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Der Liebesroman mit Gänsehauteffekt begeistert alle, die ein Herz für Spannung, Spuk und Liebe haben. Mystik der Extraklasse – das ist das Markenzeichen der beliebten Romanreihe Irrlicht: Werwölfe, Geisterladies, Spukschlösser, Hexen und andere unfassbare Gestalten und Erscheinungen erzeugen wohlige Schaudergefühle. Juliette stapfte in ihren Gummistiefeln durch den Regen. Es regnete seit dem frühen Morgen. Mit einem Nieselregen hatte es angefangen – jetzt goß es wie aus Kübeln. Auch der große Regenschirm konnte nicht all die Wassermassen abhalten. Gut, daß ich meinen schwarzen Lackmantel angezogen habe, dachte Juliette, sonst wäre ich jetzt ziemlich durchnäßt. Sie sah auf ihre Uhr und beschleunigte das Tempo. Herr Carlsen würde sicher schon ungeduldig auf sie warten. Sie hatte ihm versprochen, die Mittagspause nicht über Gebühr auszudehnen, denn er mußte am Nachmittag einen wichtigen Termin wahrnehmen. Ansonsten nahm er es mit ihren Pausen nicht so genau; er war ein nachsichtiger Mensch, und außerdem mochte der ältere Buchhändler seine einzige Angestellte überaus gern. Als Juliette die Eingangstür zu ihrer Buchhandlung aufmachte, empfing sie eine wohlige Wärme. Und das vertraute Glöckchen schlug an. Sie lief schnell zu der gemütlichen Küche im hinteren Teil des Ladens, wo sie den Lackmantel auszog und die Gummistiefel gegen ein paar halbhohe Pumps tauschte. Ja, sie betrachtete die Buchhandlung als ihren Laden, obwohl er ja Herrn Carlsen gehörte. Sie arbeitete hier sehr gerne und betrachtete ihre Arbeitsstätte als ein zweites Zuhause. Die Buchhandlung befand sich in einem alten Flensburger Haus in der Einkaufsstraße. Nicht nur von außen erinnerte der Laden an längst vergangene Zeiten, auch im Inneren fühlte man sich augenblicklich in einer anderen Welt: Kein Zentimeter Wand war ohne ein massives Holzregal, überall standen, lagen oder stapelten sich Bücher. Sie waren nicht immer ordentlich eingereiht, doch das kunterbunte Durcheinander verlieh dem Raum einen lebendigen Charme. Und wenn sich ein Kunde für ein Buch interessierte, konnte er es sich damit auf einem altrosa Plüschsofa gemütlich machen. An der Decke hing ein Kronleuchter, und neben das Sofa hatte Herr Carlsen eine antike Stehlampe mit einem großen güldenen Schirm gestellt. Wer hier in den Laden kam, sollte von einer anheimelnden Atmosphäre eingehüllt werden.
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Juliette stapfte in ihren Gummistiefeln durch den Regen. Es regnete seit dem frühen Morgen. Mit einem Nieselregen hatte es angefangen – jetzt goß es wie aus Kübeln. Auch der große Regenschirm konnte nicht all die Wassermassen abhalten. Gut, daß ich meinen schwarzen Lackmantel angezogen habe, dachte Juliette, sonst wäre ich jetzt ziemlich durchnäßt. Sie sah auf ihre Uhr und beschleunigte das Tempo. Herr Carlsen würde sicher schon ungeduldig auf sie warten. Sie hatte ihm versprochen, die Mittagspause nicht über Gebühr auszudehnen, denn er mußte am Nachmittag einen wichtigen Termin wahrnehmen. Ansonsten nahm er es mit ihren Pausen nicht so genau; er war ein nachsichtiger Mensch, und außerdem mochte der ältere Buchhändler seine einzige Angestellte überaus gern. Als Juliette die Eingangstür zu ihrer Buchhandlung aufmachte, empfing sie eine wohlige Wärme. Und das vertraute Glöckchen schlug an. Sie lief schnell zu der gemütlichen Küche im hinteren Teil des Ladens, wo sie den Lackmantel auszog und die Gummistiefel gegen ein paar halbhohe Pumps tauschte. Ja, sie betrachtete die Buchhandlung als ihren Laden, obwohl er ja Herrn Carlsen gehörte. Sie arbeitete hier sehr gerne und betrachtete ihre Arbeitsstätte als ein zweites Zuhause. Die Buchhandlung befand sich in einem alten Flensburger Haus in der Einkaufsstraße. Nicht nur von außen erinnerte der Laden an längst vergangene Zeiten, auch im Inneren fühlte man sich augenblicklich in einer anderen Welt: Kein Zentimeter Wand war ohne ein massives Holzregal, überall standen, lagen oder stapelten sich Bücher. Sie waren nicht immer ordentlich eingereiht, doch das kunterbunte Durcheinander verlieh dem Raum einen lebendigen Charme. Und wenn sich ein Kunde für ein Buch interessierte, konnte er es sich damit auf einem altrosa Plüschsofa gemütlich machen. An der Decke hing ein Kronleuchter, und neben das Sofa hatte Herr Carlsen eine antike Stehlampe mit einem großen güldenen Schirm gestellt. Wer hier in den Laden kam, sollte von einer anheimelnden Atmosphäre eingehüllt werden.
In der Buchhandlung gab es eine besondere Ecke für ganz spezielle Kunden. Eine Wendeltreppe führte zu einer Empore. Auf der umlaufenden Galerie hatte Herr Carlsen seine kleinen Schätze untergebracht: seltene antiquarische Bücher. In der dunkelsten Nische versteckte sich eine kleine erlesene Sammlung, die durch ein Messingschildchen gekennzeichnet war. In das Schildchen war nur ein Wort eingraviert: »Okkultes«. Diese Nische war Juliettes Lieblingsecke, und dort im obersten Regal befand sich ihr Lieblingsbuch: ein sehr altes Buch mit goldenen Lettern auf dem Einband von einem unbekannten Autor namens A.A.A. Der Titel lautete: »Wünsch dir was!«
Schlug man das Buch auf, stand auf der ersten Seite noch einmal der Titel, versehen mit dem Untertitel »Wie man der Wirklichkeit einen Zauber entlockt«. Blätterte man noch eine Seite weiter, las man ein Zitat des romantischen Dichters Joseph Friedrich von Eichendorff:
Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.
»Juliette, kommen Sie bitte?« rief Herr Carlsen, »ich muß jetzt leider los.«
Juliette ging nach vorne in den Laden und lächelte Herrn Carlsen an. Er sah gar nicht wie ein typischer Buchhändler aus, eher wie ein Seebär. Er hatte ein wettergegerbtes Gesicht. Herr Carlsen hatte zwei Leidenschaften: Bücher und sein Segelboot. Es hatte aber einmal vor vielen, vielen Jahren auch eine ganz große Liebe zu einer Frau gegeben. Darüber sprach er nicht gern. Diese Frau war verheiratet gewesen, sie hatte einem anderen gehört, den sie nie geliebt hatte, konnte ihn aber nicht verlassen. Und dann war diese Frau bei einem Autounfall gestorben. Sie war damals schwanger gewesen, jedoch nicht von ihrem Ehemann, sondern von Herrn Carlsen. Juliette fragte sich manchmal, ob es tatsächlich ein Unfall gewesen war, oder vielleicht Selbstmord, oder vielleicht hatte der Ehemann dieser Frau bei dem Unfall etwas nachgeholfen. Wie dem auch sei, Herr Carlsen hatte keine Kinder und betrachtete Juliette als so etwas wie seine eigene Tochter.
»Sie sehen heute wieder entzückend aus. Wenn Sie Ihr Haar hochstecken, kommt Ihr hübsches Gesicht noch besser zur Geltung.« Herr Carlsen machte seiner einzigen Angestellten oft Komplimente. »Irgendwann kommt ein Mann und schnappt Sie mir weg. Hoffentlich nicht so bald«, seufzte er, »Sie sind weit mehr als meine rechte Hand. So eine Tochter wie Sie hätte ich gerne gehabt. Eine Schönheit mit tiefschwarzen Haaren und blauen Augen. Also mein liebes Schneewittchen«, scherzte er, »passen Sie gut auf den Laden auf, und bleiben Sie mir erhalten. Ich komme heute nachmittag nicht mehr zurück. Sie machen dann auch die Kasse und schließen ab, ja?«
»Natürlich, Herr Carlsen. Sie wissen doch, daß Sie sich auf mich verlassen können.«
Kaum war Herr Carlsen aus der Tür, stieg Juliette die Wendeltreppe hoch zur Empore. Sie zog ihr Lieblingsbuch aus dem Regal, schlug einfach irgendeine Seite auf und las:
Das Glück ist wie ein Schmetterling. Es fliegt durch die Lüfte und läßt hier und dort nieder. Wer es festhalten will, verjagt es, wer es frei fliegen läßt, behält es. Suche nicht das Glück, das Glück kommt zu dir, wenn du dafür bereit bist. Das wahre Glück dringt in dein Herz ein und verwandelt sich dort in eine tiefe Zufriedenheit.
Ja, das Glück, sinnierte Juliette. Eigentlich konnte sie mit ihrem Leben ganz zufrieden sein. Sie hatte eine hübsche kleine Wohnung, einen Beruf, der ihr Spaß machte, einen großzügigen und liebenswürdigen Chef, eine nette Schwester, die mit ihrem Mann und zwei Kindern nicht allzu weit entfernt an der Küste wohnte. Und sie konnte jederzeit bei ihren Eltern in der Provence Urlaub machen. Ihr Vater war Franzose, ihre Mutter Deutsche, und ihre Eltern waren vor fünf Jahren in das milde Klima nach Südfrankreich gezogen. Aber konnte man denn wirklich glücklich sein ohne Liebe? War nicht das höchste Glück auf Erden die Liebe?
Sie hatte schon ein paar Männer, Freunde, Liebhaber – wie immer man sie nennen mochte – gehabt, doch nie war es der Richtige gewesen. Sie wünschte sich so sehnlichst die ganz große Liebe. Sie wollte die alles überwindende Kraft dieser Himmelsmacht erfahren, eine Liebe, die Grenzen sprengt, Raum und Zeit überwindet und etwas Magisches hat. Nur zu gerne würde sie mit der Macht der Gedanken diese Liebe herbeizaubern. Juliette drückte ihr Lieblingsbuch an die Brust und flüsterte dem Buch zu: »Vielleicht kommt eines Tages ein Mann hier in das Geschäft, der dich in die Hand nimmt und in dir liest. Wenn er dich haben will, dann wäre es ein Zeichen, vielleicht sogar ein Zeichen des Himmels. Denn dieser Mann hätte die gleichen Gedanken wie ich, und seine Seele würde meine suchen, und wir würden zueinander finden.«
Am Nachmittag hörte es auf zu regnen, dennoch hielt sich draußen die düstere Stimmung. Kein einziger Sonnenstrahl suchte seinen Weg durch die dicke graue Wolkendecke. Juliette schaute aus dem Fenster. Die Eiche im Innenhof gegenüber trug noch ein grünbraunes Laubkleid, ansonsten hatten Bäume und Sträucher ihre Blätter abgeworfen. Es war ein typischer Novembertag, an dem viele Menschen dazu neigten, melancholisch zu werden.
Es kamen kaum Kunden an diesem Nachmittag, und so sah Juliette die Neuerscheinungen der Verlage durch, um mit Herrn Carlsen gemeinsam entscheiden zu können, welche Bücher sie bestellen wollten. Ich könnte das Schaufenster neu dekorieren, überlegte sie, es sah so gar nicht weihnachtlich und festlich aus. Was wollte sie eigentlich Weihnachten machen? Wahrscheinlich würde sie wieder gemeinsam mit ihrer Schwester, ihrem Schwager und ihren beiden kleinen Nichten feiern. Für die Kinder war das Weihnachtsfest noch sehr aufregend, sie konnten den Heiligabend kaum erwarten. Und was sollte sie allen schenken? Oder sollte sie vielleicht doch zu ihren Eltern in die Provence fliegen? Sie würden sich bestimmt freuen.
Kurz vor Ladenschluß hörte Juliette das Türglöckchen. Sie stand vor einem Regal und ordnete ein paar neue Taschenbücher ein. Ohne Eile drehte sie sich um und sah einen Mann auf sich zukommen. Sie hatte ihn hier noch nie gesehen, er war also kein Stammkunde.
Es waren nur sie und der Mann in der Buchhandlung, doch sie hatte das Gefühl, das Geschäft sei voll. Dieser Mann in seinem schwarzen Ledermantel strahlte eine raumfüllende Präsenz aus. Er lächelte nicht, sein Gesichtsausdruck war ernst. Er fixierte Juliette, seine dunklen Augen schienen ihren Körper zu durchbohren. Sie lächelte ihn an, woraufhin auch er die Mundwinkel ein wenig nach oben verzog. »Guten Abend«, sagte er nun mit einer seltsam sanften Stimme, »ich habe gehört, daß Sie hier auch ein Antiquariat haben.«
»Ja, das stimmt«, antwortete sie, »es ist oben auf der Empore. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.« Und Juliette stieg leichten Schrittes die Wendeltreppe nach oben. Die Absätze ihrer Pumps klackten auf den Holzstufen. Sie wußte nicht, ob er hinter ihr war, sie drehte sich nicht um, aber sie spürte seine Gegenwart, obwohl seine Schritte nicht zu hören waren. Juliette meinte seinen Blick in ihrem Nacken zu fühlen. Sie trug heute ein weinrotes Kleid aus Angorawolle, das ihre schlanke Figur sehr vorteilhaft betonte. Jeder Mann hätte seine Augen auf sie geheftet, doch die Augen dieses Mannes hier schienen Laserblitze auf sie abzuschießen. Ihr Nacken wurde warm, dann sogar brennend heiß. Sie faßte sich mit einer Hand an den Hals, aber der war kühl. Oben angekommen, drehte sie ein wenig den Kopf und nahm ihn aus den Augenwinkeln wahr. Er stand dicht hinter ihr, der Abstand zwischen ihnen beiden betrug weniger als einen Meter. Sie ging zu der antiquarischen Ecke. Er stellte sich neben sie und studierte die Titel auf den Buchrücken. »Interessant«, murmelte er fast selbstvergessen, »Sie haben auch Bücher aus dem Bereich der Magie. Und sehr alte Bücher sind dabei. Ich suche solche Bücher.« Er schaute sie von der Seite an. »Was würden Sie mir denn empfehlen? Haben Sie vielleicht ein besonders interessantes Werk?«
Juliette wollte schon sagen: »Ja, das Buch ›Wünsch dir was!‹, eine seltene kleine Erstauflage, vielleicht das letzte Exemplar, das es überhaupt noch gibt.« Sie hätte ihm erzählen können, daß es eine philosophisch-spirituelle Abhandlung über das Leben und das Glück war, mit einigen Passagen, die einen Ausflug ins Übersinnliche darstellten. Doch sie sagte etwas anderes: »Jeder findet doch etwas anderes interessant. Wenn Sie nach etwas ganz Bestimmtem suchen, müßten Sie mir ein paar Hinweise geben.«
»Ich glaube, ich weiß, was S i e interessant finden«, sagte er auf einmal.
Unmöglich, dachte sie, er kann doch keine Gedanken lesen. Sie schwieg und folgte seinen Augen, die sich von Regal zu Regal nach oben tasteten. »Dort, ganz oben in der Ecke, dieses Buch scheint etwas Besonderes zu sein. Ein anonymer Autor namens A.A.A. Würden Sie mir bitte dieses Buch zeigen?«
Juliettes Herz klopfte. Ihr Nacken wurde immer heißer, ihre Hände waren klebrig-verschwitzt. Sie kletterte die Leiter, die an der hohen Regalwand lehnte, nach oben und hielt sich dabei krampfhaft an den Sprossen fest. Dann zog sie ihr Lieblingsbuch aus
dem Regal und stieg wieder nach unten. Er hielt die Leiter fest und musterte Juliette. Sie reichte ihm wortlos das Buch. Er blätterte kurz darin. Dann lächelte er sie an, und sie glaubte, sich in seinen großen schwarzen Pupillen zu verlieren. »Dieses Buch möchte ich kaufen.«
Sie schluckte. War das möglich? Er wollte ihr Lieblingsbuch haben. Er hatte nicht lange gesucht, er hatte es sofort gefunden. Das war überwältigend... und unheimlich.
Sie gingen zusammen zur Kasse, sie nannte ihm den Preis, einen ziemlich hohen. Er zuckte nicht mit der Wimper und holte drei Hunderter aus seinem Portemonnaie. Sie nahm mit zittrigen Fingern das Geld entgegen und wagte dabei nicht, ihn anzusehen. Sie schaute auf ihre Hände und verabschiedete ihn mit den Worten: »Es ist wirklich ein ganz besonderes Buch. Egal, wie oft Sie darin lesen, Sie werden immer wieder etwas Neues für sich entdecken. Dieses Buch wird nie langweilig.«
»Das hoffe ich doch«, antwortete er und fügte hinzu: »Ich komme wieder. Auf Wiedersehen – bis zum nächsten Mal.«
Als er den Laden verlassen hatte, mußte sie sich auf das Sofa setzen und tief durchatmen. Sie schloß die Augen und versuchte, sich den Mann ins Gedächtnis zu rufen. Er war doch eben noch da gewesen, aber die Bilder, die vor ihr auftauchten, verschwammen. Sie wirbelten durcheinander wie in einem Kaleidoskop. Juliette redete sich gut zu: Konzentrier dich. Versuche, sein Gesicht zu sehen, stelle dir seine Gestalt vor. Doch die diffusen Bilder, die sie vor sich sah, lösten sich immer wieder in einem rotglühenden Feuer auf. Sie wußte nur noch, daß er dunkle durchdringende Augen hatte und mit einem schwarzen Ledermantel bekleidet war. Und sie fragte sich, gleichzeitig sehnsüchtig und ängstlich, was dieses rotglühende Feuer zu bedeuten hatte.
Die Begegnung mit dem geheimnisvollen Fremden ging ihr nicht aus dem Sinn. Selbst im Schlaf suchte sie der Mann heim. Doch sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, die Konturen verschwammen, lösten sich auf und wurden zu einer flackernden Fackel. Er trug einen weiten schwarzen Mantel, eine Art Robe, er breitete darin die Arme aus, und er sprach sehr leise, aber so suggestiv, daß jedes Wort wie ein Pfeil mitten in ihr Herz und ihre Seele trafen: »Warum hast du Angst vor mir? Du bist doch eine neugierige Frau. Du willst doch wissen, was hinter den Dingen steckt. Komm zu mir, meine Liebe, und ich führe dich an Orte und Plätze, die du sonst nie zu sehen bekommst. Mein heller Geist leuchtet die dunkelsten Nischen aus und bringt etwas ans Licht, das jahrelang im Verborgenen geschlummert hat. Komm, Juliette, komm, werde meine Jüngerin, werde meine Schülerin, sei meine Geliebte...«
Seine Stimme wurde zu einem Rauschen, er drehte sich um und flatterte wie eine riesige Fledermaus davon. Juliette schreckte aus dem Schlaf. Ihre Brust war von einem feinen Schweißfilm überzogen, und sie hatte Durst, einen fürchterlichen Durst. Sie stand auf, ging in die Küche und trank hastig eine halbe Flasche Selter. Es war nur ein Traum, beruhigte sie sich, ein Traum ohne jede Bedeutung. Mein Unterbewußtsein hat mir einfach einen Streich gespielt. Dennoch lag sie den Rest der Nacht wach.
Übermüdet erschien sie am nächsten Tag in der Buchhandlung. Herr Carlsen war schon da und begrüßte sie freundlich: »Guten Morgen, Juliette. Heute sieht es ja zum Glück draußen etwas freundlicher aus. Schauen Sie nur, die Sonne kommt sogar heraus. Und wie war der gestrige Nachmittag? Gab es irgendwelche besonderen Vorkommnisse?«
»Ja. Kurz vor Ladenschluß kam ein Mann und hat mein Lieblingsbuch gekauft. ›Wünsch dir was!‹ steht also nicht mehr im Regal.«
»Oh! Und er hat beim Preis nicht das Gesicht verzogen? Welcher Kunde war es denn?«
»Keiner unserer Stammkunden. Ich habe den Mann hier noch nie gesehen. Vielleicht ein Tourist.«
Herr Carlsen klang immer noch überrascht. »Ich hätte nicht gedacht, daß jemand dieses sonderbare Buch kauft. Und es war doch eigentlich auch Ihr Buch. Ich hätte es Ihnen schenken sollen. Jetzt sind Sie sicher traurig, daß es nicht mehr da ist. Nein, meine Liebe, das war sicher kein Tourist. Welcher Tourist verirrt sich schon im November hierher? Und welcher Tourist kauft ein solches Buch? War es denn ein alter oder ein junger Mann?«
Juliette versuchte, sich an sein Alter zu erinnern. Wie alt war er gewesen? Sie wußte es nicht, nicht einmal annähernd. War er groß oder klein gewesen, hübsch oder häßlich? Und so sagte sie: »Ich hab’ ihn mir gar nicht richtig angeschaut. Ich kann ihn nicht beschreiben. Aber er hat gesagt, daß er wiederkommen wird.«
Nun wurde Herr Carlsen aufgeregt. »Interessant, sehr interessant. Ein Mensch, der sich für solche Bücher begeistert, ist ein besonderer Mensch. Ich kann ihm sicher bei seiner Suche nach seltenen Exemplaren behilflich sein. Diese Sorte Kunde ist mir am liebsten.«
Im Laufe des Tages legte sich Juliettes innere Unruhe, und in der Nacht schlief sie tief und fest.
Die Tage vergingen, und der ominöse Kunde ließ sich nicht mehr blicken. Juliette war einerseits enttäuscht, andererseits auch froh. Die alte Ruhe war wieder eingekehrt.
Doch dann, es war Mitte November und sie war wie das erste Mal allein in der Buchhandlung, tauchte er auf, wieder kurz vor Ladenschluß, wiederum in seinem schwarzen Ledermantel. Juliette bekam sofort Herzklopfen. Zwing dich dazu, ihn anzusehen, ermahnte sie sich, präge dir ein, wie er aussieht. Und sie richtete ihren Blick auf ihn, während ihr Herz immer lauter pochte. Diese Augen! Die durchdringenden braunen Augen nahm sie als erstes wahr. Und er lächelte dieses Mal, es war ein ironisches Lächeln. »Guten Abend, Mademoiselle«, sagte er, »da bin ich wieder. Ich habe Ihnen ja versprochen, daß ich wiederkomme. Und ich werde gleich auf die Empore steigen.« Er trat ganz dicht an sie heran und fragte: »Haben Sie ein Buch über außergewöhnliche Bewußtseinszustände, etwas über Ekstase oder vielleicht Hexerei? Witchcraft... Sie verstehen schon.«
Nein, sie verstand nicht, außerdem war ihr Innerstes in Aufruhr. Dennoch schaffte sie es zu sagen. »Wir haben etwas über die Hexenverfolgung im Mittelalter. Was für eine Ekstase meinen Sie? Trancezustände, geistige Höhenflüge oder eher ein körperliches Losgelöstsein?«
»Alles, Mademoiselle Blanchet, alles. Ich meine alles zusammen. Wollen Sie mit mir hochkommen?«
Nein, das schaffte sie jetzt nicht. Sie schaffte es nicht einmal, ihn direkt anzusehen, und sie stützte sich auf dem Tresen auf. »Schauen Sie sich ruhig erst mal alleine um. Rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen.«
Er stieg die Wendeltreppe nach oben. Sie sah ihm hinterher. Ein mittelgroßer, sehniger Mann mit vollem dunkelbraunem Haar, allerdings schon grau durchwirkt. Sie schätzte ihn auf Mitte Vierzig. Er hatte markante, fast schon scharfe Gesichtszüge, eine fleischige Nase und einen sehr sinnlichen Mund. Er ist bestimmt 15 Jahre älter als ich, dachte Juliette, er ist ein erfahrener Mann. Aber woher, um Himmels willen, wußte er ihren Nachnamen? Und warum redete er sie mit Mademoiselle und nicht mit Madame an? Wußte er auch, daß sie unverheiratet war?
Er blieb eine halbe Stunde oben auf der Galerie und kam dann ohne Buch zurück. »Dieses Mal bin ich nicht fündig geworden. Schade.« Er hatte keinerlei Scheu, ihr in die Augen zu schauen, sein Blick hatte fast etwas Frivoles. »Oh, es tut mir leid, daß ich mich da oben so lange verlustiert habe. Sie wollten sicher schon schließen?«
»Ach, auf eine Viertelstunde länger kommt es nicht an. Unsere Kunden sollen in Ruhe stöbern können.« Juliette nestelte nervös an ihrer Perlenkette herum.
Er beugte sich über den Tresen und lächelte sie verführerisch an. »Ich finde, ich sollte Sie jetzt zu einem Tee oder Kaffee einladen. Und wir reden dabei über Bücher, in aller Ruhe. Ich bin Ihnen etwas schuldig.«
Sie hatte Angst, »ja« zu sagen. Er merkte ihr Zögern. »Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben, ich bin kein böser Mann, ganz bestimmt nicht. Ich bin einfach ein Büchernarr auf der Suche nach Kostbarkeiten, und ich unterhalte mich eben gern mit hübschen jungen Damen, insbesondere, wenn sie im Buchgewerbe tätig sind. Lassen Sie uns in ein gemütliches Café gehen, ja? Bitte, sagen Sie nicht nein. Ich würde mich sehr, sehr freuen, wenn Sie meine Einladung annehmen.« Seine Stimme klang weich und melodisch, sie schmeichelte Juliettes Seele. Und so sagte sie: »Na gut, aber ich habe nicht allzu lange Zeit. Nur ein Stündchen.«
Er strahlte: »Ja, ein kleines Stündchen ist doch besser als gar nichts.«
Sie liefen schweigend zu einem kleinen Café in der Nähe der Buchhandlung und setzten sich an ein rundes Tischchen ans Fenster. Sie beide bestellten einen Tee.
»Ich trinke sehr gern Tee«, erklärte er, »ich bin sowieso ein anglophiler Typ und mag England über alles. Ich habe lange dort gelebt, und ich spreche Englisch mindestens genauso gut wie Deutsch. Waren Sie schon einmal in England?«
»Leider nicht.«
»Dann müssen Sie mich einmal dorthin begleiten.« Er sah ihr tief in die Augen. »Ja, das müssen Sie. Es wird Ihnen dort gefallen.«
