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Beschreibung

Das massenhafte Sterben und die industrielle Kriegführung während des Ersten Weltkriegs führten zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft in der Armee wie in der Zivilgesellschaft. Anhand konkreter Beispiele aus den am Krieg beteiligten Ländern beleuchtet dieser Band Konflikte zwischen Zivilisten, staatlichen Akteuren und militärischen Verbänden in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Er geht der Frage nach, inwieweit solche Konflikte mit dem Konzept der Gewaltgemeinschaften? zu analysieren sind, in denen sich einander oft fremde Menschen (spontan) zu hochmotivierten Gruppen mit einem gemeinsamen Gewaltziel zusammenschlossen. Die Beiträge zeigen, wie solche Gewaltgemeinschaften? entstanden, wie sie kommunizierten, wieder zerfielen und was sie bewirkten.

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Sven Oliver Müller, Christin Pschichholz (Hg.)

Gewaltgemeinschaften?

Studien zur Gewaltgeschichte im und nach dem Ersten Weltkrieg

Campus Verlag Frankfurt / New York

Über das Buch

Das massenhafte Sterben und die industrielle Kriegführung während des Ersten Weltkriegs führten zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft in der Armee wie in der Zivilgesellschaft. Anhand konkreter Beispiele aus den am Krieg beteiligten Ländern beleuchtet dieser Band Konflikte zwischen Zivilisten, staatlichen Akteuren und militärischen Verbänden in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Er geht der Frage nach, inwieweit solche Konflikte mit dem Konzept der Gewaltgemeinschaften zu analysieren sind, in denen sich einander oft fremde Menschen (spontan) zu hochmotivierten Gruppen mit einem gemeinsamen Gewaltziel zusammenschlossen. Die Beiträge zeigen, wie solche Gewaltgemeinschaften entstanden, wie sie kommunizierten, wieder zerfielen und was sie bewirkten.

Vita

Sven Oliver Müller, PD Dr. phil., war bis 2020 Forschungsstipendiat der Gerda Henkel Stiftung und ist Lehrbeauftragter an der Universität Tübingen.

Christin Pschichholz, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Militärgeschichte/Kulturgeschichte der Gewalt der Universität Potsdam.

Inhalt

Vorwort

Sven Oliver Müller und Christin Pschichholz: Gewaltgemeinschaften? Überlegungen zu Hypothesen, Chancen und Grenzen einer Geschichte der Gewalt im und nach dem Ersten Weltkrieg

Peter Lieb: Gewaltgemeinschaften und staatliches Ordnungsdenken: Das deutsche Militär in Osteuropa 1918/19

1.Einleitung

2.Politischer Kontext und Charakter der Kriege

3.Behandlung des gefangenen Gegners

4.Behandlung der Zivilbevölkerung

5.Einfluss des Antibolschewismus und des Antisemitismus

6.Ukraine 1918 und Baltikum 1919 als missing link für den Vernichtungskrieg in Osteuropa?

Christin Pschichholz: Deportationen als »German Way of War«? Militärgeschichte als Verflechtungsgeschichte am Beispiel des deutsch-osmanischen Bündnisses

1.Alte Wunden (francs-tireurs), bulgarische Gräuel und das Komitee für Einheit und Fortschritt

2.Die »Makedonier« in Kleinasien und das sich anbahnende deutsch-osmanische Bündnis

3.Die osmanische Politik der bewaffneten Neutralität (müsellâh bîtaraflık) und die Entlastung der deutschen Ostfront

4.Fazit

Matthew Stibbe: Gewalt gegen Zivilisten: »Arbeitsverweigerer« im besetzten Nordfrankreich und im südlichen Bayern während des Ersten Weltkrieges

1.Der Krieg gegen Arbeitsverweigerung im besetzten Nordfrankreich

2.Zivile Zwangsarbeit und Gewalt

3.»Arbeitsverweigerer« im südlichen Bayern

4.Schlussfolgerung

Sven Oliver Müller: Situative Gewaltgemeinschaften: Ausschreitungen der britischen Zivilbevölkerung nach Zeppelinangriffen des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg

1.Angst und Faszinationen vor der deutschen Wunderwaffe

2.Angst und Leid auf britischem Boden

3.Die Verwandlung der Angst in Aggression

4.Perspektiven statt Bilanzen

Jörg Nagler: Gewaltexzesse in den Vereinigten Staaten nach dem Ersten Weltkrieg

Wim Klinkert: Violent communities in a peaceful society – The Netherlands 1918-1934

1.Introduction

2.The inheritance from 1914–1918

3.Bomb attack, November 1921

4.Massive violence, July 1934

5.Organized street violence, October 1934 – March 1935

6.Concluding remarks

Florian J. Schreiner: Entstehung, Kontinuität und Transformation von durch Universitäten geprägte Gewaltgemeinschaften in Welt- und Nachkrieg

1.Der »Opfergang der Deutschen Jugend«: Teilhabe an Gewalt als integratives Moment

2.Universität und Gewalt: Strukturelle Voraussetzungen

3.Politische Unsicherheit als Gewaltmotivation

4.Genese, Einsatz und Perzeption universitär geprägter Gewaltgemeinschaften

Sebastian Elsbach: Straßenkampf oder Bürgerkrieg? Wehrverbände und Polizeigewalt in der Weimarer Republik

1.Max Weber und politische Gewalt in der Weimarer Republik

2.Wer bedroht die Ordnung?

3.Der »Machtkampf« in mikrosoziologischer Perspektive

Ulrike Jureit: Momente der Entriegelung: Pogromgewalt in der mittelfränkischen Provinz 1934

1.Zur Typologisierung kollektiver Gewaltakteure

2.Der Pogrom als Akt des Bekenntnisses

3.Gewaltgemeinschaft? Antijüdische Mobilisierung in einer mittelfränkischen Kleinstadt

4.Skripte der Gewalt: Kollektives Wissen über Gewaltmobilisierungen gegen Juden

Jörg Echternkamp: Nachwort: Konzeptionelle Anmerkungen zur Historizität von »Gewaltgemeinschaften«

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

Literaturverzeichnis

Autorinnen und Autoren

Vorwort

Der vorliegende Sammelband basiert auf der Tagung »Gewaltgemeinschaften? Methodische Überlegungen und Fallbeispiele zum Wandel und zur Kontinuität von Gewalt im und nach dem Ersten Weltkrieg«, die vom 11. – 12. Oktober 2019 im Lepsiushaus in Potsdam stattfand und von der Universität Potsdam in Kooperation mit der Gerda Henkel Stiftung ausgerichtet wurde. Für die organisatorischen Rahmenbedingungen während der Konferenz möchten wir uns an dieser Stelle erneut bei Rolf Hosfeld und Roy Knocke bedanken.

Die Veranstaltung konnte in angenehmer und in der von uns erhofften Atmosphäre eines Workshops stattfinden. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen diskutierten über Bedingungen der Gewalt, setzten diese in Beziehungen zu Emotionen und verglichen die Herausforderungen im Ersten Weltkrieg mit vermeintlich friedlichen Perioden. Die Überlegungen bereicherten die Tagung und erleichterten es, die Vorzüge unseres Forschungsansatzes mit seinen Grenzen zu vergleichen. Nicht zuletzt der konstruktive und anregende Austausch aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer ermutigte uns, diese Beiträge zu veröffentlichen.

Wir bedanken uns bei den Herausgebern für die Aufnahme des Bandes in die Schriftenreihe »Krieg und Konflikt«. Sönke Neitzel und Oliver Janz begleiteten mit konstruktiven Hinweisen und Zuspruch die Publikation.

Unsere Lektorin Christine Marth war für uns und unsere Autorinnen und Autoren mit ihrer großen Übersicht eine äußerst zuverlässige Stütze. Jürgen Hotz vom Campus Verlag stand uns über die Planungsphase bis zur Druckvorbereitung jederzeit in umsichtiger und staunenswert geduldiger Art und Weise zur Seite.

Die entstandenen Kosten für das Lektorat und die Drucklegung wurden von der Gerda Henkel Stiftung und den vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg der Universität Potsdam bereitgestellten Sondermitteln finanziert. Ohne diese großzügige Förderung wäre dieser Band nicht entstanden.

Trotz Pandemieeinschränkungen haben wir eine große Verlässlichkeit und ermutigenden Zuspruch durch unsere Autorinnen und Autoren bekommen, die uns die recht zügige Umsetzung des Sammelbandes ermöglichten. Diese kollegiale Zusammenarbeit machte uns beiden gerade in diesen Zeiten Freude und der Text profitierte durch wichtige Hinweise. Dafür bedanken wir uns herzlich. Der Band wird seine Leserinnen und Leser hoffentlich auf einige Ansätze der Gewaltgeschichte neugierig machen, nicht nur mit dem Blick auf den Ersten Weltkrieg.

Sven Oliver Müller, Christin Pschichholz

Tübingen und Potsdam, Sommer 2021

Gewaltgemeinschaften? Überlegungen zu Hypothesen, Chancen und Grenzen einer Geschichte der Gewalt im und nach dem Ersten Weltkrieg

Sven Oliver Müller und Christin Pschichholz

Das Titelbild des Sammelbandes zeigt den Tabakladen der Familie Schoenfeld. Die Schoenfelds waren deutsche Migranten und verkauften ihre Waren in der Crisp Street, im Londoner East End. Am Mittwoch, dem 12. Mai 1915 versammelte sich vor dem Laden eine aufgebrachte Menschenmenge. Erst kamen einige lärmende Teenager, gefolgt von ihren Müttern und bald auch von aggressiven Männern. Im Nu bildete sich eine Gruppe gewaltbereiter Zivilistinnen und Zivilisten. Einige dürften Nachbarn dieser Einwanderer gewesen sein. Doch das nützte den Opfern nichts. Die aufgebrachte Menge warf Steine, riss Jalousien ab und trat ein Schaufenster ein. Vier Polizisten versuchten augenscheinlich, jugendliche Randalierer von der Fassade fernzuhalten, riskierten aber keine Schlägerei mit den Männern in der Bildmitte. In einer besonderen Situation entstand im Handumdrehen eine Gewaltgemeinschaft. Wenige Tage zuvor, am 7. Mai 1915 hatte ein deutsches U-Boot den britischen Passagierdampfer Lusitania torpediert. 1.198 Männer, Frauen und Kinder ertranken. Die Presse und Teile der Politik verbreiteten furchtbare Geschichten über deutsche Gräueltaten an Unschuldigen. Im ganzen Land brachen Unruhen aus. Deutsche Geschäfte wurden geplündert, vermeintliche und tatsächliche Migrantinnen und Migranten wurden verspottet, bespuckt oder verprügelt. Mindestens 866 Menschen wurden verhaftet, 257 verletzt, darunter 107 Polizisten. Die Gewalttaten von Zivilisten gegen Zivilisten im Mai 1915 zählten zu den schwersten Ausschreitungen in Großbritannien im 20. Jahrhundert.1

Der Erste Weltkrieg eröffnete eine neue Qualität der Gewalt im 20. Jahrhundert. Mit dem Blick auf die Herausforderungen und Brüche, die mit Gewalttaten einhergingen, beginnt etwa Benjamin Ziemanns Studie zur Gewalt im Ersten Weltkrieg mit dem Satz: »Wenn etwas für die Geschichte des Ersten Weltkrieges von immenser Bedeutung ist, dann ist es sicherlich die Praxis der Gewalt«.2 Die Wirklichkeit des Weltkriegs nach einer in Europa insgesamt stabilen Friedensordnung zwischen 1871 und 1914 ließ die bereits düsteren Prognosen einiger Zeitgenossen über die Opfer, die der Krieg fordern würde, schnell hinter sich: 17 Millionen Menschen verloren in den vier Kriegsjahren ihr Leben, 20 Millionen Soldaten wurden verwundet. Jenseits der Schützengräben forderte der Krieg Menschenleben durch Hunger, Entkräftung und Seuchen. Die schwer zu schätzende Anzahl dieser nicht gelebten Menschenleben geht in die Millionen, ebenso die Zahl der geflüchteten und zwangsumgesiedelten Menschen. Das Ausmaß der gewaltsamen Handlungen an der Front und die Reichweite, in der die Zivilbevölkerung an der sogenannten Heimatfront in den Krieg involviert war, relativierten den Unterschied zwischen Militär und Zivilisten.3 Deutlicher als zuvor kennzeichneten gewaltsame Handlungen zum einen die Innenpolitik, wie etwa die Auseinandersetzungen zwischen Staat, Arbeiterbewegung und Nationalitäten. Zum anderen, und das hat die intensive Forschung zur Gewaltgeschichte des Ersten Weltkrieges gezeigt, ist die Einteilung zwischen Kriegs- und Nachkriegszeit hinderlich, um das in den 1920er und 1930er Jahren sich über Europa spannende Netz neuartiger Gewaltformen zu erklären.4

Die Gewalt des Krieges hatte unzählige gesellschaftliche und individuelle, emotionale und körperliche Verletzungen hinterlassen. Diese schufen neue Herausforderungen für Politik und Gesellschaft. Bereits unmittelbar nach Kriegsausbruch musste eine sehr hohe Zahl an Kriegsopfern versorgt, die Volkswirtschaft umgestellt und eine kulturelle Mobilisierung veranlasst werden. Mit Kriegsbeginn wurden bestimmte Kriegsdeutungen gegen konkurrierende Interpretationen verteidigt, waren sie doch elementar für die Suche nach dem Sinn der erbrachten Opfer, der erlittenen Verluste und deren traumatischer Wirkung auf breite Schichten der Bevölkerung.5 Der Göttinger Historiker Dirk Schumann betont, dass nicht nur die Gewalterfahrung des Ersten Weltkrieges prägend war, sondern auch »ihre Interpretation im politischen Streit der Nachkriegszeit«.6 Gewalt wurde auch nach 1918 zur dauerhaften Belastung des politischen Prozesses im Deutschen Reich, aber auch in Großbritannien und in Frankreich. Ähnliche Entwicklungen gab es in Zentral- und Osteuropa.7

Hier setzt der vorliegende Band an, dessen Ziel es ist, bestehende und neue Strukturen der Gewalt und der Gruppenbildung im Ersten Weltkrieg und der Zeit danach zu untersuchen. Die Autorinnen und Autoren analysieren anhand von Fallbeispielen aus dem Deutschen Reich, den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich und den USA die Verbreitung von Gewalt anhand neuer Verhaltensmuster zwischen Tätern, Helfern, Staatsvertretern und Zuschauern. Ziel ist es, die qualitative Radikalisierung und die quantitative Ausweitung von sozialen Praktiken, politischen Interessen und kulturellen Deutungen im Ersten Weltkrieg sowie der Nachkriegszeit zu erfassen und methodisch zu überprüfen. Beleuchtet werden nicht nur die Handlungen der Armeen und paramilitärischer Verbände, es soll auch genauer nach Ursachen geforscht werden, warum immer mehr Zivilisten Gewalt nutzten. Der Schwerpunkt der Aufsätze liegt auf den Beziehungen zwischen Gewalt, Kommunikation und Emotionen als Voraussetzung für die Bildung von Gewaltgemeinschaften. Gewaltbereite Gruppen erhöhen in der eigenen und in der Wahrnehmung vieler Beobachter ihren Stellenwert und festigen durch die Gewalttaten oft ihre politische Legitimation. Die Wirkung der Gewalt ist vor allem durch eine detaillierte Analyse der jeweiligen Situationen, der einzelnen Akteure, erkennbarer Handlungen und Regeln möglich.

Die interdisziplinär geprägte Gewaltforschung steht vor der Herausforderung, über unterschiedlichste Gewaltformen Erkenntnisse zu erlangen, die über die Aussagen, etwa zum politischen Nutzen oder den sozialen Kosten von Gewalt, deutlich hinausgehen. Auch definieren die verschiedenen Disziplinen Gewalt unterschiedlich.8 In der Geschichtswissenschaft wird Gewalt oft nur vage und intuitiv definiert. Untersucht man Gewalt aber als einen Bestandteil eng definierter historischer Prozesse und bestimmter Situationen, können sich Entstehung und Wirkung von Gewalt in der Gesellschaft genauer erkennen und erkunden lassen.

Dieser Band arbeitet mit dem Konzept der Gewaltgemeinschaft. Unter Gewaltgemeinschaften verstehen wir Gruppen, deren Akteure (oft ganz unterschiedlicher Herkunft) sich erst durch gemeinsam ausgeübte oder angedrohte körperliche Gewalt (mitunter spontan) zusammenschlossen. Ziel ist es, zu prüfen, ob und wie sich solche Gewaltgemeinschaften herausbildeten, wie diese sich von anderen Gruppen unterschieden und ob ihre Entwicklung eher als Fortsetzung bestehender Entwicklungen oder durch die neuartigen Herausforderungen des Ersten Weltkriegs zu verstehen ist. Durch den Vergleich ähnlicher und verschiedener Gewaltformen und ihrer Verläufe lassen sich trennscharfe Charakteristika von Gewalt erfassen. So könnte es gelingen, Veränderungen etwa der sozialen Handlungsmuster und der politischen Strategien im und nach dem Ersten Weltkrieg in verschiedenen Staaten zu untersuchen. Und es ist möglich, überraschende Entwicklungen genauer zu analysieren genauso wie nach neuen (Tat-)Orten, neuen Praktiken und neuen Tätern zu suchen.9

Das Konzept der Gewaltgemeinschaft diente insbesondere in der soziologischen und geschichtswissenschaftlichen Forschung als analytische Kategorie. Die Soziologen Axel Paul und Benjamin Schwalb beschrieben etwa in ihrem Interpretationsansatz zu Gewaltmassen, dass die »lose Koppelung« ihrer Mitglieder und das Fehlen von eingeübten Gewalt(präventions)programmen diese von »formalen Gewaltorganisationen wie dem Militär und der Polizei, deren eigentliche Aufgabe jenseits der Abschreckung von Feinden und Kriminellen die kontrollierte und das heißt koordinierte und zielgerichtete Anwendung von Gewalt«, unterscheidet.10 Mit einem breiten zeitlichen Spektrum untersuchte die DFG-Forschergruppe »Gewaltgemeinschaften« in Gießen unter der Leitung des Historikers Winfried Speitkamp Gewalt als Moment des Selbstverständnisses und die Entstehung sozialer Gruppen jenseits staatlicher Kontrolle. »Als Gewaltgemeinschaften«, so Speitkamp, »werden soziale Gruppen oder Netzwerke bezeichnet, für die physische Gewalt einen wesentlichen Teil ihrer Existenz ausmacht«. Trotz aller Strukturen friedlicher Verbände gelte: »Die Regel waren und sind vielmehr Gesellschaften, in denen verschiedene Akteure beständig um Macht, Ressourcen und Anerkennung ringen«. Dabei fallen solche Gruppen ins Gewicht, »die durch permanente Gewaltausübung oder Gewaltdrohung und bei aller historischen und kulturellen Vielfalt doch durch gemeinsame Merkmale charakterisiert sind. Der Begriff der Gewaltgemeinschaften bezieht sich also auf Konstellationen unvollständiger Staatlichkeit; er wird hier nicht für Träger von obrigkeitlicher Gewalt, an erster Stelle Polizei und Militär, angewendet«.11

Mit der Konzentration auf den Ersten Weltkrieg und die Zeit danach soll in diesem Sammelband allerdings keine Abgrenzung zwischen Trägern von obrigkeitlicher Gewalt und Zivilisten getroffen werden. Es geht gerade darum, auch Wechselwirkungen zu entschlüsseln. Die kategoriale Gegenüberstellung von Zivilpersonen und Staat läuft Gefahr, den wichtigen Faktor der sich überlagernden Gewaltformen aus dem Fokus zu verlieren. Feindschaft ist ein Bezugspunkt der jeweiligen Gruppen und nicht notwendigerweise die Ursache der Gewalt. Sowohl staatliche als auch zivile Verbände können vergleichbaren Interessen, Deutungen, Zwängen oder Handlungsmöglichkeiten unterliegen. Die soziale Dynamik und die politischen Umbrüche speziell im und nach dem Ersten Weltkrieg lassen sich allerdings präziser untersuchen, wenn man seltener mit prinzipiellen Grenzziehungen, sondern eher mit Überschneidungen und Transfers arbeitet. Im Kontext der Bedrohung oder dem Verlust staatlicher Legitimation sind die Gewalttaten von aus Zivilpersonen gebildeten Gemeinschaften oft nur schwer von denen militärischer und polizeilicher Verbände zu unterscheiden. Erkennbar sind öffentliche Einschüchterung und die Versuche, bei der Auswahl der Opfer und deren Bestrafung professionell zu handeln. Umgekehrt haben Staat und Institutionen leichteren Zugriff auf die Gesellschaft, da sie Nachrichten effizienter und schneller verbreiten können. Die Chancen staatlicher Gewaltmaßnahmen erhöhen sich dadurch, denn die Behauptung, Gefährder zu bekämpfen, rechtfertigt staatliche Zwänge.12

Die Frage nach dem Ausmaß des Gruppendrucks innerhalb eines Verbandes ist zentral, berührt viele Forschungsfelder, ist aber gleichzeitig schwer zu beantworten. Mit Blick auf die paramilitärischen deutschen und italienischen Kampfverbände zeigt der Konstanzer Historiker Sven Reichhardt, wie Gewalt zur Gruppenbildung innerhalb faschistischer Verbände und zur propagandistischen Verwertung nach außen dienen konnte. Gewalt wurde zum Moment erfolgreicher Kommunikation.13 Doch am Ende tragen sowohl Gruppen als auch Einzelne die Verantwortung dafür, Grenzen zu überschreiten. Gewalthandlungen sind oft selbstbestimmte Entscheidungen. Indem Akteure Gewalt als Mittel der Exklusion nutzen, beanspruchen sie, die bestehende politische, soziale oder kulturelle Ordnung zu sichern oder in Frage zu stellen. Innerhalb dieser Prozesse ist die Handlungsmacht der Akteure, vor allem die Genese von Gewaltlegitimationen, nicht zu übersehen. Erfolgreiche Täterinnen und Täter (und ihre Anhänger) festigen ihre Stellung oder versuchen, ihren Rang in der Gesellschaft aufzuwerten. Eine Aufgabe der Forschung sollte es sein, die bewusste Entscheidung gerade von neuen Tätergruppen zu untersuchen. Gewaltgemeinschaften entstehen durch Aushandlungen in Situationen, auf die sich die Handelnden wiederum beziehen. Deutungen, Bewertungen und Verhalten sind oft untrennbar miteinander verknüpfte Elemente. Insofern sind auch die Alternativen im jeweiligen Kontext zu untersuchen.14 Diese Deutungsoffenheit und Handlungsfreiheit betont auch Peter Imbusch: »Dadurch, dass der Mensch nicht Gewalt ausüben muss, aber immer gewaltsam handeln kann, gewinnt Gewalt ihren beunruhigenden Charakter: Als eine Handlungsoption, als Möglichkeit des Handelns ist Gewalt jederzeit einsetzbar, sie setzt keine dauerhaft überlegenen Machtmittel voraus, weil ihre Mächtigkeit ganz elementar aus der Verletzbarkeit des menschlichen Körpers resultiert.«15

Die Gewaltforschung sollte daher verstärkt das Zusammenspiel zwischen Situation, Handlungsmöglichkeit und Gruppendruck untersuchen. Zwar gibt es in der Geschichte der Gewalt keine automatischen Verschärfungen. Aber mit jeder Ausschreitung können die Regelhaftigkeit und die Wahrscheinlichkeit von Gewalt zunehmen. Der Rückgriff auf bestehende aggressive Weltbilder (Nationalismus, Antisemitismus, Militarismus, Sexismus usw.), die Wiederholung eingeübter Verhaltensmuster sowie die erprobten motorischen Fähigkeiten der Tätergruppen erleichtern die körperliche Verletzung ihrer jeweiligen Gegner. Gewaltbereite Menschen scheinen zunächst jenseits der eigenen Handlung, keine Alternative erkennen zu können. Doch können reflektierte Vergleiche von Kosten und Nutzen der Taten oder die Versuche, einzelne Situationen konkret zu bewerten, manche gewaltsame Entscheidungen verhindern. Die Wiederholung erfolgreicher Verhaltensmuster und Wissensbestände lassen sich als Regeln deuten.

Bei der Beschreibung der unterschiedlichen spezifischen Situationen, die zur Entstehung gewaltbereiter Gruppen führten, wird in den vorliegenden Aufsätzen der Fokus zudem auf den Aspekt Kommunikation gelegt. Die Kommunikation ist der Ausgangspunkt einer Gewaltgemeinschaft, d.h. einer sich bildenden Gruppe. Darauf beziehen sich die folgenden fünf Faktoren, die genau genommen Glieder in einer Kommunikationskette sind: Situationen, Handlungsspielräume, Regeln, Legitimation und Emotionen. So werden verschiedene Formen und Wirkungen der Kommunikation deutlich.16 Im Fokus dieses Sammelbandes stehen daher die Beziehungen zwischen Gewalt und Kommunikation. Die Kommunikation zwischen (einander ja nicht notwendigerweise bekannten) Personen ist die Voraussetzung für die Bildung von Gewaltgemeinschaften. Gewalt ist aber auch eine Form dieser Kommunikation. Durch eine Analyse der Kommunikation soll in diesem Band das Konzept der Gewaltgemeinschaften methodisch geschärft und empirisch genauer beschrieben werden. Die Verbreitung der Gewalt (bei Staatsvertretern, bei bewaffneten Gruppen, aber auch innerhalb der zivilen Gesellschaft) lässt sich vor allem durch die Untersuchung einer wirksamen Kommunikation – genau genommen einer Kette der Kommunikation, zwischen Akteuren, ihren Gegnern und ihren Beobachtern – aufzeigen. Eine solche Beziehungsgeschichte hat den Vorzug, dass sie die herkömmliche heuristische Trennung von staatlichen und sozialen Strukturen, von öffentlichen und privaten Praktiken, von Eliten- und Alltagskultur, von Militärs und Zivilpersonen relativiert. Randall Collins bringt diese Beziehung auf den Punkt: »Gewalt ist gleichsam ein Wegenetz, das Konfrontationsanspannung und Angst umgibt«.17 Durch die Kommunikation innerhalb einer oder zwischen verschiedenen Gruppen werden manche Deutungen und Entscheidungen wahrscheinlicher als andere. Einzelne Geschichten, erworbenes Wissen und eingeübte Praktiken bauen folgerichtig aufeinander auf. Gewalt an sich ist zudem bereits ein Teil der Kommunikation und der Strategie, um mit gemeinschaftsverstärkenden Praktiken eine weiterführende Wirkung in der Durchsetzung von politischen, ökonomischen, sozialen oder kulturellen Interessen zu erzielen. Es lässt sich also fragen, auf welche Art und Weise sich gewaltbereite Gruppen mit bestehenden Herausforderungen auseinandersetzten und wie sie darüber kommunizierten.

Gewaltoffene Räume entstehen oft durch den kommunizierten Zweifel an der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Jörg Baberowski und Gabriele Metzler verweisen in ihrem gemeinsamen Sammelband auf einen alltäglichen Ausnahmezustand in gewaltoffenen »Ermöglichungsräumen« mit ihren die Ordnung in Frage stellenden Kommunikationsformen.18 Gruppen können die bestehende Ordnung in Gefahr sehen und deutlich machen, dass sie es für zwingend halten, in bestimmten Situationen gewaltsam zu handeln. Ewald Frie und Mischa Meier betonen, dass die dann angewendete Bedrohungskommunikation von Gruppen durch starke Emotionen gekennzeichnet ist.19

In der Geschichte der Gewalt sind Emotionen ein einflussreiches Mittel der Kommunikation. Sie ermöglichen, verändern oder beenden die Verständigung zwischen Individuen und Gruppen. Das zeigen vermeintliche Nichtigkeiten, durch die Menschen in Kontakt kommen und gemeinsam für Aspekte in ihrer Umwelt sensibilisiert werden. Die Mitglieder einer Gruppe und mögliche Beobachter können körperliche oder sinnliche Botschaften, attraktive Deutungen und legitime Interpretationen aussenden oder empfangen. Das heißt aber auch, dass diese Gruppen gerade durch ihre eigenen Wahrnehmungen und Weltbilder motiviert wurden.20 Damit sind nicht nur die selektive Wahrnehmung oder spontane Erregungen gemeint. Um ihre Ziele zu verwirklichen, um neue Verbündete zu finden oder alte Gegner zu besiegen, nutzen und erzeugen manche Gewalttäterinnen und Gewalttäter bestimmte Emotionen. Ihnen kommt es darauf an, einen eigenen Raum zu schaffen, den sie selber kontrollieren. Diese Entwicklung ist gut an der vermeintlich gefestigten Heimatfront, wie das zu Beginn der Einleitung beschriebene Beispiel aus London zeigt, zu erkennen, weil dort innerhalb von neu entstehenden Gewaltgemeinschaften primär Zivilpersonen aktiv wurden.

Die Wirkung bestimmter Emotionen erleichtert Gewalttaten. Individuen und Gruppen haben Emotionen nicht einfach, sondern handeln mit diesen und durch diese. Doch wie genau schärft die Emotionsforschung die Erkenntnisse in der Gewaltgeschichte des Ersten Weltkrieges? Es gibt viele Emotionen, die hier mitspielen, von Liebe und Gier, über Freude und Begeisterung. Angst und Wut sind Emotionskomplexe, die Menschen verunsichern und die Gewaltbereitschaft erhöhen.21 Um die Angst zu bekämpfen und die persönliche Ambivalenz aufzulösen, schließen sich Personen mit anderen zusammen. Für einige der sich so findenden Menschen führt die Verunsicherung zu gemeinsamer Angst und Wut. So bilden sich aggressive Gruppen, die tatsächliche oder vermeintliche Feinde rücksichtslos verspotten, verprügeln oder töten.

Die Beziehung zwischen Gruppenbildung und Emotionen ist in der Gewaltgeschichte im Ersten Weltkrieg bisher wenig untersucht worden. Aufschlussreich wäre es, die Verständigung der Täter untereinander, ihre Suche nach sozialer Bestätigung, politischer Sicherheit oder persönlicher Geborgenheit innerhalb einer Gruppe zu erfassen. Gleiches gilt für die Warnungen oder die Angriffe derjenigen, welche die Ausschreitungen gewaltsamer Akteure verurteilten und andere Ziele verfolgten. Tatsächlich eröffnet eine Geschichte der Emotion eine Vielzahl unterschiedlicher methodischer und inhaltlicher Zugänge. Gemeint sind hier nicht naturwissenschaftliche Methoden (etwa der Neurologie oder der Psychologie). Die historische Emotionsforschung könnte helfen, die Beobachtungen, Bewertungen und Handlungen von Gruppen in den Blick zu nehmen. Gewalt gilt hier nicht als körperlicher Automatismus, sondern auch als ein durch Gefühle begünstigtes Moment kollektiver Handlungen, die öffentlich beobachtet und politisch bewertet werden können. Durch Emotionen sind so auch gezielte Entscheidungen und rationale Prozesse leichter erkennbar.22

Nach dem heutigen Kenntnisstand ist es noch unklar, inwieweit durch bestimmte Emotionen neue Verbände in der Gesellschaft entstanden – oder ob umgekehrt bereits existierende Gruppen sich dadurch verständigten. Kollektive Gewalt kann auch als Ergebnis einer emotionalen Gruppenbildung unter Zivilisten bzw. zur Festigung innerhalb der Armee interpretiert werden. Emotionen, so die Vermutung, erleichtern durch soziale Einflüsse, politische Interessen oder akzeptierte militärische Befehle die Entstehung einer neuen Gewaltgemeinschaft und strukturieren deren Handlungsspielraum. Manche Ereignisse könnten präziser erfasst werden, würde man Gewalt stärker als bislang als eine sinnliche Erfahrung der Gewalttätigen untersuchen und zeigen, wie manche Emotionen die Menschen motivierten, gewaltsam einzugreifen – andere dagegen dazu führten, nicht einzugreifen. Untersuchen ließe sich, wie Emotionen Wahrnehmungen strukturierten, Handlungen beschleunigten und zwischenmenschliche Beziehungen verstärkten. Manchmal wurden tatsächliche oder scheinbare Bedrohungen erst durch Emotionen wahrnehmbar. Deshalb sollte man Täter, Opfer und vermeintlich passive Beobachter nicht kategorisch voneinander trennen.23 Die Analyse der Emotionen könnte eine veränderte Sicht auf die radikal sinkende Gewaltschwelle, auf tödliche und nicht-tödliche Gewaltakte bieten. Viele Gewalttäter erweiterten ab 1914 ihren Handlungsspielraum, indem sie die erst durch die Bedingungen des Krieges legitim gewordenen Grenzüberschreitungen nutzten. Weil gewaltsame Handlungen öffentliche Aufmerksamkeit erregten, verbreitete sich Panik auch unter größeren Gruppen, bildeten sich häufiger als zuvor emotionale Beziehungen in der Gesellschaft und unter Menschen, die sich nicht kannten.24

Um verschiedene Tätergruppen oder Schwerpunkte von Gewalt zu erfassen, scheint es aussichtsreich, stärker als bislang nach dem »Was« und dem »Wie« zu fragen und seltener nach dem klassischen »Warum«. Die Geschichtswissenschaft könnte von diesem Wechsel der Perspektive und der Verschiebung der Prioritäten profitieren, ohne dabei einen bestehenden Erklärungsansatz zu trivialisieren. Nach Auffassung des Siegener Soziologen Trutz von Trotha ist eine Ablösung der Frage nach dem »Warum« durch die Frage nach dem »Wie« in diesem Fall »nichts anderes als die Relativierung einer vergleichsweise statischen und deterministischen Sicht menschlicher Erfahrungswirklichkeit durch eine dynamische und – darin eingeschlossen – historische Sicht, die den sozialen Akteuren und dem sozialen Handeln einen gewissen Vorrang in der Grundlegung der soziologischen Analyse einräumt«. Die »Wie-Frage«, so argumentiert auch der Soziologe Peter Imbusch, unterscheide sich von der »klassischen ›Warum?‹-Frage dadurch, dass sie den prozessualen und konstitutiven Charakter menschlichen Handelns in den Blick nimmt«.25

In den hier vorliegenden Fallbeispielen stehen daher die Beziehungen zwischen Gewalt, Kommunikation und Emotion in ganz spezifischen Situationen im Vordergrund. Bestimmte Situationen gaben Akteuren die Gelegenheit, sich neu zu verständigen. Gewaltsames Handeln ergab sich nicht zwangsläufig, sondern aus den von Gewalteingriffen erwarteten Wirkungen in politischen, sozialen und kulturellen Lagen. Situationen verändern sich oft schneller und deutlicher als die Interessen oder die Ideologien der Gewalttäter. Deshalb sollte die Gewaltforschung nicht nur auf die gesellschaftlichen Weltbilder von Gruppen oder die persönlichen Wünsche einzelner blicken, sondern vor allen auf die Momente und die Kontexte, in denen sie handeln.26 Gewalttäterinnen und Gewalttäter verfügen über Handlungsspielräume. Sie sind dafür verantwortlich, sich gewaltsam oder friedlich zu verhalten und oft in der Lage zu wählen. Ein Ziel der Autorinnen und Autoren ist es daher in diesem Band zu prüfen, ob und wie sich Gewaltgemeinschaften herausbilden und wie diese sich von anderen Gruppen unterscheiden. Die Untersuchung der Kommunikation ermöglicht es, ähnliche und unterschiedliche Gewaltausbrüche zwischen zivilen Gruppen und staatlichen Akteuren, zwischen Tätern und Opfern deutlicher als bislang zu erfassen, in verschieden Regionen und Nationen zu untersuchen und besser zu begründen.27

Arbeiten zum radikalen Nationalismus, zur Vergesellschaftung von Gewalt, zur Besatzungspolitik im Ersten Weltkrieg, zur Perzeption von ethnischer Gewalt und zur politischen Gewalt in der Weimarer Republik – alle verorten ihre Ergebnisse auch im Rahmen der wissenschaftlichen Debatte um Kontinuitäten und Wandel.28 Zu dieser Debatte gehört auch der vor allem von englischsprachigen Historikerinnen und Historikern geprägte Begriff des »German Way of War«.29 Dieser beschreibt eine spezifische Art der deutschen Militärkultur im Deutschen Kaiserreich, die durch fehlende Kontrolle des Militärs durch zivile Instanzen vor allem zu einer radikalen Kriegführung besonders gegenüber Zivilpersonen geführt habe. Auch wenn in vielen Forschungsarbeiten vor zu straff gezogenen Kontinuitätslinien gewarnt wird,30 werden die Massenmorde an der Ostfront und die Besatzungsherrschaft in Litauen oft durch den Blick auf den Zweiten Weltkrieg gedeutet.31

Die militärhistorische Perspektive greifen in diesem Sammelband die Beiträge von Peter Lieb und Christin Pschichholz auf. Beide Aufsätze verdeutlichen, dass das Konzept der Gewaltgemeinschaften auch für die Militärgeschichte nutzbar gemacht werden kann, die spezifische Kriegssituation allerdings als Ausgangspunkt der Analyse im Blick behalten werden muss. Peter Lieb legt durch den Vergleich der Kriegshandlungen in der Ukraine mit denen im Baltikum in den Jahren 1918/19 dar, dass der Antibolschewismus sich als wichtige Kontinuitätslinie von 1918 bis 1945 durch alle Konflikte mit deutscher Beteiligung zog und ein entscheidender Grund für die Enthemmung der Gewalt war. Die Formierung von Gewaltgemeinschaften sei allerdings eher für den weitgehend staatenlosen Gewaltraum im Baltikum 1918 zu erkennen als in der Ukraine.

Christin Pschichholz widmet sich der Einwilligung der deutschen Offiziere zu den Deportationen der armenischen Bevölkerung aus dem Operationsgebiet an der osmanisch-russischen Grenze, die in der Forschung bisher kontrovers diskutiert und auch als Ausdruck einer radikalen und spezifisch deutschen Militärkultur bewertet wurde. Die Analyse der zeitlichen Abläufe und die Rezeption der Situation beider Verbündeter legt allerdings nahe, dass die Entscheidung im Frühjahr 1915 auf unterschiedliche Erfahrungshorizonte traf und die Lage eher als eine Verflechtung unterschiedlicher Militärkulturen zu verstehen ist.32

Matthew Stibbe betont in diesem Band, wie wenig hilfreich es sei, die Zwänge in der Armee kategorisch von den Möglichkeiten der Zivilbevölkerung zu trennen und Soldaten die eigenen Wahrnehmungs- oder Handlungsspielräume zu rasch abzuerkennen. Die Analyse gemeinsamer Bezugspunkte und Praktiken sei aufschlussreicher. Stibbe richtet den Blick auf die Etappengebiete der deutschen Armee in Nordfrankreich und beleuchtet die Entrechtung von Zivilistinnen und Zivilisten unter der Besatzung und die Entwicklung gewaltsamer Praktiken, die auch eine Rückwirkung auf zivile Beamte im Umgang mit sogenannten Arbeitsverweigerern in Südbayern hatten.

Das Verhältnis von Emotion und Gewalt ist der Schwerpunkt des Aufsatzes von Sven Oliver Müller. Er untersucht die Übergriffe von Zivilisten auf andere Zivilisten nach der Bombardierung britischer Städte durch deutsche Zeppeline. Die Opfer gewaltbereiter britischer Zivilpersonen stammten in der Regel aus Deutschland. Müller argumentiert, dass Emotionen bei diesen sich meist spontan bildenden Gruppen wichtige Faktoren waren, die Kommunikation in der Öffentlichkeit beschleunigten und die Handlungen der Täter und Täterinnen legitimierten. Faszination, vor allem aber Angst und Wut, seien die stärksten Formen emotionaler Mobilisierung und wichtige Ursachen für die Unkontrollierbarkeit des Konfliktes und der Gewalthandlungen. Staatliche Akteure hätten bei ihren Forderungen zur Einhegung des Konfliktes weit häufiger rechtsstaatliche und soziale Grenzen gewahrt als Zivilpersonen. Die Verfolgungen von tatsächlichen und vermeintlichen Feinden durch zivile Gruppen ließ sich als ein Wille zum Kontrollverlust verstehen.

Durch die Analyse von Emotionen werden Netzwerke der Kommunikation auch jenseits großer Versammlungen oder Pressekampagnen sichtbar. Die Erschaffung von Bedrohungen und Ängsten, aber auch von Freude und Geborgenheit, geschah häufig durch die persönliche Vermittlung von Nachrichten. Verständigungsformen waren Briefe, Geschichten, Gerüchte, Symbole, Fotografien oder Witze. Sie setzten und veränderten Maßstäbe – etwa wie öffentlich über Ziele und Verhaltensmuster geredet werden konnte – und halfen, zwischen legitimer und illegitimer Gewalt zu unterscheiden.33 Manchen Gruppen gelang es, in Interaktionssituationen auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, durch Emotionen eigene Handlungen zu legitimieren und damit neue Maßstäbe in einer vermeintlich friedlicher werdenden Gesellschaft zu setzten. In den USA, so der Beitrag von Jörg Nagler, wirkten Staat und Propaganda nicht als regulierende Instanzen, sondern als eskalierende. Die durch enthemmte Gewaltexzesse bedrohten Opfer waren Deutsche und – vor allem in der Nachkriegszeit – Afroamerikaner. Der emotionale Erregungszustand an der US-amerikanischen Heimatfront während des Ersten Weltkrieges wirkte noch in die Nachkriegszeit hinein. Die allgegenwärtige »Red Scare« ging eine Symbiose mit dem Rassismus ein und führte zu Gewaltexzessen in Form von Rassenunruhen, Massakern und Lynchmorden, bei denen sich aus divergierenden Motivlagen sehr unterschiedlich zusammengesetzte Gewaltgemeinschaften herausbildeten.

Gewalttätige Ausschreitungen können die Regelhaftigkeit von Gewalt erhöhen. Ein kontrastierendes Beispiel ist der von Wim Klinkert dargestellte Umgang mit Gewalt in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in den Niederlanden. Die revolutionären Ereignisse in Deutschland und Russland wurden hier sorgfältig beobachtet und führten zu einer Verstärkung des Sicherheitsapparates. Einige von ausländischen Zäsuren inspirierte Formen der Gewalt, die von linken und ab den 1930er Jahren auch von rechten Parteien und Gruppen ausgeübt wurden, galten bei breiten Bevölkerungsschichten als existenzielle Bedrohung der niederländischen Gesellschaft. Sowohl die geringere ideologische Aufladung als auch das schnelle Handeln des Staates beendeten viele Konflikte rasch.

Die Kriegsdeutung und Erinnerung waren in der deutschen Nachkriegszeit von einer deutlich größeren und eben auch gegensätzlicheren Bandbreite bestimmt. Sie reichte vom Krieg als Inbegriff des sinnlosen Opfers von Millionen bis hin zu heroischen Interpretationen des männlichen Kämpfers, der nach dem Krieg den Wiederaufbau der Nation anführen sollte. Der Beitrag von Florian Schreiner zeigt in diesem Zusammenhang die deutschen Universitäten als militär- und gewaltaffine Komplexe während des Ersten Weltkrieges. Aber auch in der Frühphase der Weimarer Republik wurden durch die Freiwilligenformationen die akademischen und die militärischen Akteure handlungsmächtig. Das galt sowohl für regionale als auch für überregionale Spektren. Dementsprechend vereinten sie die politischen wie militärischen Denkstile, die die Strukturen der Universitäten auch über das Kriegsende hinaus bestimmten und zu einem Spannungsverhältnis zwischen organisierter Arbeiterschaft und Bildungsbürgertum führten. Das entlud sich folgenschwer in den Gewalteruptionen der Märzunruhen 1920 sowie im Oberschlesischen Aufstand des Jahres 1921.

Gewaltbereite Gruppen oder bewaffnete Verbände sind in der Lage, ihre politische Legitimation zu festigen. Sie nutzen ihre Härte als Demonstration, hoffen durch selbst verübte Gewalt auf legitime Anerkennung. Vielleicht verbindet die Täterinnen und Täter schon die Bereitschaft zur Gewalt. Jan Philipp Reemtsma nennt das »Gewaltpartizipation«. Die Rede ist von der Chance auf politische Partizipation von Millionen von Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern. Zehntausende versuchten, in der Öffentlichkeit unverkennbare Wegmarken zu setzten, das heißt, vom persönlichen Spott über politische Forderungen bis hin zur körperlichen Gewalt, Erfolge in der Gesellschaft zu erzielen. Loyale Bürgerinnen und Bürger, aber auch manche oppositionellen Gruppen rechtfertigten ihre Handlungen durch einen Gerechtigkeitsanspruch. Gewaltbereite Gruppen beanspruchten durch die Berufung auf den eigenen militärischen Einsatz oder durch persönliches Engagement einen scheinbar »gerechten« Anteil am politischen Gemeinwesen. Dadurch lassen sich sowohl die soziale Öffnung gewaltbereiter Gruppen als auch die Entstehung neuer Handlungsmöglichkeiten erkennen. Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus profitierten im frühen 20. Jahrhundert von dieser Entwicklung.34 Selbst brutale Gewalt von Zivilisten gegen andere Zivilisten konnte öffentlich als mutige und legitime Handlung gerechtfertigt oder sogar als freudiges Ereignis gefeiert werden.35

Nach dem Urteil von Max Weber charakterisiert gerade das Monopol der Gewalt den modernen Staat. In seinem Hauptwerk »Wirtschaft und Gesellschaft« ordnet er alle Alternativen dieser Rechtsform unter: »Staat soll ein politischer Anstaltsbetrieb heißen, wenn und inwieweit sein Verwaltungsstab erfolgreich das Monopol legitimen physischen Zwanges für die Durchführung der Ordnungen in Anspruch nimmt.« Und weiter unten heißt es »Der Staat ist ebenso wie die ihm geschichtlich vorausgehenden politische Verbände, ein auf das Mittel der legitimen (d.h. als legitim angesehenen) Gewaltsamkeit gestütztes Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen … er gilt als alleinige Quelle des ›Rechts auf Gewaltsamkeit‹«.36 Für Sebastian Elsbach sind die Arbeiten Max Webers der methodische Schlüssel, um in seinem Aufsatz die politisch motivierte Gewalt der Weimarer Republik anhand Rotfrontkämpferbund, Stahlhelm, Sturmabteilung und dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold zu untersuchen. Max Webers methodische Befunde über Macht und Gewalt hätten vor allem dann Geltung, wenn man zusätzlich den mikrosoziologischen Ansatz von Randall Collins nutze.

Die Forschung über die Geschichte der Gewalt arbeitet in den letzten Jahren verstärkt mit der Kategorie des Raums und sieht darin einen Faktor der Mobilisierung von kollektiver Gewalt. Damit verbunden ist das Interesse an der Gewaltmobilisierung in totalitären Staaten und sich rasch verändernden Gesellschaften. Doch das Räumliche gilt nicht als gegebene und konstante Größe. Die jeweiligen Städte, Strafanstalten, Verkehrswege oder Schlachtfelder, für deren Kontrolle Menschen ihr Leben aufs Spiel setzten, sind nicht die Bezugspunkte in diesem Ansatz. Räume sind kulturelle Konstrukte, versehen mit verschiedenen Bedeutungen für jene, die diese Räume schaffen und durch diese ihre Gewalt legitimieren. In vielen Situationen ermöglichten veränderte Wahrnehmungen und neue Handlungsmöglichkeiten bewaffneten zivilen Gruppen oder Freikorps, Räume zu betreten, die ihnen bislang verschlossen geblieben waren. Jörg Baberowski lenkt den Blick auf »ungeordnete« Gewalträume. In seiner Studie über »Räume der Gewalt«, hebt er hervor, dass Gewalt gerade in diesen unkontrollierten und sanktionsfreien Räumen wirke. »Wenn wir verstehen wollen, wie Gewalt entsteht und was sie anrichtet, müssen wir die Situationen genau beschreiben und die Räume, in denen sie zur Entfaltung kommt«. Es gehe auch um »jene unsichtbaren Räume, die durch die Vorstellungen einer gemeinsam geteilten Welt entstehen. Sie steuern das Verhalten von Gruppen und geben ihnen eine Kontur. Nicht Ideen und Gründe, sondern die Räume, ihre Situationen und Handlungszwänge entscheiden darüber, was mit uns geschieht, wenn die Gewalt ausgebrochen ist. Über sie haben Täter und Opfer keine freie Verfügung«.37

Nach Auffassung der Hamburger Historikerin Ulrike Jureit liege die Gefahr dieses Raumkonzeptes allerdings darin, dass manche Forschenden sich mit Gewalträumen beschäftigen, die sie durch ihre eigenen Zuschreibungen selbst erschaffen haben und die Gewalt an sich so zum Erklärungsmuster wird. Erkenntnismöglichkeiten schwänden dadurch, dass »in den neuen Gewalträumen die Gewalt selbst zur Klammer zwischen ansonsten in jeder Hinsicht heterogenen Konfliktlagen« wird. Die entscheidende Aufgabe bleibe es zu prüfen, ob die Existenz kollektiver Gewalt tatsächlich das entscheidende Moment für die Entstehung von Gewalträumen ist. Eine methodische Bereicherung der Gewaltforschung wäre es, zu untersuchen, dass in diesen zunächst leeren Räumen Wissen generiert, Zusammenhänge legitimiert werden. Diese Verfügung bilde ein wichtiges Element in der »Tradierung von Gewaltwissen«.38

Vor diesem Hintergrund beleuchtet Ulrike Jureit in diesem Sammelband im Zusammenhang mit Gruppenbildungsprozessen einen der ersten Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung nach der nationalsozialistischen Machtübernahme. Am 25. März 1934 fand dieser Angriff in Gunzenhausen, einer mittelfränkischen Kleinstadt, statt und zog einen Prozess gegen 25 SA-Männer nach sich. Anhand der Gerichtsakten wird der Pogrom mikrohistorisch rekonstruiert und die Interdependenz von städtischem Raum, mobilisierten Gewaltakteuren und kollektiven Gewaltformen theoretisch wie empirisch ausgelotet, um auch die Aneignung, Einübung und Erprobung von Gewaltpraktiken sowie die Tradierung von Gewaltwissen in den Fokus zu rücken.

Mit einer Zusammenfassung über die methodischen Überlegungen und die Forschungsperspektiven erörtert Jörg Echternkamp abschließend die Grenzen und Chancen des Konzepts der Gewaltgemeinschaften und die den Sammelband leitenden Fragen und Konzepte zu einer Geschichte der Gewalt im und nach dem Ersten Weltkrieg. Diese Geschichte benötigt detaillierte Fallbeispiele, genaues Wissen über die jeweiligen Gruppen sowie darüber, wie die Formen der Gewalt national wie transnational zu erkennen und zu vergleichen sind.

Der vorliegende Forschungsansatz und seine Themen werfen eine Vielzahl von neuen Fragen auf, deren Beantwortung zu weiteren führen dürfte: Wie stark war der Gruppendruck und gab es gemeinschaftliche Entscheidungen zur Gewalt? Waren die Täterinnen und Täter gezwungen zu gehorchen, etwa weil sie der Armee oder der Polizei angehörten? Auf welche Art und Weise mussten sie mit Gegenwehr oder mit Bestrafung rechnen? Wie verbanden gewaltsame Handlungen unterschiedliche Tätergruppen? Begünstigten bestimmte Situationen den Ausbruch von Gewalt? Bestimmten spezifische Ziele und Interessen die Formen der Gewalt? Warum sind in den unterschiedlichen politischen Strukturen im Deutschen Reich, in Großbritannien, in den neutralen Niederlanden, ja sogar in globaler Perspektive, vergleichbare Formen kollektiver Gewalt zu erkennen?

Wenn auch die Anzahl der Probleme, der Akteure oder bereits die Menge des Quellenmaterials kaum zu überblicken sind, verspricht das Konzept der Gewaltgemeinschaft ein Erkenntnisgewinn für die Forschung. Es erleichtert, den Gewaltbegriff einzuengen, verschiedene Tätergruppen und Opfergruppen zu bestimmen und an Einzelfällen zu zeigen, wer und wer nicht legal über Leben, Gesundheit, Tod oder Besitz entscheiden konnte. Die größte Stärke des Konzeptes Gewaltgemeinschaft ist es, dass es manche Konfliktlinien im Ersten Weltkrieg durch eine Analyse der Kommunikation sichtbarer macht. Erkennbar werden hier wie dargestellt, Kommunikationsformen, die wie die Glieder einer Kette ineinandergreifen, die aufeinander einwirken. Sie reichen von den Situationen, den Handlungsspielräumen, den Regeln, der Legitimation bis zur Wirkmacht der Emotionen. Unser Ziel ist es, sich mit diesem Ansatz der Gewaltgeschichte auseinanderzusetzen, die vorgeschlagenen Argumente und Bewertungen zu bestätigen, zu kritisieren oder zu verwerfen. Der größte Gewinn des Bandes wäre, wenn der laufenden Forschungsdebatte neue Impulse gegeben werden könnten.

Zum Schluss lohnt ein Rückblick auf den Beginn dieser Einleitung, in der es um die Gewalttaten britischer Zivilistinnen und Zivilisten gegen deutsche Immigranten in London 1915 ging. Auf vielfältige Art und Weise entwickelten sich Gewaltgemeinschaften. Die Familie Schoenfeld floh beim wütenden Angriff der britischen Randalierer aus ihrem Haus und fand Unterkunft bei Nachbarn. Adolph Schoenfeld war ein Jude aus Deutschland, der als Jugendlicher um 1870 nach London immigrierte. Seine Frau Hermine und er bekamen 5 Kinder. Ihr einziger Sohn bekam ebenfalls den Namen Adolph und diente in der Britischen Armee, im Infanterieregiment Middlesex. Adolph Schoenfeld veröffentlichte wenige Wochen nach den Gewalttaten gegen ihn und seine Familie einen Artikel in der London Gazette am 9. Juli 1915. Es war ein uneingeschränktes Bekenntnis zur Britischen Nation. Denn seine Familie werde in Zukunft einen neuen, einen für alle Zeiten gültigen und ehrbaren Nachnamen tragen. Folgerichtig unterzeichnete er mit »Adolph Sheffield, late Adolph Schoenfeld«. Seinen Vornamen behielt er.

Gewaltgemeinschaften und staatliches Ordnungsdenken: Das deutsche Militär in Osteuropa 1918/19

Peter Lieb

1.Einleitung

Zu Beginn sei eine These vorangestellt: Bei einem Vergleich der drei großen kriegführenden Mächte in Osteuropa zwischen 1914 und 1917 – also Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland – scheint sich nach den bisherigen Erkenntnissen das Deutsche Reich in der Entgrenzung des Krieges noch am ehesten zurückgehalten zu haben.39 Das deutsche Militär führte einen weniger gewaltsamen Krieg gegen die Zivilbevölkerung und behandelte seine Kriegsgefangenen besser als Österreich-Ungarn und vor allem Russland. Wenn man – hypothetisch – 1916/17 neutralen Beobachtern der Ostfront die Frage gestellt hätte, welche der drei kriegführenden Großmächte 25 Jahre später die jüdische Bevölkerung systematisch vernichten und für weitere massive ethnische Säuberungen in Osteuropa verantwortlich sein würde, so hätten diese Beobachter wohl häufiger auf Russland verwiesen als auf das Deutsche Reich. Doch die Entwicklung der Geschichte lief bekanntlich anders; das Deutsche Reich führte ab 1939 zunächst in Polen und dann vor allem ab 1941 gegen die Sowjetunion einen Vernichtungskrieg.

Trotz der soeben genannten These bleiben Fragen: Gab es für diesen Vernichtungskrieg von 1939/41 bis 1944 bereits im Ersten Weltkrieg einen direkten oder indirekten Vorläufer? Welche Kontinuitäts- oder Entwicklungslinien lassen sich für die Gewaltkultur des deutschen Militärs vom Ersten in den Zweiten Weltkrieg ziehen? Welche Rolle spielte der Erste Weltkrieg für den Erfahrungshorizont der Nationalsozialisten und der Militärs im Zweiten Weltkrieg? All dies sind Fragen, die in der Forschung nicht neu sind.40

Für diese Fragen erscheinen zwei Episoden deutscher Ostpolitik in der Endphase des Ersten Weltkrieges von besonderem Interesse für die Gewaltgeschichte des deutschen Militärs: Die Besetzung der Ukraine durch die Mittelmächte 1918 sowie die Kämpfe deutscher Freikorps und auch regulärer Truppen im Baltikum 1919. Lassen sich also die Ukraine 1918 oder das Baltikum 1919 als missing link für die deutsche Kriegführung zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg ausmachen? Dieses Problem soll anhand folgender Schwerpunkte untersucht werden: Erstens, die Behandlung des gefangenen Gegners; zweitens, dem Umgang mit der Zivilbevölkerung; drittens, der Einfluss des Anti-Bolschewismus und des Antisemitismus.

2.Politischer Kontext und Charakter der Kriege

Vorab einige Beobachtungen zum politischen Kontext und zum Charakter des Krieges in der Ukraine 1918 und des Baltikums 1919:41 Beide Regionen waren sowohl Teil der deutschen Ostexpansion im Zeitalter des Ersten Weltkrieges als auch Teil eines Unabhängigkeitskrieges sowie Teil des Russischen Bürgerkrieges. Beide Male wurden die Deutschen von der jeweiligen nationalen Regierung als Schutzmacht gegen die Bolschewiki ins Land gerufen. Und beide Male fehlte eine klare deutsche Strategie gegenüber dem jeweiligen Land, wobei vor allem unklar blieb, wie stark der direkte deutsche Einfluss auf die Landespolitik sein sollte.

Unterschiedlich war aber die staatliche Kontrolle durch die Reichsregierung über die Truppen im Land. In der Ukraine 1918 waren es reguläre staatliche Verbände und damit das offizielle Exekutivorgan der deutschen Reichsregierung. Im Baltikum 1919 war die Sache vielschichtiger. Anders als häufig angenommen, gab es dort nicht nur Freikorps42, sondern drei Arten von Verbänden. Erstens entsandte die Reichsregierung mit der 1. Garde-Reserve-Division einen regulären Großverband ins Baltikum. Ähnlich verhielt es sich auch mit der »Eisernen Division«, die sich aus Soldaten des sich zurückziehenden Ostheeres rekrutierte.43 Diese Soldaten waren allesamt aus freien Stücken im Osten. Dies galt auch für die zweite Gruppe von militärischen – oder hier besser: paramilitärischen44 – Verbänden, die Freikorps. Hierbei handelte es sich um Freiwillige, die durch Siedlungsversprechen angelockt, im Baltikum ihr Glück versuchten. Schließlich gab es, drittens, noch die Baltische Landeswehr.45 Sie rekrutierte sich aus den ortsansässigen Deutschbalten und war zunächst die Streitkraft der bürgerlichen lettischen Regierung, meuterte aber später gegen diese.

Die Ereignisse in der Ukraine 1918 lassen sich in zwei Phasen unterteilen: Der sogenannte Eisenbahnfeldzug zur Besetzung des Landes von Februar bis Anfang Mai 1918 war die erste Phase;46 hier war der Gegner die ukrainischen Bolschewiki. Die zweite Phase dauerte bis November 1918 und gilt als eigentliche Besatzungszeit. Hier kam es regional zu einigen Bauernaufständen, die ihren Ursprung in sozialen Spannungen hatten und von den Bolschewiki unterstützt wurden. Der Gegner der deutschen Besatzungsmacht waren mithin klassische Aufständische, aber auch anarchistische Gruppierungen.

Die Entwicklung im Baltikum 1919 lässt sich in drei Phasen einteilen: Die erste dauerte von Januar bis April 1919, als die deutschen bzw. deutschbaltischen Truppen gemeinsam mit der bürgerlichen lettischen Regierung gegen die Bolschewiki kämpften. Die zweite Phase ging von Mai bis Juni 1919, als die Deutschen gegen Bolschewiki und bürgerliche lettische Kräfte kämpften. Und die dritte begann, als nach dem Befehl der deutschen Reichsregierung im Juni 1919 ein Teil der Baltikumstruppen meuterte und sich der »weißen« Westrussischen Befreiungsarmee anschloss. Gegner waren hier erneut lettische Bürgerliche und die Bolschewiki. Zwar gab es im Baltikum eine Art Frontlinie, doch erinnerte dieser Krieg viele Zeitgenossen an Kolonialkriege mit vielen kleinen Gefechten. Der Gegner waren – ähnlich wie in der Ukraine – einerseits halbreguläre Einheiten an der Front und andererseits irreguläre Kräfte im Rücken. Heute würde man diese Art des Krieges wohl als »hybriden Krieg« bezeichnen, also eine Mischung aus regulärem und irregulärem Krieg, wobei auch privat organisierte Gruppierungen ohne spezifische politische Ausrichtung als Gewaltakteure auftreten können.47

Um den großen Unterschied herauszustreichen: In der Ukraine 1918 operierten die deutschen Truppen in festen militärischen Hierarchien als reguläre Streitkräfte der deutschen Reichsregierung. Im Baltikum 1919 war es eine Mischung aus regulären Truppen und paramilitärischen Verbänden, bestehend aus Reichsdeutschen und örtlichen Deutschbalten. Sie entzogen sich weitgehend der Kontrolle einer staatlichen Regierung und machten häufig ihre eigene Politik.

3.Behandlung des gefangenen Gegners

Als die deutschen Truppen im Februar 1918 in die Ukraine einmarschierten, hatten sie zunächst keine klaren Befehle, wie mit den gefangenen Bolschewiki zu verfahren sei. Offenbar lag die Entscheidung bei der Truppe selbst. Im März 1918 gab es allerdings dann einen zentralen Befehl, sämtliche bewaffnete – Betonung: bewaffnete – Bolschewiki umgehend zu erschießen. Das offizielle Argument war, dass die Bolschewiki keine regulären Kombattanten seien.48 Juristisch gesehen, lag die deutsche Seite damit nicht unbedingt falsch, denn in der Tat war es zweifelhaft, ob die Bolschewiki die Bedingungen der Haager Landkriegsordnung erfüllten.49

Ein Punkt ist hierbei wichtig: In der Ukraine war die politische Lage extrem unübersichtlich. Viele rivalisierende Gruppierungen verschiedenster politischer Couleur wie Bolschewiki, Sozialrevolutionäre oder Anarchisten, aber auch kriminelle Banden versuchten, die Macht in den Dörfern und Städten an sich zu reißen.50 Da diese Gewaltgemeinschaften sich äußerlich häufig gar nicht voneinander unterschieden, war es für die Truppen der Mittelmächte meist gar nicht möglich, zu erkennen, mit wem sie es gerade zu tun hatten. Selbst die einheimische Bevölkerung konnte häufig keine rechte Unterscheidung treffen und berichtete den deutschen Truppen allerorts von Bolschewiki.51 So diente der Begriff »Bolschewisten« mitunter als Kategorie, um den Feind besser greifbar zu machen. Hinzu kamen Bedrohungsängste im Rücken der Front, wie ein Befehl der deutschen 9. Armee zeigte, der explizit einen Bogen zu den Ereignissen in Belgien und Nordfrankreich 1914 spannte. Aufstände sollten daher »im Keime erstickt werden«.52

Bei der Truppe selbst schienen sehr bald zweifelhafte militärische Nützlichkeitserwägungen eine Rolle gespielt zu haben. So schrieb der Kommandeur der bayerischen 1. Kavallerie-Brigade im Mai 1918 nach den Gefechten an der Landenge von Perekop auf der Krim, sein Verband habe keine Gefangenen gemacht. Als Begründung gab er an, »dass sich großer Schrecken […] im Feinde verbreitete, wie alle Einwohner einheitlich aussagten […].« Die militärischen Erfolge, seien »hauptsächlich auf die Rücksichtslosigkeit unserer Truppen zurückzuführen«53, so der Kommandeur.

Zum größten Verbrechen kam es Mitte Juni 1918 bei Taganrog, als der deutsche Oberst Arthur Bopp nach einem missglückten amphibischen Landungsversuch bolschewikischer Kräfte die überlebenden 2.000 Gefangenen umbringen ließ. Zwar missbilligte die deutsche Heeresgruppe Eichhorn-Kiew den eigenmächtigen Befehl Bopps, zog aber daraus keine Konsequenzen. Der Vorfall schien der Heeresgruppe offenbar nicht schwerwiegend genug, um den Oberst seines Kommandos zu entheben. Bopp wiederum rechtfertigte sich mit dem Hinweis auf vorherige Verbrechen der Bolschewiki, die ihrerseits keine deutschen Gefangenen gemacht und die Zivilbevölkerung terrorisiert hätten.54 Im Kampf gegen die Bolschewiki schien so manchem deutschen Offizier offenbar jedes Mittel recht.

Ganz sicher ist aber auch, dass die Verbrechen der Bolschewiki entscheidend zur Eskalation auf allen Seiten beitrugen. Dabei begingen die Bolschewiki nur vergleichsweise wenige Gräueltaten direkt an deutschen Soldaten, da sie sich diesen weit unterlegen fühlten.55 Hingegen boten die einheimischen »Klassenfeinde« wie Adel, Großgrundbesitzer oder Offiziere der ehemaligen zaristischen Armee56, aber auch die vergleichsweise wohlhabenden deutschen Siedler im Süden der Ukraine ein viel leichteres Ziel für die bolschewikische Gewalt. Gerade von den deutschen Siedlern – so steht zu vermuten – hörten die deutschen Soldaten aufgrund der fehlenden Sprachbarriere viel von den bolschewikischen Gewalttaten.57 Doch auch an anderen Orten in der Ukraine trafen die deutschen Truppen auf Spuren dieser Gewalt. Dies wiederum schien das vorgefertigte Feindbild der Deutschen nur zu bestätigen; Gerüchte und Realität vermischten sich schon früh in der Gewaltrezeption. Die deutschen Truppen glaubten sich daher legitimiert, gegen einen grausamen bolschewikischen Feind radikale Mittel anwenden zu dürfen. Die österreichisch-ungarischen Truppen agierten im Übrigen nicht anders.

Auch im Baltikum 1919 war die gemeinsame deutsche Sprache ein wichtiges Medium. Denn auch hier erfuhren die reichsdeutschen Soldaten von den örtlichen Deutschbalten von den Verbrechen der Bolschewiki. In der Tat waren die Deutschbalten als Vertreter der Oberschicht und des Bürgertums in Lettland der etablierte »Klassenfeind« der Bolschewiki. Soziale und ethnische Motive vermengten sich hierbei, so dass die meisten Opfer des »Roten Terrors« Deutschbalten waren. Ein Befehl des Oberstabs der Baltischen Landeswehr drückte dies im Juni 1919 explizit so aus: »Es entsteht letzten Endes hier nicht die Frage, ob man kämpfen will. Man muss kämpfen, wenn man nicht untergehen will«.58 Es war für die Deutschbalten also ein Existenzkampf. So erklärt sich zumindest teilweise, warum die deutschen bzw. deutschbaltischen Truppen mit gefangenen Bolschewiki stets kurzen Prozess machten und sie sofort nach Gefangennahme erschossen. Allerdings erreichte die Brutalität im Baltikum noch eine weitere Stufe des Kulturbruchs, wie der Umgang mit den Toten zeigte. Wie Gegenbefehle belegen, war es nämlich häufig Usus, die Leichen der Bolschewiki einfach in die Flüsse zu werfen.59

4.Behandlung der Zivilbevölkerung

Kommen wir zum zweiten Aspekt, der Behandlung der Zivilbevölkerung. Hier zeigen sich zweifellos die größten Unterschiede zwischen der Ukraine 1918 und dem Baltikum 1919. Um die deutsche Ukrainepolitik zu verstehen, sei ein Befehl der Heeresgruppe Linsingen vor Beginn des Feldzugs zitiert: »Die beginnenden Operationen gelten nicht dem russ[ischen] Volke, sondern den bolschewistischen Feinden jeglicher staatlicher Ordnung, die den Frieden verhinderten und der Ukraine den Krieg erklärten. Es ist den Truppen bekannt zu geben, dass wir nicht als Feinde des russ[ischen] Volkes, sondern als Befreier vom bolschewistischen Terror wieder zu den Waffen greifen.«60

Es wurde also eine dichotome Strategie in der Ukraine verfolgt: Während – wie gesehen – die bewaffneten Bolschewiki als Todfeinde galten, denen man kaum Gnade gewährte, galt die ukrainische beziehungsweise russische Bevölkerung als friedlich und war zu beschützen. Während der Besatzungszeit wechselten sich zwar radikalere und moderatere Phasen immer wieder ab,61 doch war zu keinem Zeitpunkt ein Kampf gegen die ukrainische Zivilbevölkerung Teil der deutschen Kriegführung.62

Das zeigte sich bei der Bekämpfung der Bauernaufstände südlich von Kiew zwischen Mai und Juli 1918. Vor Beginn der Aufstände war den deutschen Truppen das »Niederbrennen von Häusern und Dörfern« verboten worden, Unschuldige – namentlich Frauen und Kinder – sollten geschont werden.63 Bezeichnenderweise war als Ziel für die Besatzung ausgegeben worden, »Ordnung zu schaffen und das Vertrauen der Einwohner für uns zu wecken«.64 Diese moderate Haltung kippte nun angesichts der Aufstände. Die Heeresgruppe Eichhorn-Kiew befahl, mit »schärfsten Maßnahmen« alle Unruhen zu unterdrücken und alle am Aufstand beteiligten oder der Sabotage überführten (männlichen) Personen »sofort nach Kriegsbrauch abzuurteilen und zu erschießen«. Dörfer durften nun niedergebrannt werden – allerdings nur »in einzelnen Fällen, wenn es sich um besonders aufsässige Ortschaften« handelte.65

Die Aufstände wurden damit sehr schnell unterdrückt. Bemerkenswert ist freilich, dass die anschließenden deutschen Befehle deutlich moderater abgefasst waren, um keine »heimatlosen Elemente« und »neuen Ersatz«66 für die Banden zu schaffen. Generell bemühten sich die deutschen – und mit einer gewissen Verzögerung auch die österreichisch-ungarischen – Kommandobehörden seit Sommer 1918 explizit um ein kooperatives Vorgehen in Zusammenarbeit mit den ukrainischen Behörden. So sollten in Zukunft ukrainische Staatsangestellte die deutschen Truppen bei militärischen Unternehmen gegen Aufständische begleiten, um als Ortskundige bei Dorfdurchsuchungen Missgriffe zu vermeiden, Material über verdächtige Personen zu sammeln sowie ein Agentennetz aufzubauen.67 Auch wurde zögerlich ein einheimischer Selbstschutz aufgebaut. Hinzu kamen Militärgerichte, um die Pazifizierung des Lands in einen rechtlichen Rahmen einzubetten, wobei die Deutschen großen Wert auf strikte Beweisführung legten.68 Gerade dies war später in der besetzten Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg undenkbar, da dort gerade das Völkerrecht explizit nicht gelten sollte.

Im Gegensatz zu den moderaten Befehlen sah die Praxis mitunter anders aus. Spontane oder organisierte Requisitionen und gewalttätige Übergriffe deutscher Soldaten gegenüber der Zivilbevölkerung kamen vor, wobei hier eine Quantifizierung nicht einmal ansatzweise möglich ist. Auch wenn der Bürgerkrieg im Land weiterging und zahlreiche Landstriche von Anarchie sowie gewalttätiger Gruppenmilitanz geprägt waren, so gelang es den Mittelmächten doch, zumindest einigermaßen die öffentliche Ordnung herzustellen. Verglichen mit der Situation unmittelbar vor dem Einmarsch der Mittelmächte und vor allem in der Zeit nach ihrem Abzug, war diese Periode vergleichsweise ruhig.69

Ähnlich wie in der Ukraine 1918 sollte auch im Baltikum 1919 das deutsche Militär offiziell die Zivilbevölkerung vor den Bolschewiki beschützen, wie zahlreiche Befehle zeigten.70 Allerdings war das Verhalten der deutschen Truppen hier grundlegend anders als in der Ukraine. Während die deutschen Truppen in der Ukraine staatliche Ordnung in das Chaos bringen wollten, waren die »Baltikumer« selbst eine Gruppierung, die sich keiner staatlichen Ordnung verpflichtet sah, ja das Chaos vielmehr noch verstärkte. Ihre militärischen Führer waren selbst Warlords. Moderate Befehle konnten so in diesem parzellierten, regellosen Krieg nicht fruchten. Ernst von Salomon schrieb hierzu in seinem bekannten Roman Die Geächteten: »Wir aber waren Versprengte, kein Volk gab uns den Auftrag, kein Symbol war uns gültig. […] Wir zogen aus, die Grenze zu schützen, aber da war keine Grenze. Nun waren wir die Grenze, wir hielten die Wege offen.«71 Hier handelte es sich nicht nur um territoriale Grenzen; die »Baltikumer« stellten ihre eigenen Kriegsregeln auf, sie setzten ihre eigenen Grenzen.

Für die einzelnen Einheiten, ja sogar für die einzelnen Soldaten wurde die örtliche Zivilbevölkerung schon bald zum Freiwild. Selbst Standgerichte gab es nicht mehr; sämtliche Unterstützung und Propaganda für die Bolschewiki sowie bereits das Unterlassen von Meldungen führte zum sofortigen Tod durch Erschießen.72 Eine Anweisung des Befehlshabers der Landeswehr verdeutlichte die grenzenlosen Vollmachten für die einzelnen Soldaten: »Jedes Bandenmitglied ist vogelfrei und kann von jedermann erschlagen oder sonst wie unschädlich gemacht werden.«73 Freikorps und Landeswehr beschuldigten die Bevölkerung, mit dem Bolschewismus zu paktieren und so befanden sich unter den Opfern zahlreiche Zivilisten. Deren Zahl ging – wie beim »Roten Terror« – in die Tausende, darunter viele Frauen und Kinder; gesicherte quantitative Angaben fehlen auch hier.74

5.Einfluss des Antibolschewismus und des Antisemitismus

Ein virulenter Antibolschewismus war in der Ukraine 1918 ein zentrales, oder besser gesagt »das« zentrale Motiv für die Gewaltbereitschaft und Gewaltausübung des deutschen Militärs. Es war durchaus paradox: Während die deutsche Politik mit der bolschewikischen Regierung in Moskau 1918 praktisch ein – wenngleich niemals offizielles – Zweckbündnis schloss, verfolgte das deutsche Militär die Bolschewiki in der Ukraine ohne Nachsicht.75

In den Befehlen und Berichten des Militärs zeigte sich zudem sehr häufig ein offener und scharfer Antisemitismus, der in seiner Diktion bereits das 23 Jahre später beginnende »Unternehmen Barbarossa« erahnen lässt. Die Juden galten als »Gegner der Ordnung«76 und »grimmigster Feind«.77 Die Bayerische Kavallerie-Division beispielsweise urteilte: »Die Juden sind die Haupthetzer im Lande. Solange wir ihnen nicht das Handwerk legen, wird niemals Ruhe im Lande eintreten.«78 Allerdings war antisemitisches Gedankengut nicht gleichbedeutend mit antisemitischem Handeln. So verhängten die Truppen der Mittelmächte keine anti-jüdischen Maßnahmen. Im Gegenteil, die Besatzungstruppen schritten bei Pogromen der einheimischen ukrainischen Bevölkerung ein.79 Erneut war hier das Ordnungsinteresse der Mittelmächte handlungsleitend. Vor allem – und das ist zentral – wurde in dieser Phase des Krieges im Osten noch nicht explizit die fatale Verbindung zwischen »Juden« und »Bolschewismus« hergestellt.80

Für das Baltikum ist es deutlich schwieriger zu beantworten, inwieweit Antibolschewismus und Antisemitismus eine entscheidende Rolle für die Gewalt des deutschen Militärs spielten. Die – zugegebenermaßen – wenigen überlieferten Quellen zeichnen hier ein vielschichtiges Bild. Offiziell sollten die Freikorps den Bolschewismus bekämpfen. Der deutsche Befehlshaber im Baltikum, General Rüdiger von der Goltz, versuchte daher, seine Männer entsprechend gegen die – wie er es nannte – »asiatische Volkskrankheit«81 einzustimmen und die Freikorps führten nach eigenen Worten einen »Vernichtungskampf gegen die rote Pest«.82 Auf der anderen Seite erklärte Ernst von Salomon: »Die Parole ›Kampf dem Bolschewismus‹ nahmen wir nicht ernst.«83 Wie viele andere »Baltikumer« sah Salomon auch nicht Russland, sondern das »perfide Albion« als Hauptfeind. Durch seine undurchsichtige Politik habe Großbritannien die Niederlage der »Baltikumer« zu verantworten. Das mag überraschen. Ebenso mag überraschen, dass sich in den wenigen überlieferten Quellen keine antisemitischen Äußerungen finden lassen.

6.Ukraine 1918 und Baltikum 1919 als missing link für den Vernichtungskrieg in Osteuropa?

Die genannten Konflikte werfen die Frage auf, ob man in der Geschichte der Ukraine 1918 und des Baltikums 1919 bereits Aspekte der deutschen Vernichtungskriege in Osteuropa im Zweiten Weltkrieg erkennen kann. Zweifellos verlor der Krieg 1918 in Osteuropa seinen normativen Charakter. Für die Kriegsparteien schien es in dem durch den Zerfall des Zarenreichs entstandenen Machtvakuum keine bindenden Regeln mehr zu geben. Ohne das neue ideologische Feindbild des Bolschewismus wäre diese Radikalisierung des Krieges freilich undenkbar gewesen. Das Auftreten des Bolschewismus veränderte den Krieg in Osteuropa nachhaltig, ganz gleich ob es sich dabei um Verbrechen der Bolschewiki oder um die nicht minder radikalen Gegenreaktionen handelte. Es greift entschieden zu kurz, wenn einige neuere Studien die Bedeutung der Ideologie ganz gleich welcher Art für die Ausformung einer neuen militärischen Gewaltkultur im Krieg in Osteuropa vernachlässigen.84 Im radikalen Antibolschewismus und in den exzessiven Gewalttaten gegen dessen Anhänger lassen sich wichtige Parallelen zwischen der Ukraine 1918 und der Sowjetunion 1941 erkennen.85 Dabei bleibt aber auch eines festzuhalten: Der Antibolschewismus war am Ende des Ersten Weltkrieges kein rein deutsches Phänomen, sondern ein transnationales, wie die militärischen Interventionen der Alliierten im Russischen Bürgerkrieg nur allzu deutlich zeigten.

Ansonsten überwiegen jedoch die Diskontinuitäten zwischen der Ukraine 1918 und dem Unternehmen Barbarossa. Die deutschen Heere operierten 1918 unter gänzlich anderen politischen Rahmenbedingungen als die Wehrmacht 1941. So lässt sich belegen, dass die Deutschen 1918 bei der Pazifizierung aufständischer Gebiete einen vergleichsweise moderaten Ansatz gegenüber der Zivilbevölkerung verfolgten. Gewiss, die Deutschen fühlten sich 1918 den »Slawen« gegenüber kulturell überlegen, doch galten sie nicht als »Untermenschen«. Und bei allem rhetorischen Antisemitismus: Eine Verfolgung oder gar Vernichtung der Juden war nicht einmal im Ansatz geplant. Bezeichnenderweise bewertete Hitler später die deutsche Ukraine-Politik von 1918 als völlig falschen Ansatz.86

Ungleich schwieriger wäre es, eine Kontinuität der Gewalt von der Geschichte des Baltikums 1919 hin zum Vernichtungskrieg des Deutschen Reiches 1941 zu belegen. Unstrittig ist der formative Einfluss eines selektiven Freikorps-Mythos auf die spätere NS-Ideologie. Die Freikorps sind daher als »Vanguard of Nazism«87 bezeichnet worden, nicht zuletzt mit Blick auf die Parallelen in einem »Geist der Brutalität«. Gewiss, eine solch pauschale Beurteilung wird einerseits der Heterogenität und Widersprüchlichkeit der Freikorps-Bewegung keinesfalls gerecht.88 Doch andererseits galten gerade die »Baltikumer« als besonders »harte Burschen« und exponierte Feinde der Weimarer Republik. Für die Formierung einer selektiven NS-Mentalität waren die Baltikum-Kämpfe daher ein »wichtiges Bindeglied«89 zwischen der Ostfront 1919 und dem 1939 beginnenden nationalsozialistischen Eroberungskrieg in Osteuropa. Das zeigte zum Beispiel die Überhöhung des »starken Tatmenschen« gegenüber dem »schwächlichen Parlamentarier«. So hieß es im Auflösungsbefehl der Deutschen Legion: »Nicht papierne Politik, nicht Verträge und Versprechungen werden den Vormarsch der bolschewistischen Truppen nach Westen […] aufhalten, sondern nur deutsche Männer und deutsche Waffen.«90 Zahlreiche hohe NS-Funktionäre hatten 1919 im Baltikum – allen voran im »Freikorps Roßbach« – gekämpft, so Rudolf Höß91