Gespenster-Krimi 22 - Julia Conrad - E-Book

Gespenster-Krimi 22 E-Book

Júlia Conrad

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Beschreibung

Die Geistergräfin von Heidebrock
von Julia Conrad

Sie ging einen endlos langen, steingepflasterten Flur entlang. Ausgestopfte Hirschköpfe hingen an den Mauern, das Geweih so weit vorgestreckt, dass sie sich immer wieder darin zu verfangen fürchtete. Es war kalt, und doch rann ihr der Schweiß über die Wangen. Eine fürchterliche Beklemmung hielt sie umfangen. Jeder Schritt brachte sie näher an die Tür hinter dem grünen Brokatvorhang heran. Aus einem Schlitz knapp über dem Boden leuchtete ein schwaches, violettes Licht hervor, das sie magisch anzog.
Schließlich hatte sie die Tür erreicht. Von einem inneren Zwang getrieben kniete sie nieder und schob die Hand durch den Spalt. Und da wurde sie gepackt! Von einer eiskalten, knochigen Klaue mit langen, scharfen Fingernägeln ...

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Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Cover

Impressum

Die Geistergräfin von Heidebrock

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Rudolf Sieber-Lonati/BLITZ-Verlag

Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-8403-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Die Geistergräfin von Heidebrock

von Julia Conrad

Sie hatte geträumt, dass sie einen endlos langen, steingepflasterten Flur entlangging. Ausgestopfte Hirschköpfe mit blinden Glasaugen hingen an den Mauern, das Geweih so weit vorgestreckt, dass sie sich immer wieder darin zu verfangen fürchtete. Es war kalt, und doch rann ihr der Schweiß über die Wangen.

Eine fürchterliche Beklemmung hielt sie umfangen, als sie, gegen ihren Willen gezogen und geschoben, immer weiter vorwärts gedrängt wurde. Jeder Schritt brachte sie näher an eine Tür heran, die sich halb hinter einem schweren grünen Brokatvorhang verbarg. Aus einem waagrechten Schlitz knapp über dem Boden leuchtete ein schwaches, violettes Licht hervor, das sie magisch anzog.

Schließlich hatte sie die Tür erreicht. Von einem inneren Zwang getrieben kniete sie nieder und schob die Hand durch den Spalt. Und da fühlte sie, wie diese von einer anderen gepackt wurde! Eine eiskalte, knochige Klaue war es, mit langen, scharfen Nägeln!

Julia schrie im Schlaf – schrie und schrie … und wachte auf.

Erst hatte sie gedacht, es sei nur ein Albtraum gewesen. Vielleicht war ihr die Hand eingeschlafen, oder sie hatte ein rheumatisches Zwicken im Daumen im Traum als geisterhaften, mörderischen Angriff interpretiert. Als ihr aber ihr junger Ehemann von Schloss Heidebrock erzählte, sah sie die Dinge anders – und der Albtraum setzte sich in ihr alltägliches Leben hinein fort.

Sie schob den Traum beiseite, aber ganz plötzlich war er wieder da, gerade, als Jan mit der eigentlich sehr erfreulichen Nachricht heimkehrte, dass er eine gut bezahlte Arbeit für den ganzen Sommer gefunden hatte.

Eine plötzliche Kälte ergriff sie, ihre Zunge wurde steif wie ein Stück Holz. Es brauchte ihre ganze Kraft, die Lähmung zu überwinden, und dann schrie sie den verdutzten Jan in heller Empörung an.

»Du bist ja wohl verrückt geworden! Du willst den ganzen Sommer in einem finsteren alten Spukschloss herumhocken, in dem man von Glück reden kann, wenn einem nicht die morsche Decke auf den Kopf fällt? Nicht mit mir! Dort gibt es garantiert kein warmes Wasser und keine ordentliche Küche. Dafür aber Ratten, Kakerlaken und Schimmelpilze! Schlag dir die Idee aus dem Kopf, auch wenn Markus von Weldern dein bester Freund ist! Er soll sich jemand anderen suchen, der seine vergammelte Bibliothek in Ordnung bringt!«

Jan bemühte sich, sie zu beschwichtigen. Er zog sie liebevoll in seine Arme und streichelte ihr lockiges, nussbraunes Haar. »Schau, mein Schatz … du weißt doch genau, wie schwer es für einen Bibliothekar ist, einen neuen Posten zu finden. Überall wird Personal abgebaut, nirgends gibt es offene Stellen. Ich bin froh, dass Markus mir den Job angeboten hat, seine Bibliothek auf Vordermann zu bringen. Und Heidebrock ist kein verfallenes Gemäuer, sondern in einem recht guten Zustand. Die Burg wird von einem Verwalter und seinem Sohn bewohnt, und …«

Julia hatte angriffslustig die Arme vor der Brust verschränkt. »Wie viele Kilometer ist es bis zum nächsten Außenposten der Zivilisation? Wir haben kein Auto, vergiss das nicht.«

Jan gab zögernd zu, dass es »ziemlich weit« bis zum nächsten Bahnhof sei. Die Burg lag in dem dichten, geheimnisvollen Forst des Waldviertels, nahe an der österreichisch-tschechischen Grenze. Aber ganz in der Nähe der Burg, fügte Jan rasch hinzu, gäbe es ein Dorf mit einem Postamt, einer Gastwirtschaft und einem Kaufhaus.

»Denk darüber nach. Markus bezahlt mir den Job sehr gut, und Heidebrock liegt in einer wild romantischen Landschaft zwischen Felsen, Mooren und Wäldern. Es wäre gewissermaßen ein neuer Job und zugleich ein kostenloser Urlaub.«

Julia schwieg. Sie empfand einen bedrückenden Widerwillen bei dem bloßen Gedanken daran, die Burg zu betreten. Das Waldviertel, hatte sie gehört, war eine einsame Gegend. Es war kalt und neblig, mit undurchdringlichen Wäldern und schwarzen Teichen, von denen man unheimliche Geschichten erzählte. Auf Schritt und Tritt stieß man dort auf heidnische Opfersteine und andere Zeichen einer dunklen Vergangenheit.

Selbst in der Gegenwart trafen sich auf einsamen Waldlichtungen die Gläubigen absonderlicher Kulte. Sie opferten Blumen und Beeren auf den Steinen, über die einst das Blut von Menschenopfern geflossen war. Druiden, Hexen, Esoteriker – sie alle wandten ihr Interesse den finsteren Hochmooren und wilden Tannenwäldern dieser geheimnisvollen Landschaft zu. Manche waren nur harmlose Spinner, aber andere …

Hatte sie nicht vor einigen Jahren in den Tageszeitungen von einer ebenso schrecklichen wie unerklärlichen Geschichte gehört, die sich im Waldviertel abgespielt haben sollte, ganz in der Nähe von Schloss Heidebrock?

Ja, jetzt erinnerte sie sich!

Damals hatten Bauern aus dem Dörfchen Dürnstätten, die sich im Morgengrauen zum Holzfällen aufmachten, ein 23-jähriges Mädchen nackt und blutend am Dorfeingang liegend gefunden. Sie hatten die bewusstlose junge Frau in aller Eile ins Spital nach Gmünd gebracht, wo man ihre Verletzungen behandelte.

Als sie schließlich das Bewusstsein wiedererlangte, weigerte sie sich erst, zu erzählen, was ihr widerfahren war, doch dann fasste sie Vertrauen zu einer Krankenschwester und sagte, Dämonen hätten sie durch den Wald gehetzt, diese hätten sie gekratzt und gebissen. Mehr wage sie nicht zu sagen, weil die Dämonen sie hören könnten. Am Tag darauf verließ sie heimlich das Spital und wurde nie mehr gesehen, obwohl sie nur einen Bademantel über ihrem Nachthemd getragen hatte und das Spital inmitten der Stadt Gmünd lag.

Später fand man heraus, dass sie einer Gruppe von Esoterikern angehört hatte, die immer wieder in den Wald fuhren, wo sie schamanische Rituale abhielten. Doch obwohl die Polizei die Mitglieder der Gruppe befragte, fand man keine Spur zu der Verschwundenen. Die Kriminalbeamten konnten nur feststellen, dass deren Freunde allesamt sehr verängstigt waren und erklärten, sie wollten nie wieder in die unberührten, unheimlichen Wälder fahren, um dort zu »hexen«.

Was für eine grausige Geschichte! Und da war die Erinnerung an den Traum – die beklemmende Gewissheit, auf irgendeine Weise würde dieser Traum Realität werden, wenn sie nach Heidebrock fuhren! Sie würde den langen Flur mit den Hirschhäuptern entlanggehen, den leuchtenden Schlitz unter der Türe finden, und diese grausige Klaue würde nach ihrer Hand angeln!

Andererseits – war sie nicht eine moderne und vernünftige Frau? Sie durfte sich von solchen nächtlichen Schreckgespenstern nicht ins Bockshorn jagen lassen. Denn Jan hatte natürlich recht. Das Angebot war verlockend. Sie kannte Markus von Weldern nur flüchtig, fand ihn aber ausgesprochen sympathisch. Es war nett von ihm gewesen, sie mit einzuladen, obwohl er eigentlich nur Jan brauchte. Aber sie konnte sich ja nützlich machen und ihrem Mann dabei helfen, die Bücher der Bibliothek, die allem Anschein nach riesig war, zu katalogisieren. Das Geld, das sie dafür bekommen sollten, brauchten sie dringend.

Vielleicht waren die Verwalter ja auch nette Leute. Und außerdem: Jan, der seit drei Monaten ohne Arbeit war, wurde täglich gereizter. Er vermisste seine Arbeit und schämte sich, arbeitslos zu sein. Es kratzte an seinem Ego, und er war verdrießlich, wehleidig und fing oft Streit an. Die sechs Wochen auf Heidebrock würden nicht nur ihm guttun, sondern auch ihrer Ehe.

»Na dann«, sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln, »lass uns gemeinsam das Spukschloss besichtigen!«

Jan lächelte erfreut über ihre Antwort, aber dann wurde er ernst. »Sag so etwas lieber nicht vor Markus«, warnte er sie. »Er ist empfindlich, was die Geschichte seiner Familie angeht. Es scheint, als hätten sich auf Heidebrock früher schreckliche Dinge abgespielt. Und die Sage von dem Spuk ist ihm besonders peinlich.«

»Dann gibt es also tatsächlich einen Geist auf Heidebrock? Komm, erzähl! Dann werde ich wenigstens nicht überrascht sein, wenn ein alter Raubritter kettenklirrend durch den Korridor schleicht.« Neugierig beugte sich Julia vor.

»Es ist kein alter Raubritter, sondern eine Frau – eine seiner Vorfahren. Markus machte eine Bemerkung, dass er Ärger mit seinen Nachbarn und den Bewohnern der umliegenden Dörfer hat. Eine frühere Herrin auf Heidebrock muss eine wahre Teufelin gewesen sein. Seither gibt es da einen alten Aberglauben, dass es Unglück bringt, wenn eine Frau als Herrin auf der Burg wohnt.«

Julia schüttelte den Kopf. Nicht zu glauben, was sich in solchen verwunschenen Ecken der Welt an Ammenmärchen hielt! »Und was hat die wahre Teufelin gemacht? War sie eine böse Schwiegermutter?«

»Das sicher nicht. Sie war eine wirklich garstige Frau. Du weißt, wie das in alten Zeiten war: Adelige konnten sich fast alles erlauben, und sie taten es auch. Ich kenne nur eine Geschichte, die ich zufällig in einem alten Band über Volkssagen und Schauergeschichten entdeckte. Ich habe das Buch behalten, weil ich Markus danach fragen wollte, aber dann habe ich es mir anders überlegt. Er hat von sich aus nie über Heidebrock gesprochen und wurde sehr ärgerlich, wenn ihn Kollegen mit seiner Ritterburg neckten. Warte, ich hole das Buch!«

Er brachte aus seinem Arbeitszimmer einen dünnen Band. Das abgegriffene und altmodische Aussehen ließ deutlich erkennen, dass er aus einem Antiquariat stammte. Mit gedämpfter Stimme las Jan seiner jungen Frau die Geschichte vor …

In einer wilden Sturmnacht saßen die Mönche des Klosters in der Nähe von Heidebrock beisammen. Während sie sich am Feuer wärmten, sprachen sie von wundersamen und erschreckenden Dingen. Die einen erzählten von Gespenstern, die anderen von Waldgeistern und Flussnixen, wieder andere von Teufeln und Dämonen.

Als die Reihe an einen jungen Mönch kam, der Pater Ambrosius hieß, berichtete dieser von einem geheimnisvollen Traum: »In meinem Traum stand ich auf dem höchsten Turm des Klosters und blickte hinunter. Es war um die Zeit der Dämmerung. Da sah ich dort unten zwischen dem Berg, der Nebelstein heißt, und den Hochmooren ein bösartig schillerndes Licht zucken. Es war so groß wie eine Wolke, die mehrere Dörfer bedeckt, und ich befand mich plötzlich unterhalb dieser Wolke, unter der es wie Gewitterlicht leuchtete. Ich schritt eine Straße entlang. Fürchterliche Laute drangen an mein Ohr. Die Felder links und rechts brachen auf und Särge sprangen hervor, als speie die Erde sie aus. Ich sah, dass mir ein Zug Leute auf der Straße entgegenkam, trat beiseite und ließ sie passieren. Sie waren hager und verblichen wie Mumien. In meinem Traum wusste ich, dass sie kein Spiegelbild und keinen Schatten warfen. Stumpf und wortlos trotteten sie an mir vorbei und verneigten sich alle vor einer Frau, die auf einem Thron saß. Ich sah, dass es eine sehr schöne Frau war, mit langem blondem Haar, und in eine kostbare rote Robe gehüllt. Dann aber erkannte ich, dass ihre Robe aus Menschenhaut gefertigt war! Blut tropfte davon herab. Gott öffnete mir die Augen, und ich erkannte in der schönen Frau die Hexenkönigin, die Teufelin Astarte …«

Als nun Pater Ambrosius von diesem Traum berichtet hatte, erhob sich ein uralter Mönch, der ehrwürdige Pater Romuald, der Älteste unter den Klosterherren, und sagte: »Dein Traum, Bruder Ambrosius, beruht auf Wahrheit, und ich selbst bin ihr Zeuge.«

Er gebot den Mönchen Schweigen und verkündete: »Ich werde die Geschichte erzählen, wie ich sie erlebt habe.«

Vor fünfzig Jahren wurde ich von meinen Ordensoberen nach Schloss Heidebrock geschickt. Ich fand die Burg in heller Aufregung. Ein Groß-Inquisitor mit seinem Gefolge war am Ort, ebenso ein Abgesandter des Kaisers. Alles lief durcheinander, und es dauerte lange, bis ich Aufklärung erhielt.

Der kaiserliche Abgesandte sagte mir schließlich, die Burgherrin sei wegen vielfacher Morde angeklagt und verurteilt worden. Sie hatte einen Pakt mit der Hexenkönigin Astarte geschlossen. Diese sollte sie ewig jung und schön bewahren, wenn sie ihr Fleisch und Blut unschuldiger Jungfrauen zum Opfer darbrachte. Mehr als hundert Mädchen und junge Frauen aus den umliegenden Dörfern waren im Laufe der Jahre verschwunden. Ihre grausam gefolterten und zerstückelten Leiber habe man bei einer Hausdurchsuchung in einem großen Grab im hinteren Burghof gefunden. Man nennt es heute den Jungfernhügel.

Aus Furcht vor der grausamen Gräfin hatte niemand darüber zu sprechen gewagt außer einer krummen alten Frau. Die sagte: »Ich bin alt und muss bald sterben, ich habe keine Furcht vor der Gräfin, denn mehr als den Tod kann sie mir doch nicht antun.«

So ging die Greisin zum geistlichen Gericht und zeigte die Sache an. Als nun der Inquisitor kam, löste sich der Bann der Furcht, der auf den Dörflern lag, und sie erzählten ihm mancherlei. Man sprach davon, dass die Gräfin häufig Mädchen aus dem Dorf für eine Nacht zu sich genommen und am Morgen blutig zerkratzt und von Nadeln zerstochen wieder heimgeschickt habe. Auch habe sie nach jungen, schönen Mädchen in allen Städten des Landes geschickt. Alle diese Jungfrauen gingen in das Schloss, aber niemand sah sie jemals wieder. Die Gräfin saugte ihnen das Blut aus, oder sie ließ ihnen die Kehle durchschneiden und trank das warme Blut der Unglücklichen.

Sie war im Umkreis gefürchtet, sodass kein Mädchen bei ihr Magd sein wollte. Aber was blieb ihnen übrig? Sie waren Leibeigene, die ihrer Herrin gehorchen mussten, was immer sie ihnen befahl.

Der Inquisitor – ein Bischof namens Severin – befragte die Gräfin, und sie räumte dreist und furchtlos alles ein.

»Da ich eine Frau von hohem Stand bin«, sagte sie stolz, »kann ich mit den Niedrigen tun, was ich will.«

Sie gestand auch, dass sie einen Pakt mit dem Satan und Astarte, der Königin der Hexen, geschlossen und mit ihrem eigenen Blut unterzeichnet hatte. Sie trug diesen Vertrag immer in ihrem Mieder eingenäht, und ich weiß, dass sie jeden ihrer grausamen Morde dem Satan und Astarte aufopferte.

Zur Strafe verfluchte der Bischof sie, von der Welt zu verschwinden und ewig von Schatten umgeben zu leben.

»Ich habe die Gräfin verurteilt, in ihrem eigenen Schlafgemach eingemauert zu werden«, verkündete der Bischof mir. »Eure Aufgabe wird es sein, sie zur Reue zu bewegen – obwohl ich wenig Hoffnung habe, dass es Euch gelingen wird. Sie ist schön wie ein Engel, mit langem blondem Haar und leuchtend blauen Augen, aber im Herzen eine wahre Teufelin.«

»Und sie hat wirklich einen Pakt mit der Hexenkönigin Astarte geschlossen?«, fragte ich.

Er gab mir den Beweis. Ich habe das Dokument mit eigenen Augen gesehen. Meine lieben Brüder, bekreuziget euch angesichts solcher Gottlosigkeit! Es war auf die Haut eines neugeborenen Kindes geschrieben, mit einer Tinte aus dem Saft der Tollkirschen. Nachdem Bischof Severin mir das erzählt hatte, führte er mich in den Ostturm, den man früher den Schönen Turm nannte.

Wir gingen eine Stiege hinauf und einen sehr langen Flur entlang, der vom Haupthaus zum Turm führte. Am Ende befand sich eine zugemauerte Tür, mit einem einzigen Schlitz knapp über dem Boden, durch den man Essen hineinreichen konnte.

Der Napf hing an einer langen eisernen Kette, an der man ihn wieder herausziehen konnte, da es zu gefährlich gewesen wäre, die Hand hineinzustrecken. In ihrer Wut, sagte mir der Bischof, hätte sie versucht, die Hände der Mägde, wenn diese das Essen brachten, listig zu ergreifen, hineinzuzerren und ihnen mit den Zähnen das Fleisch von den Knochen zu reißen!

Als nun das Licht der Laterne den Gang beleuchtete, erhob sich hinter dieser zugemauerten Tür ein Heulen und Brüllen, ein Scharren von Nägeln und Knirschen von Zähnen, als wären wilde Bestien dort eingesperrt. Bischof Severin hatte alle Fenster und Türen des Schlafgemachs zumauern lassen, sodass die Verurteilte tatsächlich in der Finsternis ewiger Schatten lebte.

Eine schreckliche Strafe!

Ich saß viele Tage und Nächte vor der zugemauerten Tür. Ich betete einen Rosenkranz nach dem anderen und versuchte, mit der Frau in dem stockfinsteren Kerker zu sprechen. Sie antwortete mir jedoch nur mit dem Geheul und Gebrüll einer Tigerin und so grausamen Flüchen, dass mich der Mut verließ. Ich war schließlich froh, als mein Abt mich wieder hierher in den Frieden unseres Klosters berief.