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Wer von uns hätte sich nicht schon mal liebend gerne in ein Abenteuer gestürzt - ohne Risiko selbstverständlich. Hier sucht ein Mann diesen Traum wahr zu machen, gerät durch einen Verkehrsunfall mit in der Folge eintretender völliger Amnesie in einen Strudel zum Teil grausiger Ereignisse und steht mehrfach vor den Trümmern seiner Existenz. Er wird fälschlicherweise für tot gehalten und nur durch die Hilfe von ihm zugewandten Fremden gelingt es ihm schließlich, nach und nach die Erinnerung wieder zu erlangen, wird aber durch mehrere Rückschläge an einer Rückkehr in sein bisheriges Leben gehindert.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Werner Koschan
Alle Menschen brauchen Liebe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Alle Menschen brauchen Liebe
Prolog
Erster Teil
1. Kapitel
Zweiter Teil
Kapitel 1
Dritter Teil
Kapitel 1
Epilog
Impressum neobooks
Roman
Schauplatz der Handlung dieser Geschichte ist hauptsächlich der Kanton Graubünden in jenem prächtigen Land, das uns viele schöne Dinge geschenkt hat. Ich erinnere mich an Heidi-Geschichten, das Wunder von Bern, leckere Rösti und nicht zuletzt Nummernkonten.
Die Handlung ist frei erfunden. Sofern Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen bestehen, wäre dies rein zufällig – bis auf eine Ausnahme. Hauptakteurin Sabine Engel.
Sie hat als Hintergrund eine äquivalente Vorlage. Fünfundzwanzig Jahre jung, hübsch, goldblond mit leicht rötlichem Schimmer und nicht von strenger Intellektualität verregnet, begegnete ich ihr in Cannes, die Croisette entlang schlendernd. Sie hatte die merkwürdigsten Augen, die ich je gesehen habe – von beinahe goldener Tönung. Sie trug eine seidene Bluse mit dem Namenszug der exklusiven Parfümerie, die zwischen dem Martinez und dem Carlton liegt, und inspizierte die Schaufenster. Der kurze Rock betonte ihre Figur und die hochhackigen Pumps ließen ihre Beine endlos erscheinen. Sie lächelte wie eine Prinzessin. Ich fragte nach einem extravaganten Aftershave. Sie führte mich zur Abteilung ›Hommes‹. Mit Grandezza nahm sie ein elegant bedrucktes Produkt aus dem Hochglanzkarton und besprühte mein Handgelenk großzügig – mit Rasierschaum. Ihre Augen waren vor Schreck geweitet, während ich ein Lachen unterdrückte.
Alle Menschen brauchen Liebe
Was für eine Lust. Welche Wonne. Sabine, blond und sehr fraulich, Annabelle schwarz und eher knabenhaft. Immer abwechselnd. Und wieder von vorn. Beide sind eine Wucht. Und zusammen gerade mal so alt wie ich. Gefährliches Alter, warnt mich mein Hausarzt immer. Blödsinn. Der Tod kommt doch sowieso ungelegen, schließlich soll es eine Überraschung werden. Ich möchte mal einer Papstaudienz beiwohnen und, wenn der mich berührt, tot umfallen. Das gäbe eine Schlagzeile.
Annabelle duftet nach Maiglöckchen, Sabine nach Orangen, eine himmlische Melange – der Augenblick zum Sterben.
Das Wunderbarste der Welt wird, solange es Menschen und Geschlechter gibt, dasselbe bleiben! Und vor. Und zurück. Die Augen halte ich am liebsten geschlossen dabei, um nur zu spüren. Hab dann meine Reaktionen besser im Griff. Ausgerechnet jetzt muss ich daran denken, was mir Frauen über Männer erzählt haben. Zu komisch, manche schwitzen dabei angeblich mächtig. Tropfen ihnen zwischen die Brüste und sogar ins Gesicht. Werden glitschig wie Fische, haha.
Die zwei haben aber auch vier flinke Hände! Langsam zurück und jetzt wieder das Maiglöckchen. Ich schwitze niemals, Masselmolch, wo ich bin.
Obwohl, mir wird befremdlich heiß heute. Eigenartig, so heiß wie jetzt war mir noch nie dabei. Ich hätte die Heizung nicht so hoch einstellen sollen vorhin. Ich komme mir vor wie in einem Backofen und schwitze unmäßig! Was ist denn heute los? Werde besser mal ein Auge riskieren. »Hört mal auf! Ist euch auch so mächtig warm?«
Plötzlich ist mir nicht mehr siedend heiß, sondern sozusagen im Gegenteil. Wo sind die Mädchen? Spontan riskiere ich beide Augen – alle, die ich habe und mir wird völlig klar, warum ich klatschnass bin. Ein paar Schritte neben mir klebt mein Auto an einem mächtigen Stamm und brennt lichterloh.
Ich hätte nicht so viel Obstler trinken sollen in meiner Wut und bin immer noch ziemlich alkoholisiert. Versuche mal, dich zu konzentrieren, sage ich mir. Schön langsam, Schritt für Schritt. Ich wollte meine Frau Carmelita in Davos abholen, sie war aber bereits, seltsamerweise und von mir unerwartet, ohne Ziel abgereist. Ich hatte deswegen reichlich getrunken und bin stinksauer losgefahren. Bis ich den Anhalter vor der Shell-Tankstelle am Ortseingang von Davos mitnahm, nach dem Volltanken. Den habe ich meinen Wagen fahren lassen, weil ich einen Blutalkoholspiegel von schätzungsweise über zwei Promille hatte. Und ich bin ein ausgezeichneter Schätzer, was das angeht.
Eine Mordsexplosion zerreißt die Luft und brennende Wrackteile fliegen mir um die Ohren. Das war bestimmt der noch extra in Davos gefüllte Ersatztank. Ich zittere wie Wackelpudding. Muss der Schock sein. Bloß weg hier!
Ich krabble auf einen ebenfalls sehr massigen Baum in etwa drei Meter Entfernung zu, um mich dahinter zu verkriechen. Hoffentlich hat es der Anhalter auch aus dem Wrack geschafft. Wenn nicht ... Massel muss der Mensch haben.
Ich schwinge mich um den Stamm, habe keinen Boden mehr unter den Füßen und stürze in finstere Dunkelheit.
Gestatten, dass ich mich Ihnen vorstelle – mein Name ist Sommer, Frank Sommer. Die folgende Geschichte, die ich erzählen will, habe ich am eigenen Leib erfahren. Jene Passagen, die ich nicht persönlich erlebte, haben mir die jeweils am Geschehen teilnehmenden Menschen erzählt. Zum Beispiel meine Frau Carmelita Sommer, geborene Sauer.
Dass ich Carmelita traf, war ein Glücksfall. Sie war ihres Vaters Sonnenschein und schien mich nicht ausstehen zu können, als ich in der Firma Sauer begann. Sie ließ mich ihre Abneigung deutlich spüren.
»Herr Sommer«, sagte der Chef. »Professor Lieven hat Sie mir ans Herz gelegt.«
»Ich weiß, er drängte mich, Ihnen eine Bewerbung zu senden, Herr Direktor.«
Er blätterte in meinen Papieren. »Ihre Zeugnisse sind gut, aber nicht gerade ausgezeichnet. Er sagte mir am Telefon, dass Sie interdisziplinär promoviert haben, was heißt das definitiv?«
»Er schmunzelte stets, wenn er sagte, dass ich zum Fachidioten zu vielseitig interessiert sei. Ich bin allem gegenüber aufgeschlossen. Biotechnologie, Physik, Chemie, Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Gastwirtschaft und so weiter. Den Master habe ich in Ökologie gemacht. Das war das Simpelste. Sonst habe ich von allem etwas Ahnung, Herr Sauer.«
»Aber von nichts richtig.«
»So hat Peter es formuliert.«
»Peter?«
»Professor Lieven, privat sagen wir du.«
»Er schreibt, Sie sind nur bedingt teamfähig. Was soll ich also mit Ihnen anfangen?«
»Teamfähig ist so ein neumodischer Begriff, der mir nicht gefällt. Ich höre nicht gerne auf den Unfug anderer Leute. Ich löse meine Aufgaben so gut ich kann und stehe für Fehler lieber selbst gerade.«
»Das geht mir ähnlich. Peter schreibt, wenn ich mit Ihnen unzufrieden sein sollte, was er für undenkbar hält, käme er persönlich und zöge Sie zur Rechenschaft. Das würde mich interessieren.« Er lachte schelmisch. »Außerdem bin ich selbst ein Querkopf. Wir sind eine hervorragende Mannschaft hier. Einer für alle und alle für einen. Aber, wenn es hart auf hart kommt, müssen sich nun mal alle nach einem richten. Übrigens, dieser eine bin ich! Sind Sie verheiratet?«
»Noch nicht, bisher hätten mir die sonstigen Möglichkeiten genügt, mich zugrunde zu richten!«
Ferdinand Sauer lachte. »Okay, sechs Wochen Probezeit, danach ein zeitbegrenzter Vertrag über zehneinhalb Monate. Dann sehen wir weiter. Wie sehen Ihre Gehaltsvorstellungen aus?«
Ich rieb mein Kinn und hob die Schultern. »Keine Ahnung. Was halten Sie denn für angemessen?«
»Das ist die denkbar dümmste Aussage, die man in einem Vorstellungsgespräch machen kann. Bei einem normalen Personalsachbearbeiter wären Sie jetzt schon draußen!«
»Peter sagte mir, ich soll mich in diesem Gespräch so geben, wie ich bin und nicht die üblichen Faxen machen. Ich habe ein Zimmer an der Hand für dreihundert mit Frühstück. Ich lebe ohne Anhang und Geld interessiert mich wirklich nicht sonderlich. Mit ein bisschen Glück kommt das von selbst. Ich habe in meinem Leben bisher eine Menge Glück gehabt und das verdanke ich eigentlich nur der Fantasielosigkeit der Menschen, mit denen ich bisher konkurriert habe. Wenn Sie mir diese Chance geben, will ich sie nutzen, alles andere sehen wir später. Wo soll ich unterschreiben, Herr Direktor?«
Er führte mich durch eine gepolsterte Zimmertür in ein Büro nebenan. Hinter einem großen Schreibtisch mit mehreren Telefonanlagen und einem sehr großen Bildschirm saß eine elegante junge Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren. Ihr dunkles Haar fiel in weichen Wellen bis auf die Schultern. Die Figur glich einer Rennjacht, die Lippen glänzten dezent geschminkt. Die faszinierenden leicht schräg geschnittenen Augen leuchteten facettengleich dunkelgrün, grau und blau. Diese Frau strahlte etwas Zigeunerhaftes aus. Lange Wimpern fielen mir auf und eine gesunde leicht getönte Hautfarbe. Ich war von dieser jungen Frau auf den ersten Blick hingerissen. Ach was, das ist gar kein Ausdruck, denn das geschah bei mir öfter. Ich war überwältigt. Und das geschah bei mir selten.
Die Beziehung zu Carmelita Sauer begann dramatisch, was mich belustigte, denn genau genommen ähnelt mein Leben einer Komischen Oper.
»Das ist meine Tochter. Carmelita, dies ist unser neuer Mitarbeiter, Herr Sommer. Sie wird in den kommenden sechs Wochen Ihre direkte Vorgesetzte sein. Carmelita, Herr Sommer wurde mir von meinem Studienkollegen Peter Lieven aus Dresden ans Herz gelegt. Ich erzählte dir davon. Kümmere dich bitte um seine Einarbeitung.« Er wies mit der Hand auf einen zweiten Schreibtisch im Büro. »Dies ist Ihr Arbeitsplatz für die nächsten sechs Wochen.«
Der stand an der Wand gegenüber der Tür. Ich rückte ihn von der Wand ab und stellte den Stuhl auf die andere Seite, so dass ich die Tür im Blick hatte.
»Was soll denn das?« fragte Carmelita Sommer.
»Das lernt man in der ersten Stunde an der Universität. Niemals mit dem Rücken zur Tür arbeiten. Ich will doch sehen, wer hier reinkommt.«
Herr Sauer schaute uns abwechselnd an, verbarg sein Grinsen, indem er in seine rechte Hand hustete, und verließ das Büro.
Ich nahm Platz und schaute meine Vorgesetzte an. Sie gefiel mir wie gesagt auf Anhieb, beachtete mich aber nicht. Sie verhielt sich kühl, eiskalt beinahe. Dieser Typ Frau beträgt sich immer gleich, dachte ich. Kühl, abweisend und überheblich. Aber wenn man ihren Eispanzer mal geknackt hat, gibt es kein Halten mehr mit allem, was zur Verfügung steht. Na ja, so wie sie aussieht, ist sie bestimmt bereits vergeben. Mal testen.
»Eine Frage.« Ich legte den Kopf ein wenig schief und zwinkerte ihr zu. »Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder?«
Sie schaute mich an, als hätte ich einen schmutzigen Witz erzählt. Himmel, dieser kühle Blick. Vielleicht war sie wegen irgendetwas böse auf mich. Aber wieso? Ich lächelte, was sie nicht zu interessieren schien. Moment mal, dachte ich. Was, wenn sie nur kühl tut? Ich glaube zwar nicht an Liebe auf den ersten Blick, aber bei mir hat es gerasselt. Ich kann sie nicht unentwegt anstarren, das gefällt niemandem, also Smalltalk.
»Ich bin ohne Anhang. Kinder liegen mir nicht. Die kosten eine Menge Geld und wenn man sie braucht, sind die unerreichbar. Ich kenne das doch von mir. Und das Schlimmste, was Kindern widerfahren kann, ist die Naivität ihrer Eltern. Was, wenn ich mich als naiv herausstelle?«
»Sparen Sie sich den Schmonzes, wir sind hier, um zu arbeiten!«
»Okay, Entschuldigung. Die Sache mit dem Arbeitsplatz und der Sicht zur Tür habe ich von Peter, Professor Lieven. Er hat zum Beispiel sein Büro im Obergeschoss. Das erreicht man nur über eine Wendeltreppe, damit er als Erstes sehen kann, was oben los ist. Peter hat das mal in einem Krimi gelesen und einen Faible für solche Sachen. Ach, ich bin unmöglich, nicht mal begrüßt habe ich Sie. Guten Tag, und ich freue mich auf beste Zusammenarbeit! Ich habe jetzt eine wirklich wichtige Frage an Sie.«
Sie kreuzte die Beine und der Rock rutschte ein wenig. Auch noch schöne lange Beine. Komisch, ich spüre, dass sie mich nicht mag, und doch habe ich ein Kribbeln im Bauch.
»Wie möchten Sie, dass ich Sie anrede? Fräulein Sauer? Oder Frau Sauer? Oder mit Vornamen und Sie?«
»Fräulein finde ich entsetzlich, Herrlein Sommer.«
»Eins zu null für Sie«, lachte ich. »Wenn ich manchmal etwas anzüglich erscheine, nehmen Sie es mir nicht übel. Ich überspiele meine mir angeborene Schüchternheit gerne mit Ironie. Wissen Sie, was wirkliche Ironie ist? Wenn minderjährige Mütter Schutzhüllen allein für ihre iPhones akzeptieren.«
Sie unterdrückte ein Schmunzeln, aber ihre Augen lachten dafür deutlich.
»Ich finde, wenn Sie lächeln, sehen Sie gleich noch attraktiver aus.«
»Lassen Sie das bitte, ich bin nicht interessiert!«
»Okay, aber was nützt es, wenn ich an den Nägeln kaue. Was soll ich jetzt genau tun, Frau Sauer?«
Die ist vielleicht gar nicht so kalt, wie sie tut. Vermutlich ist sie besorgt, ob man sie mag oder ihr Geld, beziehungsweise das ihres Vaters. Das gilt sicherlich für so manchen reichen Menschen, aber ich bin überzeugt, alle Menschen brauchen Liebe.
Sie reichte mir eine Broschüre. »Schauen Sie sich zunächst mal an, was wir hier machen.«
Sehr schnell kam ich dahinter, dass sie die finanzielle Seite der Firma leitete und bedeutend mehr Verantwortung trug, als es ihrem Alter zustand. Ich kam aus der beschützenden Einrichtung der Universität, freute mich über die neue Aufgabe, fand aber den Laden hoffnungslos veraltet.
Carmelita Sauer war Perfektionistin und bemängelte alles, was ich tat und wie ich es tat. Trotz meines Unmuts musste ich zugeben, dass sie die Geschäfte grandios im Griff hatte. Manchmal, wenn ich mein theoretisches Wissen anbringen wollte, gab der Erfolg ihren praktischen Entscheidungen recht. Deshalb beschloss ich, meinen Stolz hinunterzuwürgen. Nach etwa zwei Wochen ständigen Nörgelns an meiner Person und Arbeit musste ich mich sehr zusammennehmen. Nach eines für mich besonders empfindlichen Erfolgs ihrer Strategie schaute sie mich überlegen an, während sie mir jenen prächtigen Geschäftsabschluss zeigte. »Was sagen Sie jetzt, Sie studierter Schlaukeks?«
»Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, dass es sich nicht lohnt, in dieser Welt über irgendjemand empört, begeistert, traurig, erfreut, erstaunt, verblüfft oder sonstwie auch nur geringfügig gefühlsmäßig engagiert zu sein. Es lohnt ebenso nicht, über irgendjemand oder irgendwas den Atem, geschweige denn den Kopf zu verlieren und so habe ich mir einen stillen LmaA-Standpunkt zugelegt.«
Wir bemerkten beide nicht, dass ihr Vater still in der einen Spalt geöffneten Zwischentür der Büros stand.
»Sie haben keine besonders gute Meinung über mich, nicht wahr?« wollte ich wissen.
»Mit der Einschätzung liegen Sie völlig richtig. Besonders nach Ihrem philosophischen Satz gerade, bezüglich Ihres Standpunktes. Ich werde mich bemühen, Sie innerhalb der restlichen vierwöchigen Probezeit zu vertreiben, wenn Sie überhaupt so lange durchhalten.«
Sie schaute mir nicht in die Augen, sondern fixierte einen Punkt meiner Jacke, als wäre dort ein Fleck zu sehen. Ich wollte meinen desillusionierten Gesichtsausdruck nicht zeigen und blickte zum Fenster hinaus. Um mich abzulenken, wurde ich grob.
»Ich halte Sie für eine unangenehme Musterschülerin. Aber ich habe von Ihnen in den beiden Wochen mehr gelernt als in einem halben Jahr auf der Uni. Mich müssen Sie schon rausschmeißen, wenn Sie mich loswerden wollen.«
Von der Tür her vernahm ich lautes Gelächter. »Damit hat er dich aber ganz schön in die Verteidigung gedrängt, was, Sonnenschein?«
Sie bekam einen hochroten Kopf, verließ das Büro und knallte die Tür.
»Sie ist gut, nicht wahr, Herr Sommer?«
»Ja, Herr Direktor, das ist sie. Und ich werde ihr ein Jahr lang das Können abluchsen und dann sehen, ob ich bleiben werde. So lange werde ich sie ertragen.«
»Warum müssen Sie Carmelita auch ›Sankt Meckerin‹ nennen? Kein Wunder, dass sie wütend ist.«
»Weil sie über alles und jedes an mir herummeckert.«
»Und Sie glauben, wenn Sie sie beleidigen, wird sich das ändern?«
»Nein, natürlich nicht. Sie soll mich ja auch nicht lieben, nur fair behandeln.«
»Dann sollten Sie damit anfangen.« Er zog einen Zettel aus der Hosentasche. »Den hat Frau Theis gestern aus Ihrem Papierkorb gefischt. Steht drauf: ›Sankt Meckerin heute auf Seminar‹. Hat sie mir gegeben. Was soll ich jetzt machen?«
»Wo steht denn, dass ich damit Ihre Tochter gemeint habe? Ich kenne noch eine Menge anderer Frauen!«
Er schaute mich lange an. »In der Tat, beweisen kann ich das nicht. Ich verliere Sie ungern, aber Sie sollten solche Kindereien unterlassen, wenn Sie dieses Jahr bleiben möchten. Mann, entschuldigen Sie sich schleunigst bei ihr für Ihr Gerede gerade! Und halten künftig den Schnabel. Sie liebt dreißig Zentimeter lange Feuerlilien über alles, gibt es in einem Blumenladen in der Berliner Straße. Und so was«, er gab mir den Zettel, »will ich nie wieder sehen, ist das klar!«
Damit verließ auch er das Büro und ich saß da wie ein begossener Pudel. Was tun? Feuerlilien als Belohnung für ihre Antipathie? Sind bestimmt schweineteuer. Um es mit Kaiser Franz Josef I. zu sagen: ›Mir bleibt auch nichts erspart auf dieser Welt‹, machte ich mich in der Mittagspause auf den Weg. Da ich nicht motorisiert war, kehrte ich gerade noch rechtzeitig zum Pausenende zurück, ein Sträußchen in der Hand. Sie nahm keinerlei Notiz von mir.
»Ich habe es vorhin nicht so gemeint. Wird nicht wieder vorkommen. Ich habe Ihnen als Wiedergutmachung ein paar Blumen mitgebracht. Bitte schön. Ich würde gerne mit Ihnen zusammenarbeiten.«
Sie schaute nicht mal auf, sondern nickte nur kurz. Von dem Tag an machte sie mir das Leben noch schwerer. Ich gab mir jede erdenkliche Mühe und nahm jede Kritik mit einem freundlichen Lächeln entgegen. Das brachte sie zusehends in Rage und manchmal sichtlich aus der Fassung, was wiederum mir sehr gut tat. Ferner beobachtete ich sie sehr genau. Sie war leicht zu durchschauen und ihre Wurstigkeit mir gegenüber ließ immer öfter auf Unsicherheit schließen. Im Lauf der Zeit machte es mir Spaß, Unterlagen, die sie zwangsläufig benötigen würde, an mich zu nehmen und ihr im richtigen Moment ungefragt vorzulegen. Das verblüffte sie immer aufs Neue. Es entstand sogar etwas wie eine friedliche Arbeitsatmosphäre.
Bis zu dem Tag, an dem sie von einer drei Tage dauernden Geschäftsreise zurückkehrte. Sie kontrollierte die Abschlüsse, die ich für ihre Unterschrift vorbereitet hatte. Einen davon hatte ich eigenmächtig unterzeichnet, versandt und die Kopie betrachtete sie fassungslos. Sie schlug mit der Faust auf die Papiere. »Was soll das denn bedeuten?« zischte sie zornig.
»Da war kein Aufschub möglich, sonst hätten wir den Auftrag nicht bekommen. Ich hatte versucht, Sie per Handy zu erreichen, aber es gab keine Verbindung. Es musste eine Entscheidung her. Dringendst!«
»Und die haben Sie getroffen? Ausgerechnet Sie! Warum haben Sie nicht meinen Vater gefragt?«
»Weil er ebenfalls nicht zu erreichen war! Demzufolge habe ich mir vorgestellt, wie Sie handeln würden und es genauso zu machen versucht. Ist ein fetter Braten, was?«
Sie griff zum Telefon und bat ihren Vater zu kommen. »Schau dir mal an, was dieser Herr sich erlaubt hat.«
Ferdinand Sauer überflog die Papiere, blickte uns nacheinander an und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. »Das ist aber mal ein Schluck aus der Pulle. Muss er bei dir gelernt haben, Sonnenschein!«
»Sagt er. Aber der kann doch so etwas nicht einfach allein entscheiden. Ich bin hier der Boss!«
Er schaute seiner Tochter lange fest in die Augen. »Wenn er nicht so resolut gehandelt hätte, wäre uns das Geschäft vermutlich durch die Lappen gegangen. Und außerdem bin immer noch ich hier der Boss. Du wirst das erst, wenn ich dir die Firma überschreibe. Wenn! Und im Augenblick entscheide ich, dass der Jahresvertrag von Herrn Sommer ad hoc in einen unbefristeten umgewandelt wird. Und wenn ihr beide nun endlich miteinander arbeiten würdet und nicht gegeneinander, könnte ich mir vorstellen, dass dies ein Glücksfall für die Firma sein würde.«
So schien es, bis zur unwiderruflich von mir verursachten Katastrophe. Die geschah während der Feier des Goldenen Gründungsjubiläums der Firma. Gustav Brisanke, der schon damals Pförtner in der Firma war, hatte einen Narren an mir gefressen. Wir waren etwa gleichaltrig und privat sagten wir du. In der Firma hielt er dies für unangemessen. Besonders begeisterten ihn meine Fettbemmen. In Dresden nennt man diese Art Stullen so.
Ich wohnte damals bei der Witwe Windscheid zur Untermiete. Sie behandelte mich wie ihren eigenen Sohn, der aber zur See fuhr und stets über Monate lang weg war und ihr fehlte. Überall standen Fotos von ihm, ein echter Seebär, wie es schien. Sie verwöhnte mich, was sie so verwöhnen nannte. Morgens setzte sie mir ein kräftiges Seemannsfrühstück vor mit Eiern, Speck und frischem Brot. Sie buk das Brot selbst und gab mir täglich dicke Stullen mit. Richtiges graues Brot mit einer echten Kruste, dass die Zähne was zu knacken haben, wie sie sagte. Und darauf strich sie goldgelb – der Krieg sei lang vorbei! – fingerdick, Gutebutter! Das war bei ihr ein Wort. Dies waren die Lieblingsstullen ihres Sohnes Ralf, mit fünf Scheiben Zervelatwurst belegt, wie Dachschindeln übereinander lappend. ›Das gibt eine Geschmacksexplosion, hatte Ralf gesagt, dass einem die Zähne aus dem Mund fliegen, wenn sie nicht ordentlich festgeschraubt sind!‹, erzählte sie.
Die Stullen gab ich immer Gustav. Wegen des reichlichen Frühstücks war ich pappsatt. Abends gab es ordentliche Hausmannskost bei Frau Windscheid. »Kinder in den Entwicklungsjahren müssen ordentlich essen, damit etwas aus ihnen wird«, sagte sie. »Schauen Sie, was aus meinem Ralf geworden ist, ein echter Mann!«
Brisanke war glücklich über die Stullen: ›Wie bei Muttern!‹, schwärmte er. Allerdings weiß ich bis heute nicht, ob er damit seine Mutter oder Ehefrau meinte, die beide längst verstorben waren.
Dass es während des Goldenen Jubiläums Stunk gab, lag an meiner Dussligkeit. Gustav und ich hatten zwei Szenen einstudiert. Zunächst ein Couplet von Otto Reutter. Er war geradezu vernarrt in den Vortragskünstler. Unser Stück hieß ›Das ist leicht – das ist schwer‹ und ich musste Berlinern lernen.
Gustavs Text: ›Bei der Inflationsmisere, war’n se alle Milliardäre, ooch beim Ärmsten hat’s jereicht – det war leicht.‹
Mein Part: ›Seit de Euroscheine jelten, is ’ne einzje Mark schon selten, wer’n Se heut mal Milliardär – det is schwer.‹
Beifall aus dem Publikum.
Er: ›Treu zu sein mit sechzich, siebzich; wo man schon janz ausjeliebt sich; sowieso nüscht mehr erreicht – det is leicht.‹
Ich als junger Spund: ›Doch treu zu sein mit zwanzich, dreißich; wenn det Herz noch jung und fleißich; da nich schaun nach andern mehr – det is schwer.‹
Die Belegschaft jubelte.
Gustav: ›Hast du, weil dein Weib dir ferne; mal ein junget Mädchen jerne; küsst se bis der Tach verstreicht – det is leicht.«
Ich: ›Doch erwischt dein Ehedrache, dich dabei und sagt aus Rache; komm, küss mir jleich hinterher – det is schwer.‹
Zweimal mussten wir das Couplet wiederholen, so begeistert waren alle.
Dann begannen wir die zweite Szene. Eine aus dem Dschungelbuch. Brisanke hatte sich einen Anzug besorgt, wie der einen Chef trug und sich ebenso frisiert, um ihn darzustellen. Ich hatte mich wie seine Tochter geschminkt, mit Kostüm, Perücke und so weiter. Wir sangen ein Duett mit einem Fantasie-Kompliment-Text für den Firmengründer Ferdinand Sauer.
Brisanke: »Ich bin der König im Sauerstaat, der klügste Mann am Platz ...« Und so weiter, wie gesagt, Honig ums Chefmaul, dass die Belegschaft johlte. Ich konnte mich zuletzt wieder mal nicht beherrschen und sang entgegen unserer Proben zum Schluss: »Ich wäre gern Königin im Sommerstaat und sein allergrößter Schatz ...«
Nun lachten nur noch wenige, und auch die verstummten.
»Det jibt Ärjer«, raunte mir Brisanke zu, als wir die Bühne verließen, um dem Chef zum Jubiläum zu gratulieren. »Det hättste besser bleiben lassen, Holzkopp!«
Da würden wohl keine Feuerlilien mehr helfen, dachte ich.
Der Chef schüttelte feixend den Kopf, als ich ihm per Handschlag gratulierte. Seine Tochter hielt mir ihre hin wie einen toten Fisch. Wir stießen mit Sekt an und ich hatte den Eindruck, dass sie mir die Flüssigkeit am liebsten ins Gesicht geschüttet hätte.
Warum hatte ich das nur gemacht? Wir verstanden uns mittlerweile beinahe schon ganz gut. Klar wollte ich sie etwas foppen, weil sie so zurückhaltend war. Aber das war sie genau genommen zu jedem Mitarbeiter.
Unmittelbar nach der Gratulation verabschiedete sich Carmelita und verließ die Gesellschaft. Ich folgte ihr in meiner Kostümierung. Bei ihrem Wagen, der in einer Nische neben dem Pförtnerhäuschen stand, holte ich sie ein, um mich bei ihr nachdrücklich zu entschuldigen. Damit ich sie nicht noch mehr in Verlegenheit bringen wollte, überzeugte ich mich, dass niemand von der Belegschaft zu sehen war. Allein Brisanke saß wieder im Pförtnerhaus und wachte über die Firma.
Sie entriegelte ihr Auto und ich blockierte die Fahrertür.
»Einen Augenblick bitte. Es tut mir leid, was ich da gemacht habe. Hab nicht drüber nachgedacht, dass ich Sie brüskiere. Noch dazu vor den Leuten.«
Sie schaute mir lange in die Augen, ohne einen Ton zu sagen. Eine tiefe Traurigkeit lag in ihrem Blick. Ich hob die Schultern und zwinkerte ihr zu. Sie in die Arme nehmen und auf den Mund küssen war eins.
»Das hätten wir eigentlich schon früher haben können, was?« Ich versuchte es noch mal, aber sie biss mir in die Unterlippe, dass mir Tränen in die Augen schossen. Ich schmeckte Blut und sah aus den Augenwinkeln, dass Brisanke in der Tür zu seinem Arbeitsplatz stand und sich zurückzog, nachdem er mit Zeige- und Mittelfinger Victory markierte.
»Warum hast du mich gebissen?«
»Weil ich grundsätzlich nichts mit unseren Mitarbeitern anfange, Herr Sommer!«
»Weißt du, was komisch ist? Ein bisschen verliebt gefällt mir, aber dass ich mich in dich gleich verknallt habe, wie eine Horde Studenten ... hätte ich nicht gedacht von mir.«
Sie hob den Arm, ich verzog das Gesicht in Erwartung der Backpfeife.
»Sie werden wohl nie erwachsen?«
»Stimmt, hat man früher schon gesagt. Ich hatte deswegen gehofft, nicht älter zu werden. War aber wohl anders gemeint.«
»Wenn Sie mich bitte fahren lassen, ich habe etwas vor.«
»Okay, lege mich eben jetzt hinter das Auto. Vorwärts geht nicht wegen der Mauer, also musst du mich überfahren!«
Sie stieg tatsächlich in den Wagen, startete den Motor, gab zweimal Gas, der Wagen ruckte und ich hatte sozusagen im Liegen die Hosen gestrichen voll. Sie schaltete den Motor ab und stieg aus. »Was soll denn diese Kinderei? Ich habe wirklich Wichtigeres zu erledigen.«
»Nein, es geht um unsere Zukunft. Um die gemeinsame. Ist das nicht wichtiger als alles andere? Warum sonst hast du mich geküsst?«
»Na, das ist doch die Höhe, habe ich gar nicht! Wer hat denn angefangen? Und jetzt stehen Sie endlich auf und setzen sich ins Auto! Wenn uns jemand sieht in Ihrer Verkleidung. Wir müssen dringend miteinander reden!«
»Hier könnte auch mal gefegt werden. Ich bin ziemlich staubig.«
»Dann zahlen Sie die Innenreinigung! Los jetzt! Mir ist das so peinlich, was Sie veranstalten. Wie sollen wir denn jetzt zusammen arbeiten?«
Ich klopfte mich ab so gut es ging und setzte mich neben sie. Sie startete und fuhr vom Gelände.
»Ich hatte nicht das Gefühl, dass dir mein Kuss unangenehm war. Dass eine Frau wegen mir die Flucht ergreift, ist mir neu. Warum so eilig?«
Sie stoppte an einer roten Ampel. »Weil in unserer Firma ein Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen nicht gern gesehen ist. Sie machen es immer unangenehmer für mich.«
»Können wir mit dem Sie-Quatsch aufhören?« fragte ich, zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und beugte mich zu ihr hinüber. »Wenigstens, wenn wir alleine sind.«
»Geben Sie den Schlüssel her! Fassen Sie mich nicht an! Ich schreie!«
»Nur zu, ist ja keiner da. Sagen Sie doch mal was Süßes zu mir.«
»Sirup!«
Die Autos hinter uns hupten quälend. Carmelita wirkte sehr ärgerlich.
»Das ist ja allerhand. Sie sollte jemand an die Leine nehmen, zumindest auf Sie aufpassen.«
»Das ist eine prima Idee, ich werde inserieren. Was schreibt man da?«
»Geben Sie mir den Schlüssel, die hinter uns werden schon aggressiv.« Sie fuhr los. »Jetzt fängt es auch noch an zu regnen! Schreiben Sie doch: Kinderfrau gesucht.«
»Nee, dann schon lieber Kinderfräulein, Kost und Logis gratis. Liebevolle Behandlung garantiert! Nein, das geht nicht, da spielt die Windscheid nicht mit.«
»Wer ist das?« fragte sie und ihre Augen wirkten eine Schattierung dunkler.
Nanu, freute ich mich, hört sich an, als wäre sie etwas eifersüchtig. »Meine Vermieterin. Behandelt mich wie ihren Sohn. Bestimmt schon fünfzig, aber lieb.«
»Das ist genau das Richtige für Sie. Hoffentlich hat die Dame einen Waffenschein! So, und jetzt schmeiße ich Sie raus. Sehen Sie zu, wie Sie nach Hause kommen!«
Wütend fuhr sie auf einen Parkplatz, zog den Schlüssel schnell ab und stieg aus. Ich kämpfte noch mit dem Sicherheitsgurt, als sie mit einem kurzen Schrei ausrutschte. Sie hatte auf dem nassen Boden den Halt verloren. Ich sprang um den Wagen, sie lag in einer Pfütze.
»Au, mein Fuß. Ich bin umgeknickt. Das sind alles Sie schuld.«
»Komm, ich helfe dir hoch«, sagte ich, denn es schüttete mittlerweile wie aus Eimern. »Wir werden noch klatschnass.«
»Lassen Sie das, ich bin keine von denen, die sich helfen lässt!« Sie trommelte mit ihren Fäusten gegen meine Brust.
Ich hielt sie mit beiden Armen fest und presste meine Lippen auf ihre, bis sie zu kämpfen aufhörte.
»Du Schuft, du Kanaille, du Mädchenhändler! Ich hasse dich!« Dann erwiderte sie den Kuss ohne Abzüge. Wir waren nass bis auf die Haut, als wir wieder einstiegen.
»Ich wünschte, wir hätten uns anders kennengelernt«, sagte ich.
»Anders hätten wir uns nie kennengelernt.«
»Meinst du? Mir hat mal ein Kommilitone gesagt, dass er nicht an Zufälle glaubt. Er vertritt den Standpunkt, dass alles eine Kette von Ursache und Wirkung ist. Eine lange Kette, die man nach rückwärts logisch verfolgen kann. Und dann stellt sich plötzlich heraus, dass es schon lange vorher feststand, warum man sich später so und nicht anders entschieden hat. Niemand kann gegen Schatten kämpfen. Außerdem hatte ich von Beginn an vermutet, dass es Liebe werden könnte, Carmelita. Nein, eigentlich gehofft.«
»Hör auf. Liebe. Da habe ich meine Erfahrungen, nein danke. Ich habe es damit nicht eilig. Wie oft wird dieses Wort in den Schmutz gezogen, Liebe, ach was. Liebe ist so ein Wort.«
»Nur.«
»Was, nur?«
»Liebe ist nur ein Wort, heißt der Titel. Ich habe das Buch auch gelesen. Aber ich bin überzeugt, alle Menschen brauchen Liebe. Du genauso wie ich.«
»Wie soll ich das meinem Vater erklären? Ein Techtelmechtel in der Firma. Und dann mit dir, wo ich doch immer so schlecht von dir geredet habe.«
»Ich denke eigentlich nicht an ein Techtelmechtel. Diesmal meine ich es ernst. Warum hast du mich eigentlich so negativ behandelt?«
»Weil ich genau das verhindern wollte, was nun geschieht. Ob Vater mir das verzeiht?«
»Ich denke schon. Ich werde das Gefühl nicht los, der ahnt es längst. Wenn du gesehen hättest, wie er vorhin bei der Gratulation über meinen Fauxpas gefeixt hat. Ich denke, ich sollte ihm reinen Wein einschenken.«
»Auf keinen Fall! Lass mich bei ihm zunächst mal eruieren, was er dazu sagt.«
»Eine legalisierte Verbindung zwischen uns hätte doch auch für die Firma Vorteile.«
Carmelita blickte mich recht zweifelnd an.
»Das liegt doch auf der Hand. Zum einen blieben die Firmeninitialen ›FS‹ gleich bei Ferdinand Sauer ebenso wie bei Frank Sommer. Außerdem klingt doch Sommer besser als Sauer, oder?
»Ach, eingebildet auch noch. Was, wenn ich deinen Namen nicht annehme? Noch nie was von Doppelnamen gehört?«
Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. »Sauer-Sommer, wie klingt das denn!«
»Also, weißt du!«
2.
Wir gingen durch die überdachte Einkaufspassage im Zentrum der Stadt. Vor einem Café blieb Ferdinand Sauer stehen. »Lassen Sie uns in eine Konditorei gehen, Herr Sommer.«
»Wie bitte, wohin?«
»Hier rein. Seit meinem Fünfzigsten gehe ich ganz gerne in Konditoreien. Wenigstens da gehöre ich zu den Jüngeren. Ist mir mal eine komische Sache passiert. Hören Sie gerne absurde Geschichten? Ich stand an der Kuchentheke und wartete, bis ich bedient wurde. Dann setzte ich mich an den letzten freien Zweiertisch. Überall nur ältere Damen um mich herum, von denen einige mich interessiert taxierten. Plötzlich kam eine junge Frau an meinen Tisch und fragte, ob der Platz noch frei sei. ›Natürlich‹, sagte ich. Wir kamen ins Gespräch und mich juckte der Hafer. ›Sagen Sie, könnten Sie sich vorstellen, mit einem reiferen Herrn wie mir ...‹ Sie schaute mich an und verzog leicht den Mund. ›Schauen Sie‹, fuhr ich fort, ›junge Männer explodieren längst, bevor es für Sie interessant wird. Ich kann mich beherrschen. Stundenlang!‹ Sie nahm den letzten Bissen des Hefeteilchens in den Mund und trank ihren Kaffee aus. Sie schien sich mein Angebot zu überlegen und ich war in Gedanken schon ganz wuschig. ›Das mag sein,‹ sagte sie. ›Aber wer will schon stundenlang mit einem alten Mann? Dann noch viel Spaß hier, mein Bester.‹ Sie lächelte kurz, erhob sich und ging. Ja, Sie haben gut Lachen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen! Na gut, mittlerweile kann ich auch darüber lachen.«
»Ich stelle mir viele Situationen bildlich vor. Wie haben die anderen Gäste reagiert?«
»Hat mich nicht interessiert. Glauben Sie, ich hätte nicht bemerkt, wie es zwischen euch geknistert hat? Ich habe Sie als Mensch schätzen gelernt, wir sind uns sehr ähnlich. Mit zwanzig Jahren habe ich meine Firma gegründet. Aus einer Laune heraus, weil ich nicht nach der Pfeife von anderen Leuten tanzen wollte. Mein Vater ist früh verstorben und Mutter hat mir den Betrag aus seiner Lebensversicherung zur Gründung des Geschäftes zur Verfügung gestellt. Ich habe Tag und Nacht geschuftet und hatte keine Zeit für Familie. Mit dreißig lernte ich Carmelitas Mutter kennen, die fünf Jahre später meinen Sonnenschein zur Welt brachte und starb, als Carmelita sechzehn war. Sie hat den Haushalt übernommen und sehr früh viel mehr Verantwortung übernommen, als normalerweise üblich für ein junges Mädchen. Sie wird nächsten Monat fünfundzwanzig und ich würde mich freuen, wenn ihr ... Sie sind neunundzwanzig, wenn ich mich nicht täusche?«
»Das stimmt, Herr Sauer.«
»Ich habe keine Ahnung, wieso Carmelita befürchtet, dass ich etwas dagegen hätte, wenn ihr euch zusammentut. Allerdings stelle ich eine Bedingung, ihr vereinbart Gütertrennung. Denn ich möchte nicht, dass mein Schwiegersohn sich eines Tages eine Jüngere anlacht und meinen Sonnenschein dann im Regen stehen lässt.«
»Das habe ich nicht vor, Herr Sauer.«
»Am Anfang haben das die wenigsten vor, aber Gelegenheit macht Diebe. Carmelita sieht das entsprechend. Außerdem, wenn es dir ernst ist, heiße ich Ferdinand. Zumindest im Privaten zunächst einmal, bis eure Angelegenheit legalisiert ist, okay.«
»Gerne. Aber wieso denkst du an die Zeit nach dir? Will sagen ... Sie sind doch ... sorry, du bist doch noch nicht so alt.«
»So? Siebzig finde ich schon recht betagt, aber mein Leben war sehr vielseitig. Ich habe einiges während meiner vielen Jahre gelernt: ›Ein bisschen Glück - ein bisschen Leid dafür. Das große Glück - der große Preis dafür. Am Schluss stimmt die Bilanz wieder. Bei mir geht die Bilanz voll in Ordnung und das wünsche ich euch auch. Behalte es bitte noch einige Zeit für dich, aber ich werde nicht mehr viel älter. Carmelita weiß nichts davon, aber bei mir gehen so langsam die Lichter aus. Leberkrebs mit Metastasen überall. So was kann schnell gehen, indessen lasse ich mir nichts anmerken. Bevor es bei mir so weit ist, möchte ich einen Carmelita absichernden Vertrag aufsetzen lassen. Nicht aus persönlichem Misstrauen gegen dich, aber ich kenne doch meine Geschlechtsgenossen. Und noch was, das gilt für dich, wie für meinen Sonnenschein: Wer an meinem Grab weint, mit dem rede ich nie mehr ein Wort! Jetzt muss ich doch was trinken. Gehen wir ins Bistro da drüben, die Bar ist gemütlich. Guck nicht so, du warst mir vom ersten Augenblick sympathisch, Herr Direktor Sommer!«
Noch in jenem Jahr verstarb Ferdinand Sauer. Er nahm zwar heimlich Unmengen an Schmerztabletten, musste aber schließlich mit nicht mehr zu beherrschenden Schmerzen ins Krankenhaus und verfiel zusehends innerhalb weniger Wochen. Jeden Tag, an dem wir ihn besuchten, schien er um Jahre gealtert. In jener Nacht lag er im Sterben und seine Letzten Worte waren: »Zeit, dass ich abhaue. Versprecht ihr mir, fest zusammenzuhalten?«
Carmelita weinte und nickte. Ich sagte »Ja!«, und er war tot.
Und wir haben in den vergangenen mehr als zwanzig Jahren ganz schön was auf die Beine gestellt. Die Firma blüht, wir sind ein ideales Team. Wenn mir in meiner Jugend jemand gesagt hätte, dass ich heute mal so dastehe, hätte ich das als wahrscheinlich angegeben, ohne daran zu glauben.
Und doch habe ich nach dieser erfolgreichen Zeit beinahe alles verdorben. Aus Selbstüberschätzung. Eine Zeit lang dachte ich, das mit Sabine Engel wäre Liebe. War aber nur Gier. Dass ausgerechnet mich in der Blüte meiner Jahre eine viel zu junge Frau völlig aus den Pantinen haut, ist mir heute unbegreiflich. Wenn ich nur kapieren würde, weshalb mir das passieren konnte? Eitelkeit? Tja, vielleicht. Obwohl der Lustgewinn in keinem Verhältnis zum möglichen Verlust stand. Kritische Jahre des Mannes, hatte mein Hausarzt gewarnt, in denen man besser hin und wieder einen Flirt mit einem Blick beginnt und mit einem Zwinkern beendet. Nicht nur, um dabei festzustellen, dass die großen Charmeure der Welt recht haben, wenn sie behaupten: Die Kunst des Flirts sei es, einer Frau in die Arme zu sinken, ohne ihr in die Hände zu fallen. Könne durchaus genauso befriedigend sein, hat er gesagt, wie die riskante Ausschüttung von Hyp ... Hypodings. Nicht Hypothek, sondern irgendwas mit Hypohormone oder so. Vergessen, man kann sich nicht alles merken.
Carmelita ist wirklich eine Wucht. Vorhin stand sie lediglich im Höschen vorm Spiegel und bürstete ihr Haar. Lange Haare haben mich schon immer verrückt gemacht. Und wenn so eine Hübsche nur noch lange Haare trägt, geht es gleich los bei mir. Habe ich ihre Brust geküsst und sie wäre beinahe über mich hergefallen. Jetzt weiß ich wieder, Hypophysenhormone, sagte der Doktor.
Sabine Engel war ein Rauschegoldengel mit endlosen Beinen bis zu den langen Haaren. Da wäre wohl keinem Mann Vernunft beizubringen gewesen – genauso gut könnte man versuchen, eine Glühbirne auszupusten.
Mit Carmelita will ich heute Abend meinen neuen Geburtstag im Restaurant Korfu feiern. Sozusagen den zweiten Versuch meiner Wiedergeburt nach totalem Desaster. Wie sagte Samuel Beckett: Wieder scheitern – besser scheitern. Na komm schon Frank, schluck es runter! Wenn ich dran denke, dass sie uns an der Tür des Restaurants begegnete, als ich mit den beiden Mädchen zu meiner Menage à trois aufbrach und ich sie nicht mal bemerkt hatte. Begonnen hatte mein Bockmist nach Karneval. Die seither vergangenen wenigen Wochen kommen mir wie Jahre vor.
3.
Den Rosenmontagszug hatte Carmelita vorwiegend tanzend und schunkelnd verbracht. Ich halte mich dabei vornehm zurück, mir liegt das militärische Gehabe im Karneval nicht so. Dazu noch schlechte Marschmusik und Lachzwang, nein danke. Sie zog wie stets alleine los. Das feuchte Winterwetter ließ sie kalt. Hier trank sie ein Schlückchen Apfelkorn, dort ein Gläschen Wein und war beinahe pausenlos schunkelnd und tanzend in Bewegung. Das hatte sie gewärmt und schwitzen lassen. Um ihre langen Beine zur Geltung zu bringen, hatte sie Stiefelchen zum recht kurzen schwarzen Rock getragen, über dem sie ein kleines weißes Schürzchen gebunden hatte. Die knappe Bluse vervollkommnete den Eindruck, es handele sich bei ihr um ein Zimmermädchen. Um ein äußerst reizvolles noch dazu. Demzufolge versuchten mehr männliche Zugschauer mit Carmelita zu tanzen, zu schunkeln und sie zu drücken, als dass sie hätte abkühlen können. Aber bereits am Aschermittwoch hustete sie fortlaufend. Der trockene Husten ließ sich nicht lösen und beeinträchtigte auch meine Nachtruhe. Nach einigen quälenden Nächten überredete ich Camel (sie hasst diese Koseform ihres Namens) eines Morgens beim Frühstück mit sanfter Gewalt, einem Kuraufenthalt in Davos zuzustimmen. Sie war dort schon einmal wegen Problemen mit der Lunge gewesen und begeistert zurückgekehrt. Ich versprach, sie persönlich hinzufahren und die Zeit als frühen Urlaub mit ihr zu verbringen.
Meine heimlichen Pläne sahen anders aus. Vielleicht ahnte sie mein Vorhaben – Frauen besitzen dafür ein besonderes Gespür.
»Warum du dich so anstellst, dich am Wolfgangsee zu regenerieren, begreife ich nicht«, meinte ich.
Carmelita schaute mich groß an. »Wolfgangsee?«
»Was? Nee, Quatsch. Die Hochgebirgsklinik meine ich in Davos-Wolfgang. Die sind doch auf Lungenleiden spezialisiert. Warst doch ganz begeistert davon.«
»Schon, aber damals war ich wirklich krank. Jetzt habe ich nur eine etwas heftigere Erkältung.« Sie schüttelte sich. »Das ist doch kein Grund, mich dorthin abzuschieben. Oder willst du eine sturmfreie Bude haben?«
»Unfug. Wieso abschieben? Ich liebe dich doch.«
Seltsam, im Nachhinein muss ich daran denken, wie oft diese drei Worte vergewaltigt werden. Ich nahm sie in den Arm, so dass sie die Kaffeetasse abstellen musste.
»Lass das Frank, du weißt genau, ich kann mich dann nicht wehren. Na warte, dir komme ich noch auf die Schliche!«
Ich blickte hinaus in den Garten. »Selbst wenn mich meine Geschäfte vorzeitig zurückriefen, wären wir auch dann verbunden, wenn du in Davos bist. Schau doch mal raus!«
Sie schaute aus dem Fenster über den Garten auf den Fluss. »Was ist draußen?«
Ich setzte mich wieder und trank einen Schluck Kaffee. »Denk doch mal nach, wenn du drüben in der Schweiz bist und ich aus dem Fenster schaue, sehe ich doch den Rhein.«
»Das weiß ich.«
