Geliebte Zwillinge - Susanne Svanberg - E-Book

Geliebte Zwillinge E-Book

Susanne Svanberg

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Beschreibung

Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. Kai Teichmann war nervös. Er ging voll Unruhe im Warteraum der Anwaltskanzlei auf und ab. Immer wieder schob er den Ärmel seines grauen Jacketts etwas hoch, um auf die Uhr zu sehen. »Fünfundzwanzig Minuten warten wir jetzt bereits! Dabei waren wir bestellt. Ich halte das für eine Unverschämtheit«, preßte er zwischen wütend zusammengekniffenen Lippen hervor. Zwei steile Falten gruben sich in seine hohe Stirn. Mit gespreizten Fingern fuhr er sich durch das kurz geschnittene dunkelblonde Haar und blieb vor seiner Frau stehen, die ruhig in einem Sessel saß und in einer Zeitschrift blätterte. So ruhig, wie es schien, war Karin allerdings nicht. Ihr Herz klopfte ganz gewaltig, doch das hätte sie nie zugegeben. Nicht vor ihrem Mann. Sie tat, als hörte sie seine Äußerungen gar nicht, und schaute stur ins Heft. Dabei hätte sie keine einzige Zeile des Artikels wiedergeben können. Ihre Gedanken waren mit ganz anderen Problemen beschäftigt. »Es war falsch, diesen Anwalt zu wählen.« Kai nahm seine ruhelose Wanderung wieder auf. »Er kennt uns nicht und läßt uns deshalb getrost warten. So etwas schüchtert vielleicht manche Leute ein, aber nicht mich.« Zornig sah Kai zu Karin hinüber, deren zur Schau gestellte Ruhe ihn noch zappeliger machte. »Die Auswahl hast du getroffen«, antwortete sie mit gespielter Gleichgültigkeit. Kai schnaubte wie ein gereizter Stier. »Schließlich wollte ich diesen Fall keinem befreundeten Advokaten übertragen und auch keinem, mit dem ich beruflich zu tun habe.« Vor dem Fenster blieb Kai stehen und trommelte mit zwei Fingern auf die Marmorbank, auf der eine halb vertrocknete Pflanze ihr kümmerliches

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Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Mami – 1894 –Geliebte Zwillinge

Pauline und Paul halten alle in Atem

Susanne Svanberg

Kai Teichmann war nervös. Er ging voll Unruhe im Warteraum der Anwaltskanzlei auf und ab. Immer wieder schob er den Ärmel seines grauen Jacketts etwas hoch, um auf die Uhr zu sehen.

»Fünfundzwanzig Minuten warten wir jetzt bereits! Dabei waren wir bestellt. Ich halte das für eine Unverschämtheit«, preßte er zwischen wütend zusammengekniffenen Lippen hervor. Zwei steile Falten gruben sich in seine hohe Stirn. Mit gespreizten Fingern fuhr er sich durch das kurz geschnittene dunkelblonde Haar und blieb vor seiner Frau stehen, die ruhig in einem Sessel saß und in einer Zeitschrift blätterte.

So ruhig, wie es schien, war Karin allerdings nicht. Ihr Herz klopfte ganz gewaltig, doch das hätte sie nie zugegeben. Nicht vor ihrem Mann. Sie tat, als hörte sie seine Äußerungen gar nicht, und schaute stur ins Heft. Dabei hätte sie keine einzige Zeile des Artikels wiedergeben können. Ihre Gedanken waren mit ganz anderen Problemen beschäftigt.

»Es war falsch, diesen Anwalt zu wählen.« Kai nahm seine ruhelose Wanderung wieder auf. »Er kennt uns nicht und läßt uns deshalb getrost warten. So etwas schüchtert vielleicht manche Leute ein, aber nicht mich.« Zornig sah Kai zu Karin hinüber, deren zur Schau gestellte Ruhe ihn noch zappeliger machte.

»Die Auswahl hast du getroffen«, antwortete sie mit gespielter Gleichgültigkeit.

Kai schnaubte wie ein gereizter Stier. »Schließlich wollte ich diesen Fall keinem befreundeten Advokaten übertragen und auch keinem, mit dem ich beruflich zu tun habe.« Vor dem Fenster blieb Kai stehen und trommelte mit zwei Fingern auf die Marmorbank, auf der eine halb vertrocknete Pflanze ihr kümmerliches Dasein fristete.

Karin sah auf seinen Rücken mit den breiten Schultern. Sie empfand Wehmut und Ärger zugleich. Wehmut, weil sie im Begriff war, etwas zu tun, das sie eigentlich gar nicht wollte, und Ärger darüber, daß sie es nicht vermochte, das Unheil abzuwenden. Sie redete sich ein, daß es das kleinere Übel war.

»Ich habe im Büro eine wichtige Konferenz abgesagt, um hier herumzusitzen. Das muß man sich vorstellen. Diesen Rechtsanwalt werde ich schadensersatzpflichtig machen!« Kai drehte sich um und sah seine Frau herausfordernd an. Er erwartete, daß sie zustimmte, doch sie schwieg.

Hübsch sah sie aus mit dem schulterlangen blonden Haar, das nach vorne fiel, wenn sie sich wie jetzt über die Zeitschrift beugte. Die weiche Linie ihres Nackens setzte sich fort in einem schmalen Oberkörper mit sehr weiblichen Rundungen.

Kai nahm das alles nicht wahr. Für ihn zählte nur der Ärger.

»Ich warte jetzt noch genau zwei Minuten, dann werde ich…«

»Chrzanowski«, sagte da eine angenehm sachlich klingende Stimme. Ohne daß es Kai bemerkt hatte, war der Anwalt ins Besuchszimmer gekommen. Er war ein älterer Herr, mittelgroß und zierlich. Im Laufe eines langen Lebens hatten sich zahlreiche Falten in sein schmales Gesicht gegraben. Die Augen hinter der randlosen Brille waren klein, wirkten aber trotzdem sehr lebhaft.

Kai starrte ihn an wie einen Geist und vergaß vor lauter Verblüffung, sich vorzustellen.

Freundlich lächelnd begrüßte der Anwalt Karin Teichmann.

»Entschuldigen Sie, daß ich nicht gleich Zeit hatte, aber es kam ein dringender Anruf, den ich entgegennehmen mußte. Kommen Sie bitte in mein Büro, nehmen Sie Platz.« Es waren die üblichen Floskeln.

Kai folgte Dr. Chrzanowski und Karin mit finsterem Gesicht. Den bequemen Sessel vor dem Schreibtisch des Juristen belegte Kai nur zu einem Drittel, um so deutlich zu machen, daß er wenig Zeit hatte.

Mit wohlwollendem Interesse musterte der alte Herr die Besucher und fand, daß die beiden ein ideales Paar waren. Wer sie sah, mußte annehmen, daß sie glücklich zusammen lebten.

»Sie sind Karin und Kai Teichmann…« Der Anwalt begann, die persönlichen Daten zu verlesen.

»Können wir nicht darauf verzichten?« drängte Kai und rutschte unruhig auf der Sitzfläche hin und her. »Ich bin Manager eines großen Unternehmens und habe einen vollen Terminkalender. Wir haben Ihnen unser Anliegen bereits schriftlich mitgeteilt und sind nun hier, um die nötigen Formalitäten zu unterschreiben.«

»Ich weiß, Sie wollen sich scheiden lassen«, meinte der Anwalt bedächtig. Er dachte gar nicht daran, sich von der Hektik seines Mandanten anstecken zu lassen. »Etwas ungewöhnlich, daß Sie mich gemeinsam aufsuchen. Normalerweise wird das Scheidungsbegehren von einem der Partner vorgetragen.«

»Schon klar. Aber wir sind uns einig. Es wird keinen Streit über Besitz oder Unterhalt geben. Deshalb wird es kein Problem sein, wenn Sie uns beide vertreten.« Kai tat, als führte er ein solches Gespräch täglich, während Karin sich überhaupt nicht äußerte.

»Trotzdem wird es nötig sein, Punkt für Punkt zu erörtern. Die Auflösung einer Ehe, die fast zehn Jahre bestanden hat, ist keine Sache, die sich in wenigen Minuten erledigen läßt. Sie haben zwei Kinder, beide neun Jahre alt.«

»Zwillinge«, ergänzte Karin. Stolz schwang jetzt in ihrer Stimme mit.

»Die Kinder bleiben bei meiner Frau, auch das ist geklärt.« Kai erweckte mit seiner hastigen Aussage den Eindruck als könne er die Sache nicht schnell genug hinter sich bringen.

Dr. Chrzanowski nickte. »Gut. Ich nehme an, die gesetzlichen Bedingungen sind Ihnen bekannt.«

»Selbstverständlich«, versicherte Kai rasch. »Es geht nur um die Formalitäten.«

Der Rechtsanwalt legte sorgfältig die Fingerspitzen zusammen und betrachtete seine gepflegten Fingernägel. »Einige Fragen muß ich Ihnen dennoch stellen.«

»Können wir das nicht übergehen? Ich schätze es nicht, private Dinge vor Fremden…«

»Tut mir leid, es ist meine Pflicht. Wie lange leben Sie getrennt?«

»Getrennt?« wiederholte Kai überrascht. »Ich bin häufig beruflich unterwegs, nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, in Japan und Australien. Sie wissen ja, die Globalisierung… Dadurch bin ich nur wenig zu Hause.«

»Das meine ich nicht. Sie wissen doch, daß der Gesetzgeber…«

»Ist das nicht unsere Sache? Wir haben uns auseinandergelebt, verstehen uns nicht mehr. Genügt das nicht?«

Der ältere Herr zuckte die Achseln. »Es gibt Vorschriften, die wir nicht umgehen können.«

»Fragen Sie mich bloß nicht, wann wir zuletzt miteinander geschlafen haben«, zischte Kai feindselig. Herausfordernd sah er den Anwalt an.

Karin senkte den Blick. Ihr war das alles peinlich, und sie teilte den Wunsch ihres Mannes, dieses Büro so rasch wie möglich wieder zu verlassen.

Dr. Chrzanowski ging auf diese Anspielung nicht ein. »Krisen gibt es in jeder Ehe«, meinte er bedächtig. »Mit gutem Willen und etwas Engagement lassen sie sich überwinden. Das ist der Weg, den ich Ihnen vorschlagen wollte.«

»Wir haben Sie nicht um gute Ratschläge ersucht, sondern um juristischen Beistand«, erinnerte Kai ärgerlich.

»Trotzdem werde ich versuchen, Ihre Ehe zu retten, auch wenn das gegen meine Interessen ist. Ich habe das in meiner langjährigen Praxis immer so gehalten und hatte erstaunliche Erfolge damit. Mit manchem Ehepaar, das sich wieder zusammengerauft hat, bin ich heute noch befreundet.« Der ältere Herr lächelte zufrieden.

»Herr Doktor Chrzanowski, wir sind erwachsene Menschen und haben uns diesen Schritt gut überlegt.« Teichmann hielt es nicht länger auf seinem Sitzplatz aus. Er stand auf und trat hinter den Sessel. Karins Anwesenheit schien er vergessen zu haben.

Um so mehr beachtete der Anwalt die hübsche junge Frau, die so mädchenhaft wirkte. Nach den ihm vorliegenden Angaben war sie 35 Jahre alt. Doch er hätte sie wesentlich jünger geschätzt.

»Ich schlage vor, daß Sie zunächst gemeinsam in Urlaub fahren. Mindestens eine Woche, besser wären zwei.«

Kai beugte sich etwas vor, als habe er sich verhört. »In Urlaub?« wiederholte er ungläubig. »Das ist unmöglich, völlig ausgeschlossen. Wir sind schon seit Jahren nicht mehr…«

»Das habe ich mir gedacht.« Dr. Chrzanowski blieb gelassen.

Jetzt mischte sich Karin ein. »Es geht wirklich nicht«, meinte sie kopfschüttelnd. »Wir können die Kinder nicht allein lassen, außerdem müssen sie zur Schule.«

Der ältere Herr hinter dem Mahagoni-Schreibtisch blätterte im Terminkalender. »In zwei Wochen sind Schulferien. Das ist doch ideal. Sie geben die Kinder zur Oma, machen sich von allen Verpflichtungen frei und nehmen sich einmal wieder Zeit für einander. Unternehmen Sie keine strapaziöse Reise, sondern wählen Sie einen ruhigen Ort. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, was man zu zweit dort alles unternehmen kann.« Der alte Herr schmunzelte.

»Wir haben leider keine Oma, und wir haben auch keine Zeit. Daß ich meinen Job keinen Tag, nicht einmal eine Stunde vernachlässigen kann, habe ich schon erwähnt. Meine Frau erstellt freiberuflich Zeichnungen für einen Kinderbuchverlag und hat ebenfalls Termine wahrzunehmen.«

Dr. Chrzanowski wurde ernst. »Bedauere. Wenn Sie meinen Vorschlag nicht annehmen, werden Sie sich einen anderen Anwalt suchen müssen. Überlegen Sie es sich und melden Sie sich wieder, wenn Sie zurück sind. Gegebenenfalls schalten wir dann einen Ehepsychologen ein.« Der ältere Herr erhob sich, um seine Mandanten zu verabschieden.

So eilig es Kai die ganze Zeit hatte, jetzt ging ihm alles zu rasch. Nur widerwillig bewegte er sich in Richtung Tür.

»So ein Kokolores«, schimpfte er draußen. »Der Kerl ist ja nicht klar im Kopf. Macht völlig weltfremde Vorschläge und kommt sich vor wie der Papst persönlich. Karin, ich muß gleich ins Büro zurück. Du hast ja deinen Wagen hier irgendwo stehen. Also tschüs! Es kann spät werden. Morgen bin ich in Hannover.«

Kai eilte ohne Händedruck davon. Doch daran war Karin gewöhnt. Seit langem gab es keine Berührungen mehr zwischen ihnen.

*

Die letzte Besucherin, die die Bankfiliale betrat, war Karin. Hinter ihr wurde abgeschlossen. Die noch im Schalterraum weilenden Kunden mußten den Seitenausgang benutzen. Karin wollte keine Geldgeschäfte tätigen. Sie ging die Treppe hinauf und klopfte an die Tür, neben der ein Schild mit der Aufschrift »Filialleiter« hing. Darunter stand der Name ihrer Schwester: Marianne Hofer.

Die junge Dame, die hier das Sagen hatte, war drei Jahre jünger als Karin, nicht ganz so hübsch, aber außergewöhnlich tüchtig. Deshalb hatten auch die männlichen Kollegen in der Zentrale großen Respekt vor ihr.

Erfreut kam Marianne, die allgemein nur »Maya« genannt wurde, um ihren Schreibtisch herum. »Karin, wie schön, daß du vorbeischaust.« Maya küßte ihre Schwester auf beide Wangen. Sie hatten von jeher ein gutes Verhältnis miteinander, was nicht zuletzt Mayas Gutmütigkeit zu verdanken war. So hart und unnachgiebig sie die Interessen der Bank vertrat, so empfindsam war sie im privaten Bereich.

»Maya, ich muß mit dir reden«, stieß Karin nervös hervor.

Dieser Ton signalisierte Maya, daß es um eine ernste Sache ging. »Selbstverständlich. Wenn du magst, gehen wir zu mir. Ich muß nur noch rasch telefonieren.« Maya verschwieg, daß sie Karin zuliebe eine Verabredung mit ihrem Freund absagte. Für sie war es selbstverständlich, daß sie da war, wenn Karin sie brauchte.

Zehn Minuten später betraten sie die gepflegte Eigentumswohnung, die sich Maya ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet hatte. Da gab es wertvolle alte Möbel, kostbare Teppiche und Gemälde alter Meister, die Maya bei Auktionen ersteigert hatte. Es war so richtig gemütlich bei Maya, trotz der mustergültigen Ordnung, die in ihrer Wohnung herrschte.

»Kai und ich waren heute beim Anwalt«, erzählte Karin bei einer Tasse heißem Tee.

»Habt ihr Streit mit den Nachbarn?« vermutete Maya.

»Quatsch. Wir lassen uns scheiden.« Karin schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter.

»Wie bitte?« fragte Maya und zog die schmalen Augenbrauen hoch. »Das kann doch wohl nicht wahr sein.«

»Ist es aber«, seufzte Karin. »Wir streiten uns nur noch. Ich habe das nie erwähnt, weil ich dachte, daß es sich wieder gibt. Aber nun habe ich die Hoffnung aufgegeben. Kai ist kaum noch daheim, interessiert sich weder für die Kinder, noch für den Haushalt oder gar für mich oder meine Arbeit.«

»Er hat einen anstrengenden Beruf«, versuchte Maya den Schwager zu verteidigen. Mitleidig legte sie den Arm um Karins Schultern. Ihre Haare waren viel dunkler als die der Schwester. Sie hatte auch keine blauen Augen wie Karin. Ihre Augen waren braun mit vielen goldenen Pünktchen, was gut zu ihrer Haarfarbe paßte.

»Immerhin hat er Zeit genug, mit seiner Sekretärin ins Theater zu gehen«, schnupfte Karin und lehnte sich an Maya.

»Und du denkst, daß mehr dahinter ist«, vermutete die Jüngere.

»Er streitet es zwar ab, doch es ist mit Sicherheit so. Und deshalb ist es besser, wir trennen uns. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.«

Maya schüttelte den Kopf. »Ich kann das gar nicht glauben. Ihr seid für alle immer das Traumpaar gewesen: Jung, schön, erfolgreich, mit zwei reizenden Kindern…«

»Es hat sich ausgeträumt«, bemerkte Karin voll Bitterkeit. »Und um die Kinder geht es. Maya, könntest du sie vielleicht für ein oder zwei Wochen zu dir nehmen?«

Marianne Hofer überlegte keinen Augenblick. Spontan stimmte sie zu. »Aber ja, jederzeit. Ich werde Urlaub nehmen…« Maya dachte nicht daran, wie nötig sie die freien Tage zur Erholung brauchte, denn ihr Job war hart, und eine feste Arbeitszeit gab es nicht. Oft war Maya noch spätabends in der Bank, und morgens war sie wiederum die Erste.

»Es ist nur, weil dieser Anwalt darauf besteht, daß wir für mindestens eine Woche miteinander in Urlaub fahren.«

»Keine schlechte Idee. Ich hoffe, daß ihr eure Ehe rettet.«

»Wenn du mich fragst, ist es reine Zeitverschwendung, denn zwischen uns wird sich nichts verändern, gar nichts. Aber wenn dieser Doktor Chrzanowski meint…«

»Liebst du denn Kai nicht mehr?« Forschend schaute Maya der Schwester in die Augen.

»Ich… ich weiß es nicht«, stotterte Karin und drehte den Kopf zur Seite. »In zehn Jahren sammeln sich eine Menge Kränkungen an. Da staut sich der Groll über tausend Kleinigkeiten. Ach, Maya, es hat keinen Sinn. Du verstehst das nicht. Als Junggesellin weißt du nicht, wie das ist, wenn man immer zurückstecken muß. Mann und Kinder haben ständig Vorrang. Und wenn sich keiner mehr dafür interessiert, wie es dir geht, dann willst du sie nur noch ablegen, diese Fessel.«

»Mein Gott, Karin, vielleicht liegt es nur daran, daß ihr zu wenig miteinander redet. Du mußt das ändern, den Kindern zuliebe.« Mayas sanfte Stimme war eindringlich.

»Na klar, ich muß… Das ist genau das, was ich nicht mehr will. Ich habe mich lange genug gefügt und den Schein gewahrt. Es ist Schluß damit. Die Kinder werden ihren Vater überhaupt nicht vermissen, weil er doch nie da ist. Morgen in Hannover, übermorgen in Paris und nächste Woche in Washington. In Zukunft interessiert mich das nicht mehr und auch nicht, ob die Sekretärin mitfliegt.« Karins Atem ging rasch. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht, und sie wischte sie mit den Fingern weg wie ein kleines Mädchen.

»Ich glaube, hinsichtlich der Kinder täuschst du dich. Weißt du nicht mehr, wie verlassen wir uns vorkamen, als unser Vater mit achtundvierzig einen Herzinfarkt bekam und starb?«

Karin schnupfte. »Das kann man nicht vergleichen. Unser Vater war immer da, wir konnten ihn alles fragen, er hat jeden Blödsinn mitgemacht.«

»Kai würde das auch tun, wenn er mehr Zeit hätte.«

»Ph, ich wette, er hat die Namen der Zwillinge längst vergessen, und wenn er sie irgendwo in der Stadt treffen würde, hätte er Mühe, sie zu erkennen.«

Maya hätte der Schwester gern widersprochen, doch sie wollte die Mißstimmung nicht noch vertiefen. »Ganz gleich, wann ihr fahren wollt und wie lange, ich richte mich darauf ein. Ich bin die Patin der Zwillinge, und ich mag sie gern. Wir kommen bestimmt gut miteinander aus.«