Gespenster-Krimi 36 - Tobias Bachmann - E-Book

Gespenster-Krimi 36 E-Book

Tobias Bachmann

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Beschreibung

Ehrfürchtig trat ich an die mumifizierten Leichname heran, die mir allesamt den Kopf zuwandten. Die überwiegend männlichen Mumien waren ausgedörrt. Teilweise trugen sie noch ihre ritterliche Gewandung, an der jedoch der Zahn der Zeit genagt hatte. Schilde, Schwerter und allerlei andere ritterliche Intarsien waren ebenso vorhanden.
Mir fiel eine weibliche Mumie auf, da sie - entgegen ihrer glatzköpfigen Verwandtschaft - noch ihr krauses, dünnes Haar trug. Es würde vermutlich zu Staub zerfallen, sobald man den Glassarg öffnete. Lagen alle anderen Leichname in einer Art friedlichen Ruhe da, so war bei dieser Mumie der Mund auf entsetzliche Weise verzerrt. Ihre Arme waren leicht erhoben und zu Klauen geformt, was für mich nur einen Schluss zuließ: Man hatte sie lebendig begraben!

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Inhalt

Cover

Impressum

Melusine

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Rudolf Sieber-Lonati/BLITZ-Verlag

Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-9229-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Melusine

von Tobias Bachmann

Prolog: Der Priester

 

»Ich bin mit dem Schreiben einer Biografie beschäftigt und brauche Ihre Hilfe.«

Pfarrer Schiller lachte auf. »Aber ich bin doch kein Literat wie Sie.«

»Als Literat würde ich mich auch nicht bezeichnen. Aber meine Recherchen führen seltsamerweise direkt in Ihr Gotteshaus beziehungsweise in dessen Vergangenheit.«

Der Priester seufzte. »Sie möchten die Mumien sehen?«

Ich nickte. »Ich vermute, ich komme nicht daran vorbei.«

Der Gottesmann blickte mich gütig an. »Kommen Sie erst mal rein und erzählen Sie mir, worum es geht. Zufälligerweise habe ich heute ein wenig Zeit.«

Wir setzten uns in sein Büro, das ein heilloses Durcheinander war. Überall lagen Papiere, Formulare und aufgeschlagene Aktenordner herum, und auch auf dem Schreibtisch herrschte Chaos.

»Sie müssen den Zustand meines Büros entschuldigen«, sagte Pfarrer Schiller, »ich bin damit beschäftigt, die Kostenhochrechnung für die Renovierung der Kirchenorgel zu kalkulieren. Aber setzen Sie sich doch.«

Ich nahm auf einem der beiden Besucherstühle platz. Pfarrer Schiller räumte einige Dokumente beiseite, fischte ein leeres Blatt aus einer Schreibtischschublade und notierte das Datum und meinen Namen.

»Worum geht es also, Herr Langhans?«

»Ich arbeite an einer Monographie über den Schriftsteller Stephan Angler. Er lebte ja einige Zeit hier in der Gemeinde.«

»Das ist richtig. Er besuchte zwar nicht oft meine Kirche, aber das tun Künstler in den seltensten Fällen.« Er blickte mich dabei eindringlich an. »Natürlich verstehe ich das. Man hat ausreichend Arbeit, und selbst der Sonntag lässt einen nicht ruhen, sondern unentwegt an Sätzen und Formulierungen feilen.«

Ich nickte demonstrativ. »Als Freiberufler muss man immerzu am Ball bleiben. Feiertage kann man sich nicht leisten.«

»Denken Sie, dass das bei Angler auch der Fall war? Ich meine, er war sehr erfolgreich mit seinen Schriften.«

»In der Tat, das war er«, bestätigte ich. »Aber ich glaube, dass er gerade in seinen letzten Lebensjahren mit anderen Sorgen und Problemen beschäftigt war, als seinen neuen Bestseller zu fabrizieren.« In kurzen Worten berichtete ich, was ich über Angler und dessen wahrlich seltenen Privatdruck herausgefunden hatte.

Der Pfarrer lehnte sich zurück und lauschte meinen Ausführungen. Als ich fertig war, sagte er: »Die doppelschwänzige Nixe werden Sie allerorten in unserer Region finden.«

»Ich weiß bereits, dass das Rittergeschlecht, das Ihre Kirche erbauen ließ, die doppelschwänzige Nixe in seinem Wappen trug.«

»So ist es. Sie finden das Wappen in der Kirche und als Symbol der ortsansässigen freiwilligen Feuerwehr. Aber jetzt verstehe ich wenigstens, warum Sie die Mumien sehen wollen. Dort werden Sie ebenso fündig werden.«

»Das habe ich mir gedacht.«

»Für die Öffentlichkeit ist der Zugang zur Gruft gesperrt. Der Sauerstoff, der beim Betreten unweigerlich eindringt, zersetzt die Mumien. Und eine Luftschleuse können wir uns nicht leisten. Rein theoretisch wäre es nötig, die Mumien einem besonderen Konservierungsprozess zu unterziehen, allerdings ist ein solches Prozedere noch teurer als die nötige Luftschleuse – und ohne diese wiederum nicht sonderlich sinnvoll.«

»Ich verstehe. Andererseits: Kann man denn nicht mit Hilfe von Eintrittsgeldern versuchen, die fortschreitende Zersetzung der Mumien zu unterbinden?«

»Wenn die Grundvoraussetzungen hierfür gegeben sind, könnte man kostenpflichtige Besichtigungen anbieten. Doch um den nötigen Status dafür zu erlangen, dafür fehlt – wie so oft – das Geld.« Pfarrer Schiller faltete die Hände über seinem Bauch zusammen. »Hinzu kommt, dass das Interesse der Öffentlichkeit an den Mumien nicht sonderlich hoch zu sein scheint. Es kommt kaum noch jemand her, der die Gruft besichtigen möchte.«

»Dann regelt sich die Sache mit dem Zerfall demnach von selbst?«

»Rein theoretisch ja«, sagte er. »Wenn ich nicht immer wieder nachgeben und Bittstellern wie Ihnen die Besichtigung gestatten würde.« Er lächelte milde.

»Ich danke Ihnen«, sagte ich mit einer Mischung aus Begeisterung, Vorfreude und Erleichterung.

»Keine Ursache. Wollen wir?«

Nachdem wir das Pfarrhaus verlassen hatten, liefen wir durch ungemähten Rasen über einen Weg aus Fliesenplatten. Die Kirche prangte als Sandsteinbau vor uns wie ein gewaltiger Monolith.

»Die Gruft liegt unter dem Altarraum. Aufgrund des hohen Karbongehalts in der Luft dort unten sind die Leichname mumifiziert.« Mit einem übergroßen Schlüssel öffnete Pfarrer Schiller einen Seitenzugang zur Kirche, durch den man direkt in die Sakristei gelangte.

Der eher praktische Raum barg die Intarsien, die für die Messe benötigt wurden, und diente zugleich als Abstelllager für Putzmittel. In dem steinernen Boden gab es eine Bronzeplatte mit einem faustgroßen Ösengriff. Es quietschte verrostet, als Pfarrer Schiller die Platte nach oben zog.

»Zuletzt war ich dort unten, als ich … warten Sie.« Er lachte kopfschüttelnd. »Ja, ist das denn die Möglichkeit! Dass mir das nicht schon früher eingefallen ist. Es war in der Tat das letzte Mal im Jahre 2004, als ich jemandem die Gruft gezeigt habe – und jetzt raten Sie, wem.«

»Stephan Angler?«

»Ganz genau! Herr im Himmel. Daran habe ich vorhin wirklich nicht gedacht.« Er hatte nun die schwere Bronzeplatte komplett aufgestemmt und verriegelte sie an einer Wandhalterung, sodass sie nicht zufallen konnte, sobald wir dort unten waren. »Und da fällt mir gleich noch ein weiteres Detail ein. Da werden Sie staunen. Ich habe von Stephan Angler seinerzeit eine Postkarte erhalten, in der er sich für die Besichtigung der Gruft bedankt. Erinnern Sie mich bitte später daran, dass ich diese für Sie heraussuche. Vielleicht hilft sie Ihnen ja weiter. Doch nun kommen Sie, Herr Langhans. Betreten wir den unterirdischen Reliquienschrein meiner Kirche.«

Pfarrer Schiller ging voran, die steinerne Treppe hinab, auf der man überraschenderweise bequem gehen konnte. Der Priester war durchaus eine stämmige Erscheinung. Sein breites Rückgrat wankte vor mir im Schein der elektronischen Lampen, die er zuvor eingeschaltet hatte. Das spärliche Licht erzeugte mehr Schatten als Helligkeit. Die Luft der Grabstätte war modrig, eine Mischung aus Heu und verendetem Tier, durchsetzt mit fauligem Waldboden und dem, was man riecht, wenn man das Siphon eines Waschbeckens aufschraubt.

»Ein Wohlgeruch ist es nicht gerade«, sagte ich.

»So ist es. Deswegen wäre ja auch die Luftschleuse dringend erforderlich, aber was kümmert das schon die Kirchenväter«, warf Pater Schiller zurück.

Wir erreichten den Boden der Gruft, und ich bereute es sogleich, keinen Fotoapparat mitgenommen zu haben. Der Ort war faszinierend. Dreizehn Glassärge standen hier mit jeweils etwa sechzig Zentimeter Abstand voneinander. Sie ließen sich einzeln beleuchten.

»Früher haben wir hier regelmäßig Besichtigungen stattfinden lassen. Daher die Särge aus Glas und das Beleuchtungssystem.«

Ehrfürchtig trat ich an die mumifizierten Leichname heran, die mir allesamt den Kopf zuwandten. Die Mumien waren überwiegend männlichen Geschlechts, und, wie zu erwarten war, braun ausgedörrt. Teilweise trugen sie noch ihre ritterliche Gewandung, an der jedoch der Zahn der Zeit genagt hatte. Schilde, Schwerter und allerlei andere ritterliche Insignien waren ebenso vorhanden.

Mir fiel eine weibliche Mumie auf, da sie – entgegen ihrer glatzköpfigen Verwandtschaft – noch ihr krauses, dünnes Haar am Kopf trug. Es war zu trocken und würde vermutlich zu Staub zerfallen, sobald man den Glassarg öffnen würde. Lagen alle anderen Leichname in einer Art friedlichen Ruhe da, so war bei dieser der Mund auf entsetzliche Weise verzerrt. Ihre Arme waren leicht erhoben und zu Klauen geformt, was für mich nur einen Schluss zuließ: Man hatte sie lebendig begraben!

»Ich weiß, was Sie gerade denken«, sagte Pfarrer Schiller, der an mich herangetreten war. »Auch ich empfinde den Anblick dieser Dame mehr als verstörend. Sie muss noch gelebt haben, als man sie beisetzte.«

»Ein schrecklicher Tod«, sagte ich.

Statt etwas zu entgegnen, bekreuzigte sich Pfarrer Schiller und murmelte ein stilles Gebet.

Was mich am meisten ekelte, waren die Fingernägel. Nicht nur, dass diese noch gewachsen zu sein schienen und mich auf abstoßende Weise an den Struwwelpeter denken ließen, sondern die Tatsache, dass sie dort, wo sie an den Fingern hafteten, die wahre Hautfarbe preisgaben. Die Haut unter den Fingernägeln war nicht braun, wie am restlichen Korpus, sondern nahezu rosarot. Zwar eine kranke, unnatürlich aussehende Färbung, aber eben rosarot.

»Schauderhaft«, befand ich.

»Nun weiß ich wieder, warum ich nicht gerne hier hinuntergehe«, sagte der Pfarrer. »Vielleicht können wir Ihre Suche abkürzen. Was genau suchen Sie hier unten?«

»Ich weiß es nicht genau«, sagte ich. »Was hat sich Stephan Angler länger angesehen?«

Pfarrer Schiller zuckte mit den Schultern. »In gewisser Weise reagierte er genau wie Sie. Auch er war fasziniert von der namenlosen Dame – übrigens ein Mysterium in dieser letzten Ruhestätte. Niemand weiß, wer sie ist. Die übrigen Leichname sind identifiziert. Ihre Lebensdaten kann ich Ihnen auswendig herunterbeten. Aber bei der weiblichen Mumie scheiden sich die Geister der Wissenschaft.«

Im Slalom schritt ich weiter durch die aufgebahrten Glassärge. Wieder sah ich die doppelschwänzige Nixe. Auf Brustharnischen, Schutzschilden und sogar auf einem Medaillon.

»Meinen Sie, dass Angler recht hatte mit seiner Theorie?«, fragte ich. »Dass er ein Abkömmling dieses Rittergeschlechts sei, der – wie heißen sie gleich?«

»Der Rieter«, half mir Pfarrer Schiller. »Ich weiß nicht, wie er darauf gekommen ist. Der Sage nach entstammen die Rieter einem zypriotischen Adelsgeschlecht. Soweit ich informiert bin, starb das Geschlecht Mitte des achtzehnten Jahrhunderts aus. Es gibt keinerlei Quellen, die einen Beweis für den Fortbestand des Adelsgeschlechts belegen. Wenn Angler recht haben sollte, so wäre er dazu verpflichtet, eine Lücke von über dreihundert Jahren zu schließen. Dies hat er nicht getan und kann es wohl auch nicht mehr tun.«

»Es sei denn, die Beweise befinden sich in seinem offiziell nie erschienenen Buch«, mutmaßte ich.

Der Priester schüttelte den Kopf. »Aber ich bitte Sie. Welche Beweise soll er denn Ihrer Meinung nach gefunden haben? Das Rietergeschlecht endet hier, genau dort, wo Sie soeben stehen. Rechts von Ihnen liegt der Letzte jener Ahnenreihe. Er starb kinderlos im Jahre des Herrn, 1753.«

»Und die Möglichkeit, dass er ein uneheliches Kind gehabt haben könnte, wurde nie untersucht?«

»Uneheliche Kinder wurden seinerzeit totgeschwiegen und verleugnet. Selbst wenn das der Fall gewesen sein sollte, so werden Sie in keinem Geschichtsbuch und auch in keinem historischen Dokument einen Beleg hierfür finden.«

»Auf gut Deutsch: Angler erlag einer fiktiven Wahnvorstellung.«

Der Pfarrer nickte. »Sie sind der Fachmann für seine Biografie. Ich kenne mich da wenig aus. Aber er war ja doch eine eher abnorme Persönlichkeit, will ich meinen. Seine Werke sind zwar vielschichtig, aber doch psychotisch. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es sich bei Angler um einen teilweise verwirrten Geist gehandelt haben mag. Warum auch nicht? Sein Vater war Trinker und starb in einer Irrenanstalt, wenn ich recht informiert bin.«

Einmal mehr wurde ich desillusioniert. Es brachte alles nichts. Ich musste Anglers Buch in die Hände bekommen. »Lassen Sie uns nach oben gehen«, sagte ich. »Ich denke, ich habe genug gesehen.«

Pfarrer Schiller betätigte die Lichtschalter und ließ die Krypta in Dunkelheit zurück. Wir stiegen die Stufen wieder hinauf, und oben verschloss er die Gruft mit ihrer Platte und den Worten: »Das war hoffentlich der letzte Besuch für die nächsten fünf Jahre.«

»Weshalb gehen Sie dort nicht gerne hinunter?«, schoss ich mit einer Frage auf ihn zu, die mir schon lange unter den Nägeln brannte.

»Zum einen empfinde ich die Mumien zwar als sehr eindrucksvoll, aber auch als furchteinflößend, und zum anderen tue ich mich schwer damit, die letzte Ruhestätte dieser Geschöpfe dort unten immer wieder stören zu müssen. Zu guter Letzt aber muss gesagt werden, dass ein zu häufiger Besuch sich irgendwann auch gesundheitlich bemerkbar macht. Der Karbongehalt ist zwar in einem relativ ertragbaren Rahmen, doch sollte man sein Glück nicht überstrapazieren.« Einmal mehr bekreuzigte er sich und schickte vermutlich auch ein geistiges Stoßgebet zum Himmel.

Wir verließen die Sakristei auf demselben Weg, auf dem wir gekommen waren, und ich folgte Pfarrer Schiller zurück in sein Pfarrbüro. Unverzüglich begann er dort, in verschiedenen Schubladen aus Archivbeständen zu kramen. Ich besah mir währenddessen die Kunstdrucke in ihren Rahmen, die ausgewählte Bibelszenen als kopierte Kupferstiche darstellten.

Irgendwann riss mich Pfarrer Schiller aus meinen Betrachtungen und rief: »Ich hab sie!« Er eilte auf mich zu, eine Postkarte in der Hand. »Hier. Sehen Sie. Wie ich es Ihnen gesagt habe. Da beruhigt es mich doch, dass mein alterndes Gehirn noch immer gut funktioniert.« Er lächelte siegessicher und reichte mir die leicht vergilbte Karte.

Werter Pfarrer Schiller, stand darauf in einer schrägen, hektischen Handschrift. Sie haben mir sehr geholfen. Der Besuch in Ihrer Krypta war goldwert. Endlich habe ich gefunden, wonach ich suchte.

Herzlichst St. Angler

»Aha«, sagte ich gleich. »Die Karte lässt den Schluss zu, dass er die fehlenden dreihundert Jahre doch noch hat beweisen können«, mutmaßte ich, doch der Pfarrer zuckte nur mit den Schultern.

»Ich weiß es nicht«, sagte er. »Seit dieser Karte habe ich nie wieder etwas von Angler gehört – geschweige denn gelesen.«

Ich drehte die Postkarte um und erblickte als Motiv die unverkennbare Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Die Karte wurde aus Weimar abgeschickt. »Na bitte«, sagte ich. »Da haben wir es doch. Dort wird er seinen Beweis gefunden haben.«

»Und den Privatdruck wird er auch dort hinterlegt haben«, mutmaßte Pfarrer Schiller.

»Meinen Sie? Was macht Sie da so sicher?«

»Nur so eine Vermutung. Rufen Sie doch dort an. Die Bücher dort sind sicherlich elektronisch erfasst und katalogisiert. Da wird man Ihnen rasch Auskunft geben.«

Ich bedankte mich bei Pfarrer Schiller und versprach ihm, ihn in meinem Buch über Stephan Angler zu erwähnen.

Kapitel I: Die Tänzerin

Es heißt: Jedes Buch berge ein Geheimnis – und als Autor führe man ein geheimes Leben darin.

Um diese Hypothese begreifen zu können, muss man verstehen, dass jedweder Geschichte ein geistig nicht fassbarer Prozess zugrunde liegt. Eine Entwicklung, die sich irgendwo zwischen Hirnlappen, Synapsen und chemischen Verbindungen abspielt.

Die Wahrnehmung verändert sich beim Schreiben. Während die Umwelt ausgeblendet wird und der Fokus des Autors zunehmend in der Matrix seiner Geschichte liegt, geschehen nicht erklärbare Dinge im Hirn dieses Menschen. Wie ein Dämon nistet sich dieses Ding, das der Verfasser »Idee« nennt, in seinem Enzephalon ein, verändert sich und wächst wie ein teuflisches Geschwür, bis die Synapsen Funken sprühen, um eine Geschichte aus den kleinen grauen Zellen hervorzulocken, bis der Schreiber das erlösende Wort »Ende« daruntersetzt.

Es sind geheime Welten, in die Hinter- und Abgründe des Schreibers führen. Dorthin, wo der Autor sich für gewöhnlich in Sicherheit wiegt.

Und wenn wir noch einen Schritt weitergehen, sind wir dort angekommen, wo nicht einmal der Dichter selbst sich gerne aufzuhalten wagt: in der Hölle – dort wo der Trieb liegt, der den Autor dazu drängt, eine Idee auszuformulieren, sie in Worte zu kleiden, damit diese eine Geschichte bilden.

Um mit dieser endlich zu beginnen, verrate ich nur so viel: Ich habe diese Hölle gefunden. Das Triebzentrum eines Schriftstellers namens Stephan Angler. Für ihn muss sein persönliches Reich der Finsternis ein Ort der ewigen Pein gewesen sein. Vielleicht ist es das noch immer – wer weiß das schon. Soweit ich informiert bin, ist Stephan Angler tot, obgleich seine Leiche nie gefunden wurde.

Der Autor von Büchern wie dem Drama »Schwarzmagisches Manifest« oder dem Kriminalroman »Rosemaries Verbrechen« gilt seit neun Jahren als verschollen.

Ich bin sein Biograf. Eine Auftragsarbeit, die ich mir nicht ausgesucht habe. Es war ein Vorschlag des Verlegers. »Herr Langhans«, hat er gesagt, »wir haben bei dem Angler-Buch an Sie gedacht.«

»An mich?«, habe ich am Telefon gestaunt.

»Na, ich bitte Sie, das liegt doch nahe. Sie verfügen über das nötige Vorwissen und leben zudem in demselben Dorf, in dem auch Angler einmal gelebt haben soll. Das ist eine Verbindung, die sich gut vermarkten lässt. Außerdem schätze ich Sie als pflichtbewussten und zuverlässigen Auftragsschreiber.«

»Das ehrt mich natürlich, aber …«

»Nichts aber, mein lieber Langhans«, unterbrach mich der Verleger. »Ich schicke Ihnen den Verlagsvertrag gleich morgen raus. Beachten Sie die Vorschussleistungen, die wir Ihnen anbieten. Sorgen Sie dafür, den Vertrag bis Ende der Woche unterschrieben an mich zurückzusenden, und dann machen Sie sich an die Arbeit. Inhaltlich haben Sie freie Hand.«

Und so war es tatsächlich die Aussicht auf die großzügige Vorschusssumme, die mich hat unterschreiben lassen, obgleich ich die vom Verleger vermutete Parallelität nicht sehe. Zwar hat er recht, was unser Leben in Steinbach anbelangt. Doch als ich in das Dorf zog, hatte Angler schon als »unbekannt verblieben« gegolten, wie sich die Behörden ausdrückten.

Neun Jahre ist das nun her, und ich erinnere mich nicht gerne daran zurück. Die Sehnsucht nach Ruhe und Abgeschiedenheit hatte mich das Haus im fränkischen Hinterland kaufen lassen. Unmittelbar zuvor hatte ich aufgrund massiver Brandverletzungen über mehrere Monate hinweg in einem Krankenhaus gelegen. Mein Aussehen hatte man retten können, nicht aber die posttraumatischen Belastungssymptome, an denen ich wegen meines schweren Unfalls immer noch leide.

Doch das Geld ist knapp geworden, und so kommt mir der Auftrag meines Verlegers gerade recht.

Anglers Verschwinden jährt sich nächstes Jahr zum zehnten Mal, weswegen mein Verleger wohl auf die Idee zu dem Buch kam. Wenige Tage nach dem Telefonat erreichte mich ein Päckchen aus dem Verlag. Neben dem Verlagsvertrag befanden sich darin die gesammelten Werke von Stephan Angler und die einzige Biografie, die bisher über ihn erschienen ist. Außerdem ein paar kopierte Zeitungsartikel, Interviews mit Angler, fotokopiert aus diversen Illustrierten und eine Liste mit den wichtigsten bio- und bibliografischen Eckdaten.

Und nun ist der Moment gekommen, in dem Sie als Leser ins Spiel kommen. Wenn der Typ eine Biografie über Stephan Angler schreiben möchte, wieso schreibt er dann all diese Sachen über Entstehung von Büchern, über Hirnprozesse, über Verlagsverträge und was noch alles?, werden Sie sich fragen.

Ich gebe Ihnen die Antwort: Was Sie hier in den Händen halten, ist eben nicht das, was Sie sich zu lesen erhofften. Es ist nicht die Lektüre, nach der Sie gesucht haben. Nein, dies ist meine Geschichte und keine andere. Es ist die Geschichte von Peter Langhans, der bei seinen Recherchen die Pforten der Hölle aufstieß, die sich in Stephan Anglers Kopf befanden. Ich sagte Ihnen ja bereits: Ich habe Anglers Hölle gefunden. Und ich warne Sie an dieser Stelle am besten gleich: Die Hölle dieses Mannes ist abgrundtief. Sie ist tiefer, als Sie sich vorzustellen wagen. Tiefer, als ich selbst es vermutet hatte. So tief, dass ich meine Arbeit an der Biografie alsbald abbrechen musste – doch ich greife vorweg.

Kehren wir zurück zu jenem Moment, in dem ich den Schlüssel zu Anglers Höllenpforte fand.

Reisen wir in einen kleinen, unscheinbaren aber beschaulichen Ort.

Willkommen in Beuringen.

Ein harmloser Nebensatz aus der veralteten Anglerbiografie hatte mich auf diesen Ort gebracht. In dem Buch war die Rede davon, dass Angler kurz vor seinem Verschwinden seinen neuen Verleger in Beuringen aufsuchte.

Doch die Ergebnisse dieses Zusammentreffens sollten fruchtlos bleiben, wusste der Biograf. Eine Aussage, die mich neugierig gemacht hatte.

Nach einigen, wenig aufregenden Recherchen wusste ich, dass es in Beuringen nur einen einzigen Verlag gab, nämlich den Beuringer Schlossverlag