Geliebter Terrorist - Stefanie Willers - E-Book

Geliebter Terrorist E-Book

Stefanie Willers

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Beschreibung

Die aufstrebende Journalistin Elisabeth Ferris verschwindet spurlos. Ihre letzte Spur: Ein Jeep, der sie in die vom Großfeuer gezeichneten Berge fährt. Für ihren Vater, einen einflussreichen Waffen-Lobbyisten, beginnt ein Albtraum, genährt von verstörenden Fotos maskierter Gestalten – ein grausames Spiel aus Hoffnung und Verzweiflung. Neun Jahre lang hält er den Fall offen, getrieben von einer leisen Ahnung, die jeder Logik widerspricht. Dann, ein Schock: Eine terroristische Splittergruppe in Nicaragua fordert Lösegeld. Eine fieberhafte Rettungsaktion beginnt, doch was die Einsatzkräfte finden, sprengt jede Vorstellung: Elisabeth ist kein Opfer. Sie hat sich verliebt und hat den charismatischen Anführer der „Nueva Fuerza por Ghandi (NFG)“ geheiratet. Dies ist eine Geschichte, die die Abgründe menschlicher Überlebenstriebe auslotet, die Grenzen von Ideologien herausfordert und die Frage stellt, wie weit Liebe gehen kann, wenn die Welt um dich herum brennt. Ein packender Roman, der dich bis zur letzten Seite in Atem halten wird.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Stefanie Willers

 

GELIEBTER

 

TERRORIST

 

Drama / Roman

 

Cover: Simone C. Franzius

Bildlizenzen: adobe stock

Korrektorat/Lektorat: Simone C. Franzius

Verantwortlich für den Inhalt des Textes ist die Autorin Stefanie Willers

Satz, Herstellung und Distribution: Literaturprojekte

 

ISBN: 978-3-948464-12-7 (E-Book)

 

Alle Rechte liegen bei der Autorin

Copyright © 2025 Stefanie Willers

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

Informationen gemäß der Produktsicherheitsverordnung der EU,

auch als General Product Safety Regulation (GPSR) bekannt:

- Der Hersteller dieses Buches im Sinne der GPSR ist die Franzius Verlag GmbH.

- Ansprechpartner für GPSR-Fragen ist die Geschäftsführerin Simone C. Franzius.

- Die Kontakt-E-Mail bei Fragen im Sinne der GPSR lautet: [email protected]

- Der eindeutige Produktcode gemäß GPSR ist die ISBN.

 

Achtung:

Dieses Buch enthält detaillierte Beschreibungen von erotischen Situationen und sexuellen Handlungen mit einer entsprechenden expliziten Wortwahl. Dies kann für einige Leser anstößig erscheinen und ist für minderjährige Leser nicht geeignet. Dieses Werk ist ausschließlich für den Verkauf an Erwachsene bestimmt. Stellen Sie bitte sicher, dass Minderjährige keinen Zugriff auf dieses Werk erhalten.

 

Alle Ähnlichkeiten mir real lebenden Personen oder Geschehnissen sind rein zufällig. Dies ist eine fiktionale Geschichte.

 

Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis der Autorin darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden, wie zum Beispiel manuell oder mit Hilfe elektronischer und mechanischer Systeme inklusive Fotokopieren, Bandaufzeichnung und Datenspeicherung. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schadenersatz. Alle im Buch aufgeführten Angaben, Ergebnisse usw. wurden von der Autorin nach bestem Wissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie der Autorin. Sie übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten.

INHALT

1. Lache, wenn du weinen willst

2. Die Erbschaft

3. Nur nach Hause

4. Der Überläufer

5. Lennard - der Deutsche

6. Der Plan

7. Das Buschfeuer

8. Eine fatale Entscheidung

9. Entführt

10. Nicaragua

11. Rettung oder Mord?

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1. Lache, wenn du weinen willst

 

 

 

Eve lag auf dem Bauch. Die Jagdjacke aus wachsgetränktem Stoff, in Tarnfarben gehalten, hielt die Feuchtigkeit des Waldbodens ab und ließ sie gleichzeitig mit dem Unterholz verschmelzen. Rechts und links von ihr standen Bäume. Die frühe Morgensonne ließ die Umgebung funkeln, die Feuchtigkeit ließ Nebelschwaden zwischen den Gräsern aufkommen. Elisabeth, stets nur Eve genannt, wusste, dass die anderen Jäger nicht weit weg waren.

Regungslos verharrte sie, den Blick auf nichts als die Lichtung vor ihr gerichtet. Eine von der Sonne beschienene Fläche mitten im Wald, die mit sattem, grünem und frisch duftendem Gras, die begehrten Wildtiere anlockte.

Doch das Gewehr in Eves Händen fühlte sich falsch an. Es widerte sie an, überhaupt eine Waffe in den Händen zu halten. Eve hatte nichts gegen Schutz. Doch Zivilpersonen mit einer Waffe waren ihr ein Graus. Und hier inmitten dieser passionierten Jäger war es nur Mord, dachte Eve. Sie ärgerte sich, dass sie hier sein musste. Doch es brachte sie auch schier um den Verstand, warum sie so anders dachte als ihre Umwelt. Eve lag im Gras und überlegte: Warum schoß man hier das Wild, welches einem vor die Flinte gejagt werden sollte? Für Eve klang das wie eine Farce, ein schales Vergnügen. Sie fühlte den Drang wegzulaufen, fürchtete sich jedoch vor dem Tadel durch ihren Vater. Nein, bestätigte sie sich ehrlich in Gedanken, sie fürchtete sich vor ihrem Vater, Ted Ferris. Er hatte sie gezwungen, heute hier zu sein. Er hatte sie erpresst und bedroht. Gegen seinen Willen kam sie nicht an. Nur seine Meinung zählte, ihre dagegen nie. Alle anderen, die sich hier heute Morgen im Wald versammelt hatten, schossen, weil es ihnen Spaß machte. Sie waren Jäger. Oder hätte man lieber sagen sollen, Freizeit-Cowboys, dachte Eve sarkastisch. Denn frisches Wild mochte hier kaum einer. Geschweige denn, es zu zerteilen oder zuzubereiten. Convenience war das Modewort und das bot der Wald wohl weniger. Diese Herren fuhren mit einem Chauffeur zum Jagdplatz, setzten sich auf einen gepolsterten Sitz und bewegten höchstens den Abzug. Was mit dem erlegten Wild passierte, interessierte hier keinen. Es ging wohl eher um die teuren Waffen. Jene exklusiven Gewehre mit handgefertigtem Holzschaft und exquisiten Gravuren, die ihr Vater anfertigen und sich gut bezahlen ließ. Wer hier schießen wollte, musste diese teuren Einzelstücke nutzen.

Und wie weit war es von einem Tier bis zum Abschuss eines Menschen?, überlegte Eve weiter, während sie so im Unterholz lag. Machte die über Jahre kultivierte Mordlust überhaupt vor etwas halt? War Schutz eine Farce, wenn Waffen diesen garantieren sollten? Diese illustre Gesellschaft war davon überzeugt, dass das Recht, Waffen zu tragen, auch beinhaltete, sie zu nutzen. Wie viele tödliche Begegnungen musste es noch geben, bis auch dem letzten klar war, dass Waffen die Welt in keinem Fall besser gemacht hatten?

Eves Augen weiteten sich bei einem weiteren Gedanken: Wenn diese Leute gewusst hätten, was ihr Vater getan hatte, würden sie ihn dann immer noch hofieren und die Karriereleiter hochklettern lassen? Oder wussten sie es, und Eve war in weit größerer Gefahr, als sie dachte?

Irgendwo raschelte es. Eve erschrak. Dann schaute sie hoch, sie sah jedoch nichts. Sie hatte diese Position im Wald zugewiesen bekommen. Gleichzeitig gut geschützt durch einen Busch, lag sie leicht erhöht, sodass sie eine der kleineren freien Flächen im Blick hatte. Bei dem größten von den drei Waldschlägen vermutete Eve ihren Vater und seinen zukünftigen Boss. Eves Gedanken drifteten wieder langsam ab. Sie wusste: Dies hier war eine lange geplante Versammlung hochrangiger Waffenfreunde. Einer kaufkräftiger als der andere. Alles Waffennarren, die sich zu einer Jagd am Samstagmorgen aufgemacht hatten. Zum Spaß, zur Entspannung, wie sie sagten.

Eve hielt Waffen für gefährlich. Sie wusste jedoch, dass ein generelles Verbot von Waffen hier in diesem Teil der Vereinigten Staaten von Amerika das Gegenteil bewirkt hätte. Sie hatte bereits viel darüber gelesen. Wie bei jedem zu strengem Gesetz, stieg die Kriminalität eher, als dass sie sank. Eve erkannte jedoch noch etwas anderes. Erstens die Hemmschwelle: Wer eine Waffe trug, war leichter in der Lage, sie auch zu nutzen. Mit jedem Schuss fiel die Hemmung, war der Blutrausch schlimmer. Alle glaubten, mit einem Anstieg der Kontrolle über die Waffe, mit der Kenntnis, wie man sie benutzte, wäre alles sicherer. Doch Eve glaubte, dass nur das Gegenteil der Fall war. Nur die Hemmschwelle sank. Gewalt war plötzlich allgegenwärtig. Wurde überall hineininterpretiert, schien der einzige Weg. Wie viele dieser Menschen töteten, nur, weil sie es konnten? Aus Spaß, aus Langeweile, aus Frust. Wo fing es an, wohin führte das? In den Frieden, den sich dann auch keiner mehr wünschte, sicher nicht.

Zweitens war für Eve die Grundannahme, dass man jederzeit angegriffen werden konnte, keine Voraussetzung für eine friedliche Welt. Sie wünschte sich nur Frieden und Sicherheit. In eine friedliche Welt gehörten friedfertige Menschen, dachte sie. Nur, wer hätte Eve schon zugehört? Hier hielten sich ja seltsamerweise alle für harmlos, belogen sich selber. Das Böse lauerte in jedem, der eine Waffe liebte, meinte Eve. Sie hatte im Verlauf der Jahre so ihre Erfahrungen damit gemacht.

Es war sehr still an diesem schönen Morgen Ende Mai. Es sollte ein sonniges Wochenende werden. Ganz besondere zweieinhalb Tage standen an.

 

Eve erinnerte sich, wie sie gestern, am Freitagabend, in der »Jagdhütte« angekommen war, wie ihr Vater das Haupthaus seines Anwesens nannte. Wer das Gelände einmal gesehen hatte, lachte über den Begriff. Denn mit einer Hütte hatten weder das Haupthaus noch die Nebengebäude etwas gemein. Das Anwesen von Eves Vater lag in Colorado, zwischen El Paso und Denver, aber Denver etwas näher. Die 25 Hektar große Fläche erstreckte sich rund um einen See. Ein hoher, beeindruckender Zaun schloss das gesamte Gelände ein. Durch den Haupteingang, ein schmiedeeisernes Tor, führte ein Schotterweg direkt zum Parkplatz des Hauptgebäudes. Das zweistöckige Haus, solide in Holzbauweise errichtet, stand rechts vom Parkplatz und hatte eine Grundfläche von etwa 200 Quadratmetern. Unten befanden sich das Ess- und Wohnzimmer sowie die offene Küche. Die obere Etage beherbergte vier Schlafzimmer und zwei Bäder. Obwohl Eves letzter Besuch schon eine Weile zurücklag, kannte sie sich auf dem kaum veränderten Gelände bestens aus.

Das Anwesen hatte vier Zugänge. Rechts vom Haupthaus lief ein niedrigerer Zaun parallel zur Außengrenze, wo Jagdhunde patrouillierten. Eve kannte den Weg zu den Zwingern und dem Schutzbunker auswendig und wusste genau, wie viele Schritte es bis zum Verwalterhaus im Norden waren. Von dort gelangte man zur Hauptstraße, wo der Doppelzaun endete.

Hinter den Ställen öffnete sich der Weg zu den öffentlichen Parkplätzen im Westen. Dort stellten Jäger ihre Fahrzeuge ab, bevor sie in den Wald aufbrachen. Links vom Haupthaus führte ein Weg an einem verwitterten Schuppen vorbei zum Schießplatz und weiter zu zwei Gästehäusern. Der Südeingang blieb meist verschlossen. Entlang des Sees schlängelte sich ein schmaler Pfad an zwei weiteren Gästehäusern vorbei, der schließlich wieder zu den öffentlichen Parkplätzen führte.

Aufmerksam hatten sich beide am Freitagabend umgeschaut. Denn sie waren seit über vier Jahren zum ersten Mal wieder hier gewesen.

Im Haus angekommen, hatte Eve sofort bemerkt, dass sich etwas verändert hatte. Frischere Farben zierten das Innere des ansonsten dunklen und aus rustikalem Holz hergestellte Haus. Auf den Tischen standen frische Blumen. Rosa.

Jemand hatte eine weibliche Hand auf diesen Ort gelegt, unverkennbar. Eve und ihre Mutter tauschten einen Blick aus, der sagte: Wir wissen beide, wer.

Und da war sie auch schon die Treppe hinabgeschwebt. Eine durchgestylte Blondine. Nuttig, war Eves abschätzende Meinung gewesen.

Ihre Mutter erblasste, die Augen kurz zu Boden gerichtet, bevor sie mit geübter Präzision eine Maske aufsetzte. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, mechanisch und kalt, während die Blondine dasselbe zurückgab. Zwischen ihnen schwebte eine Spannung, die Eve fast greifen konnte.

Denn sie hätten sich wohl gegenseitig am liebsten ein Messer in den Rücken gerammt.

Mit zwitschernder Stimme verkündete die Blondine, dass sie die Führung übernehmen würde – als wären Eve und ihre Mutter Fremde in diesem Haus. Eve bemerkte das leise Knirschen von Zähnen neben sich. Schweigend folgten sie der neuen Frau an der Seite ihres Vaters, die sie selbstsicher durch die Flure lotste bis zu der Tür, hinter der einst Eves Kindheitserinnerungen entstanden waren.

Nun standen zwei Betten darin und die Blondine fiepste, man müsse am Wochenende etwas zusammenrücken, was alle ja sicher verstünden. Ihre Mutter hatte sich erschöpft auf das linke, Eve auf das rechte Bett gesetzt. Beide waren sich einig, dass sie auf keinen Fall mit Ted Ferris und seiner Flamme zu Abend essen wollten. Sie hatten sich entschuldigen lassen und waren auf dem Zimmer geblieben. Den restlichen Abend redeten sie wenig. Schon vor Jahren hatten beide aufgehört, sich mehr als nur über Belanglosigkeiten zu unterhalten. Ihre Mutter verstand sie nicht oder wollte sie nicht verstehen.

Eve betrachtete ihre Mutter, die nur noch mechanisch nickte, während die Blondine redete. Früher hatte sie in diesen Augen noch Funken gesehen - jetzt spiegelte sich dort nur leere Akzeptanz. Wenn Eve mit ihr sprach, bekam sie stets dieselbe Antwort: »Tu, was dein Vater sagt.«

Aber Eve hatte andere Pläne: Der Brief von Rylan Peers lag zusammengefaltet in ihrer Tasche. »Dein Artikel hat Potential,« hatte er geschrieben. »Schick mir mehr davon.«

Eine eigene Wohnung in New York, ein Schreibtisch in seiner Redaktion - all das wartete auf sie. Eve musste nur einen spannenden weiteren Artikel fertigstellen, ihn einreichen und dann ...

Sie berührte den Brief in ihrer Tasche. Würde sie es wagen, ihrem Vater am Sonntag zu sagen, dass sie nicht den langweiligen Sohn des Holzhändlers heiraten, sondern nach New York ziehen und für eine Zeitschrift schreiben wollte?

Am Sonntag würde Eve achtzehn werden. Inmitten der Geburtstagsglückwünsche, wenn alle Gäste mit Champagnergläsern in der Hand um sie herumstanden, wollte sie ihre Chance ergreifen. Sie hatte den Moment hundertmal in ihrem Kopf durchgespielt: Sie würde aufstehen und ihre Pläne verkünden. Doch jedes Mal, wenn sie sich ihren Vater vorstellte, wie er sie mit diesem durchdringenden Blick fixierte, spürte sie, wie ihre Stimme bereits in der Vorstellung zu einem Flüstern schrumpfte.

Ted Ferris hatte eine laute und dominante Art; die Angst vor ihm war allgegenwärtig. Eve machte sich Sorgen, wieder nur lächeln und nicken zu können.

Denn ihr Vater war ein einflussreicher Waffen-Lobbyist. Er behandelte seine Gewehre und Hunde besser als seine Gattin. Eves Mutter war der Inbegriff einer tugendsamen Frau. Eine eigene Meinung hatte sie nicht zu haben. Eve hatte mit den Jahren durchaus eine eigene Meinung, doch die zählte nicht. Hatte nie gezählt. Ihr Vater sah alles nur durch seine eigenen Augen.

Eve sehnte sich nach dem Lachen ihrer Freunde, nach Musik und Kerzen auf einem selbstgebackenen Öko-Kuchen. Stattdessen würde ihr achtzehnter Geburtstag am Sonntag unter den tadelnden Augen der Gäste ihres Vaters vergehen, zwischen erzwungenem Lächeln, Champagner, Canapés und falschen Komplimenten.

Sie wurde achtzehn Jahre alt. Doch an diesem Wochenende war eben auch das Jahrestreffen der NRA – der National Rifle Association of America - dieser Region und das auch noch in diesem Jahr auf dem Anwesen von Ted Ferris, ihrem Vater. Der hatte sich mit den Jahren zu einer bekannten Größe in der NRA hochgearbeitet und sah nun seine Chance gekommen. Bei solchen speziellen Treffen waren die Frauen und Kinder mitzubringen. Also mussten ihre Mutter und Eve mit in die »Jagdhütte« und Eve musste sogar mit zur Jagd am Samstagmorgen. Und dort lag sie nun und dachte an den gestrigen Abend, an dem sie angereist waren.

 

Hier auf der Lauer und darauf wartend, dass die Jagd bald vorüber wäre, wand sich Eve innerlich. Sie stellte ehrlich fest, dass sie nur immerzu lächelte und letztendlich nie tat, was sie wollte, sondern immer nur, was ihr Vater verlangte. Wurde sie wie ihre Mutter? Hier in diesem Wald wurde Elisabeth Vera Ferris zum ersten Mal klar, dass sie ihr Leben spielte. Wie eine einstudierte Rolle, wie eine Schauspielerin, die ein fremdes Leben zelebrierte. So perfekt einstudiert und glaubwürdig, dass sie nie aussteigen konnte. Eve zitterte. Doch sie wusste nicht, ob vor Angst vor ihrem Vater, vor Entsetzen über das, was ihre Familie vertuscht hatte, oder wegen der Frische dieses frühen Morgens.

Ein Schuss durchzog die Stille. Eve zuckte erneut zusammen, dieses Mal heftiger. Doch dann schüttelte sie über ihre eigene Schreckhaftigkeit den Kopf. Denn es brach nur die übliche Hektik aus. Eve interessierte nicht, wer geschossen hatte oder was getroffen worden war. Sie wusste, dass das Wild zumeist vor die Flinte des Vorsitzenden getrieben wurde. Sie wusste auch, dass ihr vom Anblick von Blut übel wurde. Sie sah weg, kroch nach hinten, und richtete sich mit einer Wendung in die Gegenrichtung der Lichtung auf. Dann ging sie auf die Autos zu, die am Rand des Waldes auf dem Parkplatz standen. Im Schutz der Wagen zog Eve die gewachste Hose und die Jacke aus. Darunter trug sie Jeans und Shirt. Zusammen mit ihrem Gewehr, das sie in die Waffenhalterung einklinkte, beließ sie beides auf der offenen Ladefläche des Pick-ups des Verwalters, der sich um diese Dinge kümmerte.

Als sie den Wagen sah, kam eine schreckliche Erinnerung hoch. Blitzartig fragte sie sich, ob das immer noch der gleiche Verwalter war, wie vor vier Jahren. Ob es das gleiche Kennzeichen war, wusste Eve nicht mehr. Lebte das Verwalter-Ehepaar immer noch hier? Mitleid und Scham überkamen Eve wie ein Schwall eiskaltes, dann zu heißes Wasser. Doch schnell verdrängte sie die aufkommenden Erinnerungen erneut in die hinterste Ecke ihres Gedächtnisses, wo sie hingehörten.

Eve wandte ihren Blick ab und in die Richtung, in der es vom Parkplatz über das Gelände und zum Haupthaus ging. Sie nahm sich vor, bis zum Mittagessen spazieren zu gehen. Sie hatte keinen Bedarf, den Jägern zuzusehen, die sich gegenseitig auf die Schulter klopfen würden, ein wehrloses Wesen getötet zu haben. Eve wünschte sich weit weg. Aber dieses Wochenende musste sie heile Familie spielen.

Eve lief zwischen den Autos hindurch und auf die andere Seite des Waldes zu. Dieser Teil des Grundstücks hatte ihr als Kind als Versteck vor ihrem Vater gedient.

Jeden Monat hatten sie das Anwesen ihres Vaters besucht, ein Ritual, das sich mit jedem Besuch verdunkelte. Eve erinnerte sich an die wachsende Anspannung, die Stille im Auto während der Anfahrt, bis schließlich vor vier Jahren das Unaussprechliche geschah. Vier Jahre lang hatte sie keinen Fuß mehr auf diesen Boden gesetzt. Bis heute.

 

Eve lief eine Weile durch den Wald und dann zurück über den Parkplatz. Sie überlegte, ob sie rechts oder links um den See zum Haupthaus gehen sollte. Alles hier barg dunkle Geheimnisse für sie. Auf der einen Seite die Pferdeställe, der Sturm-Shelter und die Hundezwinger. Auf der anderen Seite die Gästehäuser, der Schießplatz und der Schuppen, in dem das Unglück passiert war. Eigentlich war sie froh, dass Ted Ferris nach jenem Tag vor vier Jahren aus dem gemeinsamen Haus in El Paso ausgezogen war.

Das Haus in El Paso überließ er ihnen großzügig, wie er betonte, samt monatlicher Überweisung für ihren Lebensunterhalt. Selbst bezog er sein Jagdanwesen dauerhaft - näher an Denver gelegen, wo die politischen Fäden zusammenliefen, die er für seine Karriere zu ziehen gedachte. Darüber hinaus konnte er so die Beziehung zu seiner Geliebten optimieren. Die hatten sie nun am Freitagabend gesehen.

Am Samstagmorgen nach der seltsamen Jagt, beschloss Eve nach rechts zu gehen, an den vier Gästehäusern vorbei. Jedes dieser rustikalen Doppelhäuser hatte zwei Zimmer nebst Bad. Jede Einheit besaß eine eigene Tür. Somit hatte jedes dieser kleinen Doppelhäuser zwei Türen an der Front. Beim Anblick dieser Häuser, fühlte Eve sich wieder wie ein Teenager.

Tom und sie waren als Jugendliche immer mal wieder in diese oft leerstehenden Häuser eingedrungen. Als Sohn des Verwalters hatte er Schlüssel zu den Häusern gehabt und auch gewusst, welches unbewohnt gewesen war. Eve schmunzelte über die heimlichen Dates, die sie sich hier gegönnt hatten. Zwei einsame Kinder auf der Suche nach Verbundenheit. Mit Tom war es immer schön gewesen. Wehmut überkam sie. Alles vorbei.

Als sie weiterging, ließ sie ihren Blick bewusst links auf den See gerichtet. Den Schießstand und den Schuppen blendete sie aus. Die Vergangenheit schmerzte zu sehr. Immer wieder ermahnte sie sich, an die Zukunft zu denken. Denn Eve wollte ihr Schicksal gerne selber wählen, sobald sie achtzehn Jahre alt war. Viele Male spielte sie in Gedanken das Gespräch durch, welches sie mit ihrem Vater führen wollte. Denn es blieb dabei: Sie wollte keineswegs jetzt sofort heiraten. Schon gar nicht diesen biederen Spießer, den ihr Vater für sie ausgesucht hatte. Sie wollte lieber den aufregenden Job bei der Zeitung. Sie wollte Fotoreporterin und Journalistin werden. Aber wie sie das ihrem Vater sagen sollte, wusste sie nicht. Am besten am Sonntag, am besten unter vielen Leuten und frei heraus. Eve redete sich bis kurz vor dem Mittagessen Mut zu. Sie musste irgendwie ihre Klappe halten und Ted Ferris keinesfalls vor dem Gespräch gegen sich aufbringen. Irgendwie, so sagte sie sich mehrmals, musste sie den restlichen Tag heute überstehen.

 

Kurz bevor sich alle zum Mittagessen versammeln würden, zog sich Eve in ihr Zimmer zurück. Was sie im Spiegel sah, war das Bild, das ihr Vater bevorzugte: bieder, unscheinbar und unauffällig. Sie hatte sich heute bewusst dafür entschieden – eine langweilige Bluse, keine Spur von Make-up und die langen, braunen Haare streng zu einem Zopf gebunden.

Bis sie auf die High School ging, war dieses Aussehen ihre einzige Wahl gewesen. Ihre Mutter schnitt ihr die Haare, und ihr Vater, ein passionierter Jäger, war gegen jegliche Form von Eitelkeit. Er spottete über geschminkte Mädchen, nannte Cheerleader verächtlich »Chicken« und alberte abwechselnd als Huhn gackernd durch das Wohnzimmer oder zog demonstrativ den Abzug einer imaginären Waffe durch.

Für ihn war nur bequeme Kleidung wichtig, die auch für einen spontanen Ausflug in den Wald geeignet war. Eve spielte die gehorsame Tochter, trug, was er wollte, und passte sich an. In der Schule in El Paso hatte ihr ungepflegtes, veraltetes Äußeres dazu geführt, dass sie bis zur High School keine Freunde fand.

Vor vier Jahren änderte sich alles. Eve hatte die Chance ergriffen, sich neu zu erfinden. Sie entdeckte ihre eigene Schönheit und begann, sich zu entfalten. Ihre dunkelbraunen, dichten Haare, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, trug sie nun offen und ließ sie in vollen Wellen fallen. Ihre Haut war makellos, ihre dunklen Augen strahlten und brauchten kaum Schminke. Die schwarzen, dichten Wimpern benötigten keine Wimperntusche, und ihre Augenbrauen zupfte sie nur gelegentlich in Form. Sie war schlank und hatte eine natürliche, sportliche Figur, auch wenn sie sich selber nie so bezeichnen würde. Diese neue Eve war selbstbewusst, attraktiv und hatte gelernt, ihre wahre Schönheit zu zeigen.

Heute jedoch, für diesen speziellen Anlass, hatte sie sich bewusst entschieden, in die Vergangenheit zurückzukehren. Der strenge Zopf und die einfache Bluse waren ein Echo der gehorsamen Tochter, die sie einmal gewesen war. Es war ein Image, das sie gewählt hatte, um sich an die Erwartungen ihres Vaters anzupassen – zumindest für diesen einen Tag. Es war ein bewusster Schritt zurück, ein Zeichen der Anpassung an ein längst vergangenes Leben.

Ted Ferris trug seine Haare mittellang und hatte einen dichten Bart. Mit den Jahren war er immer fülliger geworden, buschige Augenbrauen und Tränensäcke verbargen die kleinen Augen, und sein schmaler Mund nahm einen grausamen Zug an. Eves Mutter hatte kastanienbraunes, langes Haar, welches sie oft hochsteckte. Eine Stupsnase und Sommersprossen ließen ihre Mutter stets vergnügter aussehen, als sie sich selber fühlte. Sie war mittelgroß und ebenfalls mit den Jahren in die Breite gegangen. Edith Ferris pflegte sich den Umständen entsprechend, fiel nie groß auf und lächelte in einem fort, wenn jemand in ihrer Nähe war. Wenn niemand zuschaute, zeigte sich bei ihrer Mutter ein trauriger Ausdruck. Etwas ernüchternd desillusioniertes.

Eve konnte sich an keine Umarmung ihrer Eltern erinnern, an keine Liebe zueinander oder zu anderen. Eve hatte keine Geschwister. Sie hatte bis zum Alter von acht Jahren eine Nanny gehabt. Sie war in El Paso aufgewachsen, dort zur Schule gegangen und hatte nun die High School abgeschlossen.

 

Eve kam langsam aus ihrer Erinnerung heraus wieder im Hier und Jetzt an. Sie stand noch immer vor dem Spiegel. Sie betrachtete sich erneut. Ein typischer Teenager eben. Wie achtzehn sah sie weniger aus. Aber dennoch würde sie das morgen sein. Eve nickte ihrem Spiegelbild zu. Volljährig, endlich. Ein Gedanke ließ sie freudig aufhorchen: Ob ihr Vater ihr den versprochenen SUV schenken würde? Doch sofort verdunkelten sich ihre Gedanken wieder: Besiegelte das den Pakt mit ihm oder konnte sie dann endlich hinfahren, wohin sie wollte? Doch sie verscheuchte alle Gedanken an die Vergangenheit, um sich besser auf die vor ihr liegende Aufgabe zu konzentrieren.

Sie warf einen letzten Blick in den Spiegel und ging hinunter. Wie sie erwartet hatte, war dort ein Buffet aufgebaut worden. Eve stoppte. Dort stand sie: Die Frau des Verwalters. Das war Toms Mutter. Eve erkannte sie sofort. Obwohl sie sich stark verändert hatte. Tiefe Sorgenfalten zogen sich durch ein einst hübsches Gesicht. Dunkle Ringe unter den Augen vertieften ihr trauriges Aussehen. Die nunmehr grauen Haare trug sie zu einem engen Knoten zusammengebunden. Sie sieht zu dünn und verhärmt aus, dachte sich Eve. Gleichzeitig wusste sie, dass diese Frau auch allen Grund dazu hatte, zu trauern. Unwillkürlich sah sie sich nach dem Verwalter um, doch sie sah ihn nirgends. Vermutlich war er wie immer draußen beschäftigt. Er bewirtschaftete das Anwesen. Seine Frau hatte sich immer um das Innere des Hauses und das Leib und Wohl der Bewohner gekümmert. Sie bewohnten also noch immer das Verwalter-Haus. Und sie hatten einst auch einen Sohn gehabt. Wie sehr ein solcher Verlust schmerzen musste, konnte Eve sich nicht ansatzweise vorstellen. Eve setzte ein einstudiertes Lächeln auf. Sie grüßte mechanisch jeden, der ihren Weg kreuzte, die perfekte Tochter mimend.

Sie kannte niemanden. Das waren alles Arbeitskollegen ihres Vaters, sein Boss und weitere NRA-Leute. Sie schüttelte artig Hände und bahnte sich ihren Weg zum Buffet. Sie hatte nun Hunger. Zahlreiche verschiedene Fleischsorten standen bereit, teils mit Rechauds warm gehalten, teils als kalter Braten zubereitet. Doch zum Glück für Eve gab es auch einige Salate und Gemüse. Um den Schein zu wahren, legte sich Eve ein wenig Truthahn auf den Teller und nahm sich von dem Nudelsalat, Brot und einen Maiskolben. Damit ging sie hinüber zum großen Esstisch, an dem es sich bereits einige andere Herren bequem gemacht hatten.

Sie ließ ein wenig Platz zwischen sich und den Männern, die sich zwar wie Jäger gekleidet hatten, aber aussahen wie enorm reiche Männer. Die Augen zu rund, die Wangen zu dick, die Bäuche zu prall. Alle in dunklen Anzügen, die aus den Nähten platzten. Auf der gegenüberliegenden Seite nahm nun ein Mann platz, der Eve augenblicklich an ihren Onkel erinnerte. Irgendwie schien er unpassend in dieser Masse emotionsloser und wichtigtuerischer Männer. Er war mittelgroß und hatte die traurigen Augen eines Soldaten, der zuviel gesehen hatte. Seine blonden Haare waren sehr kurz geschnitten, er war glattrasiert und man sah ihm an, dass er einmal athletisch gewesen war. Die blauen Augen streiften sie nur kurz, bevor er sich hinsetzte und zu essen begann. Doch das genügte. Diese traurigen Augen!

Eve sah sich wieder ruckartig in die Vergangenheit versetzt. Der tiefgehende Ausdruck dieses Mannes erinnerten sie an Onkel Peter.

 

Einige Zeit, nachdem die Nanny gegangen war – Eve war damals etwa zehn Jahre alt – zog der jüngere Bruder ihrer Mutter für etwa drei Jahre bei ihnen ein. Peter war ein freundlicher, blonder Mann, dessen sanfte Präsenz an einen Teddybären erinnerte. Seine blauen Augen schienen ständig traurig und auf der Suche nach etwas Unbestimmtem. Peter erweckte in allen Menschen Mitgefühl, nur nicht bei Ted Ferris, Eves Vater.

Dass Peter keine Arbeit hatte, war in Teds Augen ein Makel, obwohl Peter als Veteran hohes Ansehen genoss. Eine Verletzung aus dem Krieg hatte ihn daran gehindert, wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen. Ted aber sah nur einen »Krüppel«. Er fragte nie, warum Peter Waffen ablehnte. Hätte er das getan, hätte er sich vielleicht mit den Konsequenzen seines eigenen Waffenhandels auseinandersetzen müssen. Peter hatte von Drogen erzählt, die Soldaten Mut machen sollten, und von jungen Kadetten, die vor Angst blind um sich geschossen hatten. Die Schuld, Unschuldige getötet zu haben, erdrückte ihn – trotz der Beteuerung seines Kommandanten, dass es im Krieg keine Unschuldigen gäbe. Doch Peter hatte die Gesichter von Frauen gesehen, die ihre Kinder umklammerten, ihre Augen weit vor Entsetzen. Keine Medaille, keine Pille, keine beruhigende Plattitüde konnte diesen Makel wegwaschen.