Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
"Ich weiß gar nicht, was Sie haben, Sie leben doch!" Neulich erst hielt ich das Foto wieder in den Händen. Die Nahaufnahme ihrer Haut. Damals in Breizh gemacht. Vor über 30 Jahren. Wir waren aus Paris getürmt. In einer Zeit, als die Welt noch anders Kopf stand. In einer Zeit, als 1968 erst zu wirken begann. In einer Zeit als Pennac, Pouy und Raynal zusammen wahnwitzige Krimis schrieben, die alle wahr waren und doch gelogen. So wie das Leben nun mal ist. Und ein Franzose, Alain Prost, noch Zweiter beim Grand Prix wurde. Der zweite Golfkrieg tobte und der in Jugoslawien und die Sowjetunion hörte auf zu existieren. Und ich machte ein Foto ihrer Haut. Ihrer Gänsehaut. Gleichzeitig eine verrückte Liebesgeschichte, ein rasantes Roadmovie und fulminanter Krimi
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für Lilly(1991)
Nichts an dir, das mich nicht anzöge mit unbesiegbarer Liebeskraft.(Claudio Monteverdi)
Es-tu ma femme? Ma femme faite pour atteindre la rencontre du présent?Bist du meine Frau? Meine Frau, stark genug, dem Heute zu begegnen? (René Char)
Neulich erst hielt ich das Foto wieder in Händen. Die Nahaufnahme ihrer Haut. Damals in Breizh gemacht. Vor über 30 Jahren. Wir waren aus Paris getürmt. In einer Zeit, als die Welt noch anders Kopf stand. In einer Zeit, als 1968 erst zu wirken begann. In einer Zeit als Pennac, Pouy und Raynal zusammen wahnwitzige Krimis schrieben, die alle wahr waren und doch gelogen. So wie das Leben nun mal ist. Und ein Franzose, Alain Prost, noch Zweiter beim Grand Prix wurde. Der zweite Golfkrieg tobte und der in Jugoslawien und die Sowjetunion aufhörte zu existieren. Und ich machte ein Foto ihrer Haut. Ihrer Gänsehaut.
Ich schaute auf und grinste. Ich wusste, ich hatte alles aufgeschrieben und abends las ich es ihr vor. Auch sie lächelte, verschränkte dabei ihre Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. Sie meinte nur: Gib mir einen anderen Namen, nenn mich anders in dieser Geschichte! – und ich nahm einen anderen Namen und es war doch ihrer und unsere Geschichte. Vor 30 Jahren. Jetzt sitzen wir in unserem Garten und schauen in den Himmel.
Aber lest selbst!
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Breizh
Mit der Nässe ihres Schoßes malte ich ein feucht funkelndes Herz um ihren Nabel, während draußen bei einem Wolkenbruch das hinter den Regenschleiern verschwindende Gold der Sonne millionenfach in den Tropfen zerplatzte. Ich biss in ihre harten Knospen, glitt zu ihren geöffneten Schenkeln und gab ihr einen Kuss in das glitzernde Dreieck. Dann tauchte ich mit meiner Zunge noch einmal in sie ein.
Vor drei Tagen hatte ich meinen Job in der Papierfabrik an den Nagel gehängt und genau diese drei Tage war es her, dass ich vor einer idiotischen Schiebetür eines Carrefour-Supermarktes gestanden hatte, die sich unaufhörlich, verendend quietschend, öffnete und schloss. Schon da zog seit Stunden ein endloses Gewitter über das Kaff und die Gummis der Scheibenwischer erfüllten im finalen Todeskampf mühselig ihre Aufgabe.
Ich saß hinter dem Lenkrad, das ich mit meinen klopfenden Fingern traktierte und schaute kopfschüttelnd durch die Seitenscheibe. Seit fast einer Stunde ließ ich den Motor laufen. Als wenn wir in den nächsten zwei Minuten starten würden, und beobachtete dabei immer ungeduldiger den zunehmend dunkler werdenden Himmel, die Blitze, die ihn eggten und Lilly. Doch sie hüpfte für die weiteren nächsten Viertelstunden durch die vielen Scheiben zwischen uns für mich unhörbar, pantomimisch, wütend, tanzend hin und her. Fuchtelte wild mit ihren Händen und brachte dabei den Sensor des elektrischen Türöffners zum Kochen.
Ihr eigentlich schon seit Wochen zukünftig Verflossener schüttelte eine Hand vor seinem Gesicht hin und her, machte Kniebeugen und schlug mit seinen Handflächen auf alle möglichen Gegenstände um sich herum, vielleicht auf der Suche nach dem Knopf, mit dem er den Bau zum Einsturz bringen könnte. Dann drehte er Pirouetten, sprang in die Luft, drehte sich von links nach rechts und wieder zurück, wedelte dabei mit den Armen vor seinem Gesicht und in der Luft herum, um gleich danach mit gefalteten, bittenden Händen fast auf die Knie zu sinken. Nun griff er nach ihrem Arm, zog sie zur Tür und winkte beschwichtigend mit der freien Hand, damit sie nun mit ihm hinausginge und sie mit dem Theater aufhöre. Doch sie flutschte aus seiner Hand, riss ihm dabei fast den Arm aus, duckte sich und stand längst wieder über zwei Meter weit von ihm entfernt. An seiner Mimik erkannte ich, dass ein startendes Flugzeug im Vergleich zu ihm leise war und durch das Kino wusste ich – so trennt man sich – endgültig.
Irgendwann fuhren wir dann in die Stadt. Nachdem Lilly – nun endlich in der offenen Tür stehend – Armand noch mit einer Salve Obstabfall und Kehricht beworfen hatte. Neben mir, im Auto, tobte sie ihre Streitkaskaden noch eine Stunde lang laut und gestenreich aus, bis sie plötzlich wie ein verschnürtes Paket auf dem Sitz zusammengekauert zur Scheibe hinausstierte. Ihr Körper mutierte zu einem Igel, zitterte und es war klar, dass sie weinte. Und das nicht schlecht.
Eine Stunde hatte sie ihm Zeit gegeben, sich wenigstens zu entschuldigen, ohne zu wissen, wofür. Trennungen liefen nie harmonisch ab. Außer einer schluckte dabei alles herunter, was zur Sprache kam. Vor ein paar Tagen hatte sie es schon versucht. Stand bei ihm vor der Tür, obwohl sie wusste, dahinter befand sich längst nicht mehr ihre Wohnung. Sie klingelte und klingelte und klingelte. Dann klopfte sie immer lauter werdend auf das Holz der Türe. Nach zwanzig Minuten nahm sie ihren Schlüssel, den sie ihm eigentlich bei anderer Gelegenheit zurückgeben wollte, und öffnete die Tür. – Und erwischte ihn und die Neue in wenig Unterwäsche.
***
Ich war das erste Mal seit März 1990 wieder in Paris. Es hatte sich seitdem nicht viel verändert. Die Grande Dame zog es vor, trotz ihrer Falten kein Lifting auszuprobieren. In der Rue Lepic hatte sich der Gemüsehändler etwas aufgepeppt und sah jetzt aus wie ein geschrumpfter, aber bunt erleuchteter Supermarkt mit aseptischem Licht, Spots und farbigen Lichterketten. Obst, Gemüse und das in Dosen Verpackte schillerte in den verrücktesten Farben. Doch das alte Eisengitter mit den großen Maschen hing immer noch schief und schräg über dem Eingang. Dazu kam ein paar Meter weiter ein Laden, den ich noch nicht kannte. Ich kurvte mit dem alten Audi ums Eck. Fast hätte ich dabei Jeans weißen Peugeot zusammengeschoben, der wie immer wie hingeworfen in einer Fastparklücke stand und beinahe die kaum ein Meter entfernte Hauswand touchierte. Ich klopfte mit den Händen auf das Armaturenbrett, fluchte und nickte Lilly gespielt aufmunternd zu. Sie schob ihre Unterlippe zwischen die Zähne, zog eine Augenbraue hoch und schielte mich von der Seite an. Du kennst dich hier aus, wie? Ich zuckte mit den Schultern. Vorne genauso halb auf dem Gehweg und mit dem Heck im Verkehr stehend packten wir unsere Plastiktüten aus dem bedrohlich vollgestopften Kofferraum aus, sortierten diese an einer Hauswand entlang und warfen über die Hälfte davon wieder ins Auto zurück.
Wir dachten eigentlich nicht, Platz in Jeans Mini-Bude zu bekommen. Wir kamen unangemeldet und er mochte es einfach nicht, wenn man ihm seinen Platz so unangekündigt streitig machte. Das war einfach zu häufig in den letzten Jahren vorgekommen. Diese Art von Heimsuchungen durch mich hatte er also noch allzu gut im Kopf. Schon vor Monaten hatte er mich bekniet, dass ich mir doch endlich mal eine andere Bleibe suchen sollte. Lisette oder Pauline haben wirklich billige Zimmer, Kerl! – Ja, ich weiß. Billige! Und kaum dass er geöffnet und mich erkannt hatte, räumte er, vielleicht gerade deswegen, trotzdem jedes Mal nahezu bereitwillig das Feld und zog, dabei allerlei Verwünschungen ausspuckend, von dannen. Aufgrund des unanständigen Wortschwalls fragte ich mich, ob Armand noch einen Bruder hatte, von dem er keine Ahnung hatte. Zumindest hatten sie beide die gleiche Art von Veitstänzen einstudiert. Auch wenn Jeans allerdings nur wenige Sekunden dauerten und mit einem gestreckten Mittelfinger endeten. Im gleichen Moment, in dem ich versuchte, ihn zu beruhigen, hatte er seine Finger in die Ohren gesteckt und mich angeblafft. Ungefähr genauso lief es diesmal ab:
„In drei Tagen bist du wieder verschwunden, du Arschloch. Und versuch diesmal ausnahmsweise das hier auch danach wie eine Wohnung aussehen zu lassen.“
Und so etwas nannte sich Freund?!
Der beste, den ich eigentlich hatte.
Sein Mittelfinger schoss nach oben und ohne dass wir eine Chance hatten, mit ihm noch einen vernünftigen Satz zu reden, hörten wir unten die Tür zuknallen. Lieber ging er in eine seiner Pinten und schüttete sich dort Bauch und Leber voll, als dass er uns bei potenziellen Atemschwierigkeiten zuhören musste. Wahrscheinlich macht ihr ja den ganzen Tag nichts anderes! Stattdessen rief er aus seiner Lieblingskneipe, nachdem es fast Mitternacht geworden war, Luc an, den einzigen wirklichen Freund, den er noch in dieser Stadt hatte, ob er ein paar Nächte bei ihm verbringen könnte. Er wollte wenigstens diese, wie all die anderen, in Ruhe verbringen.
Ich hatte Jean damals bei François in der Rue Tholoz kennengelernt, als ich noch wie ein Tourist nach Paris gekommen war und meinte in zu sein, wenn ich in den Nebenstraßen die Restaurants besuchte. Er war ein Hüne von Mann, groß, stark, schwer, durchtrainiert und hatte ein knappes blaues Wollkäppi auf. Später stellte ich fest: immer. Egal, ob es schneite oder die Sonne mit vierzig Grad vom Himmel knallte. Nach dem Motto Und ewig grüßt das Murmeltier saß er dann dort halb vornübergebeugt an der Theke und stützte sein Kinn auf ein fast leeres Glas Pastis. Aber nach einem guten Quantum wurde er redselig, vertraute jeder Menschenseele und man konnte sich mit ihm über Gott und die Welt und die Unzulänglichkeiten des Daseins unterhalten. So kamen wir auch damals bei meinem ersten Besuch in Paris ins Gespräch.
Er erzählte mir schon bald mit dunem Kopf sein Leben, von seinem Beruf und den Bescheuerten, die er mit seinem Taxi durch die Gegend kutschierte, und über das beginnende Familiendrama. Über die Frau, die er erst liebte, aber dann doch gern auf den Mond geschossen hätte, weil er sich wie ein Schuljunge bei ihr alles erbitten und erbetteln musste. Aber er konnte damals keinen Absprung finden, denn er war mit ganzem Herzen Vater und hing zu sehr an seiner kleinen Tochter. Nur das wenige Geld, das er verdiente, wurde durch seine Alte noch weniger und war natürlich nicht genug. Morgens, mittags, abends hörte er nichts anderes. Und dazu eine Unmenge an Vorschlägen, die angeblich genug Geld für ihre Ansprüche einspielen würden.
Stattdessen las er eines Morgens ein paar hingeschluderte Zeilen dieser lieben Gattin. Sie hatte sich, das Kind, einen Koffer voll mit ihren Sachen und sein Gespartes aus einer Schublade geschnappt und war auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Das Vakuum, das sie hinterlassen hatte, raubte ihm fast den Verstand. Um den Schmerz erträglich zu machen, stürzte er sich von nun an in einen Suff nach den anderen. Eine Zeit lang hatte er noch versucht sie zu finden, um wenigstens das Kind sehen zu können, aber mit dem wachsenden Bierkonsum schwand die Energie für eine wohl ohnehin aussichtslose Suche. Sie hatte sich in Luft aufgelöst.
Als diese leutselige Nacht damals zum Morgen geworden war, wusste ich, dass sein Äußeres einen viel zu weichen Kern enthielt, der sich gegen keine Ungerechtigkeit der Welt hätte zur Wehr setzen können. An den folgenden Abenden erzählte er dann mit einem singenden Ton und meist deutlich angetrunken die irresten Geschichten von seinen Taxitouren. Stimmten sie, war er der geborene Fahrer für die Wohlfahrt. Ständig transportierte er allerlei Sozialfälle in seinem Taxi durch die Nachbarschaft: Hunde, Fleischwaren, Käse für Henrys Käseladen, sein Bier, die fünf Kätzchen von der kauzigen Jeanne mitsamt der Dame, weil sie sich auf dem Friedhof verlaufen hatten, tote Schweine für Jussuf und alte Omas, die keinen Centime mehr in der Tasche hatten, aber trotzdem nach Hause wollten. Er erzählte von Schwulen, die er durch die Gegend karrte, um sie mit schlaffen Bäuchen und steifen Buxen vor dem Basilic zum Fraß abzuladen. Anschließend durfte er sie mit ihren nassen Hosen in ihre Liebesnester fahren und ihnen womöglich noch eine Packung Gummis besorgen.
Ältlich alte Herren saßen im Fond mit schmierigen grabbelnden Fingern und dicken steifen Krawatten um den Hals, neben ebenso ältlichen Damen mit weitmaschigen Netzstrümpfen, in die diese Typen beim Fummeln weitere Löcher und Zugänge rissen. Nicht selten hörte er die schmatzenden Geräusche ungeduldiger Liebeshungriger nach vorne dringen. Doch die meisten ließen sich in die entlegensten dunklen Ecken der Stadt bringen, um dort ihren kleinen Glücklichmacher noch mal flottzubekommen, während er dabei draußen mit einer Zigarette zwischen den Lippen und einer leerer werdenden Flasche an seinen Wagen gelehnt den vermüllten Acker anstarrte und dabei die Geräusche und das Gestöhne von innen für sich schwer hörbar machte. Liebesdienste nannte Jean sinnigerweise so was.
***
Die Tage waren feucht und warm. Lillys Haut und Körper schimmerte wie das glatte Innere einer frisch geöffneten Dose Niveacreme, genoss die taumelnden Stunden und hatte viel Zeit für die Liebe. Wenn wir aus dem Fenster blickten, sahen wir durch Petrus’ Gießkanne die Sacré-Coeur, den alten Mann, der dort seit über 40 Jahren die Vögel fütterte, und unsere Spiegelbilder in den Scheiben. Doch wir hatten keine Zeit für die Stadt, für ihren wabernden Puls und für Diskussionen über unseren Lebensfrust, ihr Leben war bisher klein und meines nicht groß. Sie hatte diesen nörgelnden Typen und ich meine verblüfften Lohnzahler verlassen. Und wovon wollen Sie da leben? Die einst gelenkten Bahnen hatten wir hinter uns gelassen, jetzt war der alte Abenteuerspielplatz wiederentdeckt.
Mit einem Gummischieber verschafften wir uns hin und wieder einen Blick durch die beschlagenen Scheiben, zerstörten so das Spiegelbild unserer fiebrigen, tauchenden Hände, die über unsere Haut glitten, notierten das miese Wetter und kehrten zu den Kissen zurück. Die Tage wurden gespickt mit Augenblicken und dem Zeugen zukünftiger Erinnerungen. Wurden die nassen Bindfäden, die ständig aus den Wolken quollen, einmal unterbrochen, schafften wir es aufzustehen, uns anzuziehen, einen schnellen Kaffee zu trinken und anschließend durch die Straßen zu bummeln. Wir sogen den Atem der Stadt ein, beobachteten die Nationen in diesem riesigen Dorf und saßen dabei wieder in einem Café oder tranken in irgendeinem Bistro Pastis.
Zurück in der Wohnung wollten wir dann nur noch unsere schon wieder fickrig gewordenen Körper verschweißt, verschwitzt, verschwunden unter des anderen Haut. Und hinterließen dabei eine wilde Spur ausgezogener Kleidungsstücke zwischen Wohnungstür und Bett. Es war selbstverständlich geworden. Wir hatten uns seinerzeit, gefühlte Jahre von Tagen zuvor, gesehen, verstanden und nach einer Stunde geliebt. Zunächst weil Körper und Lust ausgehungert waren, dann weil dieser Hunger unbändige Lust auf den anderen machte. Mit einem Mal waren die Probleme, Schwierigkeiten und alles, was die Sicherung unserer Rente betraf, vergessen. Frühstück um Mitternacht, schlafen während die Ersten ihre Pausen im Büro machten.
Zärtlich lagen wir beieinander, nachdem ich ihr nachmittags stundenlang die Sahne statt vom Kuchen aus ihrem Nabel geleckt hatte, bis auch die dritte Dose endlich leer war. Die Zurückhaltung, die man uns irgendwann vor Millionen von Jahren durch Erziehung aufzuerlegen versuchte, wich gierig ungehemmter Leidenschaft. Unsere Zungen schlängelten sich umeinander und unsere Arme und Beine taten es auch. Ich verlor mich in ihren tiefen braunen Augen, wanderte mit meiner Nase durch ihre heiße Wölbung und zog gerade den Duft ihrer feuchten Spalte ein, als im Hausflur draußen ein Orkan zu entstehen schien. Keine Sekunde später flog die Wohnungstür unter donnernden Schlägen fast aus den Angeln. Ich vermutete einen bis in die Gehörgänge abgefüllten Jean. Deshalb brüllte ich vorsorglich mit voller Wucht:
„Hey! Jean, was soll das? Bist du übergeschnappt?“
Ich riss die Zimmertür auf und eine kleine 38er bohrte sich in meine Rippen. Diese Dinger erkannte ich immer noch sofort.
„Ach, nicht Jean Duchas?“
Eine Faust traf mich unvermittelt und plötzlich. Ich flog halb waagrecht durch den Raum und landete in die anschließenden Reste eines Stuhls. Ich sprang mit einem Reflex voller Wut und blitzender Sterne im Kopf Fäuste vorwärts auf den Typen zu. Meine unzureichend wedelnden Hände verirrten sich im Nirwana, denn eine fliegende Faust von dem anderen startete meine Fünf-Komma-neun-Pirouette, die mich von den Beinen riss, und ich landete mit dem Gesicht auf Lillys Bauch. Wir fielen vielversprechend aufeinander. Doch, Mist, falscher Zeitpunkt, wir hatten Besuch. Ich befühlte mein ramponiertes Kinn und wunderte mich, dass davon nichts in Einzelteilen herumlag.
„Nee. – Nee! – Nein!“
Ich rappelte mich versuchsweise auf. Das Blut lief mir aus der Nase in den Mund. Ich wischte mit dem Unterarm drüber.
„Ich – äh – wir sind nur ’n paar Tage hier. Fünf, um genau zu sein. Ich weiß nicht, wo Jean ist. - Was is’ überhaupt los, verdammt?“
„Wer ist denn die Kleine da?“
Und schon stand der Pistolenrambo über ihr. Lillys Lachfalten waren längst aus ihrem Gesicht verschwunden.
„Hast dir wohl seine Kleine unter den Nagel gerissen, was?“
Ich tänzelte nervös und etwas bedeppert hin und her.
„Du, ich weiß ja nicht, wer du bist, aber die Kleine, wie du sagst, ist zufällig meine Freundin und ich hätt’ verdammt noch mal jetzt gern gewusst, wer du bist.“
„Mach dir doch nicht in dein nicht vorhandenes Hemd, Kleiner!“ Sein Lachen schetterte lungenkrank und plötzlich baumelte ein Ausweis der Gendarmerie an seinen Fingern. Seine 38er hatte er gnädigerweise wieder eingesteckt. Ich scheiterte fast bei dem Versuch seinen Namen, Caron, zu entziffern.
Erst jetzt merkte ich, dass ich mit wippendem Glied und Lilly wie Eva verkleidet im Zimmer stand. Ich haspelte mich in meine Jeans und Lilly verschwand unter dem Laken, dabei mussten wir uns den ganzen vermeintlichen Schlamassel anhören, in den wir anscheinend geraten waren, während sich zwei Typen über unsere restlichen, seit drei Tagen unverändert herumliegenden Sachen hermachten und dieses Durcheinander seltsamerweise nicht verschlimmerten. Lillys Blick wanderte die ganze Zeit fragend zwischen denen und mir hin und her. Aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was dieser ganze Quatsch sollte, und erfuhr es nun scheibchenweise nach der Salami-Methode.
Am Tag bevor Jean so bereitwillig das Feld geräumt hatte, hatte er wohl in seinem ständigen Suff in einer schmierigen Bar-Tabac in Barbès ein Päckchen Koks weitergegeben, natürlich ausgerechnet an einen Schnüffler von der Gendarmerie und genau der stand vor unserer Nase. Und der sah nicht so aus, als ob er uns für Unbeteiligte hielt. Er hatte angeblich Jean beschatten lassen und dachte, er hätte mit uns nun den großen Fang gemacht. Ein weiteres Duo, das in seiner Sammlung für den Vertrieb dieser Ware fehlte. Denn er brauchte offensichtlich welche, die ihm als Dealer oder so ins Konzept passten. Sein Hunger nach Erfolg war in dieser Hinsicht groß genug. Wie wir nun zu spüren bekamen, sogar immens. Zumindest suchte er die, die Jean zum Dummen gemacht hatten, und die Lücke schienen wir ihm bestens zu schließen.
„Verdammte Scheiße, ich hab’ mit der Sache nichts zu tun. Lilly und ich sind da ja noch gar nicht in der Stadt gewesen, so eine gottverdammte Scheiße! Wir wollen hier endlich mal ’n paar ungestörte Tage. Ich hab’ Jean seit fast ’nem halben Jahr nicht mehr gesehen. Das kannste nun glauben oder auch nicht. Ich war früher hier so gut wie zu Hause, und wenn ich mal in die Stadt komm’, dann kann ich hier jederzeit pennen. Mensch, ich kenn’ Jean seit über zehn Jahren. Der macht doch keinen Scheiß. Das kannst du ihm nich’ anhängen. Der ist inzwischen sogar froh, dass er seine Alte los ist. Der will nur seine Ruhe haben.“
Ich kam richtig in Fahrt und aus der Puste, denn das Blut suppte die ganze Zeit auf meine Oberlippe, aber der Typ winkte grinsend mit beiden Armen ab.
„Ist gut. Ist ja gut. Woher weißte denn das alles so genau? Bist ja echt gut informiert!“
Inzwischen sah die Wohnung, die mir in den letzten Jahren oft zweite Heimat gewesen war, dann aus wie nach einem überaus feuchten Gelage. Jean würde mich in der Luft zerreißen. Nach der oberflächlichen Durchsicht unserer Sachen lagen vor den Wänden Fetzen von Stoff, türmten sich nun leere Schachteln, ausgeleerte Gläser und Töpfe oder Ähnliches in weiß Gott wie vielen Haufen herum. Selbst unsere Dosenvorräte waren allesamt offen. Die vollführten hier die reinste Schikane. Jean würde sich bedanken und in einem geeigneten Moment, nachdem er auch meine Einzelteile auf das Durcheinander verteilt hatte, auch Lillys siebfein dazulegen. Diese Idioten nahmen seine Behausung vollkommen auseinander.
Ich versuchte die Typen irgendwie mit irgendwas zu überzeugen, saugte mir den letzten Blödsinn aus dem Hirn und quasselte in einer Tour auf sie ein. Riss ihnen dabei Dinge aus der Hand, die wirklich niemanden was angingen, fing mir dafür einen Rempler nach dem anderen ein und hatte plötzlich den Inhalt eines Glases Marmelade im Gesicht. Meine Schläfen begannen zu pochen. Lilly blieb die ganze Zeit über unter ihrem Laken versteckt und schaute sich das Treiben mit ihren großen Augen ungläubig an. Ich zuckte mit den Schultern und meinte lediglich leise in Dauerschleife: Nein, ehrlich, unmöglich, mit krummen Sachen hat der sicher nichts zu tun. Ich ballte die Fäuste. Seine Geschichten waren ja wirklich famos, aber jetzt auch noch Joints oder was?
Die Typen hier gingen mir allmählich auf den Geist. Selbst die Bücher und seine beknackten Lieblingscomics von Leroi hatten sie zum Teil in Luftschlangenbreite auseinandergerissen. Nach zwei oder drei Stunden, der Typ hatte nahezu ohne Unterbrechung auf uns eingequatscht, ohne eine meiner Fragen beantwortet zu haben, zogen sie dann endlich ab. Unsere Adressen, Geburtsorte, Schuhgrößen und andere Horoskopangaben waren notiert. Zum Schluss klebten überall die Reste von spurensicherndem Tesa und wir erhielten die Erlaubnis, die Wohnung fürs Erste nicht zu verlassen.
Scheiß drauf! Aber echt! Nach ein paar Minuten und nachdem ich durch das Fenster gesehen hatte, dass sie wirklich abgezogen waren, rief ich Jean bei Luc an. Ihm die Sache in diesem Moment zu verklickern, hätte fast keinen Sinn gemacht. Ich erzählte ihm deshalb das Nötigste und ließ mir Luc geben, der immer auf solche Hiobsbotschaften zu warten schien und deshalb selbst in den unmöglichsten Situationen vorbereitet war und die Nerven behielt. Im Hintergrund hörte ich Jean, wie er versuchte seine Erinnerungen zu sortieren. Ich hätte sämtlichen Pariser Putzfrauen die Besen weggefressen, wenn Jean auch nur annähernd mit der Sache zu tun gehabt hätte.
Etwas mutlos legte ich den Hörer auf die Gabel, zuckte mit den Schultern und brabbelte vor mich hin. Ich nahm Lilly in die Arme, vergrub mein Gesicht in ihren Haaren und schaute aus dem Fenster. Über der Sacré-Coeur flogen die Vögel immer noch in weitem Bogen über die grauen Dächer der Stadt auf den alten Mann zu, der Regen wurde zu Nebel, dieser Herbst allmählich zum Winter. Ich strich Lilly mit beiden Händen über die Wangen und überdeckte ihr Gesicht und ihren Hals mit Küssen. In der kurzen Zeit, die wir uns jetzt kannten, hatten wir uns keine nervenden Fragen gestellt und wären auch nicht bereit gewesen, solche zu beantworten. Ich wollte keine Kommentare für die Zeit vor den Geschehnissen im Supermarkt und sie keine lexikalischen Erklärungen für mein Leben vor gestern.
Der Streit mit Armand hatte zwar etwas Brutales, etwas von einer Großwildjagd, war aber wohl reinigend wie ein Gewitter oder Monsunregen. Doch war jetzt ein Punkt erreicht, der alles wieder aufwühlte und ihr zu denken gab. Sie starrte mich mit flackernden Augen an und begann am ganzen Körper zu zittern und zu beben. Mit nasser werdenden Augen schoss sie Salven von Fragen auf mich ab und suchte durch den Film der Tränen einigermaßen passende Antworten in meinem Gesicht. Ich schaute betreten auf den Boden und wedelte geistlos mit meinen Armen herum. Ich hätte gerne etwas geantwortet, aber ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte.
Als sie ihre Arme und Hände um ihren Körper legte, versuchte ich sie an mich zu ziehen und sie festzuhalten, ich hoffte, sie beruhigen zu können. Doch ein Igel war ein Wattebausch im Vergleich zu ihr. Sie boxte mich und meine Arme weg und ihre Gedanken waren mehr als sichtbar. Es brauchte nur ein paar Sekunden mehr, bis sie meinte:
„Du bist also auch so ein Arsch! Mensch, und ich war so blöd, hab dir vertraut und mach den ganzen Tag mit dir rum. Schluss mit dem Geficke! Ich hau wieder ab, in fünf Minuten bin ich weg, da ist ja jeder Hansel und sogar Armand besser.“
Ich war gespannt, was ich antworten würde. – Logisch: Nichts. Ehrlich. Zwecklos.
Sie ließ sich auf das Bett fallen und schaute mich aus schmalen Augen an. Dann stand sie wieder auf, meine Schultern hingen bis zur Hüfte runter.
„Ich kapier nix. Ist wohl auch nicht nötig, oder?“ Ihre Hand glitt in meinen Nacken. „Ich glaub dir ja, war nicht so gemeint, okay?“
Ein anderer Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Sie stupste mich leicht.
„Vielleicht weiß ja Luc doch was, oder er kriegt’s aus Jean raus …“
„Ach, woher denn …“
„… oder der Typ, von dem du mir unterwegs erzählt hast, der mit den bescheuerten Klamotten, der dauernd rumsteht, der sich so besonders originell findet und über alles Bescheid weiß.“
„Mein Gott, Lilly, hier in der Stadt wohnen mindestens drei Millionen Menschen und davon sind ’ne halbe Million originell, da ist doch nicht jeder gleich …“
Ich verzog mein Gesicht, winkte mit beiden Händen ab und kratzte mir eine Stelle über dem Ohr. Das wäre was! Aber was für ein Blödsinn! Sie meinte LaCluse. Einen Typ, der eigentlich in jedem anständigen Reiseführer über unser Stadtviertel genannt werden und in jedem mittelprächtigen Roman eine Hauptrolle spielen müsste. Ein dunkler zappeliger marokkanischer Lackl, der dauernd irgendwelche Felle oder Nerze über bunten Hemden an seinem pyknischen Körper trug. Ständig war er in der Stadt unterwegs, ohne einen Finger krumm zu machen, trieb sich öfter in Henrys Käseladen neben Lucs Druckerei herum und verbreitete dort die neuesten Nachrichten. Bestens informiert, auf jeden Fall besser als die gesamte französische Polizei und dafür ließ er sich bestens bezahlen, vollkommen egal, von wem er das Geld bekam. Keiner wusste, woher er all die Informationen hatte und wovon er sich ansonsten ernährte. Auf jeden Fall schaffte er es, dieses Nest dadurch sauber zu halten und sah dabei weder verhungert noch heruntergekommen aus. Denn richtig arbeiten, tat er nicht, das wusste jeder.
Ich versprach Lilly etwas Ordnung in die Dinge zu bringen. Es gibt ja für alles eine Lösung. Oder die richtigen Leute. Oder … Aber wie sortiert man den ganzen entstandenen Müll ohne entsprechende Schachteln, Tüten und Eimer?
Ich brauchte Zeit und wollte meine Gedanken sortieren. Kaltes Wasser ins Gesicht könnte dabei nicht schaden. Ich schlurfte ins Bad und stellte mich unter die Dusche. Die Wasserleitung bollerte immer noch, als sei eine Kanone eingebaut und stieß abwechselnd Wasser und Luft, mal heiß mal kalt, durch die mit Nägeln bearbeiteten Düsen. Meine Gedanken waren gerade dabei sich zu sortieren, als Lillys Körper meinen Rücken berührte. Ihre Brüste rutschten langsam an ihm entlang, während sie mit ihren Händen an meinen Schenkeln nach oben glitt und mein steifes Glied mit ihnen festhielt. Ich drehte mich um und ihre Knospen streckten sich mir keck entgegen. Für herrlich lange Minuten floss die ganze Sache mit Jean mit dem herabstürzenden Wasser durch den Abfluss und war kein Anlass mehr zur Sittsamkeit.
Wir wuschen uns gegenseitig ab, leckten uns das Wasser aus den Gesichtern und unsere Finger, Hände und Lippen waren überall. Wie viele hatten wir? Ihre Haut war straff und zart zugleich. Sie neigte ihren Kopf nach hinten, den Mund leicht geöffnet und klemmte ihre Unterlippe ein wenig zwischen die Zähne. Sie genoss das brausende Wasser, während sie ein Bein auf den Wannenrand stellte und ihre Schenkel spreizte. Dann nahm sie den Brausekopf und hielt ihn eine Handbreit unter ihren Schoß, während sie das Wasser immer mehr aufdrehte. Langsam drang ich neben dem pulsierenden Strahl in sie ein. Sie kam, als aus dem Boiler nur noch kaltes Wasser floss.
***
Anschließend fuhr ich zu Luc in die Rue Ramey. Während Lilly die Wohnung instand zu setzen versuchte, wollte ich aus Jean unbedingt herausbekommen, wer ihm dieses Paket angedreht hatte. Was ich mir irgendwie unglaublich leicht vorstellte. Wahrscheinlich hatte ich zu viele dusselige Krimis gelesen, in denen der Detektiv seine Fälle Zigaretten rauchend und Whisky trinkend am Schreibtisch löste, indem er nicht nur diverse Gläser leer soff, sondern einfach eins und eins zusammenzählte. In Jeans Wohnung war ich allerdings schon daran gescheitert, die erste Eins benennen zu können. Mathe war noch nie mein Ding. Mein Zeugnis verstand, den Jubel darüber erfolgreich kundzutun. Ich parkte den Wagen in Eile senkrecht zwischen zwei Autos direkt vor Henrys Käseladen, stibitzte ein Stück von seiner Theke, die direkt neben der Tür stand, weil ihr Duft in geschlossenen Räumen eher Gestank erzeugen würde, und grinste ihn breit an, als er mich bemerkt und ich schon den Käse schon verspeist hatte. Er drohte zum Spaß mit der Faust.
„Kannste ja anschreiben. Waren aber höchstens und maximal fünf Gramm.“
Der Happen war schon im Magen verschwunden, als ich durch den Hausgang und den kleinen Hof Lucs Druckerei betrat. Durch die Scheiben konnte ich erkennen, dass sich Luc und Jean bereits heftig unterhalten hatten. Jeans beleidigtes Gesicht und die in solchen Momenten übliche Flasche Bier in seiner Hand waren Beweis genug. So kam es, wie es kommen musste, das ganze Gerede, das nun zu dritt folgte, brachte nichts Neues. Jean schmückte Carons Geschichte wie einen Christbaum. Man konnte wirklich glauben, die Unschuld in Person vor sich zu haben. Mit jedem Satz änderte er das Geschehen und konnte sich doch nur an die Hälfte richtig erinnern, dabei zog er sich sein mindestens viertes Bier rein.
Seit ihn seine Frau verlassen hatte, hinterließ er bei jeder Gelegenheit den Eindruck, sich lieber unter den Tisch zu saufen, als seine, wenn auch erzwungene Freiheit zu nutzen. Das ganze Theater lag zwar schon ein paar Jahre zurück, aber seitdem hatte ihn auch noch niemand mit einer anderen Frau gesehen. Luc, dieser treue Kerl, hatte zudem auch noch ständig Zeit, um sich seinen täglichen Kram und Frust anzuhören. In den Stunden seiner absoluten Einsamkeit schickte Luc Jean mit seinem Hund dann zu den Grünanlagen, hinauf zur Kirche oder zu Einkäufen, damit die Umgebung durch die diversen Haufen verschönert wurde, oder ließ ihn mit seinem Taxi mit angeblich eiligen Druckaufträgen quer durch die Stadt sausen. Es war wirklich verwunderlich, dass er sich über Wasser halten konnte. Denn unser Taxifahrer saß dabei sicher häufiger am Tresen bei François als hinter dem Lenkrad.
Jetzt aber war er sichtlich genervt. Währenddessen qualmte Luc in der Küche, fluchte leise vor sich hin, stieß dampfende Wattebäusche an die Decke und der Hund döste geräuschvoll unter dem Tisch.
„Die Typen müssen gewusst haben, dass du den Bullen in die Arme läufst, da steckt doch was anderes dahinter. Das war ’ne Nachricht, die sie loshaben wollten und die du kapieren solltest. Hast du denen mal ein Bein gestellt?“
„Herrgott, ich kannte den Kerl doch gar nicht.“
Luc zerquetschte seine Kippe nervös und morsend im Ascher.
„Das musste mal so kommen. Glaub mir’s! Irgendwann musstest du mal mit deinen bekloppten Liebesdiensten auf die Schnauze fallen.“
Jean kippelte auf seinem Stuhl nervös nach hinten.
„Och, reg mich doch jetzt nicht auf. – Wer sagt denn überhaupt, dass wir da wirklich drinhängen.“
„Warum wir? DU kannst dir mal deine vier Wände ansehen, solange sie noch stehen.“
Ich lehnte mich an Lucs Kühlmonster, gefüllt mit den Vorräten für die nächsten hundert Jahre, und angelte mir über den Rücken und ums Eck herum eine Flasche. Das Zeugs schmeckte allerdings fürchterlich.
„Eh, Kerl. Lass meine Ingwersoße in Ruhe.“
Ich spuckte das Geglibber in die Spüle. Heute lief aber auch gar nichts locker. Die sogenannten Coolen gab es demnach nur auf Canal Plus.
„Herrjemine, es muss doch was geben, was wir tun können.“
Ich zog mir ein Geschirrtuch über das Gesicht und schaute wohl nicht faltenfrei. Plötzlich herrschte bei den beiden Eintracht. Sie lächelten die Decke an und zuckten mit den Schultern. In den entscheidenden Momenten waren sie schon immer ein Herz und eine Seele.
„Hast du einen Vorschlag parat? – Die Bullen kannst du auf jeden Fall schon mal vergessen.“
„Das weiß ich auch. Wer kann denn ein Interesse daran haben, dir eine auszuwischen?“
Jean tat naiv:
„Vielleicht bin ich ja nur verwechselt worden, die hätten mich doch sonst gleich mitgenommen, aber sie haben mir halt nix anhängen können.“
„Klar, und dann kommen sie vorbei, entschuldigen sich und tapezieren dafür deine Wohnung neu, passt genau. Ich glaub’, du spinnst.“
Ich pfefferte eine ausgetrunkene Dose in den leeren Abfalleimer, sie prallte von seinem Boden hoch und startete an die Decke. Der Hund spitzte die Ohren und knurrte. Luc wurde sofort wieder sauer.
„Brauchst ja nicht gleich so ’n Radau machen?“
„Ach, leck mich, beim nächsten Mal kannst du dir ja mal ’ne Pistole in die Knochen rammen lassen. Guck ihn dir doch an, der muss was wissen oder ich bin Napoleon.“
„Ich – weiß – aber – nichts. Ich hab’ das Zeugs weitergegeben, wie all den Kram, den man mir in die Hände drückt. Ich frag Luc ja auch nicht, was für Pamphlete ich da durch die Gegend fahre.“
„Dann solltest du dein Geschäftsmodell überdenken!“, giftete ich zurück.
„Sehr weiser Tipp. Ist aber die einzige Nummer, ein bisschen zusätzlich zu verdienen. – Und das hier sieht irgendwie nach einer eingefädelten Nummer aus.“
„Aber selbst dafür müssen die dich schon länger auf dem Kieker gehabt haben.“
So langsam hatte ich die Nase voll.
„Und weswegen, bitteschön? Ich sag dir, die brauchen ’nen Arsch für ihren nächsten Orden am Revers!“ Ich drehte mich um, knallte die Tür hinter mir zu und kickte ein paar Schuhe in den Hof. Vorne flachste Henry hinter seinen Käsebergen. Ausgerechnet jetzt stand LaCluse bei ihm und hielt Maulaffen feil. Noch hatte ich keine Lust, ihn mir vorzuknöpfen, sondern jonglierte das Auto durch die parkende Blechlawine und fuhr schlecht gelaunt zurück. Für mich gab es nur eines, ich wollte mit Lilly die Wohnung klarmachen und sie dann schnappen und mich mit ihr absetzen – raus und weg. Irgendwo Luft holen und wieder einen Job suchen. Ich wollte nichts mit dieser schmuddeligen Geschichte zu tun haben. Wir waren die einzig echten Unbeteiligten.
Gerade wollte ich zur Tür rein, als diese nun vollends mit einem lauten Knall auf den Boden krachte. Ich musste fast lachen, dieser Caron hatte tatsächlich sogar den Eingang geliefert, doch dann blieb ich wie vom Donner gerührt stehen. Die Wohnung sah aus, als ob ein Panzer durch den Buci-Markt gedonnert wäre. Ich rief Lillys Namen, aber ich hörte keinen Ton, nur das krächzende Radio mit einem schlecht eingestellten Sender. Ich flog über den ganzen Kram, durch das erste Zimmer:
„Lilly?“
und dann durch das zweite. Irgendein glitschiger Schmier brachte mich zu Fall. Auf dem Hintern gelandet sah ich nichts außer einem Wust von herumfliegenden Sachen, umgeworfenen Möbeln, unserer sezierten Matratze, Flächen mit Frau-Holle-Effekt und anderen nun undefinierbaren Benutzungsobjekten.
„LILLY!“ Nichts.
Ich begann durchzudrehen.
„LILLY! – VERDAMMT NOCH MAL, LILLY!“
Nichts.
Kreuz und quer kämpfte ich mich durch die Berge um mich herum. Schleuderte leere Kartons, Kissen und
