Gesammelte Werke von Sacher-Masoch - Leopold von Sacher-Masoch - E-Book

Gesammelte Werke von Sacher-Masoch E-Book

Leopold von Sacher-Masoch

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Beschreibung

In den 'Gesammelten Werken von Sacher-Masoch' präsentiert der Autor Leopold von Sacher-Masoch eine Sammlung seiner bekanntesten Werke, die sich vor allem mit den dunklen Seiten der menschlichen Psyche auseinandersetzen. Sacher-Masochs literarischer Stil ist geprägt von einer tiefen psychologischen Analyse seiner Figuren und einer kühnen Experimentierfreudigkeit in Bezug auf Themen wie Macht, Unterwerfung und Sadomasochismus. Seine Werke stehen im literarischen Kontext des 19. Jahrhunderts und prägten maßgeblich das Genre der erotischen Literatur. Durch die gesammelten Werke erhält der Leser einen umfassenden Einblick in das Schaffen dieses bedeutenden Autors.

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Leopold von Sacher-Masoch

Gesammelte Werke von Sacher-Masoch

Venus im Pelz + Katharina II + Lola + Polnische Geschichten + Mondnacht + Don Juan von Kolomea + Matrena + Der Capitulant + Die wilden Frauen + Jüdisches Leben in Wort und Bild und viel mehr

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-0735-0

Inhaltsverzeichnis

Amor mit dem Korporalstock
Das Erntefest
Der Capitulant
Der Wanderer
Der Weihnachtsabend des Rebb Abramowitsch
Die Kunst geliebt zu werden
Don Juan von Kolomea
Ein Damen-Duell
Eine Frau auf Vorposten
Katharina II.
Matrena
Mondnacht
Moses Goldfarb und sein Haus
Nero im Reifrock
Nur die Toten kehren nicht wieder
Ungnade um jeden Preis
Venus im Pelz
Lola: Geschichten von Liebe und Tod:
Lola
Wjera Baranoff
Theodora: Eine rumänische Geschichte
Die schöne Wittwe Kapitanowitsch: Eine kroatische Geschichte
Ein Mord in den Karpathen
Das Todesurtheil einer Frau
Im Venusberg
Unter der Peitsche
Der wahnsinnige Graf
Matrena
Das Weib des Kosaken
Menschenware
Die Sclavenhändlerin
Sarolta
Tag und Nacht in der Steppe
Der fliegende Stern
Die Todten sind unersättlich
Polnische Geschichten:
Ezech Elchanan
Sapiehas Busse
Jakob wo bist du?
Die gewaltsame Hochzeit
Pan Kaniowski
Der Krieg der zwei Marien
Die wilden Frauen
Drei Hochzeiten
Lidwina
Im Schlitten
Auf der Heimfahrt
Jüdisches Leben in Wort und Bild:
Israel
Bessure towe
Rabbi Abdon
Lewana
Das Mahl der Frommen
David und Abigail
Schimmel Knofeles
Der Buchbinder von Hort
Galeb Jekarim
Wie Slobe ihre Schwester verheirathet
Frau Leopard
Der schöne Kaleb
Gelobt sei Gott, der uns den Tod gegeben!
Schalem Alechem
Machscheve
Der Todesengel
Haman und Esther
Die Erlösung
Das Trauerspiel im Rosengässchen
Kätzchen Petersil
Der falsche Thaler
Zwei Aerzte
Die Iliade von Pultoff
Die Geschichte von der römischen Matrone
Du sollst nicht tödten
Bär und Wolf
Zweierlei Adel
Eine Autobiographie

Amor mit dem Korporalstock

Inhaltsverzeichnis
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.

I.

Inhaltsverzeichnis

Zwischen den gestutzten Taxushecken des Parkes von Zarskoje Selo, welche rechts und links wie glattpolierte grüne Wände standen, promenierten zwei von schwerer Seide umbauschte junge Frauen in heiterer ungezwungener Unterhaltung. Wie sie lachten und von Zeit zu Zeit nach den bunten Frühlingsfaltern haschten, hätte niemand geahnt, daß die kleine, schön gebildete Hand der einen, welche jetzt so harmlos mit dem Fächer spielte, zu gleicher Zeit das Scepter des größten Reiches in Europa mit männlicher Energie führte. Es war die Zarin Katharina II., noch immer in voller, beinahe jugendlicher Schönheit strahlend. Sie war nur mittelgroß, aber ihre wahrhaft kaiserliche Haltung und ihre majestätische Büste ließen sie hoch und gebieterisch erscheinen, noch mehr jedoch wie ihre Gestalt imponierte ihr Kopf mit den schön strengen Zügen eines Nero, der kleine festgeschlossene Mund über dem runden, festen Kinn, die kleine, kühn gebogene Nase, der finstere Schwung der dunklen Brauen über den durchdringenden großen blauen Augen, und der Blick dieser Augen war es vor Allem, der die Millionen wie die Einzelnen zu ihren Füßen niederwarf, dieser Blick, in dem zu gleicher Zeit so viel dämonische Herrschsucht, selbstbewußte Gelassenheit und wohlwollende Güte lag.

Die Begleiterin der Kaiserin, im offenen Schlafrock von rosa Atlas à la Wateau, dieselbe um einen halben Kopf überragend, mit diabolischen schwarzen Augen und einem kleinen eigensinnigen Stumpfnäschen, ist eine junge Witwe, Frau von Mellin, von ganz aparter, man möchte sagen Furcht einflößender Schönheit. Sie hat etwas von einer Tigerin, vor Allem die ein wenig verkürzte grausame Katzenlippe, welche die herrlichsten Zähne hervorblicken läßt, und dann jenen weichen, elastischen sprungbereiten Gang wie auf Samtsohlen. Wenn sie lacht, wird sie erst recht unheimlich.

»Also Sie haben Ihren armen Seladon den Abschied gegeben, liebe Mellin«, sagte gerade die Kaiserin, »in aller Form?«

»Ich habe ihn wie einen Hund vor die Thüre gejagt«, erwiderte die schöne Witwe; diesmal knisterte der Sand zornig unter ihren Füßen.

»Aber es wird Eklat geben,« fuhr Katharina II. fort, »er galt doch bereits als Ihr erklärter Bräutigam!«

»Majestät hätten in meiner Lage gewiß nicht anders gehandelt«, entgegnete Frau von Mellin.

»Wer weiß!« sprach Katharina II.

»Ich bitte Majestät, sich nur die Scene zu vergegenwärtigen«, erzählte die beleidigte Schöne; »Kapitän Pauloff hatte mich soeben verlassen, mich, die er anzubeten vorgab. Ein unglückseliger Zufall führt mich wenige Augenblicke später in den Vorsaal und was sehe ich – o! es ist schändlich, es ist ehrlos! – ich sehe ihn, wie er seinen Arm um die Taille meiner Zofe geschlungen hat und im Begriffe ist, ihr einen Kuß zu rauben.«

»Einen Kuß!« rief die Kaiserin lachend, »und deshalb –«

»O! ich habe ihn gezüchtigt dafür«, fuhr Frau von Mellin fort; »aber damit ist es nicht genug; ich werde Rache an ihm nehmen an dem ganzen lügnerischen, treulosen Geschlechte: ich hasse die Männer mehr als je, ich verachte sie so sehr, daß ich nicht begreifen kann, wie es möglich war, daß diese schwachen willenlosen Geschöpfe so lange über uns geherrscht haben. Aber Sie werden die Welt umkehren, Majestät, schon haben sich die Frauen seit Ihrer glorreichen Thronbesteigung des Hutes, Oberrockes und Stockes des Mannes bemächtigt, sie haben sich den Sattel und die Waffen erobert, und mehrere der kühnen Amazonen dienen in den Reihen Ihres Heeres als Offiziere, Es ist historisch, daß unter Katharina N. viele Frauen dienten und Regimenter kommandierten. Die Gräfin Saltikoff kämpfte tapfer gegen die Türken. eine Frau von hohem Geiste und tiefer Gelehrsamkeit hat sich den Präsidentenstuhl der Akademie der Wissenschaften errungen, Die Fürstin Daschkoff. wir dürfen nicht ruhen, ehe wir nicht regieren und die Männer uns vollständig unterthan sind. Wie beneide ich Eure Majestät um die unumschränkte Macht, welche Sie über Millionen dieser Elenden haben, welche nicht viel mehr sind als Ihre Sklaven, Ihrer Willkür preisgegeben!«

»Sind Sie nicht im Kleinen eine absolute Herrscherin wie ich?« erwiderte Katharina II. heiter; »giebt es nicht mehr als zweitausend Seelen, welche Ihr Eigentum sind?«

»Aber ich möchte Sklaven haben«, rief die schöne Männerfeindin, »welche denken, fühlen, wie ich selbst, nicht vertierte Leibeigne, gebildete Männer –«

»Und vor Allem Pauloff –«, fiel Katharina II. ein.

»Ja – Pauloff.«

»Sie hassen ihn wirklich?«

»Ob ich ihn hasse –«

»Es würde mich in der That unterhalten«, sagte die Zarin nachsinnend, »aber wie könnte man das machen?«

»Lassen mich Eure Majestät nur einen Tag an Ihrer Statt regieren«, flehte die schöne Witwe mit erhobenen Händen.

»Was fällt Ihnen ein?« antwortete die Kaiserin, ein wenig die Stirn runzelnd, »aber – ich hab’s – Sie sollen ein Regiment bekommen –«

»Ein Regiment?« staunte Frau von Mellin.

»Das Regiment Tobolsk ist eben frei«, sagte Katharina II., »ich ernenne Sie zum Obersten desselben«.

»Welche Gnade!« – Die schöne Witwe küßte die Hände der Kaiserin.

»Als Herrin über Tod und Leben Ihrer Soldaten und Offiziere haben Sie Gelegenheit genug, Ihre grausamen Launen zu befriedigen. Aber, ich bitte sehr, ohne Ungerechtigkeit.« »Und ist Pauloff in dem Regimente?« fragte die rachlustige Schöne rasch.

»Nein, so viel ich weiß.«

»Aber Sie geben mir ihn, Majestät?«

Katharina II. lachte. »Wir werden sehen!«

»Ich bitte Eure Majestät kniefällig«, rief Frau von Mellin, indem sie sich vor der Kaiserin niederwarf, »geben Sie mir diesen Menschen – er verdient unter den Korporalstock zu kommen, er ist der frechste, leichtfertigste und hochmütigste Mann in Rußland, und er hat unser ganzes Geschlecht beleidigt.«

»Indem er Ihre Zofe küßte?« lachte die Zarin.

»Er schmäht die Frauen bei jeder Gelegenheit«, fuhr Frau von Mellin fort, »ja, er wagt es, Sie selbst –«

»Mich?« Die Zarin biß sich in die Lippe.

»Eure Majestät können sich selbst überzeugen.«

»Ja, ich will mich überzeugen«, rief Katharina II. riß zornig einem Schmetterling, den sie eben gefangen hatte, die Flügel aus und warf ihn in die Dornen.

II.

Inhaltsverzeichnis

Die Hauptwache der Garde in Zarskoje Selo war das Rendezvous sämtlicher junger Offiziere jener Regimenter, welche die schöne nordische Despotin zu hüten hatten vor Soldatenverschwörungen und Palastrevolutionen. Vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Frührot rollten hier die Würfel, die Silberrubel mit dem Bilde Katharina’s auf dem schmutzigen Tische von rohem Holze. Um Mitternacht, wenn die Kaiserin in ihrem Kabinette arbeitete, neue Gesetze prüfte, Depeschen las, an Voltaire oder Diderot schrieb, die Hofdamen sich hinter die Gardinen ihrer hohen Himmelbetten zurückgezogen hatten, der Palast und die Gärten der neuen Semiramis zu schlafen schienen, war hier der Lärm der Spielenden, Trinkenden, Betrunkenen, Streitenden am größten und artete nicht selten zur wüsten Orgie aus.

So auch heute. Die Talglichter, mit denen der kleine, unsaubere Raum spärlich beleuchtet war, und welche vollkommen heruntergebrannt waren, warfen ihre düsteren Lichter auf etwa zwanzig vom Wein erhitzte, gerötete, oder von der Leidenschaft bleich verzerrte Gesichter junger Lieutenants und Kapitäne, welche durcheinander schrieen, johlten und sangen. Diesmal spielten sie Onze et demi.

Kapitän Pauloff hielt die Bank. Es war ein hoher, schlanker Mann mit hübschem Gesicht, großen, lebhaften Augen und einem Anstrich von Kühnheit, der ihm sehr wohl stand. Er saß in dem allgemeinen Toben ruhig, ja schwermütig, denn er verlor immerfort. Von Zeit zu Zeit biß er sich in die Lippe oder zerschnitt mit seinem Sporn unter dem Tische die Diele, aber er beklagte sich nicht und fluchte auch nicht.

Unbemerkt waren zwei neue Gäste an den Tisch herangetreten, offenbar Offiziere, denn sie trugen den russischen Soldatenmantel, aber sie hatten sich so eingewickelt und die dreieckigen Hüte so tief in die Stirne gedrückt, daß man das Regiment nicht erkennen und ihre auffallend hübschen, beinahe weiblichen Züge nicht unterscheiden konnte.

Eben rief ein Dragoner: va banque! –

Die Bank war gesprengt.

Kapitän Pauloff zog leise an seinem kleinen, schwarzen Schnurrbart, der glückliche Reiteroffizier strich das Geld ein – ein Rubel fiel zur Erde.

Pauloff hob ihn auf, betrachtete die imposante, von Hermelin umrahmte Büste der Zarin mit einem zweifelhaften Lächeln und warf ihn dann zu den anderen.

»Nimm sie, die silberne Dame«, rief er, »ist meine letzte, ich habe einmal kein Glück mit den Frauen.«

Die Kameraden lachten.

»Weil sie wissen, daß Du sie nicht liebst«, murmelte der höher Gewachsene der beiden Ankömmlinge.

»O! ich liebe sie schon«, entgegnete Pauloff, verächtlich mit den Lippen zuckend, »aber ich achte sie nicht.«

»Und warum nicht?«

»Warum? Weil das Weib an und für sich ein untergeordnetes Geschöpf ist«, sagte Pauloff, »indes war es doch auszuhalten, so lange die Frauenzimmer ihre Kinder aufzogen, kochten, spannen und nähten, jetzt aber präsidieren sie die Gelehrten und kommandieren Regimenter.«

Ein wüstes Gelächter folgte seinen Worten.

»Und giebst Du keine Ausnahme zu?«

»Eine Ausnahme?« antwortete Pauloff trocken, »ich weiß keine.«

»Nun – unsere Zarin!«

»O! das ist freilich eine große Frau, ein starker Geist«, spottete Pauloff, »die versteht das Regieren, wie eine Marionette das Komödienspielen, gestern hieß das Stück Orloff, heute heißt es Potemkin, und kein Mensch weiß, wie es morgen heißen wird!«

Diesmal entstand tiefe Stille, und ein jeder der Anwesenden sah den Andern mißtrauisch an.

»Du hast zu viel getrunken«, sagte endlich der Dragoner.

»Fehlgeschossen«, fiel ein finnischer Jäger ein, »der spricht genau so, wenn er nüchtern ist.«

»Nimm Dich in Acht vor den Frauen«, sagte plötzlich eine sonore Stimme hinter Pauloff – in demselben Augenblick fühlte er eine Hand, die ihm auf die Schulter klopfte.

Zugleich erhoben sich die Kameraden, und in dem allgemeinen Tumult war es den beiden Vermummten gelungen, unbemerkt in das Freie zu gelangen.

»Was beschließen Eure Majestät?« begann der Größere der Beiden, welche rasch dem Palaste zuschritten. Es war Frau von Mellin.

»Der Unverschämte soll mir büßen«, rief Katharina II. stehen bleibend und zornig mit dem Fuße stampfend, »Sie sollen ihn haben, liebe Mellin, Sie sollen ihn haben!«

III.

Inhaltsverzeichnis

Am nächsten Morgen unterzeichnete die Zarin zwei Dekrete. Das eine ernannte Frau von Mellin zum Kommandanten des Regiments Tobolsk, das zweite versetzte den Kapitän Pauloff aus dem Regimente Simbirsk in jenes des schönen weiblichen Obersten. Vier Tage später stand das Regiment in dem großen Hofe seiner Kaserne im Viereck aufgestellt, um seinen neuen Befehlshaber im Reifrock zu erwarten. Die Offiziere witzelten unter sich halblaut, die alten grauen Soldaten machten finstere Gesichter, die Rekruten lachten und stießen sich mit den Ellenbogen.

Endlich kündigte ein Vorreiter in roter Livree auf weißem Pferde die Erwartete an, welche gleich darnach in vergoldeter Staatskarosse, von vier prächtigen Schimmeln gezogen, vorfuhr, und ehe der Oberstlieutenant ihr den Schlag öffnen konnte, kühn und elastisch heraussprang. Sie trug über einem grauen Seidenkleide die Uniform des Regiments in Form einer eng anschließenden grünen Samtjacke mit rotem Aufschlag und goldener Borte, auf dem hohen schneeweißen Toupet einen kleinen dreieckigen Hut mit wallender weißer Feder und frischem Eichenlaub, an der Seite den Degen, in der Hand den langen Rohrstock mit Elfenbeinknopf, wie er damals bei Offizieren, Standespersonen und vornehmen Damen Mode war. Sie schritt, während die Fahne gesenkt wurde, die Trommeln wirbelten, die Pfeifen durcheinander schrillten, Musterung haltend die Front des Regiments ab, und blieb dann in der Mitte des Viereckes stehen, die Arme stolz auf der Brust gekreuzt.

»Soldaten«, sprach sie, »Ihr seht in mir Euren neuen Obersten. Indem Ihre Majestät, unsere glorreiche Kaiserin Katharina II., mich zu diesem ehrenvollen Posten berief, wollte sie weniger mich und meine geringen Verdienste, als vielmehr ihr Geschlecht ehren, das bisher eine unverdiente Zurücksetzung erfahren hat. Meine Aufgabe ist es, Euch nun zu beweisen, daß die Hand einer Frau Euch sanft und gütig leiten kann, ohne jener Festigkeit zu entbehren, welche irrtümlich dem Manne als ein Vorzug seines Geschlechts zugeschrieben wird. Ich werde liebevoll gegen Euch sein, so lange Ihr Eure Pflicht thut, jederzeit gerecht – aber streng und unerbittlich, wo es der Dienst Ihrer Majestät, die Ehre unserer Fahne verlangt. Sie, meine Offiziere, ersuche ich, in meine Absichten einzugehen, Ihre Untergebenen als Menschen zu behandeln und, wo Strafen unvermeidlich sind, solche zu wählen, welche das Ehrgefühl des Soldaten schonen, insbesondere verbiete ich den Stock und will, daß, wo körperliche Züchtigung unvermeidlich ist, dieselbe durch die Peitsche oder das Gassenlaufen vollzogen wird. Die Peitsche ist poetisch, der Stock gemein und entehrend.«

»Es lebe unser Mütterchen Oberst!« riefen die Soldaten nach dieser originellen Anrede.

Zuletzt ließ sich Frau von Mellin die Offiziere vorstellen. Als die Reihe an Pauloff kam, heftete sie ihre schwarzen blitzenden Augen geradezu drohend auf ihn.

»Nehmen Sie sich in Acht, Herr Kapitän«, sagte sie, »ich höre, Sie sind ein wenig leichtfertig, ein Nachtschwärmer und Spieler und dazu noch ein Feind meines Geschlechtes, von welchem doch alle Verfeinerung der Sitten kommt. Ich wünsche nicht, daß Sie sich nachlässig im Dienste oder in irgend einer Weise widerspenstig gegen meine Befehle zeigen, es würde die schlimmsten Folgen für Sie haben.« –

Es wurde ihm nun eine Kompagnie zugeteilt, in der sich sehr viele Rekruten befanden. Der leichtlebige junge Offizier mußte in Folge dessen beinahe den ganzen Tag auf dem Exerzierplatze zubringen und fand Gelegenheit genug, sich in dem Reglement wie in Geduld zu üben. Sein schöner Oberst erschien auffallend oft auf dem Platze und sah mit einem ganz besonderen Interesse zu, wie Pauloff seine Rekruten drillte. Bis jetzt hatte sich der sonst so leidenschaftliche Mann keine Blöße gegeben, aber deshalb entsagte seine Feindin der Hoffnung nicht, ihn doch einmal zu fangen, und war er einmal nur in ihre Hand gegeben, dann Gnade Gott!

Als der Kapitän wieder einmal damit beschäftigt war, seine Wilden zu drillen, geschah es, daß ein alter Korporal einen Rekruten, welcher sich besonders ungeschickt zeigte, mit dem Kolben seines Gewehres auf das Bein schlug. In diesem Momente erschien Frau von Mellin.

»Herr Kapitän Pauloff!« begann sie kalt im Befehlshabertone. Der Kapitän grüßte mit dem Degen und näherte sich dann.

»Wie können Sie dulden«, fuhr der weibliche Oberst fort, »daß dieser Mann so mißhandelt wird?«

»Ich habe nichts bemerkt«, erwiderte Pauloff.

»Sie sollen alles bemerken, was auf dem Exerzierplatze bei Ihren Leuten geschieht«, sprach Frau von Mellin trocken. – »Weshalb hast Du diesen Mann mit dem Kolben gestoßen?« wendete sie sich dann an den Korporal.

»Zu Befehl, gnädige Frau Oberst«, entgegnete der alte Soldat, »weil er nicht begreifen will.«

»Und da meinst Du, daß er den Kolben besser verstehen wird als Dich?« sagte Frau von Mellin, die Brauen zusammenziehend; zugleich trat sie rasch vor den Rekruten hin – blieb aber vor demselben geradezu sprachlos stehen.

Es war ein Mann von zugleich so blendender und vollendeter Schönheit, wie ihn Frau von Mellin noch nie gesehen hatte und wie er um so weniger an dem Hofe Katharina’s zu finden war. Er mußte auf eine Frau, welche weder die Gemälde der großen Italiener, noch die Bildwerke der Griechen kannte, einen wahrhaft unbeschreiblichen Eindruck machen. Kaum älter als zwanzig Jahre, bartlos, duftig, weiß und voll wie ein Mädchen, erschien der junge Grenadier trotz seiner Höhe von beinahe sechs Fuß eigentlich nicht groß, so proportioniert war sein Bau im Ganzen wie in den Einzelheiten. Am überraschendsten wirkten jedoch der Adel und die harmonische Feinheit seiner Gesichtszüge. Kurz, es war ein Adonis im Soldatenrock, welcher vor der Rokoko-Venus stand.

Nach einer Pause sagte Frau von Mellin zu dem Kapitän: »Wie nennt sich der Mann?«

»Iwan Nahimoff«, erwiderte der Gefragte.

»Wie lange dient er?«

»Kaum vierzehn Tage.«

»Um so mehr Nachsicht darf er für sich in Anspruch nehmen«, erwiderte der weibliche Oberst, »ich wünsche, daß Sie diesen prächtigen Rekruten nicht den rohen Händen und Stöcken der Korporale überlassen, sondern sich selbst mit seiner Ausbildung befassen!«

»Ich?«

»Ja, Sie.« Frau von Mellin nickte dem schönen Grenadier, der von dem Ganzen nicht viel verstand, gnädig zu und wendete sich nach einer anderen Abteilung ihres Regimentes.

»Also ich soll persönlich das Vergnügen haben, Dein Exerziermeister zu sein?« murmelte Pauloff, als seine Tyrannin ihm den Rücken gedreht hatte. »Wohl nur deshalb, weil Du ein bißchen länger und hübscher bist als die anderen! – Meinetwegen. Aber nimm Dich zusammen, Bursche, denn ich habe noch weniger Geduld als der alte Schnauzbart mit seinem Kolben. Also: Habt Acht! Marsch! Einundzwanzig, zweiundzwanzig!«

Der Kapitän nahm den schönen Grenadier tüchtig in die Arbeit. Anfangs war alles ganz gut, wie es aber an die Gewehrgriffe beim Laden ging, welche damals, nach preußischem Muster, sehr stramm und rasch eingeübt wurden, wollte es durchaus nicht klappen, und plötzlich pfiff das spanische Rohr Pauloff’s, das er gleich jedem Offizier der Rokokozeit trug, über Iwan’s Rücken. Zu seinem Unglücke hatte sich sein schöner Oberst ihm eben wieder unbemerkt genähert.

»Pfui!« rief Frau von Mellin zornig, »habe ich meinen Offizieren nicht befohlen, ihre Soldaten gut zu behandeln? Ist dies das gute Beispiel, das Sie Ihren Unteroffizieren geben?«

»Vergeben Sie, gnädige Frau,« erwiderte Pauloff, dessen Antlitz flammende Röte bedeckte, »aber der Mann ist ungeschickt und faßt schwer auf.«

»Das wollen wir doch gleich sehen«, sprach Frau von Mellin. »Man muß eben Geduld haben und ein wenig Philanthropie.«

Sie nahm das Gewehr aus Iwan’s Händen und zeigte ihm die Griffe, einen nach dem andern, indem sie jeden für sich von ihm wiederholen ließ.

»Gut – sehr gut – sehen Sie, wie das geht – Sie haben keine Geduld – Sie haben Ihre Damen im Kopfe, anstatt Ihre Soldaten«, fielen inzwischen die Worthiebe auf Pauloff.

»So – jetzt – alles zusammen«, befahl der weibliche Oberst. Iwan machte die Tempo’s.

»Halt, Du hast vergessen, die Patrone abzubeißen«, rief Frau von Mellin. »Noch einmal!«

Iwan schulterte und begann das Laden von vorne.

»Halt, Du mußt den Ladestock aufsetzen«, unterbrach sie ihn, »so – kräftig – kräftiger – noch einmal!«

Der schöne Grenadier schulterte und fing wieder mit der Wendung halblinks und dem Beifuß des Gewehres an.

»Aber, Iwan«, rief Frau von Mellin schon ein wenig minder sanft, »Du hast wieder die Patrone nicht abgebissen.«

Der Adonis machte ein unbeschreiblich dummes Gesicht; er begriff offenbar nicht, welche Bedeutung es für sein russisches Vaterland und sein Mütterchen, die Zarin, haben könne, ob er eine Patrone, die nur in der Einbildung seines Korporals, seines Kapitäns und seines Obersten existierte, abbeiße oder nicht.

»Also noch einmal!«

Wieder die unglückselige Patrone.

»Beiß sie doch ab«, fuhr der weibliche Exerziermeister auf.

Jetzt war es vollends aus; sobald Iwan sah, daß man mit ihm die Geduld verlor, stieg ihm das Blut zu Kopfe und er sah und hörte nichts mehr.

»Hörst Du, die Patrone –«

Iwan starrte vor sich hin in das Leere.

»So beiß doch!« schrie Frau von Mellin.

Der Rekrut machte ein rundes Maul wie ein Karpfen.

»Hörst Du nicht? –«

Iwan hörte in der That nichts mehr. Da klatschte eine tüchtige Ohrfeige auf seine Wange, welche ihn zur Besinnung brachte.

Pauloff, der sich bis jetzt heroisch bezwungen, brach in ein schallendes Gelächter aus. –

»Sie lachen,« stammelte der weibliche Oberst wütend, »Sie wagen zu lachen? – Das ist Insubordination; – das ist ein Akt der Widersetzlichkeit gegen Ihren Vorgesetzten.«

»Aber, Madame –«

»Kein Wort mehr –«

Pauloff lachte fort.

»Sie lachen noch immer?« sagte Frau von Mellin bleich vor Zorn. »Gehen Sie sofort zum Profoßen.«

Pauloff verneigte sich und verließ, sich noch immer vor Lachen schüttelnd, den Exerzierplatz.

Der weibliche Oberst ging hierauf, die Hände auf dem Rücken, schweigend vor dem schönen Grenadier auf und ab, dann in einiger Entfernung vor ihm stehen bleibend, begann er: »Bist Du wirklich so ein Tölpel, Iwan Nahimoff, oder ist es mehr Trotz und Eigensinn bei Dir?«

Der Adonis gab keinen Laut von sich.

»Nun, antworte doch, kannst Du Dir nicht merken, daß Du die Patrone abzubeißen hast?«

»Nein«, sagte der Rekrut.

»Und weshalb nicht? Weshalb merkst Du Dir, daß Du den Ladestock in den Lauf zu stoßen hast?«

»Weil ich den Ladestock in Händen halte, die Patrone aber nicht«, entgegnete der Grenadier, »und überhaupt nicht weiß, wie eine Patrone aussieht.«

»Es ist Logik in dem, was Du sagst«, meinte Frau von Mellin. Dann rief sie den alten Korporal und befahl eine scharfe Patrone zu bringen.

Die Patrone in der Hand, machte sie jetzt das Exercitium noch einmal durch und reichte sie dann Iwan.

»Wirst Du es jetzt treffen?«

»Ja.«

»Also – gieb Acht auf das Kommando!«

Es ging vortrefflich.

»Sehr gut, noch einmal.«

Wieder lief die Sache ohne Anstand ab.

»Ah! ich merke, Du bist ein Sohn der Natur«, rief Frau von Mellin, »Dir taugt das Abstrakte nicht. Du mußt sehen, hören oder in Händen halten, was Du auffassen sollst. Kannst Du lesen?«

»Nein.«

»Möchtest Du es erlernen?« fragte sie.

»O! für mein Leben gern«, antwortete der schöne Grenadier.

»Warte nur, wir wollen gleich einen Versuch machen.« Frau von Mellin zog ein kleines Buch aus der Tasche ihres grünen Samtüberrockes und begann, die kleine Hand auf die Schulter des Soldaten legend, ihm die Buchstaben zu zeigen und zu erklären.

»Aber dies sind keine russischen Buchstaben«, sagte Iwan.

»Woher weißt Du das?«

»Ich habe oft die großen Kirchenbücher gesehen bei unserem alten Kirchensänger.«

»Ja, Du hast Recht, es sind lateinische Buchstaben.«

»Und die Worte verstehe ich auch nicht«, sagte der Grenadier, »es ist nicht unsere Sprache.«

»Ganz recht«, gab Frau von Mellin zur Antwort, »es ist französisch, das Buch nennt sich Candide und der Mann, der es geschrieben, Voltaire, ist der größte Geist der Zeit, den die Kaiser und Könige wie ihres gleichen achten.«

»Ich möchte das Buch lesen«, meinte Iwan, »ich möchte überhaupt alles lesen, alles lernen, alles erfahren, was wahr und ist und die zukünftigen Dinge, ich möchte die alten Chroniken kennen und wissen, wie es in fremden Ländern ist, in Frankreich und bei den Türken.«

»Nun, Dein Wunsch soll in Erfüllung gehen«, sagte Frau von Mellin lächelnd, »Du gefällst mir, Du gefällst mir sehr gut, ich werde Dich unterrichten lassen, ja, ich selbst werde Deine Bildung übernehmen.«

»Gott soll es Ihnen lohnen«, rief der Grenadier, indem er sich nach der Art russischer Bauern vor seinem Obersten niederwarf und den Saum des hellen Frauengewandes küßte, »alle Heiligen sollen Sie beschützen, schönes Mütterchen, und werde ich auch französisch erlernen?«

»Ja, – auch französisch!« lachte Frau von Mellin.

IV.

Inhaltsverzeichnis

Ein Jahr und darüber war seit dem Morgen auf dem Exerzierplatze des Regiments Tobolsk verflossen, und Iwan Nahimoff war Dank der von Rousseau’schen Prinzipien geleiteten Fürsorge seines schönen Mütterchen Oberst, seinen Lehrern und noch mehr der erstaunlichen russischen Bildsamkeit, aus einem unwissenden Bauern, einem halbwilden Leibeigenen ein Mann von Bildung und feinen Sitten geworden, freilich nicht in dem Sinne unserer Zeit, aber er wußte von der Welt, ihren Geschicken und Einrichtungen, von Geschichte, Geographie, Naturgeschichte und Litteratur beiläufig so viel, wie die Hofleute Katharina’s, er bewegte sich mit dem Anstand und der Grazie eines Kavaliers Ludwig XV., und was die Hauptsache war, er sprach französisch besser als die meisten Russen jener Zeit, und las französisch, was die wenigsten seiner »gebildeten« Landsleute imstande waren.

Und vor allem war er ein strammer Soldat, nicht allein, daß er nie mehr vergaß, die Patrone abzubeißen, er hatte es in den Ladetempo’s zu einer Schnelligkeit gebracht, wie sie nur den besten alten Grenadieren Friedrichs des Großen eigen war, und galt als der beste »Driller« junger Soldaten. Längst zierte die Auszeichnung des Sergeanten seinen Uniformrock, aber er strebte weiter. Es war eine Zeit, wo gemeine Soldaten durch ihre Tapferkeit vor dem Feinde, ihre Talente oder die Gunst schöner Frauen zu den höchsten militärischen Würden stiegen, die Zeit der Orloff und Potemkin. Auch Iwan Nahimoff träumte von goldenen Epauletten und dem breiten Bande des Georgskreuzes. Jede Minute, welche ihm der Dienst der Kaiserin frei ließ, verwendete er unermüdlich dazu, sich in militärischen Dingen zu unterrichten; mit einem preußischen Deserteur, einem deutschen Pastorsohne, studierte er die Taktik der Griechen und Römer und die Feldzüge der Preußen. Man begann sich in militärischen Kreisen und sogar am Hofe für ihn zu interessieren.

Böse Zungen nannten ihn den Potemkin der Frau von Mellin.

Indes ebenso gewiß Amor es war, der ihn mit dem Korporalstock in den verschiedenen Wissenschaften drillte, ebenso unschuldig waren bisher die Beziehungen des schönen Grenadiers zu seinem Oberst im Reifrock gewesen. Frau von Mellin selbst war sich über den Charakter ihres Interesses für ihm am wenigsten klar.

Eines Abends – Iwan Nahimoff hatte eben mit seiner Kompagnie die Wache im Palaste bezogen – saß er in einem der duftigen Hollunderbüsche des Parkes von Zarskoje Selo gleich einem scheuen Vogel verborgen und las, als unerwartet ein Frauengewand ganz in seiner Nähe rauschte. Iwan hielt den Atem an, aber vergebens.

»Wer ist hier?« fragte eine schöne energische Stimme.

Iwan trat hervor und nahm Stellung. Vor ihm stand eine majestätische Frau, deren gebietender Blick freundlich auf ihm haften blieb. »Ein Soldat?« sagte sie lächelnd, »und ein Soldat, der liest? –«

Sie nahm das Buch aus seiner Hand. »Französisch sogar – der Anti-Marchiavell – nun, mein Bruder Friedrich kann zufrieden sein, er ist bei Lebzeiten in das Volk gedrungen. Wie nennst Du Dich?«

»Iwan Nahimoff.«

Die Dame zog ein Notizbuch hervor und schrieb den Namen hinein; dann gab sie dem Soldaten das Buch zurück, lächelte und ging weiter die Allee hinab.

Am andern Morgen, kurz vor der Ablösung, rief die Wache in das Gewehr. Iwan stand am Flügel, die Mannschaft präsentierte, die Fahne wurde zur Erde gesenkt, die Trommeln wirbelten, von vier Rappen gezogen flog eine schöne Frau im Hermelin vorbei. Iwan hatte sie sofort erkannt, es war die Dame von gestern.

»Wer war die Frau in dem Wagen?« fragte er leise seinen Nebenmann.

»Du kennst sie nicht?« erwiderte dieser, »wer kann es sein, als unser Mütterchen, die Zarin!«

Iwan wurde purpurrot.

»Warum bist Du wieder so rot im Gesicht?« rief Pauloff, indem er seinen Degen einsteckte, »das ist gegen das Reglement, es ist nicht erlaubt, daß ein Soldat im Gliede röter ist als die andern. Ich lasse Dich dafür auf vierundzwanzig Stunden krumm schließen.«

V.

Inhaltsverzeichnis

Es schlug sechs Uhr abends. Die Stunde, zu der Frau von Mellin ihr großes Ziehkind, den schönen Grenadier, bei sich erwartete. Die junge reizende Frau schritt seit einer halben Stunde aufgeregt in ihrem Boudoir auf und ab, nur von Zeit zu Zeit vor dem großen Trumeauspiegel stehen bleibend, um von Neuem zu sehen, wie anmutig ihr der offene Schlafrock von weißem Mull mit den Rosabändern ließ. Noch ein halbe Stunde verstrich, Iwan kam nicht. Die Ungeduld der schönen Amazone, welche zu befehlen, alles ihrem Winke folgen zu sehen gewohnt war, wuchs von Minute zu Minute. Sie begann Klavier zu spielen. Es schlug sieben Uhr.

Der Oberst-Kommandant sprang zornig auf und schickte in die Kaserne. »Wo bleibt er?« rief sie dem zurückkehrenden Diener entgegen.

»Iwan Nahimoff ist im Arrest.«

»Im Arrest – wer hat gewagt –?«

»Der Herr Kapitän Pauloff hat ihn krummschließen lassen.«

»Krummschließen!« seufzte der weibliche Oberst. »Nun wohl – wir werden sehen!– –«

Als Iwan an dem nächsten Tage pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien, fragte Frau von Mellin hastig: »Was hast Du begangen, weshalb hat Dich Dein Kapitän krummschließen lassen?«

»Weil ich rot geworden bin.«

»Weil Du – ah! es ist nicht zu glauben, der abscheuliche Tyrann!« rief die schöne Amazone.

»Und bei welcher Gelegenheit bist Du rot geworden?« forschte sie weiter.

»Als Ihre Majestät, die Zarin vorbeifuhr«, berichtete Iwan in aller Unschuld.

»So – dann hast Du es verdient«, stotterte Frau von Mellin; ihre Lippen zuckten unheimlich, ihre dunklen Augen loderten. »Was hast Du rot zu werden, wenn Du die Zarin siehst, gefällt sie Dir so sehr, bist wohl verliebt, was? Weißt Du nicht, daß das ein Verbrechen ist, wenn Du in Deine Kaiserin verliebt bist, ja, wenn Du überhaupt verliebt bist? – Du sollst nur an Deine Flinte denken und an Deine Bücher. O! es giebt indes noch Mittel, Dich zu kurieren, siehst Du hier!« Die eifersüchtige Frau hatte ihren Rohrstock ergriffen und hielt ihn ihrem erschreckten Günstling unter die Nase.

»Verstehst Du mich?«

»Ja, ich verstehe«, sagte Iwan, aber er hatte von der ganzen Sache nichts weiter verstanden, als daß Iwan der Schreckliche und sein Leibwächter, wie sie im Volksliede verkörpert sind, wahre Engel gegen seinen Kapitän und seinen Obersten waren.

»So«, sagte Frau von Mellin, »jetzt wollen wir in Ovid’s Kunst zu lieben weiter lesen.« Sie setzte sich auf das kleine Sofa und Iwan auf ein Tabouret zu ihren Füßen. Sie reichte ihm den französischen Ovid. Er schlug das Buch auf, wo das rotseidene Merkzeichen darin lag, und las – aber seine Stimme zitterte.

VI.

Inhaltsverzeichnis

Das war ein böser Tag für das Regiment. Der schöne Oberst erschien in der bösesten Laune beim Morgenrapport, in jener Laune, in der die gefürchtete Soldatendespotin stets »gerecht«, aber mit unerbittlicher Strenge und ohne das geringste Erbarmen so lange Knute und Spießruten spielen ließ, bis die Falten von ihrer Stirne verschwunden waren. Auch heute mußte sie Strafen diktieren, Seufzer hören, Blut sehen, und das alles nur, weil sie Iwan gestern Abend trotz seiner Versicherungen nicht verstanden hatte.

Ihre düstere Toilette, ein Oberkleid von schwarzem Samt mit dunklem Zobelpelz besetzt, das über dem Unterkleide von gleichem Stoff und gleichen Farben eng in die Taille schloß und dann weit nach rückwärts auseinanderfloß, paßte vortrefflich zu ihrer neronischen Stimmung. Sie hätte am liebsten gleich die Kaserne angezündet und ihr ganzes Regiment verbrannt.

Vor ihr standen Offiziere und Unteroffiziere und erstatteten ihre Berichte.

»Der Soldat Peter Repkin wurde auf frischer That bei einem Einbruch in das Gewölbe des Kaufmanns Nowasilkoff ergriffen«, meldete ein Kapitän.

»Ist dies sein erster Fehltritt?« fragte Frau von Mellin.

»Allerdings, er hat sich bisher ganz gut aufgeführt –«

»Er soll also nur gepeitscht werden.«

»Wie viel Hiebe?«

»Fünfzig.«

»Dimitri Paschkan hat seinen Kameraden bestohlen –,« sagte ein anderer Kommandant.

»Paschkan? War der nicht schon abgestraft?« fragte der militärische Nero, die Brauen zusammenziehend.

»Allerdings, wiederholt abgestraft.«

»So, da muß man den Burschen diesmal schärfer fassen,« entschied Frau von Mellin böse lächelnd, »er soll mir vorerst durch eine Woche in den Bock gespannt werden und zwar in einem finstern Kerker bei Wasser und Brot, und dann soll er Spießruten laufen, zehn Mal durch zweihundert Mann.«

»Das wird der Mann kaum aushalten,« sagte der Kommandant, »er ist noch jung und schwächlich.«

»Nun, soll er meinetwegen in der Gasse sterben!« rief die schöne Frau, »an so einem Menschen verliert die Gesellschaft nichts.«

»Der Sergeant Isidor Tscholowik hat sich bei einem Raufhandel in der Schenke seinem Lieutenant widersetzt und die Hand gegen ihn erhoben.«

»Solche Fälle müssen besonders streng gestraft werden,« sagte Frau von Mellin, »sonst lösen sich alle Bande der Disziplin. Der Mann ist zu degradieren und zwanzig Mal durch zweihundert Mann zu jagen. Hält er es aus, so ist er nach Sibirien abzuführen.«

Nach einem köstlichen Diner sich halb träge, halb mißmutig auf dem Balkon ihres kleinen Palastes die Zähne stochernd, sah Frau von Mellin den Exekutionen zu, welche auf ihren Befehl auf dem großen Platze vor der Kaserne vollzogen wurden. Sie sah kaltblütig die von ihr Verurteilten an den Pfahl binden, unter der Peitsche des Profoßen bluten oder in der Gasse vor den Bajonetten, welche dieselbe sperrten, zusammenbrechen, und warum nicht? – Sie that kein Unrecht, sie quälte niemand, sie fand nur Vergnügen an der Gerechtigkeit, welche sie nach Recht und Gewissen übte.

Plötzlich trieb es sie, in die Kaserne zu gehen. Sie konnte sich keine Rechenschaft von dem geben, was sie dahin zog, aber sie mußte hin. Sie setzte eine kleine runde Mütze von Zobelpelz auf ihr weiß gepudertes Haar und schritt, ihr spanisches Rohr in der Hand, rasch über den Platz hinüber. Welch’ ein Schauspiel bot sich ihr im Kasernenhofe! Vor der Front seiner Kompagnie stand Pauloff auf den Degen gestützt, während zwei Korporale ihren Günstling Iwan, welcher die Hände gebunden hatte und in höchster Verzweiflung Verwünschungen ausstieß und weinte, auf die bereit stehende Prügelbank zu schnallen suchten. Schon schien der Widerstand des schönen Grenadiers fruchtlos und die Kameraden freuten sich, ihn, der längst ihren Neid erregt, unter dem Korporalstock stöhnen zu hören, da brachte Frau von Mellin Hülfe zu rechter Zeit.

»Was geschieht hier?« rief sie von weitem schon.

Sofort hielten die Korporale ein.

»Ich strafe einen Soldaten«, sagte Kapitän Pauloff kalt, während in ihm alles kochte, denn auch er hielt Iwan für seinen glücklicheren Nebenbuhler.

»Wofür?« fragte der weibliche Oberst, »und mit welchem Recht?

»Mit dem Rechte, welches mir als Kompagniechef zusteht, meine Leute für Dienstvergehen zu strafen,« erwiderte Pauloff noch immer gelassen.

»Was hat der Mann begangen?« warf Frau von Mellin ein, »gewiß wieder eine Bagatelle, ist er diesmal vielleicht bleich geworden, als er im Gliede stand?«

»Er ist gestern Abend eine volle Viertelstunde nach dem Zapfenstreiche nach Hause gekommen«, sagte der Kapitän.

»Wahrhaftig, eine volle Viertelstunde?« höhnte der weibliche Oberst, »und dafür eine so unmenschliche, entehrende Strafe?«

»Ob der Zapfenstreich um eine Minute oder um eine volle Stunde überschritten wird«, entgegnete Pauloff, »ist gleichgültig – übrigens handelt es sich hier noch um etwas ganz anderes. Dieser Mann verschmäht es, sich zu rechtfertigen, ja, er verweigert trotzig jede Antwort darüber, wo er den gestrigen Abend zugebracht und auf welche Weise er abgehalten wurde –.«

»Wenn es nichts weiter ist,« sagte Frau von Mellin, »darüber kann ich Aufklärung geben. Ich weiß wo Iwan Nahimoff gestern Abend war. Dies wird Ihnen wohl genügen, Herr Kapitän.«

»Nein, dies genügt mir nicht«, rief Pauloff, dem die Zornesadern auf der Stirn schwollen, »ich muß wissen, wo der Mann war.«

»Müssen Sie das wirklich wissen?« spottete Frau von Mellin, »nun gut, Iwan Nahimoff war gestern Abend bei mir! –«

Pauloff entfärbte sich, in der Kompagnie entstand eine unbeschreibliche Bewegung.

»Wenn der Mann trotzdem eine Strafe verdient,« sagte Frau von Mellin mit einer Würde, welche Pauloff förmlich zu Boden schmetterte, »so strafen Sie ihn menschlich… vergessen Sie nie, daß es einer Ihrer Brüder ist, der gefehlt hat.«

»O! wir kennen diese lächerlichen Sentenzen, diese modernen Ideen französischer Philosophen,« erwiderte Pauloff, welcher die Herrschaft über sich vollkommen verlor, »es stünde Ihnen besser an, nicht zu vergessen, was Sie mir, dem Edelmanne und Offiziere, schuldig sind, als mich – und sich selbst – eines gemeinen Soldaten wegen dem Gelächter Preis zu geben.«

»Glauben Sie?« sagte Frau von Mellin, deren Augen Blitze schossen, welche aber immer ruhig, ja spöttisch blieb. »Ich finde dagegen nichts lächerlicher als Pretentionen, welche sich auf Vorzüge stützen wie Adelsbrief und Offizierspatent, die man jeden Augenblick zerreißen kann. Was bleibt dann übrig, wenn das einzige nicht vorhanden ist, was heutzutage noch geachtet wird, der echte Menschenwert?«

»Noch bin ich Offizier!« rief Pauloff.

»Sie sind es nicht mehr,« gab der Oberst im Reifrock keck und schneidend zur Antwort und riß zugleich Pauloff die Epauletten herab.

»Sie wagen …?« stammelte dieser, nach dem Degen greifend.

»Ich bin hier an der Zarin Stelle, wer mir ungehorsam ist, verletzt seine Pflichten gegen die Monarchin,« fuhr Frau von Mellin fort, während ihr Samtkleid drohend knisterte; »ich habe strengstens verboten, meine Soldaten mit dem Stocke zu strafen. Sie haben mein Verbot verhöhnt, Ihre Pflicht als Offizier mit Füßen getreten. Sie sind ein Rebell, Sie verdienen exemplarisch gestraft zu werden. Ich degradiere Sie hiermit zum gemeinen Soldaten und Sie, Iwan Nahimoff, ernenne ich zum Kapitän und Kompagniechef.«

Pauloff war nahe daran umzusinken. Er brachte keinen Ton hervor, Thränen füllten seine Augen, während Iwan, dessen Bande rasch gelöst wurden, vor der schönen Amazone dankend seine Kniee beugte.

»Darf ich Sie an einem Tage, wo Sie mich so mit Gnaden überschütten«, sagte der neue Kapitän, »noch um eine besondere Gunst bitten, gnädige Frau?«

»Nun?«

»Geben Sie mir den Gemeinen Pauloff in meine Kompagnie«, bat Iwan mit feindselig lauerndem Blicke.

Ein diabolisches Lächeln überflog das schöne erbarmungslose Antlitz der beleidigten Frau. »Es sei, aber unter einer Bedingung –«

»Sie haben zu befehlen,« sagte Nahimoff.

»Ich befehle also den Gemeinen Pauloff zu Ihrem persönlichen Dienst, Herr Kapitän,« sagte Frau von Mellin, »und was die lächerlichen philanthropischen Sentenzen der französischen Philosophen betrifft, so suchen Sie dieselben bei dieser Gelegenheit zu vergessen, lieber Nahimoff, und kaufen Sie sich bei Zeiten eine Peitsche, denn Hunde und Diener muß man peitschen!«

VII.

Inhaltsverzeichnis

Wenige Tage nach der Katastrophe, welche Pauloff aus seiner eingebildeten Höhe zu den Füßen seiner Feinde herabstürzte und ihn rettungslos der Willkür und dem Uebermute derselben preisgab, wurde das Regiment Tobolsk in das Lager beordert, welches zur Uebung der Truppen nach preußischem Muster nur eine Stunde von Zarskoje Selo entfernt auf besonderen Befehl Katharina’s, der Verehrerin Friedrichs des Großen, errichtet worden war.

Der neue Kapitän Iwan Nahimoff war hier der Gegenstand der lebhaftesten Aufmerksamkeit von Seiten der Offiziere wie der Damen des Hofes, welche ihn, wie es damals Sitte war, teils ungeniert vor aller Welt, teils ungenannt mit den kostbarsten Dingen beschenkten. Er saß eben mit einigen Kameraden in seinem Zelte beim Kartenspiel, als ein Lakai in der Livree, wie sie von der Palast-Dienerschaft der Zarin getragen wurde, eintrat, sich verneigte, dem Liebling Fortuna’s ein großes Paket übergab und sofort wieder verschwand.

»Ein neues Präsent, Du Glückspilz! Was mag das sein!« riefen die jungen Offiziere durcheinander.

Nahimoff öffnete vorsichtig die Umhüllung, sie enthielt einen jener kostbaren Pelze, mit denen Katharina II. die französischen Philosophen zu beschenken pflegte, wenn sie nach Petersburg sie zu besuchen kamen.

Ein allgemeiner Ruf der Ueberraschung folgte der Enthüllung.

Nahimoff hob das wahrhaft kaiserliche Geschenk empor und hielt es auseinander; es war ein großer weiter Pelz von grünem Samt mit dunklen Zobelfellen gefüttert und verschwenderisch ausgeschlagen.

»Ein Pelz für einen Großfürsten!« schrie einer der Kameraden.

»Ja, für den Zaren selbst«, beteuerte ein anderer.

»Aber was mache ich damit?« seufzte Nahimoff, der bereits eitel wie ein kokettes Weib war. »Ich kann ihn doch nicht zu meiner Uniform tragen!«

»Was fällt Dir ein«, unterbrachen ihn mehrere zugleich, »es ist ja ein Schlafpelz!«

»Komm, probiere ihn«, sagte ein junger Lieutenant und wollte Iwan hineinhelfen.

»Nein, nein«, erwiderte dieser, »wozu hätte ich denn meinen Diener? He! Pauloff!«

Der ehemalige Kapitän trat rasch und gehorsam, aber durchaus nicht demütig herein. Er trug jetzt den gewöhnlichen Soldatenrock, war aber noch immer mit Sorgfalt frisiert.

»Hilf mir in den Pelz da!« befahl Nahimoff.

Pauloff gehorchte schweigend.

»Prachtvoll!« riefen die Offiziere. Nahimoff sah in der That wunderbar schön in dem Schlafpelz aus, beinahe wie ein verkleidetes Weib, eine der kühnen Amazonen Katharina’s.

»Aber dazu gehören unstreitig türkische Pantalons und Hausstiefeln!« entschied ein junger Graf, der in Paris gewesen war.

»Glaubst Du?« sagte Nahimoff, »nun, das läßt sich ja machen.« Er setzte sich auf sein Bett und streckte Pauloff den einen Fuß hin. »Verstehst Du nicht?« schrie er auf, als der ehemalige Kapitän sich einen Augenblick besann. »Ausziehen! Du bist jetzt ein gemeiner Soldat, mein Diener, also so gut wie mein Sklave, gehorche, oder –«

Pauloff gehorchte. Als die Toilette beendet war, trat Nahimoff vor den Spiegel und betrachtete sich in demselben wohlgefällig von allen Seiten.

»Nun, Deine Schöne ist aber wirklich spendid,« sprach der junge Graf.

»Wie? Wer?« fragte Iwan erstaunt.

»Ich denke, unser schöner Oberst, Frau von Mellin!«

Pauloff erbleichte bis in die Lippen.

»Frau von Mellin!« staunte Nahimoff, »meinst Du, daß sie –«

Die Kameraden brachen in ein lautes Lachen aus. Zufällig hatte Nahimoff indes die Hände in die Taschen seines Schlafpelzes gesteckt. »Was ist das?« murmelte er, ein kleines Etui hervorziehend.

»Noch etwas? Laß sehen«, baten die Kameraden.

Nahimoff öffnete und blieb mit allen anderen sprachlos, denn das Etui enthielt das Bild der Zarin in Brillanten gefaßt und ein Billet von ihrer Hand. »Dem ausgezeichneten Kapitän Iwan Nahimoff von seiner wohlaffektionierten Kaiserin

Katharina II.«

Nahimoff war bis an die Ohren rot geworden, aber nicht, wie die Kameraden glaubten, über die unverhoffte vielverheißende Gunst der Kaiserin, sondern über die Idee des Grafen, das Geschenk müsse von Frau von Mellin sein.

»Also es ist eine ausgemachte Thatsache,« sagte er zu sich selbst, »daß Dich dieses schöne Weib liebt, und daß Du sie wieder liebst. Alle wissen es, nur Du und sie, ihr selbst habt keine Ahnung davon. Aber die Kameraden haben Recht, – es soll anders werden!«

Und als wollte sie Antwort bringen auf seinen halb erbitterten halb lustigen Monolog, erschien zu rechter Zeit Frau von Mellin, von zwei anderen Amazonen, der Fürstin Lubina Mentschikoff und Hedwig Samarow, begleitet, auf der Schwelle seines Zeltes.

»O! gnädige Frau!« stammelte Nahimoff in unbeschreiblicher Verwirrung, »ich bin, wie Sie sehen, gar nicht in der Verfassung, Damen – diese Toilette –«

»Eine Toilette, die ebenso kostbar, als geschmackvoll und reizend ist,« sagte Frau von Mellin, den Adonis durch ihre Lorgnette betrachtend.

Pauloff stand seitwärts mehr tot als lebendig.

»Gewiß ein Geschenk,« begann Frau von Mellin, vor Eifersucht fiebernd.

»Ja, ein Geschenk,« erwiderte Nahimoff furchtsam wie eine Schulknabe.

»Von einer Dame?«

»Ja – von – einer Dame.«

»Wer ist diese Dame?«

»Es ist – es« – Nahimoff wischte sich den Armensünderschweiß von der Stirne – »es ist die Kaiserin.«

»Die Kaiserin!« wiederholte Frau von Mellin, scheinbar gleichgültig. »Das habe ich mir gleich gedacht, sie hat Geschmack, den besten feinsten Geschmack.«

»Aber wollen die Damen nicht Platz nehmen?« bat Nahimoff, dem das Blut zu Kopfe stieg. »He! Stühle, Pauloff!«

Frau von Mellin, welche ihren ehemaligen Anbeter erst jetzt bemerkte, ließ ihre dunklen Augen lange und seltsam auf demselben haften, dann ließ sie sich mit der Fürstin Mentschikoff auf eine Ottomane nieder, welche vor dem Zelte stand.

»Wir wollen im Freien sitzen,« sagte sie.

»Also Tische und Stühle vor das Zelt!« gebot Nahimoff.

Der ehemalige Kapitän gehorchte mit dem Eifer eines Sklaven, der die Peitsche fürchtet.

Nachdem alle Platz genommen hatten, befahl Nahimoff etwas kalte Küche und Wein.

Augenblicklich war alles zur Stelle.

»Wie sind Sie mit Ihrem Diener zufrieden?« fragte Frau von Mellin nachlässig, während Pauloff die Gläser füllte.

»Vortrefflich,« sagte Nahimoff, »er ist gehorsam wie ein Hund und schnell wie ein Blitz. Wäre er übrigens anders, so bin ich der Mann, ihn mir zu dressieren. Noch eine Flasche!«

Pauloff eilte sie zu bringen.

»O! wie schön Sie heute sind!« begann Nahimoff, seinen Feldsessel näher zu Frau von Mellin rückend.

»Ich? – und warum gerade heute?« lächelte Frau von Mellin, »Sie haben noch nie bemerkt, daß ich schön bin, Herr Kapitän.«

»Ich – in der That«, stammelte Iwan – »wie hätte ich auch wagen sollen, aber ich habe immer darauf geschworen, daß Sie die schönste Frau an unserem Hofe sind.«

»Ich bitte – nach der Kaiserin,« fiel Frau von Mellin boshaft ein.

»Nein, vor der Kaiserin.«

»Wie galant auf einmal!«

»Ich bin nicht galant, ich bin verliebt,« flüsterte Nahimoff.

Frau von Mellin zuckte die Achseln.

»Ich weiß, daß Sie eine Männerfeindin sind,« fuhr der Adonis fort, »daß ich ohne Hoffnung liebe.«

Eben war Pauloff zurückgekehrt und hörte, während er die Flasche auskorkte, die letzten Worte.

»Warum ohne Hoffnung?« erwiderte Frau von Mellin, kokett mit dem Fächer spielend.

»O! Sie machen mich zum glücklichsten der Sterblichen!« jubelte Nahimoff, »fülle die Gläser – Pauloff!«

Der ehemalige Kapitän zitterte am ganzen Leibe vor Wut und Eifersucht, und so geschah es, daß er den roten Wein statt in das Glas der schönen Frau, die er jetzt rasender als je liebte, über ihre weiße, mit Bouquets in farbiger Seide gestickte Robe goß.

»Wie ungeschickt!« rief Frau von Mellin.

Nahimoff sprang auf, riß die Peitsche, welche am Eingange seines Zeltes am Nagel hing, herab und wollte Pauloff schlagen, dieser zog aber blitzschnell ein Messer aus seinem Gürtel und stieß damit gegen die Brust des Uebermütigen.

Nahimoff wich dem Stoß geschickt aus, stürzte sich mit überlegener Kraft auf den vor Erregung Bebenden, entwand ihm die Waffe, warf ihn zu Boden und setzte ihm den Fuß auf die Brust.

Dies alles war das Werk eines Augenblickes. Die Damen, welche entsetzt aufgesprungen waren, begannen zu lachen, als sie den unglücklichen Pauloff sich in ohnmächtiger Wut wie einen Wurm unter dem Fuße Nahimoff’s krümmen sahen.

Soldaten liefen herbei und banden Pauloff an Händen und Füßen. Während sie ihn wegführten, sah er noch, wie Frau von Mellin ihr Glas gegen Nahimoff erhob und auf sein Wohl trank. Dann sah er nichts mehr. Es wurde Nacht vor seinen Augen.

VIII.

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Pauloff hatte die Hand gegen seinen Vorgesetzten erhoben mit der offenkundigen Absicht, denselben zu töten. Das Kriegsgericht verurteilte ihn zum Tode. Frau von Mellin erwartete, daß er sie um Gnade bitten werde.

Drei Tage verstrichen. Pauloff bat nicht.

Es kam der Morgen, an welchem die Hinrichtung stattfinden sollte. Ein Offizier suchte, als der Tag graute, den Verurteilten auf und forderte ihn auf, um Pardon zu bitten.

Pauloff schüttelte den Kopf.

»Frau von Mellin selbst erwartet es,« sagte der Offizier, »ja ich darf beinahe sagen, sie hat mich hierher geschickt –«

»O! ich kenne diese Frau,« erwiderte Pauloff mit einem schmerzlichen Lächeln, »sie will nur sehen, daß ich mich vor ihr demütige, daß ich, wo möglich auf den Knieen um mein Leben bettle, um dann um so gewisser keinen Pardon zu geben.«

»Sie irren sich.«

»Ich irre mich nicht, ich danke Ihnen, aber ich irre mich nicht und ich werde nie und niemals um Gnade bitten,« schloß der Verurteilte.

Als die schone Amazone von seinem Entschlüsse Meldung erhielt, stampfte sie zornig mit dem Fuße und befahl dann, auf der Stelle zur Exekution zu schreiten.

Es war ein Frühlingsmorgen voll Licht, Duft und Frische, als Pauloff in der Mitte eines Detachements Grenadiere den Weg zum Tode ging. Auf den blühenden Zweigen der Kirschbäume zwitscherten Sperlinge und Finten, vom nahen Dorfe klangen freundlich hell die Kirchenglocken herüber.

Auf der Richtstätte erwartete Frau von Mellin, ganz in grünen, zobelbesetzten Samt gekleidet, den Rohrstock in der Hand, vor der Front ihres Regimentes den Verurteilten.

Bei dem Anblicke des schönen, geliebten, grausamen Weibes durchschauerte es Pauloff – aber er verlor keinen Augenblick seine Fassung.

Noch einmal trat der Offizier, welcher das Exekutionskommando führte, an ihn heran und forderte ihn leise auf, eine Gnade zu erbitten.

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen«, sagte Pauloff, »und bitte Sie, nach meinem Tode Frau von Mellin und Iwan Nahimoff zu sagen, daß ich ihnen vergeben habe, aber ich bitte nicht um Gnade.« Zugleich warf er Rock und Mütze ab und trat festen ruhigen Schrittes vor den Sandhaufen.

Der Profoß verband ihm die Augen.

Das Exekutionskommando marschierte auf.

Sechs Mann traten vor, sechs Flintenläufe zielten auf Pauloff’s Brust. »Feuer!«

Die Decharge knallte, exakt wie auf dem Exerzierplatze; aber Pauloff stand noch immer aufrecht.

Und ehe er noch verstehen konnte, was geschehen war, fiel die Binde von seinen Augen, und das schöne grausame, angebetete Weib lag unter Thränen lachend an seiner Brust.

So seltsam ist das weibliche Herz! So lange sie in Iwan Nahimoff den armen Leibeigenen, den gemeinen Soldaten, den Halbwilden sah, während ihr Pauloff als Ihresgleichen stolz und übermütig gegenüber stand, haßte sie den letzteren und glaubte den ersteren zu lieben. Wie sie aber einmal Nahimoff zu sich erhoben hatte, wie er durch seine Gaben sogar zu glänzen begann, war er ihr nicht mehr interessant und die Wagschale des unglücklichen, auf das tiefste gedemütigten Pauloff stieg.

Gerade in dem Augenblicke, wo sie ihn unter dem Fuße Nahimoff’s sah, erwachte die Liebe zu ihm in ihrer Brust mit verdoppelter Gewalt, und sie war von da an entschlossen, ihm nicht allein das Leben, sondern auch ihr Herz und ihre Hand dazu zu schenken. Aber sie konnte es sich nicht versagen, seine Festigkeit, seinen Mut auf eine Probe zu stellen, welche er, so schwer sie auch war, glänzend bestanden hatte. »Sie lieben mich?« waren die ersten Worte, welche Pauloff stammelte, »und Sie haben mich so sehr gehaßt?«

»Ich habe Sie nie gehaßt,« flüsterte Frau von Mellin.

»Weshalb haben Sie mich dann so entsetzlich gequält?« sagte Pauloff.

»Nicht ich – Amor war es –.«

»Amor?«

»Ja – aber Amor mit dem Korporalstock.«

Das Erntefest

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Ringsum klingt die Sense, die Sichel; Lieder bald fröhlich wie Lerchen, bald trauernd sehnsuchtsvoll wie Nachtigallen steigen aus der Ebene empor. Die Ernte ist im vollen Zuge. Die weite podolische Fläche wogt im leichten Sommerwinde, ein gelbes Meer, Hügel an Hügel scheinen sich wie große Wogen zu heben und wieder zu senken, auf einzelnen kleinen Inseln wimmelt es von Schnittern wie von kleinen, schwarzen Insekten.

Um mich, oder eigentlich um den ostgalizischen Edelhof, in dem ich vor einer Woche etwa vom Pferde gestiegen und bis heute ein Gefangener russischer Gastfreundschaft bin, dehnt sich ein Stück dieser unendlichen Ebene, das hat seine Korn-und Weizenwellen in riesigen Garben zusammengebunden. Zu dreien aneinander gelehnt, stehen sie weithin in langen Reihen, gleich Zelten eines ausgedehnten Lagers, nur am Horizonte von einem kleinen Wäldchen, das wie ein dunkler Gartenzaun dasteht, und von dem Dorfe Turowa begrenzt, dessen niedere, von Strohdächern tief überhangene Hütten mit einzelnen emporragenden Stangen man von weitem für längliche Heuschober halten könnte.

Der Edelhof, ein langgestrecktes, ebenerdiges Gebäude, steht mit seinen Ställen, Schuppen, Scheuern auf einem Hügel. Ein Fußpfad führt zwischen Felder, die nur noch dürre Stoppeln zeigen, in Krümmungen gegen das Dorf hinab. An ihm lehnt ein flacher, kahler Erdaufwurf, das Volk nennt ihn den Tartarenhügel, und jenseits desselben steht das Kornfeld, von dem aus die Lieder der Schnitter herübertönen, dann noch eins und noch eins.

Ich nehme meine Flinte und trete aus dem Hause.

Da sitzt auf der Veranda der Herr des Edelhofes, mein Wirt Wasyl Lesnowicz. Ein würdiger Mann, nicht eben klein, knochig, mit starker Stirne, unverwüstetem, weißem Haare, langem Schnurrbart, fester Nase und dickem Kinn. Die blauen Augen unter den struppigen Augenbrauen wie verborgene Flämmchen lebhaft und feurig.

»Gehen Sie nicht zu weit vom Hause, Bruder« sagte er bedächtig, »die Bauern werden heute mit der Ernte fertig, dann feiern wir heute abend noch das Erntefest, ja, sie kommen alle herauf, das ganze Dorf, das Volk hat so ein Attachement an unsereins, weil man zu ihm gehört, drüben bei dem polnischen Nachbar, da kommt niemand mehr zum Erntefest, als die bezahlten Schnitter.«

Herr Wasyl war nämlich stolz auf das Ansehen, das er beim Landvolk genoß.

Seine Familie war, wie alle adeligen Geschlechter Ostgaliziens, russischer Abkunft, hatte unter polnischer Herrschaft polnische Sprache und Gesinnung angenommen, aber den griechischen Ritus bewahrt. Herr Wasyl hatte seine Bauern nie schlecht behandelt, aber vor dem Jahre 1848 die Herstellung Polens als politische Notwendigkeit angesehen. Als in jenem Jahre der Bauer seine Freiheit erlangte und die russische Nationalität in Galizien zu neuem Leben erwachte, da begann auch Herr Wasyl russische Zeitungen zu halten, russische Bücher zu kaufen, seinen Töchtern Jacken nach russischem Schnitte machen zu lassen, mit den Polen französisch zu sprechen, in der Unterredung mit Bauern stets Phrasen wie: »wir Brüder« »wir Landsleute«, fallen zu lassen und jeden mit einem »bleibt gesund!« zu grüßen.

Ich sagte, ich wolle eben nur auf das Feld zu den Schnittern gehen, nahm Abschied und schritt gegen das Dorf.

Auf dem Fußpfad kam mir eine schlanke Bäuerin entgegen, den Kopf phantastisch mit einem bunten Tuche wie mit einem Turban umwunden, sie ging mit einem »Gelobt sei Jesus Christus« gesenkten Blickes an mir vorüber.

Da lag nun das Kornfeld, das unter den kräftigen Armen der Schnitter rasch zu Boden sank. Behende arbeiteten die jungen Burschen in weiten, grobleinenen Beinkleidern und Hemden, mit bloßen Füßen, Armen und bloßem, braunem Halse, einen breitkrempigen Strohhut auf dem Kopfe. Die Mädchen in kurzen, bunten Röcken, ploderndem Hemde, den roten oder gelben Tüchern auf dem Kopfe, tauchten beim Schneiden wie große Mohnblumen auf und ab.

Zur Seite stand ein großer Krug Wasser mit einem angeschnittenen Laibe schwarzen Brotes als Deckel. Seitwärts richteten mit echt russischem Ernste einige Bauern die Garben und stellten sie schief zusammen, wie man Gewehre in Pyramiden stellt, damit der Regen abrinnen kann.

Buben versteckten sich zwischen denselben, einer rief: »Ich bin ein Bär! Das ist meine Höhle!« Sofort liefen die anderen herbei, suchten ihn mit Weidenruten herauszutreiben und schrieen sich heiser, bis ein Garbenbündel umsank, das nächste niederwarf, und so eine ganze Reihe wie Kartenhäuser zusammenfiel. Eine kräftige Stimme tönte herüber, jetzt richteten sie die Garben rasch auf, legten sich halb nackt in den warmen Sand des Weges und horchten zu, wie einer ein Märchen erzählte.

Seitwärts stand eine Schnitterin, ein junges Weib. Die staubigen Füße, die schlanke Hüfte, die volle Brust besonders wohlgebildet. Das Haar in einem großen Kranz um den feinen Kopf mit seelenvollem, blauem Äug’ und der feinen, sanftgebogenen Nase. Sie wischte den Schweiß mit dem weiten Hemdärmel von Stirne und Wange, steckte die Sichel rückwärts in das Schürzenband und hockte sich in das Korn.

Da lag ihr Kind.

Sie nahm es an die Brust, setzte sich unter den Weißdornstrauch, wo er den vollsten Schatten gab und sprach zu ihm süße Worte wie Küsse, zärtliche Diminutive, wie sie keine andere Sprache besitzt, halb singend, halb zwitschernd, sodaß ein neugieriges Rotkehlchen aufmerksam wurde, geflogen kam und von dem obersten Aste des Weißdornes mit den klügsten schwarzen Augen ernsthaft zusah.

Alle hatten mich begrüßt und dann etwas gemustert.

Jetzt kam über den Weg herüber ein alter Bauer. Ihm gehörte das nächste Feld, er beaufsichtigte seine Leute bei der Arbeit, hatte mich gesehen und kam, mit jener unserem russischen Bauern angeborenen guten Art, mir Gesellschaft zu leisten. Auf zehn Schritte weit zog er den Hut ab und wünschte mir und meinen Enkeln und Enkelkindern ein ungemessenes Wohlergehen. Als er den Hut abhatte, war sein Gesicht mit dem energischen Schnitte, dem wehmütigen Munde, von einem weißen Schnurrbart eingefaßt, der gewölbten Stirne, zur Hälfte von dem abgeschnittenen, grauen Haar bedeckt, zugleich schön und sympathisch. Er hatte einen groben, zottigen Rock an, mit Kapuze rückwärts, grau, an den Nähten mit blauen Schnüren besetzt, einen Rock, den die Reiter Dschingis Chans getragen haben mögen und den der galizische Bauer als ein Erbstück der Tartarenzeiten in seiner Tracht bewahrt.

Wir gingen zwischen den Garben auf und ab, sprachen von der Ernte und kamen allmählich bis zu dem Tartarenhügel, welcher gegen die untergehende Sonne wie ein schwarzer Sarg stand. Ich legte meine Flinte an seinem Abhange nieder und setzte mich in den Schatten. Der Bauer bedachte sich einen Augenblick, blickte umher, dann setzte er sich in einiger Entfernung gleichfalls nieder.

Je weniger ich sprach, um so mehr bemühte sich der alte Mann, mich zu unterhalten.

»Heute werden wir fertig«, sagte er, »die Leute vom Hofe auch, dann halten wir zusammen das Erntefest.« »Ihr seid also in einem guten Verhältnis zu Euerem früheren Gutsherrn?« bemerkte ich.

»Und warum nicht!« erwiderte der Bauer; »er gehört zu uns, er ist ein Russe so wie wir. Mit den polnischen Gutsherren ist es anders. Das ist eine alte Feindschaft, die Volkslieder wissen davon zu erzählen. Herr Lesnowicz dagegen ist, um es recht zu sagen, mit uns wie ein Bruder mit Brüdern. Er hat uns geholfen die Schule bauen, er hat uns auch einen streitigen Wald gegeben, wir werden ihn also zum Deputierten wählen.«

»Ihr habt hier eine gute Schule, und was ich von der Wirtschaft sehe, ist auch besser, als sonst bei uns in Galizien.«

»Ich bitte Sie«, fiel der Bauer lebhaft ein, »es ist hier ziemlich, aber wenn es irgendwo schlechter ist, darf man darüber staunen? In manchen Büchern steht es zu lesen, daß der Bauer hier zu Lande träge ist, ein schlechter Arbeiter, aber ein ordentlicher Säufer und Dummkopf, der Kirchensänger hat uns einmal so etwas vorgelesen. Nun, Gott sei Dank, ist das nicht wahr. Aber dürfte man erstaunen, wenn es so wäre? Bedenken Sie doch, gnädiger Herr, wie das so bei uns war. Da waren wir unter dem polnischen Reiche, wie lange ist das her, waren zu nichts anderem gut, als dem Edelmann das Feld zu bestellen wie Rind und Pferd; nur wenn ihm sein Nachbar ein Pferd tötete, mußte er Strafe zahlen, und wenn er ihm einen Bauer tötete, oft nicht. Also sollte der Bauer ein Land lieben und mit Eifer bebauen, auf dem er wie ein Fremder, wie ein Tier gehalten war?

Da kamen wir zu Österreich, da wurde es gleich besser. Der Bauer war jetzt ein Mensch wie jeder andere, aber der Grund blieb dem Edelherrn und der Bauer mußte ihm die Robot leisten.

Der große Kaiser Joseph« – der Bauer nahm den Hut ab und setzte ihn wieder auf – »hat uns ein Patent gegeben, das sagte deutlich, so viel Tage der Woche soll der Bauer für den Gutsherrn arbeiten und so viel für sich. Es war gerecht für beide Teile. Aber die Edelleute wollten keine Gerechtigkeit und verstanden das Patent zu umgehen. Wie, werde ich Ihnen gleich sagen.

Uns sind die Kinder ans Herz gewachsen, und schwer trennt sich der Vater von dem Sohn. Nun nehmen wir an, ein Bauer hatte 30 Joch, die ihn gut ernährten, und hatte davon vier Tage Robot zu leisten. Der Bauer hatte nun zwei Söhne. Da kam der Edelmann und sagte: ›Du hast zwei rüstige Söhne, man wird sie Dir zum Militär nehmen, Du aber möchtest Dich nicht von ihnen trennen. Weißt Du was, Du gibst jedem 10 Joch, so hat jeder von Euch 10 Joch, und jeder leistet mir 4 Tage Robot.‹ Die Söhne teilten wieder und die Enkel wieder, und die Robot stieg immer fort, und vereinigte wieder einmal ein Bauer alle diese Teile, so hatte er nun statt 4 Tage oft 24 Tage in der Woche zu roboten und fragte sich, wie er das anzufangen habe.

Es war also damals auch nicht am besten. Wenn der Bauer den ganzen Tag hinter dem Pflug ging, so geschah es, damit der Edelmann auf Silber speist, die Edelfrau mit vier Pferden am Schlitten fährt, er selbst aber Haferbrot kaut und sein Weib barfuß im Schnee watet.«

Dem Bauer war besonders wohl, wie er der vergangenen, schweren Zeiten gedachte und dann auf seinen freien Grund und Boden blickte.

»Ich meine, daß die Bauern auch damals nicht so arbeitsscheu waren«, sagte ich nach einer Weile; »wie war es denn mit den nächtlichen Ernten? Ihr erinnert Euch noch gewiß daran.«

Der Bauer sah bei Seite und spuckte aus. »Wie soll ich mich nicht erinnern, Herr!« erwiderte er; »es war so. In manchen Gegenden, wenn es einen schlechten Sommer gab, Gewitter, Stürme, Regengüsse, und war das Feld in ein Meer verwandelt, jede Ackerrinne ein Bach, wenn dann zur Zeit der Ernte auf einmal der Himmel wolkenlos war, die Luft stille stand, heiß und trocken, da geschah es, daß der Edelherr die Bauern vom frühen Morgen bis zum Abend auf seinen Feldern arbeiten ließ, um die Ernte hereinzubringen, ehe sich das Wetter wenden möchte, und den Bauern keine Zeit blieb, für sich zu schneiden, ihr Korn bog sich bereits zur Erde, jede Wolke, die am Himmel aufstieg, konnte ihre Ernte vernichten.

Kamen dann die schönen kühlen Vollmondnächte, so ruhten sie etwas, nachdem die Tagesarbeit für den Herrn getan war, und hielten ihre Ernte in der hellen Vollmondnacht, sie blieben beisammen, wie sie von dem Felde des Herrn kamen, und schnitten dann alle vereint Feld für Feld, wie es kam, jedem halfen alle, und jeder allen. Am Morgen schliefen sie wenige Stunden und zogen dann wieder zur Arbeit auf das Feld des Herrn. Das waren die nächtlichen Ernten.«

Wir schwiegen beide.