Gefahren einer Schatzsuche - Judy Morland - E-Book

Gefahren einer Schatzsuche E-Book

Judy Morland

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Beschreibung

Der Liebesroman mit Gänsehauteffekt begeistert alle, die ein Herz für Spannung, Spuk und Liebe haben. Mystik der Extraklasse – das ist das Markenzeichen der beliebten Romanreihe Irrlicht: Werwölfe, Geisterladies, Spukschlösser, Hexen und andere unfassbare Gestalten und Erscheinungen erzeugen wohlige Schaudergefühle. Der Mann war nur noch einen Schritt von Julia entfernt. Sie stieß mit dem Rücken an einen Baumstamm und konnte nicht weiter zurückweichen. Der kräftige, wutentbrannte Mann stand in Furcht einflößender Haltung vor ihr. Er legte seine riesigen Hände um ihren Hals. Julia versuchte, sich seiner Umklammerung zu entziehen. Sie wand sich verzweifelt in seinen grausamen Händen. »Uff, endlich geschafft!« Julia ließ sich stöhnend in den Sessel fallen. Ihr verletzter Knöchel schmerzte noch immer. Außerdem war sie ganz erledigt von der Hitze und der schlechten Luft, die im Auto geherrscht hatten. »Zum Glück ist das Bein wenigstens nicht gebrochen«, sagte Sandra nun schon zum dritten Mal. Sie holte einen Hocker und legte vorsichtig das verletzte Bein ihrer Freundin darauf. Tröstend mischte sich jetzt auch Christine ein: »Der Arzt meint, in ein paar Tagen kannst du wieder laufen. Jetzt schonst du dich eben ein wenig, dann wird es schon wieder gehen. Wir ändern unser Programm einfach und faulenzen während der nächsten Tage.« »Warum musste ich mich auch so blöd anstellen?«, ärgerte sich Julia über sich selbst. »Damit verpatze ich uns den ganzen Urlaub.« Sie hätte am liebsten geweint.

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Irrlicht – 47 –Gefahren einer Schatzsuche

Unheil und Hass waren die teuflischen Begleiter

Judy Morland

Der Mann war nur noch einen Schritt von Julia entfernt. Sie stieß mit dem Rücken an einen Baumstamm und konnte nicht weiter zurückweichen. Der kräftige, wutentbrannte Mann stand in Furcht einflößender Haltung vor ihr. Er legte seine riesigen Hände um ihren Hals. Julia versuchte, sich seiner Umklammerung zu entziehen. Sie wand sich verzweifelt in seinen grausamen Händen. Langsam schwanden ihr die Sinne …

»Uff, endlich geschafft!« Julia ließ sich stöhnend in den Sessel fallen. Ihr verletzter Knöchel schmerzte noch immer. Außerdem war sie ganz erledigt von der Hitze und der schlechten Luft, die im Auto geherrscht hatten.

»Zum Glück ist das Bein wenigstens nicht gebrochen«, sagte Sandra nun schon zum dritten Mal. Sie holte einen Hocker und legte vorsichtig das verletzte Bein ihrer Freundin darauf.

Tröstend mischte sich jetzt auch Christine ein: »Der Arzt meint, in ein paar Tagen kannst du wieder laufen. Jetzt schonst du dich eben ein wenig, dann wird es schon wieder gehen. Wir ändern unser Programm einfach und faulenzen während der nächsten Tage.«

»Warum musste ich mich auch so blöd anstellen?«, ärgerte sich Julia über sich selbst. »Damit verpatze ich uns den ganzen Urlaub.«

Sie hätte am liebsten geweint. Es war aber auch zum Heulen. Dieser Unfall brachte ihre Urlaubspläne total durcheinander.

Die drei Mädchen hatten ein riesiges Programm ausgearbeitet. Mit ungeheurem Elan hatten sie sich vorgenommen, sämtliche Sehenswürdigkeiten der Toskana eingehend zu besichtigen, und nun saß Julia hier fest und konnte nur mühsam humpeln.

*

Es hatte alles so schön begonnen. Voller Erwartungen hatten die drei Freundinnen diesen unverhofften Urlaub angetreten.

Christines Eltern hatten einen Bungalow in der Toskana gebucht. Kurz vor Antritt der Reise hatte sich Christines Mutter den Arm gebrochen. Die Buchung war nicht mehr rückgängig zu machen. Als Christine ihren Freundinnen davon erzählte, hatte Sandra sofort geschaltet. Nach einigem Hin und Her waren die drei Mädchen begeistert von der Idee, anstelle von Christines Eltern in die Toskana zu fahren und in dem kleinen Bungalow zu wohnen.

Sie fuhren in Julias Auto. Als sie ankamen, bestaunten sie die herrliche Landschaft, die sich im verheißungsvollen Licht der Abendsonne darbot. Sprachlos standen sie vor dem kleinen Häuschen. Es war reizend. Wie hingeduckt unter hohen Bäumen stand es ein wenig abseits am Straßenrand und schien die Mädchen einzuladen näher zu kommen.

Die Inneneinrichtung war allerdings etwas spärlich, und das Sofa, auf dem Sandra schlafen musste, da nur zwei Betten vorhanden waren, war zu kurz und sehr schmal. Dafür wurden sie vom Garten entschädigt.

Die drei Mädchen erklärten sofort einstimmig, dass sie sich wohl die meiste Zeit auf der Terrasse aufhalten würden. Sie war überdacht und mit blühenden Rankgewächsen bewachsen. Von hier aus sah man die herrlichen, uralten Bäume eines riesigen, total verwilderten Parks, der gleich hinter dem Häuschen begann.

Obwohl es erst Anfang Mai war, schien die Sonne schon sehr heiß und ließ die friedlichen, von kleinen Sonnenflecken durchdrungenen Schatten der uralten Baumriesen noch reizvoller erscheinen.

Bereits am Tag nach ihrer Ankunft war es passiert. Neugierig und voller Tatendrang waren die drei Freundinnen herumgestrolcht, um zunächst die nähere Umgebung zu erkunden. Sie waren durch die kleine verschlafene Ortschaft geschlendert, deren alte Häuser und kleine Weinberge aussahen wie aus einem anderen Jahrhundert, und hatten dann, als es auf der Straße zu heiß wurde, den verwilderten Park erforscht.

Es war nicht einfach, sich einen Weg durch das wuchernde Unterholz zu bahnen. Zähe Ranken und hartnäckige Sträucher hatten die Wege größtenteils überwuchert. Die Mädchen zerkratzten sich ihre nackten Beine an dem dornigen Gestrüpp. Doch das konnte ihre gute Laune nicht beeinträchtigen. Sie hatten ein beträchtliches Stück des unwegsamen Geländes durchstreift, ehe sie zu einem Gebäude kamen, zu dem der Park ganz offensichtlich gehörte. Auf ihrem Weg waren sie an Skulpturen und stillgelegten Springbrunnen, an Steinbänken und von wildwuchernden Pflanzen überdachten Sitzplätzen vorbeigekommen.

Das wuchtige, frei stehende Haus, an dem sämtliche Läden geschlossen waren, war vor langer Zeit bestimmt einmal eine herrschaftliche Villa gewesen. Jetzt wirkte es ein wenig verwahrlost. Die verwitterten hölzernen Fensterläden waren geschlossen. Sie hingen schief in den Angeln und gaben dem Haus das Aussehen eines verwunschenen Märchenschlosses. Obwohl es heruntergekommen und vernachlässigt aussah, konnte man ahnen, dass es einst prunkvoll und großartig gewesen war. Vermutlich war es seit Langem unbewohnt.

Auf dem Rückweg zu ihrem Ferienhaus hatten die drei Mädchen ein halb verfallenes, kleines Gebäude entdeckt. Neugierig waren sie eingetreten. In Augenhöhe stand eine Madonnenfigur, deren Farbe überall abblätterte. Ein Betschemel, der noch verhältnismäßig neu war, stand davor.

»Das ist eine kleine Gebetskapelle«, vermutete Christine. »Die Italiener sind doch angeblich sehr fromm.«

Julia war übermütig auf ein schmales Mäuerchen geklettert, das einst Teil dieser Kapelle gewesen war. Lachend, mit weit ausgebreiteten Armen, hatte sie kurz auf diesem schmalen Mauerrest balanciert, hatte dann das Gleichgewicht verloren und war hastig von der Mauer gesprungen. Dabei war sie mit dem linken Fuß so unglücklich auf der Kante einer efeuüberwucherten Steinstufe gelandet, dass sie vor Schmerz aufgeschrien hatte. Sie war nicht mehr in der Lage gewesen aufzutreten.

Die Freundinnen hatten sie unter einigen Mühen zu einem Arzt gebracht. Dieser hatte festgestellt, dass nichts gebrochen war, das Bein fachgerecht verbunden und Ruhe verordnet.

Da saß sie nun! Ade, schöne Urlaubspläne! Julia war verzweifelt.

*

Am nächsten Morgen sah die Welt wieder etwas freundlicher aus. Nach einigen Stunden Schlaf und einem guten Frühstück war die Aussicht, einige Tage faul hier in dem herrlichen Park herumzuliegen, gar nicht mehr so deprimierend.

»Außerdem haben wir noch fast drei Wochen Urlaub vor uns«, beschwichtigte Christine ihre Freundin Julia. »Dein verletzter Knöchel wird sicher in ein paar Tagen so weit geheilt sein, dass du ohne große Beschwerden gehen kannst.«

Julia bestand darauf, dass ihre Freundinnen nicht tatenlos bei ihr herumsaßen. Sie drängte: »Fahrt ruhig ohne mich los. Ich bin froh, wenn ich euch den Urlaub durch meinen ungeschickten Leichtsinn nicht verderbe. Hier habe ich es bequem. Es ist mir wirklich lieber, wenn ich weiß, dass ich euch nicht zur Last falle.«

Nach einer kurzen Beratung stellten sie ihr Programm um. »Die wichtigen Sehenswürdigkeiten werden wir uns bis zuletzt aufheben. Julia kann dann mit Sicherheit auch wieder laufen«, schlug Sandra vor.

Julia stimmte zu: »Während der nächsten Tage könnt ihr beide euch die Gegend ein wenig ansehen. Es macht mir wirklich nichts aus, allein hierzubleiben.«

Nachdem sie Julia, die es sich auf der Terrasse in einem Liegestuhl bequem gemacht hatte, mit Getränken, Lesestoff und guten Ratschlägen versorgt hatten, bestiegen Christine und Sandra das Auto und brausten davon.

Wohlig rekelte sich das verletzte Mädchen in ihrem Liegestuhl. Hier konnte sie es einige Tage aushalten. Ihr Bein schmerzte nur noch, wenn sie es bewegte. In der südländischen Idylle dieses Ortes entspannte sie sich. Sie hörte die Vögel zwitschern und das Gesumm der Insekten. Die Ruhe tat ihr gut. Die letzten Tag waren sehr hektisch gewesen. Nun genoss sie die friedvolle Stille und Abgeschiedenheit. Selbst zum Lesen war sie zu faul.

Angenehm entspannt döste sie vor sich hin. Rings um sie waren nur Bäume und Sträucher. Von ihrem Platz aus konnte sie das nur noch teilweise erhaltene Dach der kleinen Kapelle sehen, auf deren Mauer sie abgerutscht war. Sie überlegte, aus welchem Material dieses Dach sein könnte. Es flimmerte und glänzte in der Sonne.

Plötzlich war alles wie verändert. Sie blinzelte. Die Bäume sahen ganz anders aus. Sie schienen jünger und zum Teil kleiner geworden zu sein.

Das dichte Unterholz, das die Wege überwuchert hatte, war verschwunden. Auch ganz andersartige Geräusche drangen an ihr Ohr.

Die gedämpften Motorengeräusche, die von der Straße hereingedrungen waren, waren mit einem Mal verschwunden. Von fern hörte sie fröhliches Kinderlachen.

Sie konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, was sich geändert hatte, aber irgendetwas war anders als zuvor.

Eigentlich wollte sie darüber nachdenken, was nun so plötzlich verändert war, aber sie wurde entsetzlich müde. Die Augen fielen ihr zu.

*

Julia erwachte vom Lärm der zurückkehrenden Freundinnen. Diese hatten Obst und Kuchen mitgebracht und setzten sich zu ihr auf die Terrasse zu einem verspäteten, improvisierten Mittagessen. Fröhlich und munter kauend saßen sie beisammen. Julia betrachtete aufmerksam die Bäume und das Unterholz. Es war alles wie immer, verwildert und uralt. Sie schüttelte unwillig die Erinnerung an die Veränderung ihrer Umgebung ab. Vermutlich hatte sie nur geträumt.

Die Freundinnen plauderten von ihrer Fahrt durch die Hügellandschaft.

»Die ganze Gegend ist sehenswert. Die Straße windet sich malerisch durch die blühende, üppige Landschaft. An manchen Stellen hatten wir eine herrliche Aussicht. Christine fotografierte wie verrückt. Ich musste dauernd anhalten, damit sie die unvergleichlichen Eindrücke auf ihrem Film festhalten konnte. Wenn du nichts dagegen hast, fahren wir noch einmal los, nachdem wir uns ein wenig ausgeruht haben. Wir bringen dann gleich das Abendessen mit. Ich habe eine Pizzeria in der Nähe entdeckt, die sehr einladend aussieht«, erklärte Sandra begeistert.

»Fahrt nur ruhig«, erwiderte Julia, von der übermütigen Laune ihrer Freundinnen angesteckt. »Ich bin froh, wenn ihr euch durch mich Invaliden nicht in euren Unternehmungen stören lasst. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich euch den Urlaub verderben würde. Es ist wunderschön hier. Mir tut es eigentlich sehr gut, einmal so richtig auszuspannen und zu faulenzen. Wenn ich recht bedenke, finde ich die Aussicht, hier eine Weile untätig herumzuhängen, gar nicht mehr so unangenehm.«

Nach dem Mahl holten sich die beiden Mädchen ihre Liegestühle und leisteten Julia einige Stunden Gesellschaft. Dann brachen sie wieder auf. Julia blieb allein zurück und war überhaupt nicht traurig darüber.

Die ganze Welt schien in trägem Schlummer zu liegen. Ringsum herrschte eine Stille, die fast greifbar war. Wie in allen südlichen Ländern hielt die Bevölkerung ihre Mittagsruhe. Kein Auto, kein Radiogeheul, keine lauten Stimmen waren zu hören. Selbst die Vögel und die Insekten schienen zu schlafen.

Julia, die an den ständigen Geräuschpegel der Stadt gewöhnt war, registrierte diese angenehme, tiefe Stille eher als störend. Sie vermisste den Stadtlärm. Kurz dachte sie daran, den mitgebrachten Radioapparat zu holen und einzuschalten, aber sie war zu faul, um aufzustehen.

Christine und Sandra hatten ihr Buch neben den Liegestuhl gelegt, ehe sie verschwunden waren. Julia las ein wenig. Doch schon bald ließ sie das Buch sinken. Sie konnte sich nicht auf den Inhalt der Erzählung konzentrieren.

Ihr Blick fiel wieder auf das glänzende, glitzernde Dach der verfallenen Kapelle, und da geschah es erneut.

Alles war mit einem Schlag verändert. Die Kinderstimmen waren wieder zu hören, und der Park hatte sein Aussehen verändert.

Erstaunt richtete sich Julia ein wenig auf. Was war geschehen?

Jetzt kam ein Mann zwischen den Bäumen hervor. Er war groß und schlank und ungemein attraktiv. Dichtes schwarzes Haar lockte sich widerspenstig um sein rassiges, anziehendes Gesicht. Sein kleines Bärtchen wirkte ein wenig grotesk, passte aber sehr gut zu dem Kostüm, das er trug. Es hätte aus einem anderen Jahrhundert sein können.

Komisch, so auffallend gekleidet im Park herumzulaufen! Vielleicht wurde hier irgendwo ein Film gedreht. Oder der junge Mann ging zu Proben für irgendein Heimatfest, bei dem die alten Trachten getragen wurden.

Erst schien es, als würde er auf sie zugehen, doch dann bemerkte sie, dass er einen anderen Weg nahm. Er hatte sie nicht gesehen.

Die Abzweigung, in die der Fremde einbog, hatten Julia und ihre Freundinnen auf ihrem Spaziergang nicht entdeckt. Aber gestern waren ja auch die Wege total verwachsen gewesen. Im Moment schienen sie gepflegt und in einwandfreiem Zustand.

Bald war der Mann ihren Blicken entschwunden. Lange Zeit regte sich nichts. Dann tauchte der Fremde aus der Richtung, in die er gegangen war, begleitet von zwei jungen Frauen, die eifrig auf ihn einredeten, wieder auf.

Auch die beiden Frauen trugen aufwendige Kostüme. Bewundernd betrachtete Julia die Haarpracht der Frauen. Es musste Stunden dauern, bis eine solche Frisur richtig saß. Leider kamen sie nicht näher. Sie gingen in Richtung Herrenhaus.

Als sie etwas später halb eingenickt war, hatte Julia undeutlich das Gefühl, dass sie nicht auf dem weichgepolsterten Liegestuhl, sondern auf Holz lag. Aber sie schlief ein, ohne weiter nachzuforschen.

Christine und Sandra waren bester Laune. Sie berichteten nach jedem Ausflug begeistert, was sie gesehen hatten. Julia ärgerte sich manchmal, dass sie nicht mit ihnen gehen konnte, ließ sich aber nichts anmerken. Die meiste Zeit verbrachte sie faul und schläfrig im Liegestuhl. Sie konnte bereits kurze Strecken zurücklegen. Zwar humpelte sie noch mühsam, hatte aber dabei keine allzu großen Schmerzen. Bald würde sie wieder gehen können.

Wenn ihre Freundinnen anwesend waren, sah der Park verwildert und uralt aus. War sie dagegen allein, veränderte er sich und wirkte gepflegt und sehr ordentlich. Das Ganze wurde ihr langsam unheimlich.

*

Schon am Vormittag des nächsten Tages tauchten die Fremden in ihrer altertümlichen Kleidung wieder auf. Diesmal kamen sie näher heran.

Julia konnte sie ganz deutlich sehen. Ihre alten Kostüme waren großartig, aber es handelte sich ganz offensichtlich nicht um irgendwelche ländlichen Trachten. Eher glichen sie sehr eleganten Kleidern, wie adlige und reiche Leute sie vor Jahrhunderten getragen hatten. Julia konnte nicht sagen, aus welcher Zeit sie stammten. Sie kannte sich leider nicht so genau mit den einzelnen Epochen und Stilrichtungen aus.

Der attraktive junge Mann hatte sie entdeckt. Er winkte erfreut in ihre Richtung und rief ihr etwas zu. Sie konnte ihn nicht verstehen. Höflich hob sie den Arm und winkte lächelnd zurück. Die weiße Spitze ihres Kleides leuchtete im Sonnenlicht.

Darauf wandte sich der junge Mann in Julias Richtung. Eine der beiden Frauen, die ihn auch heute wieder begleiteten, fasste ihn energisch beim Arm und hielt ihn zurück. Sie redete eifrig auf ihn ein und schüttelte mehrmals aufgebracht den Kopf. Worüber sie redeten, konnte Julia nicht verstehen, dazu waren sie zu weit entfernt.

Stunde um Stunde lag sie allein auf der schattigen Terrasse. Die dicke Frau brachte ihr wieder ein sehr schmackhaftes Mittagessen. Danach schlief sie ein.

*

Als sie erwachte, hörte sie Autolärm. Daran erkannte sie, dass sie in der Gegenwart war. Dem Stand der Sonne nach war es später Nachmittag.

Amüsiert dachte sie an die Begegnung mit den Kostümierten zurück. Lächelnd über ihre Fantasie schalt sie sich selbst einen Narren.

Urplötzlich erschrak sie zutiefst. Obwohl sie genau wusste, dass sie am Vormittag nur einen Bikini getragen hatte, war der weiße Ärmel ihres Kleides, als sie ihren Arm hochhob, zurückgerutscht. Sie hatte nicht darauf geachtet. Aber jetzt kam es ihr wieder in den Sinn. Sie sah an sich hinunter.

Nein, sie trug ihren Bikini. »Hirngespinste!«, sagte sie laut.

*

Die Dachspitze der Kapelle zog ihren Blick magisch an. Sie nahm sich vor, noch einmal hinzugehen und diese Ruine genau zu untersuchen, sobald sie ihr Bein wieder belasten durfte.