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In "Gesammelte Werke: Memoiren + Erzählungen + Romane + Gedichte + Briefe" präsentiert Stefan Zweig ein umfassendes literarisches Erbe, das wie ein schillerndes Mosaik seines Schaffens wirkt. Mit einem klaren, eindringlichen Stil gelingt es dem Autor, die verschiedenen Facetten des menschlichen Daseins zu erforschen – von persönlichen Erinnerungen bis hin zu fesselnden Erzählungen, die die Abgründe und Höhen des Lebens reflektieren. Der Band vereint 107 Titel und zeigt nicht nur die Vielfalt seines Schaffens, sondern auch den Einfluss der politischen und sozialen Umwälzungen seiner Zeit auf seine Werke. Stefan Zweig, geboren 1881 in Wien, war ein produktiver Schriftsteller und Intellektueller, dessen Leben zwischen den beiden Weltkriegen von großer Unruhe geprägt war. Als jüdischer Autor erlebte er die Gefahren der politischen Verfolgung, die sein Werk immer wieder beeinflussten. Seine tiefgründige psychologische Einsicht und sein humanistisches Anliegen sind deutliche Kennzeichen seines schriftstellerischen Stils und zeigen sich auch in den hier versammelten Texten. Dieses Buch ist ein unverzichtbares Kompendium für alle Literaturinteressierten, die sich mit den zeitlosen Themen des Lebens auseinandersetzen möchten. Zweigs Fähigkeit, den Leser emotional zu berühren und intellektuell herauszufordern, macht seine Werke zu einer Quelle der Inspiration und Erkenntnis. Ein Muss für jeden, der die literarische Hochkultur des 20. Jahrhunderts zu schätzen weiß. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Ausgabe versammelt 107 Titel und verfolgt das Ziel, die Breite und innere Einheit des Werks von Stefan Zweig sichtbar zu machen. Sie bringt erzählerische Prosa, poetische und dramatische Experimente, biografische Studien, kulturhistorische Essays, Reiseberichte und Briefe in ein Gespräch. Der Umfang erlaubt es, Zweigs Arbeitsweisen über mehrere Jahrzehnte hinweg zu verfolgen: von frühen Erzählungen bis zu späten Reflexionen, vom psychologischen Porträt zur weltgeschichtlichen Miniatur. Die Sammlung versteht sich nicht als enge Gattungsreihe, sondern als Panorama eines Schreibens, das Stoffe, Formen und Tonlagen bewusst durchlässig hält und dadurch ein einzigartiges Bild geistiger und künstlerischer Erfahrung entwirft.
Im Zentrum stehen die erzählerischen Hauptwerke, von der Schachnovelle über Die Ungeduld des Herzens bis zu Amok, Verwirrung der Gefühle, Untergang eines Herzens und Die unsichtbare Sammlung. Daneben stehen frühe Bände wie Die Liebe der Erika Ewald, Erstes Erlebnis und Vergessene Träume sowie eigenwillige Zyklen wie Die gleich-ungleichen Schwestern. Die Gedichte der Frühen Kränze und die dramatische Dichtung Jeremias zeigen poetische Anfänge und Experimente. Mit Legenden ist die Nähe zur Parabel und zum moralischen Exempel präsent. So entfaltet sich ein weiter Bogen der erzählerischen Möglichkeiten zwischen intimer Seelenstudie und konzentrierter, oft symbolisch verdichteter Kurzform.
Die biografischen und historischen Schriften bilden einen zweiten Schwerpunkt. Sie reichen von Joseph Fouché und Marie Antoinette über Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam und Castellio gegen Calvin bis zu Der Kampf mit dem Dämon über Hölderlin, Kleist und Nietzsche. Drei Meister widmet sich Balzac, Dickens und Dostojewski; Drei Dichter ihres Lebens behandelt Casanova, Stendhal und Tolstoi. Mit Amerigo und Magellan treten Entdecker, Begriffe und Irrtümer der Weltgeschichte ins Blickfeld. Diese Texte verbinden erzählerische Spannkraft mit historischer Einfühlung und zeigen Zweigs spezifische Kunst des psychologisch geschärften Porträts kultureller Gestalten und Ideen.
Ein eigener Strang sind die kulturkritischen und literaturhistorischen Essays. Das Buch als Eingang zur Welt macht das Lesen selbst zum Thema, Über Schriftsteller bündelt Porträts und Würdigungen, Kurze Texte über historische Persönlichkeiten führen in Figuren und Konstellationen ein. Ergänzt werden sie durch Kurze Texte über Musiker und bildenden Künstler sowie Korrespondenzen mit Frans Masereel, die die Nähe zwischen Literatur und Bildkunst fassbar machen. In diesen Stücken wird Zweig als Vermittler sichtbar: als jemand, der Autorinnen, Autoren, Künstlerinnen und Künstler über Grenzen hinweg ins Gespräch bringt und die Atmosphäre ihrer Werke mit präziser Sprache nachzeichnet.
Die Memoiren und Erinnerungsstücke verleihen der Sammlung ihr autobiografisches Zentrum. Die Welt von Gestern entwirft ein weit gespanntes Bild einer Epoche der Bildung und ihrer Erschütterungen. Reiseberichte und Brasilien zeigen eine Beweglichkeit des Blicks, der Landschaften, Städte und Mentalitäten zum Spiegel innerer Erfahrung werden lässt. Der Abschiedsbrief sowie die zugehörige Erklärung sind späte Dokumente großer Nüchternheit und Verantwortung. Zusammen eröffnen diese Texte die Innenperspektive eines Autors, der seine eigene Lebensgeschichte stets im Bezug zur geistigen und politischen Umwelt schreibt, ohne die Autonomie der Literatur preiszugeben.
In Sternstunden der Menschheit bündelt Zweig seine Vorlieben für dramatisch zugespitzte Augenblicke des Weltgeschehens. Die Heilung durch den Geist – Mesmer, Mary Baker-Eddy, Freud zeigt wiederum, wie Ideen und Persönlichkeiten einander erhellen oder verzerren. Solche Miniaturen und Fallstudien sind in der Form knapp, aber in der Deutung weit. Sie verbinden erzählerische Ökonomie mit einem dichten Netz an Verweisen. Das Ergebnis sind Lesestücke, die historische Situationen greifbar machen, ohne sie auf bloße Anekdote zu verkürzen, und die zugleich zeigen, wie eng für Zweig Erkenntnis, Empathie und stilistische Disziplin zusammenspielen.
Die Briefe und Briefbände dokumentieren einen offenen, dialogischen Geist. Briefe an Schriftsteller lassen Werkstatt, Lektüren und Kontroversen aufscheinen, während der Austausch mit Frans Masereel die produktive Nähe zu den Künsten des Bildes belegt. In der Sammlung stehen diese Schreiben nicht als Belege, sondern als eigenständige Texte: sie zeigen Tonlagen von Anteilnahme, Kritik, Ermutigung und Selbstprüfung. Wer die Korrespondenzen neben Essays und Porträts liest, erkennt, wie aus persönlicher Ansprache öffentliche Vermittlung wird und wie Redeweisen, die Zweigs Prosa prägen, im Brief als unmittelbare Form erprobt werden.
Die Gattungsvielfalt wird bewusst nicht nivelliert, sondern als kompositorische Stärke erfahrbar gemacht. Romane und Novellen geben psychologische Tiefe, Gedichte und Jeremia zeigen reduzierte, rhythmische Verdichtung, Essays entfalten begriffliche Klarheit, Briefe öffnen die Werkstatt. Reiseberichte dehnen den Blick in den Raum, Memoiren in die Zeit. Diese Formen ergänzen einander: die biografische Studie gewinnt Energie aus erzählerischen Mitteln, die Novelle gewinnt Resonanz aus kulturhistorischer Reflexion. So entsteht ein Gesamtbild, in dem jede Textsorte ihre Eigenlogik behält und zugleich an einer gemeinsamen Bewegung der Erkenntnis beteiligt ist.
In thematischer Hinsicht kreisen die Texte um Gewissen, Freiheit, Leidenschaft und Verantwortlichkeit. Immer wieder stehen Individuen in Drucksituationen: eine Entscheidung, eine Versuchung, ein Blick in den Abgrund der eigenen Motive. Die Psychologie ist fein, aber nicht sensationsheischend; Konflikte werden nicht zugedeckt, sondern in ihrer moralischen Komplexität gezeigt. Zugleich sind Macht, Glaube und die Sprache der Autoritäten zentrale Gegenstände, sichtbar in Castellio gegen Calvin oder in den Studien zu politischen und geistigen Gestalten. Die Spannweite reicht vom intimen Gefühlsirrtum bis zur weltgeschichtlichen Konstellation – verbunden durch eine Ethik der Empathie.
Stilistisch bevorzugt Zweig klare, musikalisch gebaute Sätze, die Erzählfluss mit gedanklicher Präzision verbinden. Seine Prosa ist zugänglich, ohne einfach zu sein, elegant, ohne ornamental zu werden. Spannungen entstehen weniger durch äußere Effekte als durch die schrittweise Entfaltung eines inneren Konflikts. In den Biografien verbinden sich anschauliche Szenen mit analytischer Durchdringung; in den Legenden und Novellen entstehen dichte Atmosphären, deren moralischer Kern lange nachhallt. Diese stilistische Konsequenz über Formen hinweg macht die Sammlung zu einer Schule des Lesens: Sie schärft Wahrnehmung, Urteil und Mitgefühl zugleich.
Wer den Band aufschlägt, kann verschiedene Lesewege wählen. Eine chronologische Bewegung von frühen Erzählungen zu späten Reflexionen zeigt die Entwicklung der Tonlage. Thematische Pfade führen von Liebes- und Verblendungsgeschichten zu Studien über Macht und Gewissen, von Porträts der Kunst zu historischen Schlüsselmomenten. Leserinnen und Leser können die konzise Schachnovelle mit den weiträumigen Biografien kontrastieren, Sternstunden der Menschheit neben Reiseberichte stellen oder Die Welt von Gestern mit Über Schriftsteller koppeln. Jede Kombination legt neue Fugen frei, in denen sich das Gesamtwerk als Dialog zwischen Formen und Erfahrungen zeigt.
Die Sammlung bleibt als Ganzes bedeutsam, weil sie eine Haltung bewahrt: Humanität als tastende, nie fertige Praxis. Aus Geschichten, Gedichten, Essays und Briefen entsteht ein Gewebe, das die Würde des Einzelnen ernst nimmt und die Verführungen der Macht durchsichtig macht. Das erklärt ihre anhaltende Aktualität: Sie bietet keine einfachen Rezepte, sondern präzise Wahrnehmungen, die Urteilskraft stärken. Zugleich lädt sie zur Wiederlektüre ein, weil ihr Stil dem Flüchtigen Dauer gibt. In dieser Vielstimmigkeit erweist sich das Werk als zusammenhängender Erfahrungsraum – offen, resonant, und in seiner Mischung aus Maß und Leidenschaft unverwechselbar.
Stefan Zweig (1881–1942) war ein 6sterreichischer Schriftsteller, der von der Wiener Moderne bis in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hinein wirkte. Als Meister der Novelle, als Essayist und als Biograf historischer Persf6nlichkeiten wurde er in den 1920er- und 1930er-Jahren zu einem der meistgelesenen Autoren Europas. Seine elegante, psychologisch feinsinnige Prosa verband kosmopolitische Bildung mit humanistischem Ethos. Die politischen Umbrfcche seiner Zeit pre4gten Leben und Werk: Nach dem Zusammenbruch der Monarchie, den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und dem Aufstieg des Nationalsozialismus lebte er im Exil. Sein Ansehen und seine Verbreitung reichen bis in die Gegenwart.
Zweig wuchs in Wien auf und studierte in Wien und Berlin, wo er sich mit Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte befasste; in Wien promovierte er in Philosophie. Frfch knfcpfte er Kontakte zur Wiener Moderne um Autoren wie Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal und interessierte sich ffcr europe4ische Strf6mungen vom franzf6sischen Symbolismus bis zur russischen Literatur. Reisen durch Europa vertieften seine Mehrsprachigkeit und seine dcberzeugung von einer gemeinsamen Kultur. In den 1910er- und 1920er-Jahren verband ihn ein intensiver Austausch mit dem franzf6sischen Schriftsteller Romain Rolland, dessen geistiger Internationalismus und pazifistische Haltung ffcr sein Denken und seine f6ffentliche Rolle wichtig wurden.
Seine frfchen Verf6ffentlichungen umfassten Lyrik und Erze4hlungen; bald profilierte er sich mit psychologisch zugespitzten Novellen, die innere Konflikte und moralische Grenzsituationen ausleuchten. Der Erste Weltkrieg unterbrach den europe4ischen Austausch, den er sche4tzte. Zweig diente in administrativer Funktion und wandte sich in den Kriegsjahren zunehmend vom anfe4nglichen Enthusiasmus ab. Die Ernfcchterung ffchrte ihn nach 1918 zu einer deutlichen Distanz gegenfcber Nationalismus und Gewalt. In den folgenden Jahren erschienen vielbeachtete Prosatexte wie Brennendes Geheimnis, Angst, Amok, Brief einer Unbekannten und Verwirrung der Geffchle, die seine Fe4higkeit zur pre4zisen, spannungsvollen Darstellung seelischer Ausnahmezuste4nde einem breiten Publikum bekannt machten.
Die Zwischenkriegszeit markiert Zweigs literarische Blfcte. Mit Sternstunden der Menschheit etablierte er das Format historischer Miniaturen, die Wendepunkte menschlicher Erfahrung exemplarisch entfalten. Als Biograf verfasste er vielgelesene Lebensbilder, darunter Joseph Fouche9, Marie Antoinette, Erasmus von Rotterdam, Magellan und eine Studie fcber Romain Rolland. Parallel blieb er Erze4hler: Die Novellensammlungen zirkulierten europaweit, sein Roman Ungeduld des Herzens lotete in grf6dferer Form das Zusammenspiel von Mitgeffchl, Schuld und sozialer Stellung aus. Der Essayband Der Kampf mit dem De4mon portre4tierte Hf6lderlin, Kleist und Nietzsche als von inneren Me4chten gezeichnete Kfcnstler. dcbersetzungen und Vortragsreisen festigten seinen internationalen Ruf.
Die politischen Verwerfungen der 1930er-Jahre zwangen Zweig zum Abschied von f6sterreich. Er lebte zune4chst in Grodfbritannien, spe4ter vorfcbergehend in den Vereinigten Staaten und schliedflich in Brasilien. Im Exil schrieb er weiter auf Deutsch und reflektierte die Zerstf6rung der vertrauten Kulturwelt. Entstanden sind in dieser Zeit unter anderem seine Erinnerungen Die Welt von Gestern, ein Schlfcsseltext zur europe4ischen Bildungstradition, sowie die Schachnovelle, die in knapper Form Zwang, Isolation und geistige Selbstbehauptung thematisiert. Seine publizistische Stimme blieb der Idee eines fcbernationale Europas verpflichtet, auch wenn er die politische Lage als zunehmend aussichtslos erlebte.
Zweigs Werk kreist um Empathie, moralische Entscheidung und die Fragilite4t individueller Freiheit in Zeiten beschleunigter Geschichte. Sein Stil verbindet elegante Klarheit mit dramaturgischer Verdichtung; oft stehen Figuren an Kippmomenten ihres Lebens. In den Biografien bevorzugte er ein erze4hlerisches, psychologisch motiviertes Verfahren gegenfcber gelehrter Fudfnotenfclle und suchte exemplarische Konstellationen statt Vollste4ndigkeit. Gepre4gt von Humanismus, Pazifismus nach dem Ersten Weltkrieg und kosmopolitischer Bildung, trat er ffcr Verste4ndigung zwischen den Nationen ein und warnte vor ideologischer Verhe4rtung. Diese Haltungen sind nicht nur Programmatik, sondern strukturieren die Themenwahl seiner Novellen, Essays und historischen Miniaturen.
Die letzten Jahre verbrachte Zweig in Brasilien, von der europe4ischen Entwicklung tief beunruhigt. 1942 nahm er sich im Exil das Leben. Posthum fanden seine Bfccher ungebrochene Leserinnen und Leser; insbesondere Die Welt von Gestern wurde zu einem vielzitierten Dokument einer untergegangenen Epoche. Die Schachnovelle und zahlreiche Erze4hlungen gehf6ren weiterhin zum Kanon der deutschsprachigen Literatur und werden international neu aufgelegt. Kritiken schwanken zwischen Bewunderung ffcr stilistische Meisterschaft und Vorbehalten gegenfcber e4sthetischer Eleganz in dfcsteren Zeiten; die anhaltende Debatte tre4gt zur Lebendigkeit seiner Rezeption bei. Adaptionen und Essays halten sein Werk im kulturellen Gede4chtnis pre4sent.
Stefan Zweigs Gesamtwerk steht im Spannungsfeld des spätkaiserlichen Wien und der europäischen Moderne um 1900. Das Habsburgerreich war eine multilinguale Ordnung, deren Metropole Wien eine seltene Dichte an Kulturinstitutionen aufwies. Die Wiener Secession (1897), Gustav Mahlers Direktion an der Hofoper (1897–1907) und die Kaffeehauskultur mit Orten wie dem Café Central prägten die Atmosphäre. In diesem Milieu entstand ein ästhetischer Kosmopolitismus, der Literatur, Musik und bildende Kunst verschränkte. Zweigs frühe Texte, Gedichte und Novellen spiegeln diese Übergangszeit zwischen Fin de Siècle und beginnender Massengesellschaft, in der Tradition und Innovation produktiv miteinander rangen.
Zweig wurde 1881 in Wien geboren und entstammte einer assimilierten jüdischen Industriellenfamilie. Nach dem humanistischen Gymnasium studierte er in Wien und Berlin und veröffentlichte früh in der Neuen Freien Presse, deren Feuilleton von Theodor Herzl geprägt worden war. Seine intellektuellen Kontakte zu Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Peter Altenberg, vermittelt durch Salons wie den von Berta Zuckerkandl, verankerten ihn im Netzwerk der Wiener Moderne. Zugleich suchte er die Distanz der Reise: Aufenthalte in Paris, Brüssel und Zürich weiteten seinen Blick auf die romanischen Literaturen und bereiteten die spätere Rolle als europäischer Mittler, Übersetzer und Essayist vor.
Die kulturelle Konstellation der Jahrhundertwende förderte Grenzgänge zwischen Sprachen und Gattungen. Zweig übersetzte und vermittelte frankophone Autoren wie Émile Verhaeren und interessierte sich für französische und englische Erzähltraditionen ebenso wie für die russische Schule des 19. Jahrhunderts. Seine Studien zu Balzac, Dickens, Dostojewski sowie zu Casanova, Stendhal und Tolstoi markieren eine Programmatik des europäischen Kanons jenseits nationaler Enge. Der Stil seiner Novellen und biographischen Essays verbindet impressionistische Verdichtung mit dramatischer Zuspitzung, getragen von der Überzeugung, dass psychologische Tiefenzeichnung und historische Konstellation einander durchdringen und gemeinsam lesbar gemacht werden müssen.
Der Erste Weltkrieg (1914–1918) bildet eine Zäsur. Zweig arbeitete zunächst im Wiener Kriegsarchiv, wandte sich jedoch bald dem Pazifismus zu. 1915 traf er in der Schweiz Romain Rolland in Genf, dessen Appell an das übernationale Gewissen der Intellektuellen ihn dauerhaft prägte. In Zürich und Genf bildeten sich Netzwerke neutraler Vermittlung, in denen Literatur zur moralischen Gegenmacht erklärt wurde. Die Erfahrungen von Zensur, Propaganda und Massensterben führten zu einer Poetik der Warnung: Seelische Ausnahmesituationen in den Novellen und moralhistorische Kontrapunkte in den biographischen Arbeiten antworten auf die Entgrenzung staatlicher Gewalt und die Entwertung des Individuums.
Nach 1918 zerfiel die Donaumonarchie, die Erste Republik Österreich entstand in einem Klima wirtschaftlicher Not und politischer Spaltung. Zweig, der seit 1919 in Salzburg lebte, reiste als Vortragsredner durch Europa und publizierte überwiegend bei S. Fischer in Berlin, dem zentralen Verlag des deutschsprachigen Literatursystems der Zwischenkriegszeit. Die Gründung des Völkerbunds 1920 in Genf galt ihm als zivilisatorische Hoffnung. Seine Essays, Porträts und Reiseberichte aus den 1920er Jahren loten einen europäischen Humanismus aus, der kulturelle Vergleichbarkeit betont und nationale Grenzsetzungen relativiert. Zugleich etablierten sich seine Novellen als internationale Bestseller mit hohen Auflagen.
In den 1920er und 1930er Jahren profilierte Zweig die moderne Biographie als seelische Geschichte. Er rekonstruierte entscheidende Lebensmomente aus der Französischen Revolution und der Reformationszeit ebenso wie aus der Epoche der Entdeckungsfahrten, stets mit Blick auf moralische Entscheidungsnot. Figuren wie Joseph Fouché, Erasmus von Rotterdam, Castellio, Marie Antoinette, Maria Stuart, Magellan oder Amerigo Vespucci wurden nicht antiquarisch, sondern als Spiegel aktuelletischer Konflikte dargestellt. Archivstudium verband sich mit erzählerischer Dramaturgie, um historische Kontingenz erfahrbar zu machen. Dieses Verfahren zielte auf eine breite Leserschaft, die in exemplarischen Biographien Orientierung für Gegenwartskrisen suchte.
Die Methode der Sternstunden – Geschichte als Verdichtung in wenigen, irreversiblen Wendepunkten – prägte Zweigs historiographische Imagination. Statt strukturgeschichtlicher Totalität stellte er Augenblicke der Konzentration ins Zentrum: die Stunde des Entschlusses, der Entdeckung, der Niederlage oder Rettung. Dieses Modell reagiert auf das Zeiterleben der Moderne, in der technische Beschleunigung, politische Revolutionen und wirtschaftliche Schocks sprunghafte Verläufe erzeugen. Indem Zweig das Pathos des Augenblicks literarisch formte, verband er Wissensvermittlung mit Spannung und verankerte historische Erkenntnis im Gedächtnis des Lesers – eine didaktische Strategie, die über seine historischen Skizzen hinaus das gesamte Erzählen leitete.
Die Wiener Psychoanalyse bildete einen zweiten Resonanzraum. Mit Sigmund Freuds Traumdeutung (1900) und der frühen Bewegung, deren erster internationaler Kongress 1908 in Salzburg stattfand, verschob sich der Blick auf das Innere. Zweigs Novellen untersuchten Zwänge, Obsessionen und Grenzerfahrungen; seine Essays über Mesmer und Mary Baker Eddy verfolgten Heilungsdiskurse zwischen Suggestion, Glaube und Wissenschaft. Zwischen Pariser Salons des 18. Jahrhunderts, Bostons religiösen Erneuerungsbewegungen und Freuds Wiener Praxis entsteht ein urbaner Kulturvergleich. Das Ergebnis ist eine Literatur, die kollektive Krisen über individuelle psychische Dynamik lesbar macht und zugleich skeptisch gegenüber Heilslehren jeder Couleur bleibt.
Zweig war ein permanenter Reisender. Aufenthalte in Italien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Russland, später in England, den USA und Brasilien strukturierten sein Schreiben. Die Reiseliteratur verbindet ethnografische Beobachtung mit kulturpolitischen Überlegungen, oft im Zeichen der Verständigung. Der Blick auf außereuropäische Räume – insbesondere Lateinamerika – dient weniger dem Exotismus als der Relativierung europäischer Selbstgewissheiten nach 1918. Der transatlantische Verkehr intensivierte sich in den 1930er Jahren; Vortragsreisen in New York und Buenos Aires öffneten Exilnetzwerke. So entsteht eine Geographie der Literatur, in der Verkehrswege, Häfen und Bahnhöfe zu Knoten einer kosmopolitischen Öffentlichkeit werden.
Die Zwischenkriegszeit brachte die Radikalisierung der Massenpolitik. Mussolinis Machtergreifung 1922 und Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 leiteten eine Welle autoritärer Systeme ein. Am 10. Mai 1933 brannten in deutschen Universitätsstädten Bücher, darunter auch Werke Zweigs. In Österreich verschärften sich Spannungen zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen; nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 und der Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß am 25. Juli 1934 verließ Zweig sein Haus in Salzburg. Diese Erfahrung politischer Bedrohung, Zensur und Diffamierung prägte Ton und Thematik der späten Arbeiten, die den Zerfall des aufgeklärten Europas mit melancholischer Klarheit bilanzieren.
Exil bedeutete auch eine neue Medienökologie. Während deutsche Verlage gleichgeschaltet wurden, trugen Exilverlage in Amsterdam und Stockholm – etwa Querido, Allert de Lange und Bermann‑Fischer – deutschsprachige Literatur über Grenzen. Zweig lebte in London und Bath, ging 1940 in die USA und 1941 nach Brasilien. Die Produktionsbedingungen veränderten sich: Manuskripte zirkulierten transnational, Zensur und Devisenkontrollen erschwerten Honorare, Leserinnen und Leser verteilten sich über Zürich, Stockholm, Paris im Exil, New York und Buenos Aires. In dieser Lage verdichteten sich seine Prosatexte und Erinnerungen zu zeitdiagnostischen Dokumenten, die zugleich persönliche Zeugnisse und europäische Chronik sind.
Zweigs Idee Europa gründet auf kultureller Überlieferung und ziviler Mäßigung. Seine Hochschätzung des Erasmischen – Gelehrte als transnationale Vermittler im 16. Jahrhundert – spiegelte die Sehnsucht nach Humanität jenseits konfessioneller oder nationalistischer Fronten. In den 1920er Jahren nahm er Anteil an paneuropäischen Debatten, etwa um Richard Coudenhove‑Kalergis Bewegung. Der Briefwechsel mit Romain Rolland, der 1915 aus Genf publizierte, und Begegnungen mit Intellektuellen in Paris und Genf gaben diesem Programm eine moralische Stimme. Historische Exempla aus Reform und Gegenreform, Revolution und Restauration wurden so zu Chiffren gegenwärtiger Fragen von Toleranz, Pluralität und Gewissensfreiheit.
Ein wiederkehrendes Interesse galt historischen Frauenfiguren und der Neubewertung ihres Handlungsspielraums. Zwischen dem Aufstieg bürgerlicher Frauenbewegungen und neuen staatsbürgerlichen Rechten – in Österreich 1918, in Großbritannien 1918 und 1928 – beleuchtete Zweig die politische und kulturelle Agency von Königinnen, Rebellinnen und Dichterinnen. Seine Darstellungsweise vermeidet hagiographische Verklärung und zeichnet die Zwänge der höfischen und öffentlichen Sphäre nach. Das Interesse an weiblichen Biographien fügt sich in eine breitere Modernisierungsdebatte, die Rollenbilder, Emotionalität und Öffentlichkeit neu verhandelt. Damit fungieren die historischen Porträts als Spiegel und Korrektiv zeitgenössischer Geschlechterdiskurse.
Zweig agierte in einer Medienlandschaft, in der Feuilleton, Vortragsreise, Rundfunk und Film ineinandergriffen. Viele seiner Erzählstoffe fanden rasch den Weg auf die Bühne und ins Kino der 1920er und 1930er Jahre, wodurch seine Themen ein Massenpublikum erreichten. Bemerkenswert ist die Zusammenarbeit mit Richard Strauss: Das Libretto zu Die schweigsame Frau wurde 1935 in Dresden uraufgeführt und kurz darauf von den Nationalsozialisten unterdrückt. Diese Verflechtung von Literatur und Musik, von Markt und Zensur zeigt, wie sehr künstlerische Produktion von politischen Rahmenbedingungen abhängig wurde – und wie Autoren Strategien entwickelten, um dennoch Reichweite zu behalten.
Zweigs Herkunft aus der assimilierten jüdischen Bourgeoisie des Wiener Liberalismus erklärte seinen unaufdringlichen Universalismus und zugleich seine Vulnerabilität. Antisemitische Strömungen, die bereits um 1900 in Wien sichtbar waren, radikalisierten sich in den 1930er Jahren und kulminierten im März 1938 im Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und in den Novemberpogromen. Im Kreis jüdischer Schriftsteller – von Arthur Schnitzler und Franz Werfel bis Joseph Roth – formten sich unterschiedliche Antworten zwischen Emigration, innerer Emigration und publizistischer Gegenwehr. Zweigs Weg betonte eine humanistische, nicht konfessionell gebundene Ethik, die die Erfahrung des Ausschlusses in universelle Appelle überführte.
Mit der Emigration nach Brasilien 1941 verschob sich der Horizont endgültig nach außereuropäisch. In Rio de Janeiro und Petrópolis suchte Zweig geistige Zuflucht in einem Land, das er kulturell idealisierte und kritisch beobachtete. Am 22. Februar 1942 nahmen er und seine Frau Lotte Altmann sich in Petrópolis das Leben; der Abschiedsbrief dokumentiert Erschöpfung und den Schmerz über das zerstörte Europa. Posthum erschienen zentrale Texte, darunter die großen Erinnerungen an die alte Welt, die den Zeitraum von der Belle Époque bis zum Zweiten Weltkrieg umspannen. Sie wurden zu Schlüsselzeugnissen einer untergegangenen, doch exemplarischen europäischen Lebensform.
Zweigs Nachwirkung gründet auf der Doppelrolle als Erzähler psychologischer Extreme und als Historiker des Humanen. Seine Briefe an Schriftsteller, Musiker und bildende Künstler sowie seine Reflexionen über das Lesen und das Buch als Weltzugang dokumentieren ein Ethos der Vermittlung. Übersetzungen in zahlreiche Sprachen, Neuauflagen nach 1945 und die museale Erinnerung – etwa in Salzburg – haben ihn als europäischen Klassiker etabliert. Im Rückblick erscheint sein Werk als Archiv einer bedrohten Zivilisation und als Werkstatt moderner Geschichtserzählung. In Zeiten erneuter Polarisierungen behalten seine Modelle der Toleranz, der Mäßigung und der inneren Freiheit ihre normative Kraft.
Dramatisches Gedicht über den Propheten, der gegen Kriegsrausch und Massenblindheit aufbegehrt. Ein pazifistisches Plädoyer für Gewissen, Einsamkeit und geistige Standhaftigkeit.
Frühe Novellen über erste Liebe, moralische Skrupel und gesellschaftliche Konventionen. Im Zentrum stehen feinpsychologische Innenansichten junger Frauen zwischen Sehnsucht und Selbstbeherrschung.
Drei biographische Porträts, die zeigen, wie Casanova, Stendhal und Tolstoi das eigene Leben zur poetischen Form machten. Zweig betont Triebkräfte, Ethos und Stil jedes Autors.
Auf einem Ozeandampfer prallen ein genialer Champion und ein von erzwungener Isolation gezeichneter Amateur aufeinander. Eine Studie über Besessenheit, geistige Selbstrettung und die Macht des Spiels.
Essayistische Würdigungen dreier Romangiganten, die die Gesellschaft, das Herz und das Abgründige des Menschen auf je eigene Weise erfassten. Zweig verbindet Werkdeutung mit Zeit- und Milieubild.
Kultur- und Gegenwartsbild eines ‚Landes der Zukunft‘, verfasst im Exil. Bewunderung für Vielfalt und Toleranz verbindet sich mit humanistischer Hoffnung auf einen neuen Anfang.
Drei Lebensbilder schöpferischer Existenzen, die am eigenen inneren ‚Dämon‘ ringen. Zweig zeichnet Nähe von Genie, Zerrissenheit und Selbstüberschreitung nach.
Vier Erzählungen über Schwellenmomente der Kindheit. Der Blick gilt den ersten Begegnungen mit Schuld, Scham, Begehren und sozialer Ordnung.
Psychologisch akzentuierte Biographie von der sorglosen Erzherzogin zur tragischen Königin. Intrigen, öffentliche Meinung und Revolution verdichten sich zum Charakterbild.
Vergleichende Studie dreier Wegbereiter geistiger Heilverfahren. Vom Magnetismus über religiöse Heilbewegungen bis zur Psychoanalyse verfolgt Zweig Methoden, Irrtümer und Durchbrüche.
Memoiren eines österreichisch-jüdischen Intellektuellen über das verschwundene ‚lange 19. Jahrhundert‘. Eine elegische Kulturgeschichte von Glanz, Zerfall und Exil.
Biographie eines Überlebenskünstlers der Revolutions- und Napoleonzeit. Analyse von Machtinstinkt, Opportunismus und administrativem Genie.
Erzählungen, in denen gesteigerte Leidenschaft in Grenzüberschreitungen mündet. Der Titeltext zeigt einen Kolonialarzt im Sog obsessiver Hingabe.
Humanistenporträt zwischen Maß und Maßlosigkeit der Reformationszeit. Toleranz, Gelehrsamkeit und die Ohnmacht des Moderaten stehen im Fokus.
Dramatisch erzählte Biographie der schottischen Königin im Duell mit Machtpolitik und öffentlicher Bühne. Zweig betont Charisma, Intrige und Verhängnis.
Novelle über die erregende Nähe zwischen Student und verehrtem Gelehrten. Ein sensibles Kammerspiel über Bewunderung, Geheimnis und erwachende Gefühle.
Frühe Prosastücke über Sehnsucht, Erinnerung und die leise Melancholie verpasster Möglichkeiten. Poetische Miniaturen mit starkem Stimmungsgehalt.
Erzählung über zwei gegensätzliche Schwestern und die Projektionen, die sie hervorrufen. Ein Spiel aus Spiegelungen, Eifersucht und Identitätssuche.
Psychogramm eines alternden Mannes, dessen Selbstbild an familiären Spannungen und einer späten Leidenschaft bricht. Ein fein gezeichneter Fall von Selbsttäuschung und Entzauberung.
Eine verheiratete Frau wird nach einem Fehltritt erpresst und gerät in einen Strudel aus Panik und Schuldgefühl. Studie über die Macht des Gewissens.
Historische Miniaturen, die entscheidende Augenblicke verdichten, in denen Einzelne Weltläufe wenden. Atmosphärische Erzählkunst statt trockener Chronik.
Biographischer Abenteuerbericht über die erste Weltumsegelung. Mut, Ausdauer und Führungswillen stehen gegen Naturgewalten und Meuterei.
Rekonstruktion, wie Amerigo Vespuccis Name zum Kontinent gelangte. Eine Fallstudie über Ruhm, Zuschreibung und die Entstehung historischer Irrtümer.
Plädoyer für Gewissensfreiheit anhand des Konflikts zwischen dem Humanisten Castellio und Reformator Calvin. Ein Lehrstück über Toleranz und Macht.
Ein Offizier verstrickt sich aus Mitleid in eine Beziehung zu einer kranken jungen Frau. Roman über die Gefahr falschen Gefühls und die Verantwortung des Handelns.
Biographische Würdigung einer französischen Lyrikerin zwischen Entbehrung und Leidenschaft. Zweig betont innere Wahrhaftigkeit und musikalische Sprache.
Porträt des Schriftstellers und Pazifisten als europäisches Gewissen. Werkdeutung verbindet sich mit moralischem Profil.
Lyrik des jungen Zweig mit Themen wie Liebe, Jugend und Vergeistigung. Formstrenge trifft auf symbolistische Farbigkeit.
Prosalegenden und Heiligenbilder in moderner Nacherzählung. Moralische Konflikte und innere Erleuchtung werden poetisch verdichtet.
Essays und Reportagen, die Orte durch Kultur, Geschichte und Atmosphäre erschließen. Beobachtungsgabe und Selbstspiegelung gehen Hand in Hand.
Erzählungen über Sammler, Außenseiter und die fragile Treue zur Kunst in einer beschädigten Welt. Themen sind Verlust, Erinnerung und stille Würde.
Poetologie des Lesens und der Bibliophilie. Bücher erscheinen als geistige Pässe, die Erfahrung und Empathie erweitern.
Pointierte Miniaturen zu Gestalten aus Politik, Kunst und Wissenschaft. Verdichtung auf charakteristische Züge und Schlüsselmomente.
Literaturkritische Skizzen und Hommagen. Zweig beleuchtet Stil, Ethos und Wirkung der Porträtierten.
Korrespondenzen, die Arbeitsweisen, Debatten und Freundschaften sichtbar machen. Ein Einblick in Netzwerke und Zeitdiagnosen.
Reflexionen über Musik und Bildkunst, ergänzt durch Briefe an den Grafiker Frans Masereel. Psychologie des Künstlertums und Dialog über Formen prägen die Texte.
Letzter Brief aus dem Exil mit Dank an Brasilien und Abschied von einem zerstörten Europa. Ein nüchternes, würdiges Dokument der Resignation und Humanität.
Insel-Verlag zu Leipzig, 1918
Friederike Maria von Winternitz Dankbarst
Ostern 1915 - Ostern 1917
Inhalt
ZEDEKIA, der König
PASHUR, der Hohepriester
NACHUM, der Verwalter
IMRE, der Älteste der Bürger
ABIMELECH, der Oberste der Kriegsknechte
HANANJA, der Profet des Volkes Schwertträger, Krieger, Knechte
JEREMIAS
SEINE MUTTER
JOCHEBED, eine Anverwandte
ACHAB, der Diener
BARUCH, ein Jüngling
SEBULON, sein Vater
Das Volk von Jerusalem Die Gesandten Nabukadnezars Chaldäische und Ägyptische Krieger
Der Schauplatz des Gedichts ist Jerusalem zur Zeit seines Untergangs.
I. Die Erweckung des Profeten
II. Die Warnung
III. Das Gerücht
IV. Die Wachen auf dem Walle
V. Die Prüfung des Profeten
VI. Stimmen um Mitternacht
VII. Die letzte Not
VIII. Die Umkehr
IX. Der ewige Weg
»Rufe mir, so will ich dir antworten und dir anzeigen große und gewaltige Dinge, die du nicht weißt.«
Jer. XXX, 3.
Das flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weißgequadert und blinkend im matten Mond. In der Tiefe mit Türmen und Zinnen, mit Schlaf und Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind der ersten Frühe fährt manchmal tönend durch das Schweigen.
Plötzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias im losen Kleid, die Brust offen, wie ein Gewürgter keuchend, stürmt herauf.
JEREMIAS: Die Tore rammelt zu… die Riegel vor… zum Wall… zum Walle!… Oh Wächter, schlimme Wächter… sie kommen… sie sind da… Brand über uns… im Tempel Brand… Hilfe… zu Hilfe!… Die Mauer fällt, die Mauer…
JEREMIAS (ist bis zum Rande des Daches vorgestürmt und hält plötzlich inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weiße Stille. Er schrickt zusammen, ein Erwachen kommt über ihn. Sein Blick tastet wie der eines Trunkenen über die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten, brechen langsam nieder, müde streift die Hand über die offenen Lider): Wahn! Wieder Trug und Traum, der fürchterliche! Oh Träume, Träume, Träume, wie voll ist ihrer das Haus!
(Er beugt sich über den Rand der Mauer und blickt hinab:)
Friedlich die Stadt, friedlich das Land, in mir nur dieser Brand, nur meine Brust ein Feuer! Oh, wie sie selig ruht in Gottes Arm, von Schlaf bebrütet, überdacht von Frieden, ein Tau von Mond auf jedem Haus und Schlummer, sachter Schlummer auf jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne Nacht um Nacht, stürz hin mit allen Türmen, fliehe Flucht, vergeh in Flammen, nur ich, nur ich, zerwühlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch vom heißen Bett zum Mond, daß er mich kühle! Nur mir sprengt Traum den Schlaf, nur mir frißt feurig Graun das Schwarze von den Lidern! Oh Marter dieses Bilds, oh Irrwitz von Gesichten, die trügerisch im Blut sich ballen und matt schmelzen dann im wachen Mond!
Und immer gleich der Traum, gleich dieser Wahn, Nacht, Nacht und Nacht, der gleiche Schrecken sich im Fleische bäumend, der gleiche Traum zu gleicher Qual entbrennend! Wer tat dies in mein Blut, dies Gift der Träume, wer, wer jagt mich so mit Schrecknis? Wer hungert meines Schlafs, daß er ihn wegfrißt mir vom Leibe, wer quält, wer quälet mich? Mond, Nacht, Gestirn, ihr kalten Zeugen, wer, wer plaget mich, und wem, wem wache ich? Oh Antwort, Antwort! Wer bist du, Unsichtbares, das vom Dunkel zielt auf mich mit Pfeilen des Entsetzens, wer bist du, Schrecknis, die mich nachts beschläft, daß ich dein schwanger ward und mich hinkrümme in den Wehen? Warum dies Grauen mir, nur mir in dieser Stadt voll Schlummer und Entsinkens!
(Er horcht in die Stille hinein. Immer fiebriger.)
Oh Schweigen, Schweigen, immer Schweigen und innen Aufruhr noch und aufgewühlte Nacht. Mit heißen Fängen krallt sichs ein in mich und kann sie doch nicht fassen, mit Bildern geißelts mich und weiß nicht, wer mich treibet, in leere Luft hinfallen meine Schreie! Wohin, wohin entfliehn? Oh wirr Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und weiß nicht, wessen Ziel und wem zur Beute! Tu auf dich, Netz und Wirrnis, den Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder laß von mir, ich kann, ich kann nicht mehr. Laß ab, du Jäger, oder fasse mich, in Wachen ruf mich, nicht im Traum, in Worten sprich und nicht in Bildern brenne, – tu auf dich, der du mich verschließest, den Sinn sag dieser Qual, den Sinn, den Sinn!
EINE STIMME (leise rufend vom Dunkel her. Sie scheint aus Tiefen oder Höhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne): Jeremias!
JEREMIAS (taumelnd, wie von Steinwurf getroffen): Wer?… mein Name… war dies mein Name nicht… rief es von Sternen, riefs aus meinem Traum?… (Er horcht hinaus. Alles ist wieder stumm.)
JEREMIAS: Bist du es, Unsichtbarer, der mich jagt und plaget… bin ich es selbst, tönt mein hinstürmend Blut… noch einmal sprich, daß ich dich kenne, Stimme… noch einmal ruf mich an… noch einmal, einmal sprich…
DIE STIMME (näher tastend): Jeremias!
JEREMIAS (zerschmettert in die Knie stürzend): Hier bin ich, Herr! Es hört dein Knecht! (Er lauscht atemlos. Nichts regt sich ringsum.)
JEREMIAS (erbebend vor Leidenschaft): Sprich, Herr, zu deinem Knecht! Du riefest meinen Namen, so gib die Botschaft auch, auf daß mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort und offen deiner Rede! (Er lauscht wieder angespannt. Tiefes Schweigen.)
JEREMIAS: Ist es vermessen, daß ich dein begehre? Ein Unbelehrter bin ich und geringer Knecht, ein Staubkorn deiner Erde, doch dein ist alle Wahl! Der du Könige kiesest aus den Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund, daß er dann glühet deiner Rede, – du wählst nach andern Zeichen. Wen du berührest, Herr, der ist erwählet, wen du erwählest, Herr, der ist berufen. War schon dein Ruf dies, der an mich ergangen, oh sieh, ich habe ihn vernommen; bist du es, Herr, der mich gejagt, so sieh, ich flieh dir nicht. Faß deine Beute, Herr, greife dein Wild oder jag weiter mich zum Ziele! Nur mach mich wissend, daß ich dich nicht fehle, tu auf die Himmel deines Wortes, daß ich dich erschau, dein Knecht!
DIE STIMME (näher, eindringlicher): Jeremias!
JEREMIAS (entbrennend): Ich höre, Herr, ich höre! Mit meiner ganzen Seele horche ich dir zu! Aufgetan sind die Quellen meines Bluts und strömen, ausgereckt jede Faser meines Leibs, dich zu fassen, offen bin ich, unwürdig Gefäß, deiner Verkündung. Rede mir deine Rede, befiehl deine Befehle, dein bin ich mit dem Fleisch und dem Inwendigen meiner Seele! Ich will werden in deinem Willen und vergehen in deinem Geheiß. Ich will verlassen, die ich liebte, um deinetwillen und abseits werden meinen Freuden, ich will lassen die Süße des Weibes und die Hausung der Menschen, in dir allein will ich wohnen und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hören, da ich deinen erhörte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir allein gelobe ich mich, Herr, dir allein, denn durstig ist meine Seele deines Dienstes – offen bin ich deinem Wort und gewärtig deiner Zeichen!
DIE STIMME DER MUTTER (nun schon ganz nahe und kenntlich): Jeremias!
JEREMIAS (in Ekstase): Brich ein in mich, Herr, mein Herz birst vom Schauer deiner Nähe schon! Schütte dich aus, selig Gewitter; wühl mich auf, daß ich deinen Samen trage, mache fruchtend meine Erde, mache trächtig meine Lippe – einbrenn mir das Brandmal deiner Hörigkeit! Wirf dein Joch über mich, siehe, gebeuget schon ist mein Nacken, – dein bin ich, dein für immerdar. Nur erkenne mich, Herr, wie ich dich erkenne, nur laß mich deine Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im Dunkel meine Niedrigkeit, den Weg nur weise deines Willens, Herr, weise ihn, weise ihn deinem ewigen Knecht!
DIE MUTTER (ist suchend die Treppe emporgestiegen. Ihr Blick ist ängstliche Sorge, ihre Stimme voll Zärtlichkeit): Oh hier… hier bist du, mein Kind.
JEREMIAS (auffahrend von den Knien, voll Schreck und Ingrimm): Weg… fort… oh, verloschen die Stimme… zerschlagen der Weg… verborgen für immer…
DIE MUTTER: Weh… wie du hier stehest im dünnen Gewand am Kalten der Mauer… komm hinab, mein Kind… Fieber schwelt her von den Sümpfen des Morgens…
JEREMIAS (voll Wildnis): Was folgst du mir, was verfolgst du mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt von Stirn und Rücken, in Wachen und Schlaf…
DIE MUTTER: Jeremias, wie faß ich dich? Ich lag unten im Schlafe, da war mir, als hörte ich Zwiesprach vom Dache und Rede und Wort…
JEREMIAS (auf sie zu): Du hörtest… Du auch… um der ewigen Wahrheit willen… Du hörtest Ihn reden, vernahmest den Ruf…
DIE MUTTER: Wen meintest… keinen seh ich mit dir…
JEREMIAS (sie fassend): Mutter… ich beschwöre dich, sprich mir… Tod oder Seligkeit trägt mir dein Wort… Du hörtest eine Stimme… wachen Sinnes hörtest du sie…
DIE MUTTER: Eine Stimme hört ich vom Dache und tastete, daß ich dich weckte. Doch kalt war das Linnen, leer lag dein Bett. Da fiel Angst über mich, und ich rief deinen Namen…
JEREMIAS (erschwankend): Du riefest… Du riefest meinen Namen…
DIE MUTTER: Zu dreien Malen rief ich ihn… Doch warum…
JEREMIAS: Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewiß…
DIE MUTTER: Dreimal rief ich dich an…
JEREMIAS (mit brechender Stimme): Zernichtung und Hohn! Oh, Trügnis überall, außen und innen. In Angst schrie eine zu mir, und mein Grauen vermeinte den Gott…
DIE MUTTER: Wie bist du sonderlich! Kein Unrecht glaubt ich zu tun. Und stieg, da keiner Antwort gab, selbstens empor, ob hier einer wäre. Doch keiner war hier.
JEREMIAS: Oh doch! Ein Rasender, ein Verblendeter… oh Qual und Marter der Träume… Sinn und Widersinn im Betruge… ich Narr, ich Narr meines Wahns!…
DIE MUTTER: Was redest du… was ficht dich an…
JEREMIAS: Nichts, Mutter, nichts… nicht achte meiner Worte…
DIE MUTTER: Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschließen sich mir. Jeremias, ein fremder Geist ist über dich kommen, fremd ward und feindlich dein Sinn. Was ist dir geschehen, mein Kind, was quälet, was sorget dich?
JEREMIAS: Nichts quält mich, Mutter… mich schwülte das Bett… Kühlung kam ich zu trinken…
DIE MUTTER: Nein, du verschließt dich, du Harter, vor mir und bist doch offen meiner Seele. Meinst du, ich wisse nicht, wie du umgehst seit Monden Nacht um Nacht; meinest du, ich hörte nicht das Stöhnen deines Schlafs und den Angstschrei deines Schlummers? Oh, offenen Auges hör ich dich im Dunkel, wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt für Schritt hör ich dich schreiten, und Schritt für Schritt mitwandert mein Herz. Was ists, das dich quälet? Tu dich auf, du Verschlossener, nicht birg meiner Sorge die Qual!
JEREMIAS: Nicht sorge dich, Mutter! Nicht sorge dich!
DIE MUTTER: Wie soll ich deiner nicht sorgen? Bist du denn meiner Tage Tag nicht und meiner Nächte Gebet? Aus den Händen bist du mir gewachsen, darin ich dich trug, doch meine Seele, noch hält sie dich inne, daß sie wache deines Lebens. Oh, ich wußte es vordem, eh du es wußtest, ich sah es, eh du es schautest, seit Monden schon: es ist ein Schatten auf dein Antlitz gefallen und eine Sorge in deine Seele. Du bist fremd worden deinen Freunden und abseits der Fröhlichen, den Markt meidest du und der Menschen Haus. In Gedanken vergräbst du und des Lebens versäumest du dich. Jeremias, besinne dich, zum Priester bist du gezogen, dein harret des Vaters Gewand, daß du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang. Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, daß du bauest dein Leben, daß du beginnest dein Werk!
JEREMIAS: Nicht ist Zeit jetzt des Beginnens! Zu nah ist das Ende!
DIE MUTTER: Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mannbar bist du des langen, eines Weibes verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters Bild.
JEREMIAS (in grimmigem Schmerz): Ein Weib heimführen in Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich, nicht bräutlich nahet die Stunde!
DIE MUTTER: Ich faß dich nicht.
JEREMIAS: Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein Leben in den Tod? Soll ich säen der Fäulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir, Mutter, wohl dem, der sein Herz nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod.
DIE MUTTER: Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller im Frieden dies Land?
JEREMIAS: Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe wie keine gewesen je in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über Erden gefahren! Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel. Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es nicht offenbar den Träumern, doch ich, ich hab es geschauet Nacht um Nacht. Immer höher brennet der Brand, immer näher nahet der Feind, er ist da, der Tag des Getümmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus der Nacht.
DIE MUTTER: Entsetzen… wie wüßtest du’s?…
JEREMIAS:
Ein Wort, ein heimlich Wort ist über mich kommen, Da ich Gesichte beschaute des Nachts Und irrging in Träumen. Furcht und Bangnis fiel über mich, Meine Gebeine erbebten wie eine Klapper, Und gleich rissiger Mauer Einstürzte mein Herz. – Mutter, Ich habe Dinge gesehen, Wenn die stünden geschrieben, Würde starren der Menschen Haar Und der Schlaf fallen wie Asche Von ihrem Gesicht.
DIE MUTTER: Jeremias… was ist über dich…
JEREMIAS:
Das Ende nahet, das Ende, Es fahret aus Dräuend von Mitternacht, Feuer sein Wagen, Würgung sein Flug! Schon rauschen Schrecknis die heiligen Himmel, Schon bebt die Erde von Donner und Huf.
DIE MUTTER (im Entsetzen): Jeremias!
JEREMIAS (sie anfassend, lauschend): Hörst du… hörest du nicht, es rauschet, es rauschet schon nah…
DIE MUTTER: Nichts höre ich! Es morgent. Hirtenflöten wachten im Tal, und ein klein Wind umspielet das Dach.
JEREMIAS:
Ein klein Wind? Wehe, wehe! Gewaltigen Rauschens Wächst er empor, Sturmwind von Gott. Aus dem Geklüfte Der Mitternacht Kommt er gefahren, Schrecknis schwingt er Über die Stadt. Mutter! Mutter! Hörst du es nicht: Schwert klirrt im Wind, Räder rollt die rauschende Welle, Lanze blinkt und Harnisch die Nacht, Krieger und Krieger, unendliche Scharen Schüttet der Sturmwind über das Land.
DIE MUTTER: Wahnwitz von Träumen! Wirrnis und Trug!
JEREMIAS:
Es nahet, es nahet, Fremd Volk, Mächtig und alt Aus dem Osten der Erde, Unendliche Fülle Rauschen sie an, Wie Blitz fliegen weit ihre windigen Pfeile, Ihre Rosse sind alle mit Eile behufet, Ihre Wagen starr wie die Felsen geschient. Und inmitten ausfähret Mit blutiger Krone Der Stürzer der Städte, Der Zünder der Brände, Der Zwingherr der Völker, Der König, der König von Mitternacht.
DIE MUTTER: Der König von Mitternacht… Du träumest… der König von Mitternacht.
JEREMIAS:
Den Er erweckte, Den Er erwählte, Als harten Vollstrecker Härtesten Spruchs, Daß er strieme das Volk um all seiner Fehle, Daß er mahle die Mauer und berste die Türme, Daß er lösche das Licht und das Lachen der Häuser, Daß er tilge die Stadt und den Tempel von Erden Und pflüge die Straßen Jerusalems.
DIE MUTTER: Irrwitz und Frevel! Ewig währet Jerusalem!
JEREMIAS:
Es fällt! Was Gott berennet, Hat nicht Bestand! Von untenher Werden dorren seine Wurzeln, Und von obenher Geschnitten seine Frucht! Mit der Axt und dem Brande Wird der Reisige roden Israels Forst und Zions Gefild.
DIE MUTTER (ausbrechend):
Es ist nicht wahr! Du lügst! Du lügst! Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen, Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen! Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm, Ewig werden die ragenden Mauern, Ewig die Herzen Israels dauern, Ewig währet Jerusalem!
JEREMIAS: Es stürzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet die Stunde! Das Ende nahet, Israels Ende!
DIE MUTTER: Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwählte sind wir und werden dauern über die Zeiten! Nie vergehet Jerusalem!
JEREMIAS: Ich habe es geschauet in meinen Träumen, offenbar ward es meinen Gesichten!
DIE MUTTER: Frevler, wer so träumet, und Frevler siebenfach, wer glaubt solchen Träumen! Wehe, wehe, daß ichs erlebe, mein eigen Blut zaget an Zion und zweifelt des Herrn! Jeremias, Jeremias, willst du, daß mir zum Abscheu werde mein Schoß?
JEREMIAS: Wider Willen kam mir das Grauen, nicht vermag ich zu wehren den Gesichten.
DIE MUTTER: Halte dich wach im Gebet wider sie, und an dem Namen des Herrn zerschellet ihr Trug. Jeremias, besinne dich: eines Gesalbten Sohn bist du und geweiht, daß deine Stimme lobsinge dem Herrn, daß sie erhebe die Herzen der Zagenden und mit Mut fülle der Verstöreten Sinn!
JEREMIAS: Wie kann ichs, wie kann ichs! Selbst bin ich der Verstörteste aller! Laß ab von mir, Mutter, laß ab!
DIE MUTTER: Ich lasse nicht dein und nicht deine Seele dem Zweifel. Jeremias, mein einzig Kind, höre mich an! Geheimes künde ich dir zum erstenmal, daß erwache dein Herz. Höre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch ich war eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschloß der Herr meinen Schoß. Spott ward ich den Gefährtinnen und der Kebsen Gelächter. Zehen Jahre trug ich es duldend und zagete schon, aber im elften entbrannte mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, daß Er Frucht schenke meinem Schoß.
JEREMIAS: Zum erstenmal kündest du dies… zum erstenmal.
DIE MUTTER: Und ich warf mich zur Erde und tränkte sie mit meinen Tränen und gelobete: so ein Sohn mir geschenkt sei, ihn zu weihen dem Herrn. Ich gelobete zu schweigen und kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren Zeit, daß ihm dereinst der Rede Fülle sei, zu lobpreisen den Gott.
JEREMIAS: Mich gelobet… Mutter!… auch du… auch du…
DIE MUTTER: Selbigen Tages erkannte dein Vater mich, und ich ward dein gesegnet. Jeremias, höre, Jeremias, neun Monde begrub ich getreu die Stimme in meinem Leibe, daß dir alle Fülle des Wortes sei, daß du Lobkünder werdest des ewigen Gottes! So lösete ich mein Wort, und wir zogen dich auf, daß du lerntest die Schrift, und lieblich klang deine Stimme zum Psalter. Jeremias, nun weißt du: zum Priester bist du geweiht von Anbeginn und zum Lobkünder des Herrn. Zerreiß deiner Träume Netz und tritt in den Tag.
JEREMIAS: Oh, zwiefach Gelöbnis, Mutter, oh, zwiefach Zeugnis dieser Nacht. Zum andern Male hast du mich erwecket dem Leben, ein Wissender bin ich worden an deinem Wort, denn wundersam: ich schrie auf meine Frage zu Gott, und er entsandte dich mir zur Rede! Oh Geheimnis dieses Wegs, oh Stachel der Träume, der mich aufstieß, oh Lockung der Bilder, die mich weckten, oh trefflicher Jäger, der nicht fehlet! Nun weiß ich, wer geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund von meines Lebens Schlummer, nun weiß ich, wer drängete meine Säumnis, nun weiß ich, wer mich gefordert…
DIE MUTTER: Was ward dir! Wie eines Trunkenen gehet deine Rede…
JEREMIAS: Ja, trunken bin ich nun der Gewißheit seines Willens und so voll der Rede, daß mich der Odem in meinem Innern ängstet. Die Siegel sind gebrochen meines Mundes, und mir brennet die Lippe der Verkündung…
DIE MUTTER: Wehe, wenn du sie kündest deine Träume, die verruchten! Mein Sohn bist du nicht, schreist du aus solchen Wahn!
JEREMIAS: Dein Sohn, Mutter? Oh, wie sehr bin ich dein Sohn, wie dir gleich im Geschehen! Wisse, auch ich bin ein Unfruchtbarer gewesen, und Er hat mir ein Wort gezeuget und ein Geheimnis. Erneut habe ich, Mutter, dein Wort, auch ich habe mich ihm gelobet…
DIE MUTTER: So tritt hin in sein Haus, daß du ihm opferst, der dich erweckte, daß du lobpreisest seinen Namen!
JEREMIAS: Nein, Mutter, nicht Opferers Dienst hab ich genommen – selbst will ich das Opfer sein. Ihm bluten entgegen meine Adern, ihm brennet mein Fleisch, ihm flammet meine Seele. Ich will ihm dienen, wie keiner gedient, seine Wege sind meine Wege nunab. Oh, siehe, schon morgents im Tale, und auch in mir war es Tag aus den Dunkelheiten! Sein Himmel brennet in Feuer, und auch mir entbrannte das Herz. Oh, Wagen Elias, auffahrend im Feuer, reiß mit meine Rede, daß sie niederstürze wie Donner in der Menschen Tag! Wehe, mir brennet die Lippe schon, fort, ich muß fort…
DIE MUTTER: Wohin willst du vor Tag?
JEREMIAS: Ich weiß nicht, Gott weiß es.
DIE MUTTER: Doch sage, was planest du?
JEREMIAS: Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Sein ist mein Herz, sein ist die Tat!
DIE MUTTER: Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwörest mir denn, daß du verschweigst deine Träume…
JEREMIAS: Ich schwöre nicht! Ihm allein bin ich verschworen!
DIE MUTTER: … daß du nicht kündest Schrecknis vor dem Volke.
JEREMIAS: Sein ist die Verkündung, mein nur die Lippe!
DIE MUTTER: Wehe, du fliehest mein Wort! So höre und wisse: wer ausgehet Zweifel zu säen in Israel, geht nicht mehr ein in mein Haus.
JEREMIAS: Sein ist mein Wort, sein meine Hausung.
DIE MUTTER: Wer nicht glaubet an Zion, ist nicht mehr mein Sohn!
JEREMIAS: Sein bin ich allein, der mich eintat deinem Leibe.
DIE MUTTER: So weichest du? Aber höre vordem noch, Jeremias, höre, eh du auftust die Lippe vor dem Volke: Ich fluche aus meiner Seele Kraft dem, der Schrecknis wirft über Israel, ich fluche…
JEREMIAS (schauernd): Nicht fluche, Mutter, nicht fluche!
DIE MUTTER: Ich fluche dem, der Sturz sagt den Mauern und Wüstung den Gassen, ich fluche dem, der Tod schreit über Israel. Möge sein Leib in Feuer fallen und seine Seele in des lebendigen Gottes Faust.
JEREMIAS: Nicht Fluch sprich… Mutter… vielleicht stößt Er mich unter ihn…
DIE MUTTER: Ich fluche dem Zweifler, der mehr vertrauet den Träumen denn Gottes Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich verfluche den Leugner Gottes und wäre es mein Kind! Zum letztenmal, Jeremias… wähle!
JEREMIAS: Ich… geh… meinen Weg… (Er beginnt mit schwerem Schritt zur Treppe zu treten.)
DIE MUTTER: Jeremias… mein einzig Kind bist du und meines Alters Trost… entweiche meinem Fluch… denn Gott wird ihn erhören, wie er erhörte mein Gelöbnis.
JEREMIAS: Auch ich bin ihm gelobet, Mutter, auch mich hat er erhöret. Lebe wohl! (Er schreitet die erste Stufe hinab.)
DIE MUTTER (aufschreiend): Jeremias! Über mich geht dein Schritt! Du zertrittst mir das Herz!
JEREMIAS: Ich weiß die Straße nicht, die ich schreite… ich fühl die Steine nicht, die ich trete… ich fühl einen Ruf nur… einen Ruf, der mich rufet… und ich folge dem Ruf…
(Er steigt langsam die Stufen nieder, das Antlitz ernst und verhalten, die Augen starr in den Himmel.)
DIE MUTTER (zur Treppe hinstürzend, in Verzweiflung): Jeremias!… Jeremias!… Jeremias!…
(Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt allmählich ganz ins Schweigen zurück. Einsam steht die einstürzende Gestalt der Mutter vor dem hohen Himmel, über den sich tragische Morgenröte wie ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten beginnt.)
»Die Profeten, die vor mir gewesen sind von alters her, haben wider viel Länder geweissaget von Krieg, von Unglück und Pestilenz; wenn aber ein Profet von Frieden weissagt, den wird man kennen, ob ihn der Herr wahrhaftig gesandt hat, wenn sein Wort erfüllet wird.«
Jer. XVIII, 8/9.
Der große Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in den Säulenvorhof der Burg von Zion führt, rechts zum königlichen Palaste und mittseits zum anschließenden Tempel. Auf der andern Seite ist der geräumige Platz von Häusern und Gassen begrenzt, die nieder und gebückt scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingänge in den Palast sind umschmückt von Girlanden und prächtigem Zedergetäfel; in breite, kunstvolle Brunnenschalen des Vorhofs fließt Wasser nieder, rückwärts glänzt dunkel das erzgetriebene Tor des Tempels.
Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stufen empor wirr durcheinandergedrängt das Volk von Jerusalem, eine farbige, erregte Masse von Männern, Frauen und Kindern, die von einhelliger Erwartung bewegt sind. Die Menge hat viele Stimmen, die in den Augenblicken des Geschehens oft in einen einzigen Schrei zusammenfließen, sonst sich aber erregt widerstreiten. Im gegenwärtigen Augenblicke sind alle in die Richtung der Gassen gewandt und drängen sich in erwartender Unruhe.
STIMMEN: Der Wächter hat schon gerufen vom Turm… nein, noch nicht… doch, ich habe das Horn gehört… ich auch… ich auch… sie müssen nahe sein… von wo kommen sie… werden wir sie sehen…
ANDERE STIMMEN: Vom Tore Moria kommen sie… hier müssen sie vorbei… sie gehen zum Palast… laßt die Gasse frei,… ja… ja… wir wollen sie sehen… weicht zurück… macht Raum… Raum für die Ägypter…
EINE STIMME: Aber ist es gewiß auch, daß sie kommen?
EINE ANDERE STIMME: Den Boten sprach ich, der ihnen vorausgeeilt.
STIMMEN: Er hat den Boten gesprochen… erzähle… wie viele sind ihrer… bringen sie Geschenke… wer ist ihr Führer… was bringen sie… erzähle, Isaschar!
(EINE GRUPPE bildet sich um den Mann Isaschar.)
ISASCHAR: Ich vermag nur zu berichten, was der Bote, mein Schwäher, mir gesagt. Die ersten Krieger Ägyptens sind es, die Pharao uns sandte, und Sklaven sind viele mit ihnen, die Geschenke bringen auf Sänften und Tragen. Seit Salomos Tagen ward nichts ihresgleichen gen Zion gebracht.
STIMMEN: Es lebe Pharao… Ruhm seiner Herrschaft… Heil Ägypten!
EINE STIMME: Sie sagen, auch eine Tochter Pharaos reise mit ihnen, daß sie Zedekia vermählt werde. Ist es wahr, Isaschar?
ISASCHAR: Es ist wahr. Eine Tochter Pharaos geleiten sie. Die Schönste ist sie seiner Töchter, und er hat sie Zedekia gewählt.
STIMMEN: Ruhm Pharao… Heil Zedekia… werden wir sie schauen… Heil Ägypten!…
EIN ALTER MANN: Unheil kam von je über Israel von den fremden Weibern der Könige…
STIMMEN: Ja, sie wenden den Sinn der Gerechten… fort mit ihnen… was schmähst du Ägypten… ja, was wollen, sie… was bedeutet die Sendung… seit wann ist Freundschaft zwischen Ägypten und Israel… was wollen sie?
EINE STIMME: Ein Bündnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, ich weiß es von Abimelech.
STIMMEN: Heil Abimelech, unser Führer… kein Bündnis… kein Bündnis mit Ägypten… kein Bündnis mit Mizraim… wider wen ist das Bündnis…
ISASCHAR: Warum kein Bündnis mit ihnen? Mächtig sind sie, und vereint wären wir stark wider unsern Unterdrücker. Zehntausend Sichelwagen vermag Pharao Necho ins Blachfeld zu stellen, und seine Bogenschützen und Reiter sind ohne Zahl. Er will aufstehen wider Assur, unsern Peiniger, und sie begehren unseres Beistands.
DER ALTE: Kein Bündnis mit Ägypten! Unser Kampf ist nicht der ihre!
ISASCHAR: Unsere Not ist die ihre, sie wollen nicht Knechte sein der Chaldäer!
STIMMEN: Wir auch nicht… wir auch nicht… nieder mit Assur… zerbrechen wir das Joch… hüten wir uns…
BARUCH (ein Jüngling, ekstatisch): In Ketten gehen unsere Tage und mit güldenen Schäkeln unsere Boten allneumonds gen Babel. Wie lange wollen wir es dulden noch?
SEBULON (der Vater Baruchs): Schweige… nicht dein ist die Rede… eine linde Knechtschaft ist Chaldäas Joch…
STIMMEN: Aber wir wollen nicht länger Knechte sein… die Stunde der Freiheit ist gekommen… nieder mit Assur… verbinden wir uns Ägypten…
SEBULON: Nie kam Gutes von Mizraim. Man muß prüfen und erwägen, man muß mißtrauen und gedulden.
STIMMEN: Die Geräte des Tempels muß man schaffen… nicht länger soll Baal sich ihrer ergötzen… nieder mit den Räubern des Tempels… jetzt ist es die Stunde…
ANDERE STIMMEN (von der Tiefe der Gasse her): Sie kommen! Sie kommen!
STIMMEN (von allen Seiten jauchzend): Sie kommen… Raum… macht Raum… sie kommen… hier herauf… zurück hier… ich sehe sie schon… hier kannst du sie sehen…
(DAS VOLK stürmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die nun die Gesandtschaft der Ägypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger über dem Gewoge der lärmenden Menge leuchten.)
STIMMEN: Wie stolz sie gehen… wer ist der Führer… Araxes ist es… die Geschenke… die Sänften… seht diese, sie ist verhüllt… die Tochter Pharaos muß es sein… heil Araxes… heil Ägypten… wie schwer sie tragen an den Truhen, Gold muß darin sein… wir werden es zahlen müssen mit Blut… die Schwerter, seht die kurzen… die unsern sind besser… wie hochmütig sie gehen… gewaltige Krieger müssen es sein… es lebe Pharao Necho… es lebe Ägypten… heil… Gott strafe Assur… heil Ägypten… heil Araxes… es lebe Necho… Segen über Pharao… geheiligt unser Bund… heil euch… heil euch…
(DIE MENGE umdrängt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der Ägypter.)
(DIE ÄGYPTER, reichgeschmückt, schreiten stolz und ernst durch die Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken würdevoll.)
BARUCH (von den Stufen herab): Der König erfülle eure Wünsche! Er schließe den Bund!
STIMMEN: Ja… ja… auf gegen Assur… zerbrechen wir das Joch… es lebe Necho… Segen über eure Ankunft… Rache für Zion…
ANDERE STIMMEN: Zum Palast… geleitet sie zum Palast… zum Könige… er schließe den Bund… es lebe Araxes… Segen über Zedekia, unsern König… ein König der Knechte… nein… nein… Freiheit… auf zum Palast…
(DIE ÄGYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in die Säulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strömt der Schwall des Volkes. Andere Schwärme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den Stufen nur einzelne kleine Gruppen älterer Leute zurück, während die Krieger und die Frauen schaulustig den Ägyptern nachstürmen, die Sänften umdrängen und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.)
BARUCH (der ihnen ekstatisch zugewinkt hat): Ich muß mit ihnen.
SEBULON: Du bleibst!
BARUCH: Ich will es schauen, ich will es erleben, wie Israel aufsteht wider seine Peiniger. Meine Seele verzehrt sich, das Gewaltige zu erschauen, und nun ist die Stunde genaht.
SEBULON: Du bleibst! Gott wägt seine Stunden, nicht wir. Des Königs ist die Entscheidung.
BARUCH: Wie sie jubeln! Laß mich mit ihnen sein, mein Vater, daß ichs erlebe.
SEBULON: Oft und oft noch wirst du’s erleben. Denn immer jubelt das Volk zu den lauten Worten, immer läuft es hinter dem Gepränge.
EIN ANDERER: Was verweigerst du ihm die Freude? Ist der Tag unseres Sehnens nicht erschienen? Freunde sind Israel erstanden.
SEBULON: Nie war Mizraim Israels Freund.
BARUCH: Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die Ägyptens.
SEBULON: Nichts gemein haben wir mit den Völkern der Erde. Einsamkeit ist unsere Gewalt.
DER ANDERE: Aber sie wollen für uns kämpfen.
SEBULON: Für sich wollen sie kämpfen. Jedes Volk kämpft nur für sich allein.
BARUCH: Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein König sein der Sklaven und Zion ein Pflichtling Chaldäas? Oh, daß er ein König wäre, Zedekia…
SEBULON: Schweige, ich befehle es dir. Nicht ziemt es den Knaben, die Könige zu richten.
BARUCH: Jung bin ich, doch wer ist Jerusalem, wenn die Jugend nicht? Die Bedächtigen nicht haben es gebaut. David, der Junge, hat sie getürmet und groß gemacht unter den Völkern.
SEBULON: Schweige, nicht dein ist das Wort auf dem Markte.
BARUCH: Sollen nur die Bedächtigen reden, nur die Greise beraten, daß Israel ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule in unsern Herzen? Unser ist die Stunde, unser die Rache. Ihr habt euch gebeuget, wir wollen uns erheben, ihr habt gezögert, und wir wollen vollbringen, ihr hattet den Frieden, und wir wollen den Krieg.
SEBULON: Was weißt du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, die Väter, haben ihn gekannt. Er ist groß in den Büchern, aber ein Würger ist er in Wahrheit und ein Schänder des Lebens.
BARUCH: Ich fürchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft!
EINE STIMME: Einen Eid des Friedens hat Zedekia geschworen.
STIMMEN: Ungültig ist der Eid… er zerbreche den Schwur… kein Eid gilt den Heiden…
STIMMEN (von rückwärts aus der Gasse kommend, im Jubel): Abimelech! Heil Abimelech… Abimelech, unser Führer… heil dir…
(DIE GRUPPEN sammeln sich um Abimelech, den Obersten der Krieger, und jubeln ihm zu.)
STIMMEN: Abimelech… ist es wahr, daß Ägypten ein Bündnis bietet… raffe dein Schwert… auf, ziehe wider Assur… raffe Israels Kraft… wir sind bereit… wir sind bereit…
ABIMELECH (auf der Höhe der Stufen zu der Menge): Sei bereit, Volk von Jerusalem, denn nahe ist die Stunde deiner Freiheit.
(DIE MENGE, die ihn umringt, bricht in Jubelschreie aus.)
ABIMELECH: Pharao Necho hat uns seine geharnischte Hand geboten. Er will sich uns gesellen, daß wir selbzweit Assurs Macht brechen, und wir wollen es tun, mein Volk von Jerusalem. Bereit sind deine Streiter, gerüstet deine Kämpfer, geschirrt deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun stähle dein Herz, Volk von Jerusalem.
DIE MENGE (jauchzend): Auf gegen Assur… Krieg mit Chaldäa… heil Abimelech…
EIN KRIEGER: Wie die Schafe werden wir sie vor uns hertreiben. Sie haben sich matt gemacht in den Frauenhäusern, und ihr König trug nie eines Kriegers Gewand.
EINE STIMME: Das ist nicht wahr!
DER KRIEGER: Wer sagt, es sei nicht wahr?
EINE STIMME: Ich sage es. In Babel bin ich gewesen und habe Nabukadnezarn gesehen. Er ist gewaltig und sein Kriegsvolk ohne Makel.
STIMMEN: Du Schurke, lobpreisest du unsere Feinde… ein Gekaufter ist er… sein Weib ist eine Chaldäerin… sie hat gehurt mit allen Knechten Babels… Verräter…
DER KRIEGER (vortretend zu den Sprechenden): Willst du sagen, wir könnten ihrer nicht obsiegen?
DIE STIMME: Ich sage, daß sie mächtig sind, die Chaldäer.
DER KRIEGER (auf ihn eindringend): Meine Faust sieh hier und sage noch einmal, sie seien besser denn Israel.
STIMMEN: Sag es noch einmal… zerreißt ihn… Verräter… Verräter…
DER SPRECHER (von allen gefaßt, eingeschüchtert): Nicht das sagte ich… ich meinte… ich meinte, daß ihrer viele sind.
ABIMELECH: Immer waren unserer Feinde viel, und immer haben wir sie geschlagen.
STIMMEN: Wer kann an wider uns… alle haben wir geschlagen… Moab zerschmettert und Ammon… Sanherib und seine Tausendmaltausend… die Philister und Amalek… Wer kann uns widerstehn… Tod über den, der uns schmäht…
(EINIGE BOTEN eilen aus dem Palast.)
DIE MENGE (sie umdrängend): Wohin eilet ihr… was bringt ihr… wen suchet ihr… was ist…
EIN BOTE: Der König hat den Rat berufen.
