Gedankenstürme - Francis Fein - E-Book

Gedankenstürme E-Book

Francis Fein

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Beschreibung

Wer sich schon immer gewünscht hat, Gedanken lesen zu können, ... sollte besser zuerst dieses Buch lesen. Segen oder Fluch? Die Entscheidung liegt bei Jedem selbst. Die Auswirkungen einer solchen Fähigkeit spürt der Held des Romans am eigenen Leib und sie sind nicht nur positiv. Ein Kriminalroman zwischen Erotik, Komik, Tragik und Spannung.

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Francis Fein

Gedankenstürme

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Über das Buch

Über den Autor

Zitat

Prolog

Wie ich wurde, wer ich bin

Tag 1: der Unfall

Tag 2 - im Krankenhaus

Tag 3 - Erfahrungen

Tag 4 - Genesung mit Hindernissen

Tag 5 - Fräulein Meyer

Tag 6 - Ermittlungen

Tag 6 nachmittags - der Lord

Tag 8 - Raschke und der joggende Held

Tag 9 - Ärger mit der Polizei ... und den Eltern

Tag 12 - Lisa Schwarz

Tag 20 - Familienfest und andere Katastrophen

Tag 24 - im Spielkasino

Tag 28 - der Hund und der Informant

Tag 30 - Verschwörung im Rathaus

Tag 33 - ein neuer Freund

Tag 36 - die Vernehmung

Tag 41 - die Lichter gehen wieder aus

Tag 42 - die Wahrheit?

Epilog

Nachwort des Autors

Danksagung

Impressum

Impressum neobooks

Über das Buch

Wer hat nicht einmal davon geträumt, die Gedanken seiner Mitmenschen lesen zu können? Für Joachim Dahlmann, Journalist bei einem Frankfurter Revolverblatt, wird dieser Traum nach einem Unfall mit der Straßenbahn unglaubliche Realität. Aber alles entwickelt sich völlig anders, als er es sich erträumt hat:

Sein Sexleben nimmt ungeahnte Formen an, seine persönlichen Beziehungen zu Freunden und Verwandten geraten aus allen Fugen und er erfährt unfreiwillig von geplanten Verbrechen, die es jeweils zu verhindern gilt. Schließlich gerät er noch in eine Mordverschwörung und muss ein Attentat auf den Frankfurter Oberbürgermeister vereiteln, ohne dass seine neue Fähigkeit offenbar wird. Ein Roman voller unfreiwilliger Komik, berührender Tragik und einem spannenden Kriminalfall.

Anmerkung:

Die Personen und die Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Über den Autor

Francis Fein wurde 1980 in Frankfurt am Main als Sohn eines englischen Diplomaten geboren und übersiedelte als 16-Jähriger mit seinen Eltern nach Buenos Aires (Argentinien). Nach einem abgebrochenen Studium der Germanistik versuchte er sich zunächst als Journalist, danach als Tangolehrer, später als Gaucho und gründete schließlich eine Rinderzucht.

Dennoch hat er nie den Kontakt zur ursprünglichen Heimat, zur deutschen Sprache und seine Vorliebe für deutsche Literatur verloren. Er schreibt deshalb seit zwei Jahren in der Freizeit phantastische Romane.

Francis Fein ist mit einer Argentinierin verheiratet und lebt mit seiner Frau und den 6 Kindern auf einer Ranch in der Nähe von Córdoba, rund 700 Kilometer westlich von Buenos Aires.

Zitat

Die Gedanken sind frei.

Wer kann sie errathen?

Sie rauschen vorbei

Wie nächtliche Schatten.

Kein Mensch kann sie wißen,

kein Jäger sie schießen.

Es bleibet dabei:

Die Gedanken sind frei.

Schlesisches Volkslied in der Fassung von 1865

Bearbeitet von Hoffmann von Fallersleben

Prolog

Ich nehme an, fast jeder hat schon mal den Spruch gehört: Sei vorsichtig, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen!

Ich habe keine Ahnung, wer das gesagt haben mag. Auf jeden Fall ist es ein Scheiß-Spruch. Warum? Ein wenig Geduld, ich komme noch drauf zu sprechen.

Von klein auf habe ich immer eine große Phantasie gehabt. Ich habe wie die meisten Kinder Comics und Romane gelesen und ich habe mir wie die meisten Kinder gewünscht, ein Superheld zu sein. Sie auch? Na also!

Ich habe allerdings schon als Kind erkannt, dass die meisten Superhelden Schwächen hatten. Superman zum Beispiel wurde durch Kryptonit so schwach wie meine Tante Hedwig - vielleicht nicht so weinerlich und er erzählte dann auch nicht immer von seinen Krankheiten, aber immerhin schwach.

Batman war auch nie in der Lage, eine Falle zu erkennen oder wer es ehrlich mit ihm meinte und wer nicht.

Allen Superhelden fehlte die Fähigkeit, ihre Freunde zu erkennen oder die Pläne ihrer Feinde rechtzeitig aufdecken zu können. Ich habe früh für mich entschieden, was die ultimative Superkraft war, die Superkraft, die ich gerne gehabt hätte: Gedankenlesen!

Schon in der Schule habe ich mir immer vorgestellt, wie toll es wäre, die Antworten auf Fragen der Lehrer aus ihren Gedanken schon zu kennen. Eine Eins nach der anderen, klar. Aber noch toller wäre gewesen, hätte ich herausfinden können, wer damals Erich den Hundehaufen in den Schulranzen praktiziert hatte. Alle hatten Lutzi in Verdacht. Lutzi hieß eigentlich Lucia Carbonieri, war die Tochter des Besitzers einer Eisdiele - und dick wie ein kleines Ferkel. Es war Erich gewesen, der den Spitznamen Lutzi-Wutzi erfand und ihn ihr immer wieder nachrief. Sie war unstrittig unsere Verdächtige Nummer Eins, aber halt eben nur eine Verdächtige. Es konnte ihr nie nachgewiesen werden und die Ermittlungen seitens der Schule - eingeschaltet durch Erichs aufgebrachte Eltern - verliefen kläglich im Sande.

Mit der besagten Superkraft wäre es ein Leichtes gewesen, den Täter - oder wohl eher die Täterin - herauszufinden.

Die Fähigkeit des Gedankenlesens zu besitzen, war seit dieser Zeit mein größter Wunsch. Er dominierte mein weiteres Leben und immer wieder kam ich in Situationen, in denen ich die Fähigkeit schmerzlich vermisste.

Bis zu meinem Unfall vor sieben Monaten.

Was sich dadurch geändert hat? Gedulden Sie sich einen Moment, ich komme gleich darauf zu sprechen.

Wie ich wurde, wer ich bin

In der Schule war es übrigens ebenfalls mein Freund Erich gewesen, der für mich einen Spitznamen geprägt hatte. Man schrieb das Jahr 1983 und gerade war der dritte Star Wars - Film in die Kinos gekommen. Die meisten von uns hatten es geschafft, sich den Film trotz der Altersbegrenzung anzusehen, indem sie sich durch den Notausgang ins Kino schlichen, oder sie hatten ihn bei Patrick zu Hause gesehen. Sein Vater war Firmenchef von irgendetwas und stinkereich. Die Familie besaß zu Hause eines dieser neuen Videogeräte, einen Betamax-Rekorder und auch Abspielgerät. Da Patricks Vater selbst ein Fan der Filme war, hatte er die Kassetten der ersten zwei Filme und wir konnten sie uns heimlich ansehen.

Der Preis war allerdings, dass wir Patricks Hausaufgaben machen durften - jeder den Bereich, in dem er am besten war.

Also kannten wir die Filme und selbstverständlich die Hauptpersonen wie Luke Skywalker, Prinzessin Lea, aber vor allem den Meister Yoda. Und da sich Yoda sprach, als würde es mit einem J am Anfang geschrieben und mein Name - Joachim Dahlmann - mit Jo und Da anfing, war es vorprogrammiert. So dauerte es nicht lange, bis Erich auf den Dreh kam, mich Joda zu rufen. Auch hier hätte ich zu gerne gewusst, wie er es meinte.

War er auf den Spitznamen gekommen, weil er meinte, ich habe die gleichen überragenden geistigen Fähigkeiten wie Meister Yoda? Ich hatte immer den Verdacht, dass er mich eher als den hässlichen grünen Zwerg mit den zu großen Ohren sah. Das leugnete er selbstverständlich immer, sonst hätten wir keine Kumpels bleiben können, aber so ganz sicher war ich mir nie. Wie gerne hätte ich damals seine Gedanken gelesen.

In der Pubertät hatte ich so manchen Angriff auf das weibliche Geschlecht geflogen - oder zumindest wenigsten versucht, mich mit der einen oder anderen Mitschülerin zu verabreden. Zu gerne hätte ich im Voraus gewusst, was sie über mich dachten und es nicht erst durch ein abfälliges »Träum weiter, du Hirni!« erfahren.

Aber das gab mir immerhin Zeit, mich mehr auf meine schulische Karriere zu konzentrieren, während die bei den Mädels Erfolgreichen eine Fünf nach der anderen schrieben.

Damals war ich noch unsicher, was mir lieber gewesen wäre: Erfolg bei den Mädels oder Erfolg in der Schule?

Aufgrund meiner Unfähigkeit, frühzeitig eine Freundin abzubekommen, habe ich dann tatsächlich das Abitur geschafft.

Das Studium entwickelte sich ähnlich. Aufgrund meiner blühenden Phantasie und meiner Vorliebe für das Fach Deutsch, entschied ich mich für ein Journalistik-Studium. Das Studium lief gut, da ich nicht durch etwaige Liebschaften oder Beziehungen abgelenkt wurde. Nicht, dass es freiwillig so verlief, aber wenigstens entschädigte es mich für die vielen Stunden, die ich mit mir alleine verbringen musste.

Immer dann, wenn ein Professor eine meiner Arbeiten als »Na ja, zumindest interessant ... irgendwie« kommentierte, vermisste ich schmerzlich die Fähigkeit, hinter seine Stirn blicken zu können.

Dennoch schrieb ich einige Kurzgeschichten, arbeitete für die Uni-Zeitung und lieferte so lange meine Seminararbeiten ab, bis ich schließlich das abgeschlossene Studium der Journalistik in der Tasche hatte.

Natürlich stand fest, wo ich eine Anstellung als Journalist erhalten würde: beim SPIEGEL oder wenigstens bei der Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Ich schrieb eine Bewerbung, erhielt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch und setzte mich in den nächsten Zug nach Hamburg. Als ich vor dem SPIEGEL-Gebäude stand und an der Außenfassade hochschaute, hatte ich für einen kurzen Augenblick das Gefühl: Hier gehörst du hin!

Ich betrat das Gebäude und ging zu dem Empfangsmenschen, der hinter einem Schreibtisch mit vielen Telefonen hervorlugte. Er sah in seiner Uniform eher wie ein ältlicher Gefängniswärter als eine Sicherheitskraft oder ein Empfangschef aus.

»Bitte?«, erkundigte er sich, als ich vor den Tisch trat.

»Mein Name ist Dahlmann und ich habe einen Termin mit Herrn Augstein!«

Dabei warf ich ihm lässig meine Einladung auf den Tisch. Er fasste das Papier mit spitzen Fingern an, als hätte ich die Krätze und er Angst, sich anzustecken. Nachdem er es vorsichtig aufgefaltet hatte, las er kurz darin - und lachte dann schallend los. Als er sich beruhigt hatte, erklärte er - immer noch ab und zu prustend: »Ich glaube nicht, dass der Chef sich mit einem wie Ihnen unterhält!« Er maß mich mit seinen Blicken von oben bis unten.

»Und außerdem steht hier, dass Sie einen Vorstellungstermin bei der Personalabteilung haben.«

Er warf mir das Papier entgegen und es gelang mir gerade noch es fangen, was allerdings zu einer starken Zerknüllung und Zerknitterung führte.

»Linker Fahrstuhl, sechster Stock, Zimmer Sechshundertzehn.«

Er widmete sich wieder den Papieren auf seinem Schreibtisch und würdigte mich keines weiteren Blickes mehr.

Vor dem besagten Büro angekommen, klopfte ich zaghaft an und wartete, bis ein lautes »Herein« erklang. Es hatte für mich eher den Klang von »Wer stört denn jetzt schon wieder?«. Ich war durch den Empfang in der Lobby ein wenig eingeschüchtert. Trotzdem trat ich vorsichtig ein und sah mich einem Mittfünfziger im Nadelstreifenanzug gegenüber, der mich von seinem Schreibtisch aus ansah. Bei meinem Eintreten hatten sich seine Augenbrauen zusammengezogen und auf der Stirn eine steile Falte gebildet.

»Bitte?«

Mir schien, als sei das die Standardfrage beim SPIEGEL und ich konnte mich gerade noch bremsen, »Danke!« zu sagen.

»Ich habe ein Vorstellungsgespräch«, antwortete ich stattdessen und die Augenbrauen wanderten von der Mitte nach oben, zum Ausdruck grenzenlosen Erstaunens.

Er nahm den zerknitterten Zettel aus meiner Hand, bot mir KEINEN Platz an und strich das Papier auf seinem Schreibtisch glatt. Er las - unterbrach und sah mich an - las weiter - und begann schallend zu lachen. Dabei klopfte er sich auf die Schenkel und rang nach Luft.

»Mann, Sie sind gut. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt!«

Erst dann schien er meinen Blick voller Unverständnis und die ganzen Fragezeichen in meinem Gesicht zu bemerken.

Jetzt blickte er erstaunt. »Ach du lieber Gott, Sie meinen das ernst.«

Nun war es an der Zeit, beleidigt zu sein, was sich bei mir seit meiner Kindheit dadurch äußerte, dass ich die Unterlippe nach vorne schob und den Kopf senkte.

Er sah mich entgeistert an und suchte nach Worten - die er dann leider fand: »Junge ... ich bitte Sie. Hätten Sie vielleicht noch ein Foto bei der Bewerbung mitgeschickt, hätten Sie sich den Weg nach Hamburg sparen können.«

Das war wieder einer der Momente, in denen ich gerne gewusst hätte, was er bei dieser Bemerkung dachte.

Mir war völlig unklar, was es an meinem Äußeren auszusetzen gab. Kein Mensch an der Uni hatte je etwas Negatives zu meinem Erscheinungsbild gesagt.

Nun ja, wenn ich ehrlich bin, hat eigentlich nie irgendjemand viel zu mir gesagt. Meist waren es Kurz-Sätze aus einem oder maximal zwei Worten. Wie »Nein!«, »verpiss dich!«, »hau ab!«, »du nervst!« oder »Niemals!«.

Eine der längsten Ansprachen hatte ich von einem Mitstudenten bekommen, den ich gefragt hatte, ob wir mal was zusammen machen sollten: »Nicht in diesem Leben!« Immerhin vier Worte.

Was der nun gar nicht nette Herr vom SPIEGEL auszusetzen hatte, war mir nicht klar. Ich hatte die Haare entsprechend der Mode etwa schulterlang, vielleicht ein wenig dünn und strähnig, aber das lag ja nur daran, dass ich sie zuletzt vor drei Tagen gewaschen hatte. Ich trug eine ganz normale Nietenjeans, ausgelatschte Sneakers, ein T-Shirt mit fast keinen Löchern und einen schweren orangefarbenen Schal - mein Tribut an den Bhagwan und die ganze HareKrishna Truppe. Ich war also ein typisches Kind der 70er - na und?

Nach einigen - na gut, zahlreichen - Absagen fand ich dann doch noch eine Anstellung als Journalist. Das Blatt war nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte, aber immerhin. Job ist Job!

Ich arbeite heute für den Frankfurter Abendkurier. Vornehm ausgedrückt handelt es sich dabei um ein anspruchreduziertes tägliches Mitteilungsblatt im Niedrigpreissegment, also auf gut Deutsch um ein billiges Revolverblatt. Aber immerhin, ab und zu bekomme ich die Chance, einen Artikel über ein Thema zu schreiben, dass mal nichts mit Mord und Totschlag zu tun hat. Unser Blatt schreibt am liebsten über die Größen der Frankfurter Unterwelt oder Missgeschicke des täglichen Lebens, wie »Frau beim Putzen von Staubsauger erwürgt!«

Bei den Kollegen gibt es welche, mit denen habe ich wenig zu tun und andere, mit denen habe ich gar nichts zu tun.

Es gibt einige Kollegen, die ich nicht so mag. Na ja, eigentlich mag ich alle Kollegen und Kolleginnen nicht - außer einer: Lisa Schwarz

Sie ist eine der wenigen, die sich nicht bei jeder Gelegenheit über mich lustig macht, sie ist nett, sie sieht gut aus - alles in allem also auf keinen Fall eine Frau für mich. Blond, blauäugig, gute Figur und zwei Jahre jünger als ich, also 41. Lisa ist ein sehr ruhiger Mensch, manchmal traurig oder sogar melancholisch, was so gar nicht zu ihrem Aufgabengebiet passt: sie schreibt für den Gesellschaftsteil der Zeitung, also den Bereich mit Klatsch und Tratsch. Ich mag sie, unterhalte mich gerne mit ihr und himmle sie heimlich an.

Das genaue Gegenteil ist unser Chefredakteur, Thorsten Raschke. Müsste ich ihn mit wenigen Worten beschreiben, kämen mir nur die Eigenschaftsworte »bösartig«, »klein«, »dick« und »unsympathisch« in den Sinn.

Meine Mutter hat mir als Kind immer den Spruch mit auf den Weg gegeben: »Hüte dich vor kleinen Menschen!«

Das war zu einer Zeit, als sie noch dachte, ich würde mal größer werden als die einssiebzig, die ich heute leider nur bin. Dennoch hat sie sicher Recht gehabt, denn kleine Menschen - vor allem Männer - neigen zu dem sogenannten Cäsaren-Komplex. Das bedeutet, dass sie herrschsüchtig sind und ihre Körpergröße durch besonders aggressives Auftreten kompensieren.

Mein Vater hat immer irgendeinen toten König oder sowas zitiert und gesagt: »Lass dicke Männer um mich sein!« Der Grund sei angeblich, dass Dicke gemütlich und gutherzig seien. Ich vermute, der Grund für seinen Lieblingsspruch war eher, dass er selbst schon immer eine riesige Wampe vor sich herschob.

Auf jeden Fall kann man alles über unseren Herrn Chefredakteur sagen, nur nicht, dass er gemütlich oder gar gutherzig sei. Wenn er uns »Sklaven«, wie er seine Mitarbeiter gerne nennt, mit dieser schrillen, keifenden Stimme in sein Büro zitiert, dann folgt in der Regel kein erfreuliches Gespräch.

So war das auch an dem Tag gewesen, als mein Unfall passierte.

***

Meine Familie habe ich ja schon erwähnt, aber ich glaube, es wird Zeit, dass ich wenig ausführlicher auf sie eingehe. Mein Vater, Detlev Dahlmann ist pensionierter Beamter des mittleren Dienstes und hat seine Zeit bei der Stadtverwaltung Frankfurt abgeleistet - oder vielleicht besser: abgesessen?

Ich habe nichts gegen Beamte, aber mein Vater ist das Paradebeispiel für alle Klischees, die man über Beamte in der breiten Öffentlichkeit verbreitet.

Er strotzte zeit seines Lebens vor Faulheit, sowohl zu Hause als auch im Dienst. Was nicht in seiner Aufgabenbeschreibung stand, ging ihn nichts an. Wozu er nicht explizit beauftragt oder aufgefordert wurde, tat er nicht. Wenn etwas nicht zu seinem Vorteil war, existierte es für ihn nicht. Alle Vorgesetzten waren »unfähige Trottel« und alle Untergebenen - wenn es denn solche überhaupt gab - angeblich noch fauler als er.

Ich hatte stets den Eindruck, dass sein am häufigsten benutztes Wort, das Wort »nicht« war:

»Mach ich nicht, muss ich mir nicht antun, will ich nicht, geht mich nichts an, bin ich nicht für zuständig.«

Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass Beamte wohl Leute sein müssen, die von menschenverachtenden Vorgesetzten ständig zu etwas gezwungen werden, das man eigentlich nicht von ihnen verlangen kann. Aber dann wurde ich vierzehn und habe langsam angefangen, das Leben zu verstehen.

Meine Mutter, Erika, war stets Hausfrau gewesen. Heute sehe ich das auch als Beruf an, aber mein Vater hat versucht mich zu lehren, dass die Küche der angestammte Lebensraum von Ehefrauen und Müttern sei. Er war auch stets der Meinung, dass das Führen eines Haushaltes keine wirkliche Arbeit sei. Heute habe ich mehr Verständnis für meine Mutter, die eine herzensgute Frau ist, intelligent, lustig, lebensbejahend und meistens fröhlich. Es ist kaum zu glauben, wie sie es geschafft hat, uns drei Kinder großzuziehen.

Wobei wir beim nächsten Thema sind: meinen Geschwistern!

Ich habe eine sechs Jahre ältere Schwester, Sigrid, und einen drei Jahre jüngeren Bruder, Udo. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass drei Geschwister so unterschiedlich sein könnten. Nun ... die Realität hat mich eingeholt. Meine Schwester ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin, die es trotz Karriere geschafft hat, meinen Schwager Eduard zu heiraten. Er ist Inhaber eines mittelständischen Betriebes und trägt nicht unerheblich zum Einkommen der Familie bei. Sigrid hat ihm als Spätgebärende mit über vierzig noch zwei Kinder geschenkt. Zwei widerliche, verwöhnte Gören ohne jegliche Erziehung, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden und niemals die kleinbürgerliche Familie ihrer Großeltern und ihres Onkels kennenlernen durften. Meine Schwester Sigrid lässt mich bei jedem Zusammentreffen spüren, was sie von meinem beruflichen Werdegang hält. Sie nennt mich weder Joachim oder Jo, noch nicht einmal Joda. Ihr Standardname für mich ist - »Loser«. Sie ließ niemals einen Zweifel daran, dass sie mich wirklich für einen Verlierer in jeder Hinsicht hält.

Ihre beiden Töchter, Sina und Sara, sind inzwischen acht und neun Jahre alt, also nur ein Jahr auseinander und ich verwechsle sie ständig, weshalb ich sie - wenn überhaupt - meist mit dem falschen Namen anspreche. In ihrer unnachahmlichen Art hat Sigrid mir eine Eselsbrücke gebaut, damit ich mir die Namen merken könnte:

»Pass auf, du Loser, du kannst dir die Namen ganz einfach merken, wenn du die Eigenschaften, die dir fehlen, dem jeweiligen Namen zuordnest: Sina, mit »i« für »Intelligenz« und Sara mit »a« für »Anmut«.«

Die Eselsbrücke hat geholfen. Ich weiß nun, dass meine Schwester mich weder für intelligent noch für anmutig hält. Das ist aber auch schon Alles. Die beiden Mädchen verwechsle ich trotzdem andauernd.

Mein Bruder Udo ist ein Abziehbild unseres Vaters. Dick, träge, faul und - wie sollte es anders sein - Beamter bei der Stadtverwaltung. Er selbst hält sich für einen der wichtigsten Mitarbeiter der Stadt Frankfurt. Auf meine Frage, was so wichtig an der Verwaltung und Ausgabe von verstaubten Akten sei, gab er mir die lapidare Antwort: »Eigentlich nichts, aber irgendjemand muss es ja tun, also muss es auch wichtig sein.«

Bevor er diesen Job hatte, war er im Bereich der Reisekostenabrechnung - er war dort dafür verantwortlich, dass Mitglieder der Stadtverwaltung nach Dienstreisen ihr Geld bekamen. Einmal hat er mir voller Stolz von einer Regelung im Reisekostenrecht berichtet: »Verstirbt ein Dienstreisender während der Dienstreise, so gilt die Dienstreise damit als beendet!« Er habe diese Vorschrift erfolgreich angewendet und von der Witwe des Kollegen die bereits vor der Dienstreise geleistete Vorschusszahlung zurückgefordert.

Man kann sich vorstellen, wie beliebt er war, und warum er irgendwann in die Aktenverwaltung zwangsversetzt wurde.

Auch mein Bruder ist verheiratet. Seine Frau, Monika, ist eine kleine graue Maus, die nichts zu sagen hat und ihn anhimmelt, als sei er ein Nobelpreisträger. Ihr gemeinsamer Sohn, Jan-Niklas, ist erst drei, aber bereits ein weiteres Abziehbild seines Vaters und seines Großvaters. Der Junge hat mir nichts getan, aber er nennt mich, seit er halbwegs sprechen kann, nur »Onkel Luuuser«, was ihm vermutlich meine Schwester beigebracht hat.

Die ganze Familie findet das lustig und lacht herzlich, was den Kleinen nur anspornt, es immer öfter zu sagen.

Zu meinem Unglück lebt meine ganze Familie in Frankfurt, weshalb ich die Sippschaft wesentlich öfter sehen muss, als mir lieb ist. Ich bin offensichtlich nicht der Typ, der anderen Mal ordentlich die Meinung sagt oder sich wenigstens vor den zahlreichen Familienfeiern durch erfinderische Ausreden drückt. Also treffe ich die ganze Bagage mindestens zwölf Mal pro Jahr - man rechne zusammen: zwei Mal Eltern, zwei Mal Geschwister, zwei Mal Schwager/Schwägerin, drei Mal Kinder ergibt: neun Mal Terrorfeste zu Geburtstagen. Dazu kommen noch die obligatorischen Feiertage wie Weihnachten und Ostern und noch diverse Jahrestage, wie Hochzeitstage und ähnlicher Schwachsinn.

Hätte ich nur den Mut, ihnen endlich so richtig die Meinung zu sagen - und vor allem, was sie mich alle mal könnten.

Dieser Mut hat mir allerdings stets gefehlt - bis zu meinem Unfall.

***

Nun... wie sieht mein Privatleben aus? Also ... Freunde habe ich so ungefähr ... gegen Null. Einer der Wenigen, mit dem ich mich ab und zu treffe, ist Erich - mein und Wutzi-Lutzis Spitznamengeber - der inzwischen als Werbetexter für eine Medienfirma in Frankfurt arbeitet. Er ist wie ich unverheiratet, allerdings mit dem Zusatz »zur Zeit«! Er ist inzwischen schon drei Mal geschieden, weil er die Finger - oder besser gesagt, andere Körperteile - nicht von Frauen lassen kann, die gerade nicht seine sind.

Wir treffen uns so etwa zwei bis drei Mal im Monat auf ein Bier in unserer Stammkneipe bei Willi.

Willi ist grundsätzlich mein engster Vertrauter. Ihm habe ich vermutlich schon alle Probleme meines Lebens erzählt - meistens im Suff. Habe ich schon gesagt, dass ich Willi liebe? Er ist ein hervorragender Zuhörer und ich kann ihm alles erzählen, Kummer und Sorgen (meistens), freudige Momente (selten) und von meinem Sexleben (fast nie).

Das mit dem Sex ist so eine Sache. Natürlich habe ich Bedürfnisse und auch jede Menge Sex, aber nicht die Sorte, bei der zwei Personen ihn gemeinsam haben. Das kommt eher selten vor. Warum, weiß ich selbst nicht genau.

Meiner Familie erzähle ich zu diesem Thema, dass ich eben sehr wählerisch bin und noch nicht die Richtige gefunden habe. Die Eine, die meine Vorliebe für tragische Filme teilt und mit der ich gemeinsam eine Packung Kleenex-Tücher vollheulen würde bei einem traurigen Rosamunde-Pilcher-Film. Soweit erzähle ich eigentlich die Wahrheit. Was ich meiner Familie natürlich nicht auf die Nase binde, ist der Umstand, dass meine wenigen kurzen Beziehungen meistens am Sex scheitern.

Ich bin jetzt mal so ehrlich, wie sonst nur zu Willi. Ich bin einfach unbeholfen beim Sex. Ich fühle mich nicht wohl, weil ich mir die ganze Zeit Gedanken darüber mache, was die Frau gerade so denkt.

Grundsätzlich sollte man meinen, dass mein ausgiebiges Studium von Pornofilmen mir den handwerklichen Teil irgendwie vermittelt haben müsste. Aber augenscheinlich stehen die meisten Frauen gar nicht auf Bettgeflüster wie: »Booaa, hast du geile Möpse!« oder »Komm, ich hämmere dir die Seele aus dem Leib!«

Bis heute habe ich den Trick noch nicht raus, wie man einen BH mit einer Hand öffnet - in den meisten Fällen habe ich es nicht mal mit zwei Händen geschafft.

Dabei wären die Rahmenbedingungen gar nicht so schlecht: Ich habe ein nettes 2-Zimmer-Appartement unweit des Stadtzentrums, also die ideale Junggesellenbude. Trotzdem haben in den letzten zehn Jahren nur vier Frauen meine Wohnung von innen gesehen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Sorte Frauen, mit denen ich zusammen mein Bett erreichte, nicht unbedingt die sind, mit denen ich mich gut unterhalten kann. Ich bin sicher, dass keine meiner bisherigen Bettgenossinnen den Unterschied zwischen Konspiration und Transpiration kannte oder zum richtigen Gebrauch von effektiv und effizient in der Lage waren.

Aber die intellektuellen Frauen, mit denen man sich auch über schwierige Themen unterhalten konnte, waren niemals an mir interessiert.

So war das eben - bis zu meinem Unfall.

Tag 1: der Unfall

Der Tag hatte nicht unbedingt schlecht angefangen. Als ich an diesem Montag um 08:00 Uhr im zwölften Stock des Bürohochhauses ankam, wo die Redaktionsräume des Frankfurter Abendkuriers beheimatet sind, gab es noch nichts Ungewöhnliches zu vermelden.

Ich zählte schon immer mit zu den Ersten, die im Büro erschienen, die meisten kamen eher gegen 09:00 Uhr - manche auch noch wesentlich später. Lediglich meine Kollegin Lisa Schwarz war bereits an ihrem Schreibtisch und eifrig dabei, ihre Tastatur zu bearbeiten.

Unsere Redaktion ist nach dem Vorbild amerikanischer Großraumbüros aufgeteilt in kleine, würfelförmige Arbeitsplätze. Ein Kasten von 1,80 mal 1,80 mit einem Schreibtisch, dem obligatorischen Computer, einem Drehstuhl und einer kleinen Ablage an einer Seite, auf der man Papiere, Unterlagen jedweder Art, Bücher und Mappen ablegen konnte.

Die drei Wände - die Stirnwand mit dem Schreibtisch und zwei Seitenwände - waren nur 1,60 hoch, so dass man im Sitzen seine volle Konzentration auf den Computer richten konnte. Aber es war auch möglich, aufzustehen und über die Wände zu den anderen Arbeitsplätzen zu sehen. So hatte ich schon beim Hereinkommen gesehen, dass Lisa sich an ihrem Arbeitsplatz befand. Mein erster Gang führte mich jedoch wie jeden Morgen zum großen Kaffeeautomaten in der Ecke des Büros, wo ich mich mit einem heißen Pott frisch gebrühten Kaffees versorgte.

Ich musste noch einen Artikel überarbeiten, über den ich mit unserem Chefredakteur am Ende der vergangenen Woche heftigst gestritten hatte. Ich schreibe grundsätzlich am liebsten Artikel über das politische Geschehen - nicht die reißerischen Geschichten über »Hund frisst Herrchen« oder »Dreijähriger stürzt von Balkon im zehnten Stock und überlebt« oder ähnlichen Quatsch. Meine Vorliebe sind eher Beiträge, die einen etwas höheren Anspruch haben, recherchiert werden müssen und zur politischen Meinungsbildung beitragen sollen.

Grundsätzlich würde ich lieber so etwas schreiben! Die Realität hieß leider, dass ich in allen anderen Resorts, in denen jemand ausfällt oder Unterstützung braucht, einspringen musste. So hatte ich für den erkrankten Kollegen vom Sportteil einspringen und einen Artikel über unseren glorreichen Fußballverein Eintracht Frankfurt e.V. schreiben sollen. Im Speziellen ging es um die Finanzlage und den Vorstand, weniger um die sportlichen Erfolge oder den Mangel an solchen.

Leider vertritt unser Chefredakteur Ansichten, die etwas von den Meinen abweichen, und war deshalb mit meinem Artikel mehr als unzufrieden.

Er hatte mich in den Senkel gestellt und geäußert, dass man dieses »linksliberale Gequatsche« so nicht drucken könnte - es grenze an kommunistisches Gedankengut, interessiere so »keine Sau« und würde unsere Leser nur verärgern.

Habe ich schon erwähnt, dass ich Raschke hasse?

Wie gesagt: Ich hasse ihn!

Trotzdem musste ich mich nun an die Überarbeitung des Artikels machen, der heute noch in die Abendausgabe sollte.

Die Arbeit ging halbwegs voran und ich fühlte mich so lange gut, bis Raschke gegen Mittag auftauchte und mich unmissverständlich aufforderte, im die aktuelle Version zuzumailen.

Zehn Minuten später wurde ich in sein Büro zitiert. Ein geräumiges Einzelbüro mit einer über eine Wand reichenden Glasfront, durch welche er unser Großraumbüro ständig im Auge behalten konnte.

»Was haben Sie sich bei diesem Geschmiere gedacht?«, keifte er mich an und warf einen Ausdruck meines Artikels in meine Richtung. Nachdem ich das Papier vom Boden aufgeklaubt hatte, musste ich feststellen, dass aus ehemals »schwarz auf weiß« nun eher »rot über schwarz auf weiß« geworden war.

Streichungen, Kommentare, neuer Text und noch mehr Streichungen.

»Wenn ich Ihre Arbeit machen muss, dann kann ich Sie auch gleich feuern, oder?«

Ich dachte, er erwarte keine Antwort und gab demzufolge auch keine.

»Ist das alles was Sie dazu zu sagen haben? Nichts?«, keifte er weiter. »Also gut, schreiben Sie es nach meinen Vorgaben nochmal und mailen Sie es mir dann zu, verstanden?«

Ich nickte und verließ fluchtartig und ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben das Büro.

Leise vor mich hin fluchend setzte ich mich an meinen Arbeitsplatz und begann mit der Überarbeitung. Ich konnte es nicht fassen, mit welcher Selbstverachtung ich Raschkes Anmerkungen und Ergänzungen in einem derart primitiven Schreibstil einfach umsetzte, nur um meine Ruhe zu haben.

Irgendwann tauchte Lisas Kopf über der Seitenwand meines Arbeitswürfels auf und sie fragte mich besorgt: »Probleme?«

Ohne aufzublicken, erwiderte ich lediglich: »Raschke!«

Ich konnte ihrer Stimme das Mitleid anhören, als sie versuchte, mich ein wenig aufzuheitern. »Nimm es dir nicht zu Herzen. Wir wissen doch alle, dass er ein Schwachkopf ist. Irgendwann wird es auch mal wieder besser.«

»Ja sicher. Danke, dass du mir Mut machen willst, aber manchmal zweifle ich daran, dass ich das noch lange durchhalte.«

»Aber um Gottes willen, was sollen wir den ohne dich hier machen?«, wandte sie besorgt ein.

Ich blickte dankbar zu ihr hoch und lächelte sie an.

»Danke dir, ich beruhige mich schon wieder. Ich habe nur gerade eine solche Wut im Bauch, dass ich mir ein bisschen Luft machen musste.«

Sie nickte verstehend und ging wieder an ihren Arbeitsplatz zurück.

Irgendwann schloss ich die Bearbeitung ab und mailte die endgültige Version an Raschke. Da ich in der folgenden Stunde nichts mehr von ihm hörte, nahm ich an, dass er diese Version nun an die Drucklegung weitergeleitet hatte.

Es muss so gegen 17:00 Uhr gewesen sein, als ich mich entschloss, nach Hause zu gehen. Ich besitze kein Auto und mit der Straßenbahn sind es nur fünf Stationen bis zu meinem Appartement.

Habe ich schon erwähnt, dass ich das Gegenteil eines Glückskindes bin? Nun - wie meistens war mir die Straßenbahn vor der Nase weggefahren und ich musste zehn Minuten auf die nächste Bahn warten. Das wäre grundsätzlich nicht schlimm gewesen, wenn es nicht angefangen hätte, in Strömen zu regnen und ich hatte natürlich keinen Schirm dabei. Als die Bahn endlich kam und ich durch den sintflutartigen Niederschlag vom Wartehäuschen in die Bahn stürzte, war ich klitschnass.

Ich hatte ausnahmsweise Mal Glück und bekam einen Platz mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Ich bevorzugte diese Plätze, weil sie angeblich sicherer sein sollen. Wenn die Straßenbahn auf ein Hindernis führe, würde ich mit Rücken und Kopf gegen die Lehne geschleudert und die Gefahr von Verletzungen war wesentlich geringer.

Mir gegenüber saß ein älterer Herr in abgetragener Kleidung, der mich seltsam ansah und studierte. Vermutlich hatte er noch nie jemanden gesehen, der so nass in einer Straßenbahn saß.

Mir gingen gerade andere Gedanken durch den Kopf. Zum Beispiel, wie Raschke mich abgekanzelt hatte, wie ich mal wieder das getan hatte, was er von mir verlangte, warum ich wohl nicht in der Lage war, ihm die Stirn zu bieten und vieles mehr. Der gesamte Tag spulte sich vor meinem geistigen Auge nochmals ab, und ich war nicht begeistert über seinen Verlauf.

Ich schreckte auf, als der alte Mann mir gegenüber ein verächtliches »Weichei!« vor sich hin knurrte. Ich war versucht, ihn zur Rede zu stellen, ob er etwa mich meinte. Natürlich habe ich es nicht getan.

Außerdem wurde in diesem Augenblick meine Aufmerksamkeit auf etwas gezogen, das außerhalb der Straßenbahn passierte. Über das Prasseln des Regens hinweg war ein infernalisches Quietschen zu hören, eine Hupe ertönte und dann krachte es. Bevor ich oder die anderen Passagiere herausfinden konnten, was da passiert war, fuhr die Straßenbahn in die zwei Fahrzeuge hinein, die genau auf den Schienen ineinander gekracht waren.

Es bewahrheitete sich scheinbar, dass mein Platz zu den sicheren gehörte, denn ich wurde mit Rücken und Kopf gegen die Rückenlehne geschleudert. Was die Begründer der These vom sicheren Platz offensichtlich vergessen hatten, war, dass mir auch jemand gegenübersitzen könnte. Genau das war aber der Fall und der alte Mann hatte nichts vor sich, was seinen Körper in irgendeiner Weise hätte bremsen können. Bevor er auch nur einen überraschten Laut von sich geben konnte, war er auf dem Flugweg in meine Richtung. Wie in Zeitlupe sah ich seinen ungläubigen Gesichtsausdruck, die offenen Augen und einen immer größer werdenden Kopf auf mein Gesicht zukommen. Ich könnte heute nicht mehr mit Sicherheit behaupten, dass ich den Einschlag gehört oder bemerkt hätte, es wurde einfach schlagartig dunkel.

Irgendwann wurde es wieder hell und es war ein unangenehmes hell. Über mir leuchtete kaltes Neonlicht, als ich zögernd langsam die Augen öffnete. Überdies bedrängte mich eine unangenehme Stimme, die mich vermutlich aus dem Schlaf geweckt hatte: »Hallo, hallo, hören Sie mich? Können sie mich verstehen?«

Was soll ich denn verstehen, wenn du nichts anderes als »hallo, hallo« sagst?, fragte ich mich im Stillen. Mein Kopf dröhnte wie eine Glocke und ich hörte die Stimme wie durch Watte. Nun sah ich auch das Gesicht einer hässlichen, dicken Schwester direkt vor meinen Augen.

»Aua, mein Kopf!«, stöhnte ich mühsam. Die Reaktion überraschte mich ein wenig.

»Du Weichei!« und »Das wird schon wieder, Herr Dahlmann. Sie haben nur eine kleine Platzwunde an der Stirn und eventuell eine leichte Gehirnerschütterung.«

»Woher wissen Sie, wie ich heiße?«, fragte ich mühsam in dem Versuch, meine fünf Sinne wieder zusammenzubekommen.

»Woher wohl, du Hirni!« und gleich darauf »Wir haben Ihren Ausweis in ihrer Jacke gefunden. Wissen Sie noch, was passiert ist?«

Ihre sehr direkte Art verwirrte mich zunehmend. Auch der wechselnde Gebrauch von »du« und »sie« machte es nicht einfacher. Ich versuchte, mich zu konzentrieren.

»Ach ja ... die Straßenbahn ... der Unfall ... mein Kopf.«

»Genau, Sie hatten einen Unfall.«

Ich erinnerte mich an den Mann, der auf mich zugeflogen kam. »Wissen Sie, was mit dem Mann passiert ist, der auf mich gestürzt ist?«, fragte ich besorgt. Vielleicht hatte der Mann ja nicht so einen robusten Schädel wie ich.

»Woher soll ich das denn wissen, du Depp.« und »Nein, ich habe keine Ahnung. Aber wenn er verletzt ist, wird er vermutlich hier irgendwo behandelt. Meines Wissens gab es aber bei dem Unfall weder Tote noch Schwerverletzte / obwohl du ruhig ein wenig länger hättest bewusstlos bleiben können. Wegen dir verpasse ich noch mein Schichtende!«

Ich war nun nicht nur verunsichert, sondern auch langsam ziemlich wütend. Es war wahrscheinlich der bohrende Kopfschmerz, der mich veranlasste, mich gehen zu lassen, wie es sonst nicht meine Art war: »Na dann geh doch heim, du blöde Kuh!«

Sie starrte mich mit aufgerissenen Augen fassungslos an, drehte sich auf dem Absatz um und verließ fluchtartig den Raum.

So wörtlich wollte ich eigentlich nicht genommen werden, aber egal, Hauptsache ich hatte endlich meine Ruhe. Ich fiel unmittelbar nach dieser merkwürdigen Episode in einen unruhigen Schlaf.

Tag 2 - im Krankenhaus

So einen Scheiß hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht geträumt. Ich wachte schlagartig auf und versuchte, Ordnung in das totale Durcheinander zu bringen, was mir im Traum durch den Kopf gegeistert war.

Unglaublich, wie man so ein wirres Zeug träumen konnte, wo doch angeblich Träume die Verarbeitung von aktuellen Tageserlebnissen sein sollen.

Und was geht in meinem Kopf vor? Ich war an Krebs gestorben, hatte Zwillinge auf die Welt gebracht, Sex mit dem Oberarzt gehabt und ein Bein amputiert bekommen!

Himmel - was würde ein Psychologe zu einem solchen Traum sagen? War das eine Folge meiner Kopfverletzung?

Ich hatte nicht allzu viel Zeit, darüber nachzudenken, denn die Tür zu meinem Zimmer ging auf und ein Arzt mit Gefolgte trat ein - und alle redeten gleichzeitig durcheinander.

»Woher soll ich das Geld für die nächste Rate bekommen?«

»Die Kleine war ja so scharf, unglaublich!«

»Hätten wir doch nur ein Kondom benutzt. Hoffentlich habe ich mir nichts geholt!«

»Scheiße, ich hab schon wieder mein Geld zu Hause vergessen. Ob mir Heinz was für die Kantine leiht?«

Was mich aber in einen Zustand des Entsetzens versetzte, war der Umstand, dass noch keiner der Eingetretenen den Mund aufgemacht hatte.

Der Arzt trat mit einer Schreibkladde an mein Bett heran, warf einen Blick darauf und sprach mich an: »Guten Morgen, Herr ... Dahlmann. Nun ... wie fühlen Sie sich denn heute morgen? / vielleicht kann ich Silvia ja in der Mittagspause nochmal treffen.«

Ich sah ihn mit offenen Mund an, war total verwirrt und meine Gedanken rasten. Endlich bemerkte ich, dass er eine Antwort auf seine Frage erwartete - und wenn es nur war, weil ich hörte:

»Ach du Scheiße, hoffentlich hat sein Sprachzentrum keinen abgekriegt. Diese blöde dicke Kuh hätte ihn gestern doch noch zum CT bringen sollen. Wenn der uns verklagt, o Gott.«

»Kopfschmerzen ...«, stammelte ich, »sonst ganz gut. Und keine Angst, ich verklag Sie schon nicht.«

Das hätte ich wohl besser nicht gesagt, denn die Reaktion war durchschlagend.

Der Doktor sah mich erschrocken an, dann fuhr er herum und fuhr seine Begleiter an: »Wer hat hier was von Verklagen gesagt?« Zu mir gewandt sagte er: »Um Gottes willen Herr Dahlmann, es geht Ihnen doch schon wieder gut, oder? / Hab ich etwa laut gedacht oder was?«

Er wirkte fahrig, nervös, panisch und durcheinander. Ich hatte den Halbgott in Weiß so aus der Fassung gebracht, dass er nur noch in der Lage war, ein paar Gemeinplätze zu stammeln und dann mit Gefolge schleunigst den Raum verließ.

Was war hier los? Ich hatte eine Vermutung, einen Verdacht, aber war mir nicht sicher, ob ich mir trauen konnte. Lag ich vielleicht im Koma und halluzinierte munter vor mich hin? War mein Albtraum von letzter Nacht noch gar nicht zu Ende? Wie konnte ich das überprüfen?

Ich entschloss mich, nach einer Schwester zu klingeln. Es dauerte keine zwei Minuten, bis eine sichtlich genervte Schwester auftauchte. »Ja, was ist denn? Brauchen Sie etwas?«

»Entschuldigung Schwester, aber ... wie geht es mir?«

»Was ist denn das für eine bescheuerte Frage? / Na, ich denke ganz gut! Ihre Werte sind in Ordnung, also ... ich meine ... wie fühlen Sie sich denn? / wer soll denn besser wissen, wie es dir geht als du selbst, du Blödmann!«

Ich muss sie selten dumm angeschaut haben, ohne etwas zu sagen, denn das Nächste was ich hörte war: »Ist Ihnen nicht gut? Sie schauen so seltsam. / der muss wohl doch einen Hirnschaden abbekommen haben!«

Ich war der Meinung, genug erfahren zu haben und grinste sie an. Es muss wohl ziemlich dümmlich ausgesehen haben, denn ich hörte, ohne dass sie den Mund bewegte: »Ach du lieber Himmel, der arme Kerl, schon wieder ein Schwachsinniger mehr.«

Mein Grinsen verging und ich beeilte mich zu sagen: »Sie haben Recht. Ich denke, es geht mir schon wieder ganz gut. Das bisschen Kopfschmerzen ist wohl normal.«

Sie nickte nur noch kurz und verließ das Zimmer.

Alleine im Zimmer ging ich meinen Überlegungen nach. Ich hatte keine Ahnung, was und wie es passiert war, aber offensichtlich hing es mit dem Unfall zusammen. In einem Punkt war ich mir aber sicher: mein größter Wunsch seit meiner Kindheit war in Erfüllung gegangen! Ich konnte die Gedanken fremder Menschen hören!

Ich glaube, das Glücksgefühl in diesem Moment hätte nicht größer sein können, wenn ich gerade zehn Millionen Euro im Lotto gewonnen hätte.

* * *

Den restlichen Tag verbrachte ich damit, Erfahrungen mit dieser phantastischen Fähigkeit zu sammeln. Der Begriff »Gedankenlesen« ist völliger Quatsch. Es ist schwer zu beschreiben, aber es müsste eher »Gedanken hören und sehen« heißen. Zum Anfang fiel es schwer, das gesprochene Wort von dem »gehörten Gedanken« zu unterscheiden.

Ein Mann ging zum Beispiel im Korridor vor den Krankenzimmern hinter mir und ich hörte »Mach Platz, du Spast!«. Unwillkürlich sprang ich zur Seite, um Platz zu machen. Das veranlasste den Kerl, überrascht stehen zu bleiben, was mich vermuten ließ, dass er es nur gedacht und nicht gesagt hatte.

Wie ich aber schon erwähnt habe, müsste es auch »Gedanken sehen« heißen, denn die Worte waren immer mit Bildern verbunden, die ich gleichzeitig zu den Gedanken »sah«. Das machte es im Laufe der Zeit einfacher, Gedanken von gesprochenen Worten zu unterscheiden.

Wesentlich problematischer gestaltete es sich, wenn ich in einem Raum mit mehreren Personen gleichzeitig war. Ich hatte mich versuchsweise in den Aufenthaltsraum der Station begeben, da dort mit Sicherheit einige Menschen anzutreffen waren und ich meine Fähigkeiten unbedingt ausprobieren wollte.

Ich hielt es genau drei Minuten dort aus, dann verließ ich fluchtartig den Raum.

Ganz abgesehen davon, dass ich tierische Kopfschmerzen bekam, hatte ich Dinge gehört und gesehen, die ich lieber nicht erfahren hätte. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, es Ihnen zu beschreiben, aber ich will es versuchen: