Geschichten aus der Steiermark - Peter Rosegger - E-Book

Geschichten aus der Steiermark E-Book

Peter Rosegger

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Beschreibung

In den stillen Tälern und auf den sonnigen Almen der Steiermark, wo die Zeit langsamer zu fließen scheint, entspringen die Geschichten, die Peter Rosegger mit warmherzigem Blick und poetischer Feder eingefangen hat. Der Waldbauernbub aus der Alpl, der selbst die Armut und Schönheit des Berglebens kannte, führt uns in eine Welt, die von ehrlicher Arbeit, tiefer Frömmigkeit und unerschütterlichem Zusammenhalt geprägt ist. Seine Figuren – Bauern und Knechte, Jäger und Holzfäller, Mütter und Kinder – sind keine idealisierten Helden, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, mit ihren Sorgen, ihrer Weisheit und ihrem derben Humor. Rosegger erzählt von den kleinen Dramen des Alltags: von der ersten Liebe unter blühenden Apfelbäumen, vom harten Winter, der die Vorräte aufzehrt, von alten Bräuchen und neuen Zeiten, die das Landleben für immer verändern werden. Mit liebevoller Genauigkeit schildert er die Landschaft seiner Heimat, ihre Sprache, ihre Seele – und bewahrt so ein Stück versunkener Kultur für die Nachwelt. Ein literarisches Heimatbuch im besten Sinne: erdig und zärtlich, humorvoll und melancholisch, voller Poesie und Wahrheit über das Leben in den steirischen Bergen des 19. Jahrhunderts.

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Geschichten aus der Steiermark

 

PETER ROSEGGER

 

 

 

 

 

 

Geschichten aus der Steiermark, Peter Rosegger

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN:9783988683120

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

INHALT

 

Das Felsenbildnis.1

Föhn.13

Franzosenrummel.20

Sechsunddreißig junge Nonnen.41

Als Hans der Grete schrieb.48

Sie konnten zusammen nicht kommen.55

Nussenspielen.62

Susanna, nit wana!68

Das geheimnisvolle Bildnis.77

Sein Geld will er haben.82

Die guldene Grete.93

Die Brücke.106

Die höllische Lieb', natürlich!112

Die Rache der Knechtin.120

Das Christkind von Scharau.140

Die Brüder Stadlhofer.146

Der Bahnwächter.155

Die schlaue Almerin.160

Die heilige Katharina.164

Die grüne Rose.170

Die Blumenmutter.175

Laurentl, der um Rat fragt.191

Ein Kind Gottes.202

Dorfbilder208

Der Sonntagsbauer.211

Der Sim-Sampel.215

Schalkhafte Bettelleute.217

 

Das Felsenbildnis.

 

In einem kleinen Tale der verlorenen Alpenwildnis stand eine einzige Hütte. Die Hochwaldbäume, aus denen die Hütte gezimmert war, trugen zum Teil noch ihre Rinden, unter denen behende Käfer und nagende Würmchen hausten. Aber das Holz war hart geworden; länger als vierhundert Jahre war es her, daß dieser Hütte Gezimmer emporgesprossen als junger, grünender, säuselnder, wohldufthauchender Wald. Das flache, steinbeschwerte Dach war vermoost, es wuchs ein hellgrüner Filz darüber, es wuchs Wildfarn darauf und dort und da guckte ein Tannenwipfelchen hervor, das als beflügelt Samenkörnchen auf das Dach gehüpft war. Das wollte hier auf dem Dache verbleiben und gegen Himmel wachsen zu einem großen Baum.

Das Wild- und Waldleben hatte wieder Besitz genommen von dem Menschenbaue und flocht und wob ihn ein und zog ihn wieder sanft zurück in den Schoß der Natur.

Das Kostbarste an der Hütte waren die Glasscheiben an den kleinen Fenstern. Aber diese Scheiben waren altersgrau und schon erblindet; und längst vergangene Bewohner des Häuschens hatten etwa mit einem scharfen Nagel Kreuze oder Herzen in die Scheiben eingegraben, auf daß sie auch ein Denkmal hinterließen an dieser Stätte, die sie lebelang ihr Daheim genannt.

Über der sehr niedrigen Tür an der Wand war mit einer Kohle in einem dreieckigen Umriß das Auge Gottes gezeichnet. Dem lieben Herrgott war die ganze Sach' anheimgestellt.

Felsmassen schlossen die Hütte ein. Seit die Welt steht, war kein Sonnenblick gefallen in dieses Tal, und wie der Morgen und der Abend auch glühen mochten oben an den Zinnen und Alpenhörnern, die Sonne selbst war in dieser Tiefe nicht zu sehen.

Hier lebten und starben Leute, die außer dem Lichte an den Felstafeln all ihrer Tage keinen Sonnenstrahl gesehen hatten.

Einst standen sechs Hütten in der Talschlucht. Sie waren da seit undenklichen Tagen, die Menschen wußten ihr Beginnen nicht. Die Bewohner dieser Hütten nährten sich durch einige Äckerlein, die von den Vorfahren oben zwischen den Felsblöcken und Schuttriesen waren ausgereutet worden, und sie nährten sich von den Ziegen, die auf den Matten des kleinen Tales Futter fanden.

Ihrer Tage mochten unzählige gewesen sein, aber sie vergingen und es kamen andere.

Da war — so haben die ältesten Leute des Alpentales erzählt — ein weißlockiger Kräuterer niedergestiegen von Gestein zu Gestein bis in das schattige Tal. Die weißen Haare dieses Mannes waren so lang gewesen, daß sie weit hinter ihm nachgewallt über Wände und Riffe. Unten bei den Hütten hatte der Greis um Nachtherberge gebeten, aber die Leute hatten ihn ausgelacht und gespottet: »Geh, du alter Eisbär, wickle dich in deine Haare ein, so hast du Dach und Fach genug!« — Darauf hatte der Kräuterer nichts entgegnet, war wieder aufwärts gestiegen von Gestein zu Gestein. Aber er war kein Kräuterer, er war ein Berggeist gewesen, der die Menschen hatte prüfen wollen, und als darauf die Nacht gekommen war, da ist er wieder herabgefahren gegen das Tal und seine langen Haare haben Felsen gesprengt, haben Schründe gerissen im Gebirg — und Eis- und Schneelawinen sind niedergebrandet, und alle Wände ringsum haben gellend laut gelacht, und der größte Teil ist verschüttet worden mitsamt Hütten und Bewohnern. — Und wie die übermütigen Leute zuerst den Berggeist lachend verhöhnt haben, so hat der Berggeist zuletzt sie allesamt ausgelacht. — So die Sage.

Eine wilde Naturrevolution muß wohl gewesen sein; ein graues Sandmeer lag nun im Tale, durch das hin wälzte sich der Gletscherbach, breit und zerrissen, und schwemmte nach allen Seiten hinaus. Heute ging da sein Bett, morgen dort, das ganze früher grünende Tal gehörte dem Wildbach. Auf den Vorhügeln, wohl auch einst aus Schutt aufgebaut, blühten freilich noch die Eriken und wucherte das Gesträuch des Wacholders und der Alpenkiefer, aber mitten hinein hatte der Berggeist Felsstücke geschleudert, über die nun die Flechten woben und Eidechsen glitten. Von den schwindelnden Wänden nieder gingen weiße Sandströme und graue Schutthalden, in denen es allfort leise rieselte und rieselte. Wie viele tausend Jahre, bis das ganze, gewaltige Hochgefelse niedergerieselt sein wird in die Tiefen! Allein, wer rechnet hier mit Jahrtausenden, wenn sich die ungeheure Burg der Alpen nachbaut herauf aus dem Urgrunde der Erde!

Zwischen den Schutthalden zog sich wohl hie und da ein Streifen Erdgelände hinan, auf dem Sträucher und verknorrte Fichten und Lärchen mühsam fußten. Und am unteren Ende einer solchen Wildwachszunge, die einige kleine Wiesenhänge wahrte, nicht weit von dem Talsande des Wildbaches, duckte sich das alte, moosbewachsene Häuschen. Das allein war übriggeblieben von der Hüttengemeinde im Felsentale, und das war die einzige und letzte Menschenwohnung weit und breit. Vom Gewände herab lag und sickerte einer der breiten, schweren Schuttströme; er würde längst niedergetost sein auf das arme Häuschen, wenn er nicht ziemlich hoch über demselben von einem Felshorn aufgehalten und nach links und rechts seitwärts geleitet worden wäre, so daß auf dem Hange unter dem Felshorn das Wildgesträuche wuchern und die Hütte stehen konnte. Diese Lehne war wie eine grüne Insel mitten in dem Steinstrome des Gerölles, und das Felshorn darüber war der Hort.

In der Hütte wohnten vier Menschen, das waren der Schründenhans, dem die Hütte gehörte, sein Weib, sein Kind und sein Bruder.

Sein Weib hatte sich der Schründenhans vor wenigen Jahren erst vom Waldgelände hereingeholt. Dort war es eine Holzbrennersdirn gewesen, deren Mutter eines Tages in die Gluten des Meilers gebrochen und zugrunde gegangen war. Ihr Vater war ein Wilderer gewesen, aber alljährlich kaum mehr als ein einziges Reh hatte er sich angeeignet von den Hunderten, die im Walde mit ihm lebten, auf daß er und sein Weib und sein Kind das gut' Stücklein Fleisch nicht ganz entbehren mußten. Aber ein Wilderer war er dennoch, und einmal in der Mondnacht geriet er mit den Jägern zusammen. Sie fielen über den Holzbrenner her, es entbrannte ein wildes Ringen, und zuletzt warfen sie ihn die Felswand hinab, daß der Stürzende den Wipfel eines Baumes knickte, der unten in der Tiefe stand. Keinen Atemzug hat der Holzbrenner mehr getan. Der Mond ging nieder und die Sonne ging auf, und das Mädchen daheim sah allfort zum Fenster hinaus und wartete auf den Vater.

Da ging langsamen Schrittes der Schründenhans vorbei, der wußte von dem Ereignis und sollte der Waise die Nachricht überbringen.

Aus dem Meiler zuckte ein blaues Flämmchen heraus. »Verlisch es nicht, Hilda,« sagte der Hans, »es brennt auf der Welt sonst kein Licht für ihn.«

Hilda hat das Wort verstanden, hat nicht mehr nach dem Vater ausgesehen, hat sich verschlossen im Holzbrennerhause.

Nach Tagen kam der Hans wieder und sagte: »Hilda, ich habe mir gedacht, da du jetzo keinen Vater mehr hast, so sollst du einen Mann haben.«

Und nicht lange hernach zog Hilda mit Hans in sein Haus unter den Wänden. Ein Jahr hierauf hatte Hilda ihrem Manne einen Knaben geboren, der zur Zeit dieser Geschichte seine Nahrung noch an der Mutterbrust genoß.

Der vierte Hüttenbewohner nun war Hansens Bruder, der Jok. Der Jok war ein armer Mensch. Er wußte es aber nicht, wie sehr arm er war, er war blödsinnig. Er war ein Krüppel mit kurzem Halse und sehr langen Händen. Er war schon über die zwanzig Jahre alt und konnte noch nicht reden. Seine Stimme war wie ein Stöhnen und Röcheln. Das einzige Wort »Hans« konnte er halbverständlich sagen. Mit seinem Bruder war er seit seinem ersten Lebenstage beisammen gewesen in der Hütte ihres Vaters. Mit seinem Bruder hatte er die ersten Forellen aus dem Wildbache gefischt; mit seinem Bruder hatte er die letzte Träne der in Armut und Kümmernis sterbenden Mutter gesehen und die Segensworte des verscheidenden Vaters gehört. Diesen Bruder, der nun sein Alles und Einziges war, mußte der Jok unsagbar liebhaben, ihm nahm er im Tagwerke die schwersten Arbeiten unter der Hand weg; ihm schob er beim kaum erklecklichen Mahle, das sie gleich auf dem Lehmgrunde des Herdes zu sich nahmen, die besten Bissen zu. Und als der Hans das Weibchen ins Haus brachte, lächelte der Jok glückselig, und als der Jok das neugeborne Knäblein sah, da stöhnte er vor Freude und haschte gleich mit beiden Händen nach dem kleinwinzigen Wesen.

Das Aufrechtgehen auf zwei Füßen hatte der Jok auch nicht gelernt, aber gern und behendig kletterte er mit allen vieren wie die Ziegen und Gemsen. Ein Jägersmann verglich ihn einmal scherzhaft mit einem Ziegenbock. Darüber grinste der Jok freundlich; er hielt den Spott für eine Schmeichelei, denn mit den Tieren hielt er's immer gern. Aber dem Schründenhans tat der Schimpf weh, dem zuckte sein Herz und sein Auge und seine Faust: »Du Jäger, wen geht das Elend meines Bruders was an?«

Der Jägersmann schlich von dannen und brummte: »So Leut' verstehen keinen Spaß.«

Wenn Gottes Sonntag war und die Beile der Holzhauer ruhten, ging der Schründenhans mit seinem Weibe hinaus gegen das ferne Walddorf, wo die Kirche stand. Zuweilen redeten sie gern ein wenig mit dem lieben Herrgott. »Vater unser,« sagte der Hans, und legte seine rauhen, waldharzigen Hände innig zusammen, »nicht meinetwegen red' ich, aber unser Bübel laß aufwachsen frisch und gesund.«

Aber die Hilda wendete sich zum Frauenaltar: »Gegrüßt seist du, Maria, und ein warm Pelzl für den heurigen Winter tät mein Bübel wohl brauchen!«

Der Jok aber ging nie hinaus in das Walddorf; er hütete daheim stets das Haus und die Ziegen und kletterte an den Hängen hin auf allen vieren und pfiff wie die Gemse und bellte wie das Reh.

Von all den Bewohnern der wilden Öde war es seit jeher keinem bewußt geworden, daß sie lebten mitten in der Größe und Herrlichkeit der Natur und daß um sie eine Gottheit in der Schöpfungswerkstatt ewig meißelte. Sie hatten kein Auge für die Erhabenheit ringsum. Nur zu dem Felshorn, das dem Schuttstrom wehrte, blickten die armen Leute zuweilen auf, aber auch nicht, weil dieser Turm als Wall ihr Beschützer war, sondern einer anderen Ursache wegen. Das Felshorn stellte nämlich in seiner Auszackung und Durchfurchung ein riesiges Bildnis vor, eine sitzende Frauengestalt mit einem Kinde auf dem Schoße.

»Da ist unsere liebe Frau mit dem Christkinde herausgewachsen aus der Erden,« so lautete der alte Glauben der Bewohner des Felstales, den auch der Schründenhans in seinem Herzen pflegte.

Und wahrlich, allzu große Einbildungskraft gehörte nicht dazu, der Felsturm war die Himmelskönigin mit dem Zepter und der zackigen Krone; von der Tiefe aus gesehen, saß sie auf dem Throne und hielt das Kind.

Das Bild war etwas vorgebeugt und blickte gerade hinab in die Talschlucht. Das Bild war den Bewohnern der Hütte der Hausaltar, zu dem sie gerne beteten. Die Leutchen konnten nicht daran denken, daß die sonderbare Felsstatue vielleicht Jahrtausende vor der Erwartung des Erlösers und der Geburt Mariens hier oben in den Stürmen der Urzeit gestanden haben mochte.

Nun aber war an dem Felsenbilde noch eine andere Merkwürdigkeit. Zur frühen Morgenstunde, wenn es oben in den hohen Wänden graute und sich die Tafeln sanft zu röten begannen, klang von dem Marienbilde ein Ton herab, wie das ferne Läuten einer Glocke. »Die Himmelschöre singen unserer lieben Frau den englischen Gruß,« sagten da die Hüttenbewohner und erhoben sich von ihrem Lager und beteten.

Der Ton kam von einer Spalte, die zwischen dem Throne und dem Marienbilde klaffte und durch die der Morgenwind blies. Das war nicht seit ewigen Zeiten so, erst seitdem die Hütten waren zugrunde gegangen im Felsentale, sangen die Chöre.

Da kam nun ein Sommer und ein Herbst, in welchem das liebliche Klingen dieser Aveglocke in ein tiefes Dröhnen und in ein klägliches Stöhnen übergegangen war.

»Hans,« sagte da die Hilda einmal, »die Engel läuten nimmer. Was ist unserer lieben Frau angetan, daß sie so bitterlich tut weinen?«

»Wohl, das hab' ich auch schon bedacht,« antwortete der Hans, »ich hab' herumgesucht in meinem Gewissen, bin wohl sündig, aber dasselb' deucht mich doch, schlechter bin ich nicht, wie eh' vor Zeit. Leicht hab' ich mein Bübel zu gern und tu' es in allzu großer Lieb' verderben.«

»Etwa ist es meines Vaters arme Seelen, die so tut weinen,« meinte das Weib, »ich will neun Tag' fasten und das Essen der blinden Bachwabi hinausschicken in das Waldland.«

Sie tat das Buß- und Liebeswerk, auf daß ihr ermordeter Vater erlöst sein sollte, aber das Marienbild oben weinte und weinte.

Da sagte die Hilda einmal, am Ende sei gar die Zeit nahe, in welcher nach Prophezeiung der Vorfahren der Drache wieder hervorbreche, der in irgendeiner Höhle der Felsen lauere.

An das dachte der Hans nicht, obwohl der klägliche Ton von dem Bilde, der zur Morgenfrühe und gar zuweilen auch mitten in der Nacht zu hören war, ihm Besorgnis verursachte. Oft, wenn er nach der Tageslast im Schlummer ruhte oder ein Bild aus Kindeszeiten träumte, erwachte er plötzlich und hörte das schauerliche Weinen.

Und eines Tages, da stieg der Hans die Halde entlang und kletterte hinan bis zu dem Felshorn und an ihm empor, so weit es ging, und prüfte das Gestein. Die Hilda stand vor der Hütte, hielt die flache Hand über die Augen und blickte hinauf. Wie wenn über den Arm der Mutter Gottes und auf dem Haupte des Jesukindes eine Fliege hinkrabbelte, so war von dieser Ferne ihr Mann zu sehen.

Als der Hans dann wieder herabkam zur Hütte, war er sehr schweigsam. Er setzte sich zur Wiege seines Kindes und wiegte. Er sagte dabei kein liebkosend Wort wie sonst; er sang kein Liedl. Still und wehmütig blickte er den lächelnden Kleinen an. Der Jok grinste zum Fenster herein und kicherte und tat unverständliche Laute. Der Hans glaubte, ihn zu verstehen und reichte ihm ein Stück Brot durch das Fenster.

Aber nicht Brot wollte der Jok, viel lieber an der Wiege wollte er sein; allweg wollte er das Büblein tragen und herzen.

Das Weib saß am Herdwinkel und sonderte in Körben die gesammelten Pilze und Kräuter, die für den Winter bereitet waren.

Als sie lange so still gesessen waren, sagte der Hans halblaut: »Da oben schaut's nicht gut aus. Mein Großvater hat oft erzählt, er hätte nicht einmal seine flache Hand in die Felsspalte legen können. Mein Vater hat schon leicht die Faust hindurchgebracht, und jetzt —« der Mann brach ab, das Weib ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte ihn fragend an.

»Jetzt,« fuhr er endlich fort, »das muß schon ein flinkes Gemsl sein, will es die Spalte übersetzen.«

Die Hilda war bei diesen Worten rasch aufgestanden und zur Türe hinausgegangen. Bald kam sie zurück und setzte sich schweigend an die Arbeit.

Es kam der Herbst. Stetig rieselte der Bach hin über die Sandfläche; er hatte hier stellenweise Schluchten gerissen, Felsblöcke angeschwemmt, als wollte er ein neues Gebirge gründen im Tale. Im Sande funkelten hier und da winzige Sternchen, als hätten treue Körner die Sonnenstrahlen von den lichten Höhen mit herniedergebracht in die ewigen Schatten. Ein Wassersturz rauschte in einer der hinteren Schluchten. Der Jok stand zuweilen am Bache und sah hinein und wunderte sich vielleicht, daß ewig das alte Wasser und doch ewig ein neues ist — und wo es denn herkommt und wo es denn hingeht? Er lachte die Wellen aus. Dann legte er sich auf den Sand und starrte schnurgerade in den blauen Himmel hinein, so viel er davon zwischen den Bergwänden sehen konnte. Dann lachte er wieder. Sagte die Hilda einmal: »Der Narr lacht und weiß es nicht, warum.«

»Wenn er nur lacht,« antwortete der Hans, »der gescheiteste Mensch auf der Welt kann nichts Besseres tun, als lachen.«

Freilich, der Hans selber lachte jetzt selten.

Es kam der Winter. Oben in den Felskanten und durch die Schluchten her brausten die Stürme. Es toste und wogte und stöberte in den Lüften, und die grauen Felswände ragten in den Nebel hinein. Es sauste der Wind um die Ecken der Hütte und er winselte an den Fenstern; aber die Töne des Marienbildes waren verstummt. Alle Spalten und Schründe waren gefüllt mit Schnee. Kalte, trockene Luft rieselte nieder von den Mulden der Wände und mit ihr manches Steinchen, das nicht just festgefroren war. An den steilsten Sandriesen hielt sich kein Schnee.

In der Hütte war Dämmerung und die längste Zeit Nacht. Das Herdfeuer knisterte, die Spanlunte im Eisenhaken flackerte und wollte nimmer ruhig brennen. Warm und trotz aller Einsamkeit traulich war es in dem Stübchen. Die Hilda pflegte ihr Kind; sie sagte ihm Worte von dem Vater, der für sie im Waldlande arbeite und allfort sein Kindlein liebe. Sie sagte dem Kleinen Worte von Gott Vater, der im Himmel lebe und seine Englein sende, daß sie den Vater auf Erden beschützten.

Da lächelte das Kind zu den Worten, und schloß es die Augen, so sah es selbst den Himmel und Gott Vater darin, und die Englein flogen an den lichten Felswänden hin und her.

Der Mannbruder pflegte stets die Ziegen und erzählte ihnen in seiner Weise seine Freude und sein Leid, wie er's empfinden konnte. Die Ziegen nahmen teil an allem und gaukelten ihm mit ihren Hörnern vor und beleckten seinen Hals. Das tat dem Burschen wohl.

Der Hans war im Tagelohn und half Holz schlagen draußen in den Herrschaftswäldern. Er wollte am liebsten Tag und Nacht arbeiten und immer ein doppeltes Tagewerk machen; er wollte sich ein Häuschen erwirtschaften im Walddorfe, wo kein grauenhaftes Felsgebilde drohend schwebe über dem Scheitel seiner Familie.

Wie karg ist der Tagelohn im Walde, und jede Woche nur einen einzigen Stein, nur einen einzigen Baum zum neuen Heim konnte sich der Hans erwerben. Am Sonnabend, wenn er sich durch die Eisschluchten und Schneewechten seinem Felsentale zukämpfte, tat er immer einen scheuen Blick hinauf zum Frauenbilde am Hang über seinem Hause. Freilich war es da häufig schon dunkle Nacht und er konnte es da nicht sehen, wie sich »Unsere liebe Frauen« immer mehr und mehr von ihrem Throne nach vorn neigte.

»Es ist zum Erbarmen, Hilda, wie du die ganze Woche in der Einschicht bist,« sagte der Hans einmal.

»In der Einschicht bin ich nicht,« sprach das Weib, »ich hab' das Kind und der Jok tut uns hüten. Gib du nur acht im Walde, daß dich kein Baum mag letzen, und die Stege sind auch vermorscht, gehst du aus und ein in den Schluchten.«

»Warte nur, Hilda, zur Auswärtszeit (im Frühling) übers Jahr heb' ich an mit dem Hausbau; hernach leben wir draußen im Dorf bei den Leuten.«

Als ob er's verstanden hätte, so jauchzte jetzt der Kleine und zappelte mit den Füßchen. Gar dem Weibe selbst zitterte das Herz; so klagend, sehnend, so eigen waren die Worte gesprochen — — — und leben bei den Leuten!

Es kam der Frühling. Wochenlang blies der Föhn und von den Bergschluchten hervor kam der »Maibrunn«, wie die Schneewässer des Frühjahres geheißen werden. Eine Schneelawine um die andere fuhr nieder von den Karmulden der Berge und begrub die größten Bäume unter ihrem Schutt.

Zur selben Zeit verfolgte der blöde Bursche eine Gemse. Sie war niedergestiegen bis unter das Muttergottesbild und nagte dort an einigen Fichtenreisern. Dann erhob sie ihren Kopf, daß die krummen, scharfen Hörnchen gar nach rückwärts standen und lugte herab auf das Hüttendach, unter welchem sie die Ziegen meckern hörte. Es wollte ihr schier einsam werden zwischen den Schneelehnen und Felsen, sie wollte niedersteigen zu Genossen. Das sah denn der Jok, und rechtschaffen flink, wie wenn er selbst eine Gemse wäre, kletterte er hinan, um das Tier heimzuholen. Es war nicht das erste, das er auf diese Weise lebendig heimgeholt hatte, und die Tiere mochten sich denken, der Jok da, der ist gut, der gehört mehr zu uns als zu den mörderischen Geschöpfen, die auf zwei Füßen gehen; der Jok, der tut uns nichts.

Und der Jägersmann hinwiederum durfte dem Jok nichts tun, holte sich dieser auch manches Stück Wild; denn was man mit den Händen fängt in der Wildnis, das vermeint Gott dem Erwerber zu eigen.

Heute aber machte das Gemslein, als es den Burschen gewahrte, lange Füße die Lehne hinan; das Tier gestand es ja zu: der Jok mag ein ehrlicher Kerl sein, aber es traute jetzt nicht. Spärlich Nahrung haben sie da unten. Wollte man das Gemsel wirklich für den Ziegenstall oder vielleicht zu etwas anderem? Wer konnte es wissen!

Das Tier war fort und der Jok stand oben beim Felshorn und starrte verdrießlich drein. Zuletzt kletterte er auf den Felsen, wie er es von seinem Bruder einmal gesehen hatte und guckte durch die klaffende Spalte, in der Schnee und Eis und niedergebrochene Steine lagen. Er guckte eine lange Weile und legte dabei den Kopf auf die rechte Achsel und auf die linke und röchelte und ballte die Fäuste zuletzt und war glührot im Gesicht.

Als er hierauf zurückkam ins Tal, wich er der Schwägerin aus; sie sollte es nicht merken können in seinen Augen, was er oben gesehen. Wozu der Schreck und die Angst, wenn die Sache verhütet wird? Er schlich in den kleinen Bretterschuppen, nahm Scheiter und Balken und eine schwere Axt, trug sie hinan auf den Hang und schlug die Blöcke durch Schnee und Gestrüppe in die Erde.

Was mag dem Jok wieder eingefallen sein? dachte das Weib bei sich, aber sie ließ den Burschen gehen und schaffen. Es wurde Abend, die Ziegen meckerten im Stalle: wo denn heut' der Jok sei? Gar das Bübl in der Wiege ließ klug seine Äuglein lugen, wo denn der Jok ist, der sonst gern daneben sitzt und mit den kurzen dicken Fingern Schattenspiele und sonst allerhand Schwänke macht, daß es zu lachen ist. Der Jok war oben am Hang; die Hilda sah ihn nicht in der Dunkelheit, aber sie hörte die Schläge auf die in den Boden zu treibenden Blöcke. Die Schläge hallten in den Felsen, und als Hilda rief: »Jok!« so hallte es wieder nur in den Felsen und das Pochen da oben währte die ganze Nacht.

 

Wanderer, die in das Walddorf kamen, erzählten, daß draußen in den weiten Tälern das Getreide schon hoch in Ähren schieße und die Apfelbäume blühten. Im Hochgebirge aber brausten die fahlgrauen, reißenden Fluten des Wassers und sie wälzten Eisstücke und Bäume und Steinblöcke aus den Schluchten. In den Schutthalden war es lebendiger als je; in die Mulden sickerten immer mehr die Schneefelder der Kare und Schründe zusammen und Wässer rieselten von allen Hängen in zitternden Schleierfällen, bis die ungeheuren Schneelasten in den Mulden ins Schieben und Rutschen kamen und mit einem gewaltigen Donnern, alles vor sich niederwerfend und mitwälzend, in die Tiefen fuhren.

Da hielten die Holzschläger draußen im Waldland ein bei ihrer Arbeit und horchten dem dumpfen Gedonner, das hier und dort durch die Felsschluchten rollte und an den hohen Wänden widerhallte.

Und an einem milden, leuchtenden Maitag war's. Der Hans hatte am selbigen Morgen unter vermorschtem Gefälle das erste Vergißmeinnicht gesehen und es gleich auf seinen spitzigen Hut gesteckt. — Es knatterte da, es donnerte dort, aber das Waldland war sicher und die Vöglein haben nie fröhlicher gesungen als an diesem Maitag. Gegen die Mittagsstunde hin erhob sich im Gebirge ein Krachen und Dröhnen; von Karlehnen stürzten Schnee- und Erdlawinen nieder; manche Felszacke löste sich von ihrem Grund; manches Gemslein wurde begraben in Schnee und Schutt, und aufgeschreckt von dem wüsten Lärm flatterten grauschimmernde Habichte und Steinadler durch die Luft und schwammen dem ruhigeren Waldlande zu. Wie lichtgraue, schmutzige Ströme, sich untergrabend und überstürzend, in breiten, wogenden Tüchern oder in schmalen, schlüpfenden Schlangen glitten die Lawinen nieder. Kein Baumwall hielt sie auf, die hundertjährigen Stämme brachen, ehe die Lasten noch kamen, bloß von dem Drucke des Sturmhauches; nur an mächtigen Felsnasen schäumten die Schneewogen empor, daß das ganze Kar in eine Staubwolke gehüllt wurde; aber weiter unten sammelten sie sich wieder und fuhren mit eherner Gewalt unter dem Beben der Vesten dem Abgrunde zu.

Da blieben im Waldlande die Wildbäche aus, aber nur für kurze Zeit, bald hatten sie die Hochwälle der Lawinen durchbrochen und überflutet und kamen nun wie Ungeheuer herangewogt mit Schutt und Eisblöcken und Holzstämmen und Felsmassen.

Die Holzhauer schüttelten ihre Köpfe; das ist ein schlimmer Tag! — Etwan ist im Felsgebirge der Drache losgeworden!

Der Hans hatte lange ruhsam Scheiter gespalten und sich gedacht: 's ist eben böse Auswärtszeit, aber übers Jahr heb ich an in Gottes Namen, und im Dorfe ist keine Gefahr mehr, und bislang wird die liebe Frauen schon Hüterin sein. Als aber das Getöse ärger wurde, da lehnte er die Axt aus der Hand und horchte; und endlich, als die Erde zu beben anhub von den tobenden Gewalten im Gewände, da tat der Hans plötzlich einen großen Sprung und eilte über Stock und Stein hin gegen sein Felsental.

Schuttwälle und Gießbäche schnitten ihm oft den Weg ab, dann starrte er zuweilen in die Fluten und vermeinte in den heranwogenden Holzblöcken Teile von seiner Hütte zu erkennen. Das Donnern auf den Höhen und das Tosen in den Tiefen wollte ihn betäuben, aber die Hutkrempen tief über die Ohren gedrückt und mit halb geschlossenen Augen wand er sich ruhelos weiter bis zu dem schroffen Felsentore, das in sein kleines Tal mündete. Er bog um die Wand, er sah in den Felskessel — da wollten ihm plötzlich seine Füße und sein Atem versagen. Er sah am Hange das Frauenbild nicht mehr. Eine ungeheure Sandhalde ging nieder von den höchsten Gewänden und schnurgerade der Stelle des kleinen Hauses zu. Und das Haus stand nicht mehr da.

Der Hans selbst war ein Steinbild geworden.

Erst nach einer Weile begann es wieder zu zucken und zu zittern in seiner Brust. Wie verloren wankte er dahin — er suchte die zerschmetterten Leiber der Seinen, er suchte die Trümmerstätte seiner Heimat.

Auf dem Platze, wo das Häuschen gestanden, lag ein Berg aus Schnee und Schutt still und starr, als ob er in Ewigkeit so dagelegen wäre. Aus ihm hervor ragte ein Teil des niedergebrochenen, kantigen Felshorns.

Daneben hüpften ein paar Ziegen auf und ab und meckerten. Aber an dem Schuttberg in der Tiefe nagte schon der Wildbach, und jenseits des Wildbaches — der Hans fuhr sich mit beiden Händen über die Augen, er träumte doch nicht, er stand ja mit Füßen im Gestein — aber jenseits des Baches im lockeren Sand stand sein Häuschen.

Da dachte der Hans wohl an keine Gefahr, er setzte über Gefelse, er sprang durch die Fluten, er stand vor seiner Hütte. Sie war ein wenig schief und verschoben und einige Balken waren geborsten, aber sonst war sie unversehrt. Die Tür war offen.

Den Atem an sich haltend, trat der Hans ein. Die Hütte hatte kein Flötz und keinen Herd und keinen Ofen mehr, nur die in sich zusammengefügte Zimmerung stand da. Und siehe, an der Wand klebte das Wiegenbettchen, und darin schlief, sorgsam verhüllt und eingeschichtet, das Kind. Es erwachte nun vor dem hellen Schrei, den der Mann ausstieß; da faßte der Hans den Knaben in wildem Ausbruche des Gefühles und preßte ihn derb an seine Brust; den Gewalten der Elemente entgangen, wäre der Kleine schier von der Liebe des Vaters erdrückt worden.

Bald aber ließ der Mann das Kind wieder auf das Bett sinken, und sein Auge starrte, und seine Wangen erblaßten. Dort hinter der Tür, sich noch fest an einen Balken klammernd, kauerte sein Weib. Hilde war unversehrt, aber — leblos.

So hatte es der arme Hans gefunden.

Hierauf kamen die Leute des Waldes zusammen, um das Wunderbare zu sehen. Jeder gab sein Erachten ab, wie das geschehen sein konnte. Viele meinten wieder, es sei der Drache endlich losgebrochen aus seiner Höhle und habe das Unheil angerichtet. Andere glaubten, daß das Häuschen und das Kind erhalten geblieben, sei ein Mirakel von dem steinernen Marienbilde, das jetzt im Lawinenschutte begraben lag. Ein alter Hirte sagte, nach seiner Meinung sei es so geschehen: Von den hohen Mulden sei eine große Lawine niedergegangen, habe das schon lockere Felshorn mit sich fortgerissen und sei ihre gerade Straße weitergefahren. Daraus habe sich nun ein Luftdruck entwickelt, welcher der Lawine vorausgeströmt sei und das Häuschen durch einen plötzlichen Ruck an das jenseitige Ufer gesetzt habe. Das Kind sei wahrscheinlich durch die Wände geschützt gewesen, das Weib an der offenen Tür aber durch den Luftdruck erstickt worden. Es hätte sich bei Lawinenstürzen schon mehrmals auf ähnliche Weise zugetragen; der Luftdruck bei großen Abrutschungen vermöge ja ganze Urwälder vor sich niederzuwerfen und die größten Bäume und Felsklötze über Abgründe zu schleudern.

Die Leute sagten, es werde schon so gewesen sein und gingen auseinander.

Der arme Hans blieb bei seinem toten Weibe und bei seinem lebendigen Kinde in der Hütte. Dann ging er vor die Tür hinaus und rief nach dem Jok. Die Ziegen kamen herbei und blickten ihn mit ihren eckigen Augen an: sie wüßten auch nicht, wo der Jok war.

Wenn der Knabe schlief, saß der Hans still und einsam in der Hütte. Die erblindeten Glastafeln an den Fenstern waren nicht zerbrochen; der Hans betrachtete die dürftigen Zeichen der Vorfahren. Kreuze und Herzen ins Glas geritzt, solches Erbe haben sie allen Nachkommen im Felsentale hinterlassen.

Nach zwei Tagen kamen die Leute des Waldes wieder zusammen und trugen das Weib des Holzers fort aus dem Hause unter den Wänden und hinaus durch die Felsschluchten auf den kleinen Gottesacker des Walddorfes.

Hans stieg hierauf tagelang in dem Felsentale umher und suchte seinen Bruder. Er fand ihn nicht. Da schloß er sich einzig und ganz an seinen Knaben. Im Waldlande, in der Nähe der Holzgeschläge, wo der Hans arbeitete, haben sie sich aus dicken Baumrinden eine Klause gebaut.

In dem unwirtlichen Felsentale hatten sie nichts mehr zu suchen. Drei Jahre nach dem Naturereignisse, im Hochsommer, verschmolzen und verschwemmten die letzten Reste der niedergestürzten Schneelawine und da fanden sich neben dem zackigen Felshorn im Schutt halb begraben die Gebeine des armen Jok. Neben ihm lag noch die Axt und ein zugespitztes Scheit und der Block, mit dem er in den letzten Tagen vor dem Unglücke an dem Hang Pfähle in den Boden getrieben hatte. Die treue Seele hatte das drohende Unheil geahnt und wollte durch solche Schutzpfähle das Haus des Bruders noch retten. Da sind die Wuchten, die keine Lieb' erkennen, über das Bruderherz hingefahren.

Im Felsentale wächst heute kein Hälmlein mehr — alles Schutt und Gestein. Von dem letzten und einzigen Hause haben tosende Gießströme längst die letzten Reste davongeschwemmt und an den Hochmulden steigen immer tiefer und tiefer die Gletscher nieder.

So sind aus diesen verlorenen Gründen die Menschen verdrängt worden. Im Waldland draußen lebt heute noch der Hans als alter Mann. Er lebt still in sich und ist ergeben; nur im Frühjahre, wenn im Hochgebirge die Lawinen stürzen, hebt er an zu zittern und umfaßt seinen Sohn mit beiden Händen.

Sein Sohn, nun, das ist ein hübscher kräftiger Bursche geworden; vom frühen Morgen bis in die späte Nacht arbeitet er im Walde. Aber der Hausbau im Dorfe ist heute noch nicht begonnen. In der Dürftigkeit muß auch der junge Holzer sein Leben verbringen, darf vielleicht gar sein Herzenslieb nicht freien, weil er kein Daheim hat. Wen soll er darob anklagen? Etwa die hohen Berge? Er ging einmal von ihnen fort ins Flachland hinaus, aber die bösen, die lieben Berge, sie zogen ihn zurück und grüßten ihn wieder mit ihrer Mühsal und Gefahr.

 

Föhn.

 

»Wer ohne Christus zur Kommunion geht, der kommt ohne Christus zurück.« — Diese Worte schrieb jener fremde Mann dem kleinen Lenzerl ins Gebetbuch, an dem Morgen, als der Knabe zur ersten Kommunion ging. Der Vater ließ sich den Spruch zweimal vorlesen, und dann noch einmal und hernach zeigte er ihn dem Bruder Franz. Der Franz las ihn auch, schaute verwundert drein und sagte: »Man kennt sich nicht aus. Wer ohne ihn hingeht, kehrt ohne ihn zurück? Das ist ja nicht. In der Kommunion kommt Christus doch zu uns und bleibt bei uns.«

Der Vater war nachdenklich und fragte seinen Bruder: »Du, wie ist denn das? Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Wie lange bleibt denn eigentlich Christus, der in der Kommunion in uns eingegangen ist — wie lange bleibt er denn in uns?«

»Das ist nicht zu ergründen,« antwortete der Franz. »Im Katechismus steht, er bleibe in der Gestalt so lange, als die Hostie nicht verzehrt ist. Weiter weiß ich nichts, man soll über so was auch nicht nachdenken.«

»Wird eh am gescheitesten sein,« sagte der Vater, dann gaben sie das Gebetbuch dem kleinen Lenzerl, weil es für diesen Zeit war, in die Kirche zu gehen.

Das Kirchdorf stand weit hinter Berg und Wald, draußen im großen Tale. Stundenlang hatte er zu gehen. Über dem Gebirge lag ein dunkelgrauer Himmel, in den die Alpenspitzen mit ihrem hohen Schnee weiß hineinragten. Auch auf den Waldwegen lag noch weicher Schnee, die Fichtenbäume hatten ihn abgeschüttelt, sie standen schwarz da und ihre Äste fächelten im lauen Föhn. Es war um die Osterzeit. Wie der Kleine mühesam im klebrig-nassen Schnee dahinstampfte, war in den Wäldern manchmal ein Rollen, als ob ein Gewitter heranzöge; das war der Widerhall der Lawinen, die weiter hinten im Gebirge niedergingen. Er kam in die Hohlgrabenschlucht. Dort, an schattigen Stellen lagen noch überhängende Schneewuchten, von denen es beständig niederbröckelte. Der Knabe schritt munter über die Brücke, sie war fest gebaut, zitterte aber ein wenig bei dem Toben des angeschwollenen Baches. Jenseits ging er hinan zwischen uralten Baumstämmen, deren starre Wipfel im Winde summten, ohne sich zu biegen. Gestern hatte der Lenzerl denselben Weg gemacht, hin und zurück. Er war in der Pfarrkirche bei der Osterbeichte gewesen, so wie er heute zur Osterkommunion ging. Aber so schlecht war der Weg erst über Nacht geworden. Er bat Gott in Gedanken, daß nicht die Sünde der Ungeduld über ihn komme, damit er reinen Herzens zum Altartisch treten könne. Ein- oder zweimal unterwegs setzte er sich auf einen Baumstrunk, weil ihm heiß war und ein wenig die Beine zitterten. Er war früh aufgestanden und hatte nichts gegessen. Den Herrn Jesus muß man nüchtern empfangen. Nachdem er länger als zwei Stunden an den waldigen Berghängen hingegangen war, kam er ins Tal hinaus. Da war es noch schlimmer; über Feld und Matten rieselten die Wässer des schmelzenden Schnees und auf der Straße war der Schnee zu Kot geworden. Leute, die wie er der Kirche zugingen, waren hoch hinauf mit Kot bespritzt. Der Knabe kam langsam vorwärts und doch mußte er trachten, die Stunde der Kommunion nicht zu versäumen. Er freute sich sehr darauf, und heimwärts — so dachte er — wird's schon besser sein, da ist ja der Herr Jesus bei mir.

Endlich war er ins Kirchdorf gekommen. Alsogleich wollte er in die Kirche, die schon mit hellen Glocken läutete. Aber es war ihm plötzlich so schlecht, daß er sich auf einen schwarzen Schragen niedersetzte, der an der Mauer des Beinhauses stand. Wie ein Leichlein, so blaß kauerte der Kleine da. Die Tafernwirtin sah es und brachte dem Knaben eine Schale Fleischbrühe heraus. Er lehnte ab, er gehe zur Kommunion. Eine Bäuerin trat hin und wollte von einem Fläschchen »Lebensessenz«, das sie im Sack trug, ihm einige Tropfen zu trinken geben. Der Knabe winkte mit der Hand ab, er könne nichts zu sich nehmen, weil er zur Kommunion gehe. Der Gedanke, daß er nur wenige Schritte zur Kirche habe, um am Altare mit dem Herrn Jesus vereinigt zu werden, gab ihm Kraft. Noch suchte er mit seinem blauen Taschentuch das schwarze Höslein von dem angespritzten Straßenkote zu reinigen und dann betrat er mit Andacht die Kirche. Während der Messe las er in seinem Gebetbuche. Dabei überkam ihn eine große Angst. Er konnte die Gedanken nicht beisammenhalten und der heiligen Handlung nicht strenge folgen, er war zerstreut. Die Angst vor einer unfrommen Zerstreutheit hinderte ihn an der Andacht. Der Katechet hatte gesagt, daß Unaufmerksamkeit beim Gottesdienst eine Sünde sei, und wie soll er dann mit einer Sünde zur Kommunion gehen? Der Kleine kniete vor einem Bilde des gekreuzigten Christus nieder und betete ein Vaterunser um die Gnade der Frömmigkeit. Dann wurde ihm leichter. Und als nach der Messe der Ministrant klingelte und die Leute sich zum Altare drängten, trat auch der kleine Lenzerl vor, wand sich langsam und demütig zwischen durch, kniete an das Altargeländer, nahm das weiße Tuch an den Mund, schloß die Augen, öffnete die Lippen und der Priester legte ihm die Hostie auf die Zunge. »Das ist der Leib unseres Herrn Jesu Christi. Er bewahre deine Seele zum ewigen Leben!«

Nach der Kommunion kniete er, wie es Sitte ist, noch vor den übrigen Altären, die in der Kirche waren, und betete zu Gott und den Heiligen für sich, für seine Eltern und Geschwister, für Freund und Feind und für die armen Seelen im Fegefeuer um den Himmel. Denn jetzt war Jesus in ihm, jetzt konnte das Gebet erhört werden. Der Kleine hatte ganz rote Wangen bekommen vor Glückseligkeit, mit gefalteten Händen kniete er da, das Blondköpflein geneigt, die Augen geschlossen.

Als er zu sich kam, war er fast allein in der dämmerigen, frostigen Kirche. Nur ein paar alte Frauen siffelten noch über den nassen Steinboden dahin und am Hochaltare war es still und leblos geworden, die rote Ampel davor kennzeichnete die Stelle, wo vorhin Jesus in den Menschen eingegangen war.

Als er bei dem rückwärtigen Tor ins Freie trat, pfiff es singend um die Ecke und der Wind entführte ihm den Hut. Den hatte er bald wieder und ging dann ins Tafern-Wirtshaus. Es war ja Mittag geworden. Am Ofentisch nahm er Platz und nun wollte er sich auch etwas Irdisches gönnen. Er bestellte eine Portion geschmälzte Bretzeln und ein Seidel Wein. Da blieb nicht ein Krümchen und nicht ein Tröpfchen davon übrig. Doch als er sich anschickte, fortzugehen, sagte die Wirtin: »Du wirst jetzt doch nicht heimgehen wollen ins Gebirge hinauf! In diesem ungestümen Wetter. Just vorhin hat die Feuerwehr geblasen, es kommt großes Wasser.«

»Davor ist man eh auf dem Berg sicherer als im Tal,« antwortete der Lenzerl, bezahlte seine Sache und ging davon. — Weshalb sollte er sich heute fürchten? Es konnte ihm nichts geschehen und wenn Sturm und Wasser kommt, da ist man doch am liebsten daheim bei Vater und Mutter. So lange der Mensch noch nicht zehn Jahre alt ist, findet er's am sichersten bei Vater und Mutter. Der Knabe war nun stark und mit möglichst langen Schritten setzte er über allerlei Wasser, die auf dem Wege wie neben dem Wege rieselten und gurgelten. Der Wind war lau, als komme er aus Öfen, und war so heftig, daß die blattlosen Wipfel und Äste der Eschen und Ahorne zischend und tosend beständig nach einer Seite hinstrebten, ohne zurückzuschnellen. Aus dem schweren Wolkenhimmel kamen Tropfen quer durch die Lüfte gejagt und schlugen dem Knaben weich ins Gesicht. Auf dem Waldwege schlugen links und rechts die hohen Fichten hin und her und peitschten einander mit ihren buschigen Ästen. Der Knabe ging wohlgemut dahin, er hatte den starken Kameraden bei sich — da konnte ihm nichts widerfahren. Auf dem Wege, wo am Morgen noch der patzige Schnee gelegen, schoß jetzt in den beiden Rinnen der Radleisten das braune Wasser heran, mit seinen großen und kleinen quirlenden Augen, und wälzte dürre Baumnadeln, Holzsplitter und Erdwerk mit sich. Stellenweise war der Weg mit Schneehaufen gesperrt, die von den Hängen niedergerutscht waren; da kreiste das Wasser in Tümpeln und bohrte und grub, bis es sich Bahn gebrochen hatte, über den Abhang stürzte, oder auf dem Wege weiter schoß. Als der Knabe sich über eine solche Schneewucht mühsam weiterhalf, fuhr plötzlich aus der brausenden Luft ein Baumwipfel nieder und schlug breit und schwer auf den Weg. Eine Wolke von Schnee und Schmutz hatte den Lenzerl über und über besudelt, weiter war ihm nichts geschehen. Jetzt machte er keine größeren Schritte mehr als sonst, es war ja ganz gleich; mitten durch Wasser und Morast ging er gleichmäßig voran, immer in der Zuversicht: Mir kann nichts geschehen. An der Lichtung mußte er einmal stehen bleiben, mit beiden Fäusten den Hut haltend, nach der Leeseite gekehrt, um Atem holen zu können. Wäre er hier nicht eine halbe Minute stehen geblieben, so hätte ihn die Schneelawine begraben, die mit dumpfem Donnern zwanzig Schritte vor ihm herabkam und einen Berg von Schnee und Schutt auf den Weg warf.

Der Schneeberg wurde freilich überstiegen, aber der Knabe mußte doch wieder stehen bleiben und schauen. Denn dort drüben ging ein ganzes Stück Berg nieder. Es zitterte der Boden, langsam glitt der schneeige Berghang in die Tiefe, dort böschte er sich breit aus und lag bewegungslos, ein starrer Hügel für die Ewigkeit. Oben klaffte breit die schwarze Scharte.

Der Knabe ging nun niederwärts gegen den Hohlgraben. Da war der Weg mit Hunderten von gebrochenen Bäumen verrammelt. Uralte Bestände in Riesensplittern. Spechte, Raben und Dohlen flatterten, nestlos geworden, kreischend darüber hin und her. Der Lenzerl brauchte mehr als zwei Stunden Zeit, um diese zehn Minuten lange Wegstrecke zu überwinden. Er kletterte, hüpfte und kroch, immer vom Sturmwind umbraust, vorsichtig voran. Den Hut hatte er lassen müssen und sein Haar flatterte ihm über Stirn und Augen. An einem der gebrochenen Stämme hatte sich ein Eichhörnchen festgekrallt. Aber es war tot. Bei dem Tiere hielt der Knabe sich auf und wurde traurig. Der Kopf war zerquetscht. Wenn dieses flinke Wesen der Gefahr nicht entkommen konnte, dann war sie groß. Freilich, das arme Tier hatte keinen Beschützer gehabt. Er eilte weiter und kam hinab zum Hohlgrabenbach. Hier war die Brücke abgebrochen und davongeschwemmt. Und so gründlich, daß nicht zu erkennen gewesen wäre, wo sie gelegen, wenn nicht der ein- und ausmündende Fahrweg die Stelle gezeigt hätte. Der Bach war mit seinen braunen, dicken Fluten weit aus den Ufern getreten, er war rasend. Er donnerte und brauste und an jedem Stein, an jedem Baumstamm sprang er ellenhoch auf und schleuderte seine Gischten an den Hang empor. Und vor diesem Ungetüm stand das Bauernknäblein. Es mußte hinüber, weil es heim wollte zu Vater und Mutter.

Aber es war keine Möglichkeit, hinüber zu kommen. Sollte er nun den weiten, wüsten Weg wieder zurückmachen müssen bis in das Kirchdorf? Sollte er in dieser Schlucht übernachten und warten, bis das Wasser fällt? Sollte er, am Bachesrand hinkletternd, eine Stelle suchen, wo die Möglichkeit hinüberzukommen eine größere ist? Es war der Abend nicht mehr fern, der Leib zitterte dem Knaben vor Erschöpfung, und der braune Strom brüllte und lechzte nach einem Opfer. Der Lenzerl verlor nicht den Mut, er dachte: Ich werde wohl hinüberkommen. Er legte seine kleinen Hände aneinander und sagte laut: »Herr Jesu Christ, was soll ich jetzt tun?«

In den Gründen das Wasser, in den Wipfeln der Wind. Aufgeschreckte Krähen flogen wirr umher, und an den hohen Stämmen eilten schwarze Eichhörnchen und hüpften von Wipfel zu Wipfel.

Als der Knabe am steinigen Hang eine Strecke hingegangen war, um einen Steg zu suchen über den wilden Bach, sah er einen großen, halbentwurzelten Baumstamm. Der war über den Bach hingesunken und drüben mit dem Wipfel an der Krone eines verknorrten Tannenbaumes hängen geblieben. Das ist der Steg, den mir der Herr Jesus gelegt hat, dachte der Knabe und begann ohne weiteres an dem hängenden Stamm hinanzuklettern. Das dichte Geäste an dem lehnenden Baume war selbst wie ein Wald, durch den er sich mühevoll weiterarbeiten mußte, immer sich sorgfältig festklammernd. Denn unter ihm brandete die rote Flut, und so sehr er sein Auge hütete, daß es zwischen den Ästen nicht hinabschaue in das Wallen und Wirbeln, so hub doch alles um ihn an zu kreisen. Jetzt ist der Schwindel da! konnte er noch denken, dann verflocht er sich hastig mit Händen und Beinen ins Geäste und schloß die Augen. Er wollte in solcher Stellung nur warten, bis der Schwindelanfall vorüber sei, aber siehe, der Wind schaukelte so sanft den Baum und die Wasser sangen so schön ...

Hoch an dem querüberhängenden Baumstamme, über dem tobenden Wildbach, war der Lenzerl eingeschlafen. —

Oben im Bergbauernhofe hatten sie müssen das Herdfeuer auslöschen. Der Wind hatte durch den Schornstein den Rauch zurückgestoßen, daß in Küche und Stube kein Mensch atmen konnte. Und wollte man Fenster öffnen, so wirbelte der Sturm herein und sprühte auf dem Herd die Funken auseinander und an die Holzwand hin. Wer sich ins Freie wagte: Die Luft unter dem schweren grauen Himmel war so klar, daß die fernsten Berge deutlich wie die nächsten dastanden, aber ein Stoßen und Stöhnen war in dieser Luft, daß der Bruder Franz vom »wilden Gjaid« sprach. »Seht ihr, wie er schlittenfahren tut, der wilde Jäger!« Denn dort an den gegenüberliegenden kahlen Berghängen ging eine Schneelahn um die andere nieder, auf dem weißen Schneefelde dunkle Striemen zurücklassend, von der Höhe bis tief ins Engtal. Man sah, wie klein es oben anhub, ein dünner, schwarzer Faden, an dessen unterem Ende ein weißer Knäuel hing, der den Faden in die Länge zog, rasch und immer rascher — größer, breiter, bis der Riesenknäuel in der Tiefe verschwand und ein langes Donnern hinging in den Bergen.

»Wenn ich nur heut' den Buben nicht hätte fortgehen lassen!« rief die Bäuerin immer wieder aus.

Ihr Mann, der Bauer, tröstete sie: »Am Morgen ist's noch nicht so wüst gewesen. Er wird gut ins Kirchdorf gekommen sein. Und wird er wohl so gescheit sein, daß er dort bleibt.«

»Der bleibt nit dort, wie ich ihn kenn'!« sagte sie. »Er hängt allzuviel an daheim.«

»Na, na, die Tafern-Wirtin hat ihn nicht fortgelassen. Die gibt ihm schon zu essen und ein gutes Bett, bei der fehlt ihm nichts. Morgen kommt er heim. So was Wildes kann nicht lang anhalten.«

Die Mutter hat nichts mehr gesagt, hat ihre häuslichen Arbeiten verrichtet, hat den Leuten das Nachtmahl bereitet. Und während sie es verzehrten, ist sie davongegangen. Im lodenen Wettermantel ihres Mannes, in seinen Stiefeln und mit seinem Bergstecken hat sie sich auf den Weg gemacht, um ihrem Lenzerl entgegenzugehen. Denn, daß er auf dem Wege war, das galt ihr sicher, und daß er noch nicht daheim war, obschon es schon zum Abend ging, sagte ihr: Er ist in Gefahr!

Bald war sie unten in der Hohlgrabenschlucht, und da konnte sie nicht weiter. Die Brücke ist fort! »Mein Gott! Da kann er freilich nicht heimkommen!« Daß er gerade auf der Brücke gewesen sein konnte, als sie brach, das fiel ihr nicht ein. »Er ist eben wieder umgekehrt; er kann nicht her und ich kann nicht hin. Da ist nichts zu machen. Gott wird ihn beschützen!« — Sie blickte in den reißenden Strom und je länger sie hinschaute, je größer und wilder schien er zu werden.

Etwas weiter unten sah sie Baumgefälle über dem Wasser liegen. So finster schwarz an beiden Seiten die steilen Waldberge aufragten, so grau lag der Abendhimmel und legte sein blasses Licht nieder auf die Holzbrüche. Davor stand ein großer Mann, der Holzknecht Wendelin. Er hatte in seine Waldhütte gehen wollen den Bach entlang und hatte die Verheerung gesehen. Die Bäuerin fragte den Mann gleich nach ihrem Knaben, ob er nichts von ihm gesehen hätte?

»Still sei!« sagte er und schaute gespannt auf einen Baumstamm, der quer über dem Bach lehnte und mit dem Wipfel hier an einer Tanne hängen geblieben war. »Dort oben ist was,« sagte er und zog die Bäuerin an der Hand der Stelle näher. »Ich hab' das Ding schon eine Weil' betrachtet, es kommt mir nicht recht für. Als ob was Lebendiges im Astwerk wär', gar ein Mensch. Aber es rührt sich nichts. Da hat gewiß einer herüberkrauchen wollen und ist hängen geblieben.«

»Jeß Maria! Nachher ist's mein Lenzerl!« schrie die Bäuerin hellauf.

»Schrei nit so, Weibmensch! Daß er jäh erschrickt und ins Wasser patschen kunnt!«

Aber das Rauschen des Wildbaches sorgte dafür, daß keine menschliche Stimme hinaufdrang. Der Holzknecht war auf die Tanne geklettert, spähte nach dem Wesen im hängenden Stamm und bedeutete der Bäuerin herab, sie solle ruhig sein, er sehe schon, was es sei, er wolle den Vogel bald haben. — Es währte nicht länger als drei Minuten, aber sie waren die qualvollste Zeit, die das Weib je erlebt hatte. Sie sah ihr Kind hundertmal ins Wasser stürzen und davonrinnen und ertrinken. — Ein Holzknecht weiß sich zu helfen bei den Bäumen. Seine Joppe hatte er herabgeworfen, dann stieg er, immer vom Sturme umbraust, von Ast zu Ast die Tanne höher hinan, schwang sich oben auf den herübergefallenen Baum, kletterte an dem schwankenden Stamme hinaus, erfaßte mit fester Hand den Knaben am Arm. Der erwachte und schrie. Seine ins Astwerk verklemmten Glieder loszulösen war nicht leicht — doch es gelang, der Holzknecht brachte den Lenzerl herab und stellte ihn neben seiner Mutter fest auf den Erdboden.

Dieweilen war auch der Bergbauer gekommen, seinem Weibe nach, und war der Franz gekommen, seinem Bruder nach, zu helfen, wenn wo zu helfen wäre. Wo die Brücke abgebrochen war, kamen sie alle zusammen. Und haben unter Dankgebeten den Knaben heimgetragen.

Dann sind sie sehr glücklich beisammen gesessen im Bergbauernhause.

»O mein Kind!« sagte die Mutter, »wenn du nicht den Herrn Jesus von der heiligen Kommunion bei dir gehabt hättest, da wär's wohl nicht so gut ausgegangen. Er hat dich heimgeführt. — Und jetzt, Lenzerl, denke ich, du gehst in Gottesnamen schlafen.«

Ehe der Kleine das tat, kniete er in den Wandwinkel hin, faltete die Hände, schloß die Augen und sah vor sich stehen den lieben Herrn Jesus, der in der Kommunion zu ihm gekommen war.

Bald hernach war es im einschichtigen Bauernhause dunkel geworden. Über das Dach dahin brauste der wilde Föhn, der Urwaldstämme bricht und Berge stürzt, aber an dem frommgläubigen Kindesherzen vergeblich rüttelt.

 

Franzosenrummel.

 

Das war ein hartes Wandern! Weitaus das härteste, das sie je erfahren hatten. Gewohnt, aufs Volk hinabzuschauen. Und jetzt mußten sie so steil zum Volke hinauf.

Zwei bärtige Männer kletterten unter großen Bündeln eingeknickt hinan den steinigen Waldweg. Zwei andere Männer, die an ihren blauen Fräcken glänzende Knöpfe hatten, führten jeder eine Frau am Arm. Der eine die weißhaarige Matrone, die sich seufzend und schwer an seinen Arm stützte; der andere ein schlankes junges Fräulein, das am liebsten ohne Führung und Stütze auf allen vieren gelaufen wäre. Der Hohlweg war danach. Wasser sickerte zwischen den Steinen, Erlsträucher und Kiefernstrupp wucherten bösartig nieder und kratzten, wenn es leicht sein konnte, das feine, blasse Mägdlein an den Wangen.

Vor einem anrückenden Trupp Franzosen geflohen, hatten sie ihrer Väter stattliches Schloß verlassen, um zu einem Lehenhofe hinaufzusteigen, der hoch im Gebiete der Almmatten liegt. Sie kamen an einen lichten Platz unter Lärchen, wo der Blick frei ward ins Tal, das schon blauend fern in der Tiefe lag, und wo in der andern Richtung ein silberweißes Steingebirge stand, wie es die Frauen bisher nie gesehen, nur manchmal nennen gehört hatten von den Gemsjägern. Die Matrone suchte mit ihren Augen das Schloß und fand es nicht. Der Begleiter erst mußte es weisen: Jenes graue Würflein mit den schwarzen Punkten. Und das winzige Ding soll die alte große Kronburg sein? Ein Würfel! Mit dem der Himmel jetzt lost um Menschenglück!

»Ich glaube gar, auf dem Turm steht die Trikolore schon!« sagte der Führer und guckte durch das Rohr seiner hohlen Faust hinab.

»Mon Dieu, ich ertrage es nicht!« sagte die Matrone mit leiser Stimme. »Wir hätten doch den Willen des Grafen tun sollen.«

»Nein, Mama!« rief jetzt das Fräulein, »niederbrennen nicht, das liebe Haus!«

»Lieber in Asche, als daß dieser schreckliche Feind drinnen haust! Kannst du je eine heimliche Stunde haben in den Mauern, die durch diesen korsischen Bluthund entweiht worden sind?«

»Nein, Mama, der Bonaparte wird nicht kommen.«

»Er wird schon im Schlosse sein!« eiferte die Matrone.

Darauf sagte einer der Männer: »Schade, daß einem so was nicht früher einfällt. Wir haben die Pulverfässer in der Muhrhöhle versteckt. Die wären im Schloßkeller viel besser aufgehoben gewesen. Mit offenem Deckel. Und ein Kerzenlicht drauf hingestellt!«

»Bum!« machte der andere. »Gegen Himmel sprengen, den Lumpen! Zur Höll' fahren wird er nachher schon selber.«

»Lasset das, Leute,« verwies die Frau, »es wird einer kommen, der stärker ist als er. Trachtet nur, im Kürnhof ein leidliches Asyl zu schaffen. Für ein paar Wochen. Lange kann's ja nicht dauern.«

Als sie noch so sprachen, kam den Berg herab eine stattliche Weibsperson, diese eilte sofort der Matrone zu: »Eure Gnaden, da oben ist's nix. Wir müssen wieder 'nunter!«

»Kein Platz?«

»Drei Stuben. Der Kürnhofer hat sich mit Weib und Kind schon in den Heustadel gezogen. Aber nichts zu essen, Gnaden, Frau Gräfin! — Wohl, wohl, Milch, Mehl, Butter genug, aber diese Küche! Gott, da schaut's aus! Die Küche ist Holzasen, Schlafkammer und Hühnerstall zugleich, meiner Tag hab' ich's nicht gesehen. Und dieser Rauch! Und dieser Ruß! Und dieses Geschirr! Drei Hafen, drei Schüsseln, eine alte Pfanne, eine Feuerzange, ein Reibeisen, ein Kochlöffel, ein Schabmesser — jetzt sind wir fertig mit dem Zeug, damit soll der Mensch kochen! Nein, Gnaden, da tu ich nit mit! Da gehe ich lieber zurück, zu den Franzosen hinab, wo man alles herzunehmen hat!«

»Sei nicht dumm, Stanzi!« verwies die Gräfin. Dann sind sie weiter angestiegen.