Geweckte Vergangenheit - Maximilian Graf - E-Book

Geweckte Vergangenheit E-Book

Maximilian Graf

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Beschreibung

Fischbacher und Winkler stürzen sich in ihren zweiten Fall – und der hat es in sich! Auf dem Parkplatz des malerischen Obersalzbergs wird eine Leiche entdeckt. Doch was zunächst nach einem klaren Mordfall aussieht, entpuppt sich schnell als ein Netz aus Intrigen und dunklen Familiengeheimnissen. Die Ermittlungen bringen die beiden Kommissare an ihre Grenzen: Jeder Hinweis scheint sie tiefer in einen Strudel aus Lügen und Familiengeschichten zu ziehen. Und als der Fall plötzlich eine persönliche Wendung nimmt, wird klar, dass die Zeit drängt. Werden Fischbacher und Winkler das Rätsel lösen – oder werden sie selbst zu Opfern dieses gefährlichen Spiels?

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Geweckte Vergangenheit

Personen

Kapitel 1 - Sonntag, 23. Juli 2017

Kapitel 2 - Mittwoch, 26. Juli 2017

Kapitel 3 – Donnerstag, 27. Juli 2017

Kapitel 4 Freitag, 28. Juli 2017

Kapitel 5 – Samstag, 29. Juli 2017

Kapitel 6 – Sonntag, 30. Juli 2017

Kapitel 7 – Montag, 31. Juli 2017

Kapitel 8 – Dienstag, 01. August 2017

Kapitel 9 – Mittwoch, 02. August 2017

Kapitel 10 – Montag, 21. August 2017

Kapitel 11 – Samstag, 16. September 2017

Kapitel 12 – Samstag, 23. Dezember 2017

Danksagung

Geweckte Vergangenheit

Ein Berchtesgadener Land Krimi

Fischbacher und Winklers zweiter Fall

von

Maximilian & Victoria Graf

Warum?

Er ist nicht er,

sie ist nicht sie

Die Handlung und alle handelnden Personen sind von uns frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Auch wenn es den Ort Oberau wirklich gibt, wurde Oberau als rein fiktiver und zufälliger Ort ausgewählt. Es hätte auch jeder andere Ort im Berchtesgadener Land als Handlungsort des Romans dienen können.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

Auflage Juni 2025

Copyright © 2024 Maximilian & Victoria Graf

Kaiser media publishing house

120 High Road, East Finchley

N2 9ED London

United Kingdom

Cover-Design: Victoria Kaiser

All rights reserved.

ISBN: 978-3-7592-7834-0

Personen

Franz Fischbacher

Kriminalhauptkommissar Polizeiposten Berchtesgaden

Rico Winkler

Kriminaloberkommissar Polizeiposten Berchtesgaden

Resi Fischbacher

Frau von Franz Fischbacher

Sophie Marie Fischbacher

Tochter v. Franz Fischbacher

Joseph Glockner

Kriminaloberrat Kriminalpolizeiinspektion in Traunstein

Vorgesetzter von Franz

Josef „Sepp“ Reiser

Polizeihauptmeister Polizeiposten Berchtesgaden

Thilo Mönch

Hauptkommissar Pressesprecher Polizeiinspektion Traunstein

Dr. Frank Heidenberger

Gerichtsmediziner Pathologisches Institut Traunstein

Dr. Stefan Meininger

Gerichtsmediziner Pathologisches Institut Traunstein

Isabell Hofer

Kriminalhauptkommissarin Kriminaltechnik Traunstein

Miriam Landhut

Kriminalkommissarin Kriminaltechnik Traunstein

Maximilian Skoda

Polizeioberkommissar Polizeiposten Berchtesgaden

Floriane Mühlbauer

Polizeikommissarin Polizeiposten Berchtesgaden

Dr. Heide Sommer

Staatsanwältin Staatsanwaltschaft Traunstein

Alexander Baier

Bekannter von Isabell/ Schreiner

Ferdinand Brauer

Mordopfer

Julia Wildmoser

Betreiberin Pension Prinsenlehen

Ulrich Wildmoser

Ehemann v. Julia Wildmoser

Lisa Wildmoser

Tochter von Julia und Ulrich Wildmoser

Mia Wildmoser

Tochter von Julia und Ulrich Wildmoser

Dieter Mayerhofer

Rechtsanwalt

Elvira Fritsch (geb. Manz)

Ehefrau von Ralf

Ralf Fritsch

Mann von Elvira

Tom Udo Fritsch

Sohn von Elvira

Michael Fritsch

Sohn von Elvira und Ralf

Heribert Manz

Bruder von Elvira, Zenta und Johannes

Johannes Manz

Bruder von Elvira, Zenta und Heribert

Zenta Mattes (geb. Manz)

Frau von Lothar und Schwester v. Elvira, Heribert & Johannes

Lothar Mattes

Ehemann von Zenta

Arnulf Manz

Vater von Elvira, Heribert, Zenta und Johannes

Ingrid Manz

Frau von Heribert

Annamaria Manz

Frau von Johannes

Barbara Manz

Tochter von Heribert und Ingrid Manz

Udo Tom Manz

Sohn von Heribert und Ingrid Manz

Valentin Manz

Sohn von Heribert und Ingrid Manz

Peter Faulmaier

Onkel von Elvira, Heribert und Johannes aus der USA

Walther Sauer

Postbote Oberau

Kapitel 1 - Sonntag, 23. Juli 2017

Ein schöner, lauwarmer Morgen. Die Nacht war schon recht mild gewesen und die Sonne würde die Luft im Laufe des Tages erneut in Richtung 30° Celsius bewegen. Ein kleines Lüftchen bewegte sanft die großen ehrfürchtigen Bäume auf dem Inzeller Friedhof. Stille. Das Einzige was man hörte, war das wilde melodische Gezwitscher der Vögel und, entfernt, das Wasser, das beim Befüllen der Gießkannen auf das Blech der Kanne traf. Alexander Baier verbrachte viel Zeit auf dem Friedhof. Egal was für ein Wetter. Am liebsten frühmorgens, da war noch nicht so viel los und es waren wenige Leute unterwegs. Dann konnte er allein sein mit seiner Franzi und mit ihr in Ruhe über alles reden. Natürlich wusste er nicht, ob sie ihn, von da wo sie jetzt war, hören konnte und er erwartete auch keine Antwort, aber er hoffte es insgeheim. Wer hofft das nicht? Wäre sonst nicht alles zwecklos? Baier wurde durch ein freundliches »Guten Morgen« aus seinen Gedanken gerissen. Er drehte sich etwas erschrocken um, »guten Morgen«, erwiderte er. Er kannte die Frau vom Sehen, sie war genauso wie er auch oft auf dem Friedhof. Gesprochen hatten sie noch nie miteinander. Nur sich zugenickt oder mal hallo gesagt. »Sie sind oft hier bei Franzi.« »Ja. Kannten Sie Franzi?« Ein Gespräch auf einem Friedhof war irgendwie beklemmend. »Ja. Sogar sehr gut. Wir haben früher oft zusammen gespielt. Ich meine, als wir kleine Kinder waren. Entschuldigung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiß Isabell. Isabell Hofer.« Isabell streckte Baier die Hand hin. »Ich bin der Alexander. Alexander Baier.« Er griff nach ihrer Hand und drückte sie kurz. »Ich weiß«, Isabell erschrak selbst über ihre Antwort. Hätte sie das doch nur nicht gesagt. Isabell biss sich etwas auf die Lippe. »Kennen wir uns? Haben wir uns irgendwo schon mal getroffen? Vielleicht mit Franzi?« Jetzt war es schon zu spät: »Nein, nein. Sorry. Ich kenne Sie nur vom Namen her. Ich bin bei der Polizei. Um genau zu sein, bei der Kriminaltechnik. Ich war damals ebenfalls an den … Ermittlungen beteiligt.« Isabell brach die Stimme etwas. »Ah. Ich verstehe.« Isabell wurde irgendwie verlegen. War vielleicht doch keine so gute Idee, ihn anzusprechen. Sie wollte doch nur nicht immer an ihm mit einem schlichten “hallo“ vorbeigehen. Baier durchbrach das sekundenlange Schweigen, das sich wie Minuten anfühlte. »Wegen wem kommen Sie her?« Isabell brauchte kurz ein paar Millisekunden, bis sie kapierte: »Ich komme wegen meines Freundes her. Er ist letzten Herbst bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen.« »Oh. Tut mir leid, das zu hören. Es ist unerträglich schlimm, wenn einem der liebste Mensch von einem Tag auf den nächsten plötzlich aus dem Leben gerissen wird.« »Ja. Es zerreißt einem das Herz. Man hätte ihm noch so gerne tausend Sachen sagen wollen. Noch tausend Dinge mit ihm unternehmen wollen und dann, plötzlich, von einer Sekunde auf die andere ist alles anders. Die tausend Träume, die man zusammen hatte, platzen innerhalb von Sekunden wie Seifenblasen.« Beide standen schweigend am Grab von Franzi. »Man ist so hilflos in dem Moment. Die ganze Welt bricht über einem zusammen.« Baier kämpfte mit den Tränen. Seine Stimme wurde brüchiger. »Mir ging es genauso, und das Schlimme ist, der Zustand wird nicht besser, auch wenn es sich bei Frank demnächst jährt.« »Franzi ist jetzt schon seit 7 Monaten nicht mehr bei mir, aber ich schaffe es einfach nicht darüber hinwegzukommen. Ich komme täglich hier her, damit ich bei ihr bin. Hier habe ich das Gefühl, dass ich ihr nahe bin, auch wenn ich weiß, dass hier nur ihre sterbliche Hülle liegt.« »Ich weiß. Ich kenne das Gefühl. Ich bin aus dem gleichen Grund jeden Tag hier. Hier erinnert man sich an die ganzen schönen Momente, die man miteinander hatte. Manchmal würde man am liebsten eine Schaufel packen und die ganze Erde wegschaufeln, nur um ganz nah bei ihm zu sein.« Beide verharrten wieder vor dem Grab, ohne weiterzusprechen. An so einem Ort nahm man es dem anderen nicht übel, wenn man einfach eine Zeit schwieg und nichts sagte. Hier erwartete man keine Dampfplauderer. Ein Dampfplauderer wäre auf einem Friedhof unpassend. »Du hast ein schönes Foto für den Grabstein ausgesucht. Es wirkt so lebendig.« »Das Foto war schon immer mein Lieblingsbild von ihr und so kann ich sie hier auch jeden Tag sehen, so wie ich sie weiter in meinem Herzen trage.« Isabell wusste einfach nichts darauf zu erwidern. »Ich lass dich jetzt wieder allein. Ich wollte mich nur mal vorstellen, da wir uns ja fast jeden Tag hier sehen. Ich dachte, es ist blöd, immer nur Hallo zu sagen und sonst nichts. War nett, mit dir zu reden.« »Ja. Fand ich auch. Schön, dich kennengelernt zu haben und danke fürs Zuhören.« »Ich danke dir.« »Für was?« »Auch fürs Zuhören. Man kann oft nur mit Menschen über solche Themen sprechen, die in derselben Situation sind. Die das Gleiche auf die ein oder andere Art erlebt haben. Solche Menschen, so wie du, die verstehen einen. Die verstehen, was einen bewegt.« »Ja, da hast du recht«, Isabell musste mit den Tränen kämpfen. »Also dann, mach es gut und einen schönen Sonntag noch.« »Dir auch.«

*

»Guten Morgen, du Schlafmütze. Hast du gut geschlafen?« Sophie gab Rico einen Kuss, als er die verschlafenen Augen öffnete. »Ja, hab ich. Wie ein Stein. Und du, mein Sonnenschein?« »Ich auch. Ich bin, glaube ich, sofort eingeschlafen. Ist ja auch kein Wunder, nachdem was wir gestern alles gemacht haben. Stundenlang tapeziert und gestrichen. Ich hab das Gefühl, am ganzen Körper Muskelkater zu haben.« »Was hältst du davon, wenn wir heute gar nichts machen?« »Dafür bin ich doch gleich zu haben. Wir könnten schön an einen See fahren oder einfach in die Watzmann-Therme gehen und es uns dort gut gehen lassen.« »Das hört sich verlockend an. Meine wunderhübsche Frau in ihrem sexy Bikini zu bewundern, mit dem Gedanken könnte ich mich anfreunden. Und heute Abend gehen wir schön essen.« »Das mit dem sexy Bikini können wir einrichten, aber nur wenn mein Mann in seine sexy Badeshorts schlüpft.« »Auch das lässt sich einrichten.« »Aber das mit dem Essen wird schwierig. Mam hat doch gesagt, sie macht heute Schweinsbraten und wir haben schon zugesagt, dass wir auch mitessen. Kannst du dich erinnern?« »Ach, stimmt ja. Das habe ich bei dem Anblick meiner super sexy Frau kurzfristig vergessen«, Rico streichelte Sophie über die Wange, »aber dann machen wir uns wenigstens einen schönen Abend zu zweit auf dem Balkon und trinken einen schönen Wein und essen die restliche Wassermelone.« »Das hört sich doch gut an. Dann können wir so noch den Abend ausklingen lassen und die Sonne genießen.« »Und den schönen Blick auf die Berge, bis die Sonne dahinter verschwindet.« Sophie kuschelte sich eng an ihn. »Vermisst du eigentlich Görlitz und deinen Vater? Ich meine, denkst du oft daran?« Rico überlegte kurz. »Um ehrlich zu sein, überhaupt nicht. Görlitz vermisse ich keinen Meter. Ich lebe jetzt hier. In der für mich schönsten Ecke Deutschlands, da vermisst du andere Orte nicht. Ich war froh, dass wir meine Wohnung im Mai geräumt haben und anschließend dem Vermieter die Schlüssel gebracht haben. Das war ein richtig gutes Gefühl.« »Hat es dir nicht leidgetan, die Wohnung auszuräumen und so viel dort zulassen? Du hast ja fast keine Möbel mitgenommen.« »Die Möbel waren zweckmäßig und funktionell. Aber ich habe keine Bindung zu den Sachen gehabt. Und sei mal ehrlich, wo hätten wir hier die ganzen Dinge unterstellen sollen? Das Gästezimmer ist doch jetzt schon proppenvoll mit meinem Zeug. Da war es das Beste, das Zeug bei Kleinanzeigen reinzustellen und so schnell wie möglich zu verticken. Ich war froh, dass wir dort in der kurzen Zeit alles so schnell losbekamen und sogar noch ein paar Euro dafür kassierten. Das war schon gut so, wie es ist.« »Wenn es für dich in Ordnung war, die ganzen Möbel zu verkaufen?« »Ja, das war es. Wie gesagt, es waren ja nur Gebrauchsgegenstände. Die Möbel hatten für mich absolut keine Bedeutung.« »Wenn ich ehrlich bin, deine Wohnung war jetzt auch nicht gerade das, was man schön nennen kann. In dem Bau würde ich nicht mal für umsonst wohnen wollen oder wie man bei uns sagt nicht tot überm Gartenzaun hängen wollen.« »Ist halt ein ehemaliger DDR-Plattenbau. Davon gibt es in der ehemaligen DDR sicher noch tausende. Nicht schön, aber praktisch. Zum dort schlafen hat es gereicht.« Sophie kuschelte sich noch näher an Rico heran. »Ich freue mich, wenn unsere Wohnung oben fertig ist. Mein Zimmer ist auf Dauer einfach zu klein für uns beide. Gut, dass wir dann da oben unterkommen. Ich hätte nie gedacht, dass Paps das durchzieht und uns da oben schalten und walten lässt. Ist ja schließlich sein und Mams Haus.« »Ja, das hätte ich auch nicht gedacht. Vor allem von Franz.« »Apropos Paps. Hast du mal wieder was von deinem Vater gehört? Ich wollte dich schon letzte Woche danach fragen, aber ich hab es vor lauter Umbau wieder vergessen.« »Nö, seit wir mit ihm zusammen in dem Café zu Mittag gegessen haben, habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ist auch nicht schlimm. Du hast ja gemerkt, dass das Verhältnis mehr als frostig war.« »Ja, das schon. War ja auch ein recht kurzes Essen.« »Ich hoffe, er hat dich nicht irgendwie beleidigt oder verletzt? Bei mir perlt sein Geschwätz nur noch ab.« »Nö, das hat er nicht. Wir hatten ja kaum die Möglichkeit, miteinander zu sprechen. Aber ich glaub jetzt nicht, dass er mich besonders mag. Er hat mich immer so komisch angeschaut und auch nicht viel von mir wissen wollen. Das Einzige, was ihm anscheinend gefallen hat, war, dass Paps auch bei der Polizei ist.« »Er mag nur sich selbst und vielleicht seine Sekretärin, die ja jetzt schon mehrere Jahre bei ihm wohnt. Gut, dass er die nicht mit zum Essen gebracht hat.« »Ich hoffe, das belastet dich nicht zu sehr mit deinem Vater. Du weißt, du kannst immer mit mir über so Dinge reden.« »Das weiß ich doch, mein Engel. Belastet hat mich das vielleicht noch als Jugendlicher. Heute ist er mir gleichgültig. So wie ich ihm gleichgültig bin. Ich bin auch froh, dass ich jetzt 500 Kilometer von ihm entfernt bin und ihn nicht, wie in Görlitz, irgendwie im Präsidium auf dem Flur sehen muss. Da musste ich mir immer ein Gespräch abringen, um wenigstens etwas Höflichkeit zu zeigen, aber ihm ging es genauso. Ich denke, er ist auch dankbar, dass ich aus seinem Schaffensbereich verschwunden bin. Wir lagen uns sowieso die meiste Zeit über in den Haaren. Du wirst es mir nicht glauben, aber ich verschwende so gut wie keinen Gedanken an ihn.« »Schon grausam, dass sich ein Vater und ein Sohn so entfremden können.« »Ja, traurig aber wahr.« »Aber du hast ja jetzt eine neue Familie. Mam und Paps. Mam hat dich doch schon vom ersten Tag in ihr Herz geschlossen. Gut, bei Paps hat es etwas länger gedauert, bis er mit dir warm wurde, aber es hat sich mit euch beiden ja recht gut entwickelt, oder?« »Es ist deutlich besser geworden. Und Resi ist einfach spitze. Die verwöhnt mich nur zu sehr. Ich muss nur aufpassen, wenn wir mit dem Bau fertig sind und wieder weniger Bewegung haben. Sonst kannst du mich bald wie eine Kugel rollen.« Sophie klatschte mit ihrer Hand auf Ricos Bauch. »Ja. Da kannst nachher gleich in der Therme anfangen und ein paar hundert Meter schwimmen. Das wird deinem Bäuchlein guttun.« »Super. Da freu ich mich aber ganz besonders drauf. Ich dachte, wir wollten in der Therme relaxen?« »Motz nicht rum, das bisschen schwimmen wird uns beiden guttun. Musst ja nicht alleine schwimmen. Ich schwimme ja schließlich mit.« »Sollen wir eigentlich eine kleine Einweihungsparty geben, bevor wir richtig eingezogen sind?« »Du meinst, wenn wir mal fertig werden? Ich habe das Gefühl, dass wir das nie schaffen. Wir müssen noch so viel machen. Und eine Küche haben wir auch noch keine.« »Meinst du, wir sollten eventuell noch ein paar Handwerker beauftragen, damit es schneller geht. Sprengt vielleicht unser Budget, aber manche Dinge traue ich mir handwerklich nicht zu.« »Ein Schreiner oder Möbelbauer wäre vielleicht nicht schlecht. Dann könnten wir in den Schrägen Schränke einbauen lassen.« »Ich glaube, ich kenne da einen.« Sophie zog die Augenbrauen hoch: »Du? Du kennst einen Schreiner? Woher das denn?« »Von dem Mord an Franziska. Ihr Freund ist doch Schreiner. Sofern du willst, ruf ich ihn morgen mal an oder fahr direkt bei ihm vorbei.« »Mach das. Ich habe nichts dagegen, aber jetzt ist das Thema Bau für heute beendet.« Sophie zog sich noch enger an Rico heran und gab ihm einen Kuss auf den Mund. »Ok, kein Wort mehr zum Bau.«

Kapitel 2 - Mittwoch, 26. Juli 2017

»Schau dir den Menschenauflauf um die Uhrzeit an. Lauter Touris, so weit das Auge reicht. Des ist denen scheißegal, dass wir da mit Blaulicht ankommen. Die laufen über die Straße, als würden sie einen gar nicht sehen.« Die Stimmung von Franz wurde von Sekunde zu Sekunde schlechter, als er sich dem überfüllten Parkplatz näherte. Hundert Meter entfernt sah er einen Streifenwagen und einen Krankenwagen mit blitzendem Blaulicht stehen. »Schalt mal das Martinshorn ein, dann schrecken vielleicht ein paar auf und machen Platz.« Rico drehte den Schalter am Armaturenbrett um und das schrille Martinshorn ließ tatsächlich ein paar der Leute aufschrecken. »Mein Gott, es ist doch gerade mal 7.30 Uhr und hier sind schon so viele Menschen unterwegs.« »Tja, das ist das Los, wenn man meint, man muss eine touristische Hochburg werden und …« Franz konnte gerade noch rechtzeitig eine Vollbremsung machen, um einen Wanderer nicht über den Haufen zu fahren. »Ja, bist du no ganz deppert, du bleder Schofseckel, du dregader. Dir hot ma wohl ins Ghirn gschissen.« »Franz ganz ruhig. Der ist, glaube ich, genauso erschrocken wie du. Gut, dass er dich, wegen des Martinshorns nicht gehört hat.« Schon zu spät. Franz hatte schon die Windschutzscheibe heruntergelassen: »Du dregader older Hundsgribbel hoscht wohl dai Hörgrät vergessa. Verschwind du bleder Depp.« Vor ihrem Dienstwagen stand ein kreidebleicher älterer Wanderer, der gerade zu begreifen begann, dass er fast überfahren wurde. Er schien Franz Wutausbrüche Gott sei Dank nicht zu verstehen, aber er rannte schnellen Schrittes vom Auto weg. In 30 Metern Entfernung winkte ihnen ein uniformierter Beamter und hob das Flatterband hoch, an dem sich unzählige Menschen tummelten. »Franz, jetzt fahr weiter und lass den Wanderer in Ruhe.« Franz überlegte kurz, gab dann aber wieder Gas. »Depp bleder.« »So ist richtig, Franz. Immer freundlich zu den Leuten sein. Als Polizist hat man eine gewisse Vorbildfunktion.« Franz überlegte sich, ob er etwas darauf erwidern sollte, aber er ließ es und steuerte das Ziel im Schritttempo an. Nach 30 Metern parkte er den Wagen hinter der Absperrung. »Man Sepp, was ist denn das hier für ein Affenzirkus? Gibt’s hier was umsonst?« Polizeihauptmeister Sepp Reiser, der Franz die Tür aufhielt, zuckte nur mit den Schultern: »Es ist Sommer, es ist warm und die Leute brechen früh zu Wanderungen auf. Da ist es net verwunderlich, dass um die Uhrzeit schon viele der Touristen unterwegs sind.« »Dann sperrt wenigstens vernünftig und weiträumiger ab. Ist die KT schon unterwegs, Sepp?« »Ja. Die habe ich gleich nach euch verständigt. Dauert halt von Traunstein.« »Können Sie nicht noch ein paar Männer anfordern, um dem Chaos Herr zu werden?« Rico schien jetzt von den gefühlt tausend Schaulustigen doch auch zusehends genervt. »Ich habe schon Verstärkung angefordert, Herr Winkler. Müsste demnächst hier sein.« »Sobald die Verstärkung da ist, möchte ich, dass der Affenzirkus hier entweder komplett verschwindet oder das ganze Spektakel ein bis zwei Meter weiter weg vom Tatort ist. Was red ich denn, Tatort! Wahrscheinlich liegt da auch nur ein Touri rum, der nach einer Wanderung gestern Abend noch erschöpft ins Auto kroch und dann einen Herzkasper bekommen hat. Wäre ja nicht der Erste.« »Naa, Franz, i glaub net«, erwiderte Sepp nur kurz. Rico und Franz gingen zu dem schwarzen 5er-BMW, an dem die Fahrertür offen stand. »Rosenheimer Kennzeichen. Sag ich doch Touri«, schnaubte Franz verächtlich. »Franz. Hier!« Rico streckte Franz ein Paar Latexhandschuhe entgegen. »Zieh die lieber an, bevor du was anfasst. Sonst zieht uns die Isabell die Ohren lang.« Rico zog sich ebenfalls ein Paar Handschuhe an und beugte sich über den Mann, der am Steuer saß. »Und? Herzkasper?« »Nee, ich glaube, der hatte eher ein Atemproblem?« »Atemproblem? Wie kommst denn auf das? Bist neuerdings Medizinmann?« Rico ging auf Franz zu und sprach mit gesenkter Stimme: »Der Mann ist erdrosselt worden. Ich schätzte mal vom Rücksitz aus.« Franz schnaubte tief durch und verdrehte die Augen: »Weißt du eigentlich, dass ich hier in mehr als 20 Jahren keinen einzigen Mord aufzuklären hatte und jetzt, seit du da bist, innerhalb von 8 Monaten schon der zweite Ermordete rumliegt.« »Du willst mir doch jetzt aber nicht die Schuld dafür geben, dass sich hier der zweite Mord innerhalb von 8 Monaten ereignet hat? Oder was willst damit sagen?« Franz machte nur eine abwertende Handbewegung. Ihm grauste es schon wieder vor der ganzen Arbeit. Beim letzten Mord im Januar konnten sie einen wahren Papierkrieg bewältigen. Im Hintergrund hörte man ein Martinshorn schnell näher kommen. Bis Franz in der Entfernung den Polizeibus erkannte: »Na, endlich wird auch Zeit. Sepp! Den Mannschaftsbus direkt hier vor den BMW, damit die Schaulustigen nix mehr sehen. Dann löst das Gelage hier auf und verscheucht die Leut.« Rico ging zur Beifahrerseite, öffnete die Tür und nahm das auf dem Beifahrersitz liegende Jackett. Vorsichtig tastete er es erst ab und zog anschließend eine Brieftasche und ein Smartphone heraus. »Anscheinend war es kein Raubmord. Brieftasche und teures Smartphone sind noch da.« Franz gesellte sich zu Rico auf die Beifahrerseite. Rico öffnete die Brieftasche. »Hier der Personalausweis.« Rico streckte ihn Franz hin. »Ferdinand Brauer. Wohnhaft in Rosenheim. 55 Jahre alt.« »Im Geldbeutel sind ca. 400 EUR. Sein Führerschein. Eine EC-Karte und eine Kreditkarte. Ah, und hier eine Visitenkarte. Ferdinand Brauer Privatdetektiv. Adresse, Telefonnummer alles drauf.« »Warum hat man ihn umgebracht, wenn der oder die Täter kein Geld mitgenommen haben?«

*

Die zusätzlich angerückten Beamten von der Streife hatten den Sicherheitsbereich um den Parkplatz schnell und unwirsch ausgeweitet, was zu erheblicher Missstimmung unter den Schaulustigen führte. Zumindest taten diese ihren Unmut lautstark kund. »Hier im Jackett ist noch ein Schlüsselbund mit einer Zwei drauf«, Rico streckte Franz den Schlüssel hin. »Wahrscheinlich sein Zimmerschlüssel. Sieht aus wie von einer Pension. Hat er keine Kurkarte im Geldbeutel? Da steht normalerweise die Unterkunft drauf.« Rico schaute den Geldbeutel nochmals durch. »Nein. Keine Kurkarte, nur noch ein paar Karten von Bonusprogrammen.« »Schlecht, aber des bekommen wir trotzdem gleich raus.« Franz zog sein Smartphone aus dem Jackett und tippte unbeholfen auf dem Display herum. Früher, als das Telefon noch Tasten hatte, war alles besser. »Wen rufst du an?« »Das Tourismusbüro. Da ist jeder Gast, der hier wohnt, registriert. Außer er wohnt schwarz in einer Pension, um die Kurabgabe zu sparen … und der Pensionswirt die Steuer. Also sollte es ein Leichtes sein, die Pension oder das Hotel herauszufinden.« Franz legte das Telefon ans Ohr und entfernte sich ein paar Schritte von der Menge. Keine drei Minuten später kam er mit einem zufriedenen Gesicht zurück. »Und hast die Adresse?« »Na klar. Kannst halt von so einem alten Depp wie mir doch noch etwas lernen. Der Herr Brauer wohnt in Bischofswiesen in einer kleinen Pension. Oder hat da gewohnt. Da kann dann die KT auch gleich mit uns mitfahren und dort weitermachen. Wo bleiben die denn überhaupt? Isabell fährt doch sonst wie eine geisteskranke Irre.« Kaum hatte Franz ausgesprochen, hörte er auch schon ein Martinshorn den Obersalzberg hinauf dröhnen. »Wenn man vom Teufel spricht.« Der weiße Transporter der Kriminaltechnik bahnte sich wesentlich rücksichtsloser als Franz den Weg durch die Menge und hielt mit einer beinahe Vollbremsung direkt hinter dem Polizeibus an. »Guten Morgen, ihr zwei. Na, was habt ihr uns denn dieses Mal?« Isabell sprang sichtlich gut gelaunt aus dem Transporter. »Guten Morgen«, Miriam Landhut stieg vom Beifahrersitz aus und erst jetzt erkannten Rico und Franz, dass Dr. Heidenberger sich ebenfalls im Fahrzeug befand. Der aber anstatt eines guten Morgens die Schiebetür hinten aufriss und schnell zum nahen Gebüsch sprang, um sich zu übergeben. Franz blickte irritiert zu Heidenberger: »Was ist denn mit dem los?« Isabell winkte nur mit einer abfälligen Handbewegung ab: »Ach was weiß ich, wahrscheinlich hat er was Schlechtes gefrühstückt oder so?« »Das hängt aber nicht damit zusammen, dass du wieder wie Nicki Lauda das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt hast.« »Ach was, der ist halt auch sowas von zimperlich. Oder fandst du die Fahrt schlimm, Miri?« »Um es diplomatisch auszudrücken. Du bist wie eine geisteskranke Irre gefahren. Wahrscheinlich hat ihm der hupende Gegenverkehr und das ruckartige Ein- und Ausscheren etwas zu schaffen gemacht. Vielleicht auch die sehr rasante kurvenreiche Fahrt hier hoch …. Aber sonst ging die Fahrt.« »Dir geht es doch aber gut, Miri.« »Mir schon«, Miriam blickte sich zu Dr. Heidenberger um, »ihm glaube ich jetzt auch. Zumindest etwas.« Dr. Heidenberger kam mit kreidebleichem Gesicht zu der Gruppe. »Sie Wahnsinnige. Ihnen sollte man auf der Stelle den Führerschein abnehmen. Ich werde mich nie wieder in ein Auto setzen, bei dem Sie am Steuer sind«, seine Stimme überschlug sich förmlich. »Jetzt kommens scho Doktorchen. So schlimm war es jetzt doch auch nicht. Es war doch eine schöne Fahrt und besser als im Stau zu stehen.« »Nicht so schlimm? Ich habe mir gerade nochmals das Frühstück durch den Kopf gehen lassen, aufgrund Ihrer tollen Fahrkünste. Das war lebensgefährlich. Ihre wilden, ruckartigen Überholmanöver. Der Gegenverkehr. Die Wahnsinns-Geschwindigkeit. Ich hab mir fast in die Hosen geschissen und dann noch Ihre Interpretation von Serpentinen fahren.« »Jetzt regen Sie sich doch nicht so auf. Sie leben ja noch«, Isabell fand es eher amüsant als beleidigend, vom Pathologen eine Standpauke zu bekommen. Während Heidenberger fortfuhr, zog sie sich bereits ihren weißen Overall an. »Doktorchen, jetzt haben wir aber genug geschimpft. Jetzt sollten wir mal an die Arbeit gehen, oder?« Isabell sprach mit Heidenberger als wäre er ein kleines Kind, was diesen umso mehr in Rage brachte: »Ich warne Sie, Frau Hofer. Ich …« »Ja, ja. Alles scho recht. Das können wir dann auf der Heimfahrt besprechen. Jetzt ziehen Sie sich mal einen Overall an und schauen sich Ihre Leiche an. Ich und Frau Landhut machen uns mal ans Auto.« Isabell schnappte sich ihren Aluminiumkoffer und ließ Dr. Heidenberger einfach stehen. »Haben Sie das gehört, Herr Fischbacher wie die mit mir redet? Das ging die ganze Fahrt schon so. Bin ich denn hier der Depp oder was?« »Des wois i net. Und des isch mir au egal. Kümmern Sie sich einfach um den Toten.« Wild und unbeherrscht zog sich Heidenberger seinen Overall über: »Des ist ja klar, dass Sie zu ihren Kolleginnen halten, aber Sie möchten auch mal wieder etwas von mir und dann werden wir ja sehen.« Eingeschnappt packte er seinen Koffer am Griff und ging ebenfalls zu dem BMW, an dem bereits Miriam und Isabell Hand anlegten. »Puh, der ist vielleicht geladen. Hättest ihm nicht etwas Nettes sagen können, Franz?« »Warum sollte ich? Wenn du den als Doktor brauchst, isch es zu spät.« »Na, dann denk lieber mal vorausschauend an die Obduktion des Toten.« Franz schwante sogleich übles. Zu gut erinnerte er sich an die letzte Obduktion im Januar, als Franziska Schmidtbauer vor ihm auf dem Tisch lag und der Dr. Heidenberger die kleine Flex ansetzte. »Ist hier eigentlich immer so viel los?« Rico betrachtete den sich schnell füllenden, großen Parkplatz. »Im Frühjahr und im Sommer scho. Warst mit Sophie noch nie hier oben?« »Doch im Mai. Da waren wir oben im Kehlsteinhaus und im Dokumentationszentrum, aber da war es ja gegenüber jetzt fast menschenleer.« »Tja, im Sommer solltest hier als Einheimischer nicht raufkommen, wenn du nicht unbedingt musst. Viele der Touris möchten unbedingt das berühmte Kehlsteinhaus sehen oder suchen das Gelände des ehemaligen Berghofs von Hitler. Oder sie gehen ins Dokumentationszentrum und schauen sich die Bunker an. Im Sommer kannst von hier aus auch einige schöne Wanderungen unternehmen, wozu das Wetter heute ja geradezu einlädt.« Das war das erste Mal, dass ihn Fischbacher indirekt als Einheimischen ansah. »Wart mal ab. Jetzt ist es erst Viertel nach acht. In einer Stunde sind alle Parkplätze dicht und hier herrscht Autochaos. Der Sepp kann dir da ein Lied von singen. Erst neulich haben sich zwei Rentner wegen eines Parkplatzes in die Haare bekommen. Einer griff dann zum Pfefferspray. Die Frau drosch dann auf den Pfefferspray-Sprüher mit dem Schirm ein. Alles Verrückte.« Sepp Reiser kam mit einem älteren Paar auf sie zu. »Franz, das ist das Ehepaar, die den Toten heute Morgen entdeckt und uns verständigt haben. Braucht ihr die noch?« »Ich mach das, Franz. Du kannst dich ja mal beim Doktor einschleimen und auf gut Wetter machen.« »Von mir aus.« »Guten Morgen. Winkler mein Name von der Mordkommission in Berchtesgaden. Sie haben den Toten gefunden. Ist das richtig?« »Ja, das ist richtig. Aber warum Mordkommission? Ist … ist der Mann ermordet worden? Wir dachten, dass er vielleicht einen Herzinfarkt hatte und friedlich in seinem Auto eingeschlafen ist.« »Ganz so friedlich ist er, glaube ich, nicht eingeschlafen.« »Oh mein Gott, Erich. Hörst du! Der Mann ist ermordet worden.« Der Frau wurde jetzt anscheinend die Tragweite ihres Fundes bewusst. »Haben Sie irgendjemanden gesehen oder etwas beobachtet? Vielleicht ein Fahrzeug, das weggefahren ist, als Sie gekommen sind?« Der Mann runzelte die Stirn und überlegte. »Nein, da war niemand. Wir waren heute Morgen so ziemlich die Ersten auf dem Parkplatz. Da war außer dem BMW noch kein Auto da. Und weggefahren ist auch keines.« »Wie haben Sie den Mann entdeckt? Ich meine, wie sind Sie auf ihn aufmerksam geworden?« »Ich habe den Mann bemerkt, als wir auf den Parkplatz gefahren sind. Ich dachte, er sitzt vielleicht im Auto und hört Radio oder spielt mit seinem Handy. Hat mich jetzt auch nicht sonderlich interessiert. Ich hab dann aber bemerkt, dass ich nicht genügend Kleingeld für den Parkautomaten hatte und hab dann bei ihm an die Scheibe geklopft. Als er dann nicht reagierte, habe ich die Tür aufgemacht und ihn etwas gerüttelt. Ich dachte, vielleicht geht es ihm nicht gut. Aber er sackte nur in sich zusammen.« »Und dann haben Sie die Polizei gerufen?« »Ja, richtig. Ich wusste in der Aufregung nicht die Nummer des Roten Kreuzes, da dachte ich 110 geht schneller. War doch richtig so, oder?« »Ja, auf jeden Fall. Hier! Ich gebe Ihnen meine Karte. Falls Ihnen noch etwas einfällt und sei es noch so eine Kleinigkeit, dann rufen Sie mich einfach an.« Rico streckte dem Mann seine Visitenkarte entgegen. »Hat der Kollege ihre Daten aufgenommen? Falls wir noch Rückfragen hätten?« »Ja, hat er.« »Gut, dann können oder dürfen Sie gehen und genießen Sie noch den schönen sonnigen Tag. Machen Sie eine Wandertour?« »Hatten wir eigentlich vor. Aber nach dem Schreck …. Mal schauen.«

*

»Und hast dich mit dem Doktor wieder versöhnt?« »Naa. Der will nix von mir wissen und in Ruhe seine Leiche untersuchen. Ich hab ihm sogar ein Pfefferminzbonbon angeboten gegen den schlechten Atem nach dem Kotzen, aber er wollte keins.« »Hast also deinen ganzen Charme ausgepackt«, Rico konnte nur die Augen verdrehen. »Ha, na freilich. Hab ihm gesagt, dass es einem nach so einem Bröckelehusten doch gleich besser geht. Fand er aber anscheinend net so.«

*

»So ihr zwei. Miriam und ich sind fertig und ich glaube unser Leichenfledderer auch. Lasst ihn das aber ja nicht hören.« Isabell hatte ihre Handschuhe ausgezogen und sich aus ihrem weißen Overall gepellt. »Viele Spuren gibt es leider nicht. Müssen die, die es überhaupt gibt, erst mal im Labor auswerten, ob sie nicht vom Opfer selbst stammen. Unser Herr Doktor hat aber das hier noch bei der Leiche gefunden. Isabell hob einen Plastikbeutel mit einem Revolver darin hoch. Rico fixierte den Revolver in der Tüte: »Ist die scharf? Oder ein Schreckschussrevolver?« »Naa, die ist scharf und war auch geladen. Eine Smith & Wesson Kaliber 357. Klein aber oho. Die trägt man nicht nur zum Vergnügen mit sich rum.« »Hat er einen Waffenschein dafür?« »Was fragt ihr mich?« Isabell blätterte kurz durch ihr Notizbuch. »Autoschlüssel steckte im Zündschloss. Die Fahrzeugpapiere und die Versicherungsmappe lagen ordentlich im Handschuhfach. Meines Erachtens hat da niemand drin rumgewühlt. Smartphone oder Geldbeutel haben wir aber nicht gefunden.« Rico hob einen Plastikbeutel hoch: »Geldbeutel und Smartphone haben wir. Waren in seinem Jackett, das auf dem Beifahrersitz lag.« Isabell würdigte den Plastikbeutel missmutig: »Für was braucht ihr uns dann, wenn ihr alles selber macht. Habt ihr Vögel dabei wenigstens Handschuhe angehabt?« Die Frage war direkt an Franz gerichtet. »Na sicher. Wir sind ja keine Anfänger. Hier sind Profis am Werk.« Bevor Isabell etwas erwidern konnte, stand Dr. Heidenberger befreit von seinem Overall neben ihr. »Hat jemand der Herren die Güte, mich runter zum Bahnhof zu fahren?« »Ach Doktorchen. Jetzt seiens doch net so. Ich fahr auch ganz anständig heim. Ich versprech es Ihnen.« Isabell blinzelte ihn an, als würde sie mit ihm flirten. »Nie und nimmer fahre ich mit Ihnen am Steuer noch einen Meter. Meinem Magen geht es jetzt gerade etwas besser und dann soll ich mich der gleichen Tortur nochmals aussetzen? Ich bin ja nicht irre.« »Und wenn ich fahren würde, Herr Doktor.« Miriam hatte ihren Kleinmädchenblick aufgelegt und schaute Dr. Heidenberger mit ihren großen Augen an. »Hm, darüber könnte ich mit mir reden lassen. Also gut, wenn Sie fahren.« »Eine Frage noch, Dr. Heidenberger, bevor Sie gehen. Können Sie mir etwas über den Tathergang bzw. die Tatzeit sagen? Ich weiß, Sie können mir Genaueres erst nach der Obduktion sagen, aber vielleicht so ungefähr.« »Weil Sie es sind, Herr ...«, Dr. Heidenberger überlegte kurz, »… Winkler. Richtig?« »Ja richtig.« »Gut. Der Mann wurde von hinten stranguliert. Ich vermute mal mit einem Draht oder einem ähnlichen dünnem Gegenstand. Den Todeszeitpunkt würde ich anhand der Leichenstarre und der Totenflecken auf zehn Uhr gestern Nacht bis ein Uhr heute früh einschränken. Aber wie Sie bereits sagten, näheres erst nach der Obduktion.« »Nur noch eine Frage, Herr Doktor. Gab es Kampfspuren beziehungsweise Abwehrspuren?« »Kampfspuren nein. Abwehrspuren ja. Der Tote hat versucht den Draht mit den Fingern zu fassen und vom Hals zu lösen, was man an den Kratzspuren am Hals deutlich sieht. Jedoch ist es ihm nicht gelungen, den Draht zu umklammern. Wahrscheinlich hatte der Täter mit sehr großer Kraft zugezogen.« »Das kann ich bestätigen. An der Rückseite des Fahrersitzes waren Abdrücke von Schuhen. Wahrscheinlich hat er sich mit den Schuhen abgestützt.« Rico hatte sich ein paar Notizen auf einen kleinen Block gemacht und schrieb den letzten Satz noch zu Ende. »Das heißt, es wurde mit aller Gewalt zugezogen? Kann das auch eine Frau gewesen sein? Ich meine, von der Kraft her?« »Herr Winkler, also jetzt sollten Sie es nicht übertreiben. Ich habe mich schon zu einer weitergehenden Aussage hinreißen lassen als ich eigentlich wollte, und das ohne Obduktion, aber mehr geht nicht.« »Und ich sag auch nichts mehr ohne vorherige genaue Untersuchung des Wagens.« Isabell blickte zu Miriam. »Dann denke ich, können wir. Der Abschleppwagen ist auch schon da und bringt die Büchse ins Labor. Und der Leichenwagen für unseren Toten wartet auch schon. Da sind auch entschieden weniger Leute«, Isabell blickte missmutig auf die Menschenmenge, die sich hinter dem Flatterband tummelte. »Nur noch eine Frage«, warf Rico noch kurz ein, bevor alle sich auf den Weg machten, »habt ihr den Draht oder mit, was auch immer das Mordopfer stranguliert wurde, gefunden?« Miriam schüttelte nur den Kopf: »Nein. Sorry, Rico. Wir haben alles abgesucht. Da war nichts, was in Frage kommen könnte. Haben jeden Mülleimer und die ganze Gegend abgegrast. Nichts.« Rico und Franz blickten sich zu den Schaulustigen um, die sich entlang des Flatterbandes drängten, um einen Blick zu erhaschen. Ein Wahnsinn, wie sensationsgeil die Menschen waren. Vor allem hatten die doch alle Urlaub. Da will man doch keine Schreckensbilder sehen. »Ihr müsstet noch kurz mit nach Bischofswiesen. Das Hotelzimmer des Toten anschauen.« »Ach, ihr seid dieses Mal aber schnell bei der Sache. Hast schon rausbekommen, wo er sein Zimmer hat. Aber mein Lieber, da ihr ja vorher schon meine Arbeit gemacht habt, könnt ihr das Zimmer dort auch selber filzen. Solange dort nicht eingebrochen wurde oder ein Kampf stattgefunden hat, brauchst uns ja wohl nicht, nur um dreckige Wäsche durchzuwühlen. Und falls du uns doch brauchst, du hast ja unsere Nummer.« Bevor Franz richtig reagieren konnte und verstanden hatte, saß Isabell im KT-Transporter und hatte die Tür zugeschlagen. »Isabell?« Isabell winkte Franz nur frech hinter der Scheibe der Beifahrertüre zu. Dr. Heidenberger setzte sich nach hinten und zog die Türe ebenfalls hinter sich zu, während Miriam schon den Wagen startete. Rico schaute ebenso verblüfft wie Franz hinter dem KT-Transporter her, der sich aus dem Staub machte. »Was ist denn mit der heute los?« »Weiber. Dann machen wir das eben selber. Los fahren wir.« Franz blickte sich um: »Reiser, schau, dass die Bestatter arbeiten können und dass der Wagen ordentlich wegkommt.«

*

Franz steuerte den Dienstwagen gezielt durch die Massen vom Obersalzberg wieder runter nach Berchtesgaden. »Weißt du, wo die Pension liegt?« »Ja, so ungefähr. In Bischofswiesen in der Nähe der Hauptstraße.« Rico nahm das Smartphone des Ermordeten aus dem Plastikbeutel und drückte die seitliche Taste. Es kam ein Sperrbild zum Vorschein. Rico versuchte, den Bildschirm gegen das Licht zu halten. Vielleicht konnte man das Muster der Entsperrung erkennen. »Wir hätten das Smartphone doch lieber Isabell mitgeben sollen. Die KT hat da ganz andere Möglichkeiten. Am besten, ich bring es ihr heute noch vorbei.« »Brauchst nicht extra nach Traunstein fahren. Du wirst sowieso bald die Gelegenheit haben, Isabell das Smartphone zu geben. Wenn Glockner was von einem Ermordeten hört, wird der gleich eine Besprechung einberufen. Hoffentlich lässt er uns dieses Mal unsere Arbeit machen und funkt nicht immer dazwischen wie beim letzten Mal.« »Soll ich mal im Büro von dem Brauer anrufen. Vielleicht hat der ja eine Sekretärin, die die Gespräche entgegennimmt.« »Versuchs!« Rico kramte die Visitenkarte von Brauer heraus und wählte die Rosenheimer Telefonnummer. Mit dem Freizeichen sprang auch gleich das Smartphone an. »Also Einzelkämpfer. Das Festnetztelefon hat er auf das Smartphone umgeleitet.« »Dann müssen wir eben unsere Kollegen aus dem schönen Rosenheim bemühen und wir müssen dann schon nicht die Todesnachricht überbringen. Bin ich jetzt nicht gerade unglücklich darüber.« Franz konzentrierte sich auf die Straße und fuhr mehrere Kurven. »So hier müsste es irgendwo sein.« Franz hatte den Wagen auf einem Parkplatz gegenüber dem Bischofswiesener Bahnhof gestoppt. »Soll ich mal kurz auf Google Maps nachschauen?« »Naa des brauchts net. Da auf dem Schild steht’s. In die Richtung.« »Pension Prinsenlehen.« Franz fuhr eine schmale Straße entlang. Die Straße wurde immer enger und ging immer steiler bergauf. Rico hielt sich verkrampft am Türgriff fest: »Oh Gott Franz, da kommen wir nie hoch, das ist doch viel zu steil und zu eng. Wenn uns da einer entgegenkommt, dann sind wir erledigt. Fahr doch zumindest langsamer!« »Hast schiss? Bist unsere Straßen no net so gewohnt? Des langt doch locker.« »Um Gottes willen, das ist doch viel zu eng und zu steil. Fahr doch bitte langsamer! Oder besser, lass uns lieber rauf laufen.« Franz hatte sichtlich Spaß, dass sich Rico vor Angst in die Hose machte und fuhr noch etwas schneller die steile Straße hinauf. »Oh Gott, ich bin gleich tot.

---ENDE DER LESEPROBE---