Gesammelte Biografien: Marie Antoinette, Romain Rolland, Casanova, Magellan, Maria Stuart, Nietzsche, Dostojewski, Erasmus, Sigmund Freud, Charles Dickens und mehr - Stefan Zweig - E-Book

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Zweig Stefan

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Beschreibung

In 'Gesammelte Biografien' präsentiert Stefan Zweig eine beeindruckende Sammlung von biografischen Essays, die ikonische Figuren der Geschichte und Kultur in den Fokus rückt. Mit seinem unvergleichlichen literarischen Stil gelingt es Zweig, sowohl die emotionalen als auch die intellektuellen Dimensionen des Lebens dieser Persönlichkeiten zu erfassen. Die Werke sind geprägt von einer tiefen psychologischen Einsicht und einer eleganten Prosa, die den Leser dazu einlädt, die komplexen Lebenswege von Marie Antoinette, Sigmund Freud, und anderen zu erkunden. In einem historischen und kulturellen Kontext, der den Aufstieg und Fall dieser Persönlichkeiten thematisiert, vermittelt der Autor ein faszinierendes Porträt der Menschheit in ihren Höhen und Tiefen. Stefan Zweig, ein österreichischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, war nicht nur ein Meister des biografischen Schreibens, sondern auch ein leidenschaftlicher Verfechter der Aufklärung. Sein eigenes Leben, geprägt von Exil und Weltschmerz, brachte ihn dazu, die großen Denker und Künstler der Vergangenheit zu studieren und deren innere Konflikte und Genialität zu reflektieren. Diese Essays sind das Ergebnis seiner tiefen Auseinandersetzung mit deren Schicksalen, die oftmals auch sein eigenes widerspiegeln. 'Gesammelte Biografien' ist eine essentielle Lektüre für all jene, die das Zusammenspiel von Geschichte, Biografie und Psychologie verstehen wollen. Zweigs fesselnde Erzählweise und sein profundes Wissen über die menschliche Natur machen dieses Werk zu einer Quelle der Inspiration, die den Leser ermutigt, über das individuelle Schicksal hinauszudenken. Es ist eine Einladung, sich mit den Elementen der menschlichen Existenz auseinanderzusetzen und deren Relevanz für die Gegenwart zu erkennen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Stefan Zweig

Gesammelte Biografien: Marie Antoinette, Romain Rolland, Casanova, Magellan, Maria Stuart, Nietzsche, Dostojewski, Erasmus, Sigmund Freud, Charles Dickens und mehr

Bereicherte Ausgabe.
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Sterling Hale
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547804802

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Biografien: Marie Antoinette, Romain Rolland, Casanova, Magellan, Maria Stuart, Nietzsche, Dostojewski, Erasmus, Sigmund Freud, Charles Dickens und mehr
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung vereint zentrale biografische und essayistische Werke Stefan Zweigs zu Gestalten der Weltgeschichte und Literatur. Sie ist kein Gesamtwerk und kein Kanon seiner Dichtungen, sondern eine konzentrierte Auswahl seiner Lebensbilder und historischen Studien. Ziel ist es, Zweigs Kunst der empathischen Annäherung an Persönlichkeiten über Epochen hinweg sichtbar zu machen und die Vielfalt seiner biografischen Verfahren kenntlich zu halten. Die Spannweite reicht von detaillierten Monografien bis zu prägnanten Miniaturen. So entsteht ein Panorama von Charakteren, Entscheidungen und Zeiten, das den Leserinnen und Lesern Orientierung bietet und zugleich Zweigs unverwechselbare Handschrift profilieren soll.

Im Zentrum steht Stefan Zweig als Biograf, Porträtist und Essayist. Die Auswahl deckt den Zeitraum von 1920 bis 1944 ab und umfasst sowohl kanonische Einzelstudien als auch Sammelbände und kürzere Texte. Mit Joseph Fouché, Marie Antoinette, Erasmus, Maria Stuart und Magellan treten historische Akteure hervor, deren Lebenswege exemplarische Konflikte zwischen Macht, Gewissen und Schicksal bündeln. Daneben treten Schriftstellerporträts und ideengeschichtliche Profile, die den inneren Antrieb künstlerischer und geistiger Existenzen ausleuchten. Die Sammlung ist darauf angelegt, Zweigs biografische Methode in ihrer Breite nachvollziehbar zu machen und zugleich ein prägnantes Lesebild seines historischen Denkens zu vermitteln.

Die Zielsetzung dieser Edition ist doppelt: Sie will einerseits einen verlässlichen Zugang zu maßgeblichen Werken Zweigs eröffnen, andererseits die Verknüpfungen zwischen einzelnen Büchern erfahrbar machen. Zweig versteht Biografie als erzählerische Erkenntnisform; seine Lebensbilder sind Versuche, das einzigartige Verhältnis von Charakter und Zeit zu verstehen. Leserinnen und Leser finden hier keine vollständige Reihe der historischen Figuren, die Zweig beschäftigten, wohl aber eine repräsentative Verdichtung seiner wichtigsten biografischen Projekte. Damit bietet die Sammlung sowohl einen Einstieg für Neulinge als auch eine Grundlage für vertieftes Studium von Motiven, Entwicklungen und Nuancen in Zweigs Vorgehen.

Es handelt sich nicht um eine Edition der Romane oder Dramen, sondern um eine thematisch gefasste Zusammenstellung von Biografien, historischen Essays und Porträts. Der Schwerpunkt liegt auf Werken, in denen Zweig das Leben einzelner Personen als Brennspiegel größerer geschichtlicher Kräfte darstellt. Die Sammlung verzichtet bewusst auf Fiktion zugunsten quellennaher, literarisch gestalteter Darstellung. Sie zielt darauf, ein kohärentes Bild von Zweigs biografischem Schaffen zu geben, ohne Vollständigkeit in Anspruch zu nehmen. In diesem Rahmen wird die charakteristische Verbindung von gelehrter Informationsfülle und suggestiver, klarer Sprache erfahrbar, die seinen Rang als Erzähler historischer Existenz begründet.

Die umfangreichen Monografien bilden das Rückgrat der Sammlung. Joseph Fouché zeichnet den Aufstieg und die Wandlungsfähigkeit eines politischen Menschen nach. Marie Antoinette und Maria Stuart rücken Herrscherinnen in den Fokus, deren Persönlichkeit und Lage in Zeiten dramatischer Umbrüche sichtbar werden. Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam entfaltet die geistige Physiognomie eines Humanisten zwischen Ideal und Gegenwart. Magellan – Der Mann und seine Tat beleuchtet Entschlusskraft, Risiko und Grenzen des Erkundens. Diese Werke zeigen Zweig als geduldigen Rechercheur und packenden Erzähler, der komplexe historische Konstellationen in eine psychologisch nachvollziehbare Form bringt.

Die Sammelbände über Schriftsteller und Denker verbinden Vergleich, Essay und Biografie. Drei Meister stellt Balzac, Dickens und Dostojewski als unterschiedliche Kräfte des realistischen und psychologischen Erzählens gegenüber. Drei Dichter ihres Lebens porträtiert Casanova, Stendhal und Tolstoi als Autoren, die ihre Existenz zum Stoff ihrer Kunst machen. Der Kampf mit dem Dämon bündelt mit Hölderlin, Kleist und Nietzsche drei Lebensläufe, in denen schöpferische Energie und innere Zerrissenheit einander bedingen. Diese Kompositionen zeigen Zweigs Fähigkeit, Profile zu kontrastieren und über Einzelanalysen hinweg eine kartografische Sicht auf Temperamente, Epochen und ästhetische Programme zu gewinnen.

Mit Sternstunden der Menschheit und Amerigo sind prägnante Formen vertreten, die historische Erkenntnis in komprimierter Dramaturgie entfalten. Die Sternstunden versammeln Miniaturen, in denen eine Entscheidung, ein Text oder ein Augenblick die Bahn von Menschen und Ereignissen verändert. Amerigo thematisiert die Genese eines geographischen Namens und untersucht die Mechanik eines historischen Missverständnisses. Beide Bücher zeigen, wie Zweig die Konzentration auf Wendepunkte nutzt, um den oft verborgenen Zusammenhang von individueller Initiative, Zufall und langfristiger Wirkung sichtbar zu machen – ohne die Komplexität der Quellenlage aus dem Blick zu verlieren.

Ergänzt werden die größeren Werke durch kürzere Texte über historische Persönlichkeiten sowie Reflexionen über Schriftsteller. Diese Beiträge umfassen Porträtskizzen, Vor- und Nachworte, Würdigungen und konzentrierte essayistische Betrachtungen. Sie fungieren als Resonanzraum, in dem Zweig Motive seiner größeren Studien erprobt, präzisiert oder in anderer Tonlage variiert. In ihrer Dichte und Beweglichkeit machen sie die Werkstatt des Biografen sichtbar: das Abwägen zwischen Detail und Überblick, das genaue Hören auf charakteristische Gesten, die Wahl der erzählerischen Perspektive. So runden sie die Sammlung ab und öffnen zusätzliche Zugänge zu Zweigs Themen und Verfahren.

Verbindend wirkt vor allem Zweigs psychologischer Blick: Er beschreibt Geschichte durch die Linse des Charakters. Nicht die Summe von Daten, sondern die innere Gesetzmäßigkeit eines Lebens interessiert ihn. Entscheidungen unter Druck, die Dialektik von Freiheit und Notwendigkeit, die Versuchung der Macht, die Kraft des Gewissens – diese Spannungen durchziehen die Bücher. Dabei bleibt Zweig den Quellen verpflichtet und zugleich dem Anspruch literarischer Gestalt treu. Seine Porträts sind keine Thesenstücke, sondern Versuche, das unverwechselbare Profil einer Person im Horizont ihrer Zeit zu erfassen, ohne Wertungen zu simplifizieren oder Ambivalenzen zu glätten.

Stilistisch verbindet Zweig Präzision mit erzählerischem Zug. Die Komposition folgt oft einem dramaturgischen Bogen, der den Leser zu entscheidenden Szenen führt, ohne auf Effekte zu setzen. Leitmotive wie Wendepunkt, Maskierung, Versuchung und Verzicht strukturieren die Darstellung. Exemplarisch zeigt Castellio gegen Calvin, wie Gewissensfreiheit und Dogma in einem historischen Konflikt aufeinanderprallen und wie moralische Sprache gegen politischen Zwang bestehen kann. Über einzelne Fälle hinaus reflektiert Zweig damit die Bedingungen menschlicher Verantwortung. Die Klarheit seiner Prosa entsteht aus Verdichtung: Auswahl, Akzent, Rhythmus – Elemente, die der Komplexität nicht ausweichen, sondern sie lesbar machen.

Ein zweites verbindendes Moment ist die Beziehung von Individuum und Epoche. Zweig zeigt, wie eine Persönlichkeit Entwürfe der Zeit bündelt und zugleich gegen sie opponiert. Seine Porträts denken sozial, kulturell und politisch, ohne den Ton moralischer Überhebung. Wiederkehrend ist das Motiv des Exponiertseins: Menschen an Knotenpunkten, die unter Beobachtung agieren und dennoch Innenräume bewahren. Forschungsmaterial, Briefe, Chroniken und Zeitzeugnisse treten in den Hintergrund der Darstellung, sind jedoch stets präsent als stilles Fundament. So entstehen Studien, die das Einmalige eines Lebens erfassen und dennoch exemplarische Geltung für historische Erfahrung beanspruchen.

In ihrer Gesamtheit bleibt diese Sammlung bedeutsam, weil sie die Kunst der biografischen Verdichtung mit einem humanistischen Ethos verbindet. Sie lädt zur vergleichenden Lektüre ein: zwischen Herrschern und Gelehrten, Abenteurern und Schriftstellern, Triumph und Scheitern. Wer diese Texte liest, erhält keine Systemtheorie der Geschichte, sondern eine Schule der Aufmerksamkeit – für Charaktere, Konstellationen, Entscheidungen. Darin liegt ihre Aktualität: Sie schärfen das Urteil, ohne es zu ersetzen; sie öffnen Verständnis, ohne zu relativieren. Die Sammlung macht erfahrbar, wie erzähltes Wissen Orientierung stiften kann, wo bloße Faktenzählung zu kurz greifen würde.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweig (1881–1942) war ein österreichischer Schriftsteller, Essayist und Biograf, der zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts zählt. Aus der Atmosphäre des Wiener Fin de Siècle hervorgegangen, verband er psychologische Präzision mit eleganter, international orientierter Prosa. Seine Novellen, Romane, Essays und Lebensbilder erforschen Grenzerfahrungen, moralische Konflikte und die Fragilität individueller Freiheit in Zeiten politischer Umbrüche. Als kosmopolitischer Europäer reiste er viel, pflegte ein weites intellektuelles Netzwerk und schrieb in einem zugänglichen, zugleich kunstvoll verdichteten Stil. In Exil und Emigration wurde er zu einer Stimme des kulturellen Humanismus, dessen widerständige Kraft er literarisch und essayistisch beharrlich verteidigte.

Zweig wuchs in Wien auf und studierte an der Universität Wien Geisteswissenschaften; zeitweise hielt er sich auch in Berlin auf. In den frühen 1900er-Jahren promovierte er, parallel begann eine rege Feuilleton- und Übersetzertätigkeit. Früh prägten ihn die Wiener Moderne, der Symbolismus sowie die neue Aufmerksamkeit für psychologische Tiefenstrukturen, wie sie die Psychoanalyse nahelegte. Zweig übersetzte etwa den belgischen Lyriker Émile Verhaeren und vermittelte französische Literatur in den deutschsprachigen Raum. Prägend wurden zudem intellektuelle Beziehungen und der Austausch mit europäischen Humanisten. Die vielfältigen Einflüsse bündelte er zu einer eigenen, elegant-anschaulichen Form des erzählerischen Essays und einer psychologisch verdichteten Kurzprosa.

Seine Laufbahn begann mit Lyrik und Dramen, doch rasch etablierten ihn die Novellen als markante Stimme. Frühe Prosa wie Angst und Brennendes Geheimnis zeigt bereits sein Interesse an Obsession, Schuld und verborgenen Motiven. In der Zwischenkriegszeit folgten Amok, Verwirrung der Gefühle und Brief einer Unbekannten, die seine Meisterschaft in der kurzen Form festigten. Zweig kultivierte eine spannungsreiche, doch stilistisch kontrollierte Erzählweise, die seelische Ausnahmezustände ohne Sensationslust auslotet. Reisen, Reportagen und Begegnungen erweiterten sein Materialfundus; zugleich schärfte er seine Sprache auf Klarheit und musikalische Rhythmen. Damit erreichte er ein breites Publikum im deutschsprachigen und internationalen Raum.

Neben der Novelle prägte Zweig das literarische Porträt und die erzählerische Biografie. Werke wie Joseph Fouché, Marie Antoinette, Maria Stuart und Magellan zeigen sein Verfahren, historische Figuren psychologisch zu beleuchten und in dramatische Konstellationen zu stellen. In Drei Meister (Balzac, Dickens, Dostojewski) und Drei Dichter ihres Lebens (Casanova, Stendhal, Tolstoi) entwickelte er essayistische Charakterstudien der Kreativität. Der Kampf mit dem Dämon (Hölderlin, Kleist, Nietzsche) schildert produktive Extreme als Spannungsfeld zwischen Inspiration und Selbstzerstörung. Sternstunden der Menschheit versammelt Miniaturen entscheidender Augenblicke, die Geschichte verdichten. Zweigs biografische Prosa verband akribische Lektüre mit narrativer Anschaulichkeit und trug zu seiner Weltpopularität bei.

Der Erste Weltkrieg markierte eine Zäsur. Zweig diente in administrativer Funktion im Kriegsarchiv und entwickelte sich bald zum überzeugten Pazifisten, der auf Verständigung und kulturellen Austausch setzte. In Essays und Vorträgen warb er für europäischen Humanismus und grenzüberschreitende Solidarität. Nach 1918 lebte er überwiegend in Salzburg, von wo aus er viel reiste und publizierte. In den 1920er-Jahren erreichten seine Bücher hohe Auflagen, Übersetzungen verbreiteten sein Werk weltweit. Sein Stil, der Empathie mit dramatischer Zuspitzung vereint, machte ihn für ein breites Lesepublikum anschlussfähig, ohne die intellektuelle Ambition preiszugeben. Gleichzeitig vertiefte er seine Porträtkunst sowie die psychologische Kurzform.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden seine Bücher in Deutschland verboten und verbrannt. Zweig verließ Österreich in den 1930er-Jahren, lebte zunächst in Großbritannien, später in den USA und in Brasilien; in den frühen 1940er-Jahren wurde er britischer Staatsbürger. Im Exil entstanden zentrale Werke: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Castellio gegen Calvin als Plädoyer für Gewissensfreiheit, der Roman Ungeduld des Herzens sowie die Schachnovelle, eine konzentrierte Studie über Zwang und Widerstandskraft. Brasilien. Ein Land der Zukunft reflektiert seine Aufnahmegesellschaft. Die autobiografische Die Welt von Gestern zeichnet die untergegangene liberale Kultur Mitteleuropas nach und wurde postum zum Schlüsseltext.

Zweig starb 1942 im brasilianischen Exil; sein Suizid wurde vielfach als Ausdruck tiefer Verzweiflung über den Zustand Europas gedeutet. Sein Vermächtnis reicht weit über sein eigenes Jahrhundert hinaus. Als Meister der Novelle prägte er die psychologische Kurzprosa, als Biograf popularisierte er eine erzählerische, zugleich quellennah informierte Form historischer Darstellung. Viele seiner Bücher bleiben im Schul- und Universitätskanon präsent, werden neu aufgelegt und vielfach verfilmt oder dramatisiert. Die Welt von Gestern gilt als eindringliche Erinnerung an eine bedrohte Zivilisation. In Debatten über Humanismus, Toleranz und europäische Verständigung wirkt Zweigs Stimme weiterhin anregend und mahnend.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweigs biographisches Werk erwächst aus der Atmosphäre des Wiener Fin de Siècle, einer multikulturellen Metropole der Habsburgermonarchie. Zwischen Ringstraße und Kaffeehaus prägten um 1900 Künstler und Denker wie Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Gustav Klimt und Gustav Mahler eine neue Sensibilität. Zugleich revolutionierte Sigmund Freud seit den 1890er Jahren in Wien das Verständnis der Psyche. In dieser Konstellation, geprägt von höfischer Tradition und moderner Unruhe, entwickelte Zweig die Idee einer empathischen, psychologischen Lebensdarstellung, die historische Figuren als verdichtete Seelenlandschaften begreift. Diese geistige Herkunft prägt die gesamte Galerie seiner Porträts, von frühneuzeitlichen Humanisten bis zu Schriftstellern des 19. Jahrhunderts.

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und studierte an der Universität Wien, wo er 1904 mit einer Arbeit zur französischen Geistesgeschichte promovierte. Früh knüpfte er Verbindungen nach Berlin und Paris, schrieb für die Neue Freie Presse und reiste ausgedehnt. Die internationale Erfahrungswelt vor 1914 – Salons, Bibliotheken, Theater – schärfte seinen Blick für europäische Wechselbeziehungen. In Paris vertiefte er sich in die Tradition der moralistes, in Berlin in die psychologische Prosa. Diese zweifach ausgerichtete Bildung, österreichisch-kosmopolitisch und frankophon, wurde zum Fundament seiner späteren biographischen Darstellungsweise, die stets nationale Grenzen überschreitet und Figuren in ein kontinentales Beziehungsgeflecht stellt.

In den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs fand Zweigs Interesse an exemplarischen Lebensschicksalen eine neue Dringlichkeit. 1914 meldete er sich, wurde dem k.u.k. Kriegsarchiv in Wien zugeteilt und erlebte die Mechanik staatlicher Propaganda aus der Nähe. Seit 1915 intensivierte er den Austausch mit dem in Genf lebenden Pazifisten Romain Rolland, Friedensnobelpreisträger von 1915. Die katastrophale Bilanz von 1914–1918 ließ Zweig die Biographie als moralische Gegenkunst verstehen: als Versuch, Humanität und Verständigung über Zeitenbrüche hinweg zu retten. Aus dieser Motivation entsteht in den 1920er Jahren eine Reihe von Lebensbildern, deren gemeinsamer Nenner die Darstellung von Entscheidungssituationen unter historischer Druckspannung ist.

Die Nachkriegszeit mit dem Völkerbund in Genf (ab 1920), den Pariser Verträgen und der fragilen Währungsstabilisierung in Europa bildete den Resonanzraum für Zweigs Unternehmung einer europäischen Porträtgalerie. Zwischen 1920 und 1929 publizierte er in rascher Folge biographische Studien, meist beim Insel-Verlag in Leipzig, und hielt Vorträge in Paris, Zürich, Rom und London. Die Figuren stammen aus unterschiedlichen Nationen und Jahrhunderten, doch sie sind in dieselbe Frage verwickelt: Wie entscheidet sich Persönlichkeit im Konflikt mit Epoche, Masse, Macht und Gewissen. Die 1920er Jahre lieferten hierfür zugleich die historische Distanz und die aktuelle Brisanz, die Zweigs Darstellungskunst benötigte.

Die Wiener Psychoanalyse wirkte als methodischer Hintergrund, ohne dass Zweig je klinische Diagnosen stellte. Begegnungen und Korrespondenzen mit Sigmund Freud – bis zu dessen Emigration nach London 1938 – bestärkten ihn darin, Triebkonflikte, Sublimation und Verdrängung literarisch zu modellieren. Die Quellenbasis seiner Biographien sind Briefe, Tagebücher, Akten; doch die Erzählweise bleibt essayistisch, dramatisch zugespitzt, häufig im Präsens geführt. An die Stelle des archivarischen Nachweises tritt die anschauliche Szene. So entsteht das, was er selbst psychologische Biographie nannte: ein Versuch, aus dokumentierter Faktizität eine seelische Kurve abzuleiten, die große historische Verdichtungen – Sternstunden – erklärbar macht.

Zweigs Lebensbilder spannen eine historische Klammer vom Zeitalter der Entdeckungen und der Reformation des 16. Jahrhunderts über Aufklärung, Französische Revolution und napoleonische Neuordnung bis zum industriellen 19. Jahrhundert und den revolutionären Erschütterungen des 20. Jahrhunderts. Er wählt Figuren, die an Schnittstellen stehen: Denker der Toleranz, Staatsmänner der Restauration, Dichter der Romantik und Realisten des Urbanen. Diese epochenübergreifende Auswahl erlaubt ihm, Konstanten menschlichen Handelns sichtbar zu machen – Ehrgeiz, Gewissen, Furcht, Mut –, während sich Formen der Macht und Öffentlichkeit verändern: Hof, Kirche, Salon, Presse, Massenpartei, Komitee. Die Vergleichsperspektive verbindet zahlreiche seiner Werke untereinander.

Ein wiederkehrender Grundton ist die Auseinandersetzung von Fanatismus und Toleranz. In Reformationskonflikten des 16. Jahrhunderts, in den Religionskriegen, in den Debatten der Aufklärung oder in den ideologischen Revolutionen seit 1789 findet Zweig paradigmatische Konstellationen, die in die Zwischenkriegszeit hinüberragen. Spätestens nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 und der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 liest sich sein Werk als Plädoyer für Gewissensfreiheit. Die Diktaturerfahrungen der 1930er Jahre schärfen jene Porträts, in denen Gewissensverweigerung, Opportunismus und innere Emigration gegeneinander stehen. So verbinden sich historische Fallstudien mit einem aktuellen europäischen Appell.

Zweigs Porträts von Schriftstellern reflektieren Übergänge literarischer Formen: vom Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts über das autobiographische Experiment bis zur psychologischen Intensität der Moderne. Die Industrialisierung, Urbanisierung und die Herausbildung einer Massenleserschaft seit etwa 1830 bilden den historischen Hintergrund für Autoren, die soziale Räume neu kartieren. Zweig interessiert dabei weniger die Schulen als die Biographie als Werkform: Wie verwandelt sich Leben in Dichtung und Dichtung in Lebensführung. Mit Blick auf europäische Netzwerke – Salons in Paris, Zeitschriften in London, Verlage in Leipzig oder Sankt Petersburg – deutet er Literatur als transnationalen Kreislauf, nicht als nationales Monument.

Das Motiv des Dämonischen – einer überpersönlichen, schöpferisch zerstörerischen Kraft – dient Zweig als Deutungsfigur für Dichterexistenz und politisches Charisma. Diese Kategorie erlaubt ihm, romantische Exaltation, klassische Formstrenge und moderne Zerrissenheit zusammenzudenken. Sie wirkt in mehreren Studien quer durch das 19. Jahrhundert und erklärt, weshalb Genialität häufig an Grenzerfahrungen entsteht: Krankheit, Vereinsamung, ökonomischer Druck, Skandal. Dabei bleibt das Dämonische keine Metaphysik, sondern eine poetische Kurzformel für psychische Verdichtung unter Extrembedingungen. Sie bindet disparate Themenfelder seines Œuvres aneinander und weist zugleich über die einzelnen Biographien hinaus auf eine Theorie produktiver Krisen.

Frankreich bildet in Zweigs Werk einen beständigen Bezugspunkt. Die Tradition der Aufklärung, die Revolution von 1789 und die napoleonische Transformation Europas liefern ihm politische und moralische Brennspiegel. Paris fungiert als Archiv und Mythos zugleich: Bibliotheken, Memoiren, Pamphlete, die den Ton der europäischen Öffentlichkeit prägten. Zweigs frühe Studienjahre und sein 1904 abgeschlossenes philosophisches Doktorat an der Universität Wien mit französischem Schwerpunkt verknüpfen ihn dauerhaft mit dieser Kultur. So erscheinen zahlreiche seiner Gestalten vor der Kulisse französischer Salons, Clubs und Gerichte, deren Rituale – Debatte, Denkschrift, Dekret – als moderne Formen von Machtkommunikation gedeutet werden.

Großbritannien und der nordatlantische Raum sind ein weiteres Gravitationsfeld. Die englische und schottische Geschichte des 16. bis 19. Jahrhunderts bot Zweig Beispiele für die Verschränkung von Hofpolitik, öffentlicher Meinung und Rechtsprechung. Nach seiner Übersiedlung von Salzburg nach London 1934 – im Jahr des österreichischen Bürgerkriegs vom 12. Februar – fand er in britischen Bibliotheken und Archiven einen Exilraum der Arbeit. Die britische Presse, die liberalen Debatten des Parlaments und die Weltreichsperspektive lieferten ihm Vergleiche für die Entwicklung moderner Öffentlichkeit. Zugleich verbanden Häfen, Verlagshäuser und Lesegesellschaften die Insel mit Kontinent und Übersee, was seine Themenwahl erweiterte.

Die europäische Expansion seit dem späten 15. Jahrhundert dient Zweig als Labor historischer Bewährungsproben: Navigation, Kartographie, Mission, Handel, Gewalt. Er interessiert sich weniger für nautische Technik als für die psychischen und symbolischen Aspekte von Aufbruch und Irrtum. Die Jahre 1519–1522 der ersten Weltumsegelung und die Debatten um die Benennung des neuen Kontinents bieten Material, an dem sich Mut, Täuschung, Ruhmsucht und wissenschaftliche Revision zeigen lassen. Diese Fragen verbinden Entdeckererzählen mit Zweigs generellem Anliegen, die Entstehung von Mythen zu rekonstruieren und ihre Korrektur als Akt intellektueller Redlichkeit darzustellen – eine Signatur vieler seiner historischen Studien.

Das zentraleuropäische Erfahrungsfeld – Zerfall der Habsburgermonarchie 1918, kurze Hoffnungen der Ersten Republik Österreich, Inflation, autoritäre Wende – bildet den Resonanzboden für Zweigs Geschichtsdeutung. In Salzburg wohnte er von 1919 bis 1934; der zunehmende Nationalismus, der Justizpalastbrand 1927 in Wien und die Radikalisierung der Politik ließen ihn das Vulnerable europäischer Zivilisation erkennen. Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938 bestätigte seine Warnungen. Entsprechend betont er in vielen Lebensbildern die Fragilität von Institutionen und die Verantwortung von Intellektuellen, deren Stimme zwischen Anpassung und Widerstand oszilliert. Diese Perspektive verbindet weit auseinanderliegende Stoffe.

Zweigs biographische Prosa ist auf ein breites, gebildetes Publikum hin komponiert. Seit den 1920er Jahren erschienen viele Bände in sorgfältig gestalteten Ausgaben des Insel-Verlags, deren Verbreitung in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine gemeinsame Lesersphäre schuf. Er pflegte die Form der historischen Miniatur: kurze, spannungsreiche Kapitel, die durch Motive, Leitbilder und wiederkehrende Szenen zusammengehalten werden. Fußnotenarmut ist Programm, die erzählerische Evidenz soll überzeugen. Diese Poetik erleichterte Übersetzungen und machte ihn in mehreren Sprachen präsent. Zugleich ermöglichte sie, Personen unterschiedlicher Epochen in einheitlichem Tonfall zu portraitieren und damit als Serie europäischer Charakterstudien zu erkennen.

Das Entstehen der Biographien ist an ein dichtes Netzwerk geknüpft: Korrespondenzen mit Historikern, Schriftstellern, Verlegern und Übersetzern in Paris, London, Amsterdam, Zürich und Rom. Reisen nach Spanien, Italien und in die Niederlande erweiterten den Blick für Archive und Schauplätze. In den 1930er Jahren hielt Zweig Vorträge in Südamerika, besuchte 1936 Argentinien und Brasilien, und knüpfte damit an die globale Öffentlichkeit an, die seine Bücher durch Übersetzungen bereits gefunden hatten. Die internationale Resonanz wirkte auf die Stoffwahl zurück: Grenzüberschreitende Themen, exemplarische Biographien und die Frage nach europäischer Identität standen noch deutlicher im Vordergrund.

Mit der Verschärfung der politischen Lage verlegte Zweig 1934 seinen Wohnsitz nach Großbritannien, ging 1940 in die Vereinigten Staaten und erreichte im August 1941 Brasilien. Die Erfahrung des Heimwehs ohne Heimat prägt den melancholischeren Ton der späten Arbeiten. Am 22. Februar 1942 nahmen er und seine Frau Lotte Altmann-Zweig sich in Petrópolis das Leben. Posthum erschienen weiterhin biographische Texte, die während der Exiljahre entstanden waren. Der Blick zurück – auf Humanisten, Erfinder, Politiker, Dichter – erhält nun deutlich die Funktion eines imaginären Europas, das in der Realität zerfallen war: Archiv der Hoffnung und Warnung zugleich.

Im Ganzen betrachtet bilden Zweigs Lebensbilder eine europäische Morallehre in erzählerischer Form. Sie verbinden historische Genauigkeit mit psychologischer Einfühlung, misstrauen Systemen und vertrauen auf Charakter und Gewissen. Datierte Zäsuren wie 1517, 1789, 1815, 1848, 1914, 1933 und 1938 rhythmisieren die Auswahl, doch die Essays streben über Chronologie hinaus. Sie zeigen, wie Biographie zur Verständigung zwischen Zeiten und Nationen beitragen kann – ein Programm, das in der Zwischenkriegszeit entstand und im Exil verschärft wurde. Dass mehrere Bände zwischen 1920 und 1938 veröffentlicht und nach 1944 weiter verbreitet wurden, verdankt sich dieser dauerhaften, transnationalen Ausrichtung.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920)

Drei komparative Porträts zeigen, wie Balzac, Dickens und Dostojewski ihre Welten erschaffen und welche seelischen wie gesellschaftlichen Kräfte ihr Erzählen antreiben. Zweig verbindet Werk- und Lebensdeutung zu einer inneren Biographie der schöpferischen Methode.

Marceline Desbordes-Valmore - Das Lebensbild einer Dichterin (1920)

Ein einfühlsames Lebensbild der französischen Lyrikerin, das Armut, Verluste und Sensibilität als Quellen ihrer poetischen Stimme nachzeichnet. Zweig betont die leise Größe eines Außenseiterinnenlebens in der Literatur.

Romain Rolland (1921)

Porträt des Schriftstellers und Humanisten als europäisches Gewissen der Zeit, geprägt von Pazifismus und moralischer Standhaftigkeit. Zweig zeigt Rollands innere Konsequenz im Spannungsfeld von Kunst, Politik und Öffentlichkeit.

Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin - Kleist – Nietzsche (1925)

Drei Fallstudien über das ‚dämonische‘ Prinzip, das Genie als zerrende, übersteigernde Kraft zwischen Inspiration und Selbstzerstörung. Zweig zeichnet die innere Notwendigkeit und den Preis radikaler Wahrhaftigkeit bei Hölderlin, Kleist und Nietzsche.

Sternstunden der Menschheit (Goethe, Napoleon, Dostojewski, Cicero, Lenin) (1927)

Historische Miniaturen, die Augenblicke verdichten, in denen einzelne Entscheidungen und Zufälle Weltläufe wenden. Die Vignetten dramatisieren Charakter, Schicksal und Timing exemplarischer Figuren.

Drei Dichter ihres Lebens: Casanova – Stendhal – Tolstoi (1928)

Studien darüber, wie Casanova, Stendhal und Tolstoi das eigene Dasein als Kunstwerk formten und daraus ihr Schreiben nährten. Zweig verknüpft Eros, Ehrgeiz und Gewissen zu psychologischen Lebensporträts.

Joseph Fouché - Bildnis eines politischen Menschen (1929)

Biographie eines Meistertaktikers der Macht, der Regimewechsel übersteht und Politik als Kälte, Kontrolle und Dossierkunde betreibt. Eine Anatomie moderner Bürokratie, Geheimdienst und Opportunismus.

Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters (1932)

Porträt einer Durchschnittsnatur im Strudel der Geschichte, deren Rolle sie überfordert und zugleich formt. Zweig verfolgt ihren Weg vom höfischen Spiel zur Verantwortung und die Dynamik öffentlicher Wahrnehmung.

Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934)

Der Humanist zwischen Gewissensfreiheit und konfessioneller Verhärtung: ein Plädoyer für Maß und geistige Unabhängigkeit. Zweig zeigt, wie Erasmuss Stärke der Vernunft zur Schwäche im Zeitalter der Extreme wird.

Maria Stuart (1935)

Dramatisch erzählte Lebensgeschichte einer Königin zwischen Leidenschaft, Intrige und Staatsräson. Im Spannungsfeld zu Elizabeth I. entfaltet Zweig ein Psychogramm von Macht und Verletzlichkeit.

Castellio gegen Calvin (1936)

Erzählte Streitschrift über Gewissensfreiheit: Sebastian Castellio widersetzt sich Calvins Dogma und der Verfolgung Andersdenkender. Zweig argumentiert für Toleranz als moralische Verpflichtung gegen religiösen Fanatismus.

Magellan - Der Mann und seine Tat (1938)

Expeditionsdrama und Charakterstudie eines unbeirrbaren Navigators, der gegen Widerstände eine Weltumsegelung möglich macht. Zweig betont Mut, Berechnung und Leidensfähigkeit als Motoren der Tat.

Amerigo. Die Geschichte eines historischen Irrtums (1944)

Aufklärung darüber, wie ein Namensirrtum Weltgeschichte macht und Amerigo Vespucci die Entdeckung Amerikas zugeschrieben wurde. Eine Untersuchung von Ruhm, Überlieferung und den Mechanismen historiografischer Fehlzuschreibungen.

Kurze Texte über historische Persönlichkeiten

Gesammelte Skizzen, Reden und Nachrufe zu Staatsmännern, Künstlern und Wissenschaftlern (u. a. Freud), die in zugespitzten Momentaufnahmen Charakter und Zeitgeist zeigen. Sie bündeln Zweigs Interesse an exemplarischen Lebenskurven jenseits der großen Monografien.

Über Schriftsteller

Essays und Porträts über Autoren und ihre Arbeitsweisen, von psychologischen Werkdeutungen bis zu kulturhistorischen Einordnungen. Zweig verfolgt die Wechselwirkung von Lebensform, Stil und moralischer Haltung.

Gesammelte Biografien: Marie Antoinette, Romain Rolland, Casanova, Magellan, Maria Stuart, Nietzsche, Dostojewski, Erasmus, Sigmund Freud, Charles Dickens und mehr

Hauptinhaltsverzeichnis
Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920)
Marceline Desbordes-Valmore - Das Lebensbild einer Dichterin (1920)
Romain Rolland (1921)
Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin - Kleist – Nietzsche (1925)
Sternstunden der Menschheit (Goethe, Napoleon, Dostojewski, Cicero, Lenin) (1927)
Drei Dichter ihres Lebens: Casanova – Stendhal – Tolstoi (1928)
Joseph Fouché - Bildnis eines politischen Menschen (1929)
Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters (1932)
Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934)
Maria Stuart (1935)
Castellio gegen Calvin (1936)
Magellan - Der Mann und seine Tat (1938)
Amerigo. Die Geschichte eines historischen Irrtums (1944)
Kurze Texte über historische Persönlichkeiten
Über Schriftsteller

Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920)

Inhaltsverzeichnis

Insel, Leipzig 1920

Romain Rolland als Dank für seine unerschütterliche Freundschaft in lichten und dunklen Jahren

Inhalt

Vorwort
Balzac
Dickens
Dostojewski
Einklang
Das Antlitz
Die Tragödie seines Lebens
Sinn seines Schicksals
Die Menschen Dostojewskis
Realismus und Phantastik
Architektur und Leidenschaft
Der Überschreiter der Grenzen
Die Gottesqual
Vita Triumphatrix

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Obwohl in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, bindet doch kein Zufall diese drei Versuche über Balzac, Dickens und Dostojewski zu einem Buche zusammen. Einheitliche Absicht versucht die drei großen und in meinem Sinne einzigen Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts als Typen zu zeigen, die eben durch den Kontrast ihrer Persönlichkeiten einander ergänzen und vielleicht den Begriff des epischen Weltbildners, des Romanciers, zu einer deutlichen Form erheben.

Nenne ich Balzac, Dickens und Dostojewski hier die einzigen großen Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, so verkenne ich in dieser Voranstellung keineswegs die Größe einzelner Werke Goethes, Gottfried Kellers, Stendhals, Flauberts, Tolstois, Victor Hugos und anderer, von denen mancher einzelne Roman oftmals das abgesonderte Werk insbesondere Balzacs und Dickens’ weitaus übertrifft. Und ich glaube, meinen innerlichen und unerschütterlichen Unterschied zwischen dem Verfasser eines Romanes und dem Romancier darum ausdrücklich feststellen zu müssen. Romanschriftsteller im letzten, im höchsten Sinne ist nur das enzyklopädische Genie, der universale Künstler, der – hier wird Breite des Werkes und Fülle der Figuren zum Argument – einen ganzen Kosmos baut, der eine eigene Welt mit eigenen Typen, eigenen Gravitationsgesetzen und einem eigenen Sternenhimmel neben die irdische stellt. Der jede Figur, jedes Geschehnis so sehr mit seinem Wesen imprägniert, daß sie nicht nur für ihn typisch werden, sondern auch für uns selbst mit jener Eindringlichkeit bildkräftig, die uns dann oft verlockt, Geschehnisse und Personen nach ihnen zu benennen, so daß wir von Menschen im lebendigen Leben etwa sagen: eine balzacsche Figur, eine Dickensgestalt, eine Dostojewskinatur. Jeder dieser Künstler bildet ein Lebensgesetz, eine Lebensauffassung durch die Fülle seiner Gestalten so einheitlich hervor, daß es durch ihn eine neue Form der Welt wird. Und dieses innerste Gesetz, diese Charakterformation in ihrer verborgenen Einheit darzustellen ist der wesentliche Versuch meines Buches, dessen ungeschriebener Untertitel lauten könnte: Psychologie des Romanciers.

Jeder dieser drei Romanschriftsteller hat seine eigene Sphäre. Balzac die Welt der Gesellschaft, Dickens die Welt der Familie, Dostojewski die Welt des Einen und des Alls. Vergleiche dieser Sphären zeigen ihre Unterschiede, niemals aber ist unternommen, diese Unterschiede in Werturteile umzudeuten oder die nationalen Elemente eines Künstlers in Neigung oder Abwehr zu betonen. Jeder große Schöpfer ist eine Einheit, die ihre Grenzen und ihr Gewicht in eigenen Maßen in sich schließt: es gibt nur ein spezifisches Gewicht innerhalb eines Werkes, kein absolutes in der Waagschale der Gerechtigkeit.

Alle drei Aufsätze setzen Kenntnis der Werke voraus: sie wollen keine Einführung sein, sondern Sublimierung, Kondensierung, Extrakt. Sie können darum, weil sie zusammendrängen, nur das persönlich als wesentlich Empfundene zur Erkenntnis bringen; am meisten bedaure ich diese notwendige Unzulänglichkeit bei dem Aufsatz über Dostojewski, dessen unendliches Maß ebensowenig wie das Goethes jemals auch von breitester Formel wird umfaßt werden können.

Gern wäre diesen großen Gestalten eines Franzosen, eines Engländers, eines Russen auch das Bildnis eines repräsentativen deutschen Romanschriftstellers, eines epischen Weltbildners in jenem hohen Sinne, wie ich ihn für das Wort Romancier anspreche, beigefügt worden. Doch ich finde keinen einzigen jenes höchsten Ranges in Gegenwart und Vergangenheit. Und es ist vielleicht der Sinn dieses Buches, ihn für die Zukunft zu fordern und den noch Fernen zu grüßen.

Salzburg 1919

Balzac

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Balzac ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz des Überflusses, in Rabelais’ heiterer Heimat. Im Juni 1799, das Datum ist wert, wiederholt zu werden. Napoleon – die von seinen Taten schon beunruhigte Welt nannte ihn noch Bonaparte – kam in diesem Jahre aus Ägypten heim, halb Sieger und halb Flüchtling. Unter fremden Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der Pyramiden hatte er gefochten, war dann, müd, ein grandios begonnenes Werk zäh zu vollenden, auf winzigem Schiffe durchgeschlüpft zwischen den lauernden Korvetten Nelsons, faßte ein paar Tage nach seiner Ankunft eine Handvoll Getreuer zusammen, fegte den widerstrebenden Konvent rein und riß mit einem Griff die Herrschaft Frankreichs an sich. 1799, das Geburtsjahr Balzacs, ist der Beginn des Empire. Das neue Jahrhundert kennt nicht mehr le petit général, nicht mehr den korsischen Abenteurer, sondern nur mehr Napoleon, den Kaiser Frankreichs. Zehn, fünfzehn Jahre noch – die Knabenjahre Balzacs – und die machtgierigen Hände umspannen halb Europa, während seine ehrgeizigen Träume mit Adlersflügeln schon ausgreifen über die ganze Welt von Orient zu Okzident. Es kann für einen alles so intensiv Miterlebenden, für einen Balzac nicht gleichgültig sein, wenn sechzehn Jahre ersten Umblicks mit den sechzehn Jahren des Kaiserreichs, der vielleicht phantastischesten Epoche der Weltgeschichte, glatt zusammenfallen. Denn frühes Erlebnis und Bestimmung, sind sie nicht eigentlich nur Innen-und Außenfläche eines Gleichen? Daß einer, irgendeiner kam, von irgendeiner Insel im blauen Mittelmeer, nach Paris kam, ohne Freund und Geschäft, ohne Ruf und Würde, schroff die eben zügellose Gewalt dort packte, sie herumriß und in den Zaum zwang, daß irgendeiner, ein einzelner, ein Fremder, mit einem Paar nackter Hände Paris gewann und dann Frankreich und dann die ganze Welt – diese Abenteurerlaune der Weltgeschichte wird nicht aus schwarzen Lettern unglaubhaft zwischen Legenden oder Historien ihm vermittelt, sondern farbig, durch all seine durstig aufgetanen Sinne dringt sie ein in sein persönliches Leben, mit tausend bunten Erinnerungswirklichkeiten die noch unbeschrittene Welt seines Innern bevölkernd. Solches Erlebnis muß notwendigerweise zum Beispiel werden. Balzac, der Knabe, hat das Lesen vielleicht gelernt an den Proklamationen, die stolz, schroff, mit fast römischem Pathos die fernen Siege erzählten, der Kinderfinger zog wohl ungelenk auf der Landkarte, von der Frankreich wie ein überströmender Fluß allmählich über Europa schwoll, den Märschen der napoleonischen Soldaten nach, heute über den Mont Cenis, morgen quer durch die Sierra Nevada, über die Flüsse hin nach Deutschland, über den Schnee nach Rußland, über das Meer vor Gibraltar hin, wo die Engländer mit glühenden Kanonenkugeln die Flottille in Brand schossen. Tags haben vielleicht die Soldaten auf der Straße mit ihm gespielt, Soldaten, denen Kosaken ihre Säbelhiebe ins Gesicht geschrieben hatten, nachts mag er oft aufgewacht sein vom Rollen der Kanonen, die hinzogen nach Österreich, um die Eisdecke unter der russischen Reiterei bei Austerlitz zu zerschmettern. Alles Begehren seiner Jugend mußte aufgelöst sein in den aneifernden Namen, in den Gedanken, in die Vorstellung: Napoleon. Vor dem großen Garten, der aus Paris hinausführt in die Welt, wuchs ein Triumphbogen auf, dem die besiegten Städtenamen der halben Welt eingemeißelt waren, und dieses Gefühl der Herrschaft, wie mußte es umschlagen in eine ungeheure Enttäuschung, als dann fremde Truppen einzogen durch diese stolze Wölbung! Was außen, in der durchstürmten Welt geschah, wuchs nach innen als Erlebnis. Früh erlebte er schon die ungeheure Umwälzung der Werte, der geistigen ebenso wie der materiellen. Er sah die Assignaten, auf denen hundert oder tausend Francs mit dem Siegel der Republik verheißen waren, als wertlose Papiere im Winde flattern. Auf dem Goldstück, das durch seine Hand glitt, war bald des enthaupteten Königs feistes Profil, bald die Jakobinermütze der Freiheit, bald des Konsuls Römergesicht, bald Napoleon im kaiserlichen Ornat. In einer Zeit so ungeheurer Umwälzungen, da die Moral, das Geld, das Land, die Gesetze, die Rangordnungen, alles, was seit Jahrhunderten in feste Grenzen eingedämmt war, einsickerte oder überschwemmte, in einer Epoche so nie erlebter Veränderungen mußte ihm früh die Relativität aller Werte bewußt werden. Ein Wirbel war die Welt um ihn, und wenn der schwindlige Blick nach Übersicht suchte, nach einem Symbol, nach einem Sternbild über diesen gebäumten Wogen, so war es in diesem Auf und Nieder der Ereignisse immer nur Er, der Eine, der Wirkende, von dem diese tausend Erschütterungen und Schwingungen ausgingen. Und ihn selbst, Napoleon, hatte er noch erlebt. Er sah ihn zur Parade reiten mit den Geschöpfen seines Willens, mit Rustan, dem Mamelucken, mit Josef, dem er Spanien geschenkt hatte, mit Murat, dem er Sizilien zu eigen gegeben, mit Bernadotte, dem Verräter, mit allen, denen er Kronen gemünzt hatte und Königreiche erobert, die er aufgehoben aus dem Nichts ihrer Vergangenheit in den Strahl seiner Gegenwart. In einer Sekunde war in seine Netzhaut sinnfällig und lebendig ein Bild eingestrahlt, das größer war als alle Beispiele der Geschichte: er hatte den großen Welteroberer gesehen! Und ist für einen Knaben, einen Welteroberer zu sehen, nicht gleichviel mit dem Wunsche, selbst einer zu werden? Noch an zwei anderen Stellen ruhten in diesem Augenblicke zwei Welteroberer aus, in Königsberg, wo einer die Wirre der Welt sich auflöste in eine Übersicht, und in Weimar, wo sie ein Dichter nicht minder in ihrer Gänze besaß als Napoleon mit seinen Armeen. Aber dies war für lange noch unfühlbare Ferne für Balzac. Den Trieb, immer nur das Ganze zu wollen, nie ein Einzelnes, die ganze Weltfülle gierig zu erstreben, diesen fieberhaften Ehrgeiz hat vorerst das Beispiel Napoleons an ihm verschuldet.

Dieser ungeheure Weltwille weiß noch nicht sofort seinen Weg. Balzac entscheidet sich zunächst für keinen Beruf. Zwei Jahre früher geboren, wäre er, ein Achtzehnjähriger, in die Reihen Napoleons getreten, hätte vielleicht bei Belle Alliance die Höhen gestürmt, wo die englischen Kartätschen niederfegten; aber die Weltgeschichte liebt keine Wiederholungen. Auf den Gewitterhimmel der napoleonischen Epoche folgen laue, weiche, erschlaffende Sommertage. Unter Ludwig XVIII. wird der Säbel zum Zierdegen, der Soldat zur Hofschranze, der Politiker zum Schönredner; nicht mehr die Faust der Tat, das dunkle Füllhorn des Zufalls vergeben die hohen Staatsstellen, sondern weiche Frauenhände schenken Gunst und Gnade, das öffentliche Leben versandet, verflacht, der Gischt der Ereignisse glättet sich zum sanften Teich. Mit den Waffen war die Welt nicht mehr zu erobern. Napoleon, dem einzelnen ein Beispiel, war eine Abschreckung für die vielen. So blieb die Kunst. Balzac beginnt zu schreiben. Aber nicht wie die anderen, um Geld zu raffen, zu amüsieren, ein Bücherregal zu füllen, ein Boulevardgespräch zu sein: ihn lüstet nicht nach einem Marschallstab in der Literatur, sondern nach der Kaiserkrone. In einer Mansarde fängt er an. Unter fremdem Namen, wie um seine Kraft zu proben, schreibt er die ersten Romane. Es ist noch nicht Krieg, sondern nur Kriegsspiel, Manöver und noch nicht die Schlacht. Unzufrieden mit dem Erfolg, unbefriedigt vom Gelingen, wirft er dann das Handwerk hin, dient drei, vier Jahre lang anderen Berufen, sitzt als Schreiber in der Stube eines Notars, beobachtet, sieht, genießt, dringt mit seinem Blick in die Welt, und dann fängt er noch einmal an. Jetzt aber mit jenem ungeheuren Willen auf das Ganze hinzielend, mit jener gigantischen fanatischen Gier, die das Einzelne, die Erscheinung, das Phänomen, das Losgerissene mißachtet, um nur das in großen Schwingungen Kreisende zu umfassen, das geheimnisvolle Räderwerk der Urtriebe zu belauschen. Aus dem Gebräu der Geschehnisse die reinen Elemente, aus dem Zahlengewirr die Summe, aus dem Getöse die Harmonie, aus der Lebensfülle die Essenz zu gewinnen, die ganze Welt in seine Retorte zu drängen, sie noch einmal zu schaffen, »en raccourci«: das ist nun sein Ziel. Nichts soll verloren gehen von der Vielfalt, und um dieses Unendliche in ein Endliches, das Unerreichbare in ein Menschenmögliches zusammenzupressen, gibt es nur einen Prozeß: die Komprimierung. Seine ganze Kraft arbeitet dahin, die Phänomene zusammenzudrängen, sie durch ein Sieb zu jagen, wo alles Unwesentliche zurückbleibt und nur die reinen, wertvollen Formen durchsickern; und sie dann, diese zerstreuten Einzelformen, in der Glut seiner Hände zusammenzupressen, ihre ungeheure Vielfalt in ein anschauliches, übersichtliches System zu bringen, wie Linné die Milliarden Pflanzen in eine enge Übersicht, wie der Chemiker die unzählbaren Zusammensetzungen in eine Handvoll Elemente auflöst – das ist nun sein Ehrgeiz. Er vereinfacht die Welt, um sie dann zu beherrschen, er preßt die Bezwungene in den grandiosen Kerker der »Com édie humaine«. Durch diesen Prozeß der Destillation sind seine Menschen immer Typen, immer charakteristische Zusammenfassungen einer Mehrheit, von denen ein unerhörter Kunstwille alles Überflüssige und Unwesentliche abgeschüttelt hat. Er konzentriert, indem er das administrative Zentralisationssystem in die Literatur einführt. Wie Napoleon macht er Frankreich zum Umkreis der Welt, Paris zum Zentrum. Und innerhalb dieses Kreises, in Paris selbst, zieht er mehrere Zirkel, den Adel, die Geistlichkeit, die Arbeiter, die Dichter, die Künstler, die Gelehrten. Aus fünfzig aristokratischen Salons macht er einen einzigen, den der Herzogin von Cadignan. Aus hundert Bankiers den Baron von Nucingen, aus allen Wucherern den Gobsec, aus allen Ärzten den Horace Bianchon. Er läßt diese Menschen enger beieinander wohnen, häufiger sich berühren, vehementer sich bekämpfen. Wo das Leben tausend Spielarten erzeugt, hat er nur eine. Er kennt keine Mischtypen. Seine Welt ist ärmer als die Wirklichkeit, aber intensiver. Denn seine Menschen sind Extrakte, seine Leidenschaften reine Elemente, seine Tragödien Kondensierungen. Wie Napoleon beginnt er mit der Eroberung von Paris. Dann faßt er Provinz nach Provinz – jedes Departement sendet gewissermaßen seinen Sprecher in das Parlament Balzacs – und dann wirft er wie der siegreiche Konsul Bonaparte seine Truppen über alle Länder. Er greift aus, sendet seine Menschen an die Fjorde Norwegens, in die verbrannten, sandigen Ebenen Spaniens, unter den feuerfarbenen Himmel Ägyptens, an die vereiste Brücke der Beresina, überallhin und noch weiter greift sein Weltwille wie der seines großen Vorbildners. Und so wie Napoleon, ausruhend zwischen zwei Feldzügen, den Code civil schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der Welt in der »Comedie humaine«, einen Code moral der Liebe, der Ehe, eine prinzipielle Abhandlung und zieht über die erdumspannende Linie der großen Werke noch lächelnd die übermütige Arabeske der »Contes drôlatiques«. Vom tiefsten Elend, aus den Hütten der Bauern wandert er in die Paläste von St. Germain, dringt in die Gemächer Napoleons, überall reißt er die vierte Wand auf und mit ihr die Geheimnisse der verschlossenen Räume, er rastet mit den Soldaten in den Zelten der Bretagne, spielt an der Börse, sieht in die Kulissen des Theaters, überwacht die Arbeit des Gelehrten, kein Winkel ist in der Welt, wo seine zauberische Flamme nicht hinleuchtet. Zwei-bis dreitausend Menschen bilden seine Armee, und tatsächlich: aus dem Boden hat er sie gestampft, aus seiner flachen Hand ist sie aufgewachsen. Nackt, aus dem Nichts sind sie gekommen, und er wirft ihnen Kleider um, schenkt ihnen Titel und Reichtümer, wie Napoleon seinen Marschällen, nimmt sie ihnen wieder ab, er spielt mit ihnen, hetzt sie durcheinander. Unzählbar ist die Vielfalt der Geschehnisse, ungeheuer die Landschaft, die hinter diese Ereignisse sich stellt. Einzig in der neuzeitlichen Literatur, wie Napoleon einzig in der modernen Geschichte, ist diese Eroberung der Welt in der »Comédie humaine«, dieses Zwischen-zwei-Händen-Halten des ganzen, zusammengedrängten Lebens. Aber es war der Knabentraum Balzacs, die Welt zu erobern, und nichts ist gewaltiger als früher Vorsatz, der Wirklichkeit wird. Nicht umsonst hatte er unter ein Bild Napoleons geschrieben: »Ce qu’il n’a pu achever par l’épée je l’accomplirai par la plume[1q].«

Und so wie er sind seine Helden. Alle haben sie das Welteroberungsgelüst. Eine zentripetale Kraft schleudert sie aus der Provinz, aus ihrer Heimat, nach Paris. Dort ist ihr Schlachtfeld. Fünfzigtausend junge Leute, eine Armee, strömt heran, unversuchte keusche Kraft, entladungssüchtige, unklare Energie, und hier, im engen Räume prallen sie aufeinander wie Geschosse, vernichten sich, treiben sich empor, reißen sich in den Abgrund. Keinem ist ein Platz bereitet. Jeder muß sich die Rednerbühne erobern und dies stahlharte, biegsame Metall, das Jugend heißt, umschmieden zu einer Waffe, seine Energien konzentrieren zu einem Explosiv. Daß dieser Kampf innerhalb der Zivilisation nicht minder erbittert ist als der auf den Schlachtfeldern, dies als erster bewiesen zu haben, ist der Stolz Balzacs: »Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure Trauerspiele!« ruft er den Romantikern zu. Denn das erste, was diese jungen Menschen in den Büchern Balzacs lernen, ist das Gesetz der Unerbittlichkeit. Sie wissen, daß sie zuviel sind, und müssen sich – das Bild gehört Vautrin, dem Liebling Balzacs – auffressen wie die Spinnen in einem Topf. Sie müssen die Waffe, die sie aus ihrer Jugend geschmiedet haben, noch eintauchen in das brennende Gift der Erfahrung. Nur der Überbleibende hat recht. Aus allen zweiunddreißig Windrichtungen kommen sie her wie die Sansculotten der »Großen Armee«, zerreißen sich die Schuhe auf dem Wege nach Paris, der Staub der Landstraße klebt an ihren Kleidern, und ihre Kehle ist verbrannt von einem ungeheuren Durst nach Genuß. Und wie sie sich umsehen in dieser neuen, zauberischen Sphäre der Eleganz, des Reichtums und der Macht, da fühlen sie, daß, um diese Paläste, diese Frauen, diese Gewalten zu erobern, all das wenige, das sie mitgebracht haben, wertlos sei. Daß sie ihre Fähigkeiten, um sie auszunützen, umschmelzen müßten, Jugend in Zähigkeit, Klugheit in List, Vertrauen in Falschheit, Schönheit in Laster, Verwegenheit in Verschlagenheit. Denn die Helden Balzacs sind starke Begehrende, sie streben nach dem Ganzen. Sie alle haben das gleiche Abenteuer: ein Tilbury saust an ihnen vorbei, die Räder sprühen sie an mit Kot, der Kutscher schwingt die Peitsche, aber darin sitzt eine junge Frau, in ihrem Haar blinkt der Schmuck. Ein Blick weht rasch vorüber. Sie ist verführerisch und schön, ein Symbol des Genusses. Und alle Helden Balzacs haben in diesem Augenblicke nur einen Wunsch: Mir diese Frau, der Wagen, die Diener, der Reichtum, Paris, die Welt! Das Beispiel Napoleons, daß alle Macht auch für den Geringsten feil sei, hat sie verdorben. Nicht wie ihre Väter in der Provinz ringen sie um einen Weinberg, um eine Präfektur, um eine Erbschaft, sondern um Symbole schon, um die Macht, um den Aufstieg in jenen Lichtkreis, wo die Liliensonne des Königtums glänzt und das Geld wie Wasser durch die Finger rinnt. So werden sie ja jene großen Ehrgeizigen, denen Balzac stärkere Muskeln, wildere Beredsamkeit, energischere Triebe, ein, wenn auch rascheres, so doch lebendigeres Leben zuschreibt, als den anderen. Sie sind Menschen, deren Träume Taten werden, Dichter, wie er sagt, die in der Materie des Lebens dichten. Zwiefach in ihrer Angriffsweise, ein besonderer Weg bahnt sich dem Genie, ein anderer dem gewöhnlichen. Man muß sich eine eigene Weise finden, um zur Macht zu gelangen, oder man muß die der anderen, die Methode der Gesellschaft erlernen. Als Kanonenkugel muß man mörderisch hineinschmettern in die Menge der anderen, die zwischen einem und dem Ziele stehen, oder man muß sie schleichend vergiften wie die Pest, rät Vautrin, der Anarchist, die grandiose Lieblingsfigur Balzacs. Im Quartier Latin, wo Balzac selbst in enger Stube begonnen hat, treten auch seine Helden zusammen, die Urformen des sozialen Lebens, Desplein, der Student der Medizin, Rastignac, der Streber, Louis Lambert, der Philosoph, Bridau, der Maler, Rubempré, der Journalist – ein Cénacle junger Menschen, die ungeformte Elemente sind, reine, rudimentäre Charaktere, aber doch: das ganze Leben gruppiert um eine Tischplatte in der sagenhaften Pension Vauquer. Dann aber, hineingegossen in die große Retorte des Lebens, eingekocht in die Hitze der Leidenschaften, und wieder erkaltend, erstarrend an den Enttäuschungen, unterworfen den vielfachen Wirkungen der gesellschaftlichen Natur, den mechanischen Reibungen, den magnetischen Anziehungen, den chemischen Zersetzungen, den molekularen Zerlegungen, bilden sich diese Menschen um, verlieren sie ihr wahres Wesen. Die furchtbare Säure, die Paris heißt, löst die einen auf, zerfrißt sie, scheidet sie aus, läßt sie verschwinden und kristallisiert, verhärtet, versteint wiederum die anderen. Alle Wirkungen der Wandlung, Färbung und Vereinung vollziehen sich an ihnen, aus den vereinten Elementen bilden sich neue Komplexe, und zehn Jahre später grüßen sich die Übergebliebenen, Umgeformten mit Augurenlächeln auf den Höhen des Lebens, Desplein, der berühmte Arzt, Rastignac, der Minister, Bridau, der große Maler, während Louis Lambert und Rubempré das Schwungrad zermalmend faßte. Nicht umsonst hat Balzac die Chemie geliebt, die Werke Cuviers, Lavoisiers studiert. Denn in diesem vielfältigen Prozeß der Aktionen und Reaktionen, der Affinitäten, der Abstoßungen und Anziehungen, Ausscheidungen und Gliederungen, Zersetzungen und Kristallisierungen, in der atomhaften Vereinfachung des Zusammengesetzten schien ihm deutlicher als anderswo das Bild der sozialen Zusammensetzung gespiegelt zu sein. Daß jedes Individuum ein Produkt sei, geformt von Klima, Milieu, Sitten, Zufall, von all dem, was schicksalsträchtig an ihm rührt, daß jedes Individuum seine Wesenheit aus einer Atmosphäre sauge, um selbst wieder eine neue Atmosphäre zu entstrahlen – dieses universelle Bedingtsein von In-und Umwelt war ihm Axiom. Und diesen Abdruck des Organischen im Unorganischen, und die Griffspuren des Lebendigen im Begrifflichen wieder, diese Summierungen eines momentanen geistigen Besitzes im sozialen Wesen, die Produkte ganzer Epochen aufzuzeichnen, schien ihm höchste Aufgabe des Künstlers. Alles fließt ineinander, alle Kräfte sind in Schwebe und keine frei. Ein so unbegrenzter Relativismus hat jede Kontinuität, selbst die des Charakters geleugnet. Balzac hat seine Menschen immer an den Ereignissen sich formen lassen, sich modellieren wie Ton in der Hand des Schicksals. Selbst die Namen seiner Menschen umspannen einen Wandel und kein Einheitliches. Durch zwanzig der Bücher Balzacs geht der Baron von Rastignac, Pair von Frankreich. Man glaubt ihn schon zu kennen, von der Straße her, oder vom Salon, oder von der Zeitung, diesen rücksichtslosen Arrivierten, dies Prototyp eines brutalen pariserischen unbarmherzigen Strebers, der aalglatt durch alle Schlupfwinkel der Gesetze sich durchdrückt und die Moral einer verkommenen Gesellschaft meisterhaft verkörpert. Aber da ist ein Buch, in dem lebt auch ein Rastignac, der junge arme Edelmann, den seine Eltern nach Paris schicken mit vielen Hoffnungen und wenig Geld, ein weicher, sanfter, bescheidener, sentimentaler Charakter. Und das Buch erzählt, wie er in die Pension Vauquer gerät, in jenen Hexenkessel von Gestalten, in eine jener genialen Verkürzungen, wo Balzac in vier schlecht tapezierte Wände die ganze Lebensvielfalt der Temperamente und Charaktere einschließt, und hier sieht er die Tragödie des ungekannten König Lear, des Vaters Goriot, sieht, wie die Flitterprinzessinnen des Faubourg St. Germain gierig den alten Vater bestehlen, sieht alle Niedertracht der Gesellschaft, gelöst in eine Tragödie. Und da, wie er endlich dem Sarge des allzu Gütigen folgt, allein mit einem Hausknecht und einer Magd, wie er in zorniger Stunde Paris schmutziggelb und trüb wie ein böses Geschwür von den Höhen des Père-Lachaise zu seinen Füßen sieht, da weiß er alle Weisheit des Lebens. In diesem Momente hört er die Stimme Vautrins, des Sträflings, in seinem Ohr aufklingen, seine Lehre, daß man Menschen wie Postpferde behandeln müsse, sie vor seinem Wagen hetzen und dann krepieren lassen am Ziel, in dieser Sekunde wird er der Baron Rastignac der anderen Bücher, der rücksichtslose, unerbittliche Streber, der Pair von Paris. Und diese Sekunde am Kreuzweg des Lebens erleben alle Helden Balzacs. Sie alle werden Soldaten im Kriege aller gegen alle, jeder stürmt vorwärts, über die Leiche des einen geht der Weg des andern. Daß jeder seinen Rubikon, sein Waterloo hat, daß die Gleichen Schlachten sich in Palästen, Hütten und Tavernen liefern, zeigt Balzac, und daß unter den abgerissenen Kleidern Priester, Ärzte, Soldaten, Advokaten die gleichen Triebe bekunden, das weiß sein Vautrin, der Anarchist, der die Rollen aller spielt und in zehn Verkleidungen in den Büchern Balzacs auftritt, immer aber derselbe und bewußt derselbe. Unter der nivellierten Oberfläche des modernen Lebens wühlen die Kämpfe unterirdisch weiter. Denn der äußeren Egalisierung wirkt der innere Ehrgeiz entgegen. Da keinem ein Platz reserviert ist wie einst dem König, dem Adel, den Priestern, da jeder ein Anrecht auf alle hat, so verzehnfacht sich ihre Anspannung. Die Verkleinerung der Möglichkeiten äußert sich im Leben als Verdoppelung der Energie.

Gerade dieser mörderische und selbstmörderische Kampf der Energien ist es, der Balzac reizt. Die an ein Ziel gewandte Energie als Ausdruck des bewußten Lebenswillens ist seine Leidenschaft. Ob sie gut oder böse, wirkungskräftig oder verschwendet bleibt, ist ihm gleichgültig, sobald sie nur intensiv wird. Intensität, Wille ist alles, weil dies dem Menschen gehört, Erfolg und Ruhm nichts, denn ihn bestimmt der Zufall. Der kleine Dieb, der ängstliche, der ein Brot vom Bäckerladentisch in den Ärmel verschwinden läßt, ist langweilig, der große Dieb, der professionelle, der nicht nur um des Nutzens, sondern um der Leidenschaft willen raubt, dessen ganze Existenz sich auflöst in den Begriff des Ansichreißens, ist grandios. Die Effekte, die Tatsachen zu messen, bleibt Aufgabe der Geschichtschreibung, die Ursachen, die Intensitäten freizulegen, scheint für Balzac die des Dichters. Denn tragisch ist nur die Kraft, die nicht zum Ziel gelangt. Balzac schildert die héros oubliés, für ihn gibt es in jeder Epoche nicht nur einen Napoleon, nicht nur den der Historiker, der die Welt erobert hat von 1796 bis 1815, sondern er kennt vier oder fünf. Der eine ist vielleicht bei Marengo gefallen und hat Desaix geheißen, der zweite mag vom wirklichen Napoleon nach Ägypten gesandt worden sein, fernab von den großen Ereignissen, der dritte hat vielleicht die ungeheuerste Tragödie erlitten: er war Napoleon und ist nie an ein Schlachtfeld gelangt, hat in irgendeinem Provinznest einsickern müssen, statt Wildbach zu werden, aber er hat nicht minder Energie verausgabt, wenn auch an kleinere Dinge. So nennt er Frauen, die durch ihre Hingebung und ihre Schönheit berühmt geworden wären unter den Sonnenköniginnen, deren Namen geklungen hätten wie der der Pompadour oder der Diane de Poitiers, er spricht von den Dichtern, die an der Ungunst des Augenblicks zugrunde gehen, an deren Namen der Ruhm vorbeigeglitten ist und denen der Dichter erst den Ruhm wieder schenken muß: Er weiß, daß jede Sekunde des Lebens eine ungeheure Fülle von Energie unwirksam verschwendet. Ihm ist bewußt, daß die Eugénie Grandet, das sentimentale Provinzmädel, in dem Augenblicke, da sie, erzitternd vor dem geizigen Vater, ihrem Vetter die Geldbörse schenkt, nicht minder tapfer ist als die Jeanne d’Arc, deren Marmorbild auf jedem Marktplatze Frankreichs leuchtet. Erfolge können den Biographen unzähliger Karrieren nicht blenden, den nicht täuschen, der alle Schminken und Mixturen des sozialen Auftriebs chemisch zersetzt hat. Balzacs unbestechliches Auge, einzig nach Energie ausspähend, sieht aus dem Gewühl der Tatsachen immer nur die lebendige Anspannung, greift in jenem Gedränge an der Beresina, wo das zersprengte Heer Napoleons über die Brücke strebt, wo Verzweiflung und Niedertracht und Heldentum hundertfach geschilderter Szenen zu einer Sekunde zusammengedrängt sind, die wahren, die größten Helden heraus: die vierzig Pioniere, deren Namen niemand kennt, die drei Tage bis zur Brust im eiskalten, schollentreibenden Wasser gestanden hatten, um jene schwanke Brücke zu bauen, auf der die Hälfte der Armee entkam. Er weiß, daß hinter den verhängten Scheiben von Paris in jeder Sekunde Tragödien geschehen, die nicht geringer sind als der Tod der Julia, das Ende Wallensteins und die Verzweiflung Lears, und immer wieder hat er das eine Wort stolz wiederholt: »Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure tragischen Trauerspiele.« Denn seine Romantik greift nach innen. Sein Vautrin, der Bürgerkleidung trägt, ist nicht minder grandios als der schellenumhangene Glöckner von Notre-Dame, der Quasimodo des Victor Hugo, die starren felsigen Landschaften der Seele, das Gestrüpp von Leidenschaft und Gier in der Brust seiner großen Streber ist nicht minder schreckhaft als die schaurige Felsenhöhle des Han d’Islande. Balzac sucht das Grandiose nicht in der Draperie, nicht im Fernblick auf das Historische oder Exotische, sondern im Überdimensionalen, in der gesteigerten Intensität eines in seiner Geschlossenheit einzig werdenden Gefühls. Er weiß, daß jedes Gefühl erst bedeutsam wird, wenn es in seiner Kraft ungebrochen bleibt, jeder Mensch nur groß, wenn er sich konzentriert in ein Ziel, sich nicht verschleudert, in einzelne Begierden zersplittert, wenn seine Leidenschaft die allen anderen Gefühlen zugedachten Säfte in sich auftrinkt, durch Raub und Unnatur stark wird, so wie ein Ast mit doppelter Wucht erst aufblüht, wenn der Gärtner die Zwillingsäste gefällt oder gedrosselt hat.

Solche Monomanen der Leidenschaft hat er geschildert, die in einem einzigen Symbol die Welt begreifen, einen Sinn sich statuierend in dem unentwirrbaren Reigen. Eine Art Mechanik der Leidenschaften ist das Grundaxiom seiner Energetik: der Glaube, daß jedes Leben eine gleiche Summe von Kraft verausgabe, gleichviel, an welche Illusionen es diese Willensbegehrungen verschwende, gleichviel, ob es sie langsam verzettle in tausend Erregungen, oder sparsam aufbewahre für die jähen heftigen Ekstasen, ob in Verbrennung oder Explosion das Lebensfeuer sich verzehre. Wer rascher lebt, lebt nicht kürzer, wer einheitlich lebt, nicht minder vielfältig. Für ein Werk, das nur Typen schildern will, die reinen Elemente auflösen, sind solche Monomanen allein wichtig. Flaue Menschen interessieren Balzac nicht, nur solche, die etwas ganz sind, die mit allen Nerven, mit allen Muskeln, mit allen Gedanken an einer Illusion des Lebens hängen, sei es, an was immer auch, an der Liebe, der Kunst, dem Geiz, der Hingebung, der Tapferkeit, der Trägheit, der Politik, der Freundschaft. An irgendeinem beliebigen Symbol, aber an diesem ganz. Diese hommes à passion, diese Fanatiker einer selbstgeschaffenen Religion, sehen nicht nach rechts, nicht nach links. Sie sprechen verschiedene Sprachen untereinander und verstehen sich nicht. Biete dem Sammler eine Frau, die schönste der Welt – er wird sie nicht bemerken; dem Liebenden eine Karriere – er wird sie mißachten; dem Geizigen etwas anderes als Geld – er wird nicht aufschauen von seiner Truhe. Läßt er sich aber verlocken, verläßt er die eine geliebte Leidenschaft um der anderen willen, so ist er verloren. Denn Muskeln, die man nicht gebraucht, zerfallen, Sehnen, die man jahrelang nicht gespannt, verknöchern, und wer zeitlebens Virtuose einer einzigen Leidenschaft war, Athlet eines einzigen Gefühls, ist Stümper und Schwächling auf jedem anderen Gebiet. Jedes zur Monomanie aufgepeitschte Gefühl vergewaltigt die anderen, gräbt ihnen das Wasser ab und läßt sie vertrocknen: aber ihre Reizwerte saugt es in sich. Alle Graduationen und Peripetien der Liebe, Eifersucht und Trauer, Erschöpfung und Ekstase, sind bei dem Geizigen in der Sparsucht, beim Sammler in der Sammelwut gespiegelt, denn jede absolute Vollkommenheit vereinigt die Summe der Gefühlsmöglichkeiten. Die Intensität der Einseitigkeit hat in ihren Emotionen die ganze Vielfalt der vernachlässigten Begehrungen. Hier setzen die großen Tragödien Balzacs ein. Der Geldmensch Nucingen, der Millionen gesammelt hat, an Klugheit überlegen allen Bankiers des Kaiserreichs, wird ein läppisches Kind in den Händen einer Dirne, der Dichter, der sich dem Journalismus hinwirft, wird zerrieben wie ein Korn unter dem Mühlstein. Ein Traumbild der Welt, ein jedes Symbol ist eifersüchtig wie Jehova und duldet keine anderen Leidenschaften neben sich. Und von diesen Leidenschaften ist keine größer und keine geringer, sie haben ebensowenig eine Rangordnung wie Landschaften oder Träume. Keine ist zu gering. »Warum sollte man nicht die Tragödie der Dummheit schreiben?« sagt Balzac, »die der Verschämtheit, die der Ängstlichkeit, die der Langeweile?« Auch sie sind bewegende, treibende Kräfte, auch sie bedeutsam, insofern sie nur genugsam intensiv sind, selbst die ärmlichste Lebenslinie hat Schwung und Schönheitsgewalt, sobald sie ungebrochen gerade fortstrebt oder ihr Schicksal ganz umkreist. Und diese Urkräfte – oder besser, diese tausend Proteusformen der wirklichen Urkraft – aus der Brust der Menschen zu reißen, sie zu heizen durch den Druck der Atmosphäre, sie peitschen zu lassen durch das Gefühl, sie zu berauschen an den Elixieren des Hasses und der Liebe, sie rasen zu lassen im Rausche, am Prellstein des Zufalls die einen zu zerschmettern, sie zusammenzupressen und auseinanderzureißen, Verbindungen herzustellen, Brücken zu schlagen zwischen den Träumen, zwischen dem Geizigen und dem Sammler, dem Ehrsüchtigen und dem Erotiker, rastlos das Parallelogramm der Kräfte zu verschieben, in jedem Schicksal den drohenden Abgrund von Wellenberg und Wellental aufzureißen, sie zu schleudern von unten nach oben und von oben nach unten, die Menschen wie Sklaven zu hetzen, nie sie ruhen zu lassen, sie zu schleppen wie Napoleon seine Soldaten durch alle Länder von Österreich wieder in die Vendée, über das Meer wieder nach Ägypten und nach Rom, durch das Brandenburger Tor und wieder vor den Abhang der Alhambra, über Sieg und Niederlage nach Moskau schließlich – die Hälfte unterwegs liegen zu lassen, zerschmettert von den Granaten oder unter dem Schnee der Steppen – die ganze Welt zuerst zu schnitzen wie Figuren, zu malen wie eine Landschaft und dann das Puppenspiel mit erregten Fingern zu beherrschen – das war seine, das war Balzacs Monomanie.