Gefährliche Spiele - Maren Pusch - E-Book

Gefährliche Spiele E-Book

Maren Pusch

4,7

Beschreibung

Lies ist genervt. Das "Stormbarger Heavy Rock" steht vor der Tür und ausgerechnet jetzt will ihr Exfreund sie zurück! Und dann dieser gruselige Van mit den abgeklebten Nummernschildern, der ihr schon vor Tagen aufgefallen ist... Auch JB hat schon bessere Zeiten erlebt. Super Job, aber in seinem Privatleben jagt eine persönliche Katastrophe die nächste. Völlig am Ende, bricht er ein Versprechen und löst damit eine Lawine von unfassbaren Ereignissen aus, die nicht mehr aufzuhalten sind... Und Chicks? In Florida macht der Bad Boy seinem Namen alle Ehre. Bis er einen Auftrag erhält, der ihn völlig aus der Bahn wirft. Nichts... Aber auch gar nichts wird jemals wieder so sein, wie es einmal war... Nach dem ersten Band "Trau dich" aus der Reihe "Gefährliche Spiele" folgt nun der zweite nervenaufreibende Teil rund um die rotzfreche junge-Leute-Erzählung von der Autorin Maren Pusch aus Dithmarschen

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 347

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Für Sandra

Den Sprung von einer Kurzgeschichte in ein Buch hätten Chicks, JB und Lies ohne Dich niemals geschafft.

Danke!

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Chicks stellte die Dusche ab, öffnete die Kabine und angelte nach einem Handtuch.

Dass er nach einer so anstrengenden Nacht schon wach war, konnte er sich selbst nicht ganz erklären. Aber irgendetwas hatte ihn geweckt und der Schlaf war einfach nicht zu ihm zurückgekehrt.

Nachlässig trocknete er sich ab, rubbelte kurz über seinen hellen Schopf und wand sich das weiße Frotteehandtuch um die Hüfte. Noch etwas tropfend und mit nassen Füssen tapste er über die Fliesen zu dem riesigen Spiegel über dem Waschbecken.

Er betrachtete sich.

Auch wenn er sich noch recht übernächtigt fühlte, so konnte man in seinem Gesicht nichts davon entdecken. Tatsächlich wirkte er frisch und ausgeruht. Miamis Sonne hatte der natürlichen Bräune, die er von seinem Vater geerbt hatte, innerhalb von einem Jahr tüchtig auf die Sprünge geholfen und ließ sowohl die Augen, als auch das ohnehin schon recht ausgeblichene Haar noch heller erscheinen. Das tägliche Training, das eine Mischung aus Boxen, Free Fight und Body Building darstellte, hatte die Muskeln gestählt und ließ wahrscheinlich so ziemlich jeden Surferboy oder Möchtegernmuskelmann vor Neid erblassen.

Er zuckte die Achseln.

Die Ästhetik war nur ein willkommener Nebeneffekt. Sein Job verlangte einen voll funktionsfähigen und geschickten Körper. Auch wenn er sich kaum noch beweisen musste, sollte doch jeder auf einen Blick sehen können, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen war.

Sein Dad war sehr zufrieden damit, dass er die Geschäfte wieder in die Hand genommen hatte. Und das, obwohl er noch im vorangegangenen Jahr stinkwütend reagiert hatte, als Chicks bester Freund Jan Bacher in letzter Sekunde das Jobangebot ausgeschlagen hatte. Glücklicherweise war nach kurzer, intensiver Suche ein Ersatz gefunden, der immerhin fast genauso gute Referenzen mitbrachte. Wobei das „fast“ seinem Vater natürlich tunlichst verschwiegen worden war. Es gab definitiv Niemanden, der Chicks Kumpel beim Hacken oder generell bei der EDV das Wasser reichen konnte. Aber das musste man einem Richard Robinson ja nicht unbedingt auf die Nase binden.

Leise seufzend strich er sich eine lange Strähne hinters Ohr und verließ das Bad. Die Tür führte ihn direkt in das Schlafzimmer des Penthouseapartments.

Eben noch mit der festen Absicht, den Raum einfach zu durchqueren, verhielt er im Schritt. Fast wie von selbst glitt sein Blick eine Etage tiefer.

Auf dem 2 x 2 Meter Bett schlief seelenruhig eine nackte Schöne. Ihre langen, roten Locken waren über das schwarze Satinkissen ausgebreitet und hatten auf diese Weise etwas Engelhaftes und zugleich Teuflisches an sich.

Chicks lächelte.

Die gleichfarbige, hauchdünne Decke war bis zu ihrer Taille hinuntergerutscht und entblößte, da sie auf dem Rücken lag, einen ausgesprochen hübschen Busen.

Er gab ein wohlgefälliges Zischen von sich.

Nun ja, wie bereits erwähnt… es war eine anstrengende Nacht.

Die Frau war die Tochter des hiesigen Polizeichefs, was ein echter Witz war, da er sich ja nun nicht gerade auf der richtigen Seite des Gesetzes befand. Außerdem war sie mit einem Geschäftsmann verheiratet der, wie sollte es auch anders sein, momentan auf einer Geschäftsreise in Tokio war. Aber vielleicht war es ja gerade das, was den Reiz ausmachte.

Chicks legte den Kopf schief und schürzte die Lippen.

Oder vielleicht waren es ihre roten Haare. Leider waren sie nur gefärbt. Doch der Ton stimmte fast mit dem wunderschönen, dunklen Kupfer überein, den er bei seiner verstorbenen Mutter so geliebt hatte.

Er hatte die attraktive Strohwitwe das erste Mal im Country Club gesehen. Ein Ort, an dem er sich nur blicken ließ, wenn er Geschäftliches für Richard zu erledigen hatte.

Normalerweise hasste Chicks es, sich für dieses dämliche Reichenetablissement herauszuputzen und sich in einen piekfeinen Anzug zu schmeißen. Denn das geschah alles nur, um einem dieser dämlichen Wichser freundlich, aber bestimmt Konsequenzen anzudrohen, wenn dieser nicht in der Lage oder gewillt war, die Schutzgelder oder die erhaltene Ware zu bezahlen. Doch sein alter Herr bevorzugte nun einmal eine gewisse Art von Stil. An jenem Abend zeigte sich dann, dass sich diese Herangehensweise durchaus auch bezahlt machen konnte. Die Braut hatte sofort angebissen und war schon bei ihrer zweiten Begegnung mit ihm ins Bett gegangen.

Eigentlich viel zu einfach.

Er hatte sie jetzt schon das dritte Mal mit nach Hause genommen. Und das obwohl er immer ziemlich schnell dazu neigte, sich mit einer steten Partnerin zu langweilen. Allerdings erwies sich diese hier als angenehm erfahren und unkompliziert. Es sprach also nichts dagegen, ihrem verführerischen Anblick noch einmal nachzugeben.

… oder vielleicht auch zweimal…

Chicks grinste.

Später. Schließlich war es auch für sie eine anstrengende Nacht gewesen. Es wäre nur höflich Sharon, Shanice, Sheila… oder so ähnlich… wenigstens ausschlafen zu lassen.

Er warf ihr eine Kusshand zu, verließ leise den Raum und begab sich in die Wohnstube. Dort hatte er sich ähnlich ausgetobt wie in seiner Studentenbude in Deutschland. Alles war mehr oder weniger in Schwarzweiß gehalten und alles diente eher dem Zweck, denn der Gemütlichkeit.

Mit Schwung warf er sich auf das Ledersofa und schnappte sich den Laptop.

JB spukte ihm im Kopf herum. Es war verdammt lange her, dass er etwas von seinem Kumpel gehört hatte und irgendwie vermisste er ihn. Natürlich war er im Grunde froh gewesen, dass JB sich gegen Miami entschieden hatte. Zu jenem Zeitpunkt war ihm allerdings auch noch nicht bewusst gewesen, wie sehr er sich an ihre Abende im Mikeys und sogar an ihre regelmäßigen Streitereien gewöhnt hatte. Zuletzt waren sie vor einem halben Jahr über Facebook in Kontakt getreten und hatten miteinander gechattet. Er schnaubte.

Scheiße, Mann. Das ist schon sooo lange her!

Aber sie hatten aufgrund ihrer Jobs nur noch wenig Zeit füreinander.

Kurz nach ihrem Studium hatte J sich als IT-Projektleiter für Software Entwicklungsprojekte beworben. Die Firma hatte 3 bis 5 Jahre Berufserfahrung oder zumindest Erfahrung in der Entwicklung von Softwareprogrammen vorausgesetzt. JB, der natürlich keines von beidem vorzuweisen hatte, überzeugte einfach durch Können. Noch bevor er überhaupt in das Büro des Personalchefs gerufen werden konnte, bekam er auf dem Flur mit, wie sich zwei Angestellte an einer hauseigenen, neu installierten Software die Zähne ausbissen. J war einfach aufgestanden, hatte die beiden Kerle zur Seite geschoben und hatte sich selbst ans Keyboard gesetzt. Der Fehler war in einer halben Minute erkannt und geknackt. J hatte den Job. Jetzt reiste er in ganz Deutschland umher, beriet Kunden der Firma, half bei der Entwicklung und hatte eine ganze Menge Leute unter sich.

Chicks startete das MacBook, loggte sich bei Facebook ein und seufzte enttäuscht.

Natürlich war JB nicht online. Wäre ja auch zu schön gewesen. Trotzdem ging er auf dessen Seite. Das Profilbild war verändert. Ziemlich ordentlich und geschäftsmäßig lächelte J in die Kamera. Passte eigentlich gar nicht wirklich zu ihm. Wenn Chicks an die Nächte dachte, die er gemeinsam mit diesem Kerl Kiel unsicher gemacht hatte, drängte sich ihm da doch ein völlig anderes Bild auf.

Mit einem wehmütigen Lächeln scrollte er weiter.

Tja, das erforderte wohl der schrecklich seriöse und anständige Beruf.

Zufällig fiel sein Blick auf die Liste der Veranstaltungen, an denen J teilnehmen wollte.

Stormbarg! Wie geil ist das denn?

Kurz sah er auf das Datum, das in der PC-Leiste eingeblendet war. Das hatte er völlig vergessen. Die Zeit, die er in Schleswig-Holstein verbracht hatte, war jedes Jahr von dem Stormbarger Heavy Rock gekrönt worden. Eines der größten Open Air Festivals in Europa, das sich mit etwas härteren Klängen befasste… und es fand am kommenden Wochenende statt!

Chicks ließ geräuschvoll die Luft aus der Lunge entweichen und schob sich ein paar Haare aus der Stirn.

Wie gern würde er noch einmal daran teilnehmen. J würde sich sicher die Zeit nehmen, um dort zu sein.

Neugierig ging er auf den angebotenen Link, um zu schauen, welche Bands kommen würden. Iron Maiden, Megadeath, Papa Roach, Gamma Ray…

Mann, die Liste las sich wirklich richtig gut. Aber die Woche war leider schon restlos verplant. Sein alter Herr konnte manchmal ziemlich gnadenlos sein mit all den Aufträgen.

Seufzend ging er wieder zurück auf J´s Seite und stolperte in dessen Familienliste mehr zufällig über rote Haare. Ohne wirklich darüber nachzudenken, klickte er das Bild an und landete auf der Seite von einer bildhübschen jungen Frau. Regelrecht schockiert studierte er die ihm nicht ganz unbekannten Gesichtszüge.

Vor etwa 1 ½ Jahren hatte er dieses Mädchen kennengelernt. Sie waren sich nur zweimal begegnet. Dann nie wieder. Jedenfalls nicht persönlich. Das hatte ihr Bruder zu verhindern gewusst. Dummerweise war sie gerade dadurch für ihn zu etwas Besonderem geworden und hatte einen ziemlich hohen Platz in seiner „was-mich-brennend-interessiert-“ und „will-ich-unbedingt-haben-Rangliste“ eingebracht.

Während der restlichen Zeit, die er noch in Schleswig-Holstein verbracht hatte, war er häufig ihren elektronischen Fußspuren durchs Netz gefolgt. Und mehr als einmal war er dabei versucht gewesen, zufällig bei einer Veranstaltung aufzutauchen, an der sie laut MeinVZ oder Facebook hatte teilnehmen wollen. Letztendlich hatte er es nicht getan. Tatsächlich blieb sie das einzige Mädchen in Deutschland, das ihm im sprichwörtlichen Sinne durch die Lappen gegangen war.

Aber verdammt!

Auch wenn er sie hier in Amerika sinnigerweise aus seinen alltäglichen Gedanken hatte verbannen müssen… Wie, zum Henker, hatte er nur schon wieder vergessen können, was für ein außergewöhnlich hübsches Ding diese kleine Wildkatze war?!

Völlig ungläubig schüttelte Chicks den Kopf.

Donnerwetter! Elisa Bacher! Richtig erwachsen bist du geworden… Wow!

Erst jetzt entdeckte er, dass die Freundschaftsanfrage an sie noch immer lief. Sie hatte ihr nie zugestimmt und er hatte sie nie zurückgenommen.

Er gab ein belustigtes Schnauben von sich und ging auf ihre Profilinformationen.

Viel gab es da für ihn als „Nichtfreund“ nicht zu sehen. Natürlich wäre es nur eine Fingerübung, ihren Account zu hacken.

Naja…

Er lächelte in sich hinein…

… und das erste Mal wäre es wohl auch nicht...

Aber wozu? Der Ort, in dem sie wohnte und ihr Geburtstag am 25. Februar reichten ihm völlig aus, um das herauszufinden, was er in diesem Moment wissen wollte. Noch immer würde er sie dort vorfinden, wo er sie zurückgelassen hatte.

Und…

Chicks Lächeln wurde zu einem schiefen Grinsen.

Fast 18...

Sollte sie ihm jetzt noch einmal über den Weg laufen…

Aber es war müßig über Dinge nachzudenken, die nicht geschehen würden. Schließlich war er in Amerika, und ob und wann er wieder mal nach Deutschland kommen würde, stand in den Sternen. Außerdem…

Chicks wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als sich die Schlafzimmertür öffnete. Mit einem beiläufigen Mausklick schickte er die aufgerufene Seite in die Leiste und sah auf. Wenn man eine Frau zu Besuch hatte, war es doch eher unhöflich sich eine Andere im Netz anzuschauen.

Die Rothaarige hatte sich die dünne Bettdecke um den nackten Körper geschlungen und sah in ihrer leicht verwirrten Schlaftrunkenheit fast noch verführerischer aus, als kurz zuvor auf dem Bett.

Chicks hob mit mehr als nur ein bisschen Interesse eine Augenbraue.

„Warum bist du denn schon wach?“ fragte sie in ihrem texanisch angehauchten Englisch und fuhr sich mit den Fingern durch ihr verwuscheltes Haar. Ihre Stimme klang hübsch unschuldig und auch ihre gesamte Haltung erinnerte eher an die eines Schulmädchens, als an die einer Erwachsenen. Durchaus bemerkenswert, da er wusste, dass sie mindestens Mitte oder wahrscheinlicher schon Ende Dreißig war. Und es war genau das, was er in diesem Augenblick mehr als alles andere gebrauchen konnte.

Ohne Umschweife klappte er das MacBook zu, stellte es auf den Tisch und stand vom Sofa auf. Kaum dass die Frau realisiert hatte, was er wollte, knurrte er ziemlich vulgär: „Komm her, du geile Sau!“ und hatte sie sich auch schon geschnappt. Rücksichtslos drehte er sie mit dem Rücken zu sich und presste sie mit seinem muskulösen Körper gegen die Wand.

„Uh…“ machte sie. Man konnte das Lächeln in diesem einen Wort hören. Es klang, als wäre ihr die derbe Spontaneität durchaus willkommen.

„Gut!“ dachte er in grimmigem Verlangen. „Scheiß was auf Blümchensex!“

Chicks ließ das Handtuch fallen und zerrte ihr das Laken aus den Händen. Schon im nächsten Moment ging er etwas in die Knie und spreizte ihre Beine gerade so weit, dass er in sie eindringen konnte. Mit der Linken umfasste er ihre Taille und versenkte seine steil aufgerichtete Männlichkeit mit einem heftigen Stoß zwischen ihren Schenkeln.

Sie stieß einen kleinen Schrei aus, der irgendwo zwischen Wohlgefallen und Schmerz angesiedelt war.

Er ächzte genussvoll.

Die Stellung machte sie herrlich eng und ihm war sehr wohl bewusst, dass er ihr wahrscheinlich wehgetan hatte. Aber selbst wenn es so war, so konnte man es ihr schon nicht mehr anmerken. Im Gegenteil, sie bog ihren Rücken durch und stützte sich mit ihren Handflächen an der weiß gestrichenen Tapete ab. Stöhnend warf sie ihren Kopf zurück und verteilte auf diese Weise ihre duftende, rote Mähne über seinen gesamten Brustkorb.

Geil!

Er vögelte sie hart, während er ihren Körper wie einen Besitz mit beiden Armen fest an sich drückte. Zunge und Zähne spielten nicht gerade sanft mit ihrem Ohr und ihrem Hals. Zufrieden registrierte er, dass die raue Vorgehensweise von immer lauter werdenden, hemmungslosen und ursprünglichen Lauten ihrerseits belohnt wurde.

Ihre Fingernägel bohrten eine sichtbare Spur in die weiche Wandoberfläche. Er lächelte wölfisch. Das kleine Flittchen genoss sichtlich, was er mit ihr tat.

Vielleicht sollte ich sie tatsächlich noch eine Weile behalten. Das scheint noch ausbaufähig zu sein…

Seine Rechte löste sich von ihrem Oberkörper und glitt hinunter zu ihrem Arsch. Besitzergreifend strich er über die seidige Haut ihrer prallen Pobacken. „Gefällt dir das?“ flüsterte er in ihr Ohr und genoss den Schauer der Erregung, der spürbar durch sie hindurch lief. Ihre vermutlich positive Antwort ging in einem Handyklingeln unter.

Chicks fluchte auf Deutsch: „Verdammte Scheiße!!! Welcher verfickte Drecksack stört?!!!“ Abrupt ließ er sie los und zog sich aus ihr zurück.

Die Frau stieß einen kleinen, entrüsteten Schrei aus und versuchte ihn festzuhalten. „Geh nicht ran! Du kannst doch jetzt nicht aufhören!!!“

Aber ihr Protest fand kein Gehör. Vor sich hin schimpfend griff er nach dem penetrant klingelnden Handy. Die derbe Flucherei fand ein jähes Ende, als er die Nummer auf dem Display erkannte. „Boss? Was gibt es?!“ meldete er sich mit völlig normaler Stimme, ihr war keine Emotion mehr zu entnehmen.

Richard Robinson hielt sich nicht erst mit einer Begrüßung auf und bellte befehlsgewohnt: „Es geht um Bacher! Ich erwarte dich in einer halben Stunde!“ Es klickte in der Leitung. Richard hatte aufgelegt.

Chicks starrte das Handy an.

Heilige Scheiße! Was hat J getan???!

„Was ist los?“ hörte er die besorgte Frage der Rothaarigen. „Wer war das?“ Sie hatte das Bettlaken wieder vom Boden aufgehoben und sich erneut darin eingewickelt. Jetzt trat sie mit gerunzelter Stirn auf ihn zu.

Er beachtete sie überhaupt nicht, suchte in fieberhafter Eile seine Klamotten zusammen und sprang schnell hinein.

„He!“ rief sie, langsam ungeduldig. „Redest du nicht mehr mit mir?!“ Die Frau berührte seinen Arm.

Unwillig schüttelte er sie ab und knöpfte sich das Hemd zu. „Verschwinde! Ich habe keine Zeit mehr!“

Hätte er sie geschlagen, sie hätte nicht überraschter und erschütterter aussehen können. „Aber wir haben doch gerade…“

Chicks schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab und ergänzte absichtlich grob: „Gefickt! Ja und?! Kein Grund hier so rumzujammern! Ich muss gehen! Jetzt!“ Noch im Laufen angelte er sich eine kurze Lederjacke von dem Garderobenhaken und öffnete die Tür des Appartements. Kurz sah er zu der Frau zurück, die allem Anschein nach unter Schock stand. In einem ausgesucht freundlichen Ton bemerkte er: „Es war nett mit dir. Aber mehr auch nicht. Wenn dein Mann mal wieder auf Geschäftsreise ist, frag doch jemand anderen, der es dir besorgen kann, ja? Ach und zieh bitte die Tür hinter dir zu, wenn du gehst.“ Dann trat er hinaus auf den Flur und die Appartementtür knallte mit einem endgültigen Geräusch ins Schloss.

Tja, das mit dem Behalten hat sich dann wohl erledigt…

Nach diesem Auftritt würde sie sich sicher nie wieder in seinen vier Wänden blicken lassen. Er seufzte und eilte, als der Lift nicht sofort kommen wollte, die Treppen hinunter.

Natürlich gab es auch freundlichere Methoden, jemanden abzuservieren und unter normalen Umständen hätte er sich für sie etwas Besseres einfallen lassen. Allein wegen ihrer netten Art wäre das angebracht gewesen. Aber er hatte keine Zeit! Ein fieses Verhalten und eine derbe Wortwahl waren wenigstens schnell und effektiv. Und J war verdammt noch mal wichtiger als die Gefühle irgendeiner Tussi.

Das Anwesen von Richard Robinson verfügte in etwa über einen Überwachungsstandart wie Fort Knox. Im Grunde war es eine Schande, dass nicht jeder einen Blick auf die Herrlichkeit werfen konnte, aber Chicks Vater bestand darauf, alles was er besaß vor jedem Fremden zu schützen und zu verbergen.

Das riesige Haupthaus war wie eine mexikanische Hazienda angelegt, in fröhlichen, hellen Farben gestrichen und bestand aus einem mehrere tausend Quadratmeter wunderhübsch angelegten Garten. Es gab sogar einen Springbrunnen. Diese phantastische Anlage bekam nur zu Gesicht, wer vom Big Boss persönlich eingeladen wurde. All die Herrlichkeit war von einer etwa 3,50 m hohen, saftig grünen Hecke umgeben, die zur Straße hin noch von einem Zaun etwa gleicher Höhe aus Stahl verstärkt wurde. Seine Krone bestand aus gerolltem Stacheldraht und sah mit Recht nicht besonders vertrauenerweckend aus. Natürlich gab es auch jede Menge Kameras, die sogar die Machenschaften des Hauseigenen Maulwurfs akribisch dokumentierten und etwa sechs Rottweiler, die absolut keinen Spaß verstanden. Das Haupttor bestand aus wirklich hübschen Schmiedeeisernen Schnörkeln und war über Tag meist geöffnet. Allerdings standen immer zwei nicht besonders freundlich aussehende Typen mit einer netten Auswahl an Schusswaffen daneben und ließen einen nur passieren, wenn sie überzeugt waren, dass das auch im Sinne von Richard Robinson war.

Sogar Chicks hatten sie einmal nicht durchlassen wollen, weil er nicht auf der „Liste“ gestanden hatte. Da die beiden Jungs aber üblicherweise an ihrer Gesundheit hingen und sein alter Herr an jenem Tag Probleme gehabt hatte, schnell einen Ersatz für sie zu finden, war ihnen dieser dumme Fehler nur ein einziges Mal unterlaufen.

Nun hatte Chicks also wieder einmal all diese Sicherheitsvorkehrungen passiert und stand in einem etwa 40 Quadratmeter großen Zimmer, dass sein Vater Büro nannte.

An den Wänden hingen neben mehreren, eher unbedeutenden zeitgenössischen Kunstwerken sogar ein echter Renoir und eine Skizze von Leonardo da Vinci höchstpersönlich.

Chicks wollte gar nicht so genau wissen, wie zum Teufel Richard an diese seltenen und mit Sicherheit unglaublich teuren Exemplare gekommen war. Von dem finanziellen Wert mal abgesehen, gefielen sie ihm sowieso nicht besonders.

Was allerdings die Möbel anging, so war deutlich zu erkennen, von wem er den Geschmack geerbt hatte. Richard schien Chicks Faible für Schwarzweiß zu teilen. Sessel und Couchgarnitur waren individuell aus exquisitem, schwarzen Leder angefertigt und der riesige Schreibtisch, an dem es sich sein Vater gemütlich gemacht hatte, war aus sehr dunklem, fast schwarzem Tropenholz. Mehrere flauschige, weiße Läufer, Vorhänge und sogar Aktenordner in gleicher Farbe rundeten das etwas exzentrische Bild ab.

Sein alter Herr hatte sich in dem bequem aussehenden Bürosessel zurückgelehnt und streichelte beiläufig über eine der weißen Akten, die scheinbar zufällig unter seine kräftigen Finger geraten war. Der Mann hatte in etwa die gleiche Statur und Größe wie Chicks. Das markante, männliche Gesicht wirkte ruhig und beherrscht, ja fast freundlich. Nicht einmal die grauen Augen, die in Form und Helligkeit den seinen so ähnlich waren, verrieten, was hinter der Stirn vor sich ging. Jemand der ihn nicht kannte, hätte sicher nicht einmal vermutet, dass Ärger in der Luft lag.

Chicks wusste es besser.

Allein die Art und Weise, wie Richard über die Akte strich, sagte ihm mehr als tausend Worte. Er selbst beherrschte dieses Spiel zu gut, als dass ihm nicht klar gewesen wäre, dass sein Vater kurz davor war, einen Mord zu begehen. Kein Scherz! Wirklich im wörtlichen Sinne.

Äußerst beunruhigend und für Chicks Grund genug, auf der Hut zu sein. Also setzte er eine ähnlich unverbindliche Miene auf.

Wie erwartet hielt sich Richard nicht einmal mit einer Begrüßung auf und drückte ihm sofort die weiße Mappe in die Hände.

Langsam senkte Chicks den Blick und schlug den Deckel auf.

J, mein Alter, was hast du getan?

Schon auf der ersten Seite entdeckte er den Artikel:

NEUER IMPFSTOFF GEGEN BAUCHSPEICHELDRÜSENKREBS TÖDLICH?

Bezug nehmend auf den neuen Impfstoff gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs, der seit dem 01.07.2010 den Markt erobert, sprach Miami New Times mit einem anonymen Zeugen, der behauptet, der neue Impfstoff „Pankreatin“ sei lebensgefährlich für betroffene Patienten. Er behauptet sogar, Beweise liefern zu können. Leider lagen diese bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Aber wir bleiben dran an dieser unglaublichen Story. Miami New Times wird Bericht erstatten, sobald es etwas Neues über diesen neuerlichen Medikamentenskandal zu hören gibt.

Kevin Blocks für Miami New Times

Es war nur eine kleine Randnotiz in der Tageszeitung, die sich immer wieder gerne für jeden Skandal erwärmen ließ. Und wahrscheinlich hatten die wenigsten Menschen überhaupt Notiz von dieser Minimeldung genommen. Aber Chicks kapierte natürlich sofort, was sein Vater ihm damit sagen wollte und war völlig entsetzt über J´s Dummheit.

Scheiße, Alter! Hast du völlig den Verstand verloren???!!!

Das Gesicht unbewegt, gab er Richard die Mappe zurück und fragte betont ahnungslos: „Was willst du damit sagen?“

Dieser verzog die Lippen zu einem harten, schmalen Strich und öffnete den Ordner an einer anderen Stelle. „Setz dich.“ befahl er freundlich, aber bestimmt.

Chicks tat wie ihm geheißen und nahm in dem Sessel vor dem Schreibtisch Platz.

Richard drehte das verschwommene Schwarzweißbild so herum, dass sein Sohn einen guten Blick darauf erhielt.

Chicks vermutete, dass es sich um das Foto einer Überwachungskamera handelte, denn es zeigte, trotz der schlechten Qualität zwei Männer, die dem Reporter von der Miami New Times und seinem besten Kumpel J ziemlich ähnlich sahen. Schon früher hatte er mit Kevin Blocks zu tun gehabt und kannte diese kleine, neugierige Ratte besser als ihm lieb war. Selbst wenn JB mittlerweile kalte Füße bekommen haben sollte, dieser Sauhund würde nicht locker lassen und alles aus ihm herausquetschen, was ging.

Fuck! Fuck! Fuck!!!

Scheinbar gelassen blickte er seinem alten Herren in die zwischenzeitlich schmal zusammengekniffenen Augen.

„Bacher arbeitet in Deutschland. Warum sollte er sich die Mühe machen, nach Miami zu reisen?“ Er hob eine Augenbraue. „Der Kerl auf diesem Foto könnte jeder sein. Es beweist meiner Meinung nach gar nichts!“

Richard ließ sich von einem kleinen Käfer ablenken und verfolgte mit scheinbar großem Interesse dessen Flug, der letztlich auf den Rahmen einer der Bilder endete. Als er Chicks wieder ansah, imitierte er den Gesichtsausdruck seines Sohnes, zog ebenfalls eine Augenbraue hoch und beugte sich mit locker auf dem Schreibtisch überkreuzten Armen zu ihm herüber. „Verkauf mich nicht für dumm! Dieses Foto beweist alles!“ Die Stimme blieb völlig ruhig und kultiviert. „Dieses kleine, deutsche Arschloch hat sich im letzten Jahr die Daten aus dem Forschungsinstitut in Kiel kopiert und denkt nun, dass er mich ficken kann…“ Er lächelte böse. „Aber ich denke, den Zahn können wir ihm ziehen. Meinst du nicht auch, Sohn?“

„Sicher.“ Chicks Ton blieb ebenso ruhig wie der seines Vaters, aber in seinem Inneren war der Teufel los.

Oh, J, oh, J! Du hast mir versprochen, dass du keine Scheiße baust! Wie kannst du solche Informationen an die Presse geben?! Bist du wahnsinnig geworden???!!!

„Hat er schon alles verraten?“ fragte er scheinbar gleichmütig.

Richard schüttelte einen blonden Schopf, der etwa zwei oder sogar drei Nuancen dunkler war, als Chicks. „Nein, zu seinem Glück. Aber natürlich wird er das jetzt auch nicht mehr tun wollen.“ Er schlug den Aktenordner noch einmal um und drehte ihn so, dass Chicks einen Blick auf die Fotos werfen konnte, die jetzt zu sehen waren.

Eines der Bilder zeigte eine attraktive Mittvierzigerin, fröhlich lächelnd mit einem Einkaufswagen auf dem Parkplatz eines Supermarktes. Das andere ein sehr hübsches, rothaariges Mädchen in schicken, modischen Klamotten. Im Hintergrund eine Menge Leute und ein großes Feuer.

Maifeuer?

Die Kleine lachte und trug eine Flasche Mixbier mit sich spazieren.

Oh, man…

Silvia und Elisa Bacher…

Richard Robinson beobachtete die Miene seines Sohnes genau und grinste breit. „Dank deiner gut recherchierten Familienbande konnte ich sofort Jackson und Spoon auf die beiden ansetzen.“

Es kostete Chicks ein gewaltiges Maß an Selbstbeherrschung, um nicht zusammenzuzucken oder gar den gleichgültigen Gesichtsausdruck zu verlieren. Jackson und Spoon?!

Scheiße! Oh, Scheiße!!! Mann!!!

Er selbst war wirklich kein Kind von Traurigkeit. Würde alles ans Tageslicht kommen, was er in seinem Leben schon verbrochen hatte, würde er seinen Lebensabend wohl im Kittchen verbringen…Aber Jackson und Spoon?!

Gabriel Thorne Jackson, auch genannt Snow, war ein zwar großer, aber blasser Hänfling, den man schnell unterschätzte. Allerdings war das nicht unbedingt sehr gesund, denn der Mann verdingte sich als Profikiller. Dieser Kerl hatte wahrscheinlich mehr Menschen auf dem Gewissen, als irgendein gottverdammter Krieg. Okay, vielleicht war das etwas übertrieben, aber er war eiskalt und effektiv. Einer der Besten. Sogar Chicks hatte Respekt vor ihm, und das sollte schon etwas heißen.

Alexander Cox, besser bekannt als Spoon, war da eher so eine Art „Allroundtalent“. Er sah ziemlich nichtssagend aus und verschwand einfach in einer Menge, wenn er nicht gesehen werden wollte. Auf der Liste seiner Spezialitäten stand Taschendiebstahl, bis hin zu Banküberfall, Betrug und erpresserische Entführung. Allerdings auch Vergewaltigung und Totschlag. Und das waren definitiv Faktoren, die Chicks im Zusammenhang mit Js Familie überhaupt nicht gefielen.

Normalerweise schickte Richard als erstes eine Warnung in Form einer rein prophylaktisch aufgeführten „was-wäre-wenn-Szenerie“. Dabei ging es meist um die neuesten Foltermethoden oder ein paar abgeschnittene Finger, Ohren oder Nasen. Natürlich nicht bei dem Verräter selbst durchgeführt, sondern bei den Menschen, die diesem am liebsten waren. Die Drohung allein genügte eigentlich immer. Für diesen Job waren die beiden bulligen Dummköpfe Benjamin Kings und Jeremiah Fooler völlig ausreichend. Wenn sie auch sonst zu nicht allzu viel taugten. Als Abschreckung waren die beiden fabelhaft.

Die Frage war nun, warum sein Vater stattdessen Snow Jackson und Spoon für angebracht hielt. Chicks konnte sich kaum vorstellen, dass diese zwielichtigen Monster tatsächlich nur eine Warnung überbringen sollten.

Als hätte Richard die stumme Frage gehört, beantwortete er diese leichthin: „Ich dachte, es wird mal Zeit ein Exempel zu statuieren. Die Leute werden mir langsam alle zu aufsässig. Ich habe keine Lust, mich von jedem Dahergelaufenen verarschen zu lassen!“

Chicks räusperte sich und bemerkte auf eine Art, als würde es ihn nicht wirklich interessieren: „Du willst also seine Mutter und seine Schwester…“ Er hob die Augenbrauen und zog in einer angedeuteten Geste die Finger über seine Kehle.

Sein Vater rieb sich das Kinn und runzelte nachdenklich die Stirn. Noch einmal warf er einen Blick auf die beiden Frauen. Dann auf seinen Sohn. „Du meinst, es wäre zu schade?“

Chicks zuckte die Schultern und sah ebenfalls noch ein zweites Mal auf die Bilder. So als hätte er schon wieder vergessen, was er gesehen hatte.

Als wenn ich das könnte…

„Zugegeben, die beiden sind recht hübsch.“ meinte er abschätzig. „Im Grunde wirklich zu schade. Vielleicht sollte ich mich lieber darum kümmern? Es gibt noch so viele andere Möglichkeiten…“ Er grinste teuflisch und rieb sich die Hände. „Das ist mein Job, Boss. Zieh deine Killer zurück, damit ich ein bisschen Spaß haben kann.“

Ein Hoch auf mein schauspielerisches Talent!

Die hellgrauen Augen des dunkelblonden Mannes fixierten die seines Sohnes. Er lächelte wissend. „Schon seltsam. Aber irgendwie habe ich gewusst, dass du die Sache selbst in die Hand nehmen willst. Du bist schließlich mein Sohn…“ Eine der Augenbrauen rutschte süffisant in die Höhe. „Lass mich raten. Die Kleine mit den roten Haaren hat es dir angetan, oder?“

Müßig hob Chicks eine Schulter. „Und wenn?“

Richard lachte. Dann wurde er plötzlich wieder ernst. „Jackson und Spoon sind bereits in Deutschland und observieren die beiden Frauen. Ich werde sie in Kenntnis setzen. Du kannst hinzustoßen und den Befehl übernehmen.“

Dreck!

Es wäre ihm um Einiges lieber gewesen, wenn sein Dad die beiden Kerle komplett abgezogen hätte. Wie sollte er das Schlimmste vereiteln, wenn ihm Snow und Spoon über die Schulter glotzten? Er atmete tief durch und erhob sich. Irgendetwas würde ihm schon einfallen, um J´s Familie zu schützen, irgendetwas…

Bloß, was???!!!

Geschäftsmäßig nickte er Richard zu und wandte sich zur Tür.

„Ach, bevor ich es vergesse…“ Die Stimme seines Vaters wurde honigsüß. „Eben weil du mein Sohn bist, sollte ich dich vielleicht darauf hinweisen, dass, falls du mich auch verarschen willst, ich durchaus vergessen könnte, dass du mein eigen Fleisch und Blut bist.“

Chicks drehte sich noch einmal um und blickte gelassen in die funkelnden Augen Richards. „Das ist mir bewusst, Boss.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum.

Elisa saß in ihrem Zimmer an ihrem MacBook und surfte durchs Netz. Ihre Gedanken schweiften mal hier, mal dorthin und im Grunde wusste sie gar nicht so ganz genau, warum sie überhaupt an ihrem Computer saß. Es gab nichts Spezielles, was sie sich gerade anschauen, spielen oder ergoogeln wollte und sie landete mehr zufällig zwischen einigen Mausklicks auf Facebook.

Sie war am Abend zuvor mit ihrer Freundin Jen und noch ein paar anderen Mädels in der A 23 gewesen und hatte auf der Tanzfläche ordentlich abgerockt. Naja, rocken war vielleicht nicht das richtige Wort. Die Musik in der Diskothek war natürlich eher Dancefloor. Zum Tanzen ganz okay, aber nicht mehr das, was sie am liebsten hörte. Im letzten Jahr hatte sie sich mehr und mehr auf Rockmusik und Heavy Metal eingeschossen und auch auf Gothik. Letzteres ließ sich sicherlich dadurch erklären, dass sie eine ganze Zeit mit Jens Bruder Tim zusammen gewesen war. Genaugenommen war es etwa ein halbes Jahr nach ihrem denkwürdigen 16. Geburtstag gewesen, an dem Jan seinen besten Freund aus Kiel mitgebracht hatte.

Gedankenverloren strich sie über ihr iPhone.

Noch immer fand sie es unfassbar, dass ihr dieser Typ ein so teures Geschenk gemacht hatte. Wie teuer es wirklich gewesen war, hatte sie erst später bemerkt. Sven Robinson hatte doch tatsächlich einen 24-monatigen Vertrag für sie abgeschlossen, alle Gebühren für sie bezahlt und ihr Handy eingerichtet. Mit Telefonliste. Es war ihr ein Rätsel, wo er all die Nummern ihrer Freunde hergehabt hatte. Nicht einmal Jan hätte sie alle gewusst. Und selbstverständlich hatte er auch seine eigene Nummer hinzugefügt. Schon ein paar Mal hatte sie fast minutenlang auf die 12-stellige Ziffernfolge gestarrt, sie letztendlich aber doch nicht benutzt. Einen guten Grund hätte sie in jedem Fall gehabt, denn sie hatte noch nicht eine einzige Rechnung für ihre Telefonnutzung bekommen. Was natürlich im Klartext hieß, dass er sich auch darum kümmerte. Mit einem weiteren „Dankeschön“ hätte sie sich wohl kaum einen Zacken aus der Krone gebrochen.

Die Sache mit Tim hatte sich einfach so ergeben. Spätestens auf ihrem Geburtstag hatte sie endlich begriffen, dass der hübsche Bruder ihrer Freundin total auf sie stand.

Auch sie mochte ihn und fand, dass er einen Versuch verdient hatte. Leider glich ihr Empfinden nur der Liebe zu einem Bruder. Die sengende Glut, die der Kieler Bad Boy Sven Robinson mit nur einem einzigen Blick in ihr entfacht hatte, fehlte bei Tim völlig. Nicht, dass er nicht alles getan hätte, um ihr Herz zu erfreuen. Er war wirklich lieb zu ihr gewesen und… zärtlich.

Elisa dachte an seine tiefgründigen, mitternachtsblauen Augen und lächelte wehmütig.

Beinahe hätte sie ihm sogar ihr erstes Mal geschenkt. Aber sie hatte es einfach nicht übers Herz bringen können, sie wäre sich wie eine Heuchlerin vorgekommen. Nach nur vier Monaten hatte sie die Beziehung als beendet erklärt. Es wäre nicht fair gewesen, ihn einfach immer nur hinzuhalten.

Das war jetzt schon etwa ein Jahr her. Trotzdem hatte sie noch immer ein schlechtes Gewissen. Natürlich waren sie Freunde geblieben. Pro Forma. Nichts war mehr so wie vorher. Außerdem ging er ihr aus dem Weg. Nach Möglichkeit mit einem anderen Mädchen an der Hand. Vielleicht wollte er sie auf diese Weise verletzen. Oder es war einfach seine Art zu vergessen. Doch noch immer spürte sie seine Blicke, wenn er glaubte, sie würde es nicht bemerken.

Tief seufzend loggte Elisa sich bei Facebook ein.

Um auf andere Gedanken zu kommen, durchforstete sie wahllos ihre Nachrichten und stieß irgendwann auf die E-Mail, die ihr der sagenhafte Herr Robinson noch vor ihrem 16. Geburtstag geschrieben hatte.

Sie presste ihre Lippen zusammen.

Es war allein Svens Schuld, dass sie Tim nicht so mögen konnte, wie er es verdiente. Dieser Mann hatte ihr tatsächlich mit seiner flegelhaft, sorglosen Annäherung jeden Kontakt mit Jungen in ihrem Alter versaut. Unbewusst zog sie ständig Vergleiche. Es gab einfach niemanden der mit ihm mithalten konnte.

Giftig starrte sie auf das wahnsinnig attraktive Bild, das das Profil zierte und schnaubte. Nein, den gab es wirklich nicht…

Allein für diese verfluchten, winterhimmelblauen Augen braucht man schon einen Waffenschein!

Seit damals hatte sie nichts mehr von ihm gehört oder gesehen. Glücklicherweise musste sie nicht mehr so oft an ihn denken. Aber wenn sie es tat, schlug ihr Herz noch immer ein paar Takte schneller. Das ärgerte sie maßlos, weil es bedeutete, dass sie etwas für ihn empfand. Und das, obwohl sie der Behauptung ihrer Mutter Recht geben musste. Für diesen Mann war sie nichts weiter, als ein kleines Mädchen. Es hatte ihm einfach nur Spaß gemacht, ein bisschen mit ihr zu spielen…

Mistkerl!

Mit trotzig verzogener Miene öffnete sie endlich die Nachricht, deren Inhalt sie über die Zeit vergessen hatte:

Hallo Kätzchen!

Erinnerst du dich daran, was ich im Sophienhof zu dir gesagt habe? Natürlich tust du das. Da bin ich mir ganz sicher. Und nur, damit es keine Missverständnisse gibt. Selbstverständlich war das mein völliger Ernst… Vermisst du mich denn auch schon? Ich jedenfalls kann es kaum abwarten, deine süße Zuckerschnute wiederzusehen. Lass dir nur gesagt sein: Egal wann, egal wie, egal wo… ;)

Sven

„Ich werde dich kriegen…“ vervollständigte Elisa den letzten Satz leise und konnte das fette Grinsen in den Zeilen problemlos sehen. Natürlich erinnerte sie sich an diese Worte, auch wenn oder vielleicht gerade weil er sie damals auf Französisch in ihr Ohr geflüstert hatte. Und damals wie heute hatten sie kaum etwas von ihrem aufregenden Schrecken verloren. Die Frage, wofür er sie hatte haben wollen, erübrigte sich. Da war er allgemein recht unmissverständlich gewesen. Wirklich schlimm daran war, dass sie insgeheim darauf gewartet hatte, dass er wieder auftauchen würde. Das war total bescheuert und machte sie wütend auf ihn und auch auf sich selbst. Verstimmt presste sie die Lippen zusammen und starrte auf die Buchstaben. Dann plötzlich ging ein Ruck durch sie. Jetzt wollte sie es endlich wissen! Der Curser landete wie von Geisterhand im Antwortfeld und ihre Finger flogen über die Tastatur.

Hallo Sven!

Erinnerst du dich noch an mich? Natürlich weiß ich noch, was du gesagt hast. Und? Was ist jetzt? Ich warte…

Elisa

Ihr Hirn schien für den Moment offline zu arbeiten, denn ehe sie noch einmal ernsthaft darüber nachdenken konnte, was sie da gerade geschrieben hatte, klickte ihr rechter Zeigefinger schon auf die Maus und verschickte die Nachricht. Erst im Anschluss riss sie ihre grünen Augen auf und schlug sich eine Hand vor den Mund.

Oh, Scheiße!

Zutiefst erschrocken starrte sie auf den kurzen Text, den ihre eigenen Finger getippt hatten.

Was zum Henker hatte sie sich denn dabei gedacht? Egal, was sie jetzt noch hinzufügen würde, um diese Herausforderung abzumildern, es würde ihr nichts mehr nützen. Geschrieben war geschrieben. Sven würde diese Nachricht bekommen und lesen.

Scheiße! Scheiße! Scheiße!!!!! Elisa, du bist so sagenhaft blöd!!!!!

Ihr Herz raste, schlagartig hatte sie Kopfschmerzen. Sie musste unbedingt Jana anrufen! Himmel! Wie dämlich war das denn?! Sie musste in der Nacht zuvor zu viel Mixbier getrunken haben. Eine andere Erklärung gab es dafür nicht…

Oder?

Jan war zurück aus Florida und betrat die Eigentumswohnung, die in Kiels schönstem Grünanlagen und Villenviertel lag. Seit er als IT-Projektleiter arbeitete, konnte er endlich offen einen guten Lebensstandard genießen. Niemand erwartete jetzt noch ernsthaft von ihm, dass er ärmlich hauste. Die Zeit, da er seinen guten Verdienst verstecken musste war vorbei.

Er seufzte.

Damit allerdings auch das aufregende Leben…

Automatisch sah er sich nach Nikita um. Doch beim Anblick des Chaos, das in der Wohnung herrschte, fiel ihm wieder ein, dass sie schon seit zwei Monaten nicht mehr da war. Überall lag etwas herum. Schon vom Flur aus konnte er die leeren Flaschen und Gläser sehen, die noch auf und unter dem Stubentisch herumstanden. Es gab auch Chips und Pizzareste. Party? Nein…Wochenlange Verzweiflung…

Abermals seufzte er, schob mit dem Fuß ein paar Sachen beiseite und stellte das leichte Handgepäck ab.

Etwa ein Jahr lang hatte er mit Nikita zusammen gelebt. Er hatte wirklich geglaubt, sie von ganzem Herzen zu lieben. Sie war eine lebendige, fröhliche… ach, sie war eine ganz phantastische Frau. Aber nach einer Weile hatten sie angefangen, sich gegenseitig ganz furchtbar auf die Nerven zu gehen. Ihre offene Eifersucht, wenn er im Mikeys mal ganz unverbindlich mit einer anderen Frau schäkerte, hatte ihn zunächst amüsiert und dann richtig wütend gemacht. Sie hatte einfach nicht begriffen, dass diese Flirterei keine Gefahr für sie bedeutete…

Naja…

Er verzog das Gesicht… oder nicht bedeutet hätte… wenn sie sich da nicht so wahnsinnig hineingesteigert hätte.

Das alte Leben mit Chicks war völlig anders gewesen und fehlte ihm schmerzlich. Aus lauter Frust hatte er irgendwann angefangen, kleinere Jobs für Moses oder für einen anderen Auftraggeber zu erledigen. Nicht, dass er auf das Geld angewiesen war. Aber es war für ihn fast so, als erhielte er auf diese Weise ein Stück seiner reizvollen, adrenalinlastigen Freiheit zurück. Außerdem hatte er durch den Nervenkitzel wenigstens vorübergehend die Streitereien mit Niki vergessen. Allerdings nur so lange, bis sie herausgefunden hatte, was er tat. Nikita war vollkommen ausgerastet.

Streit. Streit. Streit… Es hatte nur noch Streit gegeben, bis er einfach davongelaufen war und sich in einer Kneipe um den Verstand gesoffen hatte.

Und dann…

Dann war tatsächlich geschehen, was Nikita ihm schon Monate zuvor vorgeworfen hatte.

Er war mit einer anderen Frau im Bett gelandet. Kein Zwang. Keine Verpflichtungen. Keine Namen… So wie Chicks es auch immer gehalten hatte.

Unbehaglich fuhr er sich durch die stoppelig kurzen Haare im Nacken.

Aber er war nicht Chicks…

Die Ernüchterung hatte ihn fast um den Verstand gebracht. Aber er beichtete nicht. Kein Wort. Dazu war er zu feige. In seiner schuldbewussten Verzweiflung vollendete er das bereits begonnene Werk und benahm sich ihr gegenüber wie das letzte Arschloch. Sie sollte ihn hassen, so wie er sich selbst für seine Tat hasste. Es funktionierte. Sie zog aus.

Jan stürzte sich in die Arbeit, schob Überstunden und Wochenenddienst, wann immer es möglich war. Zigaretten, Sex und Alkohol hielten ihn am Leben… oder auch nicht.

Nichts hatte eine Bedeutung. Alles wurde zu einer grauen Alltagspampe, die er schluckte ohne zu denken, zu schmecken, zu fühlen. Es war egal. Er mied sein Elternhaus und das Mikeys. Manchmal, in seltenen, bewussten Momenten wünschte er sich die alten Zeiten zurück. Mit Chicks oder mit Nikita. Am besten mit beiden. Aber das war nicht möglich. Nie mehr.

Im vorangegangenen Monat hatte ihn ein Artikel aus der selbstzerstörerischen Lethargie herausgerissen. Der Impfstoff, den er gemeinsam mit seinem besten Freund an der Christian-Albrechts-Uni gehackt und für Richard Robinson gestohlen hatte, war auf den Markt gekommen.

Schon zu jenem Zeitpunkt hatte er ein ausgesprochen schlechtes Gefühl bei der Sache gehabt. Angesichts der extrem kurz gehaltenen Testphase allerdings, welche das Medikament scheinbar durchlaufen hatte, war er sich ziemlich sicher, dass Chick´s Vater daran etwas gedreht haben musste. Es konnte also garantiert niemand sagen, was es wirklich mit den Patienten machen würde.

In einer Kurzschlussreaktion irgendwann am darauf folgenden Wochenende; wahrscheinlich ausgelöst von zu viel Jack Daniels, den er neuerdings in rauen Mengen konsumierte; kontaktierte er die Tageszeitung in Miami, die als erste von der Sensation berichtet hatte.

Kevin Blocks schien ein echt guter Spürhund zu sein und war gleich Feuer und Flamme für die eventuellen Sensationsnachrichten, die Jan ihm würde liefern können. Der Mann lud ihn sogar auf eigene Kosten nach Miami Beach ein, um sich mit ihm zu treffen. Telefon oder Internet schienen ihm in diesem Fall nicht sicher genug zu sein. Er bestand darauf, ihn persönlich zu treffen.

Erst als Jan schon im Flugzeug saß und auf dem Weg zum Miami International Airport gewesen war, wurde ihm bewusst, was er im Begriff war zu tun. Er hatte für sich selbst die wahrscheinlich beste Möglichkeit gefunden, sich selbst unter die Erde zu bringen. Es gab ja wohl kaum etwas bekloppteres, als sich mit dem Big Boss des organisierten Verbrechens anzulegen!

Glücklicherweise war sein Größenwahn vollends verflogen, als er sich mit diesem windigen Kerl im verabredeten Park getroffen hatte. Er entschuldigte sich freundlich bei dem extrem verstimmten Reporter und meinte, es handele sich um einen Irrtum, wäre aber trotzdem bereit alle unnötigen Kosten, die dem Mann entstanden waren zu übernehmen.

Die Erinnerung an den Abgang von Mr. Blocks ließ Jan kurz schmunzeln.

Wütend war überhaupt kein Ausdruck für die moderne Rumpelstilzchenadaption, die der Mann auf das Parkett gelegt hatte. Aber das spielte keine Rolle mehr für ihn. Er war einfach erleichtert, die Informationen doch für sich behalten zu haben.

Vom anstrengenden Flug völlig ausgepowert hatte Jan eine Nacht in einem Hotel verbracht. Mehr zufällig hatte er am nächsten Morgen einen Blick in die Miami New Times ergattert und festgestellt, dass diese kleine Ratte doch einen Miniartikel verfasst und veröffentlicht hatte, basierend lediglich auf Spekulationen.

Jan seufzte.

Blieb nur zu hoffen, dass niemand Wichtiges diesen verdammten Klatsch gelesen hatte. Auch wenn er im Moment nicht gut drauf war, hielt er Sterben doch für die denkbar schlechteste Option.

Er ließ sich auf die Couch im Wohnzimmer sinken und öffnete sein MacBook.