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Die Hütte auf der Teufelsalm
von Julia Conrad
"Beeil dich doch mit dem Packen, Anne!"
Das ist wieder einmal typisch!, dachte Anne verärgert. Mich hetzt er herum, aber dass er selbst etwas anfasst, auf die Idee kommt er nicht!
Herwig war begeistert gewesen, als er das spottbillige Urlaubsangebot in der Zeitung entdeckt hatte: idyllische Bergeinsamkeit mit aufregenden Klettersteigen. Dass Anne sich nicht fürs Klettern begeistern konnte, hatte ihn nicht interessiert. Wieder spürte die junge Frau, wie der Ärger in ihr aufstieg. Drei Wochen auf einer Almhütte, hinter der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten - ohne elektrisches Licht, ohne fließendes Wasser und mit Örtchen im Freien! Und dann hieß der Ort auch noch "Teufelsalm"! Wenn das kein böses Vorzeichen war ...
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
Die Hütte auf der Teufelsalm
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Rudolf Sieber-Lonati/BLITZ-Verlag
Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-8720-9
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Die Hütte auf der Teufelsalm
von Julia Conrad
»Da sind sie schon! Beeil dich doch mit dem Packen, Anne! Und vergiss bloß nicht wieder die Hälfte!« Herwig Schöndorfer lehnte sich weit aus dem Wohnungsfenster und winkte den Freunden zu, die eben ihre Autos vor dem Haus parkten.
Das ist wieder einmal typisch! Mich hetzt er herum, aber dass er selbst etwas anfasst, auf die Idee kommt er nicht!, dachte Anne verärgert und lief zur Haustür, um Peter, Eva, Sabine und Timmo zu begrüßen, mit denen sie ihren Sommerurlaub auf einer urigen Almhütte verbringen würden. Herwig war begeistert gewesen, als er das spottbillige Angebot in der Zeitung entdeckt hatte: idyllische Bergeinsamkeit, romantische Almen und aufregende Klettersteige für die begeisterten Bergsteiger Herwig, Timmo, Peter und Sabine. Dass Anne sich nicht fürs Klettern begeistern konnte, hatte Herwig nicht interessiert. Sollte sie eben in der Sonne sitzen und sich mit Eva unterhalten.
Wieder spürte die junge Frau, wie der Ärger in ihr aufstieg. Drei Wochen auf einer Almhütte, hinter der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten – ohne elektrisches Licht, ohne fließendes Wasser und mit Örtchen im Freien! Und dann hieß der Ort auch noch »Teufelsalm«! Wenn das kein böses Vorzeichen war …
»Hallo Eva! Hallo, ihr beiden! Sabinchen, schnuckelig wie immer!« Herwig war schon dabei, die Freunde zu begrüßen.
Anne seufzte und beschloss, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Vielleicht war die Teufelsalmhütte ja doch immer noch besser, als den August in der heißen, stickigen Stadt zu verbringen …
Sie wünschte nur, sie hätte nicht diese entsetzlichen Träume gehabt. Seit Herwig das Urlaubsarrangement gebucht hatte, träumte sie jede Nacht von winzigen, widerwärtigen Kreaturen, die durcheinander wimmelten wie Ungeziefer in dunklen Ecken. Klapperdürre Männchen waren es mit riesigen Köpfen, auf denen rote Mützen saßen, und bösen Augen in den gelben, runzligen Gesichtern.
In jedem ihrer Träume geriet Anne an finstere, unterirdische Orte, in weitläufige Keller, in Bergwerke oder Steinbrüche. Immer öffnete sich dann irgendwo ein Spalt oder Loch, aus dem in einer Wolke von gasig grünem Licht und üblem Gestank diese ekligen Zwerge hervorwimmelten.
Und immer hörte sie ein gewispertes Wort, das tausendfach wiederholt wurde: »Fleisch … frisches Fleisch … Menschenfleisch …«
Das Seltsamste an diesen Träumen war jedoch, dass immer nach einer Weile ein rothaariger Mann erschien, der wie eine Figur aus einem Heimatfilm aussah: schnauzbärtig, in kurzen Lederhosen und mit einem altmodischen Gewehr über der Schulter. Auf seinem roten Schopf saß keck ein grüner Hut. Er drängte sich an Anne heran und flüsterte ihr eindringlich ins Ohr: »Halten Sie sich an die Vereinbarung, Anne! Halten Sie sich um Gottes willen daran, sonst sind Sie verloren!«
Sie hatte Herwig nichts von diesen Träumen erzählt. Er hätte sie ja doch nur ausgelacht oder ihr geraten, zum Psychiater zu gehen. Herwig Schöndorfer stand mit beiden Beinen im Leben. Hochgewachsen, schlank, mit einem dicken, blonden Lockenschopf und blauen Augen, schien er für den Erfolg geboren. Spintisierereien waren nicht seine Sache.
✞
Anne spürte, wie ihre Laune sich besserte, als sie nach mehrstündiger Fahrt das hoch in den Bergen gelegene Dorf Hintzgern erreichten, wo sie ihre Autos parken wollten. Der Bauer Sepp Hochmair, dem die Alm gehörte, würde sie und ihr Gepäck in seinem Jeep hinaufbringen.
Das Dörfchen sah aus wie auf einer Kitschpostkarte, von den Blumenkästen mit den blühenden Geranien an den Balkonen bis zu dem alten, graubärtigen Mann, der mit einer Pfeife im Mund auf einem Bänkchen saß. Anne erwiderte sein freundliches Lächeln.
»Wo geht’s denn hin?«, wollte der Alte wissen.
»Wir haben die Almhütte gemietet. Auf der Teufelsalm.«
»So.« Das Lächeln verschwand. Der alte Mann schlug zornig mit einer Hand in die andere. »Da seid’s mir schöne Narrn! Auf der Alm ist’s nicht geheuer, und jetzt im August schon gar nicht, da treiben’s die Gaunkerln am ärgsten! Den Taubner haben’s erwischt, das sag ich euch! Habt’s net gehört, was die Hirten erzählen, dass …«
Da tauchte eine junge Frau im Dirndl in der offenen Türe auf und fuhr den Alten scharf an: »Bist still, Großvater! Was erzählst den Leuten da für einen Schmarrn!« Mit einem entschuldigenden Lächeln blickte sie zu Anne hinüber. »Der Großvater ist halt schon ein wenig wirr … hat den Kopf voll mit den alten G’schichterln von Kobolden und Berggeistern … geh ins Haus, Vater, ich hab dir deine Jausen g’richt.« Während sie den murrenden Alten vor sich ins Haus hineinschob, hörte Anne ihr zorniges Zischeln: »Kannst net den Mund halten? Weißt genau, dass wir das Geld brauchen, und wer sonst soll die verfluchte Hütten mieten außer Stadtleuten? Außerdem hast gehört, was die Polizei gesagt hat: Wer weiß, warum der Taubner verschwunden ist! Vielleicht ist er abg’stürzt und liegt irgendwo in der Klamm. Das muss nix mit den Gaunkerln zu tun haben …«
Anne fühlte, wie ein kalter Schauder über ihren Rücken rann. Was hatten die beiden mit »Gaunkerln« gemeint? Und warum glaubte der alte Mann, sie vor der Alm warnen zu müssen? Was war dort geschehen, das die Polizei auf den Plan gerufen hatte?
Aber da kam schon der Bauer, Sepp Hochmair, aus dem Haus. Er war ein braun gebrannter, kräftiger junger Mann mit einem dicken Schnauzbart und einem fröhlichen Lachen. Er wuchtete ihre schweren Koffer und Reisetaschen auf den Anhänger des Jeeps, als wären sie federleicht. Kaum hatten die Urlauber Platz genommen, fuhr er in Atem beraubendem Tempo die kurvenreiche Bergstraße entlang, der hoch gelegenen Alm zu.
Anne versuchte vergebens, das Gefühl des Grauens abzuschütteln, das sie gepackt hatte. Das Dorf hatte ja einen durchaus idyllischen Eindruck gemacht, aber schon wenig später führte die Straße in den Hochwald, und die Idylle verschwand.
Der Wagen tauchte ein in einen finsteren, feucht und modrig riechenden Tunnel aus himmelhohen Bäumen. Dicht an dicht standen die uralten Tannen mit den langen grauen Moosbärten. Der Wald wirkte unfreundlich, ja feindselig. Aus dem schwarzen Tannendickicht hauchte ihnen eine feuchte Kälte wie aus einem Bergwerk entgegen.
Anne klammerte sich an der Seitenwand des rüttelnden und ratternden Jeeps fest und warf ängstliche Blicke nach allen Seiten. Bei dem Tempo, mit dem der Wagen fuhr, und den häufigen Kurven war es schwer, etwas Genaues zu sehen. Aber sie bildete sich ein, Bewegungen hinter der schwarzen Mauer der Tannen zu entdecken, ein Huschen und Flitzen und das Aufglühen gelber Lichter, die wie Augen aussahen. Es mussten Tiere sein.
Aber welche Tiere hatten solche Augen? Gab es in diesem alten Wald vielleicht noch Wildkatzen oder Luchse? Auf jeden Fall wirkten die Augen bedrohlich, gehörten eindeutig zu Raubtieren.
Einmal rückte die Straße so nahe an die Felswand heran, dass Anne unwillkürlich die Luft anhielt und sich fest an die Griffe klammerte. Tief unten tobten die brausenden Wasser eines Wildbachs in einer engen Klamm aus nassem, schwarz glitzerndem Gestein.
Glücklicherweise wurde die Straße rasch wieder breiter. Anne fiel ein Stein vom Herzen, als der Wald abrupt endete und an seine Stellen große Flecken von dunkelgrünen Krüppelföhren traten. Wenig später kurvte der Jeep in ein von erbsgrünem Almrasen bedecktes Hochtal inmitten finsterer, zackig aufragender Felswände.
Da und dort lagen immer noch Schneeflecken auf den steilen Flanken der Gipfel. Ein Wasserfall speiste einen kristallklaren Bach, der munter durch das Almtal plätscherte und im finsteren Hochwald verschwand.
»Da ist’s, die Hütte!«, überschrie der Bauer das Lärmen des Jeeps.
Tatsächlich: Auf einer Anhöhe stand eine große Almhütte, die uralt sein musste. Sie war ganz aus dicken Balken gezimmert, deren ursprünglich helles Holz Regen und Schnee vieler Winter schwarz gefärbt hatten. Massive Sturmläden schützten die winzigen Fenster. Die altersgrauen Dachschindeln wurden von kopfgroßen Felssteinen niedergehalten, damit die brausenden Herbst- und Winterstürme sie nicht davontragen konnten.
Ehe sie die Almhütte erreichten, holperte der Jeep an einer merkwürdigen Geländeformation vorbei. Nahe der Felswand öffnete sich wie ein urtümliches Amphitheater eine gut fünf Meter tiefe, kreisrunde Mulde, auf deren tiefstem Punkt sich ein mannshoher, zapfenförmiger Felsstein erhob.
Der Stein war zweifellos künstlich behauen, über und über mit seltsamen Runen bedeckt, die tief in die Oberfläche eingemeißelt waren. Zwischen den Runen blickten unheimliche, fratzenhafte Gesichter hervor, die nichts Menschliches an sich hatten.
Gleich darauf hielt der Jeep vor der Almhütte. Sie war tatsächlich uralt: Auf dem Türbalken war die Jahreszahl 1699 eingeritzt! Hochmair entfernte den schweren, eisernen Balken, den ein Vorhangschloss festhielt, von der Türe und stieß sie auf.
Der Eingang bestand, wie es für Häuser in rauem Klima typisch ist, aus einem Windfang: Etwa ein Meter hinter der Außentüre hing an einer Querstange ein schwerer, steifer Vorhang aus Leder, der verhinderte, dass bei jedem Öffnen der Türe der Sturm in die Stube brauste. Dahinter lag im Zwielicht ein einziger weiter Raum mit einem gemauerten Herd in der einen und einem mächtigen Tisch samt Sitzbank in der anderen Ecke.
Anne sah mit Erleichterung, dass sie wenigsten nicht selbst Brennholz hacken mussten. Ein Stapel Scheite lag neben dem Herd, einen weiteren hatte sie draußen neben der Hütte gesehen. Die Hochmairs waren fürsorgliche Gastgeber.
Sabine sah sich um und runzelte die Stirn. »Sieht ja richtig gemütlich aus, aber wo sollen wir schlafen, Herr Hochmair?«
»Droben ist der Schlafraum.« Der Bauer wies auf eine Falltür in der Decke und eine grob gefügte hölzerne Leiter in einer Ecke. »Es gibt zwei Schlafräume oben – einen für die Mannsleut und einen für die Weiber, wie’s früher war«, fügte er augenzwinkernd hinzu. »Aber Sie werden sich’s schon richten.«
Er ging zu einem Metallschrank an der Wand und öffnete ihn. Zwei Dinger, die wie plumpe, großkalibrige Pistolen aussahen, lagen darin und eine Schachtel voll dicker Patronen.
»Das hier werden Sie hoffentlich nie brauchen, aber zur Sicherheit sag ich’s Ihnen. Das sind Leuchtpatronen. Wenn irgendetwas ganz Schlimmes geschehen sollte – einer von Ihnen plötzlich schwer erkrankt oder einen schweren Unfall hat – dann schießen Sie die Dinger hier ab. Die hier, die Rauchpatronen, sind für den Tag, die Leuchtpatronen für die Nacht. Wie gesagt: für den äußersten Notfall!« Dann wies er auf eine Falltür im Boden. »Da unten ist der Wurzelkeller, da habe ich Ihnen Gläser mit Marmelade und Kompott und saurem Gemüse hineingestellt, alles hausgemacht, und für die nächste Woche Brot und Wurst und Haltbarmilch. Am Sonntag können Sie mir die Bestellung übers Handy durchgeben, ich kaufe dann am Montagmorgen alles im unserem Dorfkaufhaus ein und liefere es Ihnen herauf.«
Anne hörte nicht länger zu, wie die Anderen mit dem Bauern hin und her verhandelten, was sie alles brauchten und was nicht. Sie warf nur einen flüchtigen Blick in den dunklen, ungemütlichen Wurzelkeller, in den eine steile Treppe hinunterführte. Der Keller war wenig mehr als ein tief in die Erde gegrabenes Loch, dessen vier Wände aus Holzregalen voll mit Einmachgläsern und Flaschen bestanden. Dann trat sie auf die Schwelle und ließ den Blick über die Alm schweifen.
Schön war es hier, das musste sie zugeben. Die Luft war frisch und rein. Ein Steg aus dicken Holzbohlen führte über den knöcheltiefen Bach, der quer über die Alm floss. Er war so klar, dass man jedes Steinchen auf dem Grund sehen konnte. Die hohen Felsmauern rundum warfen bereits lange Schatten.
Der rote Ball der Hochsommersonne stand knapp über den Zacken eines Felsmassivs, das wie ein unheimliches Märchenschloss in den Himmel ragte. Es wurde rasch kalt. Anne zog die Strickweste enger um die Schultern. Ihr fiel auf, wie still es hier auf der Alm war. Vieh wurde hier keines mehr aufgetrieben, das hatte der Bauer Herwig schon bei seinem ersten Anruf erzählt. Es lohnte nicht mehr.
Nun, dachte Anne mit schiefem Grinsen, wenigstens brauchte sie nicht zu befürchten, von einem unternehmungslustigen Ziegenbock angerempelt zu werden, wenn sie sich nachts aufs stille Örtchen begeben musste …
Wo war dieses Örtchen überhaupt? Sie umkreiste die Hütte.
Ach ja, da! Ein hässlicher Wellblechschuppen, der sich eng an die Hinterwand der Hütte schmiegte. Aber was war das? Sie fuhr mit einem erstickten Aufschrei zurück. Als sie um die Ecke der Hütte bog, hatte sich am steinernen Sockel des Gebäudes etwas bewegt. Ein dunkles Ding war blitzschnell davongehuscht. Ein scharfer, unangenehmer Geruch schlug ihr entgegen. Was war das?
Ein Tier natürlich. Aber was für ein Tier? Es war so dünn gewesen, dass es aus kaum mehr als dem Skelett zu bestehen schien. Auch hatte es einen abscheulich dicken, haarlosen Kopf gehabt, gelb und runzlig und mit einem Paar Augen darin, die im Widerschein der Sonne schwefelgelb aufglühten …
»Na, wie gefällt es Ihnen? Rustikal, aber doch sehr romantisch, nicht wahr?« Sepp Hochmair war hinter der Ecke der Hütte erschienen und wies lachend auf den Schuppen. »Wir haben es ein bisschen bequemer gemacht – im Winkel neben dem Ofen finden Sie eine schmale Tür, die direkt in den Schuppen da führt, Sie brauchen also nachts nicht vors Haus zu laufen.« Sein Lächeln verschwand. »Übrigens sollten Sie überhaupt nachts nicht zu viel herumlaufen. Stadtleute sind nicht daran gewöhnt, dass die Nacht auf einer Alm wirklich schwarz wie ein Kohlensack ist, und das Laternenlicht trügt. Sie könnten leicht über eine Wurzel stolpern oder in den Bach fallen.«
»Oder in die Mulde da vorn. Was ist das eigentlich? Es sieht aus, als wäre es künstlich angelegt worden.«
Er zuckte gleichgültig mit den Schultern – ein wenig zu gleichgültig. Normalerweise waren Landwirte froh, wenn sie auf irgendeine archäologische Besonderheit auf ihrem Grund hinweisen konnten, aber Hochmair schien das Thema geradezu unangenehm zu sein.
»Wir haben einmal einen Professor hier oben gehabt, der es besichtigte. Er sagte, die Menschen in der Steinzeit hätten es gegraben und den Stein darin aufgestellt. Es sei ein Kultplatz gewesen, wo sie irgendetwas angebetet hätten. Keine Ahnung, was die damals angebetet haben. Jedenfalls war das Loch schon ewig lange da, bevor die ersten Bauern ihr Vieh hier herauftrieben.«
Anne nahm sich ein Herz, auf die Gefahr hin, dass er sie auslachte. »Herr Hochmair, was meinte Ihr Vater mit Gaunkerln?«
Er lachte, aber sein Lachen klang nicht ganz echt. »Ach, kommen Sie. Was der alte Mann zusammenredet, das dürfen Sie nicht ernst nehmen. Er wird schon kindisch.«
»Mag sein, aber was sind Gaunkerln?«
»Kobolde. Berggeister. Zwerge. Was man halt früher so glaubte. Da erzählte man, das Schreckjoch da drüben« – dabei wies er auf die scharfen Felszacken, die Ähnlichkeit mit den Türmen eines Schlosses hatten – »sei eine Burg der Unterirdischen, in der sie Gold und Edelsteine hüteten. Dort führe eine schmale Pforte in den Berg, da könnte jeder, der wollte, hineingehen und Gold holen. Die Pforte sei aber nur sehr schwer zu finden, und dahinter öffne sich ein Labyrinth von eisigen, finsteren Stollen, in denen schon viele Wagemutige elend zugrunde gegangen seien. Sie seien zu Tode gestürzt oder erfroren oder von den Kobolden, die Lust auf Menschenfleisch haben, gefressen worden. Na ja, wenn Sie Sinn für solche Geschichten haben, fragen Sie einmal in unserem Heimatmuseum nach. Dass der Herr Taubner so spurlos verschwunden ist …« Er verschluckte sich, unterbrach sich mitten im Satz und hieb mit seinem Bergstock kräftig an die Holzwand. »Aber für mich ist das Kinderkram, da könnt ich genauso gut an den Osterhasen glauben.«
Im selben Augenblick schallte ein schrilles, bösartig keckerndes Lachen durch die Stille des Nachmittags. Es schien vom Dach herunter zu kommen, und als Anne aufblickte, meinte sie, einen Schatten davonhuschen zu sehen – einen sehr ähnlichen Schatten wie den, der sie zuerst erschreckt hatte. Wieder drang ihr dieser widerlich stechende Geruch in die Nase.
»Was war das?«, fragte sie erschrocken und krampfte die Hände in die eigenen Schultern.
»Ein Vogel«, murrte der Bauer und wandte sich abrupt ab. »Die schreien so. Kommen Sie jetzt hinein, ich spendiere noch eine Runde vom selbst Gebrannten auf einen schönen Urlaub für Sie und Ihren Mann und Ihre Freunde!«
Anne schluckte gerade noch die Bemerkung hinunter, Herwig sei nicht ihr Mann. Sie lebten seit zwei Jahren zusammen und hatten sich immer noch nicht entschlossen zu heiraten. Vielleicht, dachte Anne, sah man diese Dinge auf dem Land doch noch eher konservativ.
Also folgte sie dem Bauern, ohne noch eine Bemerkung zu machen. Bald saßen sie in vergnügter Runde um den Tisch, ließen sich die mitgebrachten Speckbrote und Mohnzelten schmecken und prosteten einander mit dem hausgebrannten Obstler zu.
