Gemmas Gedanken - Lin Rina - E-Book

Gemmas Gedanken E-Book

Lin Rina

0,0

Beschreibung

Ich höre Leute Dinge sagen, die sie nicht gesagt haben, trinke mehr Kaffee, als ein Mensch trinken sollte, und begebe mich auf die Suche nach einem Freund, den ich nicht kenne Gemma hat gerade ihre Ausbildung als Technikerin bei Biolog Medical abgeschlossen und zieht in ihre erste eigene Wohnung.Was Grund zum Feiern wäre, gäbe es da nicht all diese seltsamen Ereignisse, die sich plötzlich überschlagen: Die Anfälle ihrer Mutter, bei denen nicht einmal die Gedankenauslese helfen kann. Gemmas eigene drückende Gefühle. Und die überall auftauchenden Papiervögel.Als sie ihr Tagebuch versteckt, findet sie hinter einer Klappe in der Wand ihres Badezimmers ein fremdes Notizbuch. Verwunderung wird zu Entsetzen, als sie festgestellt, dass die Aufzeichnung darin in ihrer eigenen Handschrift verfasst sind und ein halbes Jahr beinhalten, an das sie sich so nicht erinnern kann

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 827

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Gemmas Gedanken

Lin Rina

Copyright © 2020 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Stephan R. Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-365-2

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Willkommen bei Biolog Medical.

1. Erster Vogel

2. Gedankenauslese

3. Umzug

4. Kents ShakeBar

5. Das Buch in der Wand

6. Zweiter Vogel

7. Die Messe

8. Krankenhausgeruch

9. Dritter Vogel

10. Ungesagte Worte

11. Anfällig

12. Mit der Tür ins Haus

13. Weihnachtsmarkt im Sommer

14. Der Flyer

15. Fuchsmann

16. Erster Arbeitstag

17. Vierter Vogel

18. Angstschübe

19. Tanzen bis aufs Blut

20. Zu viel

21. Geteiltes Leid ist halbes Leid

22. Verlassener Ort

23. Zweifelsohne

24. Nächtliche Lektüre

25. Puzzleteile

26. Dafür und dagegen

27. Schwesternliebe

28. Mutter-Tochter-Gespräche

29. Nachholbedarf

30. Durchnässt

31. Heimkehr

32. Algorithmus des Bösen

33. Die Leere

34. Fünfter Vogel

35. Upload

36. Nachrichten

37. Montag

38. Besuch

39. Klebrige Finger

40. Livesendung

41. Pläne

42. Biolog-Medical-Center

Epilog

Danksagung

Für Jule und Jazz

Weil ihr mich jeden Tag dazu motiviert, etwas zu schaffen, mich großartig zu fühlen und neuen Herausforderungen zu stellen.

Willkommen bei Biolog Medical.

- der Gesundheitsreform der Zukunft.

Neben den üblichen Gesundheitskontrollen, wie regelmäßige Zahnuntersuchungen, Herz-Kreislauf-Checks, Knochendichtemessung, Organentgiftungen und Ernährungsaufklärung, finden sie bei uns auch die Garantie für Ihre geistige Gesundheit.

Durch das neue System der schmerzfreien Gedankenauslese erkennen wir psychische Erkrankungen frühzeitig und helfen Ihnen dabei, ein rundum gesunder Bürger zu bleiben.

Machen Sie mit und steigen Sie in unser Bonusprogramm ein. Regelmäßige Kontrollen Ihrer Gesundheit stärken das Miteinander und bieten Ihnen den Zugang zu vielen staatlichen Förderungen rund um Berufswahl, Weiterbildung und Lebensfinanzierung.

Kommen Sie noch heute zu uns. Unser freundliches Servicepersonal berät Sie gern auf Ihrem Weg in eine gesunde Zukunft.

1

Erster Vogel

Die Spitze meines Bleistiftes huschte über das Papier, ohne dass ich wirklich darauf achtete, was ich zeichnete. Ich wartete darauf, dass Vikas Wasserkocher endlich aufhörte, laute Geräusche zu machen, und ich sie wieder verstehen konnte.

Ihr krauser Lockenkopf tauchte im Bild auf, als sie sich mit Schwung vor ihr Tablet setzte.

»Okay, bin wieder am Start. Wo waren wir?«, fragte sie und ich konnte mich selbst nicht mehr erinnern. Doch zum Glück war das nicht so wichtig, wenn man mit Vika telefonierte.

»Oh Gem, dieser Tee, den Dani mir mitgebracht hat, riecht so verdammt gut. Den mach ich dir, wenn du hier bist. Ich kann es kaum erwarten, dass du endlich bei uns wohnst und ich nur nach nebenan spazieren muss«, rief sie ganz euphorisch und verschüttete dabei beinahe ihren Tee über die Bluetooth-Tastatur. Schnell stellte sie die bauchige Tasse ab und leckte sich einen Tropfen vom Handrücken.

Ich grinste und durchbrach den Kreis auf meiner Zeichnung mit einem Pfeil.

»Hast du schon fertig gepackt?«, erkundigte sich Vika und begann, mit dem neuesten Helix-Piercing zu spielen.

»Alles in Kisten. Morgen geht’s los!«, verkündete ich stolz und Vika führte einen kleinen Freudentanz mit den Händen auf.

»Das wird iiiiirre. Du hättest schon viel früher ausziehen sollen.«

Nachlässig zuckte ich mit den Schultern. »Es war einfach noch nicht die richtige Zeit«, erwiderte ich und wusste, dass es nur eine Floskel war. Ich hatte selbst keine Ahnung, warum ich nicht, wie alle anderen auch, nach dem Schulabschluss in die Wohnkomplexe in Mauersend gezogen war, so wie viele junge Erwachsene das taten. Die Wohnung war schon lange genehmigt und gekauft, und von meinen Freunden war ich die Einzige, die noch bei ihren Eltern lebte.

Aber für mich war das in Ordnung.

Vielleicht war es für meine Mama sogar ganz gut gewesen, dass ich noch nicht so früh ausgezogen war. Ihr ging es in letzter Zeit nicht so besonders.

Während Vika einen Schluck Tee nahm und sich erst mal die Zunge verbrannte, betrachtete ich die Skizze auf meinem Papier und fügte noch ein paar Punkte und Striche hinzu. Es war eine einfache Zeichnung und doch brachte sie mich dazu, etwas zu empfinden. Mein Herz schlug für einen Moment schneller, als ich einen letzten Pfeil einzeichnete und sie sich damit vollendet anfühlte. Seufzend schüttelte ich die seltsame Gemütsregung ab, weil sie nur die Erinnerung aus einem längst vergessenen Traum war.

Um nicht noch länger in dem Moment festzuhängen, packte ich den Notizblock und hielt ihn für Vika vor die Kamera meines Handys, das an meiner leeren Müslischüssel lehnte.

Meine Freundin beugte sich interessiert näher an ihren Bildschirm. »Uuuh, das gefällt mir. Was Bestimmtes?«

»Ne, einfach so entstanden.«

»Wäre ein tolles Tattoo für den Unterarm«, kommentierte sie mit diesem Glitzern in den Augen, das so typisch für sie war und immer eine sehr verrückte Aktion nach sich zog.

Ich lachte auf. »Schade, dass bei dir da kein Platz mehr ist«, sagte ich bewusst ironisch, denn Vikas Unterarme waren bereits voll tätowiert. Das meiste davon waren dunkle Ornamente, feine farbige Blüten und einzelne weiße Zeichen, die auf ihrer moccafarbenen Haut wunderbar zur Geltung kamen.

»Jaja, bla, bla«, erwiderte sie und wedelte meinen Kommentar mit den Händen fort. »Darf ich es denn haben?«, fragte sie erwartungsvoll, und obwohl ich normalerweise nichts dagegen hatte, wenn Vika meine Kritzeleien auf ihrem Körper verewigte, hielt mich diesmal ein Drücken im Brustkorb zurück.

»Ne du, diesmal nicht. Ich habe irgendwie das Gefühl … es gehört nur mir«, versuchte ich zu erklären, was ich fühlte, und Vika nickte bedächtig.

»Natürlich, das versteh ich voll«, sagte sie und ich war irritiert. Ich verstand es ja selbst nicht mal. Doch in Vikas Kopf ging es immer ein bisschen anders zu, sodass ich mich über derartiges Verständnis für die wirren Gefühle des Lebens nicht wundern sollte.

Meine Mama kam in die Küche geschlurft und wandelte wie ein Zombie zum Kaffeevollautomaten. Die einzigen zwei Dinge, die meine Mutter in der ersten Stunde nach dem Aufstehen fertigbrachte, waren, ihre Pantoffeln verkehrt herum anzuziehen und den Knopf auf der Kaffeemaschine zu drücken. Manchmal vergaß sie sogar eine Tasse drunterzustellen.

»Guten Morgen«, begrüßte ich sie.

»Morgen, Ida. Die Sonne lacht und dieser Tag wird großartig«, flötete Vika aus meinem Handy und Mama hatte nicht mal ein müdes Lächeln für uns.

»Noch zu früh«, informierte ich meine Freundin, die schulterzuckend noch einen Schluck Tee nahm. Diesmal vorsichtiger.

Auch ich griff nach meinem Kaffee und hielt die Tasse in den Händen, während ich immer noch die Zeichnung betrachtete, die gerade so nebenher entstanden war.

Was zog mich an einem Kreis und ein paar stilisierten Pfeilen nur so an?

»Und was steht heute an?«, lenkte Vika mich von meinen Gedanken ab. »Kommst du rüber? Machen wir uns einen schönen Tag im botanischen Garten?«

»Leider nicht. Ich muss zur Gedankenauslese«, seufzte ich und Vika verzog genervt das Gesicht.

»Jetzt schon? Haben die dir eine zusätzliche Untersuchung reingedrückt?« Sie hielt gar nichts von Gedankenauslese. Auch wenn sie sich gezwungen fühlte, jedes Jahr zur empfohlenen Kontrolle zu gehen, fand sie es befremdlich zu wissen, dass andere die Möglichkeit hatten, sich all ihre Gedanken anzusehen.

Ich wollte dem Ganzen eher neutral gegenüberstehen. Wie oft kam es schon vor, dass sich tatsächlich jemand ansah, was man gedacht hatte? Nur wenn irgendwelche traumatischen Erinnerungen einen quälten oder sich Vorboten einer psychischen Krankheit ankündigten. Und selbst dann wurde auch nur die betroffene Stelle ausgewertet und nicht das ganze Jahr.

Mein Verstand war da ganz entspannt.

»Ja, aber nur eine Routinesache. Ich bin nur zum kleinen Scan da«, versuchte ich Vika zu beruhigen und sie schüttelte den Kopf über meine Gelassenheit.

»Viel Spaß dabei, dich vom System unterdrücken zu lassen«, schnaubte sie mit einem belehrenden Unterton, den ich nur zu gut an ihr kannte. Vika war eben eine Querdenkerin mit Hang zur Weltverbesserung.

»Alles klar, Vik. Ärzte sind alle Monster, Zahnfüllungen sind voller Gift und Impfungen der flüssige Teufel«, leierte ich die Standard-Verschwörungstheorien runter und Vika streckte mir ihre gepiercte Zunge raus.

»Darum geht’s doch gar nicht«, verteidigte sie sich. »Das ist Gedankenkontrolle, Gemma. So was sollte niemand einsehen dürfen. Die Gedanken sind frei!«, predigte sie mir und ich hörte nur halb zu.

»Ja, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen sind dann aber auch frei«, konterte ich und Vika verdrehte die Augen.

Sie wollte gerade etwas erwidern, als sie durch die Türklingel unterbrochen wurde. Ich brauchte einen Moment, um zu bemerken, dass es unsere Tür gewesen war und nicht ihre.

Mama nuschelte etwas, was ich als »Gehst du bitte?« deutete und schnappte mir mein Handy.

»Ich leg auf, Vik. Ich melde mich, wenn ich auf dem Weg zum Center bin. Muss noch duschen«, sagte ich schnell, während ich mich vom Stuhl erhob, und Vika winkte eben noch, bevor sie auflegte.

Ich trottete aus der Küche auf den Flur und checkte eben meine Nachrichten auf dem Handy. Drei Textmessages von Joris und eine Sprachmemo von Jessy, die sie mit einem sehr verstörenden GIF von einem wackelnden Typen mit Insektenkopf ergänzt hatte. Ich hing noch in Gedanken an dem GIF fest, während ich mir das Handy in die Hosentasche schob und die Haustür öffnete.

Davor stand ein Postbeamter in dunkelblauer Uniform.

»Gemma Henson?«, fragte der Mann und hielt mir ein kleines Päckchen entgegen.

»Jap«, bestätigte ich salopp und nahm es ihm ab. Hatte ich was bestellt? Neugierig betrachtete ich den Karton, fand aber keinen Anhaltspunkt auf den Inhalt. Nur der Standardaufkleber des Paketdienstes und eine säuberliche Handschrift, die meine Adresse eingetragen hatte. Kein Absender. Seltsam.

»Wenn wir es nicht tun, Gemma, wird es niemand tun«, sagte der Postbeamte plötzlich zu mir und ich hob irritiert den Blick.

»Wie bitte?«, fragte ich nach, weil es mir zu abwegig vorkam, dass er so etwas zu mir gesagt hatte.

»Einmal hier unterschreiben«, meinte er und klang dabei so, als würde er es für mich noch einmal wiederholen. Hatte ich mich gerade wirklich so krass verhört?

Ich musterte den Mann kurz. Dunkle Augen, hohe Wangenknochen, kurze braune Haare, die unter seiner zur Uniform passenden Kappe hervorlugten. Erwartungsvoll hielt er mir den Stift hin.

Zögerlich nahm ich ihn entgegen, setzte schnell eine krakelige Unterschrift auf das Gerät und fragte mich, wie mein Kopf sich so einen Blödsinn zusammenspinnen konnte.

»Danke«, sagte ich und der junge Mann tippte sich mit dem Finger zum Abschied an seine Kappe.

»Viel Spaß mit dem Päckchen«, wünschte er mir und schlenderte den Weg zurück zu dem Truck, der am Straßenrand parkte.

Ich sah dem Postbeamten hinterher, bis er eingestiegen war und den Motor startete. Dann zog ich mich ins Haus zurück und schloss die Tür, ehe noch jemand dachte, ich wäre jetzt völlig durchgeknallt.

»War es die Post?«, hörte ich Papa von oben und schüttelte die seltsame Beklemmung ab, die mir schon wieder auf die Brust drückte.

Es war nicht das erste Mal, dass mir so was passiert war. Doch noch nie hatte ich mir einen ganzen Satz eingebildet. Dass mal ein Wort sich verschob oder ich für einen Moment das Gefühl hatte, Leute zu kennen, denen ich nie zuvor begegnet war, kam vor. Aber das gerade war krasser gewesen.

Da war es eigentlich nicht verwunderlich, mich einmal mehr zur Untersuchung zu schicken, denn ganz offensichtlich stimmte was nicht mit mir.

»Ja!«, rief ich meinem Vater zu und schwere Schritte knarrten im ersten Stock.

»Ist es für mich?«, wollte Papa wissen, als er am oberen Ende der Treppe auftauchte und zu mir runter in den Flur polterte.

»Ne. Für mich«, erwiderte ich und er machte ein enttäuschtes Gesicht. »Hast du was erwartet?«

»Ich habe Ersatzteile für den Mixer bestellt.«

Ich hielt ihm das Päckchen hin, damit er mit eigenen Augen sehen konnte, dass es nicht für ihn war.

»Warum schmeißt du das alte Ding nicht einfach weg und ihr kauft euch einen neuen?«, seufzte ich und klemmte mir den Karton unter den Arm.

Papa zog die Nase kraus. »Du hast deine Hobbys. Ich habe meine«, gab er zurück und ich musste grinsen. Denn wir waren uns in diesem Punkt in Wirklichkeit gar nicht so unähnlich. Wir bastelten beide gern an Elektrogeräten herum. Er zum Spaß und ich würde es zum Beruf machen.

Aufregung überfiel mich jedes Mal, wenn ich daran dachte, dass ich bald meinen ersten Arbeitstag hätte. Meine zweijährige Ausbildung war beendet und ich fieberte meinem neuen Job bei Biolog Medical entgegen wie meinem eigenen Geburtstag.

»Ich geh duschen«, teilte ich meiner Mama mit, als ich den Kopf noch mal in die Küche streckte, auch wenn es nur die halbe Wahrheit war. Ich erwartete noch keine Antwort von ihr, dafür sah die Kaffeetasse in ihren Händen noch zu voll aus.

Das Päckchen nahm ich mit nach oben und steckte es in meine Handtasche, die schon fertig gepackt im Flur vor meiner Zimmertür stand.

Zumindest war es mal mein Zimmer gewesen. Jetzt war kaum noch etwas davon übrig. All meine Sachen waren in Kartons verstaut, meine Möbel abgebaut und zusammengeschnürt. Nur das alte Gästesofa stand noch darin und würde mir in meiner letzten Nacht im Haus meiner Eltern als Bett dienen.

In der neuen Wohnung hatte ich eine neue Couch.

Ich warf kurz einen Blick zur Treppe, ob mich meine Eltern auch wirklich nicht sahen, zog ein Cuttermesser aus meiner Handtasche und schlich mich heimlich in mein altes Zimmer.

Gezielt lief ich in die hintere Ecke und drückte meine Ferse in das Ende der einen lockeren Bodendiele, sodass sie nach oben aufklappte.

Schon seit langer Zeit hielt ich dieses Ritual ab, etwa einmal im Monat und vor allem jedes Mal, bevor ich zur Gedankenauslese musste.

Denn selbst wenn mein Verstand dem Gesundheitssystem vertraute, meine Gefühle taten es in manchen Momenten nicht.

Egal wie oft ich mir die Fakten vor Augen führte, mir bewusst machte, wie sicher die AIC-Technologie war, etwas in mir hatte Angst. Eine kleine unterschwellige Angst zu vergessen.

Keinem, den ich kannte, waren so schlimme Dinge passiert, dass sie durch Rasterung leichter gemacht werden mussten.

So was wurde zum Beispiel bei Opfern von Gewaltverbrechen gemacht. Eine schlimme Erinnerung wurde wie ein Foto in kleine Streifen geschnitten und jeder zweite entfernt. So konnte man die Erinnerung zwar noch betrachten, empfand sie jedoch als weniger intensiv, damit sich so traumatische Ereignisse leichter verarbeiten ließen.

Es kam äußerst selten vor und meistens vermisste man die gelöschten Schnipsel auch nicht.

Ich, als ausgebildete Technikerin für die AIC-Geräte, wusste ganz genau, wie die Algorithmen der Gedankenauslese funktionierten, und fürchtete mich trotzdem davor, zu vergessen, was mir wichtig war.

Denn eine Rastertechnologie gab einem auch die Möglichkeit, ganze Gedanken und Erinnerungen zu löschen, selbst wenn das so was von illegal war und somit bei einer normalen Untersuchung so ziemlich das Letzte, was passieren konnte.

Aber diese Furcht war in meinem Herzen, egal wie sehr ich dem System vertraute.

Ich griff in den Hohlraum unter der Diele und zog ein schmales Buch hervor, in dem schon der Stift an der richtigen Seite klemmte.

Schnell versuchte ich mich zu sammeln, das seltsame Erlebnis mit dem Postbeamten zu verdrängen und mich an die wichtigsten Gedanken und Momente der letzten paar Wochen zu erinnern. Alles, was passiert war, seit ich das letzte Mal in dieses Buch geschrieben hatte.

Ich schlug die Seite auf und setzte meine eiligen Notizen.

Stichpunktartig schrieb ich von der Abschlussprüfung meiner Ausbildung zur medizinischen Technikerin. Meinen Notendurchschnitt und die Belobigung, die ich für besondere Begabung und überdurchschnittlichen Einsatz verliehen bekommen hatte, erwähnte ich auch, weil ich so unfassbar stolz darauf war. Dazu hatte es sogar einen Artikel in der Zeitung gegeben.

Die Gesundheitsmesse startete morgen und ich hatte mich in drei Tagen für den Stand unseres Ausbildungszweigs eingetragen. Darauf freute ich mich auch schon.

Dann wurde ich wieder ernster. Mamas seltsame Aussetzer waren häufiger geworden und sie wirkte ängstlicher als noch vor drei Wochen. Ich zeichnete einen neuen Punkt in die Tabelle, die ich dafür angelegt hatte, und seufzte lautlos. Ich machte mir Sorgen um sie. Doch bei ihrer letzten Gedankenauslese war anscheinend nichts auffällig gewesen.

Ich zwang mich, nicht zu lange darüber nachzudenken und mich auf den letzten Punkt zu konzentrieren. Die Zeit, in der ich die Gedankenauslese austricksen konnte, war begrenzt.

Es folgte eine Liste von Menschen, die mir in der letzten Zeit am wichtigsten waren. Mama, Papa, Vika, Tante Laura und manchmal auch Joris, schrieb ich auf, und auch wenn mir natürlich noch mehr Leute einfielen, hielt ich mich kurz.

Ich klemmte den Stift zwischen die Seiten, klappte das Buch zu und schob es in die letzte offene Umzugskiste, die ich anschließend verschloss.

Das Cuttermesser half mir beim Abtrennen des Klebebands und wie zufällig schnitt ich mir damit einmal fest in die Fingerkuppe meines rechten Mittelfingers.

Ich wusste schon vorher, wie es sich anfühlte und war doch aufs Neue überrascht von dem Schmerz. Lautstark fluchend hielt ich mir den blutenden Finger und lief aus meinem Zimmer rüber ins Bad, um bloß nichts auf den Boden tropfen zu lassen.

Wenn es eine andere Möglichkeit gäbe als physischen Schmerz, um die Erinnerungen der letzten Minuten zu überdecken, würde ich sie auf jeden Fall ergreifen. Doch die einzigen Methoden, die es sonst noch gab, waren Alkohol- oder harter Drogenkonsum. Und beides war hochgradig illegal.

Da blieb ich besser bei meinem guten alten Cuttermesser und einem kleinen Schmerztrauma.

Während ich die Wunde mit Heilsalbe und wasserfestem Sprühpflaster verarztete, lenkte ich meine Gedanken zum bevorstehenden Umzug, um nicht weiter an mein Buch der wichtigen Erinnerungen zu denken. Welchen Zweck hätte es gehabt, mir in den Finger zu schneiden, um meine Erinnerungen an das Buch und meine Aufzeichnungen zu überdecken, wenn ich weiter darüber nachdachte?

Mein Blick fiel auf den Wecker, der auf der Ablage über dem Waschbecken stand, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Jetzt wurde wirklich alles andere nebensächlich. Verdammt, es war zehn vor neun! Meine Bahn fuhr schon in einer Viertelstunde.

Ich ließ meinen Finger in Ruhe, riss mir die Klamotten vom Leib und duschte mich im Schnelldurchlauf mit dem Shampoo meiner Mutter, das mir trotz vorheriger Maßnahmen in der Wunde brannte.

Genau acht Minuten später rannte ich in braunem Top, einer schwarzen, durchsichtigen Strumpfhose und Jeansshorts die Treppe wieder nach unten. Natürlich hatte ich mir in der Eile eine Laufmasche eingerissen, aber keine Zeit, um mir was Neues anzuziehen. Beinahe rutschte ich auf den glatten Holzstufen aus und fing mich im letzten Moment, bevor ich die Treppe nach unten segelte. Das wär’s ja noch gewesen.

Obwohl ich für das Outfit eigentlich meine Ballerinas vorgesehen hatte, stieg ich in die Boots. Wenn ich zur Bahn rennen musste, wollte ich dabei auf keinen Fall meine Schuhe verlieren.

»Gemma, hast du deine Ausweise eingepackt?«, erinnerte Papa mich, der mich von der Küche aus durch den Flur rennen sah. Hektisch blickte ich mich nach meiner Handtasche um und erinnerte mich daran, dass ich sie vorhin vor meiner Zimmertür hatte stehen lassen.

Ich ärgerte mich darüber, sie nicht gleich mit nach unten gebracht zu haben, und rannte die Stufen wieder nach oben. Eigentlich hielt ich mich für eine organisierte Person, doch heute Morgen schien es nicht so glatt zu laufen wie sonst.

»Ich bin dann weg!«, rief ich meinen Eltern zu, bevor ich durch die Tür nach draußen schlüpfte und schnellen Schrittes die Straße entlang zur Bahnstation eilte.

Das Viertel, in dem wir wohnten, war ruhig und ein Vorgarten grenzte an den nächsten. Bei der alten Elaine Schmitz von nebenan bewegten sich verräterisch die Gardinen, da sie sicher wieder mit Argusaugen die Straße beobachtete. Yuri und seine kleine Schwester Zumi spielten auf der anderen Straßenseite mit einem Ball und winkten mir zu, als sie mich vorbeilaufen sahen.

Es war ein wehmütiges Gefühl, zu wissen, dass es bald sehr viel seltener vorkommen würde, diese altbekannten Wege zu gehen.

Noch ein Grund mehr, warum ich nicht wie üblich bei Antritt meiner Ausbildung ausgezogen war. Redete ich mir zumindest ein. Denn es fühlte sich nicht wie eine befriedigende Antwort an. Keines meiner bisher erdachten Argumente tat das.

Es war ein Rätsel ohne Antwort und es brachte nichts, darüber nachzudenken. Also ließ ich es sein und konzentrierte mich aufs Hier und Jetzt.

Ganz knapp erreichte ich die Haltestelle und sprang noch eben durch die Türen der Magnetschwebebahn, die sich bereits piepsend schlossen.

Schwer atmend ließ ich mich auf eine Bank fallen und der Waggon setzte sich geschmeidig in Bewegung.

Zu dieser vormittäglichen Uhrzeit war fast niemand unterwegs. Mir gegenüber saß eine ältere Dame mit einem winzigen Hund in ihrer Tasche, der einen albernen pinkfarbenen Hut trug und mich bösartig anknurrte. Ein Mann mit Aktentasche in der Hand stand nahe dem Ausgang, lehnte sich an eine der Stangen und las mit angestrengtem Gesichtsausdruck etwas auf seinem Tablet.

Meine Fahrt ins medizinische Viertel würde nicht länger als fünfzehn Minuten dauern. Vor meinem inneren Auge breitete sich die Karte des Schienennetzes aus, wenn ich über die Strecke nachdachte, die die Bahn nehmen würde.

Aber nicht nur für Zugstrecken hatte ich ein Faible, das galt für so ziemlich jede Art von Plan oder Karte. Stadtpläne, Schaltpläne, Grundrisse von Häusern. Die feinen Linien, die zusammenführten und ein komplexes Labyrinth bildeten, zeigten für mich eine Art Schönheit, mit der ich mich gern beschäftigte. Es war faszinierend.

Ich öffnete meine Tasche auf der Suche nach meinem Handy, um Vika eine Sprachnachricht aufzunehmen. Wenn es für Handtaschen doch nur auch eine Karte gäbe, um sich darin zurechtzufinden.

Seufzend fiel mein Blick auf das kleine Päckchen, das zwischen einer halb leeren Taschentuchpackung und einem Schal hervorlugte. Das hatte ich schon fast wieder vergessen.

Eine Mischung aus Misstrauen und Neugierde überkam mich, als ich es herauszog und noch einmal in den Händen drehte.

Hatte der Absender nur vergessen, seinen Namen aufzuschreiben, oder war es seine Absicht gewesen, mich in Unwissenheit zu lassen?

Ich zuckte mit den Schultern, um die Gedanken abzutun, und riss mit einer behänden Bewegung das Klebeband vom Deckel. Es änderte nichts, darüber zu grübeln. Vielleicht offenbarte ja der Inhalt mehr.

Gespannt wühlte ich mich durch das braune Papier, das als Füllmaterial diente, und fand im ersten Moment nichts. Irritiert zog ich einen Papierstreifen nach dem anderen aus dem Karton, auf der Suche nach dem Inhalt des Päckchens. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass mir jemand Füllmaterial zukommen ließ.

Doch da blitzte zwischen den Schnipseln etwas Glänzendes auf und ich griff es mit spitzen Fingern. Es war ein Origamivogel. Das Papier, aus dem er gefaltet worden war, schimmerte auf der einen Seite silbern und hatte auf der anderen bunte Muster, die an den Flügeln und am Schwanz sichtbar wurden.

Eine mir unbekannte Person hatte mir einen Papiervogel geschickt. In einem Päckchen. Was hatte das zu bedeuten?

Dreimal wühlte ich mich durch das Füllmaterial und fand keine Nachricht, bevor ich auf die Idee kam, den Vogel zu entfalten. Doch auch hier stand kein Wort und es gab keinen Anhaltspunkt, der mir weiterhalf.

Glücklicherweise war es nicht schwer, den Vogel wieder zusammenzubasteln. Nachdenklich drehte ich das Ding hin und her und versuchte mir einfallen zu lassen, wer mir so was schicken würde.

Ich durchsuche meine Tasche wieder nach meinem Handy, bis ich bemerkte, dass es in meiner Hosentasche steckte.

»Vika. Ich habe gerade ein Päckchen bekommen. Und da ist ein Origamivogel drin. Nur ein Origamivogel! Keine Ahnung, wer mir so was schickt. Hast du eine Idee?«, machte ich eine Sprachmemo an meine beste Freundin und fotografierte den Vogel für sie.

Vielleicht konnte sie ja mehr damit anfangen. Ich war jedenfalls ratlos.

2

Gedankenauslese

Als ich meiner Zielhaltestelle näher kam, packte ich das Päckchen wieder zusammen und verstaute es in den Tiefen meiner Handtasche.

Ich warf noch einen Blick auf mein Handy, aber Vika hatte die Nachricht noch nicht einmal gesehen.

Na ja, egal. Nachher würde ich sie sowieso anrufen.

Wie von allein stand ich auf und stieg aus der Magnetschwebebahn, als sich die Türen öffneten. Ich schlenderte die Treppe hinunter, die auf den großen Vorplatz des Biolog-Medical-Centers führte. Meine Füße kannten den Weg, da ich ihn die letzten zwei Jahre fast täglich zurückgelegt hatte.

Das Gelände bestand nicht nur aus dem großen, modernen Gesundheitszentrum, sondern erstreckte sich dahinter noch über ein riesiges Areal. Forschungseinheiten, Labore, der Fachbereich für Ausbildung der verschiedensten Berufsgruppen, Herstellungsstätten für Pharmaka, Lagerhäuser, Serverfarmen, eine Chemieabfall-Neutralisationsanlage und Bürogebäude für Vertrieb und Verwaltung. Sogar ein Teil der medizinischen Fakultät der städtischen Universität war hier angesiedelt.

In einem der dicken Türme, die sich hinter dem Gesundheitszentrum erhoben, befanden sich die Klassenräume, in denen ich meine Ausbildung absolviert hatte. Und irgendwo in diesem Gebäudekomplex würde ich in einer Woche meiner neuen Arbeit nachgehen.

Beinahe wäre ich wie gewohnt am Haupteingang vorbei zu Gate drei spaziert, bekam aber im letzten Moment noch die Kurve und wirkte daher nur minimal seltsam.

Die Glastüren öffneten sich lautlos und ich trat in die klimatisierte Eingangshalle. Sie wirkte freundlich auf mich, obwohl alles in Weiß gehalten war wie in einem Krankenhaus.

An der rückwertigen Wand, hinter den Empfangstresen, an denen mehrere Menschen in diskretem Abstand darauf warteten, an der Reihe zu sein, strahlte das Symbol von Biolog Medical: eine stilisierte goldgelbe Sonne, die sich hinter einem Horizont erhob.

Ich reihte mich in die Schlange der Wartenden ein und versuchte, nicht auf die riesenhaften Bildschirme zu starren, die an den Seiten der Halle in den Wänden eingelassen waren, was mir nur schwer gelang. Mein Blick wanderte immer wieder zu den sich bewegenden Bildern zurück.

Eine junge Frau mit weichen braunen Locken und einem weißen Kittel richtete die Werbeslogans der Firma an uns, die ich alle schon auswendig kannte. Ich glaubte keine Minute daran, dass dieses Mädel jemals wirklich Medizin studiert hatte, dafür war sie viel zu bedacht darauf, wie sie ihren Mund bewegte, um die Aufmerksamkeit darauf zu ziehen.

»Willkommen bei Biolog Medical, der Gesundheitsreform der Zukunft«, sagte sie gerade und ich wandte den Blick wieder ab.

Vor mir stand ein Teenager, nicht älter als fünfzehn, der ununterbrochen auf seinem Handy herumtippte und dabei mit dem Bein wippte. Er war wohl nervös wegen der Gedankenauslese.

Ich musste grinsen. Als Junge mitten in der Pubertät wäre es mir sicher auch dreimal so unangenehm, dass ein Computer meine Gedanken auswertete.

Aber sehr vielen war die Sache mit der Gedankenauslese unangenehm, nicht nur den Jüngeren.

Für mich war es wie zum Gynäkologen zu gehen. Das würde auch niemand machen, wenn es nicht seiner Gesundheit dienen würde.

Doch im Gegensatz zum Gyn prüfte in diesem Fall gar keine reale Person den Gesundheitszustand. Wer hatte schon Zeit, die Gedanken und Erinnerungen einer Person aus einem ganzen Jahr auszuwerten? Solche Arbeiten wurden von Computern ausgeführt, die dafür nur Minuten brauchten.

Ich hatte in meiner Ausbildung gelernt, wie das Programm dazu aufgebaut war und nach welchen Kriterien es suchte. Allein dieses Wissen half mir, das Prinzip der Gedankenauslese neutral oder sogar positiv zu betrachten.

Als ich endlich an der Reihe war, legte ich wortlos meinen Gesundheitsausweis auf den Tresen und die Angestellte, die mich freundlich anlächelte, schien erleichtert zu sein, keine Unterhaltung mit mir führen zu müssen. Sie drückte die Karte gegen das Lesegerät auf ihrem Tisch und reichte sie mir nach zwei Klicks auf ihrem Bildschirm zusammen mit einem runden schwarzen Transponderclip wieder zurück.

»Sechster Stock«, wies sie mich an und ich bedankte mich bei ihr.

Um als Empfangsdame bei Biolog Medical zu arbeiten, brauchte man ein wirklich dickes Fell und ich beneidete sie nicht um diesen Job. Sie war die erste Anlaufstelle für Zweifel und Beschwerden, zusammen mit den armen Schweinen aus dem Callcenter.

Natürlich konnte ich verstehen, dass Gedankenauslese im ersten Moment auf Ablehnung stieß. Das hatte ich mit Vika schon zur Genüge diskutiert. Gedanken und Erinnerungen waren eine private Sache, die niemand gern teilte, weil jeder seine Geheimnisse bewahrte.

Doch wenn man von dem wirklich seltenen Fall der Rasterung mal absah, war es auch nur eine Gesundheitskontrolle wie jede andere.

»Regelmäßige Kontrollen Ihrer Gesundheit fördern das Miteinander«, sagte die adrette Fake-Ärztin auf dem Bildschirm gerade, als ich an ihr vorbeiging und bei den Aufzugtüren angelangte. Ich konnte ihr nur zustimmen.

Seit der Aufnahme der Gedankenauslese ins staatliche Gesundheitsförderungsprogramm sank die Kriminalitätsrate stetig und betrug bereits nur noch etwa fünf Prozent von den vorherigen Zahlen. Und das war nur die Spitze der Errungenschaften.

Ich hielt den Transponder gegen das Feld neben der Fahrstuhltür und sie öffnete sich für mich.

Die Wände des schmalen Lifts waren weiß wie der Rest des Gebäudes und ich hatte nicht mal die Zeit, mir das Werbeplakat für die neuen Grippeimpfungen durchzulesen, da hatte ich den sechsten Stock auch schon erreicht.

Auch hier waren die Flure weiß und steril, mit einzelnen maisgelben Akzenten wie einem gesprenkelten Blumentopf, aus dem ein gelbliches Gewächs quoll.

Ich hielt meinen Transponder wieder gegen die dafür vorgesehene Schaltplatte an der Wand und bekam von der Anzeige mitgeteilt, zu welchem Zimmer ich mich zu begeben hatte.

Gelangweilt setzte ich mich auf die gelbe Couch, die im Gang von Behandlungsraum drei bis acht stand, und wartete darauf, aufgerufen zu werden.

Niemand war hier, was nicht ungewöhnlich war. Man begegnete so wenig Menschen wie möglich und versuchte so das größtmögliche Gefühl von Anonymität zu schaffen.

Was mir total affig vorkam. Die meisten Menschen gingen zur Gedankenauslese. Das war, als würde man verheimlichen, dass man aufs Klo ging.

Ich nutzte die Gelegenheit, Joris auf seine Nachrichten zu antworten. Wir kannten uns schon seit der Grundschule und unser zuvor sporadischer Kontakt hatte sich erst in den letzten Monaten zu einer Freundschaft entwickelt.

Was vielleicht auch daran lag, dass er seit einiger Zeit wirklich sehr in Vika verschossen war. Jedoch rechnete ich ihm da keine großen Chancen aus. Er war einfach gar nicht ihr Typ und tendierte charakterlich wie auch interessenstechnisch in eine vollkommen andere Richtung.

Schon allein die Tatsache, dass er der totale Verfechter der Gedankenauslese war und Vika dabei jedes Mal das kalte Grausen bekam.

Auch wenn wir ihn alle mehr oder weniger verstehen konnten. Sein Vater hatte sich das Leben genommen, als wir noch Kinder gewesen waren. In der Schule hatten das alle rumerzählt und es war die Schocknachricht des Jahres gewesen.

Eine wirklich schwere Zeit für Joris, der davon überzeugt war, dass man seinem Vater sicher hätte helfen können, wenn irgendwer es bemerkt hätte. Wäre die Gedankenauslese damals schon so fest im Pflichtprogramm des Gesundheitssystems verankert gewesen wie heute, hätte man seine Absichten frühzeitig erkannt und behandelt.

›Morgen, 9 Uhr, bei meinen Eltern. Frühstück gibt es bei uns.‹, schickte ich ihm die Infos, die er für meinen morgigen Umzug brauchte, und lächelte in mich hinein.

Ein neuer Lebensabschnitt stand mir bevor und ich freute mich schon sehr darauf. Zwei Türen von Vika entfernt, selbst kochen, eigene Verantwortung. Ich war so was von bereit.

Es war nicht so, dass ich meine Eltern so schnell verlassen wollte. Aber es juckte mich in den Fingern, seit alle Sachen in den Kisten verstaut waren und ich mir erlaubte, mir meine neue Wohnung in den besten Farben auszudenken.

Apropos Farben.

›Denk an die Wandfarbe für die Akzente!!!‹, tippte ich an Vika und setzte einen Kuss-Emoji dahinter. Ich wollte nur auf Nummer sicher gehen. Bei Vika wusste man nie. Entweder sie hatte die Farbe schon seit Wochen herumstehen oder sie vollkommen vergessen.

In diesem Flur zu warten fühlte sich wie eine Ewigkeit an, in der ich es schaffte, drei Sudokus für Fortgeschrittene auszufüllen. Als eine in sonnengelb gekleidete medizinische Assistentin auftauchte, sprang ich sofort auf und ließ mich von ihr in Behandlungsraum sieben begleiten.

Das Zimmer war schmal und mit sehr künstlichem Licht erhellt, da es an Fenstern fehlte.

Wie immer nahm ich auf dem gepolsterten Stuhl in der Mitte des Raumes Platz, ohne dazu aufgefordert werden zu müssen. Ich kannte das Prozedere. Sehr gut sogar. Ich konnte ziemlich genau sagen, wie das Gerät funktionierte, das die medizinische Assistentin näher zu mir schob. Höchstwahrscheinlich sogar besser als sie.

Sie setzte mir die Elektrodenmaske auf, die eigentlich mehr wie ein Helm aussah, und mit einem leisen mechanischen Surren drückten sich die weichen Noppen der Elektroden gegen meinen Schädel.

Der Rest war eine Mischung aus Physik, Biologie und Informatik. Elektrische Impulse, synaptische Übertragung und ein fein abgestimmtes Programm, das die aufgezeichneten Daten auswertete.

»Möchten Sie etwas trinken, solange das Gerät läuft?«, fragte mich die medizinische Assistentin und ich lehnte ab, damit sie schneller die Auslese startete und mich allein ließ.

Eine halbe Stunde dauerte der kleine Scan für das letzte halbe Jahr, und ich lehnte mich zurück und schloss die Augen.

Meine Gedanken wanderten sofort wieder zum Umzug. Im Kopf plante ich den morgigen Tag durch, damit ich jedem sagen konnte, was zu tun war, wann wir den Transporter holten und wieder zurückbrachten und wann ich wen wohin bestellen musste.

Meine Eltern halfen natürlich den ganzen Tag, genau wie Vika. Joris hatte sich zum Möbelschleppen angemeldet. Luna und Jessy wollten zwischendurch vorbeikommen und etwas zu essen für alle mitbringen.

Ich war den Zeitplan schon zigmal durchgegangen und wünschte mir insgeheim, es wäre endlich morgen und ich könnte schon anfangen.

Die halbe Stunde zog sich und fühlte sich an wie Stunden.

Ich hätte doch um einen Kaffee bitten sollen.

Als die Langeweile mich fester packte und ich schon anfing, in Gedanken die Teile eines medialen Computerservers durchzugehen, die ich für meine Abschlussprüfung gebraucht hatte, wurde endlich die Tür geöffnet und die medizinische Assistentin kam hereingehuscht.

Eilig nahm sie mir die Elektrodenmaske vom Kopf, legte sie in die Reinigungsstation und war schon fast wieder aus dem Zimmer. Hier musste ja heute einiges zu tun sein, so wie sie rumhetzte.

»Der zuständige Arzt wird gleich nach Ihnen sehen«, informierte sie mich kurz und war wieder verschwunden.

War mir auch recht. Ich setzte mich vorn an die Kante meines Sessels und angelte nach meiner Handtasche, die ich daneben auf dem Boden abgestellt hatte. In Gedanken versunken kramte ich nach meinem Handy, um Vika noch ein Detail zum morgigen Tag zu schreiben, das mir in der letzten halben Stunde eingefallen war, da wurde auch schon die Tür aufgerissen.

Ein großer, schlaksiger Mann kam hereinspaziert, ein Tablet in der Hand, den weißen Kittel vorn nicht zugeknöpft, sodass man sein eng anliegendes schwarzes Shirt sehen konnte, das ihm ausgezeichnet stand.

Ich ließ die Tasche wieder zu Boden gleiten und staunte nicht schlecht, ihn hier zu sehen. Das war mal ein Zufall der krassen Sorte.

»Was muss ich hier lesen, Frau Henson. Sie tragen seit Neuestem also Spitzen-BHs. Da werde ich in Zukunft wohl viele gebrochene Männerherzen zum Psychologen überweisen müssen«, behauptete der Arzt mit ernster Miene und ich wollte mir das Grinsen verkneifen, ebenfalls das alberne Theater mitspielen, aber ich schaffte es einfach nicht.

»Selbst wenn das korrekt wäre, Doktor Grand, würde man das sicher nicht in meiner Auswertung sehen«, hielt ich dagegen und Oliver Grand schob sich die Brille auf der Nase hoch.

Seit wann hatte der Kerl überhaupt eine Brille? Sicher um intelligenter zu wirken. Oder er hatte sie irgendwem geklaut.

Einen Moment lang hielt Oliver sein Schauspiel noch aufrecht, dann nahm er die Brille ab und ein verschmitztes Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

»Aber du solltest das definitiv in Betracht ziehen, wenn du es nicht bereits tust. Ich biete mich als Versuchsobjekt Nummer eins an«, gestand er mir und ich hob süffisant die Augenbrauen.

»Ja, das war mir klar«, spottete ich frech und stand vom Behandlungsstuhl auf. »Seit wann dürfen Assistenzärzte denn Auswertungen prüfen?«, wollte ich von ihm wissen, das Kinn herausfordernd nach vorn gereckt, und Oliver zuckte mit den Schultern.

»Ich mach Vertretung für Frau Doktor Alessia Russo«, erzählte er mir freimütig und ließ sich ihren Namen auf der Zunge zergehen. »Sie muss mir meine Forschungen genehmigen.«

Mir kam der Name sogar bekannt vor und ich erinnerte mich an die dunkelhaarige Medizinprofessorin. Die Frau war engagiert, wunderschön und herrisch wie eine Diktatorin. Da würde er sich ganz schön ins Zeug legen müssen, um sie zu beeindrucken. Deshalb wohl auch die Vertretung.

Doch Oliver konnte man das ruhig zutrauen. Er war vielleicht nicht klassisch gut aussehend mit seinem zu kantigen Gesicht, dem drahtigen Körperbau und den blonden Stoppelhaaren. Aber charmant wie sau und ich wusste nicht, ob es Momente in seinem Leben gab, in denen er mal nicht mit jemandem flirtete. Er machte es einem sehr leicht, ihn zu mögen, und jede Unterhaltung mit ihm verlief angenehm. Wenn man seinen Humor teilte.

»Du versuchst es also mit Arschkriechen«, zog ich ihn wegen Doktor Russo auf und sein Grinsen wurde eine Spur zu anzüglich.

»Hast du ihren Arsch mal gesehen? Ist doch klar, dass man da auf solche Ideen kommt«, schwärmte er belustigt und brachte mich dadurch zum Lachen.

Oliver und ich kannten uns schon eine ganze Weile. Da er als Medizinstudent des Öfteren auf dem Gelände von Biolog Medical war, liefen wir uns in der Kantine immer mal wieder über den Weg und aßen dann gemeinsam mit seinen Medizinkumpel.

»Und man muss übrigens kein Facharzt sein, um einfache Fakten von einem Bildschirm abzulesen. Wie zum Beispiel, dass du wohl unter leichten Schlafstörungen leidest«, meinte er mit Blick auf sein Tablet und seine Stimme wurde wieder etwas ernster. Doch nicht so sehr, dass ich mir Sorgen machen musste.

Solche einfachen Diagnosen waren alltäglich und ich tat es mit einer Handbewegung ab.

»Steht was Großes an?«, fragte er mich und ich konnte nicht sagen, ob es eine ärztliche Frage oder nur seine Neugierde war.

»Ich ziehe morgen in meine eigene Wohnung«, verkündete ich, weil es mich auch irgendwie stolz machte. Und weil ich so vor Oliver wie eine Erwachsene dastand. Klar, ich war schon längst volljährig. Aber eine Zwanzigjährige, die bei ihren Eltern wohnte, wurde nie so ernst genommen wie eine, die ihre eigenen vier Wände hatte.

»Soso.« Oliver nickte mir zu und notierte etwas in meiner Akte. Ich musterte sein Gesicht, um zu erkennen, was er wohl dachte. Aber bei ihm konnte man sich da nie so sicher sein. Er tat zwar immer einfach, aber ich glaubte daran, dass er in Wirklichkeit komplexer gestrickt war, als er zugeben wollte.

»Deshalb wohl auch der erhöhte Koffeinkonsum«, fügte er murmelnd hinzu und knuffte mir ganz unprofessionell in die Seite. Ich versuchte genervt auszusehen, aber bei Oliver war das echt schwer durchzuziehen.

»Ach, ist Koffein jetzt auch schon verboten?«, provozierte ich ihn und er lachte auf.

»Nein, zum Glück nicht, Babe. Sonst hätte ich mein Studium sicher nicht gepackt.« Er sah auf mich herab, was nicht schwer war bei unserem Größenunterschied. Normalerweise zählte ich mich als durchschnittlich groß. Doch neben Oliver, der an die zwei Meter groß sein musste, fühlte ich mich klein und zerbrechlich. Und das gefiel mir.

»Gut, du bist fertig. Musst auch erst in einem Jahr wiederkommen«, stellte er mir in Aussicht und ich war erleichtert.

Obwohl … Was war eigentlich mit meinen seltsamen Aussetzern in letzter Zeit? Hatten die auf dem Scan nicht ausgeschlagen? Waren sie so geringfügig, dass der Computer sie als unbedenklich einstufte?

Doch wenn ich erst in einem Jahr wiederkommen musste, war wohl wirklich nichts und Oliver Grand wollte ich auch nicht auf die Nase binden, dass ich möglicherweise eine Verrückte war.

Ich nahm meine Tasche, schüttelte das seltsame Gefühl ab und ging auf die Tür zu.

»Gemma!«, hielt Oliver mich zurück und ich drehte mich ihm noch einmal zu. »Lass uns mal einen Kaffee trinken gehen«, schlug er vor. »Laut deines Scans scheinst du da einen Bedarf zu haben.«

Ich lächelte und strich mir gekonnt unauffällig eine Strähne meines kinnlangen Haares hinters Ohr.

»Klar. Immer«, sagte ich, ohne durchblicken zu lassen, wie aufgeregt ich war, drehte mich auf dem Absatz um und stolzierte zu den Fahrstühlen wie die coolste Frau der ganzen Welt. Und so fühlte ich mich gerade auch.

3

Umzug

Ich hatte die Nacht vor Aufregung kaum bis gar nicht geschlafen. Ein bisschen lag es auch an der unbequemen Couch und daran, dass mein Zimmer sich nicht mehr wie mein Zimmer anfühlte.

Doch heute war der große Tag, einer von vielen großen Tagen der nächsten Zeit, und ich war die Erste, die am Morgen in der Küche stand und Kaffee für alle kochte, bevor ich loszog, um Brötchen beim Bäcker die Straße runter zu kaufen.

Ich war so voller Tatendrang, dass ich schier platzte. Nicht mal einen Kaffee brauchte ich, um in Schwung zu kommen, und das war in der letzten Zeit wirklich eine Seltenheit.

Joris stand Punkt neun Uhr vor der Tür und verschlang erst einmal die Hälfte aller Brötchen, zusammen mit einem ganzen Glas Marmelade.

Für uns war das okay. Mama war bei ihrer ersten Tasse Kaffee und noch ein Geist, Papa ließ sich von mir ein Brötchen belegen, das er mitnahm, als er losging, den Transporter abzuholen, und ich war viel zu hibbelig, um zu essen.

Danach ging es so richtig los. Kisten wurden geschleppt, Schrankteile nach unten transportiert und als es daranging, meine alte Vollholzkommode nach unten zu bekommen, holte Papa sich Hilfe von unserem Nachbarn Herr Leonell und seinem Sohn Sharoon. Obwohl der Junge erst fünfzehn war, hatte er Muskeln wie ein Minotaurus, sodass Joris ihm nur mit riesigen Augen hinterherstarren konnte, als er ihm die Bücherkiste aus den Händen nahm und davontrug, als wären nur Kissen darin.

Zum Glück war Vika noch nicht hier, sonst hätte sich der arme Kerl in Grund und Boden geschämt. Ich klopfte Joris aufmunternd auf die Schulter und ließ ihn mir später einen Koffer voller Schuhe abnehmen, während ich so tat, als wäre er mir viel zu schwer, um sein Ego zu pushen. Und Joris war auch so einfach gestrickt, dass es wirklich funktionierte.

Gegen halb zwölf war der Transporter rappelvoll und die letzten paar Kisten wanderten mit uns zusammen in Mamas Auto. Die Fahrt war ungemütlich und abenteuerlich und schlug Joris mehr auf den Magen, als er zugeben wollte.

Als Mama das Auto vor dem Gebäudekomplex parkte, in dem ich in Zukunft wohnen würde, war ich so von Gefühlen überwältigt, dass ich erst einmal nur dastehen und am Gebäude hochblicken konnte.

Es war ein L-förmiges Hochhaus mit etlichen holzverkleideten Balkonen, die größtenteils bewohnt aussahen. Überall ragten Grünpflanzen über die Geländer, Blumenkästen waren gefüllt mit Blüten und Kräutern und die eine oder andere Lichterkette ließ alles wie einen hellen fröhlichen Ort erscheinen.

Ich war nicht zum ersten Mal hier, da ich ja ständig bei Vika rumhing. Doch heute war es anders. Heute würde es auch mein neues Zuhause werden.

»Huhu!«, rief eine Stimme von oben und ich suchte mit den Augen die Häuserfront ab.

Im vierten Stockwerk lehnte Vika am Geländer eines Balkons, der im Gegensatz zu den anderen nackt wirkte. Nur die helle Holzverkleidung, die schmiedeeisernen Streben und die leeren Blumenkästen waren vorhanden.

Mein Balkon.

Meinen Schlüssel hatte ich Vika gestern vorbeigebracht, damit sie schon mal lüftete, da Papa letztes Wochenende alles einheitlich gestrichen hatte und die Zimmer immer noch nach Farbe rochen.

»Wir haben eine Überraschung für dich, Schatz!«, brüllte sie über den ganzen Platz hinweg und es störte sie kein Stück, dass sich alle Leute in der Umgebung nach ihr umdrehten.

Ich schnappte mir die Kiste mit meinen Sukkulenten, die während der Fahrt auf meinem Schoß gestanden hatte, und lief einmal um das Auto herum.

»Hausabschnitt B, vierter Stock, Zimmer dreizehn«, sagte ich zu Joris, der ans Auto gestützt dastand und erst mal nichts anderes tun konnte, als die Übelkeit wegzuatmen. Ich strich ihm aufmunternd über den Rücken und er hob nur die Hand, dass er verstanden hatte.

Mama blieb im Auto. Sie wollte ohnehin auf Papa warten. Vorhin hatte sie sich von meiner Freude und Aufregung anstecken lassen, doch ich wusste, dass sie mich eigentlich nur widerwillig gehen ließ. So musste das ja auch irgendwie sein. Die Kinder wurden flügge und die Eltern zeigten ihre Liebe dadurch, darüber traurig zu sein.

Ich beugte mich durchs Autofenster und drückte meiner Mutter einen Kuss auf die Wange. »Ich geh schon mal hoch.«

»Ist gut. Ich habe solange ein Auge auf den Seekranken«, machte sie ihre Witzchen und lächelte.

Ich grinste zurück. »Vielleicht hätte er nicht das ganze Glas Marmelade essen sollen.«

Joris stöhnte gequält auf und wir mussten uns das Lachen verkneifen.

»Bis gleich«, sagte ich und lief die wenigen Meter bis zur dunklen Glastür. Ich läutete bei meiner eigenen Klingel, an der in Vikas geschwungener Schrift mein Nachname stand. Schon allein darüber freute ich mich wie irre.

Vika drückte oben den Summer, ließ mich rein und ich konnte es kaum erwarten, dass der Lift mich in den vierten Stock hochbrachte. Ein Gefühl von Freiheit durchströmte mich und ließ mich glauben, alles erreichen zu können.

Vika hatte die ganze Zeit recht gehabt: Ich hätte schon längst ausziehen sollen.

Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich und Vika fiel mir quietschend um den Hals. Beinahe wäre mir der Karton mit den Sukkulenten aus den Händen gefallen. Doch das störte mich heute nicht und ich stimmte in den hohen Freudenschrei mit ein wie ein durchgeknalltes Teeniemädchen.

Vielleicht lag auch die Pubertät noch nicht so weit hinter uns, wie wir uns manchmal gern einbildeten.

»Wir haben was gemacht und ich hoffe sooo sehr, es gefällt dir«, brabbelte Vika in mein Haar und ich löste mich langsam von ihr.

»Solange ihr nicht die Stühle an die Decke genagelt habt«, lachte ich und wir gingen den Flur entlang.

Meine Wohnungstür stand sperrangelweit offen und der Türrahmen war mit bunt bemalten Zeitungspapier-Pompons geschmückt.

»Wer ist eigentlich wir?«, wollte ich wissen und in dem Moment lugte ein schmales Gesicht verstohlen aus der Tür.

Es war Dani. Ich erkannte sie sofort an dem blonden Bubikopf, noch bevor ich sie ganz vor mir hatte.

Dani gehörte die Wohnung direkt neben meiner, und Vika und sie hatten sich vor Kurzem im Lift kennengelernt. Anscheinend war es Freundschaft auf den ersten Blick, denn seit dem Zeitpunkt erzählte sie mir ständig von ihr.

»Dani und ich. Wir saßen die halbe Nacht dran«, erzählte Vika mir und schob mich durch die Tür in meine neue Wohnung.

Sie war spiegelverkehrt zu der von Vika, die auf der anderen Seite des Flures wohnte.

Mein Vater hatte die Wände in einem sanften Cremeton gestrichen, der zu den mattbraunen Schränken der Kochnische passte, die noch ganz kahl und leer aussah. Ich stellte den Sukkulentenkarton auf dem Tresen ab.

Vika führte mich durch den nach hinten gezogenen Wohnbereich ins Schlafzimmer und sprang dann plötzlich wie eine Konfettikanone vor mich. »Überraschung!«, rief sie und Dani hinter mir kicherte nervös.

Erstaunt riss ich die Augen auf und betrat langsam das Zimmer. Die lange Wand, an der wir vorhatten, mein Bett zu stellen, war dunkel. Auberginelila, an manchen Stellen noch leicht feucht, mit einem großen Symbol in der Mitte, bei dem sie die Farbe ausgespart hatten und darunter das Creme zu sehen war.

Ein Pfeil, der einen Kreis beschrieb und durch zwei parallele Pfeile durchbrochen wurde. Es war das Symbol, das ich gestern auf den Notizblock in der Küche gekritzelt hatte.

Ich musste es nur sehen und bekam gleich ein warmes Gefühl im Bauch, als gehörte es auf eine Weise zu mir, die ich noch ergründen musste.

»Und? Gefällt es dir?«, wollte Vika vorsichtig wissen und nahm meine Hand. Ihre Armreifen streiften mein Handgelenk und klimperten dabei. »Ich weiß, die Farbe ist krass dunkel und du hast eigentlich was von Hellbraun geschrieben. Aber sie passt so gut zu dir. Und im Schlafzimmer ist das ja vielleicht eh gut, es etwas dunkler zu haben.«

Ich schenkte Vika ein Lächeln, das mir aus dem Herzen aufstieg, weil ich ernsthaft überwältigt war. »Es ist perfekt, Vika. Danke«, sagte ich zu ihr und sie atmete erleichtert auf.

»Oh, zum Glück. Es war echt so eine Spontanidee von mir, als du mir gestern früh wegen der Farbe geschrieben hast. Aber die eigentliche Arbeit hat auch Dani gemacht. Die ist da viel begabter als ich.«

Ich drehte mich zu Dani um, die mit hochgezogenen Schultern im leeren Wohnzimmer stand, die Hände in den Hosentaschen ihrer beigen Chinohose, das hellgelbe Strickjäckchen bis oben hin zugeknöpft.

»Danke, Dani. Ihr habt das echt irre gut gemacht«, bedankte ich mich auch bei ihr und ihr Lächeln ging fast bis zu den Ohren, während ihre Wangen rosig glühten.

»Willkommen im eigenen Zuhause«, sagte sie schüchtern und ich wusste gleich, dass ich sie auch mögen würde.

Vika legte stolz einen Arm um sie. Der Größenunterschied zwischen den beiden war schon fast skurril, da meine beste Freundin etwa um die eins achtzig groß war und Dani vielleicht Schuhgröße sechsunddreißig haben konnte.

»Oh, wow. Deine Wohnung sieht echt genauso aus wie meine«, hörte ich Joris von der Eingangstür aus und er stellte ächzend einen Karton aus dem Auto auf dem Holzboden ab.

»Hey, Vika. Was geht?«, grüßte er sie und seine lockere Art war so aufgesetzt, dass ich mit den Augen rollte.

»Schön, dich zu sehen«, sagte Vika. »Er wohnt drüben in Abschnitt D«, erklärte sie für Dani und ich kam auf Joris zu, um zu sehen, was ich auf den Karton geschrieben hatte.

Keine Minute später tauchte auch Papa auf und brachte die ersten Teile für den Kleiderschrank mit, den er später mit Vika zusammen im Schlafzimmer aufstellte.

Joris schleppte mit mir Kisten, bis mir der Rücken wehtat und ich mich darauf verlegte, die Küche einzuräumen.

Dani blieb und half, wo sie konnte, hängte die Vorhänge auf, assistierte Vika dabei, einen eingerahmten Schaltplan über der Couch zu platzieren, sortierte die Schubladen wieder in die Kommoden und schob meine Pflanzenkübel auf dem Balkon umher. Ich hatte die leise Vermutung, dass sie sich sehr darum bemühte, sich mit mir anzufreunden. Was mir entgegenkam. Vikas Freunde waren meistens auch meine Freunde. Das war gar nicht anders möglich bei einer Energiebombe wie ihr, die immer mit ganzem Herzen dabei war.

Es war fast schon halb drei, als mir aufging, dass Mama fehlte. Sie war überhaupt nicht hochgekommen und ich machte mir sofort Sorgen um sie.

»Paps?«, sprach ich ihn an, während er gerade dabei war, meinen Lattenrost im Bett festzumachen. »Ist Mama wieder heimgefahren?«

Papa ließ seufzend den Akkubohrer sinken. »Ja.« Der Ausdruck in seinem Gesicht wurde sorgenvoll. Ich hatte also recht gehabt. Irgendwas war mit Mama nicht in Ordnung.

»Sie hatte draußen einen kleinen Zusammenbruch. Sie hat geweint, wirres Zeug behauptet und sich geweigert, das Gebäude zu betreten.«

»Und da hast du sie allein nach Hause fahren lassen?«, fragte ich schockiert und Papa schüttelte energisch den Kopf.

»Auf keinen Fall. Ich habe Tante Laura angerufen. Die hat sie abgeholt und heimgebracht«, erklärte er und ich setzte mich neben ihn auf den Boden.

Wir waren allein im Schlafzimmer, während die anderen im Wohnzimmer beschäftigt waren, wo die Stimmen gerade lauter wurden. Ich erkannte Lunas Lachen und Jessys kritische Töne.

»Gemma! Essen ist da!«, rief Vika laut genug, dass es das ganze Stockwerk gehört haben musste.

»Wir kommen gleich. Fangt schon mal an.« Ich wandte mich wieder an Papa, dessen Gesicht sich in Sorgenfalten legte.

Wir machten uns beide viele Gedanken um Mama. Es hatte bei ihr nur mit kleinen Sachen angefangen. Sie hatte mal vor Schreck ein Glas fallen lassen, obwohl nichts da war, was sie erschreckt haben konnte. Sie redete von Leuten, die wir nicht kannten, nur um später zu behaupten, nie davon gesprochen zu haben. Und es wurde schlimmer.

Bisher hatte uns kein Arzt helfen können. Selbst durch Gedankenauslese hatte man nicht feststellen können, um was für ein Problem es sich handelte. Laut des Scans war mit ihr alles in Ordnung.

»Was hat sie gesagt?«, erkundigte ich mich und Papa sah mich fragend an. »Mama. Was hat sie für wirres Zeug behauptet?«

Er verzog das Gesicht. »Ach Gem, das ist doch nicht wichtig.«

»Mir schon«, beharrte ich drauf und sah ihn auffordernd an.

Er gab sich geschlagen. »Sie hat gesagt, dass sie es nicht verkraften würde, wenn du an den Folgen eines Unfalls sterben solltest, der ihrer Meinung nach gerade stattgefunden hat. Ein Laster hätte dich überfahren. Sie hat mich angefleht, ich solle den Ärzten sagen, sie müssen dich unbedingt retten.«

Schockiert starrte ich Papa an und ein kalter Stein aus Angst lag mir auf der Brust. »Wie kommt sie auf so was?«

Obwohl ich die Frage doch eher rhetorisch gemeint hatte, zuckte Papa mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Aber ich fahre morgen noch mal mit ihr zum Spezialisten.«

»Mach das«, sagte ich. »Und ruf mich dann bitte an.«

»Auf jeden Fall.« Papa legte den Akkuschrauber beiseite und erhob sich ächzend vom Boden. »Und jetzt lass uns was essen. Ich bin am Verhungern«, schlug er einen fröhlichen Ton an und ich hörte ganz genau, dass er schauspielerte, um mich wieder auf bessere Gedanken zu bringen.

Luna und Jessy hatten selbst gemachtes Sushi mitgebracht. Gurke-Karotte, eingelegter Rettich und mein absoluter Liebling: Avocado. Obwohl ich gerade noch gedacht hatte, meine Stimmung wäre im Keller, brachten mich das Essen und die Blödeleien von Vika und Luna wieder auf Spur. Und als ich mich fühlte, als würde von all dem Sushi mein Bauch bald platzen, konnte ich auch schon wieder Witze reißen und mir mein kinnlanges Haar spaßhaft mit Stäbchen eindrehen.

Jessy und Dani schienen sich sogar von früher zu kennen und quatschten über alte Zeiten. Joris und Papa diskutierten ernsthaft darüber, ob es etwas Sinnvolles an sich hatte, Bücher nach Farben ins Regal zu sortieren, anstatt nach Thema. Und ich genoss es, einen neuen Lebensabschnitt von Freunden umgeben zu beginnen.

4

Kents ShakeBar

Als alle Kisten in der Wohnung und alle Möbelstücke halbwegs aufgebaut waren, verabschiedete sich Papa unter dem Vorwand, den gemieteten Transporter wieder zurückbringen zu müssen. Doch ich wusste, dass er zu Mama wollte, und war froh, dass er sich jetzt um sie kümmerte.

Als er aus der Tür ging, schrieb ich Tante Laura, dass er auf dem Weg war. Sie antwortete mir knapp, dass meine Mutter sich wieder beruhigt hatte und nun schlief. Das stimmte mich allerdings wenig zuversichtlich, denn es änderte nichts daran, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung war.

Ich lenkte mich mit Kisten auspacken ab und die anderen halfen mir, bis wir gegen spätnachmittag alle keine Lust mehr hatten und uns einer nach dem anderen auf das große Ecksofa fallen ließen.

Erschöpft hing ich zwischen Vikas knochigem Ellenbogen und Lunas weichen Kurven und sah mich in meiner neuen Wohnung um. Alles war durcheinander, überall lag Zeitungspapier und anderes Verpackungsmaterial herum. Die Schränke und Regale waren noch halb leer und durch die Tür mir gegenüber konnte ich in das Chaos im Schlafzimmer sehen.

Es war noch einiges an Anstrengung nötig, bis es hier wohnlich aussah. Aber ich hatte ja auch noch ein paar Tage Zeit, bis mein erster Arbeitstag begann.

Und ich durfte bei dem ganzen Trubel auch nicht vergessen, dass ich noch Termine hatte. Wie die Messe in zwei Tagen, bei der ich mich für die Aufsicht an einem der Stände meiner Ausbildungsstätte hatte einteilen lassen.

»Ich bin erledigt«, stöhnte Vika und lehnte sich auf mich, sodass ihre Locken mich am Hals kitzelten und sich ihr Ellenbogen schmerzhaft in meine Seite bohrte. Ich ertrug es stillschweigend, weil ich zu erschöpft war, um sie wegzuschieben.

»Lasst uns doch eine Runde spazieren gehen«, schlug Joris vom anderen Ende des Sofas vor und Jessy neben ihm stöhnte genervt auf.

»Nicht dein Ernst! Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten«, maulte sie und wir lachten, weil es so typisch Jessy war.

»Ich finde die Idee gar nicht so schlecht«, behauptete Vika und zog glücklicherweise ihren Ellenbogen aus meiner Seite.

»Echt jetzt?«, rief Joris erstaunt und sprang sofort auf die Beine, doch Vika wandte sich schon an Dani, die kerzengerade auf ihrer anderen Seite saß und sich wohl nicht traute, sich ebenfalls bei uns anzulehnen.

»Kommst du auch mit?«, fragte Vika sie und Dani nickte sofort.

»Vielleicht finden wir ja irgendwo Smoothies«, murmelte Luna, die die Augen geschlossen hatte und gemütlich eins meiner neuen Sofakissen umarmte. Ich fürchtete, dass sie nirgendwo mehr hingehen würde. Sie war quasi schon eingeschlafen.

»Find ich auch gut.« Vika war überzeugt.

Luna rutschte langsam der Kopf zur Seite und ich stabilisierte sie mit noch mehr Kissen, damit sie mir nicht vom Sofa fiel.

»Und wo wollen wir hin? Fruit-Palace?«, fragte Joris voller Tatendrang und ich konnte ihm ansehen, wie sehr Vikas Zustimmung ihn pushte. Doch mit seinem letzten Vorschlag hatte er sich selbst ins Bein geschossen.

Ich machte eine umständliche Verrenkung, um vom Sofa hochzukommen und Vika den Mund zuzuhalten, doch ich war zu langsam.

»Auf keinen Fall. Fruit-Palace? Bist du verrückt? Das sind kapitalistische Monster, die durch ihre Obstmassenzüchtungen und ihre Pestizide den Boden verunreinigen und das Sterben der Bienen fördern«, motzte sie drauflos.

Joris stand da wie festgefroren und sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er eigentlich keine Ahnung hatte, was Vikas Problem war.

»Beruhig dich, Vika. Er hat’s nicht böse gemeint«, sagte ich zu ihr und strich ihr beruhigend den Rücken auf und ab.

»Aber ist doch wahr«, flüsterte sie mir zu und begann bereits zu erkennen, dass sie zu harsch gewesen war. »Ach, das war jetzt nicht gegen dich, Joris. Du kannst ja nichts dafür, dass die … Ey, ist Luna etwa eingeschlafen?«, wechselte sie mitten im Satz das Thema und merkte es selbst nicht mal.

Ich lächelte müde und kam ächzend auf die Beine.

In meinem Rücken schrie jeder Muskel nach meinem Bett, aber mein Kopf war noch nicht bereit, den Tag einfach so enden zu lassen. Zumal es erst gegen fünf war.

»Wollen wir nicht einfach raus und es auf uns zukommen lassen?«, schlug ich vor und zog Vika ebenfalls vom Sofa hoch. »Vielleicht finden wir Straßen in der Gegend, die wir noch nie gegangen sind. Ich will was Neues entdecken.«

»Was immer du befiehlst, Chef.« Joris salutierte spaßhaft vor mir.

»Was machen wir mit Luna?«, wollte Vika wissen und griff nach Danis Hand, um sie mit sich zu ziehen.

»Lass sie einfach schlafen«, sagte ich und sah mich nach meiner Handtasche um, die ich vorhin irgendwo abgestellt hatte. Vika und Dani verließen schon die Wohnung, ließen die Tür aber offen stehen.

»Ich kann ja bei ihr bleiben«, erklärte sich Jessy sofort bereit, schob sich die Ballerinas von den Füßen und legte die Beine hoch. »Macht mir gar nichts aus.«

»Ja, das kann ich mir vorstellen«, behauptete ich vielsagend und Jessy lachte ihre abgefahrene Hexenlache, während sie es sich bequem machte.

»Bringt uns ruhig Smoothies mit«, fügte sie hinzu.

Ich schnappte mir einen Klumpen Zeitungspapier und warf ihn nach dem dreisten Biest.

»Als ob, du faules Stück«, beleidigte ich sie spaßhaft und sie schloss seufzend die Augen.

»Mit Blaubeeren bitte. Danke!«, rief sie mir hinterher, als ich meine Tasche schnappte und Joris mir auf den Flur folgte.

»Du bringst ihr wirklich nichts mit?«, fragte er mich, als ich die Tür ins Schloss zog, und ich sah ihn skeptisch an.

Er hatte mal wieder den ganzen Witz verpasst.

»Natürlich bring ich ihr was mit. Ist doch Jessy«, erwiderte ich und schlenderte auf den Aufzug zu.

Als wir an Danis Wohnungstür vorbeikamen, öffnete sie sich in dem Moment und Dani trat zu uns auf den Flur.

Ich erhaschte einen kurzen Blick hinein, bevor sie die Tür wieder schloss. Alles war hell, geradlinig eingerichtet und die Wände voller großer Leinwände mit moderner Kunst.

Das hatte ich nicht von ihr erwartet. Wenn man sie sich ansah, wie sie sich den Träger einer kleinen braunen Umhängetasche über den Kopf zog und dabei ihre kurzen Haare total durcheinandergerieten, erwartete man eher etwas Liebliches. Blumenprints und Spitze. Aber vielleicht wusste ich auch noch nicht genug über Dani, um sie richtig einzuschätzen.

»Sag mal, Nachbarin, was machst du eigentlich so, wenn du nicht nachts die Wände von Freunden verzierst?«, fragte ich sie freiheraus und sie blinzelte mich an.

»Ich?«, erkundigte sie sich unsicher und blieb stehen, als wir Vikas Wohnungstür erreicht hatten, die sich den Flur runter befand.

»Ja, du.«

Dani druckste noch ein wenig herum und schob sich verlegen die runde Brille auf der Stupsnase nach oben. »Ich bin freie Künstlerin«, gestand sie mir und ich hob verblüfft die Augenbrauen. Dani steckte voller Überraschungen.

»Wow«, machten Joris und ich gleichzeitig.

In Vikas Wohnung rumpelte es und es wurde mir langsam zu bunt, auf sie zu warten.

Mit der flachen Hand schlug ich volle Kraft gegen ihre Tür. »Aufmachen! Polizei!«, rief ich spaßhaft und Vika riss sofort die Tür auf.

»Haha, sehr witzig«, sagte sie ironisch und fischte sich eine Socke aus den Locken. Wie auch immer die da hingekommen war. »Ich finde meinen Geldbeutel nicht.«

»Ist doch egal, ich lad euch heute eh alle ein«, eröffnete ich und scheuchte sie mit den Händen. »Schnapp dir deinen Schlüssel und komm. Ihr habt all mein Zeug geschleppt, da ist ein Smoothie ja wohl das Mindeste.«