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In Dresden während der Angriffe vom 13.02.1945 bittet ein Sterbender den Halbjuden Jakon Löwenthal, der bisher durch seine Ehefrau geschützt war und an dem Tag erfahren hat, dass er noch diese Woche ins Gas muss, seine Wertsachen zur Familie nach München zu bringen. Die schier unmögliche Reise Jakobs und seiner Frau ab dem 13.02.1945 quer durch Nazideutschland unter zahlreichen lebensgefährlichen Abenteuern beginnt. Er trifft auf fanatische Nazis, einfache Menschen, Zwangsarbeiter unter unaufhörlichen Angriffen der Alliierten und zahlreichen Rückschlägen im Angesicht des Todes.
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Seitenzahl: 653
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Werner Koschan
Ganz für sich allein
Story einer unmöglichen Aufgabe
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
GANZ FÜR SICH ALLEIN
1. Kapitel
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
Zweites Buch
1. Kapitel
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
Drittes Buch
1. Kapitel
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
Epilog
Zur Geschichte
Wie ist dieser Roman entstanden?
Impressum neobooks
Diese Geschichte beruht auf tatsächlichen Begebenheiten, historischen Umständen, Vorgängen und Persönlichkeiten. Die Namen und Personenbeschreibungen nicht zeitgeschichtlich belegter Handelnder sind frei erfunden. Sofern Ähnlichkeiten mit Lebenden oder Verstorbenen bestehen, wäre dies rein zufällig.
Erstes Buch
Dienstag. Faschingsdienstag und mir ist überhaupt nicht nach Fasching oder irgendwie nach Frohsinn. Obwohl ich ein fröhlicher Pessimist bin. Aber wenn es so weitergeht, kann ich das fröhlich sehr bald weglassen! Ich befürchte stets das Schlimmste und bin dann froh, wenn das weniger Schlimme eingetreten ist. Das ist heute am Faschingsdienstag nicht anders! Meinem Pessimismus zum Trotz haben Carola und ich diesen Tag ohne größere Aufregungen hinter uns gebracht. Nichts Schlimmes ist uns passiert und hierüber bin ich froh. Nicht im Sinne von Frohsinn, sondern von Durchatmen. Ich bin ja ohnehin zufrieden über jeden Tag, den ich lebend hinter mich bringe und im Kalender ausstreichen kann.
Nicht nur heute, wo dieser Faschingsdienstag zu allem Übel ausgerechnet auf einen 13. fällt. An einem 13. passiert mir dauernd irgendetwas. Mal was Gutes, mal was Schlechtes. Meistens was Schlechtes. Heute ist mir noch gar nichts passiert. Dem Himmel sei Dank.
Genau genommen spielt es gar keine Rolle, ob nun heute der 13. Februar ohne schlimme Folgen vorübergegangen ist oder im Sommer der 13. Juli ohne persönliche Katastrophe verstrichen sein wird.
Eigentlich! Aber ich weiß ganz genau, sofern ich den 13. Juli dieses Jahres ohne Katastrophe hinter mich gebracht haben werde, könnte jeder neue Morgen tatsächlich endlich ein klitzekleines Stück dauerhafter Zukunft bedeuten. Wenn ich dann noch lebe. Das ist im Moment mehr als unwahrscheinlich. Trotzdem bleibe ich dabei, jeden Tag im Kalender abzustreichen, mit dem Gefühl der Verwunderung trotz allem am Leben zu sein. Musste bisher schon ein Irrtum sein. Oder ein Versehen. Ich streiche jeden Tag ab, weil uns jeder Tag der Erlösung näher bringt. Mich nicht mehr wirklich. Dessen ungeachtet bedeutet für mich jeder überlebte Tag ein unbeschreibliches Geschenk. Pfui Spinne, wie rede ich denn? Unbeschreiblich - auch so eine geschmacklose Propagandaphrase, die sich in meinem Kopf festgesetzt hat, geradezu widerwärtig. Genauso wie: Nation, Reich, Bewegung, Schicksal. Einlullende Worthülsen, die uns über den Unsinn der Zeit hinwegtäuschen sollen. Überhaupt ist alles nur eine einzige Täuschung, wenn ich es richtig bedenke. Heim ins Reich zum Beispiel. Gott, haben wir über diesen Blödsinn gelacht - meist hinter vorgehaltener Hand, weil man nicht genau wusste, wer neben einem steht. Manchmal haben wir unvermittelt laut gelacht, wenn es mal wieder gar zu dämlich klang. Einmal, als während einer meiner Nachhilfestunden in Deutsch am Gymnasium ein Primaner trockenen Tons ausführte: »Goebbels ist seit ein paar Tagen in Afrika und studiert den Negern Sprechchöre ein: ›Wir wollen heim ins Reich!‹«, bebte der Klassenraum vor Gelächter.
Na, nicht nur das Lachen ist uns einstweilen vergangen. Und die Tage sind mittlerweile eher recht leicht zu beschreiben. Morgens herrscht reichsweit Angst und Hunger; mittags herrscht große Angst und großer Hunger und abends - kann man Angst eigentlich steigern? - herrscht maßlose Angst und Mordshunger.
Bis vor ein paar Jahren musste ich oftmals grinsen, wenn Schriftsteller das Gefühl der Angst beschrieben hatten. Der Atem bliebe stehen, das Herz krampfe und das Blut koche in den Adern. Schwacher Stil, hatte ich stets gedacht. Inzwischen muss ich zugeben, dass es gar nicht so vollkommen platt beschrieben war. Man ist kaum noch zu einem klaren Gedanken fähig. Und dazu grummelt immerzu der Magen. Ein völlig neues Scheißgefühl.
Allerdings habe ich gehört, dass die hingebungsvolle Regierung für gerade frisch Ausgebombte wahrhaft eindrucksvoll sorgen soll. Besonders in Berlin und im Ruhrgebiet. Für jeden Ausgebombten, der schnell genug aus den Trümmern seiner bisherigen Existenz zur nächsten Gulaschkanone kriechen kann, gibt es einen Schlag warmen Eintopf.
Trotz meines ständigen Hungers verzichte ich gern auf solch einen Schlag Eintopf und streiche lieber den heutigen Tag aus dem Kalender. Dresden hat während des ganzen Krieges nur wenig abbekommen. Wir sind zum Glück wohl entweder zu weit östlich oder vielleicht nur militärisch zu uninteressant. Von mir aus darf das durchaus so bleiben, bis der ganze Spuk vorbei ist. Gestern hat man hinter vorgehaltener Hand getuschelt, dass die Artillerie einer Wehrmachtseinheit versehentlich die eigenen Truppen mit Granaten beharkt hat. Welch ein Fortschritt in der Kriegführung hatte ich mir heimlich überlegt. Wenn sich das in der Führung herumspricht und vielleicht Mode wird, dass man am besten die eigenen Soldaten erledigt und die eigenen Städte bombardiert, dann könnte man Schäden und Verluste genau planen und einen Haufen Material und Menschenleben sparen. Gesagt habe ich natürlich nichts, nur zu Carola. Sie mag solche Dinge wirklich nicht hören.
Ich sitze in meinem geliebten Erker unserer Wohnung in der 2. Etage im sogenannten Judenhaus in der Sporergasse 2 und blicke auf das Residenzschloss hinüber. Wäre wirklich zu schade, wenn hier was zerstört würde. Wenn ich das Residenzschloss betrachte, fällt mir automatisch unser lieber König Friedrich August III. ein. Er warf dem Volk, nachdem man ihn abgesetzt hatte im November 1918, im Verlauf seiner Abdankung, die Brocken vor die Füße. »Macht doch euren Dreck alleene«, hatte er lapidar festgestellt und überließ das Volk sich selbst. Dann übernahmen Politiker, die besten Freunde der Militaristen, die junge Republik! Und nun steckt Deutschland im allertiefsten braunen Dreck. Wenn diese Pest in Uniform bloß verrecken würde!
Carola blickt mich schon wieder ungnädig an. Ich habe ihr vor ein paar Tagen unvorsichtigerweise von meinen Gedanken erzählt, wenn ich den Kalender in der Hand halte und einen Tag abstreiche. Ich sollte sie vielleicht besser etwas ablenken.
»Sag mal, Carola, kennst du den Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland?«
Sie blickt mich skeptisch an und schüttelt den Kopf.
»Wenn es in der Schweiz frühmorgens an der Tür klopft, bringt der Bäcker die Brötchen. Ha ha.«
»Ja und? Was ist daran lustig?«
»Wenn es in Deutschland frühmorgens an der Tür klopft, holt die Gestapo die Bewohner. Ha ha.«
Carola lacht nicht. Sie mag es nicht, wenn ich so rede. Obwohl das stimmt. Wenn sich aus der Nacht der Tag nähert und um fünf Uhr früh niemand kräftig an die Tür geklopft hat, ist man dieses Mal verschont geblieben. Dann ist einem der Tag geschenkt. Der ständige Hunger bleibt einem selbstverständlich treu, aber daran bin ich gewöhnt. Irgendetwas findet man ja doch. Und wenn es nur ein paar Blätter Löwenzahn sind, die am Elbufer zumindest im Frühling und Sommer besonders gut gedeihen. An Kartoffeln oder ein Stück Brot kommt man allerdings schwieriger. Tagsüber zu hungern ist beinahe erträglich, hauptsächlich nachts quält mich der Hunger, weil es keine Ablenkung gibt. Tagsüber lastet der geistige Hunger viel schlimmer auf mir. Ich darf mich nicht beim Zeitunglesen erwischen lassen, aber ich mag die Lektüre nicht aufgeben. Natürlich habe ich meine Quellen und bekomme die Morgenzeitung und das Abendblatt vom Vortag in die Hände. Ich verstecke mich dann und lese trotz des Verbotes. Das dürfte Carola niemals wissen, sonst wäre ein Streit unvermeidlich, ich lebe nämlich nur noch, weil sie zu mir hält. Meist lese ich auf einer Friedhofsbank, weil die Kerle dort niemals erscheinen. Sterben ist für die Brut etwas Heldenhaftes, nur die einfachen Toten sind ihnen lästig. In den Zeitungen wird stets von Helden berichtet, daneben wird immer häufiger im Abendblatt exakt das Gegenteil als unwiderruflich festgestellt, was in der Morgenzeitung mit ergreifend glühenden Worthülsen für tausend Jahre unverrückbar im Bleisatz verankert war. Ich schrecke aus den Gedanken auf. Carola spricht mit mir.
»Ich wünsche, dass du diesen vermaledeiten Kalender nun beiseite legst. Ich ahne, was dir durch den Kopf geht und du weißt ganz genau, dass ich das nicht wünsche!«
Ojweh. Hätte ich Carola nur nichts von meinen Gedanken erzählt.
Draußen ist es stockfinster und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie spät es sein mag. Vielleicht ist es neun Uhr abends, vielleicht etwas früher oder später. Ich darf ja keine mechanische Uhr besitzen und meine innere Uhr tickt nicht mehr so richtig - und das nicht nur wegen der im Reich eingeführten Sommerzeit, die helfen soll, den Krieg zu gewinnen. So ein Blödsinn! Der Krieg ist längst verloren! Bloß kann niemand sagen, wie lange seine Agonie dauern wird. Ich schaue hinaus aufs Schloss. Wie war das früher schön, als es hell erleuchtet stand. Nun ist alles stockfinster, eben herrliche Zeiten - auch so eine Phrase.
Carola hat Tee aufgebrüht. Sie sieht mir wieder mal an, was ich denke. Ich will ja gar nicht, aber es denkt sich ganz von alleine. Das versteht sie nicht.
»Wer weiß, ob die Gestapo nicht sogar Gedanken lesen kann«, flüstert sie manchmal und schaut mich vorwurfsvoll an.
Ich höre ja schon auf und nicke ihr freundlich zu. Gleich lege ich den Kalender weg. Komisch, dass die Gedanken mit mir durchgehen, wenn ich das Ding in die Hand nehme. Albert Mitteldorf hatte recht, als er uns im August 1944 zu Carolas Geburtstag besuchte und nach einigen Gläsern Bier - das er selbst mitgebracht hatte - mit lockerer Zunge bemerkte: »Die Herren von der Kunstakademie in Wien hätten den Kerl aus Braunau bei sich studieren lassen sollen. Hätte keinem geschadet, der Welt hingegen wäre vermutlich viel erspart geblieben.«
Dies stelle ich mir unentwegt vor. Sicherlich würde ich dann immer noch als Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Strafrecht meine Kanzlei führen. Und zum Privatvergnügen nebenbei am Gymnasium Nachhilfe geben und dem einen oder anderen Schüler Deutsch beizubringen versuchen. Deutsch ist wirklich eine sehr interessante Sprache, obwohl sie in den letzten zwölf Jahren vergewaltigt worden ist.
Carola gießt den dünnen Tee ein. Den brüht sie nach ihrer ganz persönlichen Methode, denn auch Tee ist Mangelware. Carolas Tee-Methode geht folgendermaßen: Den ersten Aufguss genießen wir am Sonntag. Montag bereitet sie aus zwei Portionen aufbewahrtem Teesatz eine neue Portion Tee. Und heute ist bereits Dienstag. Da färben die Reste das heiße Wasser allenfalls ein wenig. Von würzigem Geschmack will ich da gar nicht erst reden. Lausige Zeit, diese deutsche Heldenzeit - wieder so eine Phrase. Ich lächle Carola möglichst unschuldig an.
Gestern war ich bei meinem Freund Mäßig zu Besuch, der besitzt einen Volksempfänger und normalerweise wenn ich bei ihm bin, stellt Mäßig den Apparat aus. Ich darf ja nicht hören. Gestern hat er ihn eingeschaltet gelassen.
»Ich komme später zurück«, hatte ich gesagt, aber Mäßig hatte mich auf einen Stuhl gedrückt und laut gelacht.
»Bleib hier, Mensch, Kaltenbrunner versucht Hochdeutsch zu sprechen. Hör mal zu. Das klingt, als hätte eine schwangere Elefantenkuh Blähungen.«
»Wieso schwanger?«, hatte ich wissen wollen.
Mäßig winkte ab. »Die Stimme klingt so furzig, dass ich den Lulatsch mit den Schmissen in der kantigen Mörderfresse geradezu vor mir sehe! Hahaha.«
Mäßig hatte eigentlich völlig recht mit diesem Vergleich. Die Nazis sind doch bloße Blender, überhaupt alles in dieser Bewegung ist reines Blendwerk, schlichtester Betrug. Und deswegen würde ich Carola am liebsten offenbaren, dass ich mir sicher bin, dass die Kerle keine Gedanken lesen können. Wäre ja noch schöner. Aber ich halte lieber meinen Mund. Schließlich lebe ich nur noch, weil ich mit ihr verheiratet bin; nein andersherum, sie mit mir, denn ich genieße den Schutz des Halbjuden durch die Ehe mit einer reinrassigen Arierin. Welch ein idiotischer Begriff! Man muss Massel haben, wenn man den Tod überleben will. Rosenzweig hatte Pech, seine arische Ehefrau war von einer dieser komischen Bomben erschlagen worden.
Ich kann mich genau daran erinnern. Am 8. Oktober war das, im vergangenen Jahr. Dazu an einem Sonntag. Im ganzen Reichsgebiet wurde ein Wehrertüchtigungstag veranstaltet, in dessen Verlauf der Jahrgang 1928 sich als Kriegsfreiwillige melden sollte. Ein Kindergarten, angeführt von ein paar Hitlerjungen mit Befehlsbefugnis, marschierte durch die Stadt und passenderweise gab es den ersten Luftangriff auf Dresden.
Was haben wir gestaunt, als wir aus den Kellern kamen und entdeckten, dass überhaupt nichts zerstört war, sondern lediglich eine Menge Zeitungen im Kleinformat auf den Straßen herumflatterten. Die durfte man selbstverständlich nicht behalten, sondern musste sie sofort abgeben. Gelesen haben wir sie trotzdem und danach sprach es sich unter der Hand herum, dass wahrhaftig diese alliierten Teufelskerle ihr Leben eingesetzt hatten, um Propagandabomben auf uns niederregnen zu lassen, die nicht Tod und Verderben brachten, sondern alliierte Informationen zum Stand des Krieges. Eine dieser Propagandabomben hatte Rosenzweigs Frau sehr unglücklich getroffen und getötet. Und ihn, als nun nicht mehr durch die Ehe beschütztem Juden, hat man umgehend ins KZ geschickt. Gehört habe ich nichts mehr von ihm.
Jeden Tag, wenn ich den Kalender zur Hand nehme und einen überlebten Tag ausstreiche, besteigen mich diese Gedanken. Und das meine ich genau so, denn es bedrückt nicht nur. Das mag auch daran liegen, woher ich den Kalender habe. Bierlos hat ihn mir nämlich geschenkt. Bruno Bierlos. Am Silvesterabend. Habe ich mich schon beinahe dran gewöhnt, obwohl ich weiterhin ›Rosch ha-Schana‹, unser Neujahrsfest feiere. Zumindest begehe ich dieses Fest still und leise mit mir selbst.
Bruno Bierlos. Sehkraft wie ein Maulwurf. Trotzdem übersahen seine klugen Augen hinter den minus 8 Dioptrien starken Gläsern auf der Stupsnase nichts Wesentliches. Als 1933 der Schulsport völkische Pflicht wurde, hat er sich vom Kletterseil fallen lassen und sich eine Hüfte gebrochen. Er hinkt infolgedessen leicht, und war seitdem von zumindest der vormilitärischen Pflichtübung der Körperertüchtigung befreit. Dass er sich bewusst fallen lassen hatte, konnte man ihm nie beweisen. Keiner der neuen Helden nahm ihn für voll, denn er grölte keine Parolen. Allerdings brachten ihm seine schlagfertigen Argumente gelegentlich Prügel ein. Er galt als Außenseiter. Aber sein Gehirn war aufnahmefähig wie ein feuchter Schwamm.
Seit Mitte der Zwanzigerjahre war die Arbeitslosigkeit gestiegen und der Staat konnte sich kaum Lehrkräfte leisten. Es herrschte reichsweit Lehrermangel und ich gab deswegen zu meinem eigenen Vergnügen und völlig kostenlos Nachhilfestunden in Deutsch am Gymnasium. Bis mich im Frühsommer 1933 der Deutschlehrer der Anstalt, Herr Oberstudienrat Güntz ansprach. Er wunderte sich über die urplötzlich nur noch bestenfalls genügenden Leistungen von Bruno Bierlos im Deutschunterricht. Güntz wusste, dass mir Bruno Bierlos etwas förderungswürdiger erschien als die meisten anderen und bat mich, mit Bruno zu reden. Bis dato hatte er in sämtlichen Fächern gut oder besser gestanden und so fragte ich ihn nach dem Grund seiner schlechten Deutschnoten.
»Mein lieber Herr Doktor Löwenthal, Deutschtum ist ja nun Pflicht und das liegt mir nicht so«, hatte er schmunzelnd erklärt. Der junge Mann zeigte Charakter, die meisten Menschen in Deutschland vor lauter Dickfelligkeit nicht einmal Rückgrat.
Bruno schwieg zwar, um nicht aufzufallen, aber er verweigerte sich konsequent den völkischen Pflichten. Sich aus Parteiorganisationen herauszuhalten gelang ihm leicht, denn seine körperliche Schwäche blieb augenscheinlich. Krüppel passten bereits damals nicht in Goebbels Propagandabild. Wer mag schon an die eigene Missbildung erinnert werden?
Anfang 1934 durfte ich nicht mehr ins Gymnasium. Die arische Jugend dürfe nicht Nachhilfe von einem Untermenschen erhalten, so hieß es. Juden unerwünscht! Mir hatte man lediglich einen Zettel an unsere Wohnungstür genagelt, auf dem geschrieben stand: ›Juden dürfen das Schulgelände bei Strafe nicht mehr betreten. Ab sofort! Unwiderrufliche Entscheidung der Reichsschulleitung. Widerspruch zwecklos.‹ Hakenkreuzstempel und unleserliche Unterschrift.
So verlor ich Bruno leider aus den Augen. Und wenn man auf der Abschussliste steht, hält man sich besser zurück, forderte Carola.
Am Montag, den 16. September 1935 wurde mir der Beschluss über mein Berufsverbot als Jurist eingeschrieben zugestellt. Ich sei kommunistischer Umtriebe überführt, lautete die Begründung, da ich mit der Sonntagsausgabe des Neuen Vorwärts vom 8.9.1935, in welcher Otto Wels gegen die nationalsozialistische Rassenhetze eintrat, auf dem Neumarkt angetroffen worden war. Man unterzog mich eines Schnellverfahrens ohne Anhörung. Folge, wie gesagt, das Berufsverbot und der Einzug meines Vermögens sowie Androhung weiterer Repressalien. Seit dem Tag bin ich vorsichtiger denn je. Schließlich habe ich sogar noch Glück gehabt.
Riebelutz, der Nachbar Kowalskis aus der Wilsdruffer Straße hatte mir erzählt, dass der Familie Kowalski einen Monat zuvor weit Übleres geschehen war. Kowalski hatte mit seinem Handkarren einem arischen Mädchen nicht rechtzeitig ausweichen können, das an der Hand ihrer Mutter übermütig herumtollte und gegen den Karren gestolpert war. Für diesen Verkehrsunfall mit Personenschaden (Urteil: Körperverletzung durch Übertretung der Fahrzeugverordnung) erhielt er 10 Mark Strafe. Das reichte, um bei Kowalski das ›Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen zum Schutze des deutschen Blutes‹ von 1935 anzuwenden, ihm die Staatsangehörigkeit abzuerkennen und mit Frau und den Töchtern nach Polen abzuschieben. Gerade mal zwei Stunden Zeit hatten sie gehabt, persönliche Gegenstände in zwei Koffer zu packen, denn mehr war nicht erlaubt, dann wurden sie mit anderen Ausgewiesenen auf der Ladefläche eines Wehrmacht-Lkw unter bewaffneter Bewachung zum Bahnhof Neustadt transportiert. Als Fremdblütigen, nunmehr Ausländern, war es ihnen untersagt, sich bei der Sparkasse mit Bargeld vom eigenen Konto zu versorgen. Ob Kowalskis in Polen angekommen waren, wusste Riebelutz nicht. Als er mir dies erzählte, hatte ich wütend die Fäuste in den Manteltaschen geballt.
Aber schon im großen Krieg, der mittlerweile der Erste Weltkrieg heißt, habe ich mir, frei nach Shakespeare, immer gesagt: Der bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht. Und in dem idiotischen Taumel, in dem wir heute leben, halte ich mich äußerst strikt an diese Devise, denn gegen die großdeutsche Gesinnung kann man im Augenblick nichts machen. Ich verhalte mich wie ein Kamel, ja wie eine Seele von einem Kamel und bin damit bisher sogar ohne größere Vergeltungsmaßnahmen durchgekommen. Carola hält mich für einen Feigling, das weiß ich. Doch ich bin erst während der vergangenen zwölf Jahre zu einem Feigling geworden.
Und außerdem hat Carola mich ja darin bestärkt, keine Rechtsmittel gegen die Reichsschulleitung einzulegen, weil Recht in Deutschland mittlerweile eine sonderbare Sache geworden ist. Recht hat nämlich nur Rechts, der Rest hat die Schnauze zu halten. Und das tue ich, denn ich halte Schweigen im Moment für wesentlich klüger. Glück braucht man natürlich auch und beinahe schäme ich mich für meinen Massel.
Als uns im Dezember 1944 ausgerechnet Bruno Bierlos als Blockwart zugeteilt wurde, staunte ich nicht schlecht. Wir trafen uns im Judenkeller unseres Hauses wieder. Ob Dresden Ziel des Angriffs sein würde, war unklar. Die Erde zitterte noch nicht, das Licht schien ruhig. Bruno stand am Eingang, den Eimer und die Feuerpatsche in der Hand. Er hatte mir kurz zugenickt, dann meinen Stern entdeckt. Auf der Faust, die den Eimer trug, traten die Knöchel weiß hervor. Dann öffnete sich die Faust und der Eimer fiel mit einem Knall und laut scheppernd zu Boden, sodass alle Leute im Keller angstvoll zuckten und die Köpfe einzogen. Die Feuerpatsche landete neben dem Eimer. Bruno ergriff meine Hände und drückte mich an sich.
»Ach, Herr Doktor. Es ist schön, Sie zu sehen. Wenngleich unter diesen unerfreulichen Umständen.« Er ließ mich los und betrachtete meinen Stern. »Jetzt begreife ich, weshalb Sie so plötzlich verschwunden waren. Man hatte uns erzählt, dass Sie ... na, ist ja egal. Ich fürchte, dass nicht mehr viele übrig sind.«
»Das befürchte ich auch, mein Junge. Und dass ich noch hier bin, liegt womöglich nur daran, dass ich mit einer Arierin verheiratet bin. Bislang ist das nicht verboten.«
»Nicht nur deshalb wünsche ich Ihrer Frau ein langes Leben.«
Er küsste Carolas Hand und schaute sich im Bunker um. Obwohl von draußen nichts zu hören war, umfing uns leises Beten und das schwache Wimmern eines übermüdeten Kindes. Jeder schien nur mit seiner Angst beschäftigt zu sein. Ich wunderte mich trotzdem über Brunos Worte. So herzlich hatte uns seit Langem niemand mehr begrüßt.
Er grinste über das ganze Gesicht und flüsterte: »Der ganze Zauber dauert nicht mehr lang, Herr Doktor. Die Stimmung kippt schon langsam um. Vor ein paar Tagen habe ich eine beeindruckende Szene beobachtet. Mir kam auf der Langemarckstraße beim Reichsplatz ein zittriger älterer Mann entgegen, der während des Gehens versonnen an einem Päckchen in den Händen schnupperte und beinahe in einen Luftwaffenoffizier gelaufen wäre. Im letzten Augenblick hob das Männchen den Kopf und blieb abrupt stehen. Natürlich ließ er das Paket angsterfüllt zu Boden fallen. Ein Stück Fleisch hüpfte aus dem Papier und der kleine Mann stand zitternd vor dem Flieger und duckte sich. Zunächst hatte ich befürchtet, der Hüne scheißt den Hungerleider jetzt wegen der Unachtsamkeit zusammen. Schließlich ist Fleisch Mangelware. Und richtig, er hob das Fleischpäckchen auf, griff den einfachen Volksgenossen am Ärmel und stellte ihn aufrecht, ich konnte den Stern deutlich leuchten sehen. Die halbe Portion schlotterte vor Angst und stammelte mit zittriger Stimme: ›Behalten Sie es ruhig, gnädiger Herr.‹ Der Flieger ließ den Ärmel los, stemmte die Faust in die Hüfte, ruderte mit dem Fleischpäckchen in der anderen Hand und fragte lautstark: ›Was glauben Sie eigentlich, in welcher Zeit wir leben?!‹ Das Männchen starb geradezu und sagte leise: ›Ich bin Nichtarier.‹ Da lachte der andere kurz, schüttelte den Kopf, drückte dem Verdutzten das Fleisch in die Hand zurück und verabschiedete sich mit einem barschen: ›Das ist mir doch scheißegal!‹
Sie sehen, Herr Doktor, der Karren kippt um. Es geht langsam aufwärts, obwohl der Milchtopf nicht ganz vom Feuer ist. Ach, übrigens Milch, wie geht es dem Mäxchen?«
»Seit dem 15. Mai 1942 dürfen Sternjuden und jeder, der mit einem solchen zusammenwohnt keine Hunde, Katzen, Vögel oder sonstige Tiere mehr halten. Wir haben Mäxchen einem Bekannten in Laubegast geschenkt. In dessen Garten darf er wenigstens jagen, wenn es noch Mäuse gibt.«
»Sicherlich, Herr Doktor, aber auch leider viel zu viele Ratten. Und damit meine ich nicht die vierbeinigen.« Er winkte ab und schaute sich forschend um. Niemand schien auf uns zu achten. »Tut mir leid. Sie haben ziemlich an dem Tierchen gehangen, nicht wahr?«
»Ja, wir vermissen den Kleinen. Jedoch in dieser Hungerhölle würde er sich ohnehin nicht wohlfühlen. Vielleicht ist es besser so.«
»Wenn es vorbei ist, können Sie ihn ja zurückholen. Apropos, endlich Entwarnung. Für diesmal ist es wieder vorbei! Sowieso sonderbar, Gauleiter Mutschmann hat gerade erst großspurig versichert: ›Dresden ist tabu!‹«
Bruno öffnete die Bunkertür. Die ersten Leute verließen den Schutzraum und traten in die Dunkelheit. Wahrscheinlich hatte Leipzig den Segen abbekommen. Die armen Schweine. Wir traten hinaus auf die Schlossstraße, viele Menschen hasteten an uns vorbei. Bruno hielt mir die Hand entgegen.
»Da fällt mir etwas ein, Herr Doktor. Sagen Sie mal, was machen Sie zu Silvester?«
Brunos lockere Art ließ mich gedankenlos drauflosplappern.
»Kommt darauf an, was wir zu essen organisieren können. Ansonsten abwarten und Tee trinken. Und vor allen Dingen auf andere Zeiten hoffen.«
»Was halten Sie von einem 37er Johannisberger? Original Kellerabzug. Genau das Richtige, um den Wechsel in ein besseres Jahr zu feiern.«
Ein hohes Stimmchen meldete sich hinter uns. »Was meinen Sie mit besserem Jahr, Freundchen? Sie sollten lieber eine Knarre in die Hand nehmen und an der Front das Vaterland verteidigen, als sich hier herumzudrücken und miesmachen!« Bruno betrachtete den Mann, zu dem das Stimmchen gehörte und der den Existenzknopf auffällig am Revers trug. Dann hinkte Bruno einen Schritt auf ihn zu. Die Augen des Parteigenossen (PG) wanderten verächtlich an Bruno hinab. »Ach so einer sind Sie. Haben Sie sich das wenigstens im ehrlichen Kampf fürs Vaterland zugezogen?«
»Nein, ich hinke seit meiner Geburt. Zufrieden?«, log Bruno.
Das Parteimitglied wuchs. »Nicht diesen Ton, Sie Subjekt! So, so, nicht nur ein Deutscher, der mit einem Juden feiern will, sondern darüber hinaus ein minderwertiges Element, der Hamsterwaren besitzt, was! Vergasen sollte man solch einen Kerl wie Sie. Die Geburtskrüppel sind noch unser Untergang! Vergasen! Alle vergasen!«
Brunos Stimme durchschnitt die Luft rasiermesserscharf: »Achtung! Alle mal herhören! Ich werde das melden. Achtung, dieser Mann hat den Reichspropagandaminister schwer beleidigt! Stehen bleiben, Leute, ich brauche Zeugen!«
Der Volks- und Parteigenosse zuckte. Einige Leute blieben tatsächlich stehen. Wunderten sich, dass jemand laut wurde. Durch das Interesse einiger fühlten sich zunehmend mehr Leute angezogen, die Zahl der uns umgebenden Zuschauer stieg.
»Aber ...« Der Parteigenosse stemmte die Fäuste in die Hüften. Von einem Blockwart ließe er sich nicht derart anfahren. »Was erlauben Sie ...«
Nun schrie Bruno: »Was fällt Ihnen ein?! Name, Anschrift! Sie wollen die Hinkenden vergasen, damit haben Sie ganz offensichtlich unsern allseits geliebten Minister Goebbels gemeint. Kerl, mit Ihnen machen wir kurzen Prozess! Muss sofort eine Streife her!« Bruno zückte die Trillerpfeife und hob sie zum Mund.
Entsetzen beherrschte nun das Gesicht des PG.
Eine Frau mit erloschenen Augen trat aus der Zuschauermenge nah zu uns. »Das ist Kurt Schmidt. Wohnt in Schössergasse Nummer 12, zweiter Stock. Ich wohne ebenfalls dort in einem Zimmer, Tiefparterre. Kurt Schmidt ist aus tiefster Berufung Denunziant. Meinen Mann hat er auch auf dem Gewissen. Ich habe gehört, was er gerade über unseren Propagandaminister gesagt hat und werde es vor jedem Gericht bezeugen.« Sie blickte ihm aufrecht ins Gesicht. »Du glaubst gar nicht, wie ich die Angst in deinen Augen genieße, Kurt. Darauf warte ich seit Jahren und ich habe immer noch das dringende Bedürfnis, dich anzuspucken. Aber meine Spucke ist für deine Visage viel zu schade.« Sie spuckte vor die Füße des PG und verließ uns durch den sich langsam öffnenden Kordon der Zuschauer. Sie wirkte wie eine Fee. Elfenhaft beinahe, als schwebe sie auf einer Wolke.
Bruno wirkte wie in der Schule, wenn er wieder mal irgendeinen Schreihals vor versammelter Mannschaft an die Wand geredet hatte.
»Ich werde bei der SS über Sie Meldung machen, Herr Schmidt. Ist jemand von Ihnen ...«, Bruno wandte sich an die Umstehenden, »ist jemand bereit, mich als Zeuge zur SS zu begleiten?« Im gleichen Augenblick war die Menge auseinander. Die zwei Begriffe Zeuge und SS hatten genügt, dass die Leute davoneilten. Bruno sprach nun zum PG. »Eine Zeugin ist ausreichend, Herr Schmidt. An Ihrer Stelle würde ich so schnell wie möglich verschwinden. Freuen Sie sich inzwischen auf die Befragung! Ich denke, dass die Beleidigung des Ministers strikt bestraft werden wird. Die Guillotine ist von der SS seit Langem als viel zu human abgeschafft. Die neueren Methoden haben die Herren sich bei der Kirche abgeschaut, obschon hier bei uns die Leute bislang nicht lebendig verbrannt werden, glaube ich. Aber auch in Sachen Hängen sind die Herrschaften hoch motiviert. Zur Abschreckung natürlich nur, schließlich sind wir ein Volk von Herrenmenschen. Hauen Sie ab, ich denke, morgen früh wird man Sie abholen! Na los, oder sollen wir das direkt erledigen?« Bruno hob erneut die Pfeife an die Lippen. So viel Brutalität hätte ich Bruno gar nicht zugetraut.
Der Mann verließ den Platz mit hängenden Schultern. Ein lebender Kadaver.
»Musste das sein?«
»Ja. Der Kerl würde uns ohne mit der Wimper zu zucken anzeigen und mit Genuss aufs Schafott bringen.«
»Und was geschieht nun? Willst du wirklich eine Anzeige machen? Die arme Frau da mit hineinziehen? Außerdem glaube ich nicht, dass man einen Parteigenossen wegen einer solchen Lappalie aufhängen wird.« Ich tippte auf meinen Stern. »Ich möchte mit denen nichts zu tun haben.«
Bruno schaute sich nach allen Seiten aufmerksam um und vergewisserte sich, dass niemand mehr zugegen war. »Machen Sie sich mal keine Sorge, glauben Sie, ich will mit denen was zu tun haben? Ich werde dem Scheißkerl morgen früh erneut gut zureden. Leute, wie der, machen mittlerweile jede noch so widerliche Sauerei, bloß damit sie wenigstens ein Weilchen weitermachen können. Die wissen ganz genau, dass es mit ihrer Narrenfreiheit bald vorbei ist und dass sie dann womöglich zur Verantwortung gezogen werden. Seit dem 20. Juli hoffen ein Haufen einfacher Leute wieder und trauern nur darum, dass Hitler nicht im Sarg herausgetragen wurde.«
Obwohl die Worte lebensgefährlich waren, musste ich nach Monaten zum ersten Mal lächeln. Wortwitz à la Bruno Bierlos.
Am Silvesterabend 1944 erschien Bruno mit zwei Flaschen Wein und einer Schallplatte unter dem Arm, sowie einem gehäuteten Kaninchen ohne Kopf in einem Blatt Zeitungspapier. Unwillkürlich musste ich an Mäxchen denken. Statt Kaninchen waren schon im letzten großen Krieg viele Katzen gegessen worden. Das war sicherlich in unserer Zeit herrlicher Größe nicht wesentlich anders. Dazu gab es Bratkartoffeln mit Zwiebeln. Obwohl es nirgendwo Zwiebeln zu geben schien. Man tuschelte, dass aus Zwiebeln irgendein kriegsentscheidendes Gas hergestellt würde, als Pendant zum Senfgas oder so ähnlich.
So unglaublich es auch klingen mag, trotzdem hatte ich Zwiebeln aufgetrieben. In der Ziegelstraße, Ecke Elias-Platz neben dem Friedhof. Am Silvestermorgen hatte dort ein Handkarren gestanden, auf dem Grünkohl, Kartoffeln und Mohrrüben lagen. Neben dem Karren stand eine an sich jung wirkende Frau mit dennoch bereits schlohweißem Haar. Unsere großartige Zeit hatte sie wohl so früh vergreisen lassen. Sie verkaufte das Gemüse. Ich betrachtete die Mohrrüben und konnte mich nicht erinnern, wann ich solche Köstlichkeiten zum letzten Mal gegessen hatte.
Wir lebten seit Jahren nur auf Carolas Karten und was es dafür zu kaufen gab, reichte kaum für sie allein. Mir wurde schwindelig. Wie sehr kann Hunger einem das Gehirn vernebeln.
Eine andere Frau, die ein buntes Tuch um ihren Kopf geschlungen hatte und ein Fahrrad schob, hatte mich beobachtet, denn sie blieb vor mir stehen und nickte mir zu. Ihr Blick berührte nur einen Augenblick meinen Stern.
»Haben Sie kein Geld?«
Ich biss mir auf die Lippen und senkte den Blick.
»Ich habe keine Marken«, antwortete ich. »Entschuldigen Sie bitte.« Lieber schnell weg, dachte ich und drehte mich um.
»Nun laufen Sie nicht gleich davon, Herr Doktor.«
Derart angesprochen blieb ich stehen. »Sie kennen mich?«
»Natürlich. Ich bin die Mutter vom Paul. Paul Malert, Herr Doktor. Erinnern Sie sich nicht?«
»Paul Malert, und ob ich mich an den Bengel erinnere.« Wieso ich ihn so genau im Gedächtnis hatte, verschwieg ich lieber. Ich hatte den pubertierenden Paul nämlich seinerzeit mal in einer sehr delikaten Situation mit drei ebenso blutjungen wie nackten Mädchen ertappt. Kann man einer Mutter unmöglich erzählen. »Wie geht es Paul?«
»Ich hoffe gut. Er ist Soldat, aber er schreibt leider viel zu selten, der Bengel. Das haben Sie ganz richtig gesagt. Weshalb haben Sie denn keine Lebensmittelmarken?«
»Na, Sie sind vielleicht gut. Ich trage den ›Pour de Sémite‹.« Ich tippte gegen den Stern. »Wir dürfen doch an der völkischen Nahrungsfürsorge nicht teilhaben.«
»Im Ernst? Das habe ich nicht gewusst. Das ist ja unerhört! Wovon leben Sie denn dann?«
»Meine Frau ist Arierin und sie bekommt Marken. Wir teilen halt.«
»Und das soll sozial sein?«
»Wieso sozial?«
»Na, wofür steht denn das ›S‹ im Parteinamen, wenn nicht für sozialistisch?«
»Jedenfalls nicht für mitmenschlich! Lassen Sie uns aufhören, Frau Malert. Ich darf überhaupt nicht so reden. Zurück zu Ihrer Frage«, mit den Nägeln der rechten Hand kratzte ich den Handteller der linken, »offen gesagt, Geld habe ich auch nicht.«
Frau Malert lächelte. Sie beobachtete mich eine Weile nachdenklich und unter diesem Blick fühlte ich mich nackter als bei Verhören durch die Polizei. Ihre Augen wirkten durch ihre dicken Brillengläser wie ungewöhnlich große dunkle Murmeln. Sie schaute nochmals zu meinem Stern und verzog angewidert den Mund. »Haben Sie Kinder?«
Ich schüttelte den Kopf. »Zum Glück für die Kinder haben wir keine.«
»So gesehen haben Sie recht«, erwiderte die Frau. »Die Kinder tun mir am meisten leid. Wie lange es wohl dauern wird, den Blagen diesen ganzen Irrsinn aus den Köpfen zu kriegen. Halten Sie mal bitte.« Sie hielt mir den Fahrradlenker hin und ging zu der Gemüsefrau, verlangte eine Handvoll Kartoffeln und einige Mohrrüben, kam wieder zu mir und steckte mir die Kostbarkeiten in die Manteltaschen. Nun trat die Verkäuferin zu mir und steckte zwei schöne Zwiebeln dazu. »Allein hätte ich mich das niemals getraut«, gestand sie.
»Weswegen? Schenken ist schließlich nicht verboten«, ereiferte sich Frau Malert.
Vor Hunger, Vorfreude auf das Abendessen und Rührung brachte ich keinen Ton raus und blickte zwischen den beiden Frauen hin und her.
»Nu man hoch den Kopp«, flüsterte die Verkäuferin mit dem weißen Haar. »Das dauert nich mehr lang. Und wenn Se bis jetzt ausjehalten ham, sollten Se sich jefällichst bemühen, ooch den Rest ze überleben. Se sehen mich an wie een Schaf. Kann man ja glatt sentimental werden. Nu jehn Se schon und alles Jute im tausendsten Jahr.« Sie grinste und berührte ein Brett ihres Karren. »Bloß nicht verschreien, Holz anfassen.«
Um Mitternacht des Silvesterabends 1944 hatte mir Bruno den Kalender in die Hand gedrückt, auf dem ich nun zum 44. Mal einen Tag abstreiche, eben den 13. Februar 1945.
»Herr Doktor, ich habe hier etwas für Sie«, hatte er zu mir gesagt, nachdem Mitternacht vorüber war und wir uns gegenseitig viel Glück gewünscht hatten. »Würden Sie mir einen Gefallen tun und ab heute jeden Tag ausstreichen?«
Ich weiß noch genau, wie ich ihm in die Augen sah und instinktiv Angst verspürte. Vielleicht hört uns trotz unserer gedämpften Stimmen irgendjemand zu, hatte ich befürchtet. Also lügen, dachte ich. »Wenn es dem Endsieg nicht schadet.«
Der Blick hielt.
»Wie unser geliebter Minister Goebbels bereits bemerkte, der Sieg ist demjenigen sicher, der ihn verdient!«, rief Bruno überlaut, stellte den Plattenspieler an und legte die Platte auf, die er mitgebracht hatte. Laut dröhnte Marschmusik, da hört jeder Denunziant betreten beiseite.
Carola und ich müssen wohl recht erstaunt gewirkt haben, denn Bruno grinste.
»Marschmusik ist in Deutschland am wenigsten gefährlich, wenn man sich ungezwungen unterhalten möchte. Die Platte ist von meinem Vater und ich wollte uns zumindest den Lieblingsmarsch des österreichischen Gefreiten ersparen. Sie dauert nur nicht lange und wenn wir sie laufend spielen, könnte man uns das durchaus als Verunglimpfung auslegen. Also kurz, Herr Doktor. Höchstens vier oder fünf Monate, dann sind diese tausend Jahre ausgestanden. Kennen Sie den Schlager von Lale Andersen: ›Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei ...‹?«
»Na ja, habe ich gehört. Ist nicht gerade sehr anspruchsvoll.«
»Deswegen singen unsere Landser schon seit November einen geradezu hoffnungsvollen Text zu der Melodie: ›... im April geht der Führer, und im Mai die Partei!‹ Leider sind wir bis dahin noch nicht aus dem Schneider. Ich bitte Sie ganz inständig, Dresden so bald als nur irgend möglich zu verlassen. Bislang sind Sie geduldet, als Jude mit arischer Ehefrau aus bester völkischer Herkunft - was für eine schwachsinnige Phrase. Die Nerven der Kerle liegen blank, die bringen im letzten Moment lieber alle um, als hinterher lästige Zeugen am Hals zu haben. Selbst als Blockwart ...«
Die Platte tat den letzten Kratzer. Bruno startete sie trotz seiner vorhin geäußerten Bedenken erneut.
»Selbst als Blockwart muss ich ganz vorsichtig sein. Spätestens im März ist der Bart ab, Herr Doktor. Entschuldigung, das mit dem Bart habe ich nur so gesagt. Hauen Sie ab in die Schweiz, nur nicht in die Sächsische. Wie hat unser trampeliger Gauleiter Martin Mutschmann doch dem ebenso trampeligen Frankenführer Julius Streicher mitgeteilt: ›In unserer herrlichen Sächsischen Schweiz ist kein Platz für Juden!‹ Sehen Sie zu, dass Sie nach Helvetia kommen. Dort wird man zwar später auch nicht daran erinnert werden wollen, dass man so vielen nicht hat helfen mögen und sie stattdessen zurück in die Gaskammern getrieben hat. Aber dort werden Flüchtlinge mittlerweile wieder lange genug verhört, um ihnen eine Chance zum Überleben zu lassen. Besonders, wenn der Verhörte Geld mitbringt. Wenn Sie irgendwann gegen Mitte Februar aufbrechen und es bis Anfang März über die Grenze schaffen, könnten Sie wirklich in Sicherheit sein. Also sehen Sie zu, dass Sie beizeiten auf Ihren Baum gestiegen sind - ich zitiere in diesem Zusammenhang sehr gerne Wilhelm Busch ›Wenn das Rhinozeros, das schlimme, dich fressen will in seinem Grimme, dann steig auf einen Baum beizeiten, sonst hast du Unannehmlichkeiten!‹ - Die Schweiz ist der Baum, auf den Sie steigen müssen, Herr Doktor! Verfügen Sie über Geld oder irgendwelche Werte?«
»Nein. Wir dürfen nichts mehr haben. Demzufolge sollten wir den Gedanken, dass wir verreisen könnten, schnell wieder vergessen. Außerdem, wo sollte ich eine Reiseerlaubnis für uns herbekommen? Als Jude? Lächerlich.«
»Überhaupt nicht lächerlich, Herr Doktor! Sie sind viel zu pessimistisch! Sie dürfen nicht länger in der Herde mittrotten und brav gehorchen! Irgendwann wird es eine Gelegenheit geben, zu verschwinden. Dann muss der Stern weg und die Papiere müssen weg. Wenn Sie jetzt aufbrechen, wird es nicht klappen. Aber in fünf, sechs Wochen sind die Strukturen völlig erledigt. Glauben Sie im Ernst, dass unter dem Umstand irgendwer nach Papieren fragt?«
»Papiere werden in Deutschland immer wichtiger sein als alles andere«, warf Carola ein. »Hat Brecht schon 1940 vorhergesehen: ›Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Schließlich kommt er auch nicht auf so einfache Weise zustande, wie ein Mensch ... Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.‹ Hat Brecht gesagt.«
»Stimmt. Brecht muss es ja wissen, letztendlich ist er ja ausgebürgert worden. Und wenn dieser Winter vorbei ist, dürfte für kurze Zeit jegliche Administration im allgemeinen Zusammenbruch unüberschaubar sein. Dann braucht es in der Stadt, in der man gerade ist, bloß einen Volltreffer im Rathaus. Ohne Listen und Unterlagen sind Beamte absolut hilflos. Vielleicht gibt es mal einen Angriff auf uns und vielleicht einen Volltreffer hier im Block. Vielleicht nicht gerade in dem Keller, in dem Sie hocken, aber irgendwo in der Nähe, dann nichts wie weg! Wenn ich selbst nicht so ein Scheißpech gehabt hätte, wäre ich längst in Sicherheit.« Bruno wirkte richtig wütend.
»Was für ein Pech?«
»Nachdem ich 1935 durchs Abitur gerasselt war, bin ich abgehauen.«
»Du bist durchs Abitur? Weswegen?«
»›Nicht genügend‹ in Deutschtümelei und das hat man mir übel genommen. Ich bereue trotzdem nichts. Ich habe in Antibes als Barmixer gearbeitet, meine Longdrinks waren der Geheimtipp dort.«
»Wo?«
»In Antibes. An der Côte d’Azur. Das ist ein ganz kleines Fischerdorf zwischen Nizza und Cannes. Dort gibt es kaum Deutsche, nur Einheimische und im Winter ein paar Engländer. Die waren ganz verrückt auf meine Drinks.«
»Antibes kennen wir. 1930 waren wir mal dort, ein netter Hafen mit der Burg darüber. Erinnerst du dich daran, Carola? Meinen 23. Geburtstag haben wir in Cannes gefeiert, weil ich kurz vorher von der sicher in Aussicht stehenden Verleihung meines Doctor iuris utriusque erfahren hatte.«
»Doktor was in was?«, fragte Bruno.
»Das bedeutet Doktor beiderlei Rechts, des kirchlichen und des weltlichen. Ich fühlte mich stolz wie Oskar. Natürlich weiß ich genau, dass mein Mentor Professor Grünbaum daran gedreht hatte, obwohl er es nie zugab. Na, auf jeden Fall hat er gedrängt, dass wir den künftigen Titel gemeinsam mit meinem Geburtstag in Cannes feiern müssten. Das haben wir gemacht, und zwar im gerade neu eröffneten ›Majestic‹ an der Croisette. Und während dieser Tage sind wir mal in Antibes gewesen. Warum bist du denn nicht dort geblieben?«
»Na, wegen dem Scheißkrieg!«
»Bruno, wenn schon, dann sag gefälligst wegen des Krieges! Kein Wunder, dass du durchs Abitur gefallen bist. Was hattest du denn mit dem Krieg zu tun?«
»Na, ich war noch Deutscher. Mein Einbürgerungsverfahren lief zu der Zeit und irgendwann im September 1939 hätte ich meine französische Staatsbürgerschaft erhalten.«
»Der Krieg hat doch erst im September begonnen.«
»Richtig. Aber französische Freunde hatten mich gewarnt, dass, wenn Paris dem Reich den Krieg erklärt, wäre ich als Deutscher plötzlich auch der böse Feind. Und meine Freunde vermuteten weiter, dass die Franzosen alle bösen Feinde zunächst mal vorsichtshalber in Internierungslager stecken würden. Darauf hatte ich nun gar keine Lust und bin Anfang August in die Schweiz abgedampft, schwarz über die Grenze. Das hat den Schweizern hingegen nicht gefallen, und die haben mich nach Deutschland abgeschoben.«
»Und?«
»Nichts und. Ein paar Monate Untersuchungshaft wegen Reichsflucht. Im Knast habe ich für die Wachen Drinks gemixt, die waren begeistert und haben mir geholfen, wo sie nur konnten. Nach der Freilassung habe ich dann in einer Fernmeldeeinheit der Wehrmacht im Offizierskasino den Barmixer gespielt. Meine Drinks waren dort genauso der Hit wie in Antibes und ich war praktisch vor jeglicher Nachstellung sicher. Im Mai 1940 ging es mit denen nach Belgien und als Clou habe ich am 22. Juni in Compiègne die Drinks zum Abschluss der Waffenstillstandsverhandlungen gemixt.«
»Du? Das gibt es nicht! Du bei jenen hohen Herren?«
»Ja. Scheißplatte, ist schon wieder zu Ende. Na gut, lassen wir eben die Rückseite laufen. So, na also. Wo war ich? Ach ja, hat ja niemand gewusst, dass ich so gerne ein Franzose wäre! Und ich habe mir gedacht, in der Höhle des Löwen wird mich der Löwe wohl nicht vermuten. Ganz einfach. Und in Paris habe ich von einem süßen Mädchen französisch sprechen gelernt wie ein Pariser. Die Kleine hat im Widerstand mitgemischt und ich habe ihr alles erzählt, was ich im Kasino gehört hatte. Besoffene Offiziere reden ziemlich viel. Françoise, so hieß das Mädchen, wollte mir helfen, mich ins unbesetzte Frankreich schaffen und mir auf den Namen Gérard Courvoisier französische Papiere besorgen. Courvoisier, weil ich diesen Cognac als Grundlage meiner Drinks benutzte. Zu Weihnachten 1942 sollte es so weit sein. Ja, Scheiße!«
»Bruno!«
»Nix, Bruno. Im November hat dann die Wehrmacht mit der Besetzung der Südzone Frankreichs begonnen. Und somit hatte ich erneut Pech. Es war unmöglich, so schnell unbemerkt die Seiten zu wechseln. Und als sich die Zeichen einer alliierten Landung in Frankreich mehrten, rieten mir meine französischen Freunde, nach Dresden zurückzukehren. Sie würden sich melden. Und so bin ich hier gelandet. Wenn irgend möglich, möchte ich nach Antibes, bevor der Krieg zu Ende ist. Denn danach wird man uns bestimmt eine ganze Weile nicht aus Deutschland rauslassen, aber ich will dort unten leben. Das Essen, die Frauen und die Sprache haben es mir angetan. Abhauen werde ich auf jeden Fall. Und wenn es in der Nähe einen Volltreffer geben sollte, wird Bruno Bierlos nicht mehr existieren, Gérard klingt wesentlich besser. Wenn es mal im Hause kracht, sollten Sie besser anderswo in einem Keller überleben. Na ja, kann man ja nicht vorhersehen.«
Der Marsch war leider zu Ende. Komisch, dass ausgerechnet ich dies bedauerte, wo ich doch Militär, Fahnen und Marschmusik für das Dümmste halte, was es gibt.
»Jawohl, Herr Doktor, Sie haben recht!«, rief Bruno überlaut. »Wenn erst die neuen Waffen des Führers da sind, werden wir es den Kerlen ordentlich zeigen. Ich wünsche ein siegreiches neues Jahr. Ich werde nun die Verdunkelung im Block kontrollieren. Zunächst einmal muss ich pinkeln. Kommen Sie, Herr Doktor, lassen Sie uns eine gute deutsche Eiche düngen.«
Ich folgte Bruno Bierlos. Jeder Horcher hätte gewusst, einem Blockwart stellt man sich besser nicht in den Weg.
»Meinst du wirklich«, fragte ich Bruno draußen, »es ist gut, einen Juden aufzufordern, eine deutsche Eiche zu düngen? Schadet womöglich der Stämmigkeit, oder?«
Bruno schwieg einen Moment lang. »Also die Verordnung ist bislang nicht raus. Wer weiß, aber ich wollte Ihnen unbedingt etwas zeigen.«
Brunos Wasser plätscherte die Eichenrinde hinunter. Bruno schaute sich zunächst sorgfältig um und dann an mir hinunter.
»Sie sind beschnitten, Herr Doktor, bedeutsam in unserer großen Zeit. Tja, ich habe auch etwas zu bieten, sehen Sie nur.«
Ein Mann schaut nicht so leicht weg, dachte ich, und blickte an Bruno hinab und wollte es nicht glauben. Der Anblick verschlug mir den Atem. Ich schaute wieder in Brunos Augen und atmete tief aus.
»Du bist beschnitten?! Kein Mensch wird einem beschnittenen Mann einen öffentlichen Posten in Deutschland verschaffen können. Und wieso bist du jetzt Blockwart?«
Bruno lachte. »Purer Zufall, Herr Doktor. Ich war acht Tage alt, als mein Vater mich beschneiden ließ. Er war 1913 zum jüdischen Glauben übergetreten. Das wusste allerdings kaum jemand. Ich habe mich lange geschämt, weil ich eben anders war als die anderen - mittlerweile bin ich stolz darauf. Und einem hinkenden Mann glotzt keiner auf den Pimmel. Nicht einmal bei der Musterung wollte man mich zum Glück eingehender betrachten. Wir Gehkrüppel waren nie gerne gesehen. Aber unser Krieg hat inzwischen so viele Krüppel produziert, dass wir mittlerweile gar nicht weiter auffallen. Nicht mal Goebbels Klumpfuß und wer weiß, vielleicht gilt das demnächst sogar als besonders schick. Womöglich plant er sogar ein Gesetz in dieser Richtung, von dem wir nichts ahnen. Hinken darf in Großdeutschland nicht als krank gelten. Beschnitten sein schon, denn das ist undeutsch! Apropos, ich wollte Ihnen ja eine komische Begebenheit erzählen. Am 9. November letzten Jahres bin ich Esel am Adolf-Hitler-Platz in einen Aufmarsch zum Heldengedenken an Wessel und den Novemberputsch gestolpert. Wie ich da nun stehe und nicht weg kann, fangen die Dummköpfe an zu grölen: ›Juden raus, Juden raus!‹ Solch einen Blödsinn muss man sich erst mal vorstellen, es gibt doch kaum noch welche. Schließlich haben die Kerle vorletztes Jahr im Juni, ich glaube am 12. war’s, die Reichsvereinigung der Juden aufgelöst, weil es im ganzen Reich gar keine mehr gäbe. Hätte ich diesen grölenden Hirnlosen am liebsten entgegengerufen.«
»Um Himmels willen, was hast du gemacht?«
»Na, was werd ich gemacht haben? Ich habe mitgeschrien ›Juden raus!‹ - Soll ich mich totschlagen lassen?«
Im Januar übernahm ein anderer Blockwart das Kommando. Bruno Bierlos war wie vom Erdboden verschwunden, obwohl wir keinen Angriff bekommen hatten. Was mochte seine gute Gelegenheit gewesen sein? Hoffentlich schaffte er es zu den Franzosen. »Ach Bruno«, sagte ich ins Nichts. »Ich wünsche dir alles erdenklich Gute.« Welchen Namen hatte er mir denn nur genannt, den er in Frankreich führen wollte? Irgendwas mit Schnaps, das wusste ich, nur welcher Schnaps? Keinen blassen Schimmer. Irgendwas Französisches, Cognac bestimmt. Ich werde alt. Hennessy war es auf jeden Fall nicht. Na egal. Alles Gute, Bruno.
Die erste Anordnung des Neuen fand ich morgens an unsere Haustür gezwickt: ›Nichtariern sind die Arierkeller verboten!!!‹, wahrhaftig mit drei Ausrufezeichen. Offensichtlich hatte Bruno Bierlos tatsächlich genau gewusst, wovon er in der Silvesternacht gesprochen hatte. Zwar haben wir in unserem Judenhaus in der Sporergasse 2 einen Kellerverschlag in dem Juden sich verkriechen dürfen, aber nebenan im Mittelhaus gab es einen geeigneten Keller, der aus gemauertem Gewölbe einem richtigen Betonboden errichtet war. Dort durfte ich nun nicht mehr hinein. Jedes Mal, wenn die Sirenen heulten, machte ich mir beinahe in die Hosen und betete, dass Mutschmann recht behalten würde, und Dresden bliebe tabu.
Die Gemeinsamkeit und der damit verbundene Schutz vor bürgerlicher Willkür bröckelte. Noch durften wir gemeinsam leben und wohnen, nur nicht mehr gemeinsam sterben. Carola durfte ohne Weiteres mit mir in unseren Judenkeller, doch da war kein Mensch wirklich drin sicher. Meinen Vorschlag, dass ich in den Judenkeller ginge und Carola nach nebenan, dann wären wir nur durch eine Brandmauer getrennt, lehnte Carola kategorisch ab.
So paradox es klingen mag, wenn Carola und ich gemeinsam im Keller gehockt hatten, erschien uns auch jeder einzelne Angriff unerträglich - obwohl wir in Dresden beileibe nicht so viel abbekommen haben wie Berlin oder das Ruhrgebiet. Die Angst vor dem Tod lässt sich bei allem Intellekt nicht abschütteln. Und nun künftig getrennt zu sein angesichts des herabfallenden Todes, erschien uns noch viel grausamer. Als ob man gemeinsam leichter sterben würde.
Den Keller in unserem Haus mochte sie nun überhaupt nicht mehr. Carola sprach oft vom Judenkeller in der Zeughausstraße. Selbst der Judenkeller in der Cranachstraße erschien ihr, aus welcher rationalen Überlegung auch immer, recht sicher zu sein und hatte zumindest den Vorteil, dass wir im Falle eines Angriffs nur einen kurzen Weg von zu Hause bis dorthin zurücklegen mussten. Bloß über den Schlageter Platz, zweihundert Meter die Pillnitzer lang und links in die Cranachstraße bis zur Nummer zwölf, ein Katzensprung. Ihren Rucksack hielt Carola bei Tag und Nacht griffbereit. Möbel und derartige Gegenstände zu verlieren, schien ihr völlig gleichgültig zu sein. Und sie hatte bisher recht behalten. Bei jedem Voralarm führten wir nur diesen Rucksack mit uns. Mal trug sie ihn, mal ich. Dresden blieb ja meist verschont. Wenn wir wieder in unsere Wohnung traten, lächelte Carola überlegen. Nichts war geschehen, wir hatten uns gemeinsam gefürchtet und waren gemeinsam zurückgekehrt. Alles war wie vorher.
Und nun schien diese Gemeinsamkeit für uns zu Ende zu sein. Welchen Keller, der uns beiden zugänglich war, sollten wir beim nächsten Angriff aufsuchen? Bei aller Liebe zu dem Haus, in dem wir lebten, einen Angriff in dem Verschlag
abzuwarten, mochte ich nicht riskieren. Obwohl mir ja seit meiner Jugend das Haus ausgesprochen gut gefiel. Schon allein der Name ›Triersches Haus‹. In den Erker war ich bereits als Gymnasiast verliebt gewesen. Ultra posse nemo obligatur, proklamierte ich stets, wenn ich das Haus bewunderte. Niemand ist verpflichtet, etwas ihm Unmögliches zu leisten, heißt das, aber da wir Juden von jeher ein wenig besser sein müssen, etwas mehr leisten müssen als die anderen, war ich überzeugt, dass ich es einst schaffen würde, eine Wohnung in diesem wunderschönen Haus zu besitzen, wenn ich mir nur genügend Mühe gäbe. Als Carola eines Tages ganz nebenbei bemerkte, dass im Trierschen Haus eine Wohnung zu vermieten sei, hatten wir keine Minute lang gezögert. Zumal es im Volksmund ›Das Judenhaus‹ genannt wurde - hier wähnte ich mich zumindest als Gleicher unter Gleichen vor Denunzianten sicher.
Mit dem Finger fahre ich die Konturen der Ziffern 1 und 3 auf dem Kalenderblatt nach. Faschingsdienstag. Nur zwei verkleidete Menschen habe ich heute gesehen, zwei kleine Mädchen tanzten oder hüpften am Neumarkt entlang. Eines sollte einen Clown darstellen, das andere wohl eine Prinzessin. Beneidenswert. Die anderen Leute waren gar nicht wirklich verkleidet, die trugen nur die üblichen Uniformen oder Lumpen. Und wie überall auf der Welt tragen auch bei uns nur Lumpen Uniform.
Carola schaut mich strafend an, manchmal bin ich mir sicher, dass sie meine Gedanken errät. Sie ist tausendmal klüger als alle Handlanger des Tausendjährigen Reiches zusammen! In Dresden laufen im Moment zahllose ärmlich gekleidete Flüchtlinge aus dem Osten herum, überwiegend lauter ganz arme Schweine. Dagegen komme ich mir beinahe vor wie ein alberner König. Ich kann mir gut vorstellen, wie diesen Menschen zumute sein muss. Alles aufgegeben, alles verloren. Und alles nur, weil ein paar größenwahnsinnige Militaristen erneut einen Weltkrieg vom Zaun brechen mussten. Und weswegen? Aus Rache für den völlig zu Recht verlorenen Kaiserkrieg? Für Großdeutschland? Na, wenn dieser zweite große Krieg jetzt bald zu Ende sein wird, wird Deutschland ganz schön überschaubar sein. Hoffentlich zieht man dann die Verantwortlichen wenigstens diesmal gehörig zur Rechenschaft, obwohl das unwahrscheinlich ist.
Ich werde das Kriegsende sowieso nicht mehr erleben, denn mit mir wird es am Freitag vermutlich endgültig vorbei sein. Und diese Tatsache traue ich mich gar nicht Carola zu erzählen. Ich schaue durch unser Erkerfenster auf die Schlossstraße. In der trüben Dunkelheit schimmert mein Spiegelbild auf der Glasscheibe. Rechtsanwalt Doktor Jakob Löwenthal. Doktor bin ich zu meinem eigenen Erstaunen tatsächlich noch. Haben die gleichgeschalteten Kammerkollegen glatt vergessen, mir den Titel abzuerkennen.
Vor mir in der Scheibe erscheint Carola und ich höre ihre Stimme hinter mir.
»Schließe die Verdunkelung, Jakob. Es wird höchste Zeit.«
Gehorsam klemme ich die Pappdeckel in den Rahmen des Erkerfensters, dann die anderen vor die übrigen Fenster unserer Wohnung und lasse den Tag Revue passieren.
Der Morgen dieses 13. Februar 1945 blieb ohne die allmorgendlich befürchteten Schläge gegen die Wohnungstür. Tagsüber war ich unterwegs gewesen und hatte nach Essbarem gesucht. Stundenlang war ich erfolglos durch die Stadt gepilgert und hatte beschlossen, mich wenigstens an den Schaufenstern entlang der Pillnitzer Straße sattzusehen. Unser Bäckermeister Ehrhardt, der mich in seinem Laden in der Pillnitzer Straße schon lange nicht mehr bedienen darf, war trotzdem aus seiner Bäckerei geeilt, als er mich erkannte und hatte mir im Vorbeigehen zugeraunt, ich solle in einer Viertelstunde in seinem Hof sein. Er hätte was für uns. Hoffentlich was Essbares, hatte ich mir ausgemalt.
Der Hof war mit Brettern überdacht und somit nicht einsehbar. Er war mir dessen ungeachtet absolut verboten und ich betrat ihn nur sehr zögernd, den Hut wie zum Gruße abgenommen vor meinen Stern haltend.
Meister Ehrhardt hatte wohl auf mich gewartet, denn er trat sofort durch die Hoftür der Bäckerei zu mir. Er drängte mich in den Verschlag, in welchem das Brennholz lagert und man ungesehen war. Meister Ehrhardt blieb bei der Tür stehen und beobachtete unentwegt den Hof, während er zu mir sprach. Komisch, dass sich jeder wie ein gehetztes Tier umschaut, wenn er mit mir spricht. Ich komme mir vor wie ein Aussätziger.
»Herr Doktor Löwenthal, schön, Sie wieder mal zu sehen.« Er drückte mir einen neutralen Stoffbeutel in die Hand. Ich blickte hinein. Ein großes, dunkel gebackenes Graubrot erkannte ich darin und sogar einige Brötchen. Das bedeutete ein paar Tage lang keinen beißenden Hunger.
»Vielen, vielen Dank«, sagte ich.
»Danke für nichts«, wehrte Ehrhardt ab und flüsterte: »Sie sollten sich kräftig satt essen und schleunigst von hier verschwinden, Herr Doktor.«
Ich schaute den Beutel und danach Meister Ehrhardt an. Was sollte denn das? Erst beschenkt er mich und dann jagt er mich davon?
»Wieso...«
»Weil Sie bestenfalls 72 Stunden Zeit haben zu verschwinden, Herr Doktor.« Er trat aus dem Verschlag, schaute sich umsichtig im Hof um und warf einen Blick zur Straße hinaus. Dann trat er zu mir. »Ich habe gehört - von wem, tut nichts zur Sache - dass nun auch die verbliebenen paar Juden aus Dresden ausgesiedelt werden und sich am Freitag, den 16. Februar am Bahnhof einzufinden haben. Es heißt, dass sie von dort in ein ›Schweizer Lager‹ transportiert werden.«
Ausgesiedelt?! Also doch noch, durchfuhr mich der Schreck. So kurz vor dem Ende doch noch. Aber vielleicht werden wir lediglich ausgebürgert, hoffte ich. Möglicherweise nur vor den anrückenden Russen versteckt? Man glaubt ja, was man hofft.
»Diesen Freitag?«
»Ja.«
»Was bedeutet Schweizer Lager?«, wollte ich wissen.
»Was das bedeutet, können Sie in diesem Papier ganz genau nachlesen; ist eigentlich ein Brief, der von Rechts wegen niemals hätte geschrieben werden dürfen.« Er drückte mir ein ganz klein zusammengefaltetes Päckchen Papier in die Hand und schloss meine Finger darum. »Ich habe das von jemand bekommen, der mich für vertrauenswürdig hält. Derjenige hat es ebenso wieder von einem anderen bekommen und ich gebe es Ihnen weiter. Wenn dieser Brief einem Falschen in die Hände fallen sollte, ist das Leben des Briefbesitzers keinen Pfennig mehr wert. Wer immer diese Dinge aufgeschrieben und weitergegeben hat, hat unser aller Leben riskiert, als er den Brief weitergab. Wenn die Gestapo den jeweiligen Besitzer in die Klauen bekommt, werden die Herrschaften im Handumdrehen den Weg der Besitzer zurückverfolgen können. Und die machen kurzen Prozess. Denn die Herren möchten auf keinen Fall, dass bekannt wird, was in diesen Lagern passiert. Ich finde, man muss berichten, was geschieht, sonst wird es womöglich irgendwann heißen, dies sei alles gar nicht wahr; Hirngespinste, Gräuelpropaganda und dergleichen. Lesen Sie und geben Sie den Brief weiter, aber bitte sehr, sehr vorsichtig. Und wenn man Sie verfluchterweise tatsächlich damit erwischen sollte, fressen Sie die Blätter auf. Noch baut die Reichsführung auf absolute Geheimhaltung, was die Judenfrage dezidiert bedeutet. Das Ganze wird allerdings langsam durchlässig wie ein poröser Schwamm. Und deswegen wird jedermann möglichst versuchen, die Wahrheit unter den berühmten Teppich zu kehren, notfalls mit weiterem Mord und Totschlag, nur um hinterher zu behaupten, niemand hätte von nichts etwas gewusst. Kann man nur hoffen, dass diesen Schutzbehauptungen nicht geglaubt wird, wenn der Spuk dann mal vorbei ist.«
Mir lief es kalt den Rücken hinunter.
»Wird man also uns, die wir mit Ariern verheiratet sind, ebenso abtransportieren?«
Er nickte knapp. »Andere sind ja nicht mehr hier. Lesen Sie und verschwinden Sie!« Dann bat er mich, den Hof durch die Verbindungstür zum Keller des Nebenhauses zu verlassen. Dabei drückte Ehrhardt mich an sich. »Schalom sagt man ja wohl bei Ihnen.« Mit diesem Wort hatte mich schon lange kein Mensch mehr verabschiedet. Er verzog den Mund und stieß Luft hörbar durch die Nase, schüttelte den Kopf und ließ mich stehen.
Ich hatte das kleine Papierpäckchen ins Schweißband meines Hutes gesteckt und war dann so unauffällig wie möglich zurück in Richtung Altmarkt gegangen. Was mochte denn nur so Ungeheuerliches aufgeschrieben sein? Gelesen habe ich den Brief heute Mittag im Verschlag, dem Judenkeller unseres Hauses. Außer bei Vor- und Vollalarm hält sich keine Menschenseele auch nur in seiner Nähe auf. Und niemand hat mich beim Lesen überrascht.
Die Worte standen deutlich lesbar in lateinischen Druckbuchstaben geschrieben.
Birkenau im Winter 1943
Ich kann nicht mehr. Wenn man diese Zeilen liest, werde ich bereits tot sein. Ich, der SS-Mann von der Rampe.
Ich muss dies einfach loswerden, denn trotz allem Schnaps, den man uns zu den Einsätzen an der Rampe spendiert, kann ich mit dem, was wir hier in Birkenau machen, nicht mehr leben.
Für heute waren wieder Ofentransporte angekündigt; wie leichthin kann ich nur diesen Begriff benutzen? Ich hatte gehofft, dass es mit diesen Transporten allmählich vorbei sein würde, dass es endlich nicht mehr genug Leute gäbe. Ich habe mich getäuscht. Und zwar gründlich! Das Grauen geht weiter. Und am widerlichsten empfinde ich, dass manche Kameraden sich geradezu auf diese Transporte freuen, denn jeder mit lebenden Kadavern gefüllte Waggon bringt erhebliche Gewinne mit sich. Die Hiwis, die Hilfswilligen, Häftlinge, die als Hilfskräfte die eigentliche Arbeit an der Rampe machen, johlen vor Begeisterung auf die zu erwartende Habe der Transportierten. Wir SS-Männer sind ja im Grunde nur zur Aufrechterhaltung der Ordnung da. Nur!
In der Hilfswilligen-Baracke sind diese Hiwis separat untergebracht, damit die anderen Zwangsarbeiter nicht mitbekommen, wie verhältnismäßig gut es denen im Gegensatz zu den normalen Häftlingen geht. Ich bemerke den Melder, der wie üblich vor diesen Transporten in die wiederum separat abgegrenzte Ecke des Barackenältesten eilt. Daraufhin tritt der Kalfaktor hoheitsvoll aus seinem Verschlag.
»Raus, Männer, eine Lieferung kommt!«
Im nächsten Augenblick sind die Hiwis in der frostklirrenden Kälte draußen. Saukalt ist es, verflucht noch mal, und die Helfer warten in der eisigen Kälte nur mit den gestreiften Anzügen bekleidet, man mag es kaum glauben. Ich habe wenigstens den Schnaps. Meine Feldflasche ist schon halb leer und kalt ist mir trotzdem, der Wehrmachtsfusel taugt nichts.
Ein verschlafener SS-Kamerad hält eine große Tafel in der Hand und zählt die Hiwis zu je fünf Mann pro Reihe ab. Zwanzig Reihen marschieren an ihm vorüber und nach ein paar Hundert Metern erreichen sie die Rampe von diesem Viehbahnhof. Früher wurden von diesem Scheißkaff aus wahrscheinlich Rindviecher zum Schlachten abtransportiert - heute werden Menschen hergekarrt, um wie Schlachtvieh ins Gas zu gehen. Zum Kotzen; die Feldflasche kann ich hoch an die Lippen setzen, da kommt nichts mehr heraus. Werde ich mir von der plattbusigen, hässlichen Sturmführerin erneut auffüllen lassen. Das ist das einzig Erfreuliche an unserem Dienst, Schnaps gibt es reichlich auf Staatskosten, wenn es ums nationalsolidarische Morden geht.
Den Hiwis ist saukalt und die Posten verkaufen ihnen heißen Tee mit Fusel, werden bezahlt mit den Wertsachen von Menschen, die noch gar nicht da sind. Spekulationen auf Geld und Waren, welche diejenigen mit sich führen.
Motorräder fahren vor und satte, fettleibige Stabsoffiziere springen ab, Abzeichen glitzern im scharfen Licht der Wintersonne, Weihnachtsmanngesichter strahlen. Einige tragen große Aktentaschen, andere schwingen Haselnussgerten.
Sie begrüßen sich mit der erhobenen Rechten. Schütteln sich dann herzlich die Hände, lächeln sich an, erzählen Neuigkeiten von zu Hause. Reden über ihre Kinder und zeigen sich gegenseitig Fotos.
»Der Transport kommt!«
Hinter den kleinen, vergitterten Fenstern drängen sich Gesichter, blass, ängstlich und übernächtigt. Einige Fäuste trommeln gegen die Waggonwände. Verzweifelte Rufe höre ich. Dann wachsen die Rufe wie jedes Mal zu lautem Geschrei.
Ein Offizier, arisch hochgewachsen und mit mehr Silber behangen als die anderen, winkt angewidert einem Posten. Der feuert eine kurze Salve über die Reihe der Waggons. Die Schüsse hallen nach in der plötzlichen Totenstille.
Der Riese mit der Aktentasche hebt die Hand. »An die Arbeit!« Die Hiwis wissen längst, wer Gold nimmt oder sonst etwas, was nicht essbar ist, wird wegen Diebstahls von Reichseigentum kurzerhand erschossen!
Die Riegel der Waggons knarren, die Türen werden geöffnet. Die ersten Leiber stolpern von hinten gedrückt aus den Waggons. Koffer landen auf ihren Rücken, andere Leiber folgen und schließlich sind die Menschen beinahe erdrückt von der Last der Koffer, Päckchen, Bündel und Taschen jeder Art. Denn die Transportierten bringen so viel Unnützes mit, was in ihrem bisherigen Leben Sicherheit und Wohlstand bedeutete und hier vollkommen bedeutungslos für sie sein wird.
»Was geschieht mit uns?« Wie stets die erste Frage der ängstlichen Menschen.
»Ihr werdet entlaust und dann frisch eingekleidet, deshalb braucht ihr bis dahin euer Zeug ja nicht. Das muss ebenfalls entlaust werden. Seid bitte vernünftig!«
Menschen, die in den Tod gehen, sollen bis zum letzten Augenblick belogen werden, das ist die einzige zulässige Form von Mitleid. Und die meisten werden wirklich ruhiger.
Ehe sie Zeit haben, sich an die frische Luft zu gewöhnen, bevor sie zu sich kommen, zerrt man ihnen alles aus den Händen.
»Ach bitte, lassen Sie mir ...«
»Verboten!«, zischen die Hiwis scharf durch die Zähne.
Äußerlich beherrscht schaue ich zu und rufe den Verängstigten automatisch die Sätze zu, die ich bei jedem Transport rufe, von denen ich träume.
