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In "Gesammelte Werke: Philosophische & Philologische Werke, Autobiographische Aufzeichnungen, Lyrik, Aufsätze und Briefe" präsentiert Friedrich Nietzsche eine umfassende Sammlung seiner Denkschriften, die sich über Philosophie, Philologie und persönliche Reflexionen erstrecken. Nietzsche, einer der einflussreichsten Denker des 19. Jahrhunderts, verbindet in seinem literarischen Stil aphoristische Schärfe mit poetischer Ausdruckskraft und entwickelt assimiliert Ideen der Antike, um die kulturellen und moralischen Fundamente seiner Zeit zu hinterfragen. Der Kontext dieser Werke spiegelt nicht nur die philosophischen Strömungen seiner Epoche wider, sondern auch seine Bestrebungen, ein neues Wertesystem jenseits von Religion und herkömmlicher Moral zu entwerfen. Friedrich Nietzsche (1844-1900) war ein deutscher Philosoph, der sich durch seine radikale Kritik an christlichen Werten und seine Aufforderung zur Überwindung des Nihilismus einen Namen machte. Sein akademischer Hintergrund in der Philologie und sein Beruf als Professor an der Universität Basel prägten seine scharfen Analysen menschlicher Werte und gesellschaftlicher Normen. Nietzsches gesundheitliche Probleme und Vereinsamung beeinflussten zudem seine philosophischen Überlegungen, oft durch Rückzug und intensive Beschäftigung mit literarischen und philosophischen Texten. Dieses Buch ist für alle Leser von großem Wert, die sich tiefgehender mit Nietzsches Gedankenschätzen auseinandersetzen möchten. Es lädt dazu ein, die Werke eines Denker genialen Geistes zu erkunden, der noch heute in Politik, Kunst und Philosophie nachhallt. Die gesammelten Schriften bieten sowohl einen Einblick in die Entwicklung seiner Ideen als auch eine Quelle der Inspiration für zeitgenössische Fragestellungen der menschlichen Existenz. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Sammlung bündelt Friedrich Nietzsches philosophische, philologische, poetische und autobiographische Kräfte, ergänzt durch ausgewählte Briefe und exemplarische Lebens- und Deutungsbilder von Georg Brandes, Rudolf Steiner, Stefan Zweig, Theodor Lessing, Josef Hofmiller und Hanns Heinz Ewers. Leitmotiv ist die Prüfung und Neuschöpfung von Werten: das dionysische Begehren nach Verwandlung, die Skepsis gegenüber Wahrheiten, die Kunst des Stils als Erkenntnisweg. Ziel ist es, Nietzsches Selbstbefragung über Gattungen hinweg sichtbar zu machen und Bewegungen statt Endresultate zu akzentuieren. Gegenüber früher getrennten Publikationen eröffnet der Querbezug zwischen Dichtung, Analyse und Selbstdeutung einen durchgehenden Spannungsbogen, der Entwicklung, Bruch und Rückkehr zugleich ausweist.
Von den philologischen Anfängen in Homer und die klassische Philologie über Die Geburt der Tragödie bis zu Menschliches, Allzumenschliches, Morgenröthe, Die fröhliche Wissenschaft, Jenseits von Gut und Böse und Zur Genealogie der Moral entfaltet sich ein Parcours, der Stil als Erkenntnisrisiko versteht. Also sprach Zarathustra und die Dionysos-Dithyramben setzen das Experiment im hohen Ton fort; Idyllen aus Messina bezeugt eine hellere, aber gezügelte Lyrik. Der Antichrist, Götzen-Dämmerung, Der Fall Wagner und Nietzsche contra Wagner schärfen die polemische Seite. Fünf Vorreden zu fünf ungeschriebenen Büchern markiert den Reflexionspunkt über Werkentwürfe. Zusammengenommen entsteht ein vibrierendes Bild, das Erkundung über Systematik stellt.
Die Aufsätze bilden das Labor jener Motive. Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn problematisiert Begriffe wie Erkenntnis, Zeichen und Metapher; Wir Philologen und Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten kartieren institutionelle Bedingungen von Bildung und Geist. Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen und Die Geburt des tragischen Gedanken lassen die griechische Matrix aufscheinen; Sokrates und die griechische Tragoedie, Über Musik und Wort und Das griechische Musikrama loten Tragik, Rhythmus und Sprache aus. Unzeitgemäße Betrachtungen erweitert die Perspektive in kulturkritischer Richtung. Kuratorisches Ziel ist, diese semantischen Fäden mit den späten Diagnosen zu verknüpfen und Scharniermomente erfahrbar zu machen.
Autobiographische Akzente sind entscheidend. Ecce Homo, die Ausgewählte Briefe (1850–1889) und Nietzsches Leben und Werk: Rückblick auf seine Ideen und seinen Einfluss stellen Selbstentwürfe neben gelebte Stimme und retrospektiven Überblick. Die Aufnahmen von Brandes, Steiner, Zweig, Lessing, Hofmiller und Ewers umkreisen dieses Selbstbild aus wechselnden Blickwinkeln: der Kämpfer, der Dämon, der Zeitgenosse, der Widerspruch. Dadurch erhält die Sammlung eine vielstimmige Resonanzfläche, die Selbstzeugnis, Philosophie, Lyrik und Kritik wechselseitig beleuchtet. Im Unterschied zu früheren Einzelveröffentlichungen ermöglicht die Konzentration auf diese Spannungen eine synoptische Lektüre, die Werkbewegungen, Rollenmasken und leitende Motive entlang wiederkehrender Fragen bündelt.
Die Geburt der Tragödie setzt den doppelten Ursprung der Kunst in Szene und kehrt in den Wagner-Schriften Der Fall Wagner und Nietzsche contra Wagner als streitbarer Selbstkorrekturversuch wieder. Götzen-Dämmerung kommentiert diese Linie mit zugespitzter Kürze; Der Antichrist verschärft den Ton. Essays wie Über Musik und Wort und Das griechische Musikrama lassen hören, wie aus musikalischer Theorie kulturkritische Diagnosen werden. Der Dialog zwischen früher Bewunderung und später Distanz erzeugt eine fruchtbare Reibung, die Form und Urteil zugleich betrifft. Damit entsteht ein ästhetisch-ethischer Parcours, in dem Kriterien nicht vorausgesetzt, sondern im Vollzug neu entstanden gedacht werden.
Die fröhliche Wissenschaft und Morgenröthe bereiten sprachlich-psychologische Experimente vor, die in Also sprach Zarathustra zur Symbolsprache verdichtet werden. Wiederkehrende Bilder wie Sonne, Meer, Tanz und Berg binden Erkenntnis an Rhythmus und Atmung. Idyllen aus Messina zeigt eine klassizistisch gewandte Stimme; die Dionysos-Dithyramben entfalten ekstatische Verdichtung. Zwischen Aphorismus, Idyll und Hymnus spannt sich ein Tonraum, in dem Schwere und Leichtigkeit korrespondieren. Dabei liegt der Fokus auf Selbstüberwindung, Wertschöpfung und Einsamkeit als Preis der Freiheit. Die Lyrik ist nicht Beiwerk, sondern Prüfstand: Sie testet, ob Gedanken ein eigenes Tempo, Timbre und eine körperliche Geste gewinnen.
Jenseits von Gut und Böse und Zur Genealogie der Moral wenden die analytische Schraube an den Wertsystemen; Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn liefert das erkenntnistheoretische Fundament dafür. Menschliches, Allzumenschliches verschiebt den Duktus ins nüchterne, aufklärerische Register; Unzeitgemäße Betrachtungen problematisiert den historischen Sinn. Fünf Vorreden zu fünf ungeschriebenen Büchern thematisiert Programm und Maske. In Homer und die klassische Philologie und Wir Philologen werden methodische Tugenden und blinde Flecken des Fachs sichtbar. Zusammen entfaltet sich ein Netz von Anspielungen, in dem die Frage nach Wahrheit, Perspektive, Schuld und Wille verschiedene Tonlagen annimmt und dadurch argumentative Tiefe gewinnt.
Die biographischen und interpretierenden Stimmen dieser Sammlung treten in einen deutlichen Antwortdialog mit Nietzsche. Georg Brandes legt einen prägnanten Zugang an; Rudolf Steiner betont den Kämpfer gegen seine Zeit; Stefan Zweig inszeniert den Kampf mit dem Dämon; Theodor Lessing, Josef Hofmiller und Hanns Heinz Ewers setzten jeweils eigene Akzente. Ihre Darstellungen spiegeln, korrigieren und kontrastieren Ecce Homo und die Briefe. So werden Motive wie Einsamkeit, Krankheit, Stil und Verantwortung von mehreren Seiten beleuchtet. Zeitpolitische Töne der Aufsätze, etwa Mahnruf an die Deutschen oder Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten, bilden den Resonanzraum, in dem diese Lesarten ihre konkreten Fragen gewinnen.
Die Sammlung bleibt aktuell, weil sie eine Denkbewegung versammelt, die Geltungsansprüche prüft und zugleich kreative Alternativen erprobt. Der Weg von philologischer Strenge zu experimenteller Philosophie und dichterischer Verdichtung zeigt, wie Erkenntnisformen einander wechselseitig befruchten. Die Briefe geben dem Denken Adresse und Stimme; Ecce Homo exponiert die Kunst der Selbststilisierung als Teil der Philosophie. Essays zur Bildung, zu Tragik und zur Sprache verknüpfen Mensch und Institution, Mythos und Begriff. In dieser Konstellation bietet die Sammlung Werkzeuge, um Gegenwartsfragen zu Identität, Verantwortung und Kultur mit begründeter Skepsis, formaler Wachheit und spielerischer Ernsthaftigkeit zu durchdenken.
Für die kritische Rezeption markieren einige der hier vertretenen Stimmen erkennbare Wegscheiden. Georg Brandes’ Darstellung prägte die frühe internationale Aufnahme und schuf eine prägnante Chiffre für Nietzsches Haltung. Rudolf Steiner eröffnete eine produktive Lesart des kämpferischen Denkers; Stefan Zweig stellte die dämonische Energie ins Zentrum; Theodor Lessing, Josef Hofmiller und Hanns Heinz Ewers ergänzten das Panorama. Solche Profile beeinflussten Diskussionen über Stil, Persönlichkeit und Wirkung. Gegenlektüren im eigenen Werk, etwa zwischen Die Geburt der Tragödie und Götzen-Dämmerung, lieferten zugleich interne Maßstäbe, an denen spätere Bewertungen ihre Spannung bis heute messen.
Kulturelle Nachwirkungen zeigen sich in unterschiedlichen Medien und Diskursen, die in dieser Sammlung bereits angelegt sind. Die Wagner-Schriften wirken auf Debatten über Musikdrama zurück; die Tragödientheorie motiviert künstlerische und philologische Reflexion; die Sprachskepsis von Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn inspiriert Untersuchungen über Metapher, Stil und Perspektive. Die autobiographischen Selbstaussagen und Porträts prägen Vorstellungen von Autorschaft, Rolle und Öffentlichkeit. Auf gesellschaftlicher Ebene bieten Mahnruf an die Deutschen und verwandte Texte Brennpunkte für politische und bildungstheoretische Kontroversen. So fungiert das Ganze als Archiv von Fragen, die weiterhin produktiv irritieren und verpflichten.
Die hier gebündelten Stimmen laden zu wiederholter, querlaufender Lektüre ein. Zwischen Betrachtung, Aphorismus, Hymnus und Brief entsteht ein Bewegungsprofil, das weder rein systematisch noch bloß fragmentarisch ist. Die Lektüre begegnet einem Denken, das seine eigenen Masken mitführt und zerbricht, das seine Begriffe tanzen lässt und doch an begrifflicher Genauigkeit festhält. In der Gegenüberstellung mit Brandes, Steiner, Zweig, Lessing, Hofmiller und Ewers wird die Selbstauslegung zur offenen Szene. Diese Sammlung hält die Spannung zwischen Analyse und Schöpfung wach und macht sichtbar, wie Philosophie, Philologie und Poesie bei Nietzsche eine gemeinsame Werkstatt bilden.
Zwischen den Revolutionsnachwehen von 1848 und der Konsolidierung des Kaiserreichs wurden Universität und Philologie zu tragenden Pfeilern staatlicher Selbstrepräsentation. In diesem Umfeld stehen Homer und die klassische Philologie, Wir Philologen und Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten. Diese Schriften zeigen, wie gelehrte Praxis an Verwaltungslogik, Disziplinierung und nationale Bildungsziele rückgebunden wurde. Wissenschaft und Weisheit im Kampfe spiegelt die Reibung zwischen utilitaristischer Wissenspolitik und einem umfassenderen Bildungsanspruch. Der spätere Bruch mit institutionellen Loyalitäten erklärt sich aus dieser Frühphase: Der Gelehrte wird zum Kritiker des Systems, aus dessen Ressourcen er zunächst schöpfte und dem er sogleich widersprach.
Der deutsch-französische Krieg veränderte die kulturelle Öffentlichkeit und schuf eine Atmosphäre aus Triumph, Ressentiment und Selbstvergewisserung. Unzeitgemäße Betrachtungen interveniert gegen Zeitgeistpatriotismus, während Mahnruf an die Deutschen und Ein Neujahrswort an den Herausgeber der Wochenschrift »Im neuen Reich« die politische Rhetorik der Gegenwart prüfen. Menschliches, Allzumenschliches markiert zugleich eine Distanzierung von metaphysischen Rechtfertigungen nationaler Mission. Inmitten symbolischer Siegesfeiern wendet sich der Autor der Frage zu, welche Denkstile Kriege begleiten und legitimieren. Die hier gesammelten Texte erschließen die Spannungen zwischen Staatsräson, öffentlicher Meinung und einer skeptisch gewordenen Gelehrtenethik.
Der Kulturkampf, Urbanisierung und Konfessionspolitik schärften Fronten zwischen säkularen und religiösen Autoritäten. Die Geburt der Tragödie, Die dionysische Weltanschauung und Die Geburt des tragischen Gedanken entwerfen mythische Gegenbilder zu bürokratischer Vernunft und pastoraler Normierung. Der Antichrist radikalisiert später die Kritik an kirchlichen Machtansprüchen. Zugleich entzieht Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn den Wahrheitsprätentionen politischer und klerikaler Diskurse den Boden, indem es ihre sprachlichen Voraussetzungen offenlegt. In diesem Gemenge erscheinen Antike und Tragödie nicht als Fluchtpunkt, sondern als analytische Werkzeuge, um moderne Herrschaftstechniken und moralische Selbstbilder zu durchleuchten.
Die zweite industrielle Revolution verschob soziale Hierarchien, beförderte Massenmedien und neue Klassenkonflikte. Morgenröthe und Menschliches, Allzumenschliches beobachten die psychologischen Mikrostrukturen dieses Wandels, während Die fröhliche Wissenschaft den heiteren Ton als Gegenmittel zur moralisierenden Öffentlichkeit erprobt. Jenseits von Gut und Böse und Zur Genealogie der Moral verfolgen das Entstehen von Wertordnungen als Strategie sozialer Kräfte. Wissenschaft und Weisheit im Kampfe diagnostiziert den Preis einer auf Nützlichkeit getrimmten Wissensökonomie. Der Band zeigt, wie philosophische Formate zu Frühwarnsystemen für die Verwerfungen einer dynamisierten Gesellschaft werden und wie Kritik an Autoritäten in methodische Selbstkritik übergeht.
Die Kulturpolitik der Epoche inszenierte große Oper, Festspielwesen und Monumentalkunst als nationale Visitenkarte. Vor diesem Hintergrund entfalten Der Fall Wagner, Nietzsche contra Wagner, Über Musik und Wort und Das griechische Musikrama eine symptomatologische Ästhetik: Kunst wird als Schauplatz politischer Affekte gelesen. Die Auseinandersetzungen zeigen, wie künstlerische Programme als Moral- und Nationserzählungen funktionieren. Götzen-Dämmerung erweitert diese Perspektive auf die Idole der öffentlichen Meinung, während Der Antichrist die konfrontative Zuspitzung religiöser Machtansprüche markiert. Das politische an diesen Texten liegt weniger in Parteibekenntnissen als in der Freilegung kultureller Steuerungsmedien.
Am Ende des Jahrzehnts vor 1890 verdichten sich Nervosität, Pressepolarisierung und Zensurdebatten. Götzen-Dämmerung reagiert mit einer komprimierten Attacke auf zeitgenössische Dogmen, Ecce Homo inszeniert Autorschaft und Öffentlichkeit als Kampfplatz, und die Ausgewählten Briefe (1850-1889) dokumentieren dichte Netzwerke von Bewunderern, Gegnern und Verlegern. Lyrische Gegenräume wie Idyllen aus Messina und die Dionysos-Dithyramben suchen eine andere, ekstatisch verdichtete Öffentlichkeit. Die hier versammelten Texte zeichnen das politische Klima der Spätzeit nach: Umkämpfte Werte, mediale Beschleunigung und der Versuch, inmitten imperialer Selbstgewissheit eine unbestechliche Diagnose zu liefern.
Von der Schule der Quellenkritik zur Philosophie der Kunst: Homer und die klassische Philologie formuliert wissenschaftliche Standards, deren Grenzen Die Geburt der Tragödie erprobt, indem philologische Evidenz mit ästhetischer Intuition verschränkt wird. Sokrates und die griechische Tragoedie und Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen rekonstruieren Frühformen des Denkens, um die Moderne von der Antike her neu zu befragen. Aus dieser Bewegung erwächst eine doppelte Methodik: Strenge der Textarbeit und Mut zur Konstruktion von Begriffen, die mehr leisten als bloße Historie. Die resultierende Denkform bleibt experimentell, ohne die Disziplinen zu verlassen, aus denen sie sich nährt.
Die Sammlung dokumentiert eine Poetik des Fragments und der Versuchsanordnung. Menschliches, Allzumenschliches, Morgenröthe und Die fröhliche Wissenschaft entwickeln die Aphoristik zur Laborform der Erkenntnis: kurz, präzise, irritationsfähig. Fünf Vorreden zu fünf ungeschriebenen Büchern reflektiert dieses Verfahren programmatisch und umkreist unentworfene Projekte als Denkexperimente. Die Unzeitgemäßen Betrachtungen markieren den Übergang vom Essay zur kulturkritischen Anatomie. Jenseits von Gut und Böse radikalisiert die Technik des Perspektivenwechsels und macht Form zum Argument. In dieser Schreibweise wird Stil zur Erkenntnismethode: Wahrheit erscheint als bewegliche Konstellation, nicht als stillgestellter Besitz.
Epistemologie und Moral werden genealogisch befragt. Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn legt die Bildhaftigkeit des Denkens frei; Jenseits von Gut und Böse zersetzt die Schablonen der Tugendrede; Zur Genealogie der Moral analysiert Schuld, Askese und Idealbildung als historische Arrangements. Die fröhliche Wissenschaft zeigt, wie Erkenntnislust gegen Verdüsterung der Welt verteidigt werden kann, während Menschliches, Allzumenschliches die Demontage großer Metaphysiken als hygienische Übung versteht. Götzen-Dämmerung bündelt diese Linien in prägnanten Schlaglichtern. Der Erkenntnisprozess wird nicht verabsolutiert, sondern als Taktik verstanden: elastisch, witternd, gegenüber Dogma misstrauisch.
Die ästhetische Debatte um Musik bildet ein Zentrum. Über Musik und Wort und Das griechische Musikrama suchen nach dem Verhältnis von Ton und Begriff, Urbild und Begriffssprache. Der Fall Wagner und Nietzsche contra Wagner lesen künstlerische Programme als physiologische und kulturelle Symptome, nicht als unberührte Offenbarungen. Die Geburt der Tragödie liefert den mythologischen Resonanzraum für diese Auseinandersetzung. In Summe entsteht eine Physiologie der Kunst: Sie erklärt Intensität, Rausch, Erschöpfung und Stilwandel aus Kräften, die über Programmatiken hinausgehen. Ästhetik wird so zum Sensorium für geistige und gesellschaftliche Krisen.
Die religiöse Frage wird poetisch und programmatisch neu gestellt. Der Antichrist attackiert moraltheologische Begründungen; Also sprach Zarathustra schafft einen Sprach- und Figurenraum für Selbstüberbietung und Wiederkehr-Motive; Götzen-Dämmerung verschiebt die Kritik ins Epigrammatische; Ecce Homo dramatisiert Selbstkommentar und Werkgeschichte. Die Dionysos-Dithyramben bringen die gesteigerte Tonlage an die Grenze des Gesangs, während Idyllen aus Messina mediterrane Helle und Maß erproben. Die Bewegung zwischen Hymnus, Satire und Lehrrede zeigt: Transzendenz wird nicht verworfen, sondern als poetische Praxis immanentisiert, in der die alten Gegensätze von Dogma und Skepsis neu verschaltet werden.
Die essayistischen Studien zur Antike und die Bildungsreden bilden ein zweites Rückgrat. Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, Die dionysische Weltanschauung und Die Geburt des tragischen Gedanken denken Frühgeschichte als Labor der Moderne. Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten, Wissenschaft und Weisheit im Kampfe und Wir Philologen fragen nach Institutionen, die solchem Denken Raum geben oder es dämpfen. Das griechische Weib erweitert die Perspektive auf Körper, Geschlecht und Bildpolitik in der Antike. Das Ensemble begründet eine transdisziplinäre Haltung: Philologie liefert Materialien, Philosophie stiftet Problemhorizonte, und die Schreibform hält beide in produktiver Unruhe.
Die unmittelbare Wirkung blieb zunächst ambivalent: Universitäre Reserven trafen auf eine kleine, entschlossene Leserschaft. Georg Brandes’ Friedrich Nietzsche rahmte früh die Denkfigur, die hier entsteht, und gab ihr einen europäischen Resonanzraum. Ausgewählte Briefe (1850-1889) lassen den mühsamen Aufbau dieses Netzes erkennen: Verlegerkontakte, Missverständnisse, Selbstkorrekturen. Zeitgenössische Skandalisierungen entzündeten sich an Der Antichrist, während Unzeitgemäße Betrachtungen und Der Fall Wagner die Feuilletons polarisierten. Diese Rezeptionsschicht macht sichtbar, wie stark Form und Tonfall die Lesbarkeit beeinflussten und wie prekär das Gleichgewicht zwischen wissenschaftlicher Strenge und öffentlicher Wirkung blieb.
Die späteren Deutungswellen wurden von Kämpfen um Ethik, Politik und Kultur getragen. Theodor Lessings Nietzsche, Josef Hofmillers Nietzsches Testament und Hanns Heinz Ewers’ Friedrich Nietzsche modellierten gegensätzliche Bilder: den Zersetzer, den Erben, den Mythos. Jenseits von Gut und Böse, Zur Genealogie der Moral und Der Antichrist dienten dabei als Steinbruch für divergierende Programme, von moralischer Erneuerung bis zum Machtrealismus. Diese Spannbreite zeigt, dass die Texte keine geschlossene Weltanschauung liefern, sondern Werkzeuge, deren Einsatzhistorie mit jeder Krise neu geschrieben wird und deren Ambivalenzen produktiv wie gefährlich sein können.
Rudolf Steiners Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit stellte den Denker als energische Gegenfigur zur Epoche heraus und las die Schriften als geistige Tat gegen Verflachung. Stefan Zweigs Der Kampf mit dem Dämon integrierte Nietzsche in ein dramatisches Schema des inneren Ringens und der Überfülle. Beide Bücher erweiterten die Deutezone von Ecce Homo, indem sie die Selbstinszenierung mit psychologischen und kulturhistorischen Lesarten verschalteten. So entstand ein Panorama, in dem Zarathustra, Götzen-Dämmerung und die Dionysos-Dithyramben nicht nur als Texte, sondern als Exerzitien einer existentiellen Stimmführung wahrgenommen wurden.
Die Szene von Bühne, Konzertsaal und Lyrik reagierte besonders auf die ästhetischen Polemiken. Der Fall Wagner und Nietzsche contra Wagner prägten eine kritische Musiksprache, die Aufführungspraxis und Kritik nachhaltig modellierte. Also sprach Zarathustra, mit seinem eigentümlichen Sprechgestus, wanderte in Rezitation, Ritual und pädagogische Formate; die Dionysos-Dithyramben inspirierten Experimente mit Stimme, Rhythmus und Chor. Nach politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts wurden diese Werke wechselweise als Warnung, Heilmittel oder Symptom gelesen. Der Antichrist blieb ein Prüfstein dafür, ob Provokation als Läuterung oder als Gefahr verstanden wird.
Neuere Neubewertungen, wie sie Nietzsches Leben und Werk: Rückblick auf seine Ideen und seinen Einfluss zusammenführt, betonen die Vielstimmigkeit der Überlieferung. Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn gewinnt in Debatten um Medien, Faktizität und Metaphernökonomien fortlaufend an Aktualität. Wir Philologen und Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten begleiten Reformdiskurse über Wissen, Kanon und Institution. Götzen-Dämmerung fungiert als tragbare Diagnostik öffentlicher Idole, während Ecce Homo den Umgang mit Autorbildern und Selbstzeugnissen schult. Zur Genealogie der Moral bleibt in Ethikdebatten ein Werkzeugkoffer. Ausgewählte Briefe (1850-1889) sichern dabei die historische Erdung gegen Mythenbildung.
Diese Klammer umfasst Nietzsches Weg vom klassischen Philologen zum radikal-kritischen Denker. Im Wechsel von Abhandlung, Aphorismus und Programmskizze entstehen seine Schlüsselthesen zu Kunst, Moral, Erkenntnis und Kultur. Die Spannweite verbindet frühe Griechen-Studien mit den späten, hammernden Diagnosen und schafft Querlinien zu fast allen hier versammelten Schriften.
Philosophische Dichtung, in der die Figur Zarathustra Lehren wie Selbstüberwindung, Übermensch und ewige Wiederkehr in Gleichnissen entfaltet. Der Ton ist hymnisch, prophetisch und szenisch, wodurch Denken als existenzielles Drama erscheint. Das Buch spricht mit Die fröhliche Wissenschaft und den Dionysos-Dithyramben und kontrastiert mit den analytischeren Spätschriften.
Polemische Abrechnung mit der christlichen Moral und ihren Lebenswirkungen, zugespitzt auf die Forderung nach Umwertung überkommener Werte. Die Diagnose ist scharf und kompromisslos, mit Augenmerk auf Mitleid, Schuld und Verneinung des Lebens. Das Buch steht in enger Nachbarschaft zu Götzen-Dämmerung und vertieft genealogische Motive der Moralherkunft.
Ästhetisch-philosophische Ursprungsschrift: Aus dem Gegensatz und Zusammenspiel von Apollinischem und Dionysischem entsteht die griechische Tragödie. Kunst erscheint als Antwort auf das Rätsel des Daseins, Musik als ihr innerster Träger. Die Thesen prägen frühe Musik- und Tragödienaufsätze und werden später im Wagner-Komplex kritisch gespiegelt.
Vier Studien, die den Geist der Zeit herausfordern: über Bildung, Historie, Vorbilder und künstlerische Leitfiguren. Nietzsche prüft Nutzen und Gefahr der Geschichte fürs Leben, sucht Erzieher des Freigeistes und wendet sich gegen geistige Trägheit. Diese Kulturkritik bereitet die spätere Radikalisierung in Jenseits von Gut und Böse und Götzen-Dämmerung vor.
Aphoristisches Labor zur Psychologie der Moral: Gewohnheiten, Triebe und kleine Ursachen großer Überzeugungen werden freigelegt. Der Stil ist tastend, experimentell, antimetaphysisch. Es bereitet die heitere Schärfe der Fröhlichen Wissenschaft und die Kritiksystematik von Jenseits von Gut und Böse vor.
Experimentelle Sammlung, die die heitere Strenge des Erkennens mit künstlerischer Formenvielfalt verbindet. Fragen nach Sinn, Kunst und Lebensbejahung werden als Stilübungen des Denkens inszeniert. Das Buch vermittelt zum Zarathustra und versammelt Motive, die in den späten Schriften härter konturiert werden.
Systematische Kritik moralischer Dogmen und erkenntnistheoretischer Naivitäten, zugespitzt auf Perspektivismus und physiologische Deutungen. In freien Geistern, Vorurteilen der Philosophen und sozialen Typologien zeichnet sich eine neue Wertungsweise ab. Es steht im Dialog mit Zur Genealogie der Moral und rekapituliert Einsätze früherer Aphoristik.
Drei Abhandlungen verfolgen Entstehung und Funktion von Werten wie Gut und Böse, Schuld, Gewissen und Aszese. Die genealogische Methode zeigt, wie Affekte, Machtverhältnisse und Deutungen Moral formen. Das Werk schärft Thesen aus Jenseits von Gut und Böse und resoniert mit den späten Polemiken.
Kritische Absetzbewegung vom einst verehrten Musiker: Dekadenzdiagnose, Kunstpsychologie und Kulturpädagogik greifen ineinander. Der Ton ist pointiert, analytisch und anspielungsreich. Der Band bildet mit Nietzsche contra Wagner einen Doppelblick auf den Bruch und relativiert Positionen der Geburt der Tragödie.
Späte, bündige Abrechnung mit „Götzen“ der Philosophie, Moral und Kultur; kurze Kapitel als Schlaglichter. Die Haltung ist prüfend, entlarvend, heiter-kriegerisch. Das Buch steht neben Der Antichrist und komprimiert Motive aus Jenseits und Genealogie.
Montierte Gegenüberstellung und Zuspitzung der Wagner-Kritik als Bilanz eines langen Verhältnisses. Die Auswahl folgt dem Prinzip der Selbstklärung über Geschmack, Gesundheit und Kunstideal. Zusammen mit Der Fall Wagner schließt sie den Wagner-Komplex ab und korrigiert frühere Bewunderung.
Selbstdeutung von Leben und Werk: Nietzsche ordnet seine Bücher, benennt Motive und stilisiert sein Werden. Der Ton schwankt zwischen Ironie, Pathos und Selbstprüfung. Es spiegelt die Autobiographischen Aufzeichnungen und ergänzt sich mit den Briefen.
Programmskizzen zu nie realisierten Projekten, die thematische Horizonte, Methoden und Intentionen abstecken. Sie zeigen die Breite des Denkens zwischen Kunst, Moral, Erkenntnis und Kulturpraxis. Als Entwürfe treten sie mit den realisierten Hauptwerken in einen produktiven Dialog.
Wendepunkt zum freigeistigen, aufklärerischen Stil: Metaphysische Trostbilder werden durch Psychologie, Historie und Nützlichkeitserwägungen ersetzt. Der aphoristische Zugriff zerlegt Gewohnheiten und bringt Alltag und Herkunft der Ideale ins Spiel. Es bereitet Morgenröthe und Die fröhliche Wissenschaft vor.
Leitvortrag zur Aufgabe der Philologie: Quellenkritik, Autorschaftsfragen und Bildungsauftrag werden neu konturiert. Nietzsche plädiert für eine lebendige, lebensdienliche Altertumswissenschaft. Das Stück korrespondiert mit Wir Philologen und den klassischen Griechen-Studien.
Die poetische Seite reicht von klassizistischen Formen bis zur dithyrambischen Ekstase; Masken, Tanz und Meer sind wiederkehrende Motive. Dichtung wird zum Labor von Stil, Stimme und Selbstverwandlung. Sie begleitet und spiegelt die philosophische Entwicklung, besonders in Zarathustra und den späten Gedichten.
Poetische Experimente in hellen, klassizistischen Tönen, die Maß und Form betonen. Zwischen Ruhe und Pointe erkundet Nietzsche das Spiel mit antiken Mustern. Die Sammlung kontrastiert die spätere Exaltation der Dionysos-Dithyramben.
Späte Gedichte im ekstatisch-tragischen Ton, die Masken, Rausch und Selbstübersteigerung inszenieren. Sprache wird hier Gesang und Bekenntnis, oft an der Grenze des Sagbaren. Sie bilden mit Zarathustra eine poetische Achse des dionysischen Pathos.
Querschnitt durch Nietzsches lyrisches Werk mit Spannweite von Satire bis Pathos. Die Auswahl macht Motivwanderungen und Formwechsel sichtbar. Sie verknüpft die Idyllen mit den Dithyramben und beleuchtet die poetische Flanke zentraler Begriffe.
Philologischer Aufsatz über Vorstellungen und Rollenbilder des Weiblichen in der griechischen Kultur. Die Betrachtung prüft Ideale, soziale Funktionen und ästhetische Darstellung. Er ergänzt die antike Kulturdiagnostik der Tragödien- und Musikschriften.
Porträts der Vorsokratiker als Denkstile, in denen Form und Gedanke untrennbar sind. Gegensätze wie Heraklit und Parmenides werden als produktive Spannungen lesbar. Das Werk legt ästhetische Maßstäbe für Erkenntnis, die später perspektivistisch zugespitzt werden.
Verdichtung einer Lebens- und Kunstphilosophie, die Rausch, Spiel und Selbsttranszendenz betont. Das Dionysische fungiert als Gegenkraft zur nüchternen Rationalität. Der Text vermittelt zwischen Die Geburt der Tragödie und den späten lyrischen Ausbrüchen.
Skizze, wie aus Musik, Mythos und Fest der tragische Sinn entsteht. Die Rationalisierung des Lebens wird als Verkürzung des Tragischen kritisiert. Der Aufsatz korrespondiert mit Sokrates und die griechische Tragoedie und vertieft frühe Ästhetikthesen.
Gelegenheitsstück zur Zeitdiagnose, das Selbstbesinnung und geistige Erneuerung anmahnt. Der Ton ist knapp, appellativ und kulturkritisch. Es schließt an die Unzeitgemäßen Betrachtungen an und flankiert den Mahnruf an die Deutschen.
Appell an Bildung, Charakter und geistige Selbstprüfung statt nationaler Selbstzufriedenheit. Nietzsche polemisiert gegen Herdengeist und Zweckdenken. Der Text steht im Kontext der Bildungs- und Kulturkritik der Vorträge.
Analyse des Einflusses sokratischer Rationalität auf die Tragödie und ihr mögliches Ende. Wissen, Musik und Lebenspraxis geraten in ein spannungsvolles Verhältnis. Die Schrift vertieft Motive der Geburt der Tragödie.
Untersuchung des Verhältnisses von musikalischem Ausdruck und sprachlicher Darstellung im Tragischen. Musik erscheint als tiefere Semantik gegenüber dem Wort. Das Stück steht neben Das griechische Musikrama und den wagnerkritischen Schriften.
Frühe Erkenntnistheorie, die Wahrheiten als bewegliche Metaphern und Konventionen dechiffriert. Perspektive, Trieb und Sprache ersetzen Substanz und Wesenswahrheiten. Das Denken bereitet Jenseits von Gut und Böse und die Genealogie methodisch vor.
Vortragsfolge zur Reform der Bildung jenseits von Nutzzwang und Karrierepragmatismus. Gefordert wird eine Erziehung zur Kultur und zur Selbstbildung. Im Dialog mit Wir Philologen verbindet sie Fachkritik und Lebenslehre.
Skizze des Spannungsverhältnisses zwischen nüchterner Wissenschaft und lebensdienlicher Weisheit. Nietzsche testet Maßstäbe des Urteilens und der Lebensführung. Die Schrift korrespondiert mit den Unzeitgemäßen Betrachtungen.
Selbstkritik des Faches: gegen Schulbetrieb, bloße Gelehrsamkeit und lebensferne Auslegung. Gefordert wird eine Philologie, die formt und erzieht. Der Text steht neben Homer und die klassische Philologie und den Bildungsreden.
Betrachtung über Form und Wirkung des griechischen Musikdramas. Musik, Mythos und Gemeinschaft werden als Einheit erörtert. Es ergänzt Über Musik und Wort und deutet bereits Spannungen zum späteren Wagner-Bild an.
Selbstzeugnisse und Reflexionen, in denen biografische Situationen und Denkprojekte ineinandergreifen. Skizzenhaft und persönlich konturieren sie Krisen, Wendungen und Arbeitsweisen. Im Zusammenspiel mit Ecce Homo und den Briefen entsteht ein Innenprofil des Autors.
Korrespondenz aus Jugend und Reife, die Netzwerke, Entstehungskontexte und Selbstbilder sichtbar macht. Sie zeigt Wechsel von Zuversicht, Krankheit und produktiver Strenge. Gegenüber Ecce Homo wirkt der Ton unmittelbarer und weniger stilisiert.
Überblickende Rückschau, die Entwicklungsphasen, Hauptbegriffe und frühe Wirkungslinien ordnet. Sie bietet Orientierung über Brüche und Kontinuitäten im Denken. Der Text rahmt die weiteren biographischen Stimmen und setzt sie in Beziehung zu den Werken.
Ein Spektrum früher Deutungen beleuchtet Persönlichkeit, Stil und Wirkung aus literarischen, kulturkritischen und weltanschaulichen Perspektiven. Die Stimmen variieren in Sympathie und Skepsis und akzentuieren je unterschiedlich Krankheit, Genie und Zeitdiagnose. Im Dialog mit Briefen und Ecce Homo entsteht ein vielschichtiges Bild von Leben und Werk.
Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoß er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, – und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:
»Du großes Gestirn! Was wäre ein Glück, wenn du nicht die hättest, welchen du leuchtest!
Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange.
Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluß ab und segneten dich dafür.
Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zuviel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.
Ich möchte verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind.
Dazu muß ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends tust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!
Ich muß, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.
So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugroßes Glück sehen kann!
Segne den Becher, welcher überfließen will, daß das Wasser golden aus ihm fließe und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!
Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden.«
– Also begann Zarathustras Untergang.
Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und niemand begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:
»Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre ging er hier vorbei. Zarathustra hieß er; aber er hat sich verwandelt.
Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Täler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?
Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?
Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?
Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du willst ans Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?«
Zarathustra antwortete: »Ich liebe die Menschen.«
»Warum«, sagte der Heilige, »ging ich doch in den Wald und in die Einöde? War es nicht, weil ich die Menschen allzusehr liebte?
Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen.«
Zarathustra antwortete: »Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen ein Geschenk!«
»Gib ihnen nichts«, sagte der Heilige. »Nimm ihnen lieber etwas ab und trage es mit ihnen – das wird ihnen am wohlsten tun: wenn es dir nur wohltut!
Und willst du ihnen geben, so gib nicht mehr als ein Almosen, und laß sie noch darum betteln!«
»Nein«, antwortete Zarathustra, »ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.«
Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: »So sieh zu, daß sie deine Schätze annehmen! Sie sind mißtrauisch gegen die Einsiedler und glauben nicht, daß wir kommen, um zu schenken.
Unsre Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn sie nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?
Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Tieren! Warum willst du nicht sein wie ich – ein Bär unter Bären, ein Vogel unter Vögeln?«
»Und was macht der Heilige im Walde?« fragte Zarathustra.
Der Heilige antwortete: »Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.
Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?«
Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüßte er den Heiligen und sprach: »Was hätte ich euch zu geben! Aber laßt mich schnell davon, daß ich euch nichts nehme!« – Und so trennten sie sich voneinander, der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.
Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: »Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, daß Gott tot ist!« –
Als Zarathustra in die nächste Stadt kam, die an den Wäldern liegt, fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war verheißen worden, daß man einen Seiltänzer sehen solle. Und Zarathustra sprach also zum Volke:
Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?
Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großen Flut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehn, als den Menschen überwinden?
Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.
Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgendein Affe.
Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Aber heiße ich euch zu Gespenstern oder Pflanzen werden?
Seht, ich lehre euch den Übermenschen!
Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!
Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.
Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!
Einst war der Frevel an Gott der größte Frevel, aber Gott starb, und damit starben auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als den Sinn der Erde!
Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese Verachtung das Höchste – sie wollte ihn mager, gräßlich, verhungert. So dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen.
Oh diese Seele war selber noch mager, gräßlich und verhungert: und Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!
Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet euer Leib von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen?
Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muß schon ein Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu werden.
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dies Meer, in ihm kann eure große Verachtung untergehn.
Was ist das Größte, das ihr erleben könnt? Das ist Stunde der großen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück sollte das Dasein selber rechtfertigen!«
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie nach Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!«
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie mich nicht rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines Bösen! Alles das ist Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!«
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe nicht, daß ich Glut und Kohle wäre. Aber der Gerechte ist Glut und Kohle!«
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das Kreuz, an das der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber mein Mitleiden ist keine Kreuzigung.«
Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, daß ich euch schon so schreien gehört hätte!
Nicht eure Sünde – eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel!
Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müßtet?
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn! –
Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie einer aus dem Volke: »Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun laßt uns ihn auch sehen!« Und alles Volk lachte über Zarathustra. Der Seiltänzer aber, welcher glaubte, daß das Wort ihm gälte, machte sich an sein Werk.
Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:
Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde.
Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.
Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, daß er ein Übergang und ein Untergang ist.
Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.
Ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die großen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.
Ich liebe die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, daß die Erde einst des Übermenschen werde.
Ich liebe den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang.
Ich liebe den, welcher arbeitet und erfindet, daß er dem Übermenschen das Hausbaue und zu ihm Erde, Tier und Pflanze vorbereite: denn so will er seinen Untergang.
Ich liebe den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.
Ich liebe den, welcher nicht einen Tropfen Geist für sich zurückbehält, sondern ganz der Geist seiner Tugend sein will: so schreitet er als Geist über die Brücke.
Ich liebe den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein Verhängnis macht: so will er um seiner Tugend willen noch leben und nicht mehr leben.
Ich liebe den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend ist mehr Tugend als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das Verhängnis hängt.
Ich liebe den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nicht zurückgibt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren.
Ich liebe den, welcher sich schämt, wenn der Würfel zu seinem Glücke fällt und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? – denn er will zugrunde gehen.
Ich liebe den, welcher goldne Worte seinen Taten vorauswirft und immer noch mehr hält, als er verspricht: denn er will seinen Untergang.
Ich liebe den, welcher die Zukünftigen rechtfertigt und die Vergangenen erlöst: denn er will an den Gegenwärtigen zugrunde gehen.
Ich liebe den, welcher seinen Gott züchtigt, weil er seinen Gott liebt: denn er muß am Zorne seines Gottes zugrunde gehen.
Ich liebe den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der an einem kleinen Erlebnisse zugrunde gehen kann: so geht er gerne über die Brücke.
Ich liebe den, dessen Seele übervoll ist, so daß er sich selber vergißt, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein Untergang.
Ich liebe den, der freien Geistes und freien Herzens ist: so ist sein Kopf nur das Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum Untergang.
Ich liebe alle die, welche wie schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus der dunklen Wolke, die über den Menschen hängt: sie verkündigen, daß der Blitz kommt, und gehn als Verkündiger zugrunde.
Seht, ich bin ein Verkündiger des Blitzes, und ein schwerer Tropfen aus der Wolke: dieser Blitz aber heißt Übermensch –
Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk an und schwieg. »Da stehen sie«, sprach er zu seinem Herzen, »da lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese Ohren.
Muß man ihnen erst die Ohren zerschlagen, daß sie lernen, mit den Augen hören? Muß man rasseln gleich Pauken und Bußpredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?
Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz macht? Bildung nennen sie's, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten.
Drum hören sie ungern von sich das Wort ›Verachtung‹. So will ich denn zu ihrem Stolze reden.
So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der letzte Mensch.«
Und also sprach Zarathustra zum Volke:
Es ist an der Zeit, daß der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, daß der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.
Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht sehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!
Ich sage euch: man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
»Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?« – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.
Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.
»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.
Krankwerden und Mißtrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, daß die Unterhaltung nicht angreife.
Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.
Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.
»Ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln.
Man ist klug und weiß alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.
Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.
»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln. –
Und hier endete die erste Rede Zarathustras, welche man auch »die Vorrede« heißt: denn an dieser stelle unterbrach ihn das Geschrei und die Lust der Menge. »Gib uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra«, – so riefen sie – »mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den Übermenschen!« Und alles Volk jubelte und schnalzte mit der Zunge. Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu seinem Herzen:
»Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht der Mund für diese Ohren.
Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bäche und Bäume: nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.
Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber sie meinen, ich sei kalt und ein Spötter in furchtbaren Späßen.
Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen sie mich noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.«
Da aber geschah etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte. Inzwischen nämlich hatte der Seiltänzer sein Werk begonnen: er war aus einer kleinen Tür hinausgetreten und ging über das Seil, welches zwischen zwei Türmen gespannt war, also, daß es über dem Markte und dem Volke hing. Als er eben in der Mitte seines Weges war, öffnete sich die kleine Tür noch einmal, und ein bunter Gesell, einem Possenreißer gleich, sprang heraus und ging mit schnellen Schritten dem ersten nach. »Vorwärts, Lahmfuß«, rief seine fürchterliche Stimme, »vorwärts Faultier, Schleichhändler, Bleichgesicht! Daß ich dich nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Türmen? In den Turm gehörst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern, als du bist, sperrst du die freie Bahn!« – Und mit jedem Worte kam er ihm näher und näher: als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm war, da geschah das Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte – er stieß ein Geschrei aus wie ein Teufel und sprang über den hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er warf seine Stange weg und schoß schneller als diese, wie ein Wirbel von Armen und Beinen, in die Tiefe. Der Markt und das Volk glich dem Meere, wenn der Sturm hineinfährt: alles floh auseinander und übereinander, und am meisten dort, wo der Körper niederschlagen mußte.
Zarathustra aber blieb stehen, und gerade neben ihn fiel der Körper hin, übel zugerichtet und zerbrochen, aber noch nicht tot. Nach einer Weile kam dem Zerschmetterten das Bewußtsein zurück, und er sah Zarathustra neben sich knien. »Was machst du da?« sagte er endlich, »ich wußte es lange, daß mir der Teufel ein Bein stellen werde. Nun schleppt er mich zur Hölle: willst du's ihm wehren?«
»Bei meiner Ehre, Freund«, antwortete Zarathustra, »das gibt es alles nicht, wovon du sprichst: es gibt keinen Teufel und keine Hölle. Deine Seele wird noch schneller tot sein als dein Leib: fürchte nun nichts mehr!«
Der Mann blickte mißtrauisch auf. »Wenn du die Wahrheit sprichst«, sagte er dann, »so verliere ich nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich bin nicht viel mehr als ein Tier, das man tanzen gelehrt hat, durch Schläge und schmale Bissen.«
»Nicht doch«, sprach Zarathustra; »du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zugrunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben.«
Als Zarathustra dies gesagt hatte, antwortete der Sterbende nicht mehr; aber er bewegte die Hand, wie als ob er die Hand Zarathustras zum Danke suche. –
Inzwischen kam der Abend, und der Markt barg sich in Dunkelheit: da verlief sich das Volk, denn selbst Neugierde und Schrecken werden müde. Zarathustra aber saß neben dem Toten der Erde und war in Gedanken versunken: so vergaß er die Zeit. Endlich aber wurde es Nacht, und ein kalter Wind blies über den Einsamen. Da erhob sich Zarathustra und sagte zu seinem Herzen:
»Wahrlich, einen schönen Fischfang tat heute Zarathustra! Keinen Menschen fing er, wohl aber einen Leichnam.
Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein Possenreißer kann ihm zum Verhängnis werden.
Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der Übermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.
Aber noch bin ich ihnen ferne, und ein Sinn redet nicht zu ihren Sinnen. Eine Mitte bin ich noch den Menschen zwischen einem Narren und einem Leichnam.
Dunkel ist die Nacht, dunkel sind die Wege Zarathustras. Komm, du kalter und steifer Gefährte! Ich trage dich dorthin, wo ich dich mit meinen Händen begrabe.«
Als Zarathustra dies zu seinem Herzen gesagt hatte, lud er den Leichnam auf seinen Rücken und machte sich auf den Weg. Und noch nicht war er hundert Schritte gegangen, da schlich ein Mensch an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr – und siehe! Der, welcher redete, war der Possenreißer vom Turme. »Geh weg von dieser Stadt, oh Zarathustra«, sprach er; »es hassen dich hier zu viele. Es hassen dich die Guten und Gerechten, und sie nennen dich ihren Feind und Verächter; es hassen dich die Gläubigen des rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr der Menge. Dein Glück war es, daß man über dich lachte: und wahrlich, du redetest gleich einem Possenreißer. Dein Glück war es, daß du dich dem toten Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast du dich selber für heute errettet. Geh aber fort aus dieser Stadt – oder morgen springe ich über dich hinweg, ein Lebendiger über einen Toten.« Und als er dies gesagt hatte, verschwand der Mensch; Zarathustra aber ging weiter durch die dunklen Gassen.
Am Tore der Stadt begegneten ihm die Totengräber: sie leuchteten ihm mit der Fackel ins Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten sehr über ihn. »Zarathustra trägt den toten Hund davon: brav, daß Zarathustra zum Totengräber wurde! Denn unsere Hände sind zu reinlich für diesen Braten. Will Zarathustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen? Nun wohlan! Und gut Glück zur Mahlzeit! Wenn nur nicht der Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathustra! – er stiehlt sie beide, er frißt sie beide!« Und sie lachten miteinander und steckten die Köpfe zusammen.
Zarathustra sagte dazu kein Wort und ging seines Weges. Als er zwei stunden gegangen war, an Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu viel das hungrige Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber kam der Hunger. So blieb er an einem einsamen Hause stehn, in dem ein Licht brannte.
»Der Hunger überfällt mich«, sagte Zarathustra, »wie ein Räuber. In Wäldern und Sümpfen überfällt mich mein Hunger, und in tiefer Nacht.
Wunderliche Launen hat mein Hunger. Oft kommt er mir erst nach der Mahlzeit, und heute kam er den ganzen Tag nicht: wo weilte er doch?«
Und damit schlug Zarathustra an das Tor des Hauses. Ein alter Mann erschien; er trug das Licht und fragte: »Wer kommt zu mir und zu meinem schlimmen Schlafe?«
»Ein Lebendiger und ein Toter«, sagte Zarathustra. »Gebt mir zu essen und zu trinken, ich vergaß es am Tage. Der, welcher den Hungrigen speiset, erquickt seine eigene Seele: so spricht die Weisheit.«
Der Alte ging fort, kam aber gleich zurück und bot Zarathustra Brot und Wein. »Eine böse Gegend ist's für Hungernde«, sagte er; »darum wohne ich hier. Tier und Mensch kommen zu mir, dem Einsiedler. Aber heiße auch deinen Gefährten essen und trinken, er ist müder als du.« Zarathustra antwortete: »Tot ist mein Gefährte, ich werde ihn schwerlich dazu überreden.« »Das geht mich nichts an«, sagte der Alte mürrisch: »wer an meinem Hause anklopft, muß auch nehmen, was ich ihm biete. Eßt und gehabt euch wohl!« –
Darauf ging Zarathustra wieder zwei Stunden und vertraute dem Wege und dem Lichte der Sterne: denn er war ein gewohnter Nachtgänger und liebte es, allem Schlafenden ins Gesicht zu sehn. Als aber der Morgen graute, fand sich Zarathustra in einem tiefen Walde, und kein Weg zeigte sich ihm mehr. Da legte er den Toten in einen hohlen Baum sich zu Häupten – denn er wollte ihn vor den Wölfen schützen – und sich selber auf den Boden und das Moos. Und alsbald schlief er ein, müden Leibes, aber mit einer unbewegten Seele.
Lange schlief Zarathustra, und nicht nur die Morgenröte ging über sein Antlitz, sondern auch der Vormittag. Endlich aber tat sein Auge sich auf: verwundert sah Zarathustra in den Wald und die Stille, verwundert sah er in sich hinein. Dann erhob er sich schnell, wie ein Seefahrer, der mit einem Male Land sieht, und jauchzte: denn er sah eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu seinem Herzen:
»Ein Licht ging mir auf: Gefährten brauche ich, und lebendige – nicht tote Gefährten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.
Sondern lebendige Gefährten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich selber folgen wollen – und dorthin, wohin ich will.
Ein Licht ging mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu Gefährten! Nicht soll Zarathustra einer Herde Hirt und Hund werden!
Viele wegzulocken von der Herde – dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk und Herde: Räuber will Zarathustra den Hirten heißen.
Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten sage ich: aber sie nennen sich die Gläubigen des rechten Glaubens.
Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werte, den Brecher, den Verbrecher – das aber ist der Schaffende.
Siehe die Gläubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werte, den Brecher, den Verbrecher – das aber ist der Schaffende.
Gefährten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht Herden und Gläubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, die, welche neue Werte auf neue Tafeln schreiben.
Gefährten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn alles steht bei ihm reif zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er Ähren aus und ist ärgerlich.
Gefährten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen wissen. Vernichter wird man sie heißen und Verächter des Guten und Bösen. Aber die Erntenden sind es und die Feiernden.
Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht Zarathustra: was hat er mit Herden und Hirten und Leichnamen zu schaffen!
Und du, mein erster Gefährte, gehab dich wohl! Gut begrub ich dich in deinem hohlen Baume, gut barg ich dich vor den Wölfen.
Aber ich scheide von dir, die Zeit ist um. Zwischen Morgenröte und Morgenröte kam mir eine neue Wahrheit.
Nicht Hirt soll ich sein, nicht Totengräber. Nicht reden einmal will ich wieder mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Toten.
Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des Übermenschen.
Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer machen mit meinem Glücke.
Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; über die Zögernden und Saumseligen werde ich hinwegspringen. Also sei mein Gang ihr Untergang!«
Dies hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im Mittag stand: da blickte er fragend in die Höhe – denn er hörte über sich den scharfen Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten Kreisen durch die Luft, und an ihm hing eine Schlange, nicht einer Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen Hals geringelt.
»Es sind meine Tiere!« sagte Zarathustra und freute sich von Herzen.
»Das stolzeste Tier unter der Sonne und das klügste Tier unter der Sonne – sie sind ausgezogen auf Kundschaft.
Erkunden wollen sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich noch?
Gefährlicher fand ich's unter Menschen als unter Tieren, gefährliche Wege geht Zarathustra. Mögen mich meine Tiere führen!«
Als Zarathustra dies gesagt hatte, gedachte er der Worte des Heiligen im Walde, seufzte und sprach also zu seinem Herzen:
»Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, gleich meiner Schlange!
Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, daß er immer mit meiner Klugheit gehe!
Und wenn mich einst meine Klugheit verläßt – ach, sie liebt es, davonzufliegen! – möge mein Stolz dann noch mit meiner Torheit fliegen!« –
– Also begann Zarathustras Untergang.
Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.
Vieles Schwere gibt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine Stärke.
Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kamele gleich, und will gut beladen sein.
Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, daß ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.
Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmut wehe zu tun? Seine Torheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?
Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?
Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntnis nähren und um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?
Oder ist es das: krank sein und die Tröster heimschicken und mit Tauben Freundschaft schließen, die niemals hören, was du willst?
Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der Wahrheit ist, und kalte Frösche und heiße Kröten nicht von sich weisen?
Oder ist es das: die lieben, die und verachten, und dem Gespenste die Hand reichen, wenn es uns fürchten machen will?
Alles dies Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kamele gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.
Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen Wüste.
Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem großen Drachen ringen.
Welches ist der große Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heißen mag? »Du-sollst« heißt der große Drache. Aber der Geist des Löwen sagt »ich will«.
»Du-sollst« liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppentier, und auf jeder Schuppe glänzt golden »Du sollst!«
Tausendjährige Werte glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der mächtigste aller Drachen: »Aller Wert der Dinge – der glänzt an mir.«
»Aller Wert ward schon geschaffen, und aller geschaffene Wert – das bin ich. Wahrlich, es soll kein ›Ich will‹ mehr geben!« Also spricht der Drache.
Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das lastbare Tier, das entsagt und ehrfürchtig ist?
Neue Werte schaffen – das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen – das vermag die Macht des Löwen.
Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen.
Recht sich nehmen zu neuen Werten – das ist das furchtbarste Nehmen für einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Tieres Sache.
Als sein Heiligstes liebte er einst das »Du-sollst«: nun muß er Wahn und Willkür auch noch im Heiligsten finden, daß er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.
Aber sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe nicht vermochte? Was muß der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden?
Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.
Ja, zum spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich den Weltverlorene.
Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele ward, und zum Löwen das Kamel, und der Löwe zuletzt zum Kinde. –
Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche genannt wird: die bunte Kuh.
Man rühmte Zarathustra einen Weisen, der gut vom Schlafe und von der Tugend zu reden wisse: sehr werde er geehrt und gelohnt dafür, und alle Jünglinge säßen vor seinem Lehrstuhle. Zu ihm ging Zarathustra, und mit allen Jünglingen saß er vor seinem Lehrstuhle. Und also sprach der Weise:
Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das erste! Und allen aus dem Wege gehn, die schlecht schlafen und nachts wachen!
Schamhaft ist noch der Dieb vor dem Schlafe: stets stiehlt er sich leise durch die Nacht. Schamlos aber ist der Wächter der Nacht, schamlos trägt er sein Horn.
Keine geringe Kunst ist schlafen: es tut schon not, den ganzen Tag daraufhin zu wachen.
Zehnmal mußt du des Tages dich selber überwinden: das macht eine gute Müdigkeit und ist Mohn der Seele.
Zehnmal mußt du dich wieder mit dir selber versöhnen; denn Überwindung ist Bitternis, und schlecht schläft der Unversöhnte.
