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Ester und Toby kennen sich kaum und mögen sich nicht, doch ein spontanes, wildes Abenteuer im Untergeschoss eines Restaurants bindet sie sofort aneinander.
Ester versucht, sich von ihm zu trennen, doch das dunkle Verlangen nach immer wilderen Bondage-Spielen – genährt durch eine unheilvolle Erinnerung an eine karmische Verbindung – treibt sie immer wieder zurück. Beide verwandeln ihre Passion schließlich in getrennte Studios in Niedersachsen.
Als Ester die Chance auf wahre, ehrliche Liebe durch einen reichen und aufrichtigen Mann ergreifen will, zieht Toby sie zurück in die Schatten: Er manövriert sein Geschäft in die Hände skrupelloser, mächtiger Investoren an der Côte d'Azur.
Bald kämpfen Ester und Toby nicht nur gegen ihre eigenen Dämonen, sondern auch gegen die mafiösen Machenschaften ihrer neuen Herren in Frankreich.
Kann Ester ihre traumatischen Muster überwinden und die Liebe retten, bevor Toby sie alle in einen Strudel aus Erpressung, Mord und Verrat zieht? Die dunkle Sehnsucht war nur der Anfang – jetzt geht es ums Überleben.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2025
Stefanie Willers
Fremdes Verlangen
EROTISCHER ROMAN
Cover: Simone C. Franzius
Bildlizenzen: adobe stock
Korrektorat/Lektorat: Simone C. Franzius
Verantwortlich für den Inhalt des Textes
ist die Autorin Stefanie Willers
Satz, Herstellung und Distribution: Literaturprojekte
Druck und Bindung: BoD, Norderstedt
ISBN: 978-3-96050-280-7 (E-Book)
Alle Rechte liegen bei der Autorin
Copyright © 2025 Stefanie Willers
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Achtung:
Dieses Buch enthält detaillierte Beschreibungen von erotischen Situationen und sexuellen Handlungen mit einer entsprechenden expliziten Wortwahl.
Dies kann für einige Leser anstößig erscheinen und ist für minderjährige Leser nicht geeignet. Dieses Werk ist ausschließlich für den Verkauf an Erwachsene bestimmt. Stellen Sie bitte sicher, dass Minderjährige keinen Zugriff auf dieses Werk erhalten.
Alle Ähnlichkeiten mit real lebenden Personen oder Geschehnissen sind rein zufällig. Dies ist eine fiktionale Geschichte.
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Inhalt
1. Die Kohltour
2. Der innere Kampf
3. Anziehungskräfte
4. Die perfekte Sklavin
5. Die Messe
6. Die Architekten des Abgrunds
7. Der Neubeginn
8. Höhenflüge
9. Erkenntnisse
10. Karrieregeil
11. Das Echo des Verrats
12. Betrügerisches Geld
13. Die Bombe
Weitere Titel von Stefanie Willers
Ester sah sich, den Atem angehalten, in dem luxuriösen Badezimmer um, das ein beinahe unwirkliches Monument aus poliertem Marmor, riesigen Glasflächen und subtiler Technik darstellte, so weit entfernt von ihrer bescheidenen, durch Mangel geprägten Realität, dass es ihr schwindelig wurde. Der Raum war von einer ungewohnten klinischen Sauberkeit, durchgestylt bis ins kleinste Detail und strahlte eine erdrückende Kostspieligkeit aus, die sie einschüchterte und zugleich magisch anzog. Sie trat aus der Regendusche, deren dicke, sanfte Wasserstrahlen ihre Haut wie warme Seide umflossen hatten, und nahm eines der dicken, elfenbeinfarbenen Frottiertücher aus dem elegant in die Wand eingelassenen Regal. Es war warm, nicht nur von der Raumtemperatur, sondern von einer versteckten Heizeinrichtung im Regal auf die perfekte Temperatur gebracht, und es war weicher, flauschiger und nach einem fremden, teuren Parfum duftend, als alles, was zuvor ihren Körper berührt hatte – eine Dekadenz, die ihr mehr gefiel, als es ihre Vernunft zuließ. Jede Bodenfliese schien leicht beheizt zu sein, eine unsichtbare, dekadente Wärme, die von den Füßen aufstieg und das Gefühl von vollkommenem Wohlstand vermittelte.
Während sie sich langsam und genüsslich abtrocknete, glitt ihr Blick zu der gigantischen Whirlpool-Badewanne, die in den Boden eingelassen den Raum dominierte und ihr fast wie ein Sarkophag aus Luxus erschien. Sie fragte sich unwillkürlich, mit einem beunruhigenden Stich in der Magengrube, ob er diese am Abend mit ihr teilen würde. Augenblicklich stieg ihr die Hitze ins Gesicht, eine verratende, hungrige Röte, und feiner Schweiß trat ihr aus den Poren. Es war eine elektrisierende Mischung aus schamvoller Erwartung und träumender Begierde, die sie mit einem verschämten und gleichzeitig hungrigen Lächeln zur Kenntnis nahm.
Nackt trat sie in das angrenzende Schlafzimmer, ein Raum von minimalistischer Gestaltung, in dem die wenigen Elemente umso überwältigender wirkten: ein King-Size-Bett, dessen Matratze so hoch und die Kissen so zahlreich waren, dass es einer grasgrün, weiß und hellbraun dominierten Liegewiese glich. Die Farben atmeten eine kühle, natürliche Eleganz, die sie so sehr liebte. Direkt vor ihr, die gesamte linke Wand einnehmend, befand sich eine weiße Schrankwand, deren Front vollständig aus spiegelndem Glas zu bestehen schien.
Ester trat näher und betrachtete ihre schlanke, durchtrainierte Figur. Sie fuhr mit den Fingern durch ihre dicke, hellbraune Haarmähne, die nun durch die Feuchtigkeit dunkler schimmerte. Ein stilles, triumphierendes Schmunzeln spielte um ihre Lippen.
Ich passe hier hinein, dachte sie mit fester Überzeugung. Ich gehöre zu diesem Luxus, zu dieser Noblesse.
Seltsam, dachte sie, wenn man bedachte, woher sie stammte, aus welcher grauen Realität sie entflohen war. Wie in aller Welt hatte sie diesen Mann verdient? Wie war es überhaupt zu dieser schicksalhaften und gefährlichen Begegnung gekommen?
Ester blickte ihrem Spiegelbild wohlwollend in die braun-grünen Augen, nickte sich fast mahnend zu. Viel war passiert, bevor dieser Tag im Penthouse von Metz Realität werden konnte.
Während Ester ihren Koffer öffnete, der still und unauffällig neben der Tür stand, und begann, sich bedächtig anzuziehen und ihre langen Haare zu föhnen, weiteten sich ihre Augen. Der warme Föhnwind schien die Schleusen ihrer Erinnerung zu öffnen, als sie innerlich die Rückschau auf das Geschehen vor gut einem Jahr antrat:
Es war diese entsetzliche Weihnachtsfeier in Form einer Kohltour im Jahr 2006 der Firma Jupiter Petfood gewesen, bei der sie damals als Industriekauffrau angestellt gewesen war. Ein Abend, der völlig aus der Reihe tanzte und ihr durchschnittliches, von Mangel und Pflicht geprägtes Leben vollkommen auf den Kopf gestellt hatte. Ester überlegte, an welchem genauen Punkt sich ihr Leben zu verändern begonnen hatte. Ihre Gedanken glitten weit zurück zu ihrer Familie, ihren Eltern.
Diese hatten ihr stets gesagt, wo es langging, aber leider nur aus einer begrenzten und ängstlichen Weltsicht heraus. Ihre einzige Tochter sollte es einmal besser haben. Und dafür drehten sie jeden Pfennig zweimal um, was bedeutete, dass Ester in ihrer Kindheit nur Mangel sah und fühlte. Irgendetwas fehlte immer. Das nagende Gefühl des ewigen Suchers hatte sie stets versucht zu kompensieren, aufzufüllen – stets auf der Suche nach dem Unbestimmten, dem Namenlosen, das mehr sein musste als Arbeit und Schweigen. Erst jetzt, in diesem Penthouse in Metz, mit ihm, hatte ihr Leben eine Bestimmung, einen Sinn bekommen.
Ihre Überlegungen glitten tiefer in das Bild einer Kindheit in Grau. Nach einer kurzen Baby-Pause hatte Esters Mutter sie in einer Krippe untergebracht, gerade so, als sei dieses Kind ein Versehen, ein Klotz am Bein, ihrer eigenen spärlichen Lebensplanung im Weg.
Esters Vater arbeitete im Straßenbau, ihre Mutter in einer Wäscherei. Beide hatten wenig Zeit und noch weniger Energie für die einzige Tochter. Der Vater war viel im ganzen Land unterwegs, die Mutter fuhr morgens früh immer zur selben Zeit und mit derselben Straßenbahn in die Bremer Neustadt. Man hätte beide traurig finden können.
Ester kannte ihre Eltern nur grauhaarig, zu dünn, verhärmt und von ständiger Sorge gezeichnet. Stets gebeugt gingen sie durchs Leben, welches sich hart und ungerecht anfühlte. Sie bedauerten sich fortwährend in ihrem Elend, was mitunter narzisstische, auf sich selbst zentrierte, Züge annahm.
Ester war von Kindesbeinen an viel allein. Die Eltern hatten jeder ihren eigenen Film des Unglücks. In sich gefangen, redeten sie nur das Nötigste, weil keiner den anderen tatsächlich verstand. Für sie war Verstehen gleichzusetzen mit zusätzlicher, anstrengender Arbeit. Und dafür hatten sie keine Kraft. Esters Kindheit bestand aus: Schweigen und Schuften. Notgedrungen lernte sie früh, sich durchzubeißen und für sich selbst zu sorgen. Später war sie es, die den Haushalt – eine kleine, stickige Wohnung im Bremer Stadtteil Kattenturm – sauber und ordentlich hielt und das Essen machte, wenn die Eltern spät von der Arbeit kamen.
Ihre Eltern waren verhältnismäßig alt, hatten sich erst sehr spät für ein Kind entschieden. Oder auch nicht? Ihre Eltern sagten Ester nie, dass sie ein Wunschkind gewesen sei. So blieb bei Ester ein nagender, unterschwelliger Zweifel, ob sie überhaupt gewünscht war.
Ihre Kommunikation beschränkten ihre Eltern auf das Notwendigste, ihre Sprache klang einfach und von Verzweiflung durchdrungen. Bildung war Luxus gewesen, und diese nie erlangt zu haben, machte beide still und depressiv.
Doch Ester sollte es besser haben. Sie sollte zur Schule gehen, eine gute Ausbildung erhalten, einen gebildeten Mann heiraten. Wenn sie wusste, dass man dafür schwer arbeiten musste, umso besser. Das war das Credo ihrer Eltern. Ester wurde nie gefragt, was sie wollte. Sie wurde dazu erzogen, sich unsichtbar um die Eltern zu kümmern. Unbewusst fühlte sie sich ungeliebt und immer überarbeitet – ganz ähnlich wie ihre Eltern, aber mit einer jungen, glühenden Wut im Bauch.
Um es den Eltern leichter zu machen, beschloss Ester, nach der zehnten Klasse das Gymnasiums zu verlassen, um eine Lehre als Industriekauffrau zu beginnen. Ihre Zensuren waren bedingt durch die wachsenden häuslichen Pflichten immer schlechter geworden. Die Oberstufe hätte sie eh nicht geschafft. Denn ihr Tagespensum war gewaltig:
Nach der Schule ging sie einkaufen, putzte die Wohnung, wusch die Wäsche. Ihre Mutter hatte ihr einmal erklärt, wie alles sein musste, und dann die gesamte Haushaltsführung für immer ihr überlassen. Ester kochte die bekannten, langweiligen Speisen ihrer Eltern, die ihr irgendwann zuwider wurden. Inspiriert durch Freunde, kaufte sie irgendwann einfach Junk-Food: Pizza, Pasta, fertige Eintöpfe. Ihre Eltern aßen alles, was sie ihnen vorsetzte, und sagten dazu nie etwas. Bei den Hausarbeiten, die sie erst machen konnte, wenn ihre Eltern gegen 20 Uhr vor dem Fernseher saßen, schlief sie oft ein, völlig übermüdet.
Die Entscheidung, die Schule zu verlassen, war aber kein Aufgeben, sondern eine Flucht in die Pflicht. Sie brauchte einen Abschluss, um flügge zu werden und aus der miefigen Spießbürgerlichkeit ihres Elternhauses rauszukommen.
Die Ausbildung als Industriekauffrau bei der Heimtierfutter-Firma Jupiter Petfood war das machbare Ziel. Es reizte sie zweierlei an dem Unternehmen: Der moderne Ansatz, der Wille zum Erfolg, die regelmäßigen Arbeitszeiten und das, was dieses Unternehmen herstellte: Heimtiernahrung. Ester liebte Tiere. Die Eltern hatten ihr Haustiere stets verweigert. Angeblich machten sie nur Dreck. Ester hätte die Mehrarbeit in Kauf genommen, aber die Eltern blieben hart.
Drei Jahre lang kniete Ester sich in die Arbeit. Sie wollte unentbehrlich sein und gemocht werden. Sie durchlief alle Abteilungen, ihre Sprachkenntnisse, die sie spielerisch mithilfe eines Au-pair-Mädchens erworben hatte, halfen ihr. Nach der Ausbildung wurde sie übernommen und saß als Sekretärin neben dem Vertriebschef. Ein Job, den sie mochte, bis sie bemerkte, dass wieder etwas Entscheidendes fehlte.
Ester blieb auch nach der Lehre in der Wohnung der Eltern wohnen. Das sparte dringend benötigtes Geld. Sie entwickelte sich zu einer aparten jungen Frau: Schlank, ein längliches Gesicht, eine braune, dichte Mähne. Sie trug helle Blazer für die Arbeit, Joggingbekleidung für die Freizeit. Mit siebzehn hatte sie erste Erfahrungen mit Jungs gemacht, doch nichts hielt länger als zwei Jahre. Es war, als suchte sie jemanden Bestimmtes, und niemand war gut genug.
Sie bewunderte ihren Chef. Groß, aus Hamburg gebürtig, zwanzig Jahre älter, aber hinter der kühlen Fassade verbarg sich ein weiser und freundlicher Geist. Er lobte gerne, munterte sie auf. Und an jenem Tag, an dem die kleine Firma ihre ersteMillion Gewinn erwirtschaftete, sollte Ester nie vergessen, wieviel Wertschätzung die Mitarbeiter erfuhren. Hier bekam Ester zum ersten Mal eine Flasche Champagner. Sie begann sich nach einem Leben zu sehnen, in dem Champagner nicht nur ein Getränk für besondere Anlässe, sondern eine spontane Laune wäre, ein Symbol der unbekümmerten Leichtigkeit.
Einige Jahre vergingen. Ester tat es ihrer Mutter gleich: Immer mit derselben Straßenbahn zur Arbeit, pünktlich zurück, putzen, kochen, fernsehen, um 22:00 Uhr ins Bett. Ein Leben in einer Endlosschleife, die sie langsam erstickte.
Und dann kam der Tag, der alles verändern sollte: die alljährliche Kohltour-Weihnachtsfeier vor gut einem Jahr. Sie fand im Gasthof »Sims« in Buchholz statt, weit außerhalb von Bremen, wo das Unternehmen seinen Firmensitz hatte und Ester lebte.
Ester kannte das norddeutsche Winterritual: Es ist eine archaische Form der geselligen Zusammenkunft, bei der ein Bollerwagen, beladen mit Schnaps und Bier, stundenlang durch die nasskalte Landschaft gezogen wird. Es ist eine rustikale, feucht-fröhliche Wanderung, bei der zünftige Trinkspiele die Kälte vertreiben und die Stimmung bis zur Schmerzgrenze anheizen sollen, bevor man zum obligatorischen Kohlgericht (Grünkohl, Pinkelwurst, Kassler und Bauchspeck) einkehrt, gefolgt von der unvermeidlich ausgelassenen Party.
An diesem Dezembertag herrschte draußen das typisch diesige, feindselige Wetter; die nasskalte Kälte kroch wie ein hungriges Tier durch jede Kleiderfaser. Nach Stunden des Marsches und des enthemmten Trinkens waren alle Teilnehmer entsprechend ordnungsgemäß angetrunken – ein Zustand zwischen Euphorie und leichter Verwirrung. Als die Gruppe schließlich das »Sims« stürmte, war der Lärm ohrenbetäubend, eine Kakophonie aus lautem Gelächter, betrunkenen Schlachtrufen und der dröhnenden Musik. Ester, selbst benebelt von Kälte und Alkohol, fand sich inmitten dieses Trubels wieder. Kurzerhand wurde sie von einem übermütigen Kollegen an einen Vierertisch delegiert, an dem bereits eine Dame und zwei Herren saßen. In diesem Chaos, an diesem völlig unpassenden Tisch, ahnte sie nicht, dass dieser eine, zufällige Moment ihr gesamtes, bis dahin geordnetes Leben neu ordnen sollte.
Sie rollte innerlich mit den Augen, als sie Toby Winter bemerkte, den IT-Nerd, immer mal wieder die PCs wartete. Sie mochte ihn nicht: Weißblond, helle Augenbrauen, blaue, tiefsitzende und lauernde Augen. Ester stand auf dunkle Typen, nicht auf Computer-Freaks in ausgeleierter Jeans. Widerlich! dachte sie abfällig und beschloss, nach dem Essen sofort nach Hause zu fahren.
Toby zu ignorieren war allerdings unmöglich. Er begann, die Runde mit anzüglichen Witzen aufzuheitern und sie in Gespräche zu verwickeln. Ohne es zu wollen, ließ sich Ester mitreißen und trank zu viel. Die Stimmung wurde immer gelöster, die Atmosphäre aufgeheizter. Irgendwann war das andere Pärchen gegangen. Ester und Toby saßen allein. Niemand von den Kollegen beachtete sie. Toby rückte näher, seine Präsenz wurde drängender. Fast hätte Ester sich verschluckt, als er plötzlich, mit der größten Selbstverständlichkeit, von seinem Bondage-Raum erzählte, in dem er Kunden bediente. Ihre bürgerliche Erziehung ließ sie abfällig die Nase rümpfen, doch ein tiefes, dunkles, schamhaftes Interesse zuckte in ihr auf.
Zu einem Exzentriker wie Toby passte dieses Hobby, welches im absoluten Widerspruch zu seinem biederen Auftreten stand. Hinter der nerdigen Fassade versteckte sich also ein umtriebiger, womöglich gefährlicher Geist.
Toby beschrieb seine Räumlichkeiten und Praktiken bilderreich. Zu ihrem eigenen Erstaunen begann sich tief in Ester etwas Fremdes, Verlangendes zu regen. Um ihre Nervosität und aufkommende, schamlose Begierde zu verstecken, bestellte sie Drink um Drink. Sie hörte ihm hungrig zu, stellte intelligente Fragen. Jeder Tropfen Alkohol vernebelte ihren Verstand, der sich einem tiefen, animalischen Gefühl hingab. Diffuse Bilder stiegen Ester in den Kopf, die immer klarer und sehr erotisch wurden.
»Hier im Untergeschoss befindet sich eine Kegelbahn, Toiletten mit Duschen. Äußerst praktisch. Ich habe auf der rechten Seite einen Raum entdeckt, eine Abstellkammer. Die Geräte passen zu meinem Hobby. Ich habe ihn aufgeräumt. Passend, um jemanden ans Kreuz zu fixieren, über einen Bock zu legen – aber auch ein schneller Hogtie ist möglich.«
Tobys Stimme klang verlangend und besessen. Er war ganz in seinem Element, und die Atmosphäre begann, gefährlich zu knistern. Ester fühlte sich so erregt wie nie zuvor. Was er sagte, machte sie heiß und feucht. Immer deutlicher traten die Bilder vor ihr inneres Auge: Sie in einem dieser Geräte. Gefesselt, gefickt… In ihrer Vorstellung schrie sie vor Wonne und Ekstase. Wie sich das wohl anfühlte? Sie musste es wissen! Musste es fühlen. Musste sich opfern und augenblicklich genagelt, hart genommen werden.
Ester rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum, als sie bemerkte, dass ihre Muschi pulsierte, feucht wurde und nach einem Fick verlangte. Jetzt. Sofort. Der Verstand trat im Alkoholnebel zurück. Nur ein Gefühl blieb. Diese Gefühle vermischten sich mit den erotischen Bildern – gerade so, als habe eine andere, dunkle Persönlichkeit von ihr Besitz genommen, die immer stärker wurde, je mehr Ester sie zuließ. Die fremde Macht in ihr übernahm.
Plötzlich war es, als würden sich Esters und Tobys Gedanken vereinen. Wie oft hatten sie es schon miteinander getrieben? Sie kannten sich doch gar nicht! Doch! Nein! Die Bilder in Esters Kopf wurden zu einer undeutlichen, aber intensiven Erinnerung – mit ihm, jahrelang. Sie fand ihn abstoßend – anziehend. Sie wollte nicht – und ob! Sie musste sofort von ihm genagelt werden! Zwingend! Augenblicklich!
Keiner konnte später sagen, wer zuerst aufgestanden war. Wie selbstverständlich, als kannten und vertrauten sie sich schon lange, folgte Ester Toby die Treppe hinunter in den kühlen, muffigen Keller und durch den Seitengang bis zu jenem Raum. Warum Toby überhaupt Zugang zu den Räumen hatte, interessierte sie nicht.
Wie ausgewechselt entledigte sich Ester ihrer Kleidung, tänzelte devot durch den Raum und reizte Toby bis aufs Blut. Er zog ebenfalls seine Kleidung aus. Ester ignorierte seine blasse, grobporige, unerotische Erscheinung. Sie sah längst jemand anderen. Eine schlankere Erscheinung, einen Fürsten in einer roten Gewandung. Die andere Welt überlagerte die Realität. Überraschung machte sich bei Ester breit, als sie seinen gut gebauten Schlegel sah. Die andere in ihr übernahm die Kontrolle. Sie ließ sich fallen und ergab sich dem Spuk einer längst vergangenen Epoche.
Als hätte sie im Moment der Unterwerfung die Schwelle zu einer neuen Existenz überschritten, bewegte sich Ester nicht einfach zum Mobiliar – sie schwebte hinüber zum zentralen Bock von Tobys Arrangement, der in diesem Augenblick der einzige Anker in einem neu definierten Universum schien. Wie eine gefallene Gottheit streckte sie die Gliedmaßen in die Richtung der polierten Metallverankerungen aus, als würde sie die Ketten ihrer Bestimmung selbst wählen. Toby trat heran, seine Bewegungen waren von einer langsamen, unerbittlichen Präzision, die ihre Erregung steigerte. Er umwickelte ihre zarten Handgelenke mit breiten, schwarzen Lederfesseln, deren feines Knistern übertönt wurde vom Rauschen in Esters Ohren. Fest schnallte er die Riemen an den oberen Ösen, bevor er sich bückte, um ihre Fußgelenke am unteren Gestell zu fixieren.
Ester war nun in einer Position gefangen, die ihr jede Selbstkontrolle nahm und ihre samtweiche Haut in einer Welle der vulnerablen Ekstase freilegte. In dieser Parallelwelt der totalen Hingabe schien Toby nicht mehr nur ein Mann zu sein, sondern der Architekt ihres Lebens, ihr Herr und Meister. Seine Hand sank von ihrem Rücken herab, langsam, fast zögerlich, bevor er mit einer sinnlichen Gravität ihre entblößte Mitte erreichte. Er verweilte, ließ seine Finger über ihren schwellenden Schambereich tanzen – eine elektrisierende, minimale Berührung. Dann, mit einem besitzergreifenden Ruck, der die Luft aus Esters Lungen presste, drang er mit zwei Fingern tief in sie ein. Die Verrutschung war komplett: Der Schmerz des Alltags war verschwunden, ersetzt durch einen heißen, pochenden Fokus auf die Hand, die sie hielt, und den Mann, der in dieser neuen, erotischen Realität über sie herrschte.
»Los, fick mich hart!« Esters Verstand hatte die Realität gegen eine Parallel-Vergangenheit getauscht, in der sie diese Dinge unzählige Male getan hatten. Sie war mehr als bereit, verlangte nach ihm, wollte ihn, wollte, dass er sie fickte und genauso nahm, wie er es beliebte. Sie war heiß und feucht.
Toby steckte unvermittelt seinen steifen Penis von hinten in ihre Möse. Ester hörte, wie sie sofort anfing zu stöhnen, als er in sie eindrang. Er stieß heftig, aber keinesfalls zu hart zu. Ester wusste augenblicklich, dass er Übung hatte.
Eine Weile später hatte er sie von vorne genommen. Zuvor fixierte er Hände und Arme in einem Metallkreuz, während sie mit dem Rücken auf einem Tisch lag. Die Fesselung war zwar eng, aber die Fesseln weich, allenfalls unbequem. Die hilflose Lage gefiel ihr, weil sie auch hier loslassen konnte. Ihr Leben war voll von Pflichten, Kontrolle und Planung. Hier war alles obsolet. In dieser Position musste sie nicht denken, sondern sich der Willkür ausliefern. So fixiert, fühlte sie intensiv ihren Körper. Eine willkommene Abwechslung, nur zu fühlen. Die Ekstase zu erkennen.
Bilder strömten durch ihren Geist. Diese Frau, die sie sah, diese Frau, die sie war und fühlte, wusste, dass sie für ihre Sünden zahlen musste. Verruchte Gedanken, die wie Unkraut wuchsen. Die lauter wurden, wenn sie hinhörte. In diesen Minuten war ihr klar, dass nur er genau wusste, wofür er sie bestrafte und wie er das tun musste. Und sie war stets bereit, sich ihm zu unterwerfen, seine Dienerin zu sein.
So heftig und schnell war sie noch nie zuvor gekommen. Sie unterdrückte ihr Fiepsen und wunderte sich über die Schockwellen, die ihren Körper durchzogen. Verlangte nach mehr, wollte es härter. So, als hätte die Fesselung ihre Nerven gereizt und empfindsamer gemacht. Noch nie hatte sie so intensive Gefühle erlebt. Eine dunkle Stimme flüsterte in ihren Gedanken ungewohnt laszive Worte. Ester konnte im Alkoholrausch keinen klaren Gedanken mehr fassen. Also ließ sie sich fallen und fühlte sich erotisch und wunderschön. Augenblicklich wusste Ester, dass sie es nie wieder anders wollte.
Wann beide wieder nüchtern genug waren, dass sie lachend erst in den angrenzenden Waschraum und dann zurück in die Klamotten schlüpften, blieb ungewiss. Jegliche Scham war wie weggeblasen, jedes Gefühl der Befremdlichkeit in ein tiefes, dunkles Verständnis gewandelt. Nacheinander gingen sie wieder nach oben, nahmen nur ihre Jacken und verließen das »Sims«, wo der kalte, diesige Dezembermorgen sie empfing. Sie fuhren mit dem Zug zurück nach Bremen und teilten sich dort ein Taxi. Toby schaute zu, wie sie die Tür zu der Wohnung ihrer Eltern aufschloss, bevor er mit dem Taxi weiterfuhr.
Erst am nächsten Morgen sollte Ester sich wieder langsam an alles erinnern. Die Scham trieb ihr die Röte ins Gesicht, doch ihr Körper hatte sich in der Rückschau auf den Fick gesonnt. Sie hatte sich lange unter der Dusche gewaschen und sich selbst gelobt, regelmäßig die Pille genommen zu haben. Achselzuckend erkannte sie damals, dass sie keine Telefonnummern ausgetauscht hatten. Und das war das einzig Vernünftige, was an diesem Abend passiert war.
Die Erinnerung verblasste. Ester blinzelte und stellte fest, dass sie ihr Frühstück vertilgt hatte, ohne dies wirklich zu bemerken. Sie hatte sich an diesen Tag im Sims bildhaft erinnert. Ester schüttelte den Kopf, die Erinnerung verschwand. Das war jetzt etwas mehr als ein Jahr her! Das war Anfang Dezember 2006 passiert. »Viel ist seitdem geschehen!«, dachte Ester, während sie die blitzsaubere Küche aufräumte. Sie holte ihren eleganten, beigefarbenen Wollmantel, nahm den Hausschlüssel des Apartments in Metz von der Anrichte im Eingangsbereich und machte sich bereit, die Treppe hinabzusteigen, um die Stadt einmal genauer anzusehen.
»Bis später, D.K.A.« stand auf dem Zettel, der auf dem Küchentisch gelegen hatte. Die Schmetterlinge im Bauch tanzten bereits den Rhythmus ihres bevorstehenden Wochenendes, das anders sein würde als alles, was sie je erlebt hatte.
Mit einem dumpfen, pochenden Hämmern im Schädel, das den Takt des verflossenen Korns schlug, erwachte Toby Winter am frühen Morgen nach der exzessiven Kohltour. Das Erste, was er registrierte, war der beißende Duft nach abgestandenem Alkohol, kaltem Schweiß und einer Spur von Desinfektionsmittel – die Gerüche seines Kontrollverlusts. Er war in seinem selbstgebauten, stockdunklen Kokon, in seinem Schlafzimmer, das er durch seine eigene paranoide Architektur von der Welt abgeriegelt hatte. Toby hatte sich um sein King-Size-Bett ein Gerüst aus stabilen Stangen errichtet, an die er schwere, schwarze Samtvorhänge montiert hatte, eine Art Festung der Finsternis. Er brauchte diese absolute Abwesenheit von Licht und Reizen als Schutzschild, um seinen ständig aktiven, analytischen Geist zur Ruhe zu zwingen und die unkontrollierte Wut seiner Vergangenheit zu kapseln.
Langsam rollte er sich zum Fußende, seinem definierten Ein- und Ausgang, und zwängte sich mühsam aus dem Bett. Fluchend stieß er sich an einem, dann an einem anderen Ding. Die heilige Sicherheitszone war kontaminiert.
»Wie zur Hölle sind die leeren Kornflaschen und das verdammte Sexspielzeug auf meiner King-Size-Matratze gelandet?«
Er schob den peinlichen Überrest der unkontrollierten Nächte, eine unaufgeräumte Mischung aus seinem Büro- und seinem Nachtleben, in eine Ecke. Für einen Moment blieb er auf der Bettkante sitzen, der Kopf in den Händen, das Chaos im Kopf spiegelte das Chaos im Raum wider.
Draußen, außerhalb seines geschützten Zufluchtsortes, schien die Welt grau und das Dezemberwetter beschissen, der Himmel hing wie eine bleierne Decke über Bremen. Mit einem tiefen, missmutigen Seufzer schlurfte er hinüber in die Küche, ein Tempel aus kühlem Edelstahl und Glas, den er sich nach dem Ende seines Informatik-Studiums vor vier Jahren eingerichtet hatte – klinisch, hart und frei von Emotionen.
Der erste schwarze Kaffee mit viel Zucker war bitter wie Teer, die Schärfe kratzte im Hals. Erst nach einer Aspirin-Tablette und einem weiteren Becher fühlten sich die Schaltkreise in seinem Kopf wieder stabilisiert und die üblichen, präzisen Prozesse nahmen ihre Arbeit wieder auf.
Toby entschloss sich, ins Hallenbad zu gehen. Kontrolle musste wiederhergestellt werden. Die unerträgliche Spannung, das pausenlose, von Schuldgefühlen vergiftete Denken an Ester verlangten nach einer körperlichen, fast rituellen Reinigung und Disziplinierung. Er brauchte eine Umgebung, in dem er die Gesetze des Körpers beherrschen konnte, fernab der verräterischen Emotionen.
Er wählte das marode, städtische Hallenbad am Rande des Gewerbegebietes, einen Betonklotz aus den späten Siebzigern, den er mit seinem Wagen in wenigen Minuten erreichte. Die Fassade war von der Witterung angegriffen, die Fenster blind und matt. Ein Ort der reinen Zweckmäßigkeit und Tristesse, perfekt, um sich zu erden. Der chlorhaltige Geruch traf ihn bereits im Vorraum, eine stechende, chemische Note, die das Versprechen von Sterilität und Ordnung gab. Er zahlte den Eintritt mit einer beinahe mechanischen Bewegung, einer Geste der Disziplin.
In der Umkleidekabine herrschte eine feuchte, stickige Atmosphäre, die von billigem Desinfektionsmittel und nassem Beton dominiert wurde. An den grünen, laminierten Spinden hingen abgewetzte Handtücher und Kleidungsstücke von Männern, die nach einem harten Arbeitstag hier ihre Körper abhärteten. Toby zog seine Kleidung aus, die schwarze, martialische Lederjacke, das enganliegende schwarze T-Shirt, und legte sie mit einer Präzision zusammen, die seinen Wunsch nach innerer Ordnung widerspiegelte. Er trug, wie immer, keine teure Sportmarke, sondern schlichte, schwarze, knappe Badehosen – eine bewusste Reduktion auf die Essenz des Körpers, die in seiner Dominanz-Rolle stets präsent war. Er mochte diese Rolle lieber als seine unordentliche Seite, die in seiner Bude vor allem im Schlafzimmer zum Ausdruck kam. Er dachte wieder an Ester. Sie hielt ihn in Atem, wühlte seine Emotionen auf und war gleichzeitig eine gute Sklavin, konnte das werden.
