeden Tag an der Poststation aus und hoffen auf einen Reisenden in edlen Gewändern. Den Herrn Pater werden sie in Ruhe lassen, aber Sie werden sie um Almosen anflehen. Geben Sie ihnen doch etwas, sie tun mir leid. Zu viele Männer haben ihre Arbeit verloren, weil die Limburger Wollweber der Konkurrenz der billigen Tuche aus England nicht standhalten können. Viele Väter wissen nicht mehr, wie sie ihre Familie ernähren können. Die armen Kinder landen notgedrungen auf der Straße und müssen sich nun ihr Brot erbetteln. Unser Stadtpfarrer hatte sich zwar bemüht, im Hospital eine Zeuchtfabrik einzurichten, um die hungrigen Kinder von der Straße zu holen, aber er scheiterte an den Verlusten.“
„Dann muss sich eben der Stadtrat ihrer annehmen. Die Bettelkinder sind doch eine Schande für die Stadt“, empörte sich Pater Bernhard.
„Ehrwürdiger Vater, die Mittel der Stadt sind sehr begrenzt, die Stadtkassen leer. Der Siebenjährige Krieg hat zu große Kontributionen gefordert. Die Preise für Lebensmittel sind drastisch gestiegen, ebenso die Abgaben an den Fürsten, der mitleidslos auf seine Pfründe besteht. Die Ernten sind miserabel. Schon sind die Bauern gezwungen, ihre Vorräte an Aussaat zu verspeisen. Uns droht eine Brotknappheit. Wir stecken in einer großen Krise. Viele verarmte Bürger mussten ihre Häuser den Gläubigern übereignen oder versteigern lassen.“
Auch sie war davon nicht verschont geblieben. Mit einem stillen Seufzer verharrte sie einen Moment und dachte an die gute Zeit mit ihrem verstorbenen Mann in ihrem stattlichen Haus am Brückentor, das sie erst vor Kurzem den Gläubigern hatte überschreiben müssen. Dann fuhr sie fort:
„Jetzt kommt das Anwerben der österreichischen Kaiserin Maria Theresia gerade recht. Den Ausweglosen wird ein besseres Leben ohne Steuerlasten versprochen, wenn sie nach Galizien auswandern. Viele verzweifelte Katholiken – das Angebot gilt nur für sie – haben Limburg schon verlassen. Die ganz Mutigen, die weder Tod noch Teufel fürchten, suchen ihr Glück in der Neuen Welt. Die Lage in Limburg scheint hoffnungslos. Andererseits sehen wir, wie die Kirche ihre Gotteshäuser prunkvoll ausschmückt. Ist das Gold in den Gotteshäusern wichtiger als die Menschen? Meiner unbescheidenen Meinung nach sollte sich auch die barmherzige Kirche der Not der armen Kinder annehmen.“
Mutig, die alte Frau, dachte Gustave und wechselte zwei Gulden. Der Mönch hielt sich nun mit seiner Kritik zurück und mahnte ungeduldig zum Aufbruch. Sie waren froh, endlich die Füße vertreten zu können, und folgten einem vorbeifahrenden Fuhrwerk. Im Schlepptau streckten die hungrigen, ausgemergelten Kinder ihre Hände flehentlich aus und bettelten herzerweichend um einen Kreuzer. Ein besonders vorwitziges Mädchen bedrängte den Pater und wurde von ihm barsch und derb schimpfend abgewiesen. Daraufhin ließ das Kind murrend von ihm ab und gab ihm trotzig zu verstehen, dass er wohl das Almosen verweigern könne, sie aber nicht beleidigen dürfe, weil jeder Mensch unter dem Schutz Gottes stehe.
„Lass ab von dem Mönch!“, riefen die anderen Kinder, „die hochnäsigen Barfüßer sind alle Erbseziehler!“
Indes verteilte Gustave großherzig Kreuzer, so wie es die Posthalterin erbeten hatte, und erntete strahlende, zufriedene Gesichter. Rasch erreichten sie die Sebastianskirche mit dem angrenzenden Kloster und verabschiedeten sich mit freundlichen Worten. Pater Bernhard lud seinen Reisebegleiter ins Kloster ein. Gustave Grandjeau solle sich vor seiner Abreise melden, aber bitte erst nach dem Mittagsmahl.
4
Der Regen hatte zum Glück nachgelassen und Gustave war froh, seine Stiefel angezogen zu haben. Der Weg hinauf zur Georgskirche war schmierig und voller Unrat, den der Regen die steile Treppe herabspülte. Schon von Weitem entdeckte er das mächtige Holzgerüst und die emsigen Handwerker, die sich schon auf den Feierabend zum Angelusläuten einstellten. In dem hektischen Treiben konnte er seinen Bruder nicht entdecken. Die laute Stimme mit dem französischen Akzent war jedoch schnell auszumachen. Der Geselle Phillip schrie gerade voller Zorn einen Zimmermann an. Mit Holzschlegel und Meißel hatte dieser einen Zapfen an der Balkenstirnseite herausgebrochen und nicht auf den Maserungsverlauf geachtet. Mit einem einzigen Schlag hatte er Ausschuss produziert.
„Lass es gut sein, das kann jedem mal passieren, cher Phillip.“ Verärgert schaute sich der Geselle um. Wer erdreistete sich da, ihm zu widersprechen? Er traute seinen Augen nicht, glaubte einen Geist zu sehen.
„Gustave? Was machst du denn hier?“
„Da staunst du, was? Ich habe mit dir etwas Wichtiges zu besprechen. Wann machst du Feierabend?“
Das Gasthaus ‚Zum Goldenen Hirsch‘ am Kornmarkt füllte sich allmählich. Sie hatten sich einen ruhigen Tisch gesichert und schwatzten ausgelassen bei einem Schoppen Wein und einem deftigen Abendbrot mit Schwarzwurst. Gustave hatte seinem Bruder ohne Umschweife vom Tod des Vaters berichtet. Phillip bekreuzigte sich und starrte auf den Keramikbecher vor ihm. Nein, man hatte es nicht voraussehen können. Der Vater hatte nie über eine Krankheit geklagt. Er sei des Nachts im Bettlager friedlich eingeschlafen, tröstete ihn Gustave.
„Wer führt den Betrieb weiter?“
„Nicolas war ihm schon lange Zeit zur Hand gegangen. Er hat sich zwar mehr um den Verkauf gekümmert, aber der alte Kellermeister steht ihm zur Seite. Mutter ist damit einverstanden.“
„Und das Weingut floriert?“
„Die Geschäfte gehen gut. Nicolas hat viele neue Kunden akquiriert, selbst den französischen Königshof. Es häufen sich die Bestellungen sogar aus dem Ausland. Die Nachfrage nach Champagner ist so groß, dass fast alle Winzer der Champagne den berühmten Schaumwein produzieren und gutes Geld verdienen. Vater hat uns eine beachtliche Erbschaft hinterlassen. So groß, dass Mutter einen Advokaten beauftragt hat, das Erbe gerecht unter uns aufzuteilen. Deinen Anteil habe ich in meiner Tasche dabei. Phillip, du bist ein reicher Mann!“
Mit großen Augen hörte er fassungslos zu. Schon schoss ihm durch den Kopf, jetzt könne er sich selbst eine Werkstatt leisten, sei auf niemanden mehr angewiesen. Plötzlich stand ihm die ganze Welt offen.
„Bringt uns den besten Schaumwein, Monsieur Cordonnier!“, rief er dem Wirt zu.
„Ein Franzose, hier in Limburg?“, staunte Gustave.
„Nein, eigentlich heißt er Heinrich Schuhmacher, aber er nennt sich mit Vorliebe Henri Cordonnier“, flüsterte er seinem Bruder zu. „Ich komme gern hierher. Als Franzose genieße ich den besten Service. Und, was willst du mit deinem Anteil anstellen?“
„Wie du weißt, habe ich eine Professur an der Universität Reims inne. Da muss ich auf meine Reputation achten und gewissen Kreisen der erlauchten Gesellschaft beitreten. So gehöre ich der Pariser Freimaurerloge an.“
„Du bist Freimaurer?“
„Nicht so laut, Phillip. Muss ja nicht jeder mitkriegen. In die Loge kann man nur mit einer positiven Empfehlung von ehrwürdigen Bürgen eintreten. Nun gibt es drei verschiedene Grade in der Loge, vergleichbar mit Lehrlingen, Gesellen und Meister. Noch bin ich Geselle. Den höchsten Grad erreiche ich, wenn ich der Bruderschaft der Gold- und Rosenkreuzer beitrete. Dazu brauche ich aber Kapital.“
„Alors, was kannst du dann werden?“
„Meister vom Schein des Lichts und dem verlorenen Worte. Damit steige ich vom profanen Freimaurer zu Sphären auf, die nur wenigen vorbehalten sind. Ich erlange dann den ‚Stein des Weisen‘, mir ist außer den göttlichen Kräften und Geheimnissen nichts mehr verborgen.“
„Hört sich mystisch an. Aber wenn dir so viel daran liegt, wünsche ich dir viel Erfolg dabei. Und später wirst du mich in die letzten Geheimnisse einweihen, oder?“
„Non, non. Ich muss mich zur totalen Verschwiegenheit verpflichten. Und was machst du mit dem Geld?“
„Ich werde mir meinen Traum einer eigenen Zimmerei erfüllen. Bald lege ich mein Meisterstück ab, das ist bereits mit dem Meister abgesprochen. Aber das Meisterrecht erhalte ich nur, wenn ich auch das Bürgerrecht erwerbe. Und das bekomme ich, wenn ich das Bürgergeld zahle und eine ehrbare Limburgerin heirate. Aber noch scheue ich davor zurück.“
„Pourquoi – warum denn?“
„Die Tochter des Meisters wäre sicher eine gute Partie. Aber ich zögere noch. Das Weib ist störrisch, zänkisch und das Gegenteil einer liebreizenden femme. Komm, ich stelle sie dir vor und auch den Meister, bei dem ich eine Kammer bewohne. Du willst doch sicher bei mir nächtigen?“
In diesem Moment stapfte Stadthauptmann Bogner in die Gaststube. Phillip drängte zum Aufbruch.
Sie schlenderten sich angeregt unterhaltend bis zum Löhrviertel hinunter. Der Meister wohnte in einem älteren, aber geräumigen Fachwerkhaus neben der kleinen Synagoge. Langs Haus hatte früher einmal den Lohgerbern als Werkstatt gedient. Zu Phillips Erstaunen war der jüngere Sohn des Meisters zu Besuch. Man saß beim Abendessen. Adelheid warf Phillip einen zornigen Blick zu:
„Hast dich wohl wieder herumgetrieben, während wir auf dich warten.“
Phillip ignorierte sie.
„Meister, darf ich Euch meinen Bruder Gustave vorstellen, der überraschend zu Besuch gekommen ist. Ihr habt doch nichts dagegen, wenn er bei mir Unterschlupf findet?“
„Seid willkommen und setzt Euch zu Tisch. Was macht Ihr, woher kommt Ihr?“, fragte der Meister Gustave, der sich höflich vorstellte und freundlich für die Einladung dankte.
„Phillip, willst du mich denn nicht mit deinem Bruder bekannt machen?“, forderte ihn Adelheid auf. „Ach, bemühe dich nicht. Ich bin die Tochter des Meisters. Eventuell Eure Schwägerin in spe, so Gott es will und Phillip endlich mit dem verdammten Turm fertig wird. Ihr wart doch sicher auch mal am französischen Königshof. Wie geht es dort zu? Sind die Hofdamen wirklich so elegant, wie man sagt?“
„Pardon, Mademoiselle. Ich hatte nicht das Vergnügen, dort eingeladen zu werden. Aber unser Bruder Nicolas liefert unsere Schaumweine an den Hof von Versailles. Den solltet Ihr befragen.“
„Sie sind Naturwissenschaftler?“, fragte der Sohn des Meisters. „Darf ich mich vorstellen? Johann Lang. Ich studiere Physik an der Philipps-Universität zu Marburg. Derzeit höre ich ein sehr interessantes Kolleg über die neuen Dampfantriebe und die Spinnmaschinen, die aus England zu uns kommen werden. Übrigens, kennen Sie den Physiker Denis Papin?“
„Papin hat meines Wissens an der Akademie der Wissenschaften in Paris vor etwa hundert Jahren den Dampfdruck-Kochtopf erfunden. Bei der Vorführung vor den Mitgliedern der Société explodierte sein Topf. Er hatte das Sicherheitsventil vergessen. Quel malheur! Warum fragen Sie?“
„Papin kam danach nach Marburg als Professor für Mathematik und Hydraulik. Hier konstruierte er den ersten Dampfzylinder und eine Dampfdruckpumpe, die im Casseler Park Wilhelmshöhe das Wasser für den Steinhöfer’schen Wasserfall fördern sollte. Papin behauptete, er könne mit Feuer Wasser heben. Leider scheiterte er noch an den Dichtungen und an den leckenden Ventilen. Sie können sich die Exponate der Papin’schen Pumpen bei uns in Marburg ansehen, wenn Sie wollen.“
„Wann reisen Sie denn zurück nach Marburg?“
„Übermorgen, ich lade Sie mit Freude ein. Sie können gern in meiner Studentenbude übernachten.“
Gerade wollte Gustave überschwänglich zustimmen, als es an die Haustür heftig klopfte. Der Stadthauptmann stand in seiner ganzen Größe und ziemlich angetrunken in der Tür.