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In den "Gesammelten Werken" von Heinrich von Kleist entfaltet sich ein faszinierendes Panorama menschlicher Existenz, das in Erzählungen, Dramen, politischen Schriften, Gedichten, Anekdoten und Briefen zusammengefasst ist. Kleists literarischer Stil ist geprägt von einer eindringlichen Sprachgewalt und einer tiefen psychologischen Einsicht, die seine Charaktere in ihren inneren Konflikten beleuchtet. Seine Werke sind nicht nur künstlerisch anspruchsvoll, sondern auch eng verknüpft mit den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen seiner Zeit, was sie zu einem unverzichtbaren Beitrag zur deutschen Literatur und zur Aufklärung macht. Heinrich von Kleist, geboren 1777 in Frankfurt (Oder), gilt als einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Romantik. Durch seine eigenen Erfahrungen, die von persönlichen Krisen und einem ausgeprägten Interesse für das Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Zwänge geprägt sind, gelingt es ihm, universelle Themen wie Leidenschaft, Verzweiflung und das Streben nach Wahrheit zu erforschen. Sein bewegtes Leben hinterlässt einen tiefen Eindruck in seinem künstlerischen Schaffen und spiegelt sich in den oft tragischen Wendungen seiner Geschichten wider. Diese gesammelten Werke sind nicht nur eine Hommage an das künstlerische Genie Kleists, sondern auch eine Einladung an die Leser, die komplexen Fragen des Daseins zu erforschen. Jeder, der sich für die Tiefen menschlicher Emotionen und die Herausforderungen der Existenz interessiert, wird in dieser Sammlung auf zeitlose Wahrheiten und menschliche Einsichten stoßen, die auch heute noch von großer Relevanz sind. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Sammlung eröffnet einen umfassenden Zugang zu Heinrich von Kleists Werk, indem sie über 190 Titel in einem Band vereint. Unter dem Dach von Gesammelte Werke: Erzählungen, Dramen, Politische Schriften, Gedichte, Anekdoten & Briefe begegnet der Leser der ganzen Spannweite eines Autors, der zwischen Klassik und Romantik seine unverwechselbare Stimme fand. Der Band macht die großen Erzählungen und Bühnenwerke ebenso verfügbar wie die kleineren Formen, journalistischen Stücke, Briefe und Gedichte. Er führt so in die Werkstatt eines Schreibers, der gleichermaßen dichterische, dramatische und publizistische Energien bündelt und seine Themen in unterschiedlichen Gattungen zur Geltung bringt.
Die Erzählungen zählen zum Herzstück von Kleists Prosa. Michael Kohlhaas, Die Marquise von O..., Das Erdbeben in Chili und Die Verlobung in St. Domingo entfalten Konstellationen, in denen Recht, Moral und Zufall aufeinanderprallen, ohne die Handlung über ihre Ausgangslagen hinaus vorwegzunehmen. Hinzu treten kürzere Prosastücke wie Das Bettelweib von Locarno, Der Findling, Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik (Eine Legende), Geistererscheinung und Der Zweikampf. Charakteristisch ist die dramatische Verdichtung: Schon die Eröffnungssituationen tragen ein explosives Potenzial, das Kleist mit nüchterner Präzision und hoher psychologischer Spannung entfaltet.
Die Dramen zeigen Kleists Innovationskraft auf der Bühne. Die Familie Schroffenstein verhandelt Familienkonflikte als Schicksalsfrage, Der zerbrochene Krug stellt die Komik einer Amts- und Rechtssache ins Rampenlicht, Amphitryon spielt mit Identitäten und Wahrnehmung. Penthesilea macht radikale Leidenschaft zum Gegenstand, Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe verbindet Vision und Wirklichkeit, Die Hermannsschlacht spitzt politische Vorstellungskraft zu, Robert Guiskard bleibt als Projekt präsent, und Prinz Friedrich von Homburg konzentriert sich auf Befehl, Gehorsam und Gewissen. Allen gemeinsam ist eine hoch gespannte Konfliktarchitektur, die Figuren an Grenzen von Sprache, Gesetz und Selbstbild führt.
Kleist ist nicht nur Autor epischer und dramatischer Großformen, sondern auch Meister der Kürze. Die hier versammelten Kurzgeschichten und Anekdoten, etwa Tagesbegebenheit, Franzosen-Billigkeit, Der verlegene Magistrat, Der Griffel Gottes oder Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege, zeigen die Kunst der Pointe, der lakonischen Beobachtung und des moralischen Experiments im Kleinen. Viele dieser Texte stehen im Umfeld journalistischer Arbeit, nutzen die knappe Form, um Wahrnehmungen zu schärfen, und setzen kleine Verunsicherungen frei, die lange nachwirken. Sie fungieren als Labor der Motive, die in den großen Werken wiederkehren.
Mit den Fabeln und kleinen Erzählstücken, darunter Die Hunde und der Vogel oder Die Fabel ohne Moral, tritt Kleist als nüchterner Arrangeur von Gedankenexperimenten auf. Texte wie Warnung gegen weibliche Jägerei, Die Heilung oder Das Grab der Väter zeigen, wie er klassische Muster kurzschließt, um hellsichtige, nicht selten unbequeme Einsichten zu formulieren. Die Spannung zwischen anschaulicher Szene und gedanklicher Konsequenz ist das Merkmal dieser Miniaturen. Sie lenken den Blick auf die Mechanik von Erwartung und Erfahrung und demonstrieren, wie Kleist mit knappen Mitteln argumentative und emotionale Wirkung erzielt.
Die Aufsätze und kleinen Schriften, darunter Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden, Über die Aufklärung des Weibes, Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden oder Brief eines Malers an seinen Sohn, lassen Kleists Werkstattdenken sichtbar werden. Die Fragmente und Notate, etwa Über das Marionettentheater, ebenso wie Literatur, Miszellen, Übersetzungen aus dem Französischen und redaktionelle Anzeigen dokumentieren ihn als Autor, Herausgeber und publizistische Figur. Hier verbindet sich Poetik mit Pragmatik: Theorie der Rede, Beobachtung der Künste, Reflexion des Theaters und Begleittexte aus dem Umfeld der Berliner Abendblätter treten in ein lebendiges Gespräch.
Ein eigener Schwerpunkt liegt auf den politischen Schriften. Von Die Bedingung des Gärtners. Eine Fabel über Einleitung zur Zeitschrift Germania, Aufruf, Was gilt es in diesem Kriege und Einleitung zu den Berliner Abendblättern bis zu Von der Ueberlegung. Eine Paradoxe, Betrachtungen über den Weltlauf, Lehrbuch der französischen Journalistik und dem Katechismus der Deutschen nutzt Kleist vielfältige Formen. Aufklärung, Appell, Satire und Lehrtext verschränken sich zu einer Prosa, die auf historische Gegenwart antwortet. Sie zeigt einen Autor, der die intellektuelle Unruhe seiner Zeit aufnimmt, zuspitzt und in eine Sprache überführt, die Haltung, Zweifel und Entschlusskraft zusammenbringt.
Die Gedichte bilden ein konzentriertes, klanglich und gedanklich dichtes Segment. Sie erproben Lagen von Reflexion, Gefühl und Anschauung in knapper Form und stehen in enger Verbindung mit den großen Themen des übrigen Werks. Die Briefe gewähren Einblicke in Kleists Denk- und Arbeitsweise, in seine literarischen Projekte, in das Ringen um Aufführung und Veröffentlichung sowie in alltäglichere Belange. Zusammen liefern Lyrik und Korrespondenz jenes Nahbild, das die großen Erzähl- und Bühnenentwürfe ergänzt und die Bewegungen hinter den Texten sichtbar macht, ohne das Geheimnis der Entstehung zu erschöpfen.
Gattungsübergreifend prägen Kleists Schreiben eine extreme Verdichtung, abrupte Perspektivwechsel und eine Logik, die das Unerwartete als Konsequenz des Wahrscheinlichen erscheinen lässt. Seine Sätze, präzise gefügt und rhythmisch gespannt, treiben Handlung und Gedanken voran. Ironie und Ernst, Beobachtung und Vision, Prosa der Tatsachen und das Ungeheure des Ereignisses halten sich in einer produktiven Schwebe. Die Figuren stehen oft zwischen widersprüchlichen Normen, die Sprache tastet ihre Geltung ab, und in den Rissen der Ordnung öffnet sich ein Blick auf Möglichkeiten, die zugleich beunruhigend und erhellend sind.
Die Leitmotive dieses Werks kreisen um Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Zufall, Identität und Rolle, Gehorsam und Gewissen, Krieg und Frieden, Religion und Enthusiasmus. Musik erscheint als Macht der Formung, Naturkräfte und soziale Ordnungen als Kulissen menschlicher Entscheide, Kolonial- und Kriegszusammenhänge als Prüfsteine politischer Moral. Kleist spürt Grenzerfahrungen nach, ohne sie zu glätten. Er stellt Gewissheiten auf die Probe, indem er ihre Voraussetzungen ins Spiel bringt. Damit zwingt er die Leser, Urteile aufzuschieben, Wahrnehmungen zu schärfen und die eigenen Maßstäbe im Licht widersprüchlicher Erfahrungen neu zu justieren.
Die anhaltende Bedeutung von Kleists Werk speist sich aus dieser offenen Struktur. Seine Dramen behaupten sich auf Bühnen, seine Erzählungen sind in der Bildungstradition verankert, seine Essays und politischen Schriften wirken als intellektuelle Herausforderung. Moderne Lesarten entdecken in den Texten die Unruhe der Gegenwart: das Nebeneinander von Regel und Ausnahme, die Brüchigkeit von Identität, die Ambivalenz des Handelns. Weil Kleist keine endgültigen Antworten liefert, bleibt er anschlussfähig. Seine Texte erzeugen Denkbewegungen, Widerstand und Empathie – ein Kanon, der aus sich heraus immer wieder neu gelesen werden will.
Abgerundet wird der Band durch zeitgenössische und spätere Blickwinkel auf den Autor. Die biographischen und essayistischen Beiträge, darunter Texte von Stefan Zweig und Rudolf Genée, zeichnen Bilder von Leben und Wirkung und stellen Bezüge zwischen Werk und Biographie her, ohne das literarische Urteil zu ersetzen. Die Zusammenstellung lädt dazu ein, Motive und Formen über die Gattungsgrenzen hinweg zu verfolgen, Korrespondenzen zwischen Anekdote und Drama, zwischen politischem Traktat und poetischem Einfall zu entdecken. So entsteht ein Panorama, das die Einheit in der Vielfalt von Kleists Schreiben erfahrbar macht.
Heinrich von Kleist (1777–1811) gilt als eine der eigenwilligsten Stimmen zwischen Aufklärung, Klassik und Frühromantik. Sein Werk vereint strenge Form mit radikaler Skepsis, psychologischer Schärfe und dramatischer Zuspitzung. Kleist schrieb Dramen, Erzählungen, Essays, Fabeln und journalistische Stücke; viele erschütterten zeitgenössische Erwartungen an Moral, Recht und Autorität. Erst die spätere Rezeption erkannte seine stilistische Kühnheit und seine modern anmutende Ambivalenz. Heute zählen Stücke wie Der zerbrochene Krug, Penthesilea und Prinz Friedrich von Homburg sowie Erzählungen wie Michael Kohlhaas oder Die Marquise von O... zum festen Kanon. Seine Wirkung reicht von der Bühne bis in Kritik, Philosophie und Prosa.
Ausbildung und geistige Prägung Kleists spiegeln die Spannungen seiner Zeit. Nach früher militärischer Laufbahn wandte er sich dem Studium und intensiver Lektüre zu; besonders die Auseinandersetzung mit Kants Erkenntniskritik führte zur berühmten „Kant-Krise“. Aus diesem Zweifel erwuchs produktive Energie: Texte wie Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden erkunden das Denken im Vollzug, während Über das Marionettentheater das Verhältnis von Bewusstsein, Anmut und Technik erprobt. Reisen und der Austausch mit zeitgenössischen Diskursen von Aufklärung bis Romantik erweiterten den Horizont. Kleist blieb unabhängig, misstraute Systemen und suchte dramatische Wahrheiten jenseits gefestigter ästhetischer Schulen.
In den frühen Dramen erprobte Kleist formale Strenge und subversiven Witz. Die Familie Schroffenstein variiert das Tragödienmuster familiärer Fehde und fataler Missverständnisse. Der zerbrochene Krug, eine meisterhafte Komödie um Recht und Schein, stellte das Rechtssystem auf die Bühne und stieß bei der Weimarer Erstaufführung auf verhaltene Resonanz. Mit Amphitryon knüpfte er an eine französische Vorlage an und schärfte Themen wie Identität, Täuschung und Machtmissbrauch. Diese Stücke verbinden sprachliche Energie, genaue soziale Beobachtung und eine Ironie, die Autorität entlarvt, ohne moralische Eindeutigkeiten zu liefern. Zugleich bahnen sie die spätere Radikalität der großen Tragödien vor.
Seine großen Bühnenwerke treiben Konflikte zwischen Recht, Leidenschaft und Staatsräson in extreme Konstellationen. Penthesilea verdichtet Liebe und Gewalt zu einer unerhörten Tragödie, während Das Käthchen von Heilbronn märchenhafte Prüfung und innere Gewissheit dramatisch verschränkt. Die Hermannsschlacht richtet den Blick auf Widerstand und nationale Selbstbehauptung; Robert Guiskard blieb Fragment, bezeugt jedoch das Streben nach monumentaler Form. Mit Prinz Friedrich von Homburg entwarf Kleist ein Traum- und Staatsdrama, dessen ambivalente Ethik Kommandogehorsam, Schuld und Gnade neu verhandelt. Diese Dramen zeigen eine poetische Logik extremer Situationen, die psychologische Tiefenschärfe mit politischer Brisanz verbindet.
In der Prosa fand Kleist eine gleichermaßen strenge wie experimentelle Form. Michael Kohlhaas gestaltete er als Chronik eines Rechtsfalls, der vom Anspruch auf Gerechtigkeit in Revolte umschlägt. Die Marquise von O..., Das Erdbeben in Chili und Die Verlobung in St. Domingo untersuchen Ausnahmezustände, Schuld und Zufall mit schneidender Sachlichkeit. Erzählungen wie Das Bettelweib von Locarno, Der Findling, Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik, Geistererscheinung und Der Zweikampf entfalten moralische Ambivalenz bei präziser Konstruktion. Kleists Novellen verbinden knappe Dramaturgie, abruptes Tempo und feine Perspektivwechsel, die Wahrnehmung und Urteil der Leserinnen und Leser herausfordern.
Neben Drama und Novelle arbeitete Kleist als Publizist und Meister kurzer Formen. Als Herausgeber der Berliner Abendblätter schrieb er Rezensionen, Miszellen und Anekdoten, etwa Tagesbegebenheit, Der verlegene Magistrat, Der Griffel Gottes, Französisches Exerzitium oder Helgoländisches Gottesgericht. In Fabeln und Aufsätzen – Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden, Über die Aufklärung des Weibes, Von der Überlegung, Brief eines Malers an seinen Sohn – verband er Scharfsinn und Paradoxie. Über das Marionettentheater wurde zum paradigmatischen Text ästhetischer Reflexion. Politische Schriften wie Einleitung zur Zeitschrift Germania und Katechismus der Deutschen artikulieren Zeitkritik und Widerstandsgeist.
Die späten Jahre waren von wirtschaftlichen Sorgen, Zensurproblemen und publizistischen Kämpfen geprägt; dennoch entstanden letzte Meisterwerke. 1811 endete Kleists Leben am Wannsee durch Suizid, eine Zäsur, die die unmittelbare Rezeption unterbrach. Allmählich wuchs das Ansehen: Bühnen und Lesepublikum entdeckten die intellektuelle Schärfe und theatrale Kraft von Prinz Friedrich von Homburg, Penthesilea oder Der zerbrochene Krug neu. Literaturgeschichtliche Würdigungen – von Rudolf Genées Heinrich von Kleist: Ein Bild seines Lebens und Wirkens bis zu Stefan Zweigs Biographischem Essay Der Kampf mit dem Dämon – beförderten die Moderne-Lektüre. Kleists Vermächtnis bleibt ein Maß radikaler poetischer Wahrheit.
Heinrich von Kleist (1777–1811), preußischer Offizier a.D., Dramatiker, Erzähler, Publizist, schrieb in einer Übergangszeit zwischen Aufklärung, Klassik und Frühromantik. Seine in dieser Sammlung vereinten Texte entstanden überwiegend zwischen den frühen 1800er Jahren und 1811, also im Zeitalter der napoleonischen Kriege und tiefgreifender innerer Reformen deutscher Staaten. Die Vielfalt der Gattungen – Erzählungen, Dramen, politische Schriften, Anekdoten, Gedichte und Briefe – spiegelt die experimentelle Energie einer Epoche, die ihre Institutionen, Normen und Ausdrucksformen neu ordnete. Kleists Werk steht dabei an der Schnittstelle von höfischer Theatertradition, bürgerlicher Öffentlichkeit und einem sich rasch ausweitenden Buch- und Zeitungsmarkt.
Die politischen Erschütterungen nach der Französischen Revolution und unter Napoleon prägten Kleists Lebenszeit unmittelbar. Preußens Niederlage bei Jena und Auerstedt (1806) und die darauf folgenden Reformen unter Stein und Hardenberg (ab 1807) veränderten Verwaltung, Militär, Wirtschaft und Rechtsordnung. Besetzung, Kontributionen und Bündnispolitik verschoben Loyalitäten und erzeugten ein Klima intensiver Patriotismus- und Freiheitsdebatten. Kleists politische Publizistik – von programmatischen Einleitungen über polemische Aufrufe bis zu satirischen Lehrstücken – reagiert auf diese Gegenwart. Texte wie die Einleitung zur Zeitschrift Germania oder der Katechismus der Deutschen verhandeln in unterschiedlichen Tonlagen die Frage, wie ein bedrängtes Gemeinwesen Handlungsfähigkeit, Würde und Recht behaupten kann.
Das Rechtssystem war um 1800 im Fluss: Zwischen ständisch-feudalen Resten, kodifikatorischen Entwürfen und dem Einfluss des Code Napoléon in Rheinbundstaaten wurden Zuständigkeiten, Verfahren und Autorität neu verhandelt. Kleists wiederkehrende Justizszenarien verdichten diese Spannungen exemplarisch. Michael Kohlhaas greift – mit historischer Vorlage im 16. Jahrhundert – Konflikte zwischen persönlichem Rechtsempfinden, obrigkeitlicher Willkür und staatlicher Ordnung auf. Der zerbrochne Krug spielt das Rechtstheater im Gerichtssaal komisch aus und beleuchtet die Rhetorik der Beweisführung. Novellen, Kurzstücke und anekdotische Rechtsfälle setzen außerdem England, Frankreich oder Italien als Vergleichsräume ein und kommentieren so die europäische Vielfalt juristischer Praktiken im Zeichen der Modernisierung.
Die Kriegsjahre seit den 1790er Jahren prägten Alltag, Ökonomie und Kultur. Wehrpflicht, Einquartierungen, Militärjustiz und Rekrutierungen griffen in Lebensläufe ein; Informationsflüsse über Feldzüge strukturierten die Presse. Kleists Dramenprojekt Die Hermannsschlacht – zu Lebzeiten nicht veröffentlicht – antwortet auf das Bedürfnis nach historischen Identifikationsmythen in Zeiten fremder Hegemonie. Anekdoten wie Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege oder Notate zu Napoleon halten Beobachtungen und Gerüchte fest, die damals die politisierte Öffentlichkeit bewegten. Zugleich zeigt die Zerbrechlichkeit solcher Kommunikationsräume die Grenzen: Zensur, Polizeiaufsicht und die Gefährdung oppositioneller Stimmen blieben ein konstanter Hintergrund literarischer Produktion.
Um 1800 erfuhr der deutschsprachige Raum eine mediale Verdichtung: verbesserte Drucktechnik, schnellere Postverbindungen, Leihbibliotheken und steigende Alphabetisierung vergrößerten die Leserschaft. Kleists Berliner Abendblätter (1810–1811) experimentierten mit der täglichen Mischung aus Nachrichten, Feuilletons, Rätseln, Polizeimeldungen, moralischen Betrachtungen und literarischen Miniaturen. Viele Kurztexte der Sammlung stammen aus dieser publizistischen Arbeit und demonstrieren, wie Literatur auf Nähe zur Gegenwart setzt. Gleichzeitig dokumentieren redaktionelle Anzeigen, Erklärungen und Konflikte mit den Behörden die prekären Bedingungen: Das Blatt erschien nur wenige Monate und wurde, neben finanziellen Problemen, auch durch Zensurdruck und politische Sensibilitäten eingeschränkt. Literatur und Journalismus verschränken sich hier produktiv und riskant.
Das deutschsprachige Theater institutionalisiert sich um 1800 in Hof- und Stadttheatern, mit festen Ensembles, Spielplänen und Regieautoritäten. Kleist rang mit diesen Strukturen. Der zerbrochne Krug wurde 1808 am Weimarer Hoftheater unter Goethes Leitung uraufgeführt und fiel beim Publikum durch – ein Schlüsselmoment für die ambivalente Beziehung zwischen Autor und klassizistischer Bühnenpraxis. Andere Stücke, etwa Das Käthchen von Heilbronn, fanden bald darauf Bühnenerfolge und trugen zur Bekanntheit des Autors bei. Tragödien wie Penthesilea oder der fragmentarische Robert Guiskard sprengten gängige Maßstäbe von Dekorum und Einheit, weshalb einige Werke erst posthum oder verspätet Repertoirestatus erlangten.
Die Spätphase der Weimarer Klassik und die Frühromantik boten konkurrierende ästhetische Programme. Kleist stand quer dazu: Seine Dramen kombinieren mythologische, historische und bürgerliche Stoffe mit abrupten Affektdynamiken, ironischer Distanz und experimenteller Form. Penthesilea bricht mit idealisierenden Antikenbildern und befragt Gewalt und Begehren jenseits harmonischer Maßformeln. Prinz Friedrich von Homburg setzt staatliche Disziplin mit subjektiver Traum- und Ehrenlogik in Spannung. Mit solchen Entwürfen widersetzte sich Kleist den normierenden Poetiken der Zeit, ohne deshalb ein Romantiker im engeren Sinn zu sein. Das erklärt die häufig konfliktreiche Erstaufnahme und die spätere, modernistisch sensibilisierte Anerkennung.
Die Erzählprosa greift häufig auf außereuropäische oder kolonial konnotierte Schauplätze zurück und reflektiert so Europas Blick auf die Welt. Die Verlobung in St. Domingo spielt vor dem Hintergrund der Haitianischen Revolution (1791–1804), die als erste erfolgreiche Sklavenrevolution ein geopolitisches Beben auslöste und europäische Vorstellungen von Freiheit, Rasse und Herrschaft herausforderte. Das Erdbeben in Chili verlegt die Handlung in das koloniale Chile des 17. Jahrhunderts und verbindet Naturkatastrophe, religiöse Deutung und soziale Ordnung. Solche Ortswechsel erlauben, zeitgenössische Konflikte – Gewalt, Recht, Vorurteil, Solidarität – indirekt zu spiegeln, ohne als tagespolitischer Kommentar zu veralten.
Religiöse Praktiken und musikalische Kultur befinden sich um 1800 im Wandel: Aufklärungskritik, pietistische Erneuerung und eine bürgerliche Musikkultur überlagern sich. In Preußen förderten Institutionen wie die Berliner Sing-Akademie (gegründet 1791) das Chorsingen und die Wiederentdeckung älterer Kirchenmusik. Kleists Legende Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik thematisiert die Wirkungsmacht des Klangs und verknüpft sie mit Fragen von Ordnung und Ekstase. Solche Texte stehen in einem Diskurs, der Musik als moralische, politische oder religiöse Kraft begreift und zugleich die Ambivalenz ästhetischer Überwältigung kenntlich macht. Der historische Rahmen liefert die Resonanzräume für diese ästhetischen Prüfungen.
Die um 1800 geführten erkenntnistheoretischen Debatten – insbesondere um Immanuel Kants Kritik – schärften das Bewusstsein für die Begrenztheit von Gewissheit. Kleists Briefe bezeugen die berühmte, existenziell zugespitzte Kant-Auseinandersetzung, die sein Vertrauen in gesichertes Wissen erschütterte. Essays wie Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden oder Über das Marionettentheater setzen daran an, indem sie Spontaneität, Körperwissen und Mechanik gegen ein rein reflexives Vernunftmodell profilieren. Die Faszination für Automaten, Physik und Technik der Zeit liefert dafür anschauliche Metaphern. So verschränkt die Sammlung philosophische Skepsis mit Erfahrungskunst und erprobt Wege, wie Sprache Denken erst hervorbringt.
Die Reformzeit verhandelte Geschlechterordnungen neu: Mädchenschulen, bürgerliche Tugendideale und juristische Vormundschaftsregeln wurden kontrovers diskutiert. Kleists Aufsatz Über die Aufklärung des Weibes nimmt an diesen Debatten teil, ohne sie auf einen einfachen Nenner zu bringen. Seine Erzählungen und Dramen konfrontieren traditionelle Ehr- und Familienmodelle mit weiblicher Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Kontrolle. Die Marquise von O... lädt die Leserschaft ein, über Reputation, Zustimmung und weibliche Selbstbestimmung nachzudenken, während Das Käthchen von Heilbronn historisch gefärbte Loyalitätsmuster mit Wunder- und Prüfungssemantiken verschränkt. Der historische Kontext erklärt, warum solche Konstellationen zugleich provokant, populär und missverständlich wirken konnten.
Berlin und andere zentrale Orte der Sammlung zeigen die Verdichtung städtischer Moderne: Polizeiverordnungen, Straßenbeleuchtung, geregelte Märkte, Hospitäler wie die Charité, Waisenhäuser und neue Verkehrsordnungen prägen den Alltag. Kleists Kurztexte reagieren auf diese Lebenswelt, indem sie kleinteilige, oft beiläufige Vorgänge protokollieren: ein Vorfall im Krankenhaus, das Läuten von Glocken, kleine Amtsirrtümer, komische Missverständnisse der Verwaltung. Solche Anekdoten und Miszellen sind keine Nebensachen; sie dokumentieren die Entstehung einer urbanen Öffentlichkeit, in der Normverletzung, Sensation und Moralpredigt nebeneinanderstehen. Die Sammlung bewahrt damit mikrohistorische Spuren einer sich rasant differenzierenden Stadtgesellschaft.
Ökonomisch markiert die Epoche den Übergang von ständischen Bindungen zu mobileren Marktbeziehungen. Die Aufhebung der Erbuntertänigkeit in Preußen (Oktoberedikt 1807) und weitere Reformakte veränderten Besitz, Arbeit und Migration. In den Texten erscheinen Kredit, Handel, Abgaben und Korruption als Themen einer Gesellschaft in Bewegung. Michael Kohlhaas stellt einen Händler in den Mittelpunkt, dessen Konflikt mit lokalen Autoritäten Fragen nach Eigentum, Vertrag und Schutzrechten aufwirft. Anekdoten und Miszellen notieren Alkoholmissbrauch, Preisbewegungen oder militärisch bedingte Verknappungen als soziale Symptome. Kleists Perspektive bleibt dabei ambivalent: Sie registriert die Chancen neuer Freiheiten ebenso wie ihre Risiken und Verwundbarkeiten.
Französisch war in höfischen und diplomatischen Kontexten lingua franca und prägte auch den Journalismus. Napoleons Dominanz verstärkte zugleich sprachliche und politische Abwehrhaltungen. Kleists Übersetzungen aus dem Französischen und das satirisch-instruktive Lehrbuch der französischen Journalistik führen die Auseinandersetzung mit Stil, Tonfall und Argumentationsweisen der Nachbarmacht exemplarisch vor. Übersetzen fungiert hier als kulturelle Technik der Aneignung und Kritik. Die Mischung aus wörtlicher Übertragung, Parodie und analytischer Verdichtung zeigt, wie stark der deutsch-französische Austausch – trotz Besatzung und Krieg – die Medienlandschaft strukturierte. So wird Sprache selbst zum Schauplatz politischer Bildung, Täuschung und Aufklärung.
Nach Kleists Tod 1811 setzten die Editionen seiner Werke nur schrittweise ein. Mehrere Dramen wurden erst in den 1820er Jahren gedruckt oder gespielt; die Kritik schwankte zwischen Bewunderung und Verstörung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Umfeld wachsender nationaler Institutionen und historischer Feiern, gewann Kleist an kanonischem Gewicht. Historische Stoffe wie Prinz Friedrich von Homburg wurden nun als Staats- und Pflichtdramen gelesen, während Novellen in Schulausgaben Verbreitung fanden. Rudolf Genées Lebensbild trug zur biografischen Konsolidierung bei. Dennoch blieb die Deutung umstritten: moralisch-didaktische Lesarten konkurrierten mit ästhetisch radikalen Bewertungen seiner Formexperimente.
Im 20. Jahrhundert wurde Kleist zum Referenzautor für Regie- und Literaturmoderne. Expressionistische und später existenzialistische Sensibilitäten stärkten die Resonanz seiner Konfliktmodelle. Inszenierungen auf großen Bühnen, neue Textkritik und Kommentarausgaben erweiterten das Publikum. Stefan Zweig deutete Kleist in Der Kampf mit dem Dämon als von innerer Maßlosigkeit angetrieben – eine Deutung, die produktiv, aber nicht unumstritten blieb. Nationalistische Vereinnahmungen wählten wiederum selektiv heroische Stoffe. Nach 1945 stritten Theater und Hochschulen in beiden deutschen Staaten über obrigkeitskritische oder staatspädagogische Lesarten. Bis in die Gegenwart entstehen Adaptionen, die Recht, Gewalt, Gender und Medienreflexion neu kontextualisieren.
Die vorliegende Sammlung ist nicht nur ein Werkcorpus, sondern ein Archiv der Umbruchszeit um 1800. Sie bündelt juristische, politische, ästhetische und anthropologische Experimente und macht erfahrbar, wie Literatur die Widersprüche einer kriegs- und reformgeprägten Gesellschaft reflektiert. Indem sie Zeitungstexte neben Tragödien, Anekdoten neben Programmschriften stellt, zeigt sie die Durchlässigkeit von Gattungsgrenzen in einer entstehenden Massenöffentlichkeit. Zugleich eröffnet der Nachlassraum – mit biografischen Zeugnissen und späteren Stimmen über Kleist – den Blick auf sich wandelnde Deutungshorizonte. So liest sich die Sammlung als Kommentar zur eigenen Zeit und als Prüfstein späterer Epochen.
Ein rechtschaffener Pferdehändler erlebt eine willkürliche Verletzung seines Eigentums und prallt an der Unbeweglichkeit der Obrigkeit ab. Aus dem Versuch, mit legalen Mitteln Gerechtigkeit zu erlangen, wächst ein privater Krieg, der Rechtssinn und Fanatismus unheimlich verschränkt. Der Ton ist unerbittlich und prüfend, mit strenger Logik und moralischer Ambivalenz.
Eine hochangesehene Witwe wird schwanger und sucht öffentlich den unbekannten Vater, während Gerüchte und Konventionen sie einschließen. Kleist entfaltet eine kunstvoll verschattete Untersuchung von Einwilligung, gesellschaftlicher Kontrolle und weiblicher Selbstbehauptung. Der Stil balanciert höfische Form mit psychologischer Unruhe.
Ein Liebespaar entgeht in einer Naturkatastrophe dem drohenden Strafurteil und findet kurzzeitig menschliche Solidarität. Die Erzählung zeigt, wie rasch Gnade in Gewalt umschlagen kann, wenn religiöse Deutungen und Massenstimmungen kippen. Der Ton verbindet epische Ruhe mit abrupter Tragik.
In den Wirren eines kolonialen Aufstands begegnen sich zwei Liebende, deren Vertrauen durch Rassenangst und Verrat auf die Probe gestellt wird. Eine Kette von Missdeutungen zeigt, wie Vorurteil und Krieg die Wahrnehmung verformen. Die Erzählung ist gedrängt, spannungsreich und unerbittlich konsequent.
Ein kaltherziger Affront gegen eine Bettlerin ruft eine unheimliche Gegenmacht hervor, die ein Haus und sein Gewissen heimsucht. Die kurze Legende verknüpft soziale Härte mit metaphysischer Vergeltung. Nüchtern erzählte Schreckensbilder erzeugen moralischen Nachhall.
Ein scheinbar schutzbedürftiger Knabe zieht in ein bürgerliches Haus ein und entwickelt sich zum zerstörerischen Fremdkörper. Die Erzählung seziert das Eindringen des Bösen in vertraute Ordnungen, ohne einfache Motive zu liefern. Der Ton ist kühl, die Dynamik fatalistisch.
Eine fanatische Bande will ein Kirchenfest schänden, begegnet aber der überwältigenden Macht sakraler Musik. Die Legende zeigt Kunst als Kraft, die Gemüt und Wille auf geheimnisvolle Weise umbilden kann. Der Stil ist feierlich und von leiser Ironie durchzogen.
Ein Bericht über eine vermeintliche Erscheinung tastet die Grenze zwischen Wahrnehmung, Einbildung und Erzählglaubwürdigkeit ab. Kleist nutzt das Unheimliche, um Gewissheiten zu erschüttern. Der Ton bleibt sachlich und doch suggestiv.
In einer mittelalterlichen Gesellschaft soll ein Gottesurteil über Ehre und Schuld entscheiden, als eine Frau der Untreue bezichtigt wird. Die Handlung spiegelt, wie Rituale der Wahrheitssuche zwischen Recht und Gewalt verkeilt sind. Knappe, spannungsvolle Szenen verdichten die Frage nach Gerechtigkeit.
Zwei verfeindete Familienzweige verstricken sich durch Misstrauen und Fehlinterpretationen in eine Tragödie. Kleist zerlegt die psychologische Mechanik von Verdacht und Selbstzerstörung. Der Stil ist heftig, mit abrupten Wendungen und dunkler Ironie.
Ein Dorfrichter untersucht einen nächtlichen Skandal, den er selbst verursacht hat. Die Komödie entblößt Justiz, Sprache und Machtspiele, indem Ausreden und Spurenführung in sich zurücklaufen. Leichtfüßiger Ton trifft auf präzise Satire.
Götterdoppelgänger verwirren Identität, Ehe und Wahrheit in einer Neubearbeitung des antiken Stoffs. Kleist schärft die Komik und die metaphysische Unsicherheit zugleich. Das Spiel mit Täuschung und Selbstkenntnis wird elegant und nachdenklich geführt.
Die Amazonenkönigin begegnet Achilles, und Liebe kippt in zerstörerische Besessenheit. Das Drama sprengt heroische und sentimentale Konventionen, indem es Trieb, Gesetz und Krieg unversöhnlich kollidieren lässt. Die Sprache ist furios, zerklüftet und bildgewaltig.
Eine junge Frau folgt unerschütterlich einer inneren Gewissheit und stellt ständische Grenzziehungen auf die Probe. Ritterspiel, Traum und Prüfung verbinden sich zu einem märchenhaft-ernsten Stück über Reinheit und Bestimmung. Der Ton changiert zwischen Romantik und Ironie.
Im Zeichen nationaler Bedrohung formiert sich Widerstand, der Einheit und Grausamkeit zugleich freisetzt. Kleist entfaltet eine Rhetorik der Mobilisierung, die heroische Rede und taktische Skrupellosigkeit scharf nebeneinanderstellt. Die Wirkung ist kämpferisch und beunruhigend.
Das Stück zeichnet die Kälte politischer Strategie und das Ringen um Herrschaft in einer Epoche des Umbruchs. Planung, Schicksal und Charisma geraten in einen unauflösbaren Konflikt. Der Ton ist hochstilisiert, mit weit gespannten Machtperspektiven.
Ein genialischer Offizier überschreitet im Traum- und Ausnahmezustand militärische Ordnung und muss sich vor dem Gesetz verantworten. Kleist verhandelt Gehorsam, Ehre und die Freiheit des inneren Impulses. Die Sprache ist klar, die Situationen moralisch und psychologisch doppelbödig.
Kurze, pointierte Berichte und Anekdoten spiegeln Alltag, Militärwesen und politische Spannungen der Epoche in miniaturhaften Szenen. Häufig kehren paradoxe Pointe, nüchterne Beobachtung und leiser Spott über Bürokratie oder Ruhm zurück. Der Ton schwankt zwischen trockenem Faktenstil und satirischer Verdichtung.
Diese Stücke sezieren kleinstädtische Moral, Amtsverhalten und zufällige Wunderlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ob frommer Zufall oder menschliche Schwäche – stets steht zur Debatte, wie Erzählung Bedeutung herstellt. Ein lakonischer, manchmal rührender, oft ironischer Ton überwiegt.
Historische und halb-legendäre Miniaturen zeigen Geistesgegenwart, Exzentrik oder Willkür berühmter Personen. Die Texte sind epigrammatisch gebaut und zielen auf eine charakteristische Wendung. Autorität, Witz und Weltklugheit werden im Kurzformat erprobt.
Spielerische, bisweilen pseudo-wissenschaftliche oder parodistische Texte prüfen die Grenzen des Glaubhaften. Rätselhaftes und literarische Brechungen führen Erwartungen an Moral und Wahrscheinlichkeit vor. Der Ton ist experimentell, zwischen Scherz, Skepsis und Reflexion.
Berichte über Rechtsfälle, Zweikämpfe und drastische Vorkommnisse beleuchten Grauzonen zwischen Gesetz, Ehre und Zufall. Die erzählerische Knappheit verstärkt die moralische Unruhe und die Faszination des Absonderlichen. Häufig schließt eine trockene Pointe die Beobachtung ab.
In tierischer Maskierung verhandeln die Fabeln menschliche List, Ungleichheit und Erwartung. Kleist spielt mit dem didaktischen Erbe der Fabel, bis zur demonstrativen Auslassung der Moral. Der Ton ist knapp, doppelsinnig und pointiert.
Kurze Prosastücke spiegeln Geschlechterrollen, Heilserwartungen und den Druck der Tradition mit satirischer Kühle. Sie zeigen, wie rasch Verhaltensnormen in Absurdität umkippen können. Der Ton reicht von spöttisch bis ernst, stets auf Wirkung der Pointe bedacht.
Diese Überlegungen zeigen Denken als Prozess, der sich im Sprechen und in der Spannung zwischen Eingebung und Kontrolle entfaltet. Kleist betont produktive Ungewissheit und das Risiko der Entscheidung. Der Stil ist argumentativ, anschaulich und paradoxiefreudig.
Praktische und polemische Skizzen zur Bildung, zu künstlerischer Haltung und zur Selbstführung verknüpfen Erfahrung mit normativer Schärfe. Ironie und Ernst greifen ineinander, wenn Programme erprobt oder verworfen werden. Der Ton ist direkt, bildhaft und adressatenbezogen.
In dialogischer Form wird die Idee entfaltet, dass anmutige Bewegung dort entsteht, wo Bewusstsein nicht stört. Der Text setzt Kunst, Mechanik und Gnade in ein paradoxes Verhältnis. Die Klarheit der Form kontrastiert die philosophische Tiefe.
Kurzkritiken, Briefe und Notizen demonstrieren Kleists lebendige Teilnahme am literarischen und moralischen Diskurs seiner Zeit. Der Zugriff ist prägnant, bisweilen satirisch, oft experimentell in der Form. Reflexion und Momentaufnahme fallen produktiv zusammen.
Diese Arbeiten zeigen Kleists Interesse an fremden Stilgesetzen und Stoffen, die er in seine eigene rhetorische Ökonomie überführt. Übersetzen dient als Schule der Form und als Spiegel politisch-moralischer Fragen. Der Ton variiert je nach Vorlage zwischen klassisch und pointiert.
Gelegenheitsstücke, Theater- und Kunstbetrachtungen sowie städtische Nachrichten verbinden Beobachtungsschärfe mit rhetorischer Knappheit. Zwischen Anteilnahme und Ironie entsteht ein Panorama des zeitgenössischen Kulturlebens. Die Texte sind funktional, präzise und oft mit einer leisen Wendung versehen.
Programmschriften und Appelle formulieren nationale Selbstverständigung und Handlungsdringlichkeit in krisenhaften Zeiten. Sie arbeiten mit erhöhter Sprache, religiösen Bildern und strategischer Schärfe. Der Ton ist mobilisierend, pathetisch und kalkuliert.
Fabel, Paradoxon, Lehrbuch und Katechismus dienen als Versuchsanordnungen, um Macht, Öffentlichkeit und Tugend kritisch zu beleuchten. Kleist setzt auf Umkehrung, Überzeichnung und Formstrenge, um Urteilskraft zu schärfen. Der Ton ist schneidend, didaktisch und experimentierfreudig.
Die Lyrik verdichtet Themen wie Liebe, Schicksal, Krieg und innere Zerrissenheit in prägnanten Bildern. Formale Klarheit trifft auf dramatischen Impuls. Häufig entsteht Spannung aus der Reibung von Pathos und skeptischer Reflexion.
Die Briefe zeigen Werkstatt, Konflikte und intellektuelle Netze in ungeschönter Unmittelbarkeit. Sie wechseln zwischen praktischen Anliegen und poetologischer Selbstprüfung. Der Ton reicht von sachlich bis existenziell bewegter Selbstanalyse.
Zwei biographisch-essayistische Stimmen zeichnen ein interpretatives Bild von Kleists Persönlichkeit und Schaffen. Sie verbinden Lebensbeschreibung mit Deutung wiederkehrender Motive und Spannungen. Der Ton ist reflektierend und zusammenfassend.
Kleist variiert radikal die Konstellation von Recht und Gerechtigkeit, individueller Eingebung und äußerer Ordnung, wobei Missverständnis und plötzlicher Umschlag zentrale Motoren sind. Seine Prosa ist knapp, spannungsgeladen und oft experimentell, die Dramen arbeiten mit hoher rhetorischer Energie und paradoxen Entscheidungen. Über das gesamte Werk ziehen sich Ambivalenz, moralische Strenge und eine Vorliebe für Formen, die Denken im Vollzug zeigen.
An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder[1q].
Er ritt einst, mit einer Koppel junger Pferde, wohlgenährt alle und glänzend, ins Ausland, und überschlug eben, wie er den Gewinst, den er auf den Märkten damit zu machen hoffte, anlegen wolle: teils, nach Art guter Wirte, auf neuen Gewinst, teils aber auch auf den Genuß der Gegenwart: als er an die Elbe kam, und bei einer stattlichen Ritterburg, auf sächsischem Gebiete, einen Schlagbaum traf, den er sonst auf diesem Wege nicht gefunden hatte. Er hielt, in einem Augenblick, da eben der Regen heftig stürmte, mit den Pferden still, und rief den Schlagwärter, der auch bald darauf, mit einem grämlichen Gesicht, aus dem Fenster sah. Der Roßhändler sagte, daß er ihm öffnen solle. Was gibts hier Neues? fragte er, da der Zöllner, nach einer geraumen Zeit, aus dem Hause trat. Landesherrliches Privilegium, antwortete dieser, indem er aufschloß: dem Junker Wenzel von Tronka verliehen. – So, sagte Kohlhaas. Wenzel heißt der Junker? und sah sich das Schloß an, das mit glänzenden Zinnen über das Feld blickte. Ist der alte Herr tot? – Am Schlagfluß gestorben, erwiderte der Zöllner, indem er den Baum in die Höhe ließ. – Hm! Schade! versetzte Kohlhaas. Ein würdiger alter Herr, der seine Freude am Verkehr der Menschen hatte, Handel und Wandel, wo er nur vermochte, forthalf, und einen Steindamm einst bauen ließ, weil mir eine Stute, draußen, wo der Weg ins Dorf geht, das Bein gebrochen. Nun! Was bin ich schuldig? – fragte er; und holte die Groschen, die der Zollwärter verlangte, mühselig unter dem im Winde flatternden Mantel hervor. »Ja, Alter«, setzte er noch hinzu, da dieser: hurtig! hurtig! murmelte, und über die Witterung fluchte: »wenn der Baum im Walde stehen geblieben wäre, wärs besser gewesen, für mich und Euch«; und damit gab er ihm das Geld und wollte reiten. Er war aber noch kaum unter den Schlagbaum gekommen, als eine neue Stimme schon: halt dort, der Roßkamm! hinter ihm vom Turm erscholl, und er den Burgvogt ein Fenster zuwerfen und zu ihm herabeilen sah. Nun, was gibts Neues? fragte Kohlhaas bei sich selbst, und hielt mit den Pferden an. Der Burgvogt, indem er sich noch eine Weste über seinen weitläufigen Leib zuknüpfte, kam, und fragte, schief gegen die Witterung gestellt, nach dem Paßschein. – Kohlhaas fragte: der Paßschein? Er sagte ein wenig betreten, daß er, soviel er wisse, keinen habe; daß man ihm aber nur beschreiben möchte, was dies für ein Ding des Herrn sei: so werde er vielleicht zufälligerweise damit versehen sein. Der Schloßvogt, indem er ihn von der Seite ansah, versetzte, daß ohne einen landesherrlichen Erlaubnisschein, kein Roßkamm mit Pferden über die Grenze gelassen würde. Der Roßkamm versicherte, daß er siebzehn Mal in seinem Leben, ohne einen solchen Schein, über die Grenze gezogen sei; daß er alle landesherrlichen Verfügungen, die sein Gewerbe angingen, genau kennte; daß dies wohl nur ein Irrtum sein würde, wegen dessen er sich zu bedenken bitte, und daß man ihn, da seine Tagereise lang sei, nicht länger unnützer Weise hier aufhalten möge. Doch der Vogt erwiderte, daß er das achtzehnte Mal nicht durchschlüpfen würde, daß die Verordnung deshalb erst neuerlich erschienen wäre, und daß er entweder den Paßschein noch hier lösen, oder zurückkehren müsse, wo er hergekommen sei. Der Roßhändler, den diese ungesetzlichen Erpressungen zu erbittern anfingen, stieg, nach einer kurzen Besinnung, vom Pferde, gab es einem Knecht, und sagte, daß er den Junker von Tronka selbst darüber sprechen würde. Er ging auch auf die Burg; der Vogt folgte ihm, indem er von filzigen Geldraffern und nützlichen Aderlässen derselben murmelte; und beide traten, mit ihren Blicken einander messend, in den Saal. Es traf sich, daß der Junker eben, mit einigen muntern Freunden, beim Becher saß, und, um eines Schwanks willen, ein unendliches Gelächter unter ihnen erscholl, als Kohlhaas, um seine Beschwerde anzubringen, sich ihm näherte. Der Junker fragte, was er wolle; die Ritter, als sie den fremden Mann erblickten, wurden still; doch kaum hatte dieser sein Gesuch, die Pferde betreffend, angefangen, als der ganze Troß schon: Pferde? Wo sind sie? ausrief, und an die Fenster eilte, um sie zu betrachten. Sie flogen, da sie die glänzende Koppel sahen, auf den Vorschlag des Junkers, in den Hof hinab; der Regen hatte aufgehört; Schloßvogt und Verwalter und Knechte versammelten sich um sie, und alle musterten die Tiere. Der eine lobte den Schweißfuchs mit der Blesse, dem andern gefiel der Kastanienbraune, der dritte streichelte den Schecken mit schwarzgelben Flecken; und alle meinten, daß die Pferde wie Hirsche wären, und im Lande keine bessern gezogen würden. Kohlhaas erwiderte munter, daß die Pferde nicht besser wären, als die Ritter, die sie reiten sollten; und forderte sie auf, zu kaufen. Der Junker, den der mächtige Schweißhengst sehr reizte, befragte ihn auch um den Preis; der Verwalter lag ihm an, ein Paar Rappen zu kaufen, die er, wegen Pferdemangels, in der Wirtschaft gebrauchen zu können glaubte; doch als der Roßkamm sich erklärt hatte, fanden die Ritter ihn zu teuer, und der Junker sagte, daß er nach der Tafelrunde reiten und sich den König Arthur aufsuchen müsse, wenn er die Pferde so anschlage. Kohlhaas, der den Schloßvogt und den Verwalter, indem sie sprechende Blicke auf die Rappen warfen, mit einander flüstern sah, ließ es, aus einer dunkeln Vorahndung, an nichts fehlen, die Pferde an sie los zu werden. Er sagte zum Junker: »Herr, die Rappen habe ich vor sechs Monaten für 25Goldgülden gekauft; gebt mir 30, so sollt Ihr sie haben.« Zwei Ritter, die neben dem Junker standen, äußerten nicht undeutlich, daß die Pferde wohl so viel wert wären; doch der Junker meinte, daß er für den Schweißfuchs wohl, aber nicht eben für die Rappen, Geld ausgeben möchte, und machte Anstalten, aufzubrechen; worauf Kohlhaas sagte, er würde vielleicht das nächste Mal, wenn er wieder mit seinen Gaulen durchzöge, einen Handel mit ihm machen; sich dem Junker empfahl, und die Zügel seines Pferdes ergriff, um abzureisen. In diesem Augenblick trat der Schloßvogt aus dem Haufen vor, und sagte, er höre, daß er ohne einen Paßschein nicht reisen dürfe. Kohlhaas wandte sich und fragte den Junker, ob es denn mit diesem Umstand, der sein ganzes Gewerbe zerstöre, in der Tat seine Richtigkeit habe? Der Junker antwortete, mit einem verlegnen Gesicht, indem er abging: ja, Kohlhaas, den Paß mußt du lösen. Sprich mit dem Schloßvogt, und zieh deiner Wege. Kohlhaas versicherte ihn, daß es gar nicht seine Absicht sei, die Verordnungen, die wegen Ausführung der Pferde bestehen möchten, zu umgehen; versprach, bei seinem Durchzug durch Dresden, den Paß in der Geheimschreiberei zu lösen, und bat, ihn nur diesmal, da er von dieser Forderung durchaus nichts gewußt, ziehen zu lassen. Nun! sprach der Junker, da eben das Wetter wieder zu stürmen anfing, und seine dürren Glieder durchsauste: laßt den Schlucker laufen. Kommt! sagte er zu den Rittern, kehrte sich um, und wollte nach dem Schlosse gehen. Der Schloßvogt sagte, zum Junker gewandt, daß er wenigstens ein Pfand, zur Sicherheit, daß er den Schein lösen würde, zurücklassen müsse. Der Junker blieb wieder unter dem Schloßtor stehen. Kohlhaas fragte, welchen Wert er denn, an Geld oder an Sachen, zum Pfande, wegen der Rappen, zurücklassen solle? Der Verwalter meinte, in den Bart murmelnd, er könne ja die Rappen selbst zurücklassen. Allerdings, sagte der Schloßvogt, das ist das Zweckmäßigste; ist der Paß gelöst, so kann er sie zu jeder Zeit wieder abholen. Kohlhaas, über eine so unverschämte Forderung betreten, sagte dem Junker, der sich die Wamsschöße frierend vor den Leib hielt, daß er die Rappen ja verkaufen wolle; doch dieser, da in demselben Augenblick ein Windstoß eine ganze Last von Regen und Hagel durchs Tor jagte, rief, um der Sache ein Ende zu machen: wenn er die Pferde nicht loslassen will, so schmeißt ihn wieder über den Schlagbaum zurück; und ging ab. Der Roßkamm, der wohl sah, daß er hier der Gewalttätigkeit weichen mußte, entschloß sich, die Forderung, weil doch nichts anders übrig blieb, zu erfüllen; spannte die Rappen aus, und führte sie in einen Stall, den ihm der Schloßvogt anwies. Er ließ einen Knecht bei ihnen zurück, versah ihn mit Geld, ermahnte ihn, die Pferde, bis zu seiner Zurückkunft, wohl in acht zu nehmen, und setzte seine Reise, mit dem Rest der Koppel, halb und halb ungewiß, ob nicht doch wohl, wegen aufkeimender Pferdezucht, ein solches Gebot, im Sächsischen, erschienen sein könne nach Leipzig, wo er auf die Messe wollte, fort.
In Dresden, wo er, in einer der Vorstädte der Stadt, ein Haus mit einigen Ställen besaß, weil er von hier aus seinen Handel auf den kleineren Märkten des Landes zu bestreiten pflegte, begab er sich, gleich nach seiner Ankunft, auf die Geheimschreiberei, wo er von den Räten, deren er einige kannte, erfuhr, was ihm allerdings sein erster Glaube schon gesagt hatte, daß die Geschichte von dem Paßschein ein Märchen sei. Kohlhaas, dem die mißvergnügten Räte, auf sein Ansuchen, einen schriftlichen Schein über den Ungrund derselben gaben, lächelte über den Witz des dürren Junkers, obschon er noch nicht recht einsah, was er damit bezwecken mochte; und die Koppel der Pferde, die er bei sich führte, einige Wochen darauf, zu seiner Zufriedenheit, verkauft, kehrte er, ohne irgend weiter ein bitteres Gefühl, als das der allgemeinen Not der Welt, zur Tronkenburg zurück. Der Schloßvogt, dem er den Schein zeigte, ließ sich nicht weiter darüber aus, und sagte, auf die Frage des Roßkamms, ob er die Pferde jetzt wieder bekommen könne: er möchte nur hinunter gehen und sie holen. Kohlhaas hatte aber schon, da er über den Hof ging, den unangenehmen Auftritt, zu erfahren, daß sein Knecht, ungebührlichen Betragens halber, wie es hieß, wenige Tage nach dessen Zurücklassung in der Tronkenburg, zerprügelt und weggejagt worden sei. Er fragte den Jungen, der ihm diese Nachricht gab, was denn derselbe getan? und wer während dessen die Pferde besorgt hätte? worauf dieser aber erwiderte, er wisse es nicht, und darauf dem Roßkamm, dem das Herz schon von Ahnungen schwoll, den Stall, in welchem sie standen, öffnete. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er, statt seiner zwei glatten und wohlgenährten Rappen, ein Paar dürre, abgehärmte Mähren erblickte; Knochen, denen man, wie Riegeln, hätte Sachen aufhängen können; Mähnen und Haare, ohne Wartung und Pflege, zusammengeknetet: das wahre Bild des Elends im Tierreiche! Kohlhaas, den die Pferde, mit einer schwachen Bewegung, anwieherten, war auf das äußerste entrüstet, und fragte, was seinen Gaulen widerfahren wäre? Der Junge, der bei ihm stand, antwortete, daß ihnen weiter kein Unglück zugestoßen wäre, daß sie auch das gehörige Futter bekommen hätten, daß sie aber, da gerade Ernte gewesen sei, wegen Mangels an Zugvieh, ein wenig auf den Feldern gebraucht worden wären. Kohlhaas fluchte über diese schändliche und abgekartete Gewalttätigkeit, verbiß jedoch, im Gefühl seiner Ohnmacht, seinen Ingrimm, und machte schon, da doch nichts anders übrig blieb, Anstalten, das Raubnest mit den Pferden nur wieder zu verlassen, als der Schloßvogt, von dem Wortwechsel herbeigerufen, erschien, und fragte, was es hier gäbe? Was es gibt? antwortete Kohlhaas. Wer hat dem Junker von Tronka und dessen Leuten die Erlaubnis gegeben, sich meiner bei ihm zurückgelassenen Rappen zur Feldarbeit zu bedienen? Er setzte hinzu, ob das wohl menschlich wäre? versuchte, die erschöpften Gaule durch einen Gertenstreich zu erregen, und zeigte ihm, daß sie sich nicht rührten. Der Schloßvogt, nachdem er ihn eine Weile trotzig angesehen hatte, versetzte: seht den Grobian! Ob der Flegel nicht Gott danken sollte, daß die Mähren überhaupt noch leben? Er fragte, wer sie, da der Knecht weggelaufen, hätte pflegen sollen? Ob es nicht billig gewesen wäre, daß die Pferde das Futter, das man ihnen gereicht habe, auf den Feldern abverdient hätten? Er schloß, daß er hier keine Flausen machen möchte, oder daß er die Hunde rufen, und sich durch sie Ruhe im Hofe zu verschaffen wissen würde. – Dem Roßhändler schlug das Herz gegen den Wams. Es drängte ihn, den nichtswürdigen Dickwanst in den Kot zu werfen, und den Fuß auf sein kupfernes Antlitz zu setzen. Doch sein Rechtgefühl, das einer Goldwaage glich, wankte noch; er war, vor der Schranke seiner eigenen Brust, noch nicht gewiß, ob eine Schuld seinen Gegner drücke; und während er, die Schimpfreden niederschluckend, zu den Pferden trat, und ihnen, in stiller Erwägung der Umstände, die Mähnen zurecht legte, fragte er mit gesenkter Stimme: um welchen Versehens halber der Knecht denn aus der Burg entfernt worden sei? Der Schloßvogt erwiderte: weil der Schlingel trotzig im Hofe gewesen ist! Weil er sich gegen einen notwendigen Stallwechsel gesträubt, und verlangt hat, daß die Pferde zweier Jungherren, die auf die Tronkenburg kamen, um seiner Mähren willen, auf der freien Straße übernachten sollten! – Kohlhaas hätte den Wert der Pferde darum gegeben, wenn er den Knecht zur Hand gehabt, und dessen Aussage mit der Aussage dieses dickmäuligen Burgvogts hätte vergleichen können. Er stand noch, und streifte den Rappen die Zoddeln aus, und sann, was in seiner Lage zu tun sei, als sich die Szene plötzlich änderte, und der Junker Wenzel von Tronka, mit einem Schwarm von Rittern, Knechten und Hunden, von der Hasenhetze kommend, in den Schloßplatz sprengte. Der Schloßvogt, als er fragte, was vorgefallen sei, nahm sogleich das Wort, und während die Hunde, beim Anblick des Fremden, von der einen Seite, ein Mordgeheul gegen ihn anstimmten, und die Ritter ihnen, von der andern, zu schweigen geboten, zeigte er ihm, unter der gehässigsten Entstellung der Sache, an, was dieser Roßkamm, weil seine Rappen ein wenig gebraucht worden wären, für eine Rebellion verführe. Er sagte, mit Hohngelächter, daß er sich weigere, die Pferde als die seinigen anzuerkennen. Kohlhaas rief: »das sind nicht meine Pferde, gestrenger Herr! Das sind die Pferde nicht, die dreißig Goldgülden wert waren! Ich will meine wohlgenährten und gesunden Pferde wieder haben![2q]« – Der Junker, indem ihm eine flüchtige Blässe ins Gesicht trat, stieg vom Pferde, und sagte: wenn der H... A... die Pferde nicht wiedernehmen will, so mag er es bleiben lassen. Komm, Günther! rief er – Hans! Kommt! indem er sich den Staub mit der Hand von den Beinkleidern schüttelte; und: schafft Wein! rief er noch, da er mit den Rittern unter der Tür war; und ging ins Haus. Kohlhaas sagte, daß er eher den Abdecker rufen, und die Pferde auf den Schindanger schmeißen lassen, als sie so, wie sie wären, in seinen Stall zu Kohlhaasenbrück führen wolle. Er ließ die Gaule, ohne sich um sie zu bekümmern, auf dem Platz stehen, schwang sich, indem er versicherte, daß er sich Recht zu verschaffen wissen würde, auf seinen Braunen, und ritt davon.
Spornstreichs auf dem Wege nach Dresden war er schon, als er, bei dem Gedanken an den Knecht, und an die Klage, die man auf der Burg gegen ihn führte, schrittweis zu reiten anfing, sein Pferd, ehe er noch tausend Schritt gemacht hatte, wieder wandte, und zur vorgängigen Vernehmung des Knechts, wie es ihm klug und gerecht schien, nach Kohlhaasenbrück einbog. Denn ein richtiges, mit der gebrechlichen Einrichtung der Welt schon bekanntes Gefühl machte ihn, trotz der erlittenen Beleidigungen, geneigt, falls nur wirklich dem Knecht, wie der Schloßvogt behauptete, eine Art von Schuld beizumessen sei, den Verlust der Pferde, als eine gerechte Folge davon, zu verschmerzen. Dagegen sagte ihm ein ebenso vertreffliches Gefühl, und dies Gefühl faßte tiefere und tiefere Wurzeln, in dem Maße, als er weiter ritt, und überall, wo er einkehrte, von den Ungerechtigkeiten hörte, die täglich auf der Tronkenburg gegen die Reisenden verübt wurden: daß wenn der ganze Vorfall, wie es allen Anschein habe, bloß abgekartet sein sollte, er mit seinen Kräften der Welt in der Pflicht verfallen sei, sich Genugtuung für die erlittene Kränkung, und Sicherheit für zukünftige seinen Mitbürgern zu verschaffen.
Sobald er, bei seiner Ankunft in Kohlhaasenbrück, Lisbeth, sein treues Weib, umarmt, und seine Kinder, die um seine Kniee frohlockten, geküßt hatte, fragte er gleich nach Herse, dem Großknecht: und ob man nichts von ihm gehört habe? Lisbeth sagte: ja liebster Michael, dieser Herse! Denke dir, daß dieser unselige Mensch, vor etwa vierzehn Tagen, auf das jämmerlichste zerschlagen, hier eintrifft; nein, so zerschlagen, daß er auch nicht frei atmen kann. Wir bringen ihn zu Bett, wo er heftig Blut speit, und vernehmen, auf unsre wiederholten Fragen, eine Geschichte, die keiner versteht. Wie er von dir mit Pferden, denen man den Durchgang nicht verstattet, auf der Tronkenburg zurückgelassen worden sei, wie man ihn, durch die schändlichsten Mißhandlungen, gezwungen habe, die Burg zu verlassen, und wie es ihm unmöglich gewesen wäre, die Pferde mitzunehmen. So? sagte Kohlhaas, indem er den Mantel ablegte. Ist er denn schon wieder hergestellt? – Bis auf das Blutspeien, antwortete sie, halb und halb. Ich wollte sogleich einen Knecht nach der Tronkenburg schicken, um die Pflege der Rosse, bis zu deiner Ankunft daselbst, besorgen zu lassen. Denn da sich der Herse immer wahrhaftig gezeigt hat, und so getreu uns, in der Tat wie kein anderer, so kam es mir nicht zu, in seine Aussage, von so viel Merkmalen unterstützt, einen Zweifel zu setzen, und etwa zu glauben, daß er der Pferde auf eine andere Art verlustig gegangen wäre. Doch er beschwört mich, niemandem zuzumuten, sich in diesem Raubneste zu zeigen, und die Tiere aufzugeben, wenn ich keinen Menschen dafür aufopfern wolle. – Liegt er denn noch im Bette? fragte Kohlhaas, indem er sich von der Halsbinde befreite. – Er geht, erwiderte sie, seit einigen Tagen schon wieder im Hofe umher. Kurz, du wirst sehen, fuhr sie fort, daß alles seine Richtigkeit hat, und daß diese Begebenheit einer von den Freveln ist, die man sich seit kurzem auf der Tronkenburg gegen die Fremden erlaubt. – Das muß ich doch erst untersuchen, erwiderte Kohlhaas. Ruf ihn mir, Lisbeth, wenn er auf ist, doch her! Mit diesen Worten setzte er sich in den Lehnstuhl; und die Hausfrau, die sich über seine Gelassenheit sehr freute, ging, und holte den Knecht.
Was hast du in der Tronkenburg gemacht? fragte Kohlhaas, da Lisbeth mit ihm in das Zimmer trat. Ich bin nicht eben wohl mit dir zufrieden. – Der Knecht, auf dessen blassem Gesicht sich, bei diesen Worten, eine Röte fleckig zeigte, schwieg eine Weile; und: da habt Ihr recht, Herr! antwortete er; denn einen Schwefelfaden, den ich durch Gottes Fügung bei mir trug, um das Raubnest, aus dem ich verjagt worden war, in Brand zu stecken, warf ich, als ich ein Kind darin jammern hörte, in das Elbwasser, und dachte: mag es Gottes Blitz einäschern; ich wills nicht! – Kohlhaas sagte betroffen: wodurch aber hast du dir die Verjagung aus der Tronkenburg zugezogen? Drauf Herse: durch einen schlechten Streich, Herr; und trocknete sich den Schweiß von der Stirn: Geschehenes ist aber nicht zu ändern. Ich wollte die Pferde nicht auf der Feldarbeit zu Grunde richten lassen, und sagte, daß sie noch jung wären und nicht gezogen hätten. – Kohlhaas erwiderte, indem er seine Verwirrung zu verbergen suchte, daß er hierin nicht ganz die Wahrheit gesagt, indem die Pferde schon zu Anfange des verflossenen Frühjahrs ein wenig im Geschirr gewesen wären. Du hättest dich auf der Burg, fuhr er fort, wo du doch eine Art von Gast warest, schon ein oder etliche Mal, wenn gerade, wegen schleunigst Einführung der Ernte Not war, gefällig zeigen können. – Das habe ich auch getan, Herr, sprach Herse. Ich dachte, da sie mir grämliche Gesichter machten, es wird doch die Rappen just nicht kosten. Am dritten Vormittag spannt ich sie vor, und drei Fuhren Getreide führt ich ein. Kohlhaas, dem das Herz emporquoll, schlug die Augen zu Boden, und versetzte: davon hat man mir nichts gesagt, Herse! – Herse versicherte ihn, daß es so sei. Meine Ungefälligkeit, sprach er, bestand darin, daß ich die Pferde, als sie zu Mittag kaum ausgefressen hatten, nicht wieder ins Joch spannen wollte; und daß ich dem Schloßvogt und dem Verwalter, als sie mir vorschlugen frei Futter dafür anzunehmen, und das Geld, das Ihr mir für Futterkosten zurückgelassen hattet, in den Sack zu stecken, antwortete – ich würde ihnen sonst was tun; mich umkehrte und wegging. – Um dieser Ungefälligkeit aber, sagte Kohlhaas, bist du von der Tronkenburg nicht weggejagt worden. – Behüte Gott, rief der Knecht, um eine gottvergessene Missetat! Denn auf den Abend wurden die Pferde zweier Ritter, welche auf die Tronkenburg kamen, in den Stall geführt, und meine an die Stalltür angebunden. Und da ich dem Schloßvogt, der sie daselbst einquartierte, die Rappen aus der Hand nahm, und fragte, wo die Tiere jetzo bleiben sollten, so zeigte er mir einen Schweinekoben an, der von Latten und Brettern an der Schloßmauer auferbaut war. – Du meinst, unterbrach ihn Kohlhaas, es war ein so schlechtes Behältnis für Pferde, daß es einem Schweinekoben ähnlicher war, als einem Stall. – Es war ein Schweinekoben, Herr, antwortete Herse; wirklich und wahrhaftig ein Schweinekoben, in welchem die Schweine aus- und einliefen, und ich nicht aufrecht stehen konnte. – Vielleicht war sonst kein Unterkommen für die Rappen aufzufinden, versetzte Kohlhaas; die Pferde der Ritter gingen, auf eine gewisse Art, vor. – Der Platz, erwiderte der Knecht, indem er die Stimme fallen ließ, war eng. Es hauseten jetzt in allem sieben Ritter auf der Burg. Wenn Ihr es gewesen wäret, Ihr hättet die Pferde ein wenig zusammenrücken lassen. Ich sagte, ich wolle mir im Dorf einen Stall zu mieten suchen; doch der Schloßvogt versetzte, daß er die Pferde unter seinen Augen behalten müsse, und daß ich mich nicht unterstehen solle, sie vom Hofe wegzuführen. – Hm! sagte Kohlhaas. Was gabst du darauf an? – Weil der Verwalter sprach, die beiden Gäste würden bloß übernachten, und am andern Morgen weiter reiten, so führte ich die Pferde in den Schweinekoben hinein. Aber der folgende Tag verfloß, ohne daß es geschah; und als der dritte anbrach, hieß es, die Herren würden noch einige Wochen auf der Burg verweilen. – Am Ende wars nicht so schlimm, Herse, im Schweinekoben, sagte Kohlhaas, als es dir, da du zuerst die Nase hineinstecktest, vorkam. – 's ist wahr, erwiderte jener. Da ich den Ort ein bissel ausfegte, gings an. Ich gab der Magd einen Groschen, daß sie die Schweine woanders einstecke. Und den Tag über bewerkstelligte ich auch, daß die Pferde aufrecht stehen konnten, indem ich die Bretter oben, wenn der Morgen dämmerte, von den Latten abnahm, und abends wieder auflegte. Sie guckten nun, wie Gänse, aus dem Dach vor, und sahen sich nach Kohlhaasenbrück, oder sonst, wo es besser ist, um. – Nun denn, fragte Kohlhaas, warum also, in aller Welt, jagte man dich fort? – Herr, ich sags Euch, versetzte der Knecht, weil man meiner los sein wollte. Weil sie die Pferde, so lange ich dabei war, nicht zu Grunde richten konnten. überall schnitten sie mir, im Hofe und in der Gesindestube, widerwärtige Gesichter; und weil ich dachte, zieht ihr die Mäuler, daß sie verrenken, so brachen sie die Gelegenheit vom Zaune, und warfen mich vom Hofe herunter. – Aber die Veranlassung! rief Kohlhaas. Sie werden doch irgend eine Veranlassung gehabt haben! – Oallerdings, antwortete Herse, und die allergerechteste. Ich nahm, am Abend des zweiten Tages, den ich im Schweinekoben zugebracht, die Pferde, die sich darin doch zugesudelt hatten, und wollte sie zur Schwemme reiten. Und da ich eben unter dem Schloßtore bin, und mich wenden will, hör ich den Vogt und den Verwalter, mit Knechten, Hunden und Prügeln, aus der Gesindestube hinter mir herstürzen, und: halt, den Spitzbuben! rufen: halt, den Galgenstrick! als ob sie besessen wären. Der Torwächter tritt mir in den Weg; und da ich ihn und den rasenden Haufen, der auf mich anläuft, frage: was auch gibts? was es gibt? antwortete der Schloßvogt; und greift meinen beiden Rappen in den Zügel. Wo will Er hin mit den Pferden? fragt er, und packt mich an die Brust. Ich sage, wo ich hin will? Himmeldonner! Zur Schwemme will ich reiten. Denkt Er, daß ich–? Zur Schwemme? ruft der Schloßvogt. Ich will dich, Gauner, auf der Heerstraße, nach Kohlhaasenbrück schwimmen lehren! und schmeißt mich, mit einem hämischen Mordzug, er und der Verwalter, der mir das Bein gefaßt hat, vom Pferd herunter, daß ich mich, lang wie ich bin, in den Kot messe. Mord! Hagel! ruf ich, Sielzeug und Decken liegen, und ein Bündel Wäsche von mir, im Stall; doch er und die Knechte, indessen der Verwalter die Pferde wegführt, mit Füßen und Peitschen und Prügeln über mich her, daß ich halbtot hinter dem Schloßtor niedersinke. Und da ich sage: die Raubhunde! Wo führen sie mir die Pferde hin? und mich erhebe: heraus aus dem Schloßhof! schreit der Vogt, und: hetz, Kaiser! hetz, Jäger! erschallt es, und: hetz, Spitz! und eine Koppel von mehr denn zwölf Hunden fällt über mich her. Drauf brech ich, war es eine Latte, ich weiß nicht was, vom Zaune, und drei Hunde tot streck ich neben mir nieder; doch da ich, von jämmerlichen Zerfleischungen gequält, weichen muß: Flüt! gellt eine Pfeife; die Hunde in den Hof, die Torflügel zusammen, der Riegel vor: und auf der Straße ohnmächtig sink ich nieder. – Kohlhaas sagte, bleich im Gesicht, mit erzwungener Schelmerei: hast du auch nicht entweichen wollen, Herse? Und da dieser, mit dunkler Röte, vor sich niedersah: gesteh mirs, sagte er; es gefiel dir im Schweinekoben nicht; du dachtest, im Stall zu Kohlhaasenbrück ists doch besser. – Himmelschlag! rief Herse: Sielzeug und Decken ließ ich ja, und einen Bündel Wäsche, im Schweinekoben zurück. Würd ich drei Reichsgülden nicht zu mir gesteckt haben, die ich, im rotseidnen Halstuch, hinter der Krippe versteckt hatte? Blitz, Höll und Teufel! Wenn Ihr so sprecht, so möcht ich nur gleich den Schwefelfaden, den ich wegwarf, wieder anzünden! Nun, nun! sagte der Roßhändler; es war eben nicht böse gemeint! Was du gesagt hast, schau, Wort für Wort, ich glaub es dir; und das Abendmahl, wenn es zur Sprache kommt, will ich selbst nun darauf nehmen. Es tut mir leid, daß es dir in meinen Diensten nicht besser ergangen ist; geh, Herse, geh zu Bett, laß dir eine Flasche Wein geben, und tröste dich: dir soll Gerechtigkeit widerfahren! Und damit stand er auf, fertigte ein Verzeichnis der Sachen an, die der Großknecht im Schweinekoben zurückgelassen; spezifizierte den Wert derselben, fragte ihn auch, wie hoch er die Kurkosten anschlage; und ließ ihn, nachdem er ihm noch einmal die Hand gereicht, abtreten.
