Gesammelte biographische Werke - Stefan Zweig - E-Book

Gesammelte biographische Werke E-Book

Zweig Stefan

0,0
0,49 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In "Gesammelte biographische Werke" präsentiert Stefan Zweig eine faszinierende Erzählung, die die Lebensgeschichten bedeutender Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts unter dem Gesichtspunkt von Psychologie, Gesellschaft und Kunst beleuchtet. Zweigs literarischer Stil vereint biographische Fakten mit psychologischer Einsicht und erweist sich als tiefgründig und eindringlich, was es dem Leser ermöglicht, die Komplexität menschlicher Schicksale nachzuvollziehen. Der Kontext dieser Werke ist nicht nur literarisch, sondern spiegelt auch die turbulente Zeit wider, in der Zweig lebte, was in seinen klaren, präzisen und manchmal poetischen Formulierungen zum Ausdruck kommt. Stefan Zweig, ein österreichischer Schriftsteller und einflussreicher Kulturkritiker, war ein Zeitzeuge schicksalhafter Wendungen Europas im 20. Jahrhundert. Seine umfangreiche Erfahrung im Exil und seine tiefe Auseinandersetzung mit der europäischen Identität sparkten sein Interesse an historischen Persönlichkeiten bis zu deren psychologischen Tiefen. Zweigs eigene Lebensgeschichte, geprägt von haute bourgeois und literarischem Erfolg sowie von der persönlichen Trauer über den Verlust des alten Europas, fließt durch seine biographischen Werke. Dieses Buch ist somit nicht nur eine Sammlung brillanter Essays über historische Figuren, sondern auch ein Schlüssel, um die menschliche Natur und ihre Herausforderungen zu verstehen. Leser, die sich für Geschichte, Psychologie und Literatur interessieren, werden in diesen Seiten inspiriert und zum Nachdenken angeregt. Zweigs einfühlsame Porträts bitten darum, erkundet und reflektiert zu werden – eine essentielle Lektüre für jeden, der das menschliche Dasein ernsthaft erfassen möchte. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Stefan Zweig

Gesammelte biographische Werke

Bereicherte Ausgabe. Ein literarisches Portrait historischer Persönlichkeiten durch die empathische Feder des österreichischen Schriftstellers
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547796787

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte biographische Werke (Joseph Fouché + Magellan + Maria Stuart + Marie Antoinette + Nietzsche + Dostojewski + Erasmus + Casanova + Sigmund Freud + Tolstoi und mehr)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung versammelt die zentralen biographischen und historischen Arbeiten Stefan Zweigs in einer konzentrierten Auswahl: von frühen Porträtbänden wie Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920) über Romain Rolland (1921) und Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin – Kleist – Nietzsche (1925) bis zu den großen Monographien Joseph Fouché (1929), Marie Antoinette (1932), Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934), Maria Stuart (1935) und Magellan (1938). Ergänzt wird der Band durch Sternstunden der Menschheit (1927), Amerigo (1944) sowie kurze Texte über historische Persönlichkeiten und über Schriftsteller. Zweck der Zusammenstellung ist es, die Spannweite von Zweigs biographischem Projekt sichtbar zu machen.

Die hier vereinten Texte gehören unterschiedlichen Gattungen an: biographische Monographien, literarische und historische Porträts, essayistische Studien, charakterologische Skizzen und historische Miniaturen. Zweig schreibt keine Romane und keine akademischen Traktate; er entwickelt erzählerische Essays, die historische Genauigkeit mit dramaturgischer Formkraft verbinden. Neben umfassenden Lebensbildern stehen kürzere Annäherungen, die eine Figur, eine Idee oder einen Augenblick exemplarisch verdichten. Die Sammlung präsentiert damit weder ein Gesamtwerk im philologischen Sinne noch eine Textsorte exklusiv, sondern ein repräsentatives Panorama jener Arbeiten, in denen Zweig Menschen, Motive und Entscheidungen in Geschichte und Literatur sichtbar macht.

Mit Drei Meister (1920) und Drei Dichter ihres Lebens: Casanova – Stendhal – Tolstoi (1928) legt Zweig Grundlagen seiner Porträtkunst. Er zeigt Schriftsteller als Gestalter ihres Daseins und ihres Werkes, als Temperamente, die Stil und Lebensform in Spannung halten. Ob Balzac, Dickens, Dostojewski oder Stendhal und Tolstoi: Zweig interessiert weniger die vollständige Biografie als der entscheidende Zusammenhang zwischen Erfahrung, Charakter und Werkgestalt. In der Gegenfigur Casanova untersucht er die Selbstinszenierung als Lebenspraxis. Diese Bände verknüpfen literaturhistorische Kenntnis mit erzählerischer Verdichtung und markieren den Übergang zum groß angelegten psychologischen Lebensbild.

Der Kampf mit dem Dämon (1925) bündelt diese Methode programmatisch: An Hölderlin, Kleist und Nietzsche zeigt Zweig schöpferische Existenzen, die sich an einer inneren Macht reiben. Nicht theoretische Systeme stehen im Vordergrund, sondern Spannung, Risiko und Preis des Genies. Die Darstellung ist psychologisch, ohne zu pathologisieren, empathisch, ohne zu beschönigen. Zweig komponiert Szenen, in denen Denken, Werk und Lebensumstände ineinandergreifen. So entsteht eine Form intellektueller Biografie, die das Ringen um Ausdruck sichtbar macht und zugleich die historische Situation spürbar hält, ohne sie zum bloßen Hintergrund zu degradieren.

Mit Joseph Fouché (1929), Marie Antoinette (1932) und Maria Stuart (1935) richtet Zweig den Blick auf Macht, Verantwortlichkeit und die Belastungsproben des Charakters. Er schildert politische und höfische Milieus als Bühnen moralischer Entscheidungen und zeigt, wie Persönlichkeit und Rolle einander durchdringen. Die Figuren erscheinen nicht als Thesenillustrationen, sondern als Menschen, deren Handlungsspielräume von Institutionen, Loyalitäten und Zufällen bestimmt werden. Zweigs Interesse gilt der Verwandlung unter Druck: Wie entsteht Anpassung, wie Mut, wie Selbsttäuschung? Diese Fragen tragen die erzählerische Spannung und eröffnen zugleich eine reflektierte Sicht auf Geschichte.

Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934) und Castellio gegen Calvin (1936) inszenieren Gewissensfragen im Gehäuse der Ideen- und Kirchengeschichte. Der Humanist als Anwalt der Mäßigung, der Dissens als Prüfstein der Toleranz: Zweig entfaltet diese Motive nicht abstrakt, sondern über Biografie und Konflikt. Die Texte zeigen, wie geistige Haltungen politische Konsequenzen annehmen und wie Sprache, Schrift und Gewissen zu historischen Kräften werden. Damit rücken sie eine Tradition europäischen Denkens in den Fokus, die Verteidigung des Maßes und der Freiheit des Urteils – ein Thema, das über den unmittelbaren Kontext hinaus Bedeutung gewinnt.

Magellan. Der Mann und seine Tat (1938) und Amerigo. Die Geschichte eines historischen Irrtums (1944) wenden die Methode der charakterologischen Verdichtung auf Entdeckungsgeschichte an. Im Zentrum stehen Initiative, Risiko, Navigation im wörtlichen und übertragenen Sinn – und die Trennung von Leistung, Legende und Zuschreibung. Während Magellan als Gestalt der Tat erscheint, untersucht Amerigo die Entstehung eines Namens und die Mechanik historischer Irrtümer. So verbindet Zweig Abenteuererzählung mit Quellenkritik und zeigt, wie Narrativ und Erinnerung sich gegenseitig formen, ohne dass die erzählte Geschichte ihre prüfbare Faktur verliert.

Sternstunden der Menschheit (1927) fasst die Kunst der historischen Miniatur exemplarisch. Nicht das ganze Leben, sondern der Augenblick, in dem Entscheidung und Möglichkeit zusammenfallen, wird erzählt. Die Auswahl führt durch Literatur, Politik, Wissenschaft und Kultur und demonstriert Zweigs Fähigkeit, eine Szene so zu konzentrieren, dass sie zum Brennpunkt größerer Zusammenhänge wird. Die Form verlangt strenge Auswahl und eine Sprache, die Tempo, Atmosphäre und Information ins Gleichgewicht bringt. Dadurch entstehen Texte, die zugleich lesbar und erinnerbar sind und einen Zugang zu Geschichte bieten, der ohne Vorwissen tragfähig bleibt.

Mit Romain Rolland (1921) und Marceline Desbordes-Valmore – Das Lebensbild einer Dichterin (1920) porträtiert Zweig eine Gegenwart und eine Wiederentdeckung. Der Blick auf den zeitgenössischen Autor verbindet Bewunderung mit kritischer Distanz; das Lebensbild der französischen Dichterin rehabilitiert eine Stimme, deren Werk und Biografie er feinfühlig vermittelt. In beiden Fällen ist die Porträtkunst nicht nur Würdigung, sondern Vermittlung: Zweig öffnet Zugänge, ordnet, übersetzt Atmosphäre und Werkintention in erzählerische Klarheit. So ergänzt die literarische Achse der Sammlung die politischen und historischen Linien um konkrete Werk- und Lebensnähe.

Methodisch zeichnet sich Zweigs Schreiben durch sorgfältiges Quellenstudium, dialogische Auseinandersetzung mit Forschung und eine Kunst der Verdichtung aus. Er verzichtet auf gelehrte Apparate und entwickelt stattdessen Szenen, Motive und Bilder, die den Kern eines Charakters freilegen. Psychologische Motivierung, genaue Milieuschilderung und eine rhythmisierte, oft dramatisch geführte Prosa tragen die Texte. Der Stil sucht Fairness, auch im Urteil über Gegner, und bleibt zugleich entschieden in der Wertung. Diese Verbindung aus Genauigkeit und Anschaulichkeit erklärt, warum die Biografien als Literatur gelesen werden und als Historie Bestand haben.

Die Abteilungen Kurze Texte über historische Persönlichkeiten und Über Schriftsteller erweitern das Panorama um essayistische Miniaturen und Porträts. Hier treten Figuren auf, die auch anderswo im Werk eine Rolle spielen, und solche, die Zweig in konzentrierter Form deutet, etwa als Annäherungen an Denk- und Lebenshaltungen. Die Vielfalt reicht von psychologischen Charakterstudien bis zu literaturkritischen Skizzen, die Linien zwischen Epochen, Nationen und Stilen sichtbar machen. So wird die Werklandschaft durch Querverbindungen ergänzt: Motive wie Gewissen, Ruhm, Macht, schöpferische Arbeit und Verantwortung durchziehen die kurzen wie die langen Texte und bilden ein thematisches Gewebe.

Die anhaltende Bedeutung dieser Sammlung liegt in der Verbindung von humanistischer Haltung, erzählerischer Kraft und historischer Sensibilität. Zweig zeigt Menschen in Entscheidungslagen und macht Geschichte als Erfahrungsraum begreifbar. Für Leserinnen und Leser bietet der Band Orientierung: Er führt durch die literarischen Porträts, die politischen Lebensbilder, die religiösen und geistigen Konflikte sowie die Erkundungen von Entdeckung und Irrtum. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit bündelt die Zusammenstellung die maßgeblichen biographischen Arbeiten und lädt dazu ein, Zweigs Blick auf Charakter, Freiheit und Verantwortung in der Gegenwart neu zu prüfen.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweig (1881–1942) war ein österreichischer Schriftsteller, Essayist und Kulturvermittler von europäischem Rang. Geprägt von der Wiener Moderne und dem kosmopolitischen Geist seiner Epoche, verband er literarische Eleganz mit psychologischer Prägnanz. Berühmt wurde er für biografische Studien, historische Miniaturen und Porträts, die exemplarische Lebensläufe und Entscheidungsmomente anschaulich machen. Sein Werk entfaltet eine humanistische Gegenposition zu Nationalismus und Fanatismus und sucht das Verbindende über Grenzen hinweg. Zugleich kultivierte Zweig eine klare, suggestive Erzählweise, die ein breites Publikum erreichte. Geboren in Wien und gestorben im brasilianischen Exil, steht er exemplarisch für die Spannungen und Brüche Europas im 20. Jahrhundert.

Zweig erhielt seine Ausbildung an der Universität Wien, wo er Geisteswissenschaften studierte und früh literarische Kontakte knüpfte. Reisen und längere Aufenthalte in europäischen Kulturzentren, besonders in Paris, schärften seinen Sinn für Sprachen, Übersetzung und Vermittlung. Intellektuell prägten ihn die Wiener Moderne, der französische und belgische Symbolismus sowie ein weitgespannter europäischer Humanismus. Seine Nähe zu Musiker:innen, Dichter:innen und Kritiker:innen der Zeit förderte einen Stil, der Sensibilität mit strenger Komposition verband. Der Erste Weltkrieg radikalisierte seine skeptische Haltung gegenüber Nationalismen und ließ sein pazifistisches Engagement reifen. Diese Erfahrungen wurden zum Fundament einer literarischen Ethik, die auf Toleranz, Dialog und historische Selbstprüfung zielte.

In den frühen 1920er Jahren profilierte sich Zweig als Meister der biografischen Essays. Mit Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920) schuf er pointierte Künstlerporträts, die Werk und Leben wechselseitig erhellen. Im selben Jahr folgte Marceline Desbordes-Valmore - Das Lebensbild einer Dichterin (1920), eine einfühlsame Annäherung an eine lange unterschätzte Stimme. Romain Rolland (1921) würdigte den befreundeten europäischen Moralisten und festigte Zweigs Bild als Vermittler geistiger Verwandtschaften. Charakteristisch sind seine psychologische Feinzeichnung, ein eleganter, spannungsvoll gegliederter Duktus und die Suche nach exemplarischen Lebensentscheidungen, die über das Individuelle hinausweisen und eine breitere historische und ethische Perspektive sichtbar machen.

Die Mitte der 1920er markierte eine Erweiterung seines biografischen Panoramas. Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin - Kleist – Nietzsche (1925) bündelte drei existenziell aufgeladene Lebensläufe zu einer Studie über schöpferische Grenzerfahrung. In Sternstunden der Menschheit (Goethe, Napoleon, Dostojewski, Cicero, Lenin) (1927) komprimierte Zweig weltgeschichtliche Entscheidungsmomente zu dramaturgisch präzisen Miniaturen. Drei Dichter ihres Lebens: Casanova – Stendhal – Tolstoi (1928) verband Poetologie und Lebenskunst. Diese Bücher fanden ein großes Lesepublikum in mehreren Sprachen und prägten das Bild Zweigs als Autor, der historische Stoffe mit erzählerischer Spannung, moralischer Sensibilität und psychologischer Genauigkeit kunstvoll verbindet.

Ende der 1920er und in den 1930er Jahren wandte sich Zweig verstärkt politischen und religiösen Konstellationen zu. Joseph Fouché - Bildnis eines politischen Menschen (1929) zeigt Machttechnik und Opportunismus in revolutionären Zeiten. Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters (1932) balanciert Empathie und Urteil. Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934) und Maria Stuart (1935) kontrastieren Humanismus und Staatsräson. Castellio gegen Calvin (1936) erhebt die Gewissensfreiheit zum Maßstab im Konflikt mit religiösem Dogma. Diese Bücher demonstrieren seine Fähigkeit, historische Figuren als moralische Prüfsteine zu lesen und zugleich die Zwänge ihrer Epochen präzise zu beleuchten.

Mit Magellan - Der Mann und seine Tat (1938) wandte sich Zweig dem Zeitalter der Entdeckungen zu und gestaltete die globale Dimension des Wagnisses als psychologisch nachvollziehbare Unternehmung. Amerigo. Die Geschichte eines historischen Irrtums (1944) erschien postum und analysiert mit kritischer Nüchternheit eine verhängnisvolle Namenszuschreibung. Neben diesen umfangreichen Darstellungen veröffentlichte er Kurze Texte über historische Persönlichkeiten sowie Über Schriftsteller, die seine Methode in komprimierter Form zeigen: anschauliche Narration, präzise Auswahl und empathische Interpretation. So verbindet sich Forschungsdrang mit erzählerischer Ökonomie, wodurch seine Essays und Biografien ebenso informativ wie literarisch anziehend bleiben.

Die politischen Umbrüche der 1930er Jahre trafen Zweig hart und führten zur Emigration. Er lebte im Exil zunächst in Großbritannien, später in Nord- und Südamerika, wo er 1942 im Gefühl einer zerbrochenen europäischen Ordnung seinem Leben ein Ende setzte. Trotz dieser Tragik blieb sein Werk präsent: als Plädoyer für Humanität, als Schule der historischen Imagination und als Brücke zwischen Sprachen und Kulturen. Seine Biografien und Miniaturen werden weiterhin neu aufgelegt, diskutiert und gelesen, weil sie exemplarische Lebensläufe mit erzählerischer Präzision verbinden und eine Ethik der Toleranz formulieren, die über die Entstehungszeit hinaus Wirkung entfaltet.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweig, 1881 in Wien geboren und 1942 im brasilianischen Exil gestorben, verfasste seine großen biographischen Essays zwischen dem Ende des Habsburgerreichs und dem Zweiten Weltkrieg. Die in der Sammlung vereinten Arbeiten reichen in ihren Gegenständen von der Renaissance und Reformation über das Zeitalter der Entdeckungen und die Französische Revolution bis zur europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts und zum Aufbruch der Moderne. Zugleich spiegeln sie die intellektuelle Lage der Zwischenkriegszeit. Zweig verbindet historischen Überblick mit psychologischer Nahsicht und sucht in exemplarischen Lebensläufen Deutungen für eine Epoche, die ihr politisches und moralisches Koordinatensystem neu verhandeln musste.

Nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel die vertraute Ordnung Mitteleuropas; Grenzverschiebungen, Reparationsfragen und nationale Antagonismen prägten die 1920er Jahre. Für viele Intellektuelle wurde die Biographie zum Medium, um Kontinuitäten der europäischen Zivilisation zu behaupten und zugleich ihre Brüche sichtbar zu machen. Zweig, der sich als überzeugter Pazifist verstand, suchte in Gestalten der Vergangenheit handlungsleitende Maßstäbe für Gegenwartsethik. Seine frühen Porträts der 1920/21 veröffentlichten Bände verknüpfen literarische Tradition und politische Erfahrung: Sie reagieren auf die Suche nach Orientierung, ohne in Nostalgie zu verharren, und setzen auf Verständigung über Sprach- und Landesgrenzen hinweg als Gegenentwurf zu sich verhärtenden Nationalismen.

Zweigs Verfahren basiert auf einer journalistisch geschulten, quellennahen Darstellung, die Briefe, Erinnerungen und zeitgenössische Zeugnisse intensiv nutzt. Zugleich wirkt das Wiener Milieu der Jahrhundertwende nach, in dem psychologische Selbstbeobachtung und die neue Psychoanalyse hohe Resonanz erfuhren. Seine Porträts sind keine akademischen Monographien, sondern literarisch verdichtete Charakterstudien. Sie fragen nach inneren Motiven und nach den Konstellationen, die Entscheidungen prägen. Damit markiert er in der deutschsprachigen Literatur einen eigenständigen Typus der „psychologischen Biographie“, der sowohl dem Bildungsanspruch des bürgerlichen Lesepublikums als auch der modernen Skepsis gegenüber linearen Fortschrittserzählungen Rechnung trägt.

Mit Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski führt Zweig in die europäische Romanlandschaft des 19. Jahrhunderts. Diese Autoren beobachteten die gesellschaftlichen Folgen von Industrialisierung, Urbanisierung und Klassenbildung, zugleich professionalisierte sich das Verlagswesen und erweiterte den Leserkreis. Zweig nutzt die drei Fallbeispiele, um die internationale Verflechtung der Literatur zu betonen: französische, englische und russische Perspektiven treten in Dialog. Die Wahl der Stoffe beglaubigt eine Kernüberzeugung der Zwischenkriegszeit: dass die großen Romane als moralische Seismographen der Moderne gelten und Erfahrungen artikulieren, die politische Programme allein nicht zu binden vermochten.

Mit dem Lebensbild Marceline Desbordes-Valmore rückt Zweig eine Dichterin ins Zentrum, die im 19. Jahrhundert zwar anerkannt, jedoch lange marginalisiert wurde. Diese Rehabilitierung eines weiblichen, oft prekär überlieferten Werks passt zur breiteren kulturhistorischen Bewegung, vergessene Stimmen zu sichern. Zugleich steht der Essay Romain Rolland für transnationale Verständigung: Der französische Nobelpreisträger war in den Kriegsjahren als Pazifist umstritten, nach 1918 jedoch für intellektuelle Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland bedeutsam. Zweigs Porträtierung solcher Figuren dient dem Programm einer europäischen Öffentlichkeit, die sich über politische Gräben hinweg auf gemeinsame humanistische Maßstäbe beruft.

Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin – Kleist – Nietzsche verlegt den Schwerpunkt auf schöpferische Existenz unter Spannungen. Diese Autoren stehen für Epochenumbrüche zwischen Klassik, Romantik und Moderne, für Krisenerfahrung und ästhetische Radikalität. Zweig deutet ihre Lebenswege als Ausdruck einer Epoche, die traditionelle Bindungen verliert und neue Intensitäten sucht. Das Interbellum las solche Konstellationen als Vorläufer moderner Zerrissenheit. Ohne den Anspruch historischer Distanz zu unterlaufen, knüpft Zweig an zeitgenössische Debatten über Genie, Krankheit und Inspiration an und fragt, wie intellektuelle Energie in instabilen politischen und sozialen Gefügen wirksam werden kann.

Sternstunden der Menschheit bündelt geschichtliche Momente zu erzählerischen Miniaturen. Das Interesse an „entscheidenden Stunden“ entspricht einer Kultur, die nach Orientierung in raschen Umbrüchen verlangt. Anhand politischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Augenblicke – von klassischen Autoren bis zu revolutionären Akteuren – zeigt Zweig, wie Zufall, Vorbereitung und menschliche Entschlossenheit sich verschränken. Die Popularität des Bandes spiegelt den Bedarf einer breiten Leserschaft an sinnstiftender Verdichtung, ohne die Komplexität der Geschichte auf einfache Lehrsätze zu reduzieren. Zugleich erprobt er eine transnationale Perspektive, die Ereignisse jenseits nationaler Ruhmesgeschichten ins Verhältnis setzt.

Drei Dichter ihres Lebens: Casanova – Stendhal – Tolstoi verknüpft Lebenskunst, Autorschaft und historische Umwelt. Die porträtierten Figuren repräsentieren Formen der Selbstentwurfspraktiken vom 18. bis zum 19. Jahrhundert: Reise, Tagebuch, Erinnerungsschrift und Roman dienen als Laboratorien des modernen Ich. Zweig interessiert, wie individuelle Freiheitsräume in den jeweiligen politischen Ordnungen ausgehandelt werden. Die Fallstudien adressieren die Zwischenkriegsdiskussion um Authentizität und Maske, um Öffentlichkeit und Privatheit. Damit schlagen sie eine Brücke von der europäischen Vormoderne zur medial beschleunigten Gegenwart, in der Selbstdarstellung zum gesellschaftlichen Grundmodus geworden war.

Joseph Fouché – Bildnis eines politischen Menschen situierte 1929 die Französische Revolution und ihre Nachfolgeregime als Lehrstück moderner Macht. Fouché, vom Revolutionär zum Minister aufgestiegen, steht für administrative Professionalisierung und politische Anpassungsfähigkeit zwischen Konvent, Direktorium, Konsulat und Kaiserreich. Zweigs Leser fanden darin einen Spiegel eigener Erfahrungen mit unübersichtlichen Parteienlandschaften, umstrittenen Loyalitäten und der Frage nach moralischen Grenzen politischer Zweckmäßigkeit. Das Porträt reagiert damit auf eine Epoche, in der die institutionellen Grundlagen liberaler Demokratien fragil erschienen und die Vorstellung des „politischen Menschen“ neue, nicht selten ambivalente Konturen annahm.

Marie Antoinette und Maria Stuart thematisieren Monarchie unter dem Druck sich wandelnder Öffentlichkeiten. In beiden Fällen werden dynastische Legitimation, religiöse Zugehörigkeiten und das wachsende Gewicht publizistischer Kampagnen sichtbar. Flugschriften, Gerüchte und ikonische Inszenierungen prägten das Urteil der Zeitgenossen lange vor modernen Massenmedien. Zweig interessiert besonders, wie Geschlechterrollen in politischen Erwartungshorizonten wirksam werden und wie persönliche Entscheidungen in symbolisch überladene Konflikte geraten. Diese Biographien zeigen, wie Revolution und Bürgerkrieg neue Normen öffentlicher Rechenschaftspflicht erzeugen – ein Thema, das die Debatten der 1920er und 1930er Jahre über Legitimität und Verantwortung deutlich mitbestimmte.

Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam sowie Castellio gegen Calvin verhandeln Glaubensstreit, Gewissensfreiheit und Humanismus im 16. Jahrhundert. Erasmus steht für Gelehrsamkeit, Übersetzungskultur und einen europäischen Briefwechsel, der jenseits konfessioneller Lager Verständigung suchte. Sebastian Castellio, der sich gegen dogmatische Verhärtung wandte, verkörpert den Appell an Toleranz. Indem Zweig diese Konstellationen aufgreift, setzt er ein historisches Gegengewicht zur Intoleranz seiner Zeit. Die Reformation wird nicht als rein kirchengeschichtliches Ereignis erzählt, sondern als Labor politischer Ethik, in dem die Bedingungen ziviler Koexistenz und intellektueller Freiheit austariert werden.

Mit Magellan und Amerigo wendet sich Zweig dem Zeitalter der Entdeckungen zu, in dem Navigation, Kartographie und imperiales Konkurrenzdenken Weltbilder neu ordneten. Die Expeditionen des frühen 16. Jahrhunderts zeigen, wie technische Innovation, Seefahrtspraxis und wirtschaftliche Interessen in riskanten Vorhaben verschmelzen. Zugleich macht Amerigo die Genese eines Namens und die Dynamik eines historischen Irrtums nachvollziehbar. Die Arbeit erschien 1944 postum und belegt, dass Zweig auch im Exil an globalen Verflechtungsgeschichten interessiert blieb. Diese Stoffe erlauben eine Reflexion darüber, wie Europa die Welt und sich selbst in Karten, Berichten und Mythen neu entwarf.

Zweig bezog sich explizit auf die geistige Moderne, indem er wissenschaftsgeschichtliche und literarische Porträts verband. Seine Auseinandersetzung mit Sigmund Freud – im Rahmen einer Studie zur „Heilung durch den Geist“ – verweist auf die Bedeutung der Psychoanalyse für Selbstverständnis und Gesellschaftsdiagnose der Jahrhundertwende. In den Abteilungen „Über Schriftsteller“ und den kürzeren Porträts werden Netzwerke der europäischen Kultur sichtbar, in denen Dichter, Denker und politische Akteure wechselwirkten. Dieser Dialog verschiedener Disziplinen stärkte das Anliegen, Geschichte als Erfahrungsraum individueller Entscheidungen und kollektiver Erwartungen zugleich zu schreiben.

Die Verbreitung der Biographien profitierte von einem lebendigen deutschsprachigen Buchmarkt, in dem Feuilletons, Vorabdrucke und Übersetzungen Resonanzräume eröffneten. Zwischen klassischen Bibliotheksausgaben und preiswerten Reihen fanden die Texte ein heterogenes Publikum. Parallel konkurrierten neue Medien wie Radio und Kino um Aufmerksamkeit und prägten Erzählrhythmen; dennoch behauptete die literarische Biographie ihren Platz als Bildungsmedium. Zweigs optisch und sprachlich zugängliche Gestaltung erleichterte den Eintritt in komplexe historische Zusammenhänge. Seine Entscheidung, internationale Stoffe zu bevorzugen, kam dem Interesse eines Lesepublikums entgegen, das nach dem Krieg verstärkt über nationale Horizonte hinausblickte.

Die politische Radikalisierung der 1930er Jahre veränderte Reichweite und Deutung der Werke. In nationalsozialistisch kontrollierten Räumen gerieten Zweigs Bücher unter Druck und wurden verboten; zugleich wuchs ihre Leserschaft in anderen Ländern. Der Autor verließ 1934 Österreich, lebte zeitweise in Großbritannien und später in Amerika. Der Anschluss 1938 verschärfte die Exilsituation vieler deutschsprachiger Schriftsteller. Themen wie Gewissensfreiheit, Moderation und der Widerstand gegen Fanatismus erhielten vor diesem Hintergrund erhöhte Dringlichkeit. Biographien aus der Reformationszeit oder Porträts politischer Ambivalenz wurden als historische Spiegel aktueller Konflikte wahrgenommen, ohne zur Tagespublizistik zu werden.

Der Krieg zerschnitt Kommunikationswege, doch Zweig arbeitete weiter an historischen Essays. Magellan erschien noch 1938, weitere Texte wurden im Exil abgeschlossen. 1942 endete sein Leben in Brasilien; Amerigo wurde 1944 postum veröffentlicht. Nach 1945 erfuhren die Biographien zahlreiche Neuauflagen und Übersetzungen. In akademischen Debatten wurden sie wegen ihrer Dramatisierung teils kritisch beurteilt, zugleich für ihre erzählerische Klarheit und Quellenkenntnis geschätzt. Sie etablierten in vielen Ländern ein Bild zentraler Gestalten, das den Zugang zur Fachliteratur erleichterte. Diese doppelte Rezeption – populär und kritisch – prägt die Wirkung bis in die Gegenwart.

In ihrer Gesamtschau kommentiert die Sammlung die Krisenerfahrung des 20. Jahrhunderts, indem sie frühere Epochen als Repositorium moralischer und politischer Erfahrung erschließt. Sie betont die Kontinuität eines europäischen Humanismus, der Toleranz, Selbstprüfung und Verantwortung einfordert, und zeigt zugleich, wie zerbrechlich diese Tradition unter Druck wird. Spätere Deutungen lesen die Essays als Zeugnis einer kosmopolitischen Idee, die nach 1945 erneute Aktualität gewann. Die Verbindung von psychologischer Einfühlung und historischer Kontextualisierung trägt dazu bei, dass die Porträts nicht nur über ihre Figuren, sondern über die Zeit ihrer Entstehung Auskunft geben.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Frühe Schriftstellerporträts

Zweig zeichnet in Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920) drei gegensätzliche Temperamente, deren Lebenslagen ihr Werk prägen. Im Fokus steht die Wechselwirkung von Biografie, Milieu und poetischer Energie, erzählt in einem warmen, anschaulichen Ton. Die Porträts verbinden empathische Bewunderung mit klarer psychologischer Analyse.

Romain Rolland (1921) stellt den humanistischen Europäer als Gewissensstimme der Zeit zwischen Kunst und politischer Verantwortung vor. Die Studie ist zugleich Bewunderung und kritische Standortbestimmung, konzentriert auf moralische Konsequenz. Der Ton ist solidarisch-argumentativ, mit Blick auf die geistige Einheit Europas.

Marceline Desbordes-Valmore – Das Lebensbild einer Dichterin (1920)

Die Biografie hebt eine zu Unrecht vergessene Dichterin hervor und rekonstruiert ihr Leben zwischen künstlerischem Impuls und gesellschaftlichen Begrenzungen. Zweig betont innere Wahrhaftigkeit statt literarischer Pose und zeigt, wie Intimität zur Form wird. Der Ton ist behutsam-rehabilitierend und auf leise psychologische Nuancen gerichtet.

Dämonische Begabungen und Selbstentwürfe

Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin – Kleist – Nietzsche (1925) entfaltet die Idee des Übermaßes: eine innere Forderung, die schöpferisch beflügelt und existenziell überfordert. Die Studie verfolgt, wie Vision, Isolation und Überspannung Werk und Lebenslauf prägen. Der Ton ist intensiv, tragisch und analytisch.

Drei Dichter ihres Lebens: Casanova – Stendhal – Tolstoi (1928) zeigt Menschen, die ihr Leben als Stil begreifen: Selbstinszenierung, Selbstbeobachtung und moralische Selbstprüfung. Zweig interessiert die Selbstschöpfung als poetische Praxis und als ethische Probe. Der Zugriff ist beweglich, psychologisch und moduliert zwischen heiter und ernst.

Sternstunden der Menschheit (1927)

In erzählerisch zugespitzten Miniaturen verdichtet Zweig historische Augenblicke zu dramatischen Entscheidungsszenen, von der Kunst bis zur Politik. Persönlichkeiten wie Goethe, Napoleon, Dostojewski, Cicero oder Lenin treten als Träger eines Moments auf, in dem individuelle Haltung Weltgeschichte berührt. Der Ton ist pathetisch-präzis und auf maximale Spannung bei sorgfältiger Faktur ausgerichtet.

Macht, Hof und Revolution

Joseph Fouché – Bildnis eines politischen Menschen (1929) porträtiert einen Meister der Anpassung, ein kaltes Genie der Machtbalance. Zweig zeigt die Mechanik des politischen Überlebens in wechselnden Regimen und prüft die Moral solcher Taktik. Der Ton ist kühl-analytisch, mit Faszination für berechnende Intelligenz.

Marie Antoinette – Bildnis eines mittleren Charakters (1932) zeichnet eine anfangs unpolitische Figur, deren Charakter unter Krisendruck sichtbar wird. Statt Anklage oder Apologie interessiert Zweig die langsame Reifung im Strudel historischer Erwartungen. Der Ton ist nüchtern-empfindsam und auf Entwicklung statt Legende gerichtet.

Maria Stuart (1935) rückt die Spannung zwischen persönlicher Würde, politischer Intrige und religiösem Konflikt ins Zentrum. Zweig verfolgt, wie Rollenbilder und äußere Mächte Handlungsspielräume bestimmen, ohne die psychologische Eigenart zu vernachlässigen. Der Ton ist dramatisch, aber abgewogen.

Humanismus und Gewissensfragen

Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934) skizziert den Humanisten als Anwalt der Maßhaltung zwischen kriegerischen Lagern. Zweig fragt, wie geistige Autorität wirkt, wenn die Zeit nach Parteinahme verlangt, und wo Toleranz zur Verletzlichkeit wird. Der Ton ist respektvoll, nachdenklich und argumentativ.

Castellio gegen Calvin (1936) entfaltet als Lehrstück die Auseinandersetzung zwischen Gewissensfreiheit und religiöser Dogmatik. Die Darstellung arbeitet heraus, wie Sprache, Deutungshoheit und Machtmittel über Menschenleben entscheiden. Der Ton ist engagiert und an rechtlich-ethischen Maßstäben orientiert.

Entdecker, Irrtümer und Weltbilder

Magellan – Der Mann und seine Tat (1938) erzählt die Umsegelung als Verbindung aus persönlicher Entschlossenheit, nautischer Kunst und geopolitischem Wagnis. Zweig rückt Willenskraft und organisatorische Leistung in den Vordergrund, ohne die Härten der Unternehmung zu romantisieren. Der Ton ist abenteuerlich, detailgenau und respektvoll.

Amerigo. Die Geschichte eines historischen Irrtums (1944) untersucht, wie Namensgebung, Gerüchte und Publikationswege eine Fehldeutung befestigen. Statt Heldenkult bietet Zweig quellenkritische Aufklärung über Mechanismen historischer Zuschreibung. Der Ton ist nüchtern-aufklärerisch und korrigierend.

Kurze Texte über historische Persönlichkeiten

Diese Stücke verdichten Lebensläufe zu pointierten Charakterbildern und Momentaufnahmen. Im Vordergrund stehen Haltung in Krisen, moralische Entscheidungen und die symbolische Kraft einzelner Gesten. Der Ton ist skizzenhaft-anschaulich und auf prägnante Leitmotive reduziert.

Über Schriftsteller

Die Essays erkunden Arbeitsweisen, Temperamente und die Ethik des Schreibens, vom Klassiker bis zum Zeitgenossen. Zweig verbindet Lektüre mit Lebenskenntnis und zeigt, wie Stil zum Charakterzug wird; die Porträts reichen von Bewunderung bis zu kritischer Distanz. Der Ton ist essayistisch, psychologisch und oft an Fallbeispielen wie Dostojewski oder Freud geschärft.

Wiederkehrende Themen und Stil

Zweig interessiert die Wechselwirkung von Individuum und Geschichte: Charakter als Schicksal, doch im Widerstreit mit Umständen. Immer wieder prüft er, wie moralische Entscheidungen unter Druck entstehen. Der Grundzug ist humanistisch und auf Empathie wie Verantwortung ausgerichtet.

Sein biografisches Verfahren mischt erzählerische Verdichtung mit psychologischer Diagnose; Szenen ersetzen Statistiken, Motive ersetzen Bilanzen. Wiederkehrende Motive sind Selbstentwurf, das Dämonische, Toleranz gegenüber Fanatismus und der Preis politischer Klugheit. Der Stil bleibt klar, rhythmisch und auf Dramatisierung ohne Sensationslust bedacht.

Im Verlauf verschiebt sich der Fokus von literarischen Porträts zu politischen, religiösen und entdeckergeschichtlichen Konflikten. Konstant bleibt der Blick auf das Exemplarische: Einzelne Lebensläufe werden als Spiegel ihrer Zeit gelesen. Die Sammlung zeigt so eine Entwicklung vom bewundernden Porträt zur engagierten Zeitdeutung.

Gesammelte biographische Werke (Joseph Fouché + Magellan + Maria Stuart + Marie Antoinette + Nietzsche + Dostojewski + Erasmus + Casanova + Sigmund Freud + Tolstoi und mehr)

Hauptinhaltsverzeichnis
Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920)
Marceline Desbordes-Valmore - Das Lebensbild einer Dichterin (1920)
Romain Rolland (1921)
Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin - Kleist – Nietzsche (1925)
Sternstunden der Menschheit (Goethe, Napoleon, Dostojewski, Cicero, Lenin) (1927)
Drei Dichter ihres Lebens: Casanova – Stendhal – Tolstoi (1928)
Joseph Fouché - Bildnis eines politischen Menschen (1929)
Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters (1932)
Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934)
Maria Stuart (1935)
Castellio gegen Calvin (1936)
Magellan - Der Mann und seine Tat (1938)
Amerigo. Die Geschichte eines historischen Irrtums (1944)
Kurze Texte über historische Persönlichkeiten
Über Schriftsteller

Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920)

Inhaltsverzeichnis

Insel, Leipzig 1920

Romain Rolland als Dank für seine unerschütterliche Freundschaft in lichten und dunklen Jahren

Inhalt

Vorwort
Balzac
Dickens
Dostojewski
Einklang
Das Antlitz
Die Tragödie seines Lebens
Sinn seines Schicksals
Die Menschen Dostojewskis
Realismus und Phantastik
Architektur und Leidenschaft
Der Überschreiter der Grenzen
Die Gottesqual
Vita Triumphatrix

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Obwohl in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, bindet doch kein Zufall diese drei Versuche über Balzac, Dickens und Dostojewski zu einem Buche zusammen. Einheitliche Absicht versucht die drei großen und in meinem Sinne einzigen Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts als Typen zu zeigen, die eben durch den Kontrast ihrer Persönlichkeiten einander ergänzen und vielleicht den Begriff des epischen Weltbildners, des Romanciers, zu einer deutlichen Form erheben.

Nenne ich Balzac, Dickens und Dostojewski hier die einzigen großen Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, so verkenne ich in dieser Voranstellung keineswegs die Größe einzelner Werke Goethes, Gottfried Kellers, Stendhals, Flauberts, Tolstois, Victor Hugos und anderer, von denen mancher einzelne Roman oftmals das abgesonderte Werk insbesondere Balzacs und Dickens’ weitaus übertrifft. Und ich glaube, meinen innerlichen und unerschütterlichen Unterschied zwischen dem Verfasser eines Romanes und dem Romancier darum ausdrücklich feststellen zu müssen. Romanschriftsteller im letzten, im höchsten Sinne ist nur das enzyklopädische Genie, der universale Künstler, der – hier wird Breite des Werkes und Fülle der Figuren zum Argument – einen ganzen Kosmos baut, der eine eigene Welt mit eigenen Typen, eigenen Gravitationsgesetzen und einem eigenen Sternenhimmel neben die irdische stellt. Der jede Figur, jedes Geschehnis so sehr mit seinem Wesen imprägniert, daß sie nicht nur für ihn typisch werden, sondern auch für uns selbst mit jener Eindringlichkeit bildkräftig, die uns dann oft verlockt, Geschehnisse und Personen nach ihnen zu benennen, so daß wir von Menschen im lebendigen Leben etwa sagen: eine balzacsche Figur, eine Dickensgestalt, eine Dostojewskinatur. Jeder dieser Künstler bildet ein Lebensgesetz, eine Lebensauffassung durch die Fülle seiner Gestalten so einheitlich hervor, daß es durch ihn eine neue Form der Welt wird. Und dieses innerste Gesetz, diese Charakterformation in ihrer verborgenen Einheit darzustellen ist der wesentliche Versuch meines Buches, dessen ungeschriebener Untertitel lauten könnte: Psychologie des Romanciers.

Jeder dieser drei Romanschriftsteller hat seine eigene Sphäre. Balzac die Welt der Gesellschaft, Dickens die Welt der Familie, Dostojewski die Welt des Einen und des Alls. Vergleiche dieser Sphären zeigen ihre Unterschiede, niemals aber ist unternommen, diese Unterschiede in Werturteile umzudeuten oder die nationalen Elemente eines Künstlers in Neigung oder Abwehr zu betonen. Jeder große Schöpfer ist eine Einheit, die ihre Grenzen und ihr Gewicht in eigenen Maßen in sich schließt: es gibt nur ein spezifisches Gewicht innerhalb eines Werkes, kein absolutes in der Waagschale der Gerechtigkeit.

Alle drei Aufsätze setzen Kenntnis der Werke voraus: sie wollen keine Einführung sein, sondern Sublimierung, Kondensierung, Extrakt. Sie können darum, weil sie zusammendrängen, nur das persönlich als wesentlich Empfundene zur Erkenntnis bringen; am meisten bedaure ich diese notwendige Unzulänglichkeit bei dem Aufsatz über Dostojewski, dessen unendliches Maß ebensowenig wie das Goethes jemals auch von breitester Formel wird umfaßt werden können.

Gern wäre diesen großen Gestalten eines Franzosen, eines Engländers, eines Russen auch das Bildnis eines repräsentativen deutschen Romanschriftstellers, eines epischen Weltbildners in jenem hohen Sinne, wie ich ihn für das Wort Romancier anspreche, beigefügt worden. Doch ich finde keinen einzigen jenes höchsten Ranges in Gegenwart und Vergangenheit. Und es ist vielleicht der Sinn dieses Buches, ihn für die Zukunft zu fordern und den noch Fernen zu grüßen.

Salzburg 1919

Balzac

Inhaltsverzeichnis

Balzac ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz des Überflusses, in Rabelais’ heiterer Heimat. Im Juni 1799, das Datum ist wert, wiederholt zu werden. Napoleon – die von seinen Taten schon beunruhigte Welt nannte ihn noch Bonaparte – kam in diesem Jahre aus Ägypten heim, halb Sieger und halb Flüchtling. Unter fremden Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der Pyramiden hatte er gefochten, war dann, müd, ein grandios begonnenes Werk zäh zu vollenden, auf winzigem Schiffe durchgeschlüpft zwischen den lauernden Korvetten Nelsons, faßte ein paar Tage nach seiner Ankunft eine Handvoll Getreuer zusammen, fegte den widerstrebenden Konvent rein und riß mit einem Griff die Herrschaft Frankreichs an sich. 1799, das Geburtsjahr Balzacs, ist der Beginn des Empire. Das neue Jahrhundert kennt nicht mehr le petit général, nicht mehr den korsischen Abenteurer, sondern nur mehr Napoleon, den Kaiser Frankreichs. Zehn, fünfzehn Jahre noch – die Knabenjahre Balzacs – und die machtgierigen Hände umspannen halb Europa, während seine ehrgeizigen Träume mit Adlersflügeln schon ausgreifen über die ganze Welt von Orient zu Okzident. Es kann für einen alles so intensiv Miterlebenden, für einen Balzac nicht gleichgültig sein, wenn sechzehn Jahre ersten Umblicks mit den sechzehn Jahren des Kaiserreichs, der vielleicht phantastischesten Epoche der Weltgeschichte, glatt zusammenfallen. Denn frühes Erlebnis und Bestimmung, sind sie nicht eigentlich nur Innen-und Außenfläche eines Gleichen? Daß einer, irgendeiner kam, von irgendeiner Insel im blauen Mittelmeer, nach Paris kam, ohne Freund und Geschäft, ohne Ruf und Würde, schroff die eben zügellose Gewalt dort packte, sie herumriß und in den Zaum zwang, daß irgendeiner, ein einzelner, ein Fremder, mit einem Paar nackter Hände Paris gewann und dann Frankreich und dann die ganze Welt – diese Abenteurerlaune der Weltgeschichte wird nicht aus schwarzen Lettern unglaubhaft zwischen Legenden oder Historien ihm vermittelt, sondern farbig, durch all seine durstig aufgetanen Sinne dringt sie ein in sein persönliches Leben, mit tausend bunten Erinnerungswirklichkeiten die noch unbeschrittene Welt seines Innern bevölkernd. Solches Erlebnis muß notwendigerweise zum Beispiel werden. Balzac, der Knabe, hat das Lesen vielleicht gelernt an den Proklamationen, die stolz, schroff, mit fast römischem Pathos die fernen Siege erzählten, der Kinderfinger zog wohl ungelenk auf der Landkarte, von der Frankreich wie ein überströmender Fluß allmählich über Europa schwoll, den Märschen der napoleonischen Soldaten nach, heute über den Mont Cenis, morgen quer durch die Sierra Nevada, über die Flüsse hin nach Deutschland, über den Schnee nach Rußland, über das Meer vor Gibraltar hin, wo die Engländer mit glühenden Kanonenkugeln die Flottille in Brand schossen. Tags haben vielleicht die Soldaten auf der Straße mit ihm gespielt, Soldaten, denen Kosaken ihre Säbelhiebe ins Gesicht geschrieben hatten, nachts mag er oft aufgewacht sein vom Rollen der Kanonen, die hinzogen nach Österreich, um die Eisdecke unter der russischen Reiterei bei Austerlitz zu zerschmettern. Alles Begehren seiner Jugend mußte aufgelöst sein in den aneifernden Namen, in den Gedanken, in die Vorstellung: Napoleon. Vor dem großen Garten, der aus Paris hinausführt in die Welt, wuchs ein Triumphbogen auf, dem die besiegten Städtenamen der halben Welt eingemeißelt waren, und dieses Gefühl der Herrschaft, wie mußte es umschlagen in eine ungeheure Enttäuschung, als dann fremde Truppen einzogen durch diese stolze Wölbung! Was außen, in der durchstürmten Welt geschah, wuchs nach innen als Erlebnis. Früh erlebte er schon die ungeheure Umwälzung der Werte, der geistigen ebenso wie der materiellen. Er sah die Assignaten, auf denen hundert oder tausend Francs mit dem Siegel der Republik verheißen waren, als wertlose Papiere im Winde flattern. Auf dem Goldstück, das durch seine Hand glitt, war bald des enthaupteten Königs feistes Profil, bald die Jakobinermütze der Freiheit, bald des Konsuls Römergesicht, bald Napoleon im kaiserlichen Ornat. In einer Zeit so ungeheurer Umwälzungen, da die Moral, das Geld, das Land, die Gesetze, die Rangordnungen, alles, was seit Jahrhunderten in feste Grenzen eingedämmt war, einsickerte oder überschwemmte, in einer Epoche so nie erlebter Veränderungen mußte ihm früh die Relativität aller Werte bewußt werden. Ein Wirbel war die Welt um ihn, und wenn der schwindlige Blick nach Übersicht suchte, nach einem Symbol, nach einem Sternbild über diesen gebäumten Wogen, so war es in diesem Auf und Nieder der Ereignisse immer nur Er, der Eine, der Wirkende, von dem diese tausend Erschütterungen und Schwingungen ausgingen. Und ihn selbst, Napoleon, hatte er noch erlebt. Er sah ihn zur Parade reiten mit den Geschöpfen seines Willens, mit Rustan, dem Mamelucken, mit Josef, dem er Spanien geschenkt hatte, mit Murat, dem er Sizilien zu eigen gegeben, mit Bernadotte, dem Verräter, mit allen, denen er Kronen gemünzt hatte und Königreiche erobert, die er aufgehoben aus dem Nichts ihrer Vergangenheit in den Strahl seiner Gegenwart. In einer Sekunde war in seine Netzhaut sinnfällig und lebendig ein Bild eingestrahlt, das größer war als alle Beispiele der Geschichte: er hatte den großen Welteroberer gesehen! Und ist für einen Knaben, einen Welteroberer zu sehen, nicht gleichviel mit dem Wunsche, selbst einer zu werden? Noch an zwei anderen Stellen ruhten in diesem Augenblicke zwei Welteroberer aus, in Königsberg, wo einer die Wirre der Welt sich auflöste in eine Übersicht, und in Weimar, wo sie ein Dichter nicht minder in ihrer Gänze besaß als Napoleon mit seinen Armeen. Aber dies war für lange noch unfühlbare Ferne für Balzac. Den Trieb, immer nur das Ganze zu wollen, nie ein Einzelnes, die ganze Weltfülle gierig zu erstreben, diesen fieberhaften Ehrgeiz hat vorerst das Beispiel Napoleons an ihm verschuldet.

Dieser ungeheure Weltwille weiß noch nicht sofort seinen Weg. Balzac entscheidet sich zunächst für keinen Beruf. Zwei Jahre früher geboren, wäre er, ein Achtzehnjähriger, in die Reihen Napoleons getreten, hätte vielleicht bei Belle Alliance die Höhen gestürmt, wo die englischen Kartätschen niederfegten; aber die Weltgeschichte liebt keine Wiederholungen. Auf den Gewitterhimmel der napoleonischen Epoche folgen laue, weiche, erschlaffende Sommertage. Unter Ludwig XVIII. wird der Säbel zum Zierdegen, der Soldat zur Hofschranze, der Politiker zum Schönredner; nicht mehr die Faust der Tat, das dunkle Füllhorn des Zufalls vergeben die hohen Staatsstellen, sondern weiche Frauenhände schenken Gunst und Gnade, das öffentliche Leben versandet, verflacht, der Gischt der Ereignisse glättet sich zum sanften Teich. Mit den Waffen war die Welt nicht mehr zu erobern. Napoleon, dem einzelnen ein Beispiel, war eine Abschreckung für die vielen. So blieb die Kunst. Balzac beginnt zu schreiben. Aber nicht wie die anderen, um Geld zu raffen, zu amüsieren, ein Bücherregal zu füllen, ein Boulevardgespräch zu sein: ihn lüstet nicht nach einem Marschallstab in der Literatur, sondern nach der Kaiserkrone. In einer Mansarde fängt er an. Unter fremdem Namen, wie um seine Kraft zu proben, schreibt er die ersten Romane. Es ist noch nicht Krieg, sondern nur Kriegsspiel, Manöver und noch nicht die Schlacht. Unzufrieden mit dem Erfolg, unbefriedigt vom Gelingen, wirft er dann das Handwerk hin, dient drei, vier Jahre lang anderen Berufen, sitzt als Schreiber in der Stube eines Notars, beobachtet, sieht, genießt, dringt mit seinem Blick in die Welt, und dann fängt er noch einmal an. Jetzt aber mit jenem ungeheuren Willen auf das Ganze hinzielend, mit jener gigantischen fanatischen Gier, die das Einzelne, die Erscheinung, das Phänomen, das Losgerissene mißachtet, um nur das in großen Schwingungen Kreisende zu umfassen, das geheimnisvolle Räderwerk der Urtriebe zu belauschen. Aus dem Gebräu der Geschehnisse die reinen Elemente, aus dem Zahlengewirr die Summe, aus dem Getöse die Harmonie, aus der Lebensfülle die Essenz zu gewinnen, die ganze Welt in seine Retorte zu drängen, sie noch einmal zu schaffen, »en raccourci«: das ist nun sein Ziel. Nichts soll verloren gehen von der Vielfalt, und um dieses Unendliche in ein Endliches, das Unerreichbare in ein Menschenmögliches zusammenzupressen, gibt es nur einen Prozeß: die Komprimierung. Seine ganze Kraft arbeitet dahin, die Phänomene zusammenzudrängen, sie durch ein Sieb zu jagen, wo alles Unwesentliche zurückbleibt und nur die reinen, wertvollen Formen durchsickern; und sie dann, diese zerstreuten Einzelformen, in der Glut seiner Hände zusammenzupressen, ihre ungeheure Vielfalt in ein anschauliches, übersichtliches System zu bringen, wie Linné die Milliarden Pflanzen in eine enge Übersicht, wie der Chemiker die unzählbaren Zusammensetzungen in eine Handvoll Elemente auflöst – das ist nun sein Ehrgeiz. Er vereinfacht die Welt, um sie dann zu beherrschen, er preßt die Bezwungene in den grandiosen Kerker der »Com édie humaine«. Durch diesen Prozeß der Destillation sind seine Menschen immer Typen, immer charakteristische Zusammenfassungen einer Mehrheit, von denen ein unerhörter Kunstwille alles Überflüssige und Unwesentliche abgeschüttelt hat. Er konzentriert, indem er das administrative Zentralisationssystem in die Literatur einführt. Wie Napoleon macht er Frankreich zum Umkreis der Welt, Paris zum Zentrum. Und innerhalb dieses Kreises, in Paris selbst, zieht er mehrere Zirkel, den Adel, die Geistlichkeit, die Arbeiter, die Dichter, die Künstler, die Gelehrten. Aus fünfzig aristokratischen Salons macht er einen einzigen, den der Herzogin von Cadignan. Aus hundert Bankiers den Baron von Nucingen, aus allen Wucherern den Gobsec, aus allen Ärzten den Horace Bianchon. Er läßt diese Menschen enger beieinander wohnen, häufiger sich berühren, vehementer sich bekämpfen. Wo das Leben tausend Spielarten erzeugt, hat er nur eine. Er kennt keine Mischtypen. Seine Welt ist ärmer als die Wirklichkeit, aber intensiver. Denn seine Menschen sind Extrakte, seine Leidenschaften reine Elemente, seine Tragödien Kondensierungen. Wie Napoleon beginnt er mit der Eroberung von Paris. Dann faßt er Provinz nach Provinz – jedes Departement sendet gewissermaßen seinen Sprecher in das Parlament Balzacs – und dann wirft er wie der siegreiche Konsul Bonaparte seine Truppen über alle Länder. Er greift aus, sendet seine Menschen an die Fjorde Norwegens, in die verbrannten, sandigen Ebenen Spaniens, unter den feuerfarbenen Himmel Ägyptens, an die vereiste Brücke der Beresina, überallhin und noch weiter greift sein Weltwille wie der seines großen Vorbildners. Und so wie Napoleon, ausruhend zwischen zwei Feldzügen, den Code civil schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der Welt in der »Comedie humaine«, einen Code moral der Liebe, der Ehe, eine prinzipielle Abhandlung und zieht über die erdumspannende Linie der großen Werke noch lächelnd die übermütige Arabeske der »Contes drôlatiques«. Vom tiefsten Elend, aus den Hütten der Bauern wandert er in die Paläste von St. Germain, dringt in die Gemächer Napoleons, überall reißt er die vierte Wand auf und mit ihr die Geheimnisse der verschlossenen Räume, er rastet mit den Soldaten in den Zelten der Bretagne, spielt an der Börse, sieht in die Kulissen des Theaters, überwacht die Arbeit des Gelehrten, kein Winkel ist in der Welt, wo seine zauberische Flamme nicht hinleuchtet. Zwei-bis dreitausend Menschen bilden seine Armee, und tatsächlich: aus dem Boden hat er sie gestampft, aus seiner flachen Hand ist sie aufgewachsen. Nackt, aus dem Nichts sind sie gekommen, und er wirft ihnen Kleider um, schenkt ihnen Titel und Reichtümer, wie Napoleon seinen Marschällen, nimmt sie ihnen wieder ab, er spielt mit ihnen, hetzt sie durcheinander. Unzählbar ist die Vielfalt der Geschehnisse, ungeheuer die Landschaft, die hinter diese Ereignisse sich stellt. Einzig in der neuzeitlichen Literatur, wie Napoleon einzig in der modernen Geschichte, ist diese Eroberung der Welt in der »Comédie humaine«, dieses Zwischen-zwei-Händen-Halten des ganzen, zusammengedrängten Lebens. Aber es war der Knabentraum Balzacs, die Welt zu erobern, und nichts ist gewaltiger als früher Vorsatz, der Wirklichkeit wird. Nicht umsonst hatte er unter ein Bild Napoleons geschrieben: »Ce qu’il n’a pu achever par l’épée je l’accomplirai par la plume.«[1q]

Und so wie er sind seine Helden. Alle haben sie das Welteroberungsgelüst. Eine zentripetale Kraft schleudert sie aus der Provinz, aus ihrer Heimat, nach Paris. Dort ist ihr Schlachtfeld. Fünfzigtausend junge Leute, eine Armee, strömt heran, unversuchte keusche Kraft, entladungssüchtige, unklare Energie, und hier, im engen Räume prallen sie aufeinander wie Geschosse, vernichten sich, treiben sich empor, reißen sich in den Abgrund. Keinem ist ein Platz bereitet. Jeder muß sich die Rednerbühne erobern und dies stahlharte, biegsame Metall, das Jugend heißt, umschmieden zu einer Waffe, seine Energien konzentrieren zu einem Explosiv. Daß dieser Kampf innerhalb der Zivilisation nicht minder erbittert ist als der auf den Schlachtfeldern, dies als erster bewiesen zu haben, ist der Stolz Balzacs: »Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure Trauerspiele!« ruft er den Romantikern zu. Denn das erste, was diese jungen Menschen in den Büchern Balzacs lernen, ist das Gesetz der Unerbittlichkeit. Sie wissen, daß sie zuviel sind, und müssen sich – das Bild gehört Vautrin, dem Liebling Balzacs – auffressen wie die Spinnen in einem Topf. Sie müssen die Waffe, die sie aus ihrer Jugend geschmiedet haben, noch eintauchen in das brennende Gift der Erfahrung. Nur der Überbleibende hat recht. Aus allen zweiunddreißig Windrichtungen kommen sie her wie die Sansculotten der »Großen Armee«, zerreißen sich die Schuhe auf dem Wege nach Paris, der Staub der Landstraße klebt an ihren Kleidern, und ihre Kehle ist verbrannt von einem ungeheuren Durst nach Genuß. Und wie sie sich umsehen in dieser neuen, zauberischen Sphäre der Eleganz, des Reichtums und der Macht, da fühlen sie, daß, um diese Paläste, diese Frauen, diese Gewalten zu erobern, all das wenige, das sie mitgebracht haben, wertlos sei. Daß sie ihre Fähigkeiten, um sie auszunützen, umschmelzen müßten, Jugend in Zähigkeit, Klugheit in List, Vertrauen in Falschheit, Schönheit in Laster, Verwegenheit in Verschlagenheit. Denn die Helden Balzacs sind starke Begehrende, sie streben nach dem Ganzen. Sie alle haben das gleiche Abenteuer: ein Tilbury saust an ihnen vorbei, die Räder sprühen sie an mit Kot, der Kutscher schwingt die Peitsche, aber darin sitzt eine junge Frau, in ihrem Haar blinkt der Schmuck. Ein Blick weht rasch vorüber. Sie ist verführerisch und schön, ein Symbol des Genusses. Und alle Helden Balzacs haben in diesem Augenblicke nur einen Wunsch: Mir diese Frau, der Wagen, die Diener, der Reichtum, Paris, die Welt! Das Beispiel Napoleons, daß alle Macht auch für den Geringsten feil sei, hat sie verdorben. Nicht wie ihre Väter in der Provinz ringen sie um einen Weinberg, um eine Präfektur, um eine Erbschaft, sondern um Symbole schon, um die Macht, um den Aufstieg in jenen Lichtkreis, wo die Liliensonne des Königtums glänzt und das Geld wie Wasser durch die Finger rinnt. So werden sie ja jene großen Ehrgeizigen, denen Balzac stärkere Muskeln, wildere Beredsamkeit, energischere Triebe, ein, wenn auch rascheres, so doch lebendigeres Leben zuschreibt, als den anderen. Sie sind Menschen, deren Träume Taten werden, Dichter, wie er sagt, die in der Materie des Lebens dichten. Zwiefach in ihrer Angriffsweise, ein besonderer Weg bahnt sich dem Genie, ein anderer dem gewöhnlichen. Man muß sich eine eigene Weise finden, um zur Macht zu gelangen, oder man muß die der anderen, die Methode der Gesellschaft erlernen. Als Kanonenkugel muß man mörderisch hineinschmettern in die Menge der anderen, die zwischen einem und dem Ziele stehen, oder man muß sie schleichend vergiften wie die Pest, rät Vautrin, der Anarchist, die grandiose Lieblingsfigur Balzacs. Im Quartier Latin, wo Balzac selbst in enger Stube begonnen hat, treten auch seine Helden zusammen, die Urformen des sozialen Lebens, Desplein, der Student der Medizin, Rastignac, der Streber, Louis Lambert, der Philosoph, Bridau, der Maler, Rubempré, der Journalist – ein Cénacle junger Menschen, die ungeformte Elemente sind, reine, rudimentäre Charaktere, aber doch: das ganze Leben gruppiert um eine Tischplatte in der sagenhaften Pension Vauquer. Dann aber, hineingegossen in die große Retorte des Lebens, eingekocht in die Hitze der Leidenschaften, und wieder erkaltend, erstarrend an den Enttäuschungen, unterworfen den vielfachen Wirkungen der gesellschaftlichen Natur, den mechanischen Reibungen, den magnetischen Anziehungen, den chemischen Zersetzungen, den molekularen Zerlegungen, bilden sich diese Menschen um, verlieren sie ihr wahres Wesen. Die furchtbare Säure, die Paris heißt, löst die einen auf, zerfrißt sie, scheidet sie aus, läßt sie verschwinden und kristallisiert, verhärtet, versteint wiederum die anderen. Alle Wirkungen der Wandlung, Färbung und Vereinung vollziehen sich an ihnen, aus den vereinten Elementen bilden sich neue Komplexe, und zehn Jahre später grüßen sich die Übergebliebenen, Umgeformten mit Augurenlächeln auf den Höhen des Lebens, Desplein, der berühmte Arzt, Rastignac, der Minister, Bridau, der große Maler, während Louis Lambert und Rubempré das Schwungrad zermalmend faßte. Nicht umsonst hat Balzac die Chemie geliebt, die Werke Cuviers, Lavoisiers studiert. Denn in diesem vielfältigen Prozeß der Aktionen und Reaktionen, der Affinitäten, der Abstoßungen und Anziehungen, Ausscheidungen und Gliederungen, Zersetzungen und Kristallisierungen, in der atomhaften Vereinfachung des Zusammengesetzten schien ihm deutlicher als anderswo das Bild der sozialen Zusammensetzung gespiegelt zu sein. Daß jedes Individuum ein Produkt sei, geformt von Klima, Milieu, Sitten, Zufall, von all dem, was schicksalsträchtig an ihm rührt, daß jedes Individuum seine Wesenheit aus einer Atmosphäre sauge, um selbst wieder eine neue Atmosphäre zu entstrahlen – dieses universelle Bedingtsein von In-und Umwelt war ihm Axiom. Und diesen Abdruck des Organischen im Unorganischen, und die Griffspuren des Lebendigen im Begrifflichen wieder, diese Summierungen eines momentanen geistigen Besitzes im sozialen Wesen, die Produkte ganzer Epochen aufzuzeichnen, schien ihm höchste Aufgabe des Künstlers. Alles fließt ineinander, alle Kräfte sind in Schwebe und keine frei. Ein so unbegrenzter Relativismus hat jede Kontinuität, selbst die des Charakters geleugnet. Balzac hat seine Menschen immer an den Ereignissen sich formen lassen, sich modellieren wie Ton in der Hand des Schicksals. Selbst die Namen seiner Menschen umspannen einen Wandel und kein Einheitliches. Durch zwanzig der Bücher Balzacs geht der Baron von Rastignac, Pair von Frankreich. Man glaubt ihn schon zu kennen, von der Straße her, oder vom Salon, oder von der Zeitung, diesen rücksichtslosen Arrivierten, dies Prototyp eines brutalen pariserischen unbarmherzigen Strebers, der aalglatt durch alle Schlupfwinkel der Gesetze sich durchdrückt und die Moral einer verkommenen Gesellschaft meisterhaft verkörpert. Aber da ist ein Buch, in dem lebt auch ein Rastignac, der junge arme Edelmann, den seine Eltern nach Paris schicken mit vielen Hoffnungen und wenig Geld, ein weicher, sanfter, bescheidener, sentimentaler Charakter. Und das Buch erzählt, wie er in die Pension Vauquer gerät, in jenen Hexenkessel von Gestalten, in eine jener genialen Verkürzungen, wo Balzac in vier schlecht tapezierte Wände die ganze Lebensvielfalt der Temperamente und Charaktere einschließt, und hier sieht er die Tragödie des ungekannten König Lear, des Vaters Goriot, sieht, wie die Flitterprinzessinnen des Faubourg St. Germain gierig den alten Vater bestehlen, sieht alle Niedertracht der Gesellschaft, gelöst in eine Tragödie. Und da, wie er endlich dem Sarge des allzu Gütigen folgt, allein mit einem Hausknecht und einer Magd, wie er in zorniger Stunde Paris schmutziggelb und trüb wie ein böses Geschwür von den Höhen des Père-Lachaise zu seinen Füßen sieht, da weiß er alle Weisheit des Lebens. In diesem Momente hört er die Stimme Vautrins, des Sträflings, in seinem Ohr aufklingen, seine Lehre, daß man Menschen wie Postpferde behandeln müsse, sie vor seinem Wagen hetzen und dann krepieren lassen am Ziel, in dieser Sekunde wird er der Baron Rastignac der anderen Bücher, der rücksichtslose, unerbittliche Streber, der Pair von Paris. Und diese Sekunde am Kreuzweg des Lebens erleben alle Helden Balzacs. Sie alle werden Soldaten im Kriege aller gegen alle, jeder stürmt vorwärts, über die Leiche des einen geht der Weg des andern. Daß jeder seinen Rubikon, sein Waterloo hat, daß die Gleichen Schlachten sich in Palästen, Hütten und Tavernen liefern, zeigt Balzac, und daß unter den abgerissenen Kleidern Priester, Ärzte, Soldaten, Advokaten die gleichen Triebe bekunden, das weiß sein Vautrin, der Anarchist, der die Rollen aller spielt und in zehn Verkleidungen in den Büchern Balzacs auftritt, immer aber derselbe und bewußt derselbe. Unter der nivellierten Oberfläche des modernen Lebens wühlen die Kämpfe unterirdisch weiter. Denn der äußeren Egalisierung wirkt der innere Ehrgeiz entgegen. Da keinem ein Platz reserviert ist wie einst dem König, dem Adel, den Priestern, da jeder ein Anrecht auf alle hat, so verzehnfacht sich ihre Anspannung. Die Verkleinerung der Möglichkeiten äußert sich im Leben als Verdoppelung der Energie.

Gerade dieser mörderische und selbstmörderische Kampf der Energien ist es, der Balzac reizt. Die an ein Ziel gewandte Energie als Ausdruck des bewußten Lebenswillens ist seine Leidenschaft. Ob sie gut oder böse, wirkungskräftig oder verschwendet bleibt, ist ihm gleichgültig, sobald sie nur intensiv wird. Intensität, Wille ist alles, weil dies dem Menschen gehört, Erfolg und Ruhm nichts, denn ihn bestimmt der Zufall. Der kleine Dieb, der ängstliche, der ein Brot vom Bäckerladentisch in den Ärmel verschwinden läßt, ist langweilig, der große Dieb, der professionelle, der nicht nur um des Nutzens, sondern um der Leidenschaft willen raubt, dessen ganze Existenz sich auflöst in den Begriff des Ansichreißens, ist grandios. Die Effekte, die Tatsachen zu messen, bleibt Aufgabe der Geschichtschreibung, die Ursachen, die Intensitäten freizulegen, scheint für Balzac die des Dichters. Denn tragisch ist nur die Kraft, die nicht zum Ziel gelangt. Balzac schildert die héros oubliés, für ihn gibt es in jeder Epoche nicht nur einen Napoleon, nicht nur den der Historiker, der die Welt erobert hat von 1796 bis 1815, sondern er kennt vier oder fünf. Der eine ist vielleicht bei Marengo gefallen und hat Desaix geheißen, der zweite mag vom wirklichen Napoleon nach Ägypten gesandt worden sein, fernab von den großen Ereignissen, der dritte hat vielleicht die ungeheuerste Tragödie erlitten: er war Napoleon und ist nie an ein Schlachtfeld gelangt, hat in irgendeinem Provinznest einsickern müssen, statt Wildbach zu werden, aber er hat nicht minder Energie verausgabt, wenn auch an kleinere Dinge. So nennt er Frauen, die durch ihre Hingebung und ihre Schönheit berühmt geworden wären unter den Sonnenköniginnen, deren Namen geklungen hätten wie der der Pompadour oder der Diane de Poitiers, er spricht von den Dichtern, die an der Ungunst des Augenblicks zugrunde gehen, an deren Namen der Ruhm vorbeigeglitten ist und denen der Dichter erst den Ruhm wieder schenken muß: Er weiß, daß jede Sekunde des Lebens eine ungeheure Fülle von Energie unwirksam verschwendet. Ihm ist bewußt, daß die Eugénie Grandet, das sentimentale Provinzmädel, in dem Augenblicke, da sie, erzitternd vor dem geizigen Vater, ihrem Vetter die Geldbörse schenkt, nicht minder tapfer ist als die Jeanne d’Arc, deren Marmorbild auf jedem Marktplatze Frankreichs leuchtet. Erfolge können den Biographen unzähliger Karrieren nicht blenden, den nicht täuschen, der alle Schminken und Mixturen des sozialen Auftriebs chemisch zersetzt hat. Balzacs unbestechliches Auge, einzig nach Energie ausspähend, sieht aus dem Gewühl der Tatsachen immer nur die lebendige Anspannung, greift in jenem Gedränge an der Beresina, wo das zersprengte Heer Napoleons über die Brücke strebt, wo Verzweiflung und Niedertracht und Heldentum hundertfach geschilderter Szenen zu einer Sekunde zusammengedrängt sind, die wahren, die größten Helden heraus: die vierzig Pioniere, deren Namen niemand kennt, die drei Tage bis zur Brust im eiskalten, schollentreibenden Wasser gestanden hatten, um jene schwanke Brücke zu bauen, auf der die Hälfte der Armee entkam. Er weiß, daß hinter den verhängten Scheiben von Paris in jeder Sekunde Tragödien geschehen, die nicht geringer sind als der Tod der Julia, das Ende Wallensteins und die Verzweiflung Lears, und immer wieder hat er das eine Wort stolz wiederholt: »Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure tragischen Trauerspiele.« Denn seine Romantik greift nach innen. Sein Vautrin, der Bürgerkleidung trägt, ist nicht minder grandios als der schellenumhangene Glöckner von Notre-Dame, der Quasimodo des Victor Hugo, die starren felsigen Landschaften der Seele, das Gestrüpp von Leidenschaft und Gier in der Brust seiner großen Streber ist nicht minder schreckhaft als die schaurige Felsenhöhle des Han d’Islande. Balzac sucht das Grandiose nicht in der Draperie, nicht im Fernblick auf das Historische oder Exotische, sondern im Überdimensionalen, in der gesteigerten Intensität eines in seiner Geschlossenheit einzig werdenden Gefühls. Er weiß, daß jedes Gefühl erst bedeutsam wird, wenn es in seiner Kraft ungebrochen bleibt, jeder Mensch nur groß, wenn er sich konzentriert in ein Ziel, sich nicht verschleudert, in einzelne Begierden zersplittert, wenn seine Leidenschaft die allen anderen Gefühlen zugedachten Säfte in sich auftrinkt, durch Raub und Unnatur stark wird, so wie ein Ast mit doppelter Wucht erst aufblüht, wenn der Gärtner die Zwillingsäste gefällt oder gedrosselt hat.

Solche Monomanen der Leidenschaft hat er geschildert, die in einem einzigen Symbol die Welt begreifen, einen Sinn sich statuierend in dem unentwirrbaren Reigen. Eine Art Mechanik der Leidenschaften ist das Grundaxiom seiner Energetik: der Glaube, daß jedes Leben eine gleiche Summe von Kraft verausgabe, gleichviel, an welche Illusionen es diese Willensbegehrungen verschwende, gleichviel, ob es sie langsam verzettle in tausend Erregungen, oder sparsam aufbewahre für die jähen heftigen Ekstasen, ob in Verbrennung oder Explosion das Lebensfeuer sich verzehre. Wer rascher lebt, lebt nicht kürzer, wer einheitlich lebt, nicht minder vielfältig. Für ein Werk, das nur Typen schildern will, die reinen Elemente auflösen, sind solche Monomanen allein wichtig. Flaue Menschen interessieren Balzac nicht, nur solche, die etwas ganz sind, die mit allen Nerven, mit allen Muskeln, mit allen Gedanken an einer Illusion des Lebens hängen, sei es, an was immer auch, an der Liebe, der Kunst, dem Geiz, der Hingebung, der Tapferkeit, der Trägheit, der Politik, der Freundschaft. An irgendeinem beliebigen Symbol, aber an diesem ganz. Diese hommes à passion, diese Fanatiker einer selbstgeschaffenen Religion, sehen nicht nach rechts, nicht nach links. Sie sprechen verschiedene Sprachen untereinander und verstehen sich nicht. Biete dem Sammler eine Frau, die schönste der Welt – er wird sie nicht bemerken; dem Liebenden eine Karriere – er wird sie mißachten; dem Geizigen etwas anderes als Geld – er wird nicht aufschauen von seiner Truhe. Läßt er sich aber verlocken, verläßt er die eine geliebte Leidenschaft um der anderen willen, so ist er verloren. Denn Muskeln, die man nicht gebraucht, zerfallen, Sehnen, die man jahrelang nicht gespannt, verknöchern, und wer zeitlebens Virtuose einer einzigen Leidenschaft war, Athlet eines einzigen Gefühls, ist Stümper und Schwächling auf jedem anderen Gebiet. Jedes zur Monomanie aufgepeitschte Gefühl vergewaltigt die anderen, gräbt ihnen das Wasser ab und läßt sie vertrocknen: aber ihre Reizwerte saugt es in sich. Alle Graduationen und Peripetien der Liebe, Eifersucht und Trauer, Erschöpfung und Ekstase, sind bei dem Geizigen in der Sparsucht, beim Sammler in der Sammelwut gespiegelt, denn jede absolute Vollkommenheit vereinigt die Summe der Gefühlsmöglichkeiten. Die Intensität der Einseitigkeit hat in ihren Emotionen die ganze Vielfalt der vernachlässigten Begehrungen. Hier setzen die großen Tragödien Balzacs ein. Der Geldmensch Nucingen, der Millionen gesammelt hat, an Klugheit überlegen allen Bankiers des Kaiserreichs, wird ein läppisches Kind in den Händen einer Dirne, der Dichter, der sich dem Journalismus hinwirft, wird zerrieben wie ein Korn unter dem Mühlstein. Ein Traumbild der Welt, ein jedes Symbol ist eifersüchtig wie Jehova und duldet keine anderen Leidenschaften neben sich. Und von diesen Leidenschaften ist keine größer und keine geringer, sie haben ebensowenig eine Rangordnung wie Landschaften oder Träume. Keine ist zu gering. »Warum sollte man nicht die Tragödie der Dummheit schreiben?« sagt Balzac, »die der Verschämtheit, die der Ängstlichkeit, die der Langeweile?« Auch sie sind bewegende, treibende Kräfte, auch sie bedeutsam, insofern sie nur genugsam intensiv sind, selbst die ärmlichste Lebenslinie hat Schwung und Schönheitsgewalt, sobald sie ungebrochen gerade fortstrebt oder ihr Schicksal ganz umkreist. Und diese Urkräfte – oder besser, diese tausend Proteusformen der wirklichen Urkraft – aus der Brust der Menschen zu reißen, sie zu heizen durch den Druck der Atmosphäre, sie peitschen zu lassen durch das Gefühl, sie zu berauschen an den Elixieren des Hasses und der Liebe, sie rasen zu lassen im Rausche, am Prellstein des Zufalls die einen zu zerschmettern, sie zusammenzupressen und auseinanderzureißen, Verbindungen herzustellen, Brücken zu schlagen zwischen den Träumen, zwischen dem Geizigen und dem Sammler, dem Ehrsüchtigen und dem Erotiker, rastlos das Parallelogramm der Kräfte zu verschieben, in jedem Schicksal den drohenden Abgrund von Wellenberg und Wellental aufzureißen, sie zu schleudern von unten nach oben und von oben nach unten, die Menschen wie Sklaven zu hetzen, nie sie ruhen zu lassen, sie zu schleppen wie Napoleon seine Soldaten durch alle Länder von Österreich wieder in die Vendée, über das Meer wieder nach Ägypten und nach Rom, durch das Brandenburger Tor und wieder vor den Abhang der Alhambra, über Sieg und Niederlage nach Moskau schließlich – die Hälfte unterwegs liegen zu lassen, zerschmettert von den Granaten oder unter dem Schnee der Steppen – die ganze Welt zuerst zu schnitzen wie Figuren, zu malen wie eine Landschaft und dann das Puppenspiel mit erregten Fingern zu beherrschen – das war seine, das war Balzacs Monomanie.