Beschreibung

Ein unkonventioneller Zauberhybride aus Bildungs-, Schelmen- und Campusroman - faszinierende Erzählkunst. Seit er Angelika bei einem dionysischen Neptunfest über den Strand tanzen sah, bedrängen ihren aufgewühlten Bewunderer völlig ungeahnte Regungen. Nicht nur wirkt sich die Begegnung bewusstseinserweiternd auf seine Wahrnehmung aus, ihn erfasst darüber hinaus ein schwerwiegendes und allumfassendes Verlangen nach Wahrheit, Schönheit und Selbsterkenntnis, das weder das elterliche Pfarrhaus noch die zeitgenössischen Bildungsinstitutionen stillen können. Seine Suche führt aus der Mitte der Welt, Urspring an der Werra, einer tief in der Vergangenheit liegengebliebenen Provinzidylle im Schatten des Eisernen Vorhangs, in Brückenorte des Wissens und Weltstädte der Weisheit. Götter, Geister und Dämonen melden sich zu Wort, als der postmoderne Studienbetrieb entscheidende Fragen offenlässt. Kommen sie zu spät? Am Ende bleiben nur die Liebe, der Sprung und die Gelenke des Lichts. Emanuel Maeß hat einen sprachmächtigen Roman geschrieben, der in seiner spielerischen Leichtigkeit und Tiefe in der neuen Literatur seinesgleichen sucht.

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Emanuel Maeß

Gelenke des Lichts

Roman

Der Einen, dem Einen

Aber freilich, auf gar mannigfache Weise

opfern wir den abtrünnigen Engeln.

Augustinus, Bekenntnisse, I, 17

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

1

Vor einigen Jahren, als ich einen Abend lang vergeblich auf Dich wartete, ergab sich die Gelegenheit, wieder einmal einem Mond zuzusehen. Gelassen und ein wenig selbstgefällig ging er über meiner wachsenden Ungeduld und einer Reihenhaussiedlung auf der gegenüberliegenden Talseite auf und zog seine ewigen Bahnen. Wäre darin ein geheimer Zuspruch verborgen gewesen, hätte ich ihn vermutlich überhört. Schön war er trotzdem. Vielleicht schleppte er ein bisschen viel Biedermeier mit sich herum und für den Anlass zu grelles Silber (bei dieser Kraterlandschaft von Gesicht), aber der Talhang schien ihm zu stehen, auch die Baumkronen, die seinen Auftritt beschaulich umrahmten, erinnerten sich gerne an den Alten. Ich war nach einigen Stunden des Ausharrens und Herumlaufens in ausreichend pathetischer Verfassung, um dieser Stimmung weiter auf den Grund zu gehen, auch und vor allem um mir ein Beispiel an jemandem zu nehmen, den man nicht einfach so warten ließ. Der sich zudem noch aus bescheideneren Ursprüngen in diese erhabene Position hinaufgearbeitet und dabei so unverzichtbar gemacht hatte, dass keine Nacht mehr an ihm vorbeikam. So weit wollte ich es gar nicht bringen, mir hätte schon gereicht, ein paar Minuten mit Dir spazieren zu gehen. Schon erstaunlich, denn eigentlich hätte man Mitleid haben müssen mit diesem rotierenden Unfallschaden von vor viereinhalb Milliarden Jahren, dem weder Luft noch Leben, weder Götter noch Musik mitgegeben worden waren, jenem wüsten Geröllhaufen, dessen kalter Starrsinn nur noch von gelegentlichen Seufzern von Mondbeben erschüttert wurde. Seine Kreise um unseren Heimatplaneten waren nicht sonderlich anspruchsvoller als meine Kreise um Dich, nur sah er dabei nicht nur besser aus, sondern besaß, anders als ich, neben seinen charismatischen und magischen auch magnetische Fähigkeiten, die hier unten die Gezeiten anschoben, die Erdachse in einer für alle Beteiligten günstigen Neigung, sogar die Menstruation in halbwegs verlässlichen Zyklen hielten. Ich wünschte, ich hätte einfach mehr aus mir gemacht. Selbst über dem Chaos der Stadt erweckte er den Eindruck, dass sich alles in fortdauernden Bezügen abspielte, und wenn schon nicht auf einen heiligen Willen, so doch auf eine kosmische Ordnung Verlass gewesen wäre, die dazu noch einen kleinen Überhang an Wunder und Geheimnis an den Himmel hängte.

Ich setzte mich auf eine Bank. Meine fortgeschrittene Entrückung war noch nicht ganz Herrin über meinen Ärger geworden, all diese hohen Gedanken nur dem Mond mitteilen zu können. Wenn man ihn länger ansah, begann er damit, alles in sich hineinzuziehen und auch mich allmählich auszusaugen. So lösten sich mit meiner schlechten Laune irgendwann auch allerlei Gedanken und Erinnerungen und stiegen wie die Glühwürmer auf. Was mir jetzt durch den Kopf rauschte, erschien auf einer solchen Bühne naturgemäß um einiges dramatischer, fesselnder und mysteriöser. Kein Wunder, dass es solche Nächte brauchte, um Dämonen zu beschwören, rauschende Feste oder Ostermessen zu feiern und eigentümlichen Menschen und Ideen zu verfallen. Ich schaute nochmal zum Mond hoch, hatte ihn jetzt ganz bequem vor mir. Die Julinacht war so klar, dass die Scheibe ganz blankgeputzt war, keine Schminke, keine Aura, heller offener Lichtkreis auf drängend dunklen Firmamenten. Alle Sterne und Stadtlichter waren weit in den Hintergrund gerückt, und es flimmerte nun so ausgiebig und verschwenderisch, dass die Baumkronen damit begannen, Schatten zu werfen. Ich hatte diesen Mond schon einmal so gesehen, hier, aus einem Fenster jenes Hauses, vor dessen geschlossener Tür ich gerade umgekehrt war, unter denkbar anderen Umständen. Damals hatte ich ihn mit einiger Ernüchterung zur Kenntnis genommen, weil ich dachte, wir wären es selbst gewesen, die bei dem, was wir taten, so viel Licht um uns herum verbreitet hatten. Und dann war es nur der Mond (nicht einmal er, wenn man es genau nahm, sondern jenes sich in unserem Rücken verstrahlende Zentralgestirn, dem nur der Mond so schutzlos ins Gesicht sehen konnte). Ich hatte wohl nicht so genau hingesehen, und er berührte mich nicht, dafür war er viel zu weit draußen. Nun war ich selbst zu weit draußen, und der Eindruck war ein anderer. Ein Wagen fuhr vorbei, dessen dunkelrote Rücklichter leuchtend verwehende Schlangen hinter sich herzogen. Dann lagen die Lande wieder still, nur die Stadt konnte das Raunen nicht lassen. Ich hatte Zeit. Noch wollte ich nicht aufstehen und unverrichteter Dinge heimkehren. Vielleicht hatte ich Dich auch an falscher Stelle gesucht, und Du warst mir näher, als ich dachte. Also wartete ich noch eine Weile und ließ mir nochmal unsere Geschichte durch den Kopf gehen, während der alte Blender das Licht anließ und Du Dich irgendwo mit den Nachtgeistern herumtriebst.

Ich hatte unseren alten Küstenort vor ein paar Jahren nochmal gesehen, auch das Lager, in dem man schon nichts mehr wiedererkannte. Die Waldwege zum Meer waren völlig überwachsen, andernorts gab es plötzlich weite Lichtungen, wo früher keine waren. Entfesselte Lokalpatrioten hatten die Hütten demoliert, ringsum vermoderten zersägte Baumstämme, Sportgeräte, Toilettenhäuschen und Matratzen, die Treppe, die zum Wasser hinabführte, war am Hang abgerutscht und durchgebrochen. Übrig blieben nur Strand, Himmel, Meer und ein paar Erinnerungen an Dich, also die wahren, ewigen Dinge … Womit man jenes Jahr alles überfrachtet hatte; ich dachte bei Wende und Wiedervereinigung immer an Dich (und zwar nicht nur bei Mondschein). Wende, weil sich mit Deinem Auftauchen alles änderte, Wiedervereinigung, weil ich noch heute nicht glauben kann, dass wir uns damals wirklich zum ersten Mal begegnet sein sollen.

Solange ich denken konnte (und auch einige Jahre vorher), hatten wir unsere Sommer immer da oben verbracht. Meine Eltern packten mich mitten in der Nacht mit reichlich Proviant, warmen Decken und einem RFT Stern-Rekorder, der alles Motorengeheul mit Genesis übertönen sollte, auf die Rückbank eines himmelblauen Trabant Kombi, und dann ging es auf einer halben Tagesreise aus dem Werratal quer durchs ganze Land hoch nach Usedom. Als ich gegen fünf oder sechs den Kopf zum Fenster hob, durchzogen wir schon Gegenden, die anders als zu Hause flach in die Weite ausliefen. Fernab dampfte die Sonne hinter Feldern von ungeheuren Dimensionen auf. Wann würde sich endlich die See zeigen? Bevor die Heiserkeit des Wagens kritische Ausmaße annehmen konnte, stand dann irgendwann das erlösende Wasserzeichen am Horizont.

Meine Mutter hatte gute Beziehungen zum Rat des Kreises und war an eine Stelle als Ärztin in dieser Betriebsferienanlage gekommen, einem heruntergekommenen Waldhotel Strandläufer, das der Staat den Arbeitern des Meininger Lokomotivenwerks den Sommer über für wenig Geld überließ. Viel gab es da nicht zu tun, es war eher so eine Art Bereitschaft. Sie gab darauf acht, dass man die Hygiene-Vorschriften einhielt, versorgte Sonnenbrände und Wespenstiche, kümmerte sich um Flöhe, Fußpilz, Würmer und Bauchschmerzen, folgte meinem Vater aber meist schon früh an den Strand, ging ausgiebig baden und machte lange Waldläufe. Wir kamen in einem schlichten Bungalow in der Nähe des Hotels unter, das auf seine alten Tage ein wenig verwirrt schien und von dem keiner so recht wusste, wie es in diese Waldsenke im Rücken der Steilküste und zwischen all die Buchen geraten war, die hier seit Anbeginn der Zeit in gotische Höhen emporstrebten und mit dem Fächergewölbe ihrer Blätterkronen von Harzduft erfüllte Hallen errichtet hatten. Mir war dort immer, als habe ich zwei Himmel über mir, einen blauen, der bei leichtem Seewind tanzende Stroboskopeffekte auf den Waldboden warf, und einen blätternen, aus dem es mittags leuchtend grün über Äste und Stämme auf alles herabrann. Lange bevor man nach der Wende vom Ende der Geschichte sprach, hatte die Ewigkeit des Raums hier längst von der Zeit Besitz ergriffen. Hier änderte sich nichts; jedes Jahr derselbe Mischduft von Salz, Moos und Morcheln, der lichte Sog, der alles zur See hinauszog. Es waren auch immer dieselben Leute da. Die Unveränderlichkeit der Gegend brachte es mit sich, dass ich immer all das wiederfand, was ich im letzten Jahr dort hatte liegenlassen. Am schnellsten kam man zum Meer, wenn man die Anlage auf einem von wilden Himbeeren gesäumten Waldpfad verließ und eine Weile durch den hohen Säulengang einem offenen Stück Himmel zur Steilküste hinauf folgte.

Oben sah man dann in Glanz und Weite. In der ersten Emphase ließ sich der See kaum standhalten; ehe ich etwas denken oder sagen oder über das steile Treppengestell zum Strand hinabsteigen konnte, hatte mich die ganze Szene um jedes überflüssige Gewicht erleichtert. Beinahe schwerelos ließ ich mir zwischen Seggen und Strandhafer die Flut durchs Gemüt ziehen. Es ging mir damit ein wenig wie später mit Dir. Alle inneren Versammlungsräume wurden so geflutet, dass die letzten beweglichen Gedanken laut auffliegen mussten, um nicht nass zu werden, und dann die Abhänge hinab über Reste von Kiefern, abgerutschte Büsche und hellgelben Ton segelten, weiter unten in Seebrisen gerieten, sich an ein paar Strandkörben und Nacktbadegästen verfingen und irgendwann in der Brandung verlorengingen. Gegen Mittag beherrschte die See sämtliche Partituren, lief allen Gesichtskreisen über die Ränder und wälzte Wind- und Wassermassen so unbeirrbar um, dass sie dabei ebenso erhaben und bodenständig blieb wie mein Vater, wenn er im Pfarrgarten die Beete umgrub. In fernem Dunst trieben Tanker und Traumschiffe. Ich sah nochmal ins Blaue, alles war an seinem Ort.

Zwanzig Minuten vom Hotel entfernt lag ein Ferienlager für die Söhne und Töchter der Lokomotivbauer, eine Ansammlung von Baracken und Zelten um eine Lagerbühne, ein paar Waschräume und ein größeres Wirtschaftsgebäude, in dessen Schatten sich der Fahnenmast mit dem gehissten Jungpionieremblem ein wenig seltsam ausnahm; eine Fackel mit dem Aufruf Seid bereit! (doch bereit wofür?). Der Weg waldeinwärts führte in hohe und leere Räume. Obwohl neben Käferkolonien und Ameisen, die allerorten meterhohe Turmbauten ins Gehölz stellten, nur Echos hier umhertrieben und die offene und durchsichtige Architektur, die einen an Kiefernpflanzungen, aufgeforsteten Fichtenhainen und einigen mit Schilf, Binsen und Rohr überwachsenen Mooren und Sümpfen des Hinterlandes vorbeiführte, ganz übersichtlich wirkte, war es manchmal, als drehe jemand fortwährend die Perspektiven und rücke mal Meer, mal Himmel, mal ein düsteres Sträucherdickicht in den Vordergrund, ohne dass sich die Gegend grundlegend änderte. Die Pfeiler an Wegkreuzungen und die auf die Stämme geritzten oder mit Farbe aufgemalten Runen verwirrten die Lage noch zusätzlich, sodass Lichtungen, Teiche oder Blaubeerhaine nicht auf feste Orte angewiesen und hier nachts zu wandeln schienen. Neben diesem an sich schon eigenartigen Waldgehabe hatte ich den Eindruck, als bewege ich mich über einen Hohlraum aus Moos und Nadeln hinweg, auf dem nur die Krähenfüße der Buchenwurzeln Halt fanden. Irgendwann aber öffnete sich der Weg über die für Zulieferfahrzeuge in den Sand geworfenen Kies- und Betonplatten und führte zu den etwas kargen Anlagen hinab. Auch hier erwarteten einen seit Jahren derselbe staubige Bolzplatz, dieselben verdreckten Toiletten und eisigen Gemeinschaftsduschen, vor denen meine Mutter große Waschschüsseln mit Desinfektionsmitteln aufstellen ließ, wahrscheinlich sogar dieselben Wildschweine, die sich regelmäßig an den Abenden über die im Wald deponierten Küchenabfälle hermachten. Trotzdem habe ich die Zeit lieber bei euch als bei meinen Eltern verbracht. Was immer man sonst von staatsgetragenen Freizeitprogrammen halten mochte: Sie hatten einen irgendwie eigenen, dramatischen Charme, all die Appelle, Ansprachen, Sportwettbewerbe und Tanzabende. Sozialismus und Sandburgenbauen … Außerdem kam man auf Ausflügen ins Inselinnere, an den Mümmelkensee, nach Heringsdorf oder auf lauschigen Nachtwanderungen viel herum.

Für den heidnischen Höhepunkt und Abschluss jedes Sommers, eine Eigenart des Ostens, deren Ursprünge wie bei jedem echten Mythos im Dunkel lagen, vergaßen im Strandläufer alle, was sie waren, und das ganze Personal, Betriebsleiter, Bademeister, Parteisekretäre, der Koch, der in vielem an eine Gelbbauchunke erinnerte, aber mit seinem Lied, wie man erzählen hörte, fortwährend ganze Scharen von Frauen überwältigt haben muss, alle bemalten sich mit grüner oder schwarzer Farbe, kleideten sich mit muschelbesetzten Netzhemden und fürchterlichen Masken, andere zogen als Sensenmänner, Häscher, barbusige oder halbverweste Seemannsbräute und Trommler los. Der ganze Tross entfernte sich dann heimlich, stieg am Strand in ein paar Boote, auf denen man ein wenig aufs Meer hinausfuhr, um für den Rest, Neptuns junge Ahnen und zugeeilte Strandurlauber, den Eindruck erwecken zu können, man nähere sich von fernen Grotten. Auch meine Freunde im Lager verkleideten und bemalten sich, schminkten ihre Gesichter, umgürteten sich mit Flechten, Rohr und Buchenreisig, steckten sich Heckenrosen ins Haar oder traten als zerfetzte Piraten auf. Unter einigem Getrommel und Gerassel tanzten sie später an den Strand, wo ihnen Neptun mit Krone und Dreizack schon entgegenfuhr, den Wassern entstieg und von den Getreuen auf seinen dürftigen Ersatzthron getragen wurde. Nachdem er dort die Namen derjenigen ausgerufen hatte, denen die Ehre zuteilwurde, von ihm getauft zu werden, rannten die Betroffenen davon, wurden aber bald von den Häschern wieder eingefangen, je nach Gegenwehr mehrere Bahnen im großen Kreis herumgeschleift und in den heißen Sand vor Neptuns Thron geworfen. Der sprach ein paar salbungsvolle Worte, dann wurden dem Täufling für gewöhnlich faule Eier auf dem Kopf zerschlagen, man begoss ihn mit großen Suppenkellen einer aus Essig, Senf und Mehl zusammengerührten Brühe, die er vorher meist zu kosten hatte, ließ ihn die Füße des Gottes küssen, gab ihm seinen neuen Namen und warf ihn ins Meer, dass er gereinigt und erhoben daraus zurückkehre. Nach den Taufen nahmen diese Entgrenzungen seltsame Formen an. Neptun und sein Gefolge veitstanzten, angefeuert von mehr und mehr Wermut, Klappern und Rasseln von dannen, erschreckten mit ihren trunkenen Gesängen noch eine Weile vorbeiziehende Urlauber und erreichten Zustände solch tiefer Einsicht in die Welt, dass mein Vater manchen davon abhalten musste, ins Meer zu gehen und sich in die Fluten zu stürzen. Nach einer halben Stunde klang das wilde Treiben ab, es kehrte wieder Ruhe ein, und alle lagen splitternackt mit Resten von Bemalung, Eier- und Brandungsschaum im Sand und ruhten erschöpft aus.

Passanten mochten den turbulenten Seeszenen mit Ratlosigkeit und amüsierter Neugierde begegnen, ließ sich hier doch manch kulturmorphologische Einsicht in die Seelenhaushalte eingeschlossener Gesellschaften gewinnen. Mir war das alles völlig gleich. In meiner lächerlichen Montur aus grünem Krepp, Seetang und Zapfen-Gebinden bedrängten mich Dinge, die mir sonderbarer vorkommen mussten als der kostümierte Ferienklamauk pflichtvergessener Lokomotivbauer, die hier ozeanisch-antike Taufriten an Ostseestränden nachstellten. Inmitten der Menge tanzte, die Arme erhoben und der wallenden Mädchenschar wie eine Membran folgend, ein Kind von seltener Anmut, taumelte und drehte sich hinter einem halben Lächeln zögerlich im Sonnenreigen, als traue es der eigenen Ausgelassenheit nicht ganz über den Weg und als gelte es, so unauffällig wie möglich inmitten der anderen auf- und niederzuwogen. Ein Netz von Blicken befreundeter Nixen barg Dich wie ein Schwarm, doch ich sah Dich deutlich, den braunen Haarschopf auf den schmalen Mädchenschultern, diese ruhelose, noch scheue Zerstreutheit, die Dir auch später manchmal eigen war, Frühling auf vielen Fährten, aber noch nirgends ein Ziel. Viel mehr als diese mit grünem Bast geschürzte Mänade, die ich damals jenseits von Musik und Tanz am Rande eines ganz neuartigen Befangenseins verfolgte, würde von Dir nicht bleiben; Wald und Meer im Jahr 89, Du neun, ich elf, ein paar Szenen und Bilder, alles andere holte sich bald die See.

Dabei hatte wenig darauf hingedeutet, dass mich in diesem Sommer etwas derart Außergewöhnliches erwarten würde. Von den vielen Blicken, die ich während der ersten Erkundungsgänge auf meine Umgebung warf, Hotelgästen und Ferienlagernden zu, die ich meist schon kannte und denen ich dann etwa vermeldete, dass das Wasser noch zu kalt und voller Quallen sei, auf den Wald hin, den ich jedes Jahr erst wieder neu vermessen musste, von diesen zahllosen Blicken also ging einer verloren, verschwand ohne Widerhall und fiel mir nicht einmal sofort auf. Irgendetwas in mir muss aber früher oder später durchgezählt haben, und da fehlte eben einer. Die Verlustmeldungen häuften sich, schließlich sah ich Dich jeden Tag beim Essen, beim Baden, bei Deiner Rückkehr aus den Waschräumen oder in Begleitung einer Freundin, die in regelmäßigen Abständen wegen Bauchkrämpfen zu meiner Mutter kam. Noch eine Weile irrte ich zwischen Dir und jener anderen umher, die mit ihren langen schwarzen Haaren und klaren, dunklen Augen die eigentlich klassischere Schönheit war. Doch während ich von der Art, wie diese ihren Federbällen nachflog, die Haare zurückwarf oder sich nach dem Baden in ihr Handtuch rollte, einen stabilen Eindruck gewinnen konnte, ging an Dir erst einmal alles Schauen verloren, und ich geriet in Unruhe, als hätte ich irgendetwas zu Hause liegenlassen. Der ganze Wald flüsterte schon über uns, während ich mir über die Gründe meiner neuen Lebhaftigkeit noch immer keine klaren Vorstellungen machte.

In solchen Momenten merkt man, wie sehr unseren Sinnen in erster Linie daran gelegen sein muss, uns über die Welt zu beruhigen. In jenem nachgelagerten Abstraktionsvorgang jedoch, der alles Wahrgenommene zum Gegenstand und die Welt damit viel handhabbarer machte, als sie eigentlich war, brach jetzt die Unordnung aus. Zwar hätte ich Dich damals anderen zeigen und als die Person identifizieren können, die mir schräg gegenübersaß, ihre Tomate aufschnitt, sich Kamillentee aus einem der Armeekübel holte oder ihrer Freundin das blaue Halstuch band, doch um noch ein fest umrissener Gegenstand meiner Aufmerksamkeit zu sein, standest Du mir bald immer weniger klar gegenüber. Damit befand ich mich, jedenfalls was Dich betraf, in merkwürdiger Auflösung, Zuordnungen von innen und außen verschwammen, oder die Welt hörte auf, sich nach ihnen zu richten. Während mir die glanzlosen Mienen der Bademeister und des Hotelkochs, auch die reinen Kindergesichter meiner Freunde lange noch so genau vor Augen standen, dass ich immer mit ihnen fremdelte, wenn ich ihnen Jahre später wiederbegegnete, konnte ich mich an Deine genauen Züge nie lange erinnern. Sie entfielen mir täglich, und ich musste jedes Mal aufs Neue versuchen, einen bleibenden Eindruck von ihnen zu behalten. Ich räumte ganze Lagerhallen meines Gedächtnisses frei, richtete Dir eigene Gedenkstätten ein. Es blieben nicht mehr als ein paar unterbelichtete Schnappschüsse. Ich versuchte, Dir einen Rahmen zu geben, doch auch die Buchenriesen konnten Dich nicht fixieren, die Sandwege nicht aufhalten, und am Himmel konnte ich Dich nicht aufhängen.

Jedenfalls lag es weder allein an Dir und den tausend Attraktionen, die Dich begleiteten, noch an meinen mal hoffenden, mal fatalistischen Formen der Verzweiflung, dass ich mir von Dir kein ruhendes Bild machen konnte. Die vorübergehende Unschärfe hatte eher damit zu tun, dass ich echtes Neuland betreten hatte, eine Schattengegend, in der die gewöhnliche Zuordnung, ich bin ich, du bist du, hinfällig wurde und die sich mit sämtlichen Foto- und Memo-Techniken nicht einfangen ließ. Muß in ihrem Zauberkreise / leben nun auf ihre Weise / Die Verändrung, ach, wie groß!

Nach ein paar Tagen, in denen wir aneinander vorbeigegangen waren, ohne uns weiterer Blicke zu würdigen, verdichteten sich die Irritationen, die meine Waldwege immer deutlicher um Dich herumgebogen hatten, allmählich zum Großbegriff Liebe, der mir aber doch eine Nummer zu groß und offiziös schien. Sobald ich mir diesen Schuh anziehen würde, hätte etwas seinen Lauf genommen, das ich schon aus dem Fernsehen kannte, für das ich mich aber noch nicht gerüstet hielt. Küsse in kärglichen Kammern? Was hätte ich mit Dir anfangen sollen, vorausgesetzt, mir wären in Deiner Gegenwart sinnvolle Sätze, passende Gesten oder gar Handfesteres eingefallen? In meinem Alter war ich ja weniger für die sinnlichen Versprechen der Nacktheit als für die Magie der Kissen, Decken, Tassen und Türklinken empfänglich, die Dich mit einer beneidenswerten Selbstverständlichkeit berühren durften. Da gab es noch keine erotischen Hintergedanken, die Anlass für irgendwelche Eroberungsunternehmen hätten sein können. Also ging ich weiter so stolz wie mutlos an Dir vorbei, ohne mich dem Blendwerk Deiner niedergehaltenen Blicke ganz entziehen zu können.

Es war aufs Ganze gesehen keine sehr erfolgversprechende Strategie, was immer Erfolg in meinem Fall geheißen hätte. Ich hatte davon keinerlei Vorstellung und wäre heillos überfordert gewesen. Für die Stirb-und-Werde-Mentalität der Kiefernschwärmer und Eulenspinner, die sich nächtens in die Mastleuchten und in ihren sicheren Flammentod stürzten, mangelte es mir an Verständnis und Courage. Während kühler Tage, wenn es, wie oft in diesen Wochen, ununterbrochen regnete, wenn um Waldhotel und Waldlager herum Stille einkehrte, man sich zurückzog, Karten spielte, las oder das Meereskundemuseum in Stralsund besuchte, saß ich in meinem Bett und ließ mich vom Radio in Träumereien verwickeln, die mich auf längere Spaziergänge mit Dir hinaus an den Strand führten, wo es dann zu klärenden Aussprachen über das große Ganze kam, gemeinsame Hoffnungen und Traurigkeiten, Unterredungen, über denen ein heiliger Ernst lag und die Dir ein Höchstmaß an Verständnis gegenüber meiner früh erwachten Schwermut abverlangten. Wirklich nahe kam ich Dir nur auf solchen erträumten Streifzügen an Regentagen, als wir vor der gischtbehangenen Weite in den Abend liefen, halb im Dunst, Chimären unter Schirmen.

Vielleicht ging ich davon aus, dass in einem Zauberkreis dieser Größenordnung ein Gesetz herrschen musste, das von Natur aus Resonanzeffekte miteinschloss. Ansonsten wäre all das auch eine einseitige, grundlose Demütigung gewesen, die ich für schwer möglich gehalten hätte, eine Verschwendung inszenatorischer Raffinesse innerhalb eines Dramas, dessen Vollkommenheit für mich ganz evident und ohne Zweifel war. Wie sich später zeigte, hatte ich sogar Recht damit. Allerdings unterschätzte selbst ich damals um einiges die Weite des Klangraums, in den ich mein Verlangen hineinrief, denn der verzögerte Widerhall erreichte mich erst zu einer Zeit, als der Gang der Geschichte Lager, Waldhotel und DDR längst abgeräumt hatte. Als Du mir einige Jahre später aus jener Kastanienallee entgegenkamst, in der ich gerade auf den Schulbus wartete, erschienst Du wie eine Sagengestalt, Mythe vom Meer, eine Louise Brooks, die aus der Büchse der Pandora steigt, vor einem stehen bleibt und nach dem Weg fragt.

Als junge Nymphe, die damals noch munter Figuren in den Sand zog, hast Du wahrscheinlich kaum von mir Notiz genommen. Auch als sich die Bühne drehte und man abends unter Lichtorgeln und Spiegelkugeln weitertanzte, ging ich meist mit dem verängstigten Schwarzwild in Deckung. Elegischer Gesang in maschinenhaften Tonkostümen, der alles sammelte und auf den Punkt brachte, ohne dass man hätte sagen können, worum es ihm eigentlich ging, der aber ohne Zweifel auf etwas Großes hinauslaufen musste, hallte von Westen zu uns herüber, als wären die Mauern in akustischen Frequenzräumen längst gefallen. Was die tatsächlichen Grenzen betraf, so schienen sich diese gerade in solchen Momenten in einigem von dem verminten und stacheldrahtenen Staatsgehege zu unterscheiden, das man später in die Geschichtsbücher aufnahm. Der Westen war mir, anders als meiner Großmutter, die ihn immer als das Wohnzimmer beschrieb, für das man ihr den Schlüssel entwendet hatte, eher so etwas wie ein platonisches Hinterland, aus dem mich nur ein audiovisueller Abglanz erreichte. Die Macht und Präsenz der schlichten Gegebenheiten, die nur unterschätzen kann, wer sich gerade an anderer Zeit und Stelle aufhält, nahm ich so bedenkenlos hin, dass sich vor dem Eisernen noch ein Vorhang aller Selbstverständlichkeiten zuzog, den überwinden zu wollen esoterisch erschienen wäre. Als ein Jahr später jener große Sturm über das Land fegte, der dann alle Fenster und Türen, darunter auch jene Wohnzimmertür meiner Großmutter aufschlug, war ich ganz erstaunt über die Wut und den Widerstand der Leute, die die natürliche Ordnung infolge einer übertriebenen religiösen Schwärmerei abschaffen wollten und nach Art der Mystiker oder Kartharer auf die andere Seite drängten.

Doch davon ahnte noch keiner, als wir uns der Musik hingaben, die, ohne dass man ganz zu ihr hätte hinüberreichen können, so viel versprach und in uns verrückte, dass wir jene Madonna wie eine zeitgenössische Marienerscheinung verehrten. Unseren abendlichen Überschwängen gingen wir dabei auf je eigene Weise nach, Du mittendrin, ich außen vor. Warum sich Neun- oder Zehnjährige plötzlich auf eine solche Bühne drängten, muss mir ein unergründliches Rätsel gewesen sein. Ich hätte nicht einmal sagen können, was mich trauriger machte; die erwachsene Ernsthaftigkeit, mit der diese Mädchen ihr Kindsein hinter sich ließen, nur weil sie dieser klangvollen Demagogie aufsaßen, oder meine altkluge Verklemmtheit, die mich daran hinderte, es ihnen gleichzutun. Schließlich zog ich mich zurück, sah dem Ganzen von einer fernen Bank aus Nacht und Waldvertraulichkeit zu (Du ganz Tanzzendenz und richtungsloses Sehnen; just like a dream, you are not what you seem,just like a prayer, you know I’ll take you there).

Natürlich bedauerte ich, dass echte Gespräche während dieser Wochen ausschließlich mit der See zustande kamen. Aber auch ohne den Sonderfall einer solch epiphanen Verliebtheit war ich von jeher für längere Märsche ausgelegt und froh, wenn mir jemand währenddessen zuhörte. Meine ersten wirklichen Freiheitserfahrungen müssen sich auf solch stundenlangen Strandwanderungen ergeben haben. Nirgendwo sonst ließen mich die Eltern, die bei schönem Wetter ab den frühen Morgenstunden am Wasser lagen und dabei ihre Ruhe haben wollten, so sorglos und für ganze Tage meiner Wege gehen (anfangs noch mit größerem Rückenpflaster, das Namen, Adresse sowie die Bitte enthielt, von Fütterungen abzusehen). Vom Strandläufer waren es nur ein paar Kilometer nach Bansin, wo ich Eis und Mohnschnecken kaufen und den Urlaubern beim Tennis zusehen konnte. Erreichte man die Stadt über einen neben dem Meer hinlaufenden Wald- und Steilküstenpfad, trat man irgendwann unter den Buchen hervor und sah den Ort leicht unter einem liegen. Durch die weißen Bergstraßen-Villen blaute es weit in Kobalttönen. Nur an einem Binnenmeer sind die Geräusche zur Mittagszeit so gedämpft, dass ich in diese Föhnstunden einlaufen konnte wie in meine stillste Bucht. Man hätte hier jederzeit Pan auf seiner Flöte hören können, wäre es eine Zeit der Hirten und nicht der Arbeiter und Bauern gewesen, die über zwei Urlaubswochen in den bröckelnden Strandvillen der Kaiserzeit unterkamen und ihrem nudistischen Badekommunismus nachgingen. Der große Mittag zog mich durch den Wind, durch Stunden abstandslosen Staunens, Strömungen und Unterströmungen der Straßen und Promenaden, die für Momente ein vergangenes Jahrhundert heraufholen konnten und dann voller Musik und Buden waren, während das Meer gelassen und ein bisschen träge im Hintergrund verrauschte. Ich verlor mich zwischen den alten Bädern und Seebrücken, lausigen Kurorchestern und Scharen von Möwen, blieb manchmal, bis die Badegäste am Nachmittag abzogen, wenn die Sonne nachließ und hinter dem Wald verschwand, der sich in Ufernähe mit seinen zerzausten Baumbücklingen vor der See krümmte. Die zeigte sich wieder bewegter und führte für ein paar letzte Schwärmer ihre gemurmelten Litaneien auf, in denen dann, soweit ich mitbekam, viel von ewiger Wiederkunft die Rede war. Selbst wenn ich mich dann schon beeilen musste, nach Hause zu kommen – denn man vergaß hier nicht nur die Zeit, sondern unterschätzte auch den Weg, da sich die Gegenden am Strand sehr ähnelten und man sein Vorankommen nur an den vorbeiziehenden größeren Rundfelsen erahnen konnte, die wie Findlinge auf den Sandbänken saßen –, hängte ich mich manchmal in das aufsteigende Gefunkel ein. Das Wasser kühlte mir die Zehen, während ich versuchte, dem Verhältnis der Elemente auf den Grund zu gehen. Zwar war eine Weile vergangen, seit der Alte die Wasser voneinander getrennt und das Himmelsgewölbe dazwischengeschoben hatte, noch immer aber wiesen Naturell und Habitus der beiden auf gewisse Verwandtschaftsverhältnisse hin, selbst wenn Vater Äther ab und zu ein wenig reserviert und bedeutungsvoll tat und auf die leicht Borderline-gestörte Seetochter herabzublicken schien. Solange ich das Geplauder der beiden verfolgte, um herauszuhorchen, ob sie sich schätzten, für den Abend verabredeten, über Licht und Luft miteinander korrespondierten: Bald musste ich erkennen, dass sie offenbar Besseres im Schilde führten, als sich auf meinen klappernden Satzgerüsten niederzulassen. Stattdessen verkehrten sie in einem fremden, seltsam fesselnden Idiom, das mich dem allgemeinen Tosen mit einer Reihe hilfloser Gestikulationen antworten ließ, die wohl die Frage umkreisten, was es zu bedeuten hatte, dass die beiden Unendlichkeiten an dieser Stelle so vielsagend aufeinandertrafen und nirgends sonst. Was es mit dem Horizont auf sich hatte, der diese unmögliche Geometrie zusammenheftete und, obgleich er deutlich vor mir lag, doch unerreichbar war und vor jeglichem Zugriff zurückwich (oder hätte man nicht doch, Mut und Jesuslatschen vorausgesetzt, den beglänzten Wasserweg sonnezu hinaufeilen und genauer nachsehen können)? Was immer mir durch den Sinn ging, ich konnte es in keine Sprache fassen, über die die See nicht hinwegging und die sie so lange auswusch, bis nur noch harte runde Reste, Hühnergötter und Donnerkeile, von ihr übrigblieben. Am Ende solcher Spaziergänge hatte ich die Taschen voller Muscheln und gedanklicher Treibgüter, die dank der See gereinigt und von allen Schalen befreit worden waren und die ich nun zu einer endlosen Kette aneinanderreihen und mit nach Hause nehmen konnte, wo sie sukzessive von Schlaf und Traum wieder aufgezwickt wurden und ihre Glieder sich lösten, zu Boden gingen und sich in alle Richtungen der Nacht davonmachten.

Wären es eigene Gedanken gewesen, hätte ich sie vielleicht länger behalten, so aber kam ich mir ein bisschen wie jenes Waldhotel mit wechselnden Gästen vor. Jedenfalls gingen sie genauso wenig von mir aus wie das, was mich mit Dir verband, und das war ja weit mehr als meine Einbildung oder Projektion, wie heute oft behauptet wird. Um mir so etwas Großartiges ausdenken zu können, hätte meine Phantasie nie ausgereicht. Nachdem Du mich aus den Bezügen gelöst hattest, die mich außerhalb des Zauberkreises umgaben, veränderten sich die Belichtungsverhältnisse meiner Welt. Der Scheinwerfer, der, hinter die Sinne montiert, von innen heraus die Gegend belichtete, schien plötzlich ausgefallen und mich nun von dort aus der Requisite zu blenden, wo Du mir drei-, viermal am Tag über den Weg liefst. Die Sommer aus Meer und Licht, obwohl sie um uns herum noch eine Weile fortwehten, verwitterten und brachen ab. Aber jetzt greife ich vor …

In den letzten Tagen unseres Aufenthalts da oben, ich weiß nicht, ob Du Dich erinnern kannst, fuhren wir mit Neptun, der sich im wahren Leben als Ahlbecker Zeichenlehrer und Rettungsschwimmer durchschlug und einen kleinen Kutter besaß, noch einmal frühmorgens hinaus, angeblich des Heringsleuchtens wegen. Du warst unerwartet zugestiegen, vermutlich, weil Dich Neptuns Sohn genauso anziehend fand wie ich. Die Heringssaison, die vor einigen Jahrzehnten noch um die Johannisnacht herum begann, nun aber der wärmeren Meere wegen um einen Monat vorgezogen wurde, war dann schon fast wieder vorbei. Aus dem Kapitän aber brach unentwegt Sagenhaftes, selbst wenn sich auf dem bleiernen, schwer durchschaubaren Morgenmeer nicht genau ermitteln ließ, ob sich seine schäumenden Reminiszenzen nur einem verwehten Küsten-Temperament oder seiner Begabung für Meer- und Monumentalmalerei verdankten. Hier brachte sich der Überfluss noch selbst hervor, ein Schauspiel gärender Fluten, in dem das Stromwesen der Heringe so etwas wie das leuchtende Band in den dunklen Wassern war, die wir da draußen in der fast windstillen Frühe durchfuhren. Die Ausbeute war dürftig, der Bestand weiträumig abgefischt. Ein paar traurige Exemplare hatten sich noch im Netz verfangen (immerhin wechselten wir ein paar Worte, und ich nannte Dich zum ersten Mal beim Namen – Angelika –, mehr als angemessen, wenn man den Fortgang der Handlung bedenkt, für »Schmidbauer« konntest Du ja nichts).

Irgendwann und viel zu zeitig kam dann doch die Abreise. Immerhin war ich in Deiner Umgebung inzwischen zu so etwas wie einer festen Größe geworden. Manchmal schienst Du sogar von ferne zu grüßen, auch wenn es wohl eher ein Akt der Höflichkeit war und Du öfter einen meiner Freunde meintest. Von diesen eher vagen Eindrücken ermuntert, kam ich auf die Idee, statt mit meinen Eltern mit euch im Zug nach Hause zu fahren, und schaffte es tatsächlich, Dich in einem der vielen Abteile wiederzufinden. Deine Freundinnen hatten Dich für einen Moment verlassen, und so muss es zu einer kurzen Unterredung gekommen sein, der ich dann ein paar Wagen weiter noch Stunden sinnend nachhing. Vor dem Fenster rauschte der Abend ins Dunkel, ich aber glaubte den Augenblick mit aller Gewalt in der Zeit befestigen zu müssen wie jemand, der in unzugänglichem Berggelände einen Karabiner in den Stein schlägt. Die Zeit hielt kurz inne, und mir war tatsächlich ein wenig, als führe ich jahrelang durch diese Nacht. Dann jedoch sprang die rostige Türverriegelung des Reichsbahnwaggons auf, und ich war zurück in Urspring an der Werra. Draußen stand der Spätsommer. Alles war beim Alten geblieben; derselbe Landgeruch aus Tau, Harz und Sägemehl ging durch die Luft, in der Ferne, abwechselnd mit Alabasterwolken, festliche Schwünge Buchenwälder auf den Talhängen.

2

Tatsächlich wollte zunächst niemandem auffallen, dass ich nun quasi zu zweit war. Selbst der Heilige Geist, der es ja nun wissen musste, wehte noch eine Weile über das Pfarrhaus meiner Eltern, als wolle er jenen Riss, der mit Dir in die Welt gekommen war, vorübergehend mit Schlaf zudecken. Gegen Tagesende kam er über dem Werratal wie ein größerer Ernst in Bewegung, verteilte das letzte Licht und bauschte ein paar Pappeln, die auf dem Dorffriedhof ihre Ruhe suchten und etwas aufbrausend raunten, wenn man sie von hinten überraschte. Schienen mich die strömischen Sammlungsbewegungen am offenen Fenster geflissentlich zu überwehen, legten sie mir doch in ziemlich windigen Exegesen das Vaterunser aus, das man mir eben, wohl der nötigen Tröstung und Bettschwere wegen, wie jeden Abend vorgetragen hatte. Für gewöhnlich ließen sie dabei nicht viel von sich sehen oder hören. Hinter ihrer Beiläufigkeit verbarg sich etwas, dem man nicht leicht auf die Spur kam und das auf eine zweifelhafte Herkunft hätte deuten können, dunkle Motive oder eine Scheu und Vornehmheit, die die offenen Schauplätze lieber anderen überließ. Offenbar lag ihnen an einer gewissen, vielleicht auch witterungsbedingten Unberechenbarkeit. Westfronten hatten die Gegend sonst fest im Griff, Lastenträger des Wetters, die solche Höhenwinde oft unterliefen, abdrängten oder gar nicht erst aufkommen ließen. Enttauchten sie dann doch dem Nichts, gingen sie so diskret und unscheinbar über mich hin, als blieben sie immer ein Stück hinter sich selbst zurück, flüchtig und relativ einsilbig, zumindest aber so verlässlich, meiner Müdigkeit ein wenig auf die Sprünge zu helfen.

Da es auch die Nacht nicht eilig hatte, drehte ich mich oft noch Stunden vergeblich nach dem Schlaf um. Hellwach und in bester Tagesform lag ich dann in der »Bucht« einer Mansarde unter dem Dach (im Arbeitszimmer meines Vaters, in das ich umziehen durfte, wenn ich glaubhaft machen konnte, dort besser einzuschlafen als im Kinderzimmer) und trieb nun mit dem übrigen Inventar durch das Halbdunkel der letzten Stunden. Zu meiner Linken hing ein Schreibtisch seiner Schwere nach. Eine Menge loser Blätter und Zettel, Ordner, Blöcke und Schreibgeräte lag dort ineinandergeschoben, eine Briefwaage, Briefbeschwerer und ein kleiner Messingengel, der hier als eine Art Ordnungshüter und Verkehrspolizist aufgestellt war. An der Wand darüber, neben ein paar Zeichnungen und einem vergilbten Druck, auf dem zwei Männer mit großen Hüten auf Meer und Abendsonne schauten, sahen die Familie, Freunde und Großeltern aus blassen Fotos zu mir herüber, ein Onkel, abseits, ganz bei sich und seiner Flöte. Rechts daneben, bis an die Tür, eine Bücherwand, schwarz und schweigend, Bibelkommentare, Dogmengeschichte, Karl Barth. Auf meiner Seite, neben einem weiteren Bücherregal, ein großer Kleiderschrank, an dessen Seitenwand über dem Fußende des Bettes ein Chagall’sches Kathedralenfenster verglühte. Darunter, unscheinbarer, Rossettis Beata Beatrix im Postkartenformat (ich blieb oft daran hängen, sie hatte etwas von Dir). Doch das ganze auf freundlich-dunkle Grundtöne gestimmte Interieur kehrte sich ab, sobald es stiller wurde. Ich lag noch eine Weile und streckte mich, strich die Laken glatt und schaute einem nervösen Wecker auf der Kommode hinterher, der schon weiter in die Nacht vorausgelaufen war. Selbst wenn sich nicht daran zweifeln ließ, dass man mich hier in kindgerechter Frühe meiner Matratzenbehaglichkeit überlassen hatte, musste ich bald einsehen, dass an Schlaf einfach nicht zu denken war. Ein paar abgebrochene, noch im Zimmer hängende Verse und lose Tonfolgen gingen über mir nieder. Ich dachte nochmal an die dunklen, fast italienischen Hände meines Vaters, in die ich meinen Geist mit weit größerem Optimismus befahl, als auf jenen wankelmütigen Herrn zu bauen, der, folgte man dem Abendlied nach Jakobus, über meine Erweckung am nächsten Morgen erst noch zu befinden hatte. Die Ergriffenheit, mit der man für derlei schon im Voraus dankte, blieb mir so fremd wie die Strenge der kurzen Fürbitte, die mein Vater nie ohne einen Anflug von Schmerz vortrug, die Stirn in Falten innigster Versenkung, als habe er von einem Moment auf den anderen sämtliche Außenposten seiner selbst geräumt. In alle frühe Bewunderung für meine Eltern drängten wohl auch deshalb Ratlosigkeit und Zweifel, weil mir für ein solches Gottvertrauen die äußeren Gründe fehlten und die biblischen Figuren nicht ohne weiteres aus ihrem Buch heraus in meines fanden. Sie verblassten schließlich wie die anderen Dämmerdinge, deren ich zunehmend überdrüssig wurde, weil sie in ihrer Bedeutungslosigkeit bald eine eigentümlich aufdringliche Langeweile hervorriefen. In Momenten wie diesen schien die Zeit ähnlich umstellt wie ich und konnte aus dem engen Zimmer nicht mehr abfließen. Sie wurde immer zäher, so als zöge etwas jede Vergangenheit und Zukunft von ihr ab, bis man mit ihr in der reinen Gegenwart festhing.