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Gift & Gallenkolik Friedas erste richtige Stelle als Stationsärztin an einem Münchner Klinikum beginnt mit einem Paukenschlag: Schon am zweiten Tag ist ihr Doktorvater tot. Kolchizin-Vergiftung, stellt Friedas Mitbewohner, der Toxikologe Quast, schnell fest. Für die Klinikleitung ist der Fall damit geklärt – nicht das erste Mal, dass ein Hobbykoch beim Kräutersammeln im Englischen Garten Bärlauch mit der hochgiftigen Herbstzeitlose verwechselt hat. Doch Frieda und Quast hegen Zweifel. Und tatsächlich stellt sich heraus, dass der Tote selbst einige Leichen im Keller hatte – und dass Professor Naders Ableben mehr als einem Kollegen an der Eisbachklinik durchaus gelegen kommt …
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2013
Bettina Plecher
Kriminalroman
Gift & Gallenkolik
Friedas erste richtige Stelle als Stationsärztin an einem Münchner Klinikum beginnt mit einem Paukenschlag: Schon am zweiten Tag ist ihr Doktorvater tot. Kolchizin-Vergiftung, stellt Friedas Mitbewohner, der Toxikologe Quast, schnell fest. Für die Klinikleitung ist der Fall damit geklärt – nicht das erste Mal, dass ein Hobbykoch beim Kräutersammeln im Englischen Garten Bärlauch mit der hochgiftigen Herbstzeitlose verwechselt hat. Doch Frieda und Quast hegen Zweifel. Und tatsächlich stellt sich heraus, dass der Tote selbst einige Leichen im Keller hatte – und dass Professor Naders Ableben mehr als einem Kollegen an der Eisbachklinik durchaus gelegen kommt …
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 2013
Copyright © 2013 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Umschlaggestaltung yellowfarm gmbh, Stefanie Freischem
(Abbildungen: thinkstockphotos.de; Claudio Baldini/iStockphoto.com; World Images – Fotolia.com; sootra/shutterstock.com)
ISBN 978-3-644-52271-8
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Motto
SAMSTAG, 17.3.2012
DIENSTAG, 18.10.2011
MONTAG, 19.3.2012
DIENSTAG, 20.3.2012
MITTWOCH, 21.3.2012
SAMSTAG, 24.3.2012
MITTWOCH, 28.3.2012
DONNERSTAG, 29.3.2012
FREITAG, 30.3.2012
SAMSTAG, 31.3.2012
MONTAG, 2.4.2012
DIENSTAG, 3.4.2012
SAMSTAG, 7.4.2012
SAMSTAG, 14. 4. 2012
SONNTAG, 15.4.2012
MONTAG, 16.4.2012
APRIL/MAI 2012
MITTWOCH, 23.5.2012
DONNERSTAG, 24.5.2012
FREITAG, 20.7.1212
SONNTAG, 22.7.2012
Epilog
Danksagung
Dir wird gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!
Mephisto zum Schüler (Faust I)
Prolog
Noch wirkt das Gift nicht. Die Körpertemperatur des Professors beträgt 36,9 Grad Celsius. Die Sauerstoffsättigung seines Blutes ist unauffällig, ebenso seine Atem- und Pulsfrequenz; die Kalium- und Phosphatwerte liegen im Normbereich: Er ist gesund.
Gabor Nader schließt die Wohnungstür leise hinter seinem Gast und lächelt in den mannshohen Spiegel, den er im Flur hat anbringen lassen. Mit beiden Händen streicht er sich das rotblonde Haar aus der Stirn.
Die fünfundvierzig sieht man ihm nicht an. Auch in dieser Hinsicht ist er von der Natur begünstigt. Die feinen Fältchen um die Augenwinkel wirken heiter, seine Gesichtszüge, die früher vielleicht etwas zu weich gewesen sind, haben in den letzten Jahren an Kontur gewonnen. Der beginnende Bauchansatz stört ihn zwar, dieser kleine Makel lässt sich jedoch mühelos kaschieren.
Professor Nader bückt sich, um die Schnürsenkel seiner rindsledernen Schuhe zu lösen. Den leichten Schwindel, der ihn unvermittelt überfällt, führt er auf den Wein zurück.
Nader ist Internist – und wüsste er, was er drei Stunden zuvor gegessen hat, so würde er eine wenig erfreuliche Prognose stellen. So aber registriert er auf dem Weg in die Küche mit Wohlgefallen jedes einzelne Detail der Einrichtung. Er hat das letzte halbe Jahr genutzt, um seine Wohnung zu einem repräsentativen und behaglichen Ort zu machen: An den Wänden hängen Gemälde junger Künstler in satten Rottönen, die Küche ist ein schimmerndes Juwel mit Oberflächen aus schwarzem Lack, Edelstahl und Granit.
Er durchschreitet das Entree, um die passende Musik für seine beschwingte Stimmung auszuwählen, und entscheidet sich für Händel-Arien.
Der Tag hat seine Erwartungen erfüllt. Er liebt diese Samstage, liebt die Vorbereitungen für seine Abend-Einladungen. Diesmal gab es Scaloppine al limone und dazu ein cremiges Kräuterrisotto – eine Hommage an die wärmere Jahreszeit, auf die er schon sehnsüchtig wartet. Er ist mit dem Rad zum Elisabethmarkt gefahren, um das Nötige einzukaufen. Erst am späten Nachmittag hat er sich in seiner perfekt ausgestatteten Küche ans Werk gemacht, hat sich an den frischen Aromen erfreut, die Zutaten mit liebevoller Sorgfalt behandelt, hat jeden Moment der meditativen Beschäftigung mit den frischen Lebensmitteln genossen. Leider findet er nur samstags die Zeit zum Kochen, an den anderen Tagen isst er im Restaurant. Das Leben ist zu kurz, um es mit dem Braten von Spiegeleiern zu vergeuden.
Für die Vorspeise sorgt traditionell sein jeweiliger Gast, leider kommt diese geschmacklich nur selten an das heran, was er selbst serviert. So auch diesmal: ein Kräuterpesto mit zu vielen Bitterstoffen, das ansonsten kaum gewürzt war. Nur aus Höflichkeit hat er seine Portion aufgegessen. Ein fataler Fehler, wie sich bald herausstellen wird.
Im Übrigen ist es nicht nur ein erfolgreicher, sondern wider Erwarten auch ein angenehmer Abend gewesen. Nader weiß, dass er ein brillanter Unterhalter ist. Er kann über Politik ebenso klug und pointiert sprechen wie über Kunst, Literatur oder – wenn es unbedingt sein muss – auch Medizin, und je intelligenter und wendiger sein Gegenüber ist, desto mehr Vergnügen bereitet ihm das Gespräch.
Nun betrachtet er das Appartement fast ein wenig wehmütig. Es wird schwer werden, all dies zurückzulassen, aber er ist bereit, für seine Ziele einiges zu opfern.
Er bemüht sich, den Siebträgereinsatz seiner Espressomaschine im Rhythmus der Musik auszuklopfen. Was an Kaffeesatz hängen bleibt, wischt er schwungvoll mit einem Tuch weg, er freut sich über den Glanz des gerundeten Stahls, als er das Gerät sanft poliert.
Mit einem letzten wohlgefälligen Blick greift er nach seinem Weinglas, öffnet die Flügeltüren, die von der Küche auf die Dachterrasse führen, und atmet tief durch. Er fröstelt in der Nachtluft – und doch ist zum ersten Mal das Frühjahr zu erahnen. Es riecht nach Erde, und weit unten glaubt er Krokusse und Märzenbecher im Licht dezenter Gartenbeleuchtung schimmern zu sehen.
Als Gabor Nader sein bauchiges Glas mit beiden Händen umfasst und den Duft des alten Nebbiolo d’Alba einatmet, spürt er eine leichte Übelkeit.
Eine tiefgraue Wolkendecke hing über dem Klinikum Würzburg. Unten wälzten sich die kalten Wasser des Mains durch die Stadt, hier oben wehte der Wind. Es war Herbst.
Frieda May hatte die lauen Sommernächte des vergangenen Jahres im Labor verbracht, ebenso die Frühlingsabende, ja, sogar die Silvester-Nacht. Jetzt war sie fünfundzwanzig und wurde immer blasser. Heute aber hatte sie Rouge aufgelegt.
Gewappnet mit einem erdbeerroten kurzen Filzrock und schwarzen Stiefeln, stieg sie zum Büro ihres Doktorvaters hinauf. Ein schwerer Gang, vielleicht ein Abschied.
Sie war zu früh und verharrte einen Moment im dunklen Flur vor seiner Tür. Noch einmal warf sie einen Blick in ihre Tasche. Alle Unterlagen, die sie am Abend zuvor hineingesteckt hatte, waren noch da. Sie schaute auf die Uhr. Drei Minuten vor halb neun. Zu früh zu kommen erschien ihr unhöflich, genau pünktlich zu sein unangebracht beflissen. Also lieber ein bisschen zu spät. Als sie sich im Korridor auf und ab bewegte, versuchte sie, keine lauten Geräusche mit den Schuhen zu machen.
Die Tür öffnete sich wenige Augenblicke nach ihrem Klopfen. Professor Gabor Nader lächelte sie aufrichtig erfreut an und ergriff ihre Hand. Er hielt sie ein wenig zu lange in seiner, und ihr Herz schlug noch schneller. Sie konnte sich der Direktheit seines Blickes nicht entziehen und merkte, wie sie errötete.
Ihr Doktorvater trug Jeans, ein blau kariertes Hemd, dessen oberster Knopf nicht geschlossen war, und ein Cordsakko mit Flicken an den Ellenbogen. Diese Kleidung unterstrich seinen Typ – irgendetwas zwischen einem Hamburger Reeder und einem englischen Landadeligen.
Sie war sicher, dass er um die Hüften nicht so schlank war, wie er es gerne gewesen wäre.
Gabor Nader strich sich einige rotblonde Strähnen aus der Stirn und begrüßte sie: «Frieda, wie schön. Geht es dir gut?» Selbst die platteste Eröffnungsformel klang aus seinem Munde herzerwärmend. Sie ahnte dunkel, dass sie einer Masche aufsaß, konnte sich seinem Charme aber nicht entziehen. Nader deutete auf ein zerschlissenes Sofa, und sie verfluchte ihren Rock, als sie sich vorsichtig hinsetzte. Der Professor schob einen Ledersessel in ihre Nähe und ließ sich fallen.
Als er sie erwartungsvoll anlächelte, fragte sie sich, wie alt er wohl sein mochte. Wahrscheinlich über vierzig. Auf jeden Fall zu alt. «Die Doktorarbeit ist in Druck. In einer Woche wird ausgeliefert. Mein Vertrag läuft aber noch bis März», sagte sie.
«Wunderbar.» Nader fuhr sich mit beiden Händen über den Kopf. An den Schläfen wurde sein Haar dünn. Sie konzentrierte sich auf dieses Zeichen des Verfalls und hörte ihn sagen: «Du hast ganz großartige Arbeit geleistet. Alle Gutachter waren sich einig. Das ‹Summa cum laude› hast du dir verdient. Und jetzt ist es natürlich wichtig, dass du deine weiteren beruflichen Schritte mit Bedacht wählst.»
«Deswegen bin ich hier.»
«Ja …?» Sein Blick hing an ihrem Gesicht.
«Ich wollte dich bitten, das hier durchzulesen.» Sie holte die Formulare heraus.
Nader griff nach dem Packen und zog nach einem kurzen Blick darauf die Brauen indigniert in die Höhe. «Entwicklungshilfe, Frieda, das ist doch nicht dein Ernst!»
Sie wand sich. Er würde es ihr nicht leicht machen, das hatte sie kommen sehen. «Doch.»
«Aber Frieda, du mit deiner Begabung, was willst du da?»
«Ich möchte etwas anderes sehen. Und etwas Nützliches tun.»
«Aber doch nicht so.» Abfällig warf er die Unterlagen auf den Beistelltisch.
«Warum denn nicht?»
«Du bist natürlich sehr jung und idealistisch – aber wenn du die Karriere machen willst, die mir für dich vorschwebt, dann musst du sorgsam mit deiner Zeit umgehen. Wie alt bist du?»
«Fünfundzwanzig.»
Nader nickte nachdenklich. «Wenn du dich jetzt nicht treiben lässt, kannst du in sechs bis acht Jahren habilitieren. In zehn Jahren hast du deine Professur. Du musst nur dein Ziel vor Augen haben, daran glauben, dass du es schaffst.»
Frieda May wollte nicht habilitieren. Sie wollte weg.
Schräg sah sie an Naders Ohr vorbei und starrte auf ein kleines ungerahmtes Ölbild, das an der gegenüberliegenden Wand hing, halb verdeckt von einem Vorhang.
Das in düsteren Brauntönen gehaltene Jünglingsporträt zeigte unverkennbar Gabor Nader. Es waren jedoch nur die äußeren Züge, die ihm glichen. Der in sich gekehrte junge Mann, der nachdenklich einen Punkt in der Ferne fixierte, hatte ansonsten wenig mit ihrem Doktorvater gemein. Das Porträt wirkte skizzenhaft, die Striche waren schnell gesetzt, an einigen Stellen schien die Leinwand durch. Und doch zog gerade diese Flüchtigkeit sie in Bann.
Sie zuckte zusammen, als Nader unvermittelt auf seinem Sessel nach vorne rutschte und fragte: «Wovor läufst du davon, Frieda?» Seine Stimme war tiefer als sonst.
Sie atmete geräuschvoll ein. Mit dieser Reaktion hatte sie gerechnet. «Ich laufe nicht davon. Ich will mein Leben ändern.»
«Und da wirfst du einfach alles fort, was du dir aufgebaut hast?» Nader lächelte nicht, als er das sagte. «Entwicklungshilfe. Ich bitte dich. Das sind Perlen vor die Säue, wenn du den Ausdruck entschuldigst. Jemand wie du kann der Menschheit auf anderem Wege weit effektiver nützen.»
Sie schwieg und dachte an die einsamen Nächte im Labor, an die Tage in der Klinik. Die Erinnerungen an das letzte Jahr verschmolzen zu einem zähen, grauen Brei.
Aber ihr Doktorvater würde sie nicht ohne weiteres ziehen lassen. Er betrachtete sie als sein bestes Pferd im Stall: begabt, fleißig und absolut loyal. Bevor sie etwas sagen konnte, fuhr er fort: «Du hast zu viel gearbeitet, Frieda. Eigentlich würde ich sagen, nimm dir ruhig eine Auszeit, denk über alles nach, dann sprechen wir noch einmal. Aber nun haben sich die Dinge auch für mich geändert, und ich kann dir ein attraktives Angebot machen.»
Frieda starrte die achtlos hingeworfenen Bewerbungsunterlagen auf dem Tischchen an. Ihr Entschluss stand fest. Sie wollte nicht zu etwas anderem genötigt werden. Nicht einmal von Gabor Nader.
Der senkte seinen blauen Blick in ihren und legte seine Hand auf ihren Arm. «Vielleicht weißt du es ja auch schon – ich habe eine neue Stelle angenommen. Ab Dezember bin ich leitender Oberarzt in München.» Er setzte eine wirkungsvolle Pause und fuhr fort: «Und ab März kann ich dich dort brauchen.»
So etwas war zu erwarten gewesen. Nader war immer nur ungern einer von vielen Oberärzten gewesen, immer war er ein bisschen profilierter, ein bisschen beliebter bei den Studenten, veröffentlichte ein bisschen besser als die anderen. Nun hatte er es also geschafft. Nur noch dem Chefarzt unterstellt, würde er als leitender Oberarzt alle Fäden in der Hand halten. War der Chefarzt die graue Eminenz, der oberste Repräsentant des Ganzen, so traf der leitende Oberarzt die eigentlichen Entscheidungen, lenkte die Alltagsgeschäfte seiner Abteilung, schuf Fakten. Nader war die ideale Besetzung für diesen Posten.
Frieda schaute unbehaglich auf die Hand, die immer noch auf ihrem Arm lag. Nader bemerkte es und stand auf. Während er zur Tür ging, erklärte er: «Komm mit mir nach München, Frieda. Ich sorge dafür, dass du mit deiner Ausbildung weiterkommst. Wir sind ein wunderbares Team, das weißt du doch.»
Sie stand auf und griff nach ihren Bewerbungsunterlagen: «Ich …»
«Du musst jetzt nichts sagen. Denk einfach darüber nach.» Er hielt inne, die Hand schon auf der Klinke. «Sogar ein Zimmer mitten in Schwabing könnte ich dir besorgen. Ein alter Kollege, den ich noch aus meiner Münchner Zeit kenne, vermietet es, sofern ihm der Mieter respektive die Mieterin gefällt. Und wenn ich mir dich so ansehe, bin ich mir sicher, dass du ihm gefällst.» Selbst aus Naders Mund klang dieses Kompliment fast schlüpfrig. Er schien dies selbst zu merken und fügte schnell hinzu: «Komm schon, Frieda, München ist so eine großartige Stadt. Bayerischer Barock, blauer Himmel, Bier in Strömen – und mittendrin wir beide.»
Als sie sich draußen gegen den Wind stemmte, hatte sie die letzten Worte noch im Ohr.
Ein halbes Jahr später erwachte sie vom Hämmern ihres Herzens. Im Zustand zwischen Wachen und Schlaf konnte sie ihre Angst nicht einordnen. Es dämmerte, der rötliche Schein der Straßenbeleuchtung fiel durch die Scheiben.
Der Kopf ihres Stethoskops baumelte von dem durchgesessenen Thonetstuhl, dem einzigen Möbelstück, das sie mit nach München gebracht hatte. Hinter Stuhl und Stethoskop machte Frieda im Halblicht herrschaftlich hohe Wände, schmale Fenster und ansonsten erfreuliche Leere aus. Über ihrem Koffer hing das schwarze Etuikleid, das sie am Tag zuvor getragen und dort abgelegt hatte.
In einer Ecke stapelten sich volle Umzugskisten. Über ihrem Kopf bewegte sich langsam ein einzelner Spinnwebfaden, der vom bröckelnden Stuck hing. Die heruntergekommene Pracht des Altbaus hob ihre Stimmung.
Angespannt horchte sie auf die Geräusche von draußen und stellte fest, dass erstaunlicherweise mehr Vogelgezwitscher als Motorenlärm zu hören war. Zu ihrer Enttäuschung ein bisschen wie auf dem Land. Einmal rollte jemand einen Koffer vorbei, vielleicht war er auf dem Weg zum Flughafen oder zum Bahnhof – wenigstens das Rattern hatte etwas von großer weiter Welt. Nun also München, nicht Peru. Das große Abenteuer musste warten.
Sie zog sich die Decke über den Kopf. Was hatte sie nur dazu getrieben hierherzukommen? Sie seufzte. Natürlich war ihr klar, was den Ausschlag für ihre Entscheidung gegeben hatte. Zu oft hatte sie sich die bewusste Nacht in Erinnerung gerufen.
Eine Woche nach ihrem Gespräch mit Gabor stand Frieda im Labor und zählte Zellen, ein weiterer Abend in diesem Keller unter der Klinik. Nur knapp sechs Monate blieben ihr noch, um ihr neues Projekt für Gabor Naders Arbeitsgruppe abzuschließen.
Sie hatte die Zeit vergessen. Die Labortür stand offen, ihre Kollegen waren schon vor Stunden nach Hause gegangen.
Endlich war sie auf der richtigen Spur, ein Ergebnis zeichnete sich ab. Euphorie mischte sich mit Müdigkeit; zu viel Koffein und zu wenig feste Nahrung ließen ihren Kopf flirren. Ihre Hand, die den Zellzähler bediente, zitterte, ihre Augen schmerzten.
Nur das Surren der Computer und die leisen Geräusche ihrer automatisierten Handgriffe waren zu hören.
Kurz nach Mitternacht klackte die Feuertür draußen im Gang.
Sofort erkannte sie die Schritte, die sich näherten, dynamische, schnelle Schritte, die vor ihrem Labor langsamer wurden. Sie zwang sich, unbeeindruckt weiterzuarbeiten, aber ihr Herzschlag war lauter, als ihr recht war.
Als sie hochsah, lehnte Gabor Nader dekorativ am Türstock und sah sie amüsiert an. »Ich bin beeindruckt», sagte er, und sie suchte nach dem Spott in seinen Worten. Und dann fügte er seltsam sanft hinzu: «Guten Abend, Frieda.» Sie räusperte sich und fand mit Mühe ihre Stimme: «Hallo, Gabor.»
«Kommst du voran?», fragte er und trat näher. «Lass mich mal sehen.» Als er nach dem Ausdruck mit den Ergebnissen griff, streifte er ihren Arm. Die feinen Härchen auf ihrer Epidermis stellten sich auf. Er lehnte sich neben sie an den Labortisch, so nah, dass die kühle Baumwolle seines Hemdes an ihrem Oberarm lag, und sagte triumphierend: «Ich wusste, was in dir steckt, Frieda, ich wusste es einfach.» Er drehte sie mit einer geschmeidigen Bewegung zu sich, dann nahm er ihr den Zellzähler aus der Hand und zog sie ganz zu sich heran.
Sie spürte seinen Atem auf ihrem Haar und schloss die Augen.
Schon Wochen vor seiner Abreise hatte sich Gabor um sie bemüht. Er hatte sie mit seinem Charme becirct, ihren Ehrgeiz angestachelt und ihr Ego gestreichelt. Bis zu jenem Abend im Labor aber hatte Frieda sich nicht der Illusion hingegeben, dass er sie mitnehmen wollte, weil er sie für besonders begabt oder gar attraktiv hielt. Sie hatte angenommen, er wolle jemanden bei sich haben, der ihm bedingungslos ergeben war und bereit, das Letzte aus sich herauszuholen.
Jetzt setzte sie sich auf, lehnte sich an die raue Wand und versuchte, wach zu werden. Vielleicht war es auch nach der besagten Nacht klüger, die Sache so zu sehen.
Zumindest war das hier München-Schwabing und nicht Würzburg-Kist, ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Weg von ihren Eltern und so manch anderen lästigen Umständen.
Erstaunlich war, wie gut Gabors Netzwerk funktionierte. Er trat eine neue Stelle an und hatte nicht nur selbst sofort eine neue Wohnung, sondern konnte auch ihr ohne größere Schwierigkeiten ein Zimmer in bester Lage vermitteln. Vielleicht hätte sie das stutzig machen sollen.
Frieda kramte ihr Handy hervor, das sie zwischen Matratze und Wand gesteckt hatte, und sah auf das Display: immer noch kein Lebenszeichen von Professor Gabor Nader. Seit ihrer Abreise in Würzburg hatte sie nichts mehr gehört. Leise Reue keimte in ihr auf. Wegen Gabor war sie hier, und schon jetzt fühlte sie sich alleingelassen.
Ab heute war sie Assistenzärztin. Noch immer gelang es ihr nicht, die Vorstellung, die sie von einer Ärztin hatte, mit ihrem Selbstbild zusammenzubringen. Man erwartete von ihr, dass sie erwachsen war, aber wer war schon wirklich erwachsen mit fünfundzwanzig?
All das viele Wissen, das sie sich in den letzten Jahren einverleibt hatte, würde ihr in der Praxis kaum weiterhelfen. Beim Gedanken daran, allein einen Schwerkranken behandeln zu müssen, wurden ihre Hände feucht. Theoretisch war sie ein As, praktisch eine Niete.
Sie sah sich bereits in einem gesichtslosen Behandlungszimmer, allein mit einem erstickenden Patienten, dessen verzweifelter Blick auf ihr lag. Die Lehrbuchseiten im Kopf, den Tubus in der Hand, unfähig, sich zu bewegen. Sie würde sich nicht nur bis auf die Knochen blamieren, sie würde durch ihr unvermeidliches Versagen anderen Leuten schaden. Ach was – umbringen würde sie sie! Vor Zittern würde sie die Vene am Arm des Patienten nicht finden und mit der Injektionsnadel danebenstechen.
Sie rieb sich die Augen mit den Fäusten, bis es weh tat, nahm sich schließlich zusammen und schlurfte im Bademantel in die Küche.
Der Stuhl, auf den sie sich setzte, wackelte. Nachdem sie ein Stück Karton unter ein Bein geschoben hatte, saß sie eine Weile nachdenklich da. Sie war sich nicht mehr sicher, ob es nicht ein grober Fehler gewesen war, hier einzuziehen, ohne sich die Wohnung vorher anzusehen.
Natürlich hatte sie am Abend zuvor schon einen Blick in die Küche geworfen – aber jetzt im Morgengrauen erschreckte sie der Kontrast zu ihrem leeren Zimmer. Ihr neuer Mitbewohner war offensichtlich ein konsequenter Mülltrenner: Überall stapelten sich Kartons mit Flaschen, Dosen und Papier. Alle Einrichtungsgegenstände waren irgendwie schief. Es war klar, dass hier einer immer mal wieder ein Möbelstück vor der Sperrmüll-Presse rettete, um ihm hier ein neues Zuhause zu geben. Neben einem Filmposter aus Kuba hing ein gesticktes Bild: Trautes Heim, Glück allein.
Durch das hohe Fenster, vor dem ein paar vertrocknete Küchenkräuter ein trauriges Dasein fristeten, drang inzwischen das Morgenlicht, das durch die ersten Blätter einer Linde grün und durch die Staubschicht auf den Scheiben grau gefiltert wurde.
Schließlich gab sie sich einen Ruck und bugsierte mit spitzen Fingern drei schmutzige Töpfe vom Herd, um Platz für das Espresso-Kännchen aus Alu zu schaffen, das sie vorsorglich mitgebracht hatte. Als sie es füllte, sog sie den Duft des Kaffeepulvers ein und spürte, wie sie ruhiger wurde. Schließlich setzte sie sich auf ihren Stuhl, wartete auf das Gurgeln des Kaffees und sah sich um. In einem himmelblau gestrichenen Regal standen Kochbücher. Größeren Raum aber nahm eine ganze Reihe fachwissenschaftlicher Bände ein. Eine Abhandlung mit dem einprägsamen Titel Giftpilze, Pilzgifte stand neben einem Werk über die Pflanzen der Venus. Gerade blätterte sie gedankenverloren in einem Lexikon der Zauberpflanzen, als eine Stimme fragte: «Willst du jemanden vergiften?» Schuldbewusst klappte sie das Buch zu und versuchte zu lächeln.
Am Abend zuvor hatte sich Quirin Quast sofort nach dem notwendigen Austausch von Höflichkeiten in sein Zimmer zurückgezogen. Er war ein hünenhafter Mittvierziger mit einem liebenswürdigen, etwas resignierten Lächeln. Auf den ersten Blick hätte man ihn für einen Boxer halten können, erst auf den zweiten sah man, dass er die breiten Schultern hängen ließ und beim Gehen die Füße nur so weit hob wie nötig.
Er hatte nicht nur einen Doktortitel in Medizin, sondern zusätzlich einen in Chemie und war spezialisiert auf klinische Toxikologie. Wann immer sich ein Münchner absichtlich oder unabsichtlich vergiftete, in selteneren Fällen auch vergiftet wurde, zog man den Toxikologen der Eisbachklinik heran.
Frieda blickte Quast an. Er trug ein T-Shirt, das einmal rot gewesen sein musste, nun aber ins Rosa spielte, zu einer alten Jeans; ausgetretene Turnschuhe rundeten das Ensemble ab.
Zunächst hatte Frieda gedacht, es könne nur von Vorteil sein, fürs Erste mit einem Oberarzt zusammenzuwohnen – später fand sie es irritierend, dass Quast keine Familie hatte und, wie Gabor meinte, am Karrieremachen nicht interessiert war. Irgendetwas stimmte da nicht. Irgendetwas roch nach gescheiterter Existenz.
Wie er aber so vor ihr stand, wirkte er ausgeglichen, ja fast zufrieden.
Der Eindruck täuschte. Quast war nicht zufrieden. Wieder war es Gabor Nader gelungen, seinen Willen durchzusetzen und ihm diese Laus in den Pelz, genauer diese Maus in die Wohnung zu setzen. Sie war durchaus attraktiv, natürlich, wenn Gabor seine Finger im Spiel hatte. Etwas Audrey-Hepburn-Haftes umgab sie. Vielleicht lag das an diesen Riesenaugen, vielleicht an der burschikosen Jungmädchensicherheit, die sie vor sich hertrug; ob diese echt oder aufgesetzt war, konnte er nicht mit Sicherheit sagen.
Quast hatte vergessen, dass Nader auf diesen Typ stand. Unauffällig versuchte er, einen Blick auf ihre Figur zu werfen, als sie sich vorbeugte und seine kleine Küchenbibliothek begutachtete.
Die Frage, ob sie jemanden vergiften wolle, war ihm herausgerutscht. Es passte ihm nicht, dass sie, kaum war sie da, in seinen Sachen herumschnüffelte. Aber sie schien die Spitze nicht zu bemerken und antwortete munter:
«Im Moment noch nicht – aber wer weiß.»
Quast war sich nicht sicher, ob ihm der Kontrast zwischen ihrem fränkischen Akzent und der klassischen Form ihres Gesichts behagte oder nicht, deshalb entschied er sich für eine provokative Antwort: «Ja sauber. Ich wollte mir nicht unbedingt mit einer fränkischen Giftmörderin die Wohnung teilen.»
«Und ich nicht mit einem Münchner Ferkel.»
Diese Antwort war ganz klar eine Unverschämtheit, da konnte es nicht schaden, gleich die Fronten zu klären: «Ich halte dich bestimmt nicht vom Aufräumen ab.»
Als Frieda ihn anstarrte, als habe er ihr ein unanständiges Angebot gemacht, lächelte er versöhnlich. «Ich helf dir schon, aber gib mir doch ein bisschen Kaffee.» Er setzte sich vorsichtig auf den unbequemeren der beiden Stühle.
«Und du bist also der Mann, den ich fragen muss, wenn ich den perfekten Giftmord plane.»
Quast musterte seine neue Mitbewohnerin: Eingehüllt in einen viel zu großen rosa Morgenmantel, stand sie auf den Zehenspitzen und angelte nach den Tassen, die im oberen Regal standen. Quast unterließ es, ihr zu helfen, und sagte: «Na, du bist ja nicht gerade zimperlich. Wen willst du denn vergiften?» Nachdenklich strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr. An ihrem kleinen Finger blitzte eine winzige silberne Schlange. Als hätte sie sich von ihrem Kinderring nicht trennen können und ihn stattdessen immer weiter aufgebogen. Als sie den Kaffee eingoss, spreizte sie den Finger ein bisschen ab. Quast starrte auf ihre Hand, als sie antwortete: «So konkret ist es noch gar nicht. Ich will einfach ein bisschen was lernen, wenn ich schon mit einem Giftspezialisten zusammenwohne.»
Quast hob eine Braue, doch sie sprach unbeirrt weiter:
«Was würdest du empfehlen: Arsen? Morphin? Strychnin?» In einer ironisch-koketten Geste reichte sie ihm seine Tasse.
Quast probierte das Gebräu. Es schmeckte leicht verbrannt und ziemlich bitter – aber immerhin nach Kaffee. Quast wusste natürlich, dass Alukännchen giftige Stoffe abgaben, aber er ignorierte diese Tatsache. Die Gefahren von Nikotin und Alkohol ignorierte er schließlich auch. Also nahm er einen großen Schluck und antwortete: «Da fallen mir schon elegantere Möglichkeiten ein. Die klassischen Gifte sind inzwischen alle zu leicht nachweisbar. Die wirken auch viel zu schnell.» Er dachte kurz nach: «Ich persönlich würde zum Beispiel radioaktives Polonium vorschlagen. Oder Barium – das ist besonders hübsch. Die Leiche brennt dann beim Einäschern leuchtend grün.»
«Wie bitte? Hast du das etwa schon mal gesehen?»
Er schmunzelte. «Nein, aber bei Feuerwerkskörpern funktioniert das auch.» Er überlegte kurz: «Es gibt aber noch andere elegante Methoden. Gern genommen wird auch immer wieder Thallium.» Frieda runzelte die Stirn. «Sagt mir alles nichts.»
Das hatte er ganz vergessen: Wie junge Frauen sich ahnungslos gaben und ältere Männer dazu brachten, sich lächerlich zu machen, wenn sie mit ihrem Wissen protzten. Er genoss es, ihr auf den Leim zu gehen: «Thallium ist eine Metallverbindung, die praktischerweise nach nichts schmeckt und erst nach Tagen wirkt.»
«Das heißt, wenn ich meinen Chef umbringen will, mische ich ihm heute das Zeug unters Essen, und erst ein paar Tage später bekommt er Vergiftungserscheinungen?»
Mehr und mehr fand Quast den Kontrast zwischen Friedas Äußerem und ihrer abgebrühten Art befremdlich.
«Du bist ja ein Schätzchen. Du kennst deinen Chef noch gar nicht und willst ihn schon umbringen?» Er nahm einen weiteren Schluck, sah sie nachdenklich an und fuhr dann fort: «Aber so ähnlich würde das gehen. Erst hat er nur Verstopfung, nach fünf Tagen verliert er seine Haare, dann kann er nicht mehr gehen, irgendwann stirbt er dann an Atemlähmung – und keiner weiß, warum.»
«Perfide.» Frieda lächelte anerkennend. «Habt ihr solche Fälle bei euch in der Klinik?»
«Nicht oft, wir haben es eher mit den üblichen Alkoholikern, Drogenabhängigen und Selbstmördern zu tun. Du fängst heute bei uns an, stimmt’s?», wechselte er das Thema.
«Ja.»
«Ich hoffe, du weißt, worauf du dich da eingelassen hast.»
Natürlich wusste Frieda das nicht.
Bevor sie darüber nachdenken konnte, läutete ein Telefon. Quirin Quast kramte einen altertümlichen farngrünen Apparat mit schwarzer Wählscheibe und Spiralschnur unter einer Zeitung hervor.
Am anderen Ende der Leitung sprach eine aufgeregte Stimme auf ihn ein. Mit einem Ruck drehte er sich weg, griff zu einem Bleistift, notierte etwas auf dem Rand einer Zeitung, bis die Mine brach, wühlte hektisch nach einem anderen Stift, schrieb wieder. Ebenso abrupt beendete er das Gespräch: «Ja doch, ich komm schon. Ich beeil mich.»
Als er auflegte, wandte er sich wieder Frieda zu, sah sie mit einem Blick an, den sie nicht einordnen konnte, nahm noch einen Schluck Kaffee und starrte finster auf die Tasse in seinen Händen. Sein Blick huschte zu ihr herüber, bevor er fragte: «Der Gabor, der Gabor Nader hat dich doch hergeholt, oder?»
«Ja. War er das?»
«Nein, nein, das war er nicht.» Quasts Stimme klang belegt.
«Alles in Ordnung?»
Er setzte zum Sprechen an, überlegte es sich dann aber anders und stand auf: «Ich muss mich schicken. Wenn du mit mir fahren willst, musst du dich schnell fertig machen.» Er wandte sich ab und begann im Küchenschrank zu wühlen. Frieda nippte unbehaglich an ihrem Kaffee.
Schließlich überwand sie sich und sagte zu seinem Rücken: «Ich weiß gar nicht, wann ich erwartet werde, und wo. Ich dachte, der Gabor kümmert sich um alles.»
Ihre Stimme klang mindestens so kläglich, wie sie sich fühlte. Sie hasste das. So schnell war die mühsame Lässigkeit dahin.
Quast drehte sich überrascht zu ihr um und nahm sie noch einmal genauer ins Visier. «Der Gabor – der wird nicht kommen.»
«Aber …» Sie war fassungslos. «Was soll das heißen, er wird nicht kommen? Er hat versprochen, da zu sein.»
Quast zögerte. «Er ist krank. Liegt in der Klinik.»
Frieda fror. «Was soll das heißen, liegt in der Klinik?»
«Ich weiß es doch auch nicht. Ich soll schnell hinkommen. Wenn sie mich da haben wollen, ist es irgendwas Toxikologisches.»
Er verstummte. Dann raffte er sich auf und sagte mit veränderter Stimme: «Wenn du willst, bring ich dich noch schnell ins Büro vom Chef, die werden dir schon weiterhelfen.»
Frieda merkte, dass er nicht mehr sagen würde, und gab sich Mühe, ihr Entsetzen zu überspielen, während Quast eine bräunliche Banane in eine bananenförmige Box packte. Beim Gedanken daran, ohne Gabors Vermittlung diesen ersten Tag zu bestehen, bekam sie Sodbrennen. Etwas Toxikologisches, was hieß das? Eine Fischvergiftung? Eine Überdosis? Aber an was? Kokste Gabor etwa? Vorstellbar war es. Vorstellbar war vieles bei Gabor. Sie stand auf. Ein Schritt nach dem anderen, dachte sie. Es wird sich schon alles klären. Es kann nicht so schlimm sein. Darf nicht so schlimm sein.
Quast schüttete inzwischen den Rest des Kaffees hinunter, griff nach der Bananendose und verschwand wortlos in seinem Zimmer.
Also beeilte sie sich: Zähne putzen, Katzenwäsche und rein in Hose und Bluse, wenig Make-up, ein bisschen Lippenstift. Quast klopfte, als sie noch mit ihren Stiefeln kämpfte. Als er schon die Treppe hinunterpolterte, warf sie einen letzten Blick in den Spiegel und verschloss dann die Wohnungstür hinter sich.
Während ihre Schuhe rhythmisch auf den Treppenstufen klackerten, registrierte Frieda abwesend die Morgengerüche des Hauses. Dann drückte sie die schwere Eichentür auf und betrat den Tag. Geblendet zögerte sie kurz und war schon einem vorbeieilenden Passanten im Weg, der murrend einen Bogen um sie machte.
Weiter vorne stand Quast, startbereit. Er schob ihr mit der Andeutung eines Lächelns ein altes Herrenfahrrad hin und fuhr los. Sekunden später sah sie ihn, wie er über eine rote Ampel fuhr und dabei einen Porsche Cayenne rechts überholte. Nur aus dem Augenwinkel nahm sie im Hinterherfahren Gründerzeithäuser und Nachkriegsbauten wahr, Cafés, Boutiquen, Kneipen. Es roch nach Brot und Diesel. Gerne wäre sie abgestiegen und hätte sich treiben lassen, nur für einen Moment. Quast jedoch bremste erst an der Leopoldstraße.
Auf der anderen Seite begann nach wenigen Metern der Englische Garten. Quast schien plötzlich mehr Zeit zu haben, er ließ das Rad rollen, bis sie neben ihm war, atmete genussvoll durch und zeigte stolz auf den Park, der ruhig dalag. «Das ist schon was, oder?» Sie schnupperte, noch außer Atem: Leiser Knoblauchduft lag in der Luft, die Morgensonnenstrahlen wärmten schon, unter einer kleinen Steinbrücke plätscherte verträumt ein Bach. Voller Neid beobachtete sie einen Hundebesitzer, der auf einer Lichtung mit seinem Golden Retriever spielte, und hätte dabei fast Quast aus den Augen verloren, der schon wieder losgeprescht war. Sie trat schneller in die Pedale. An den Zweigspitzen der Büsche, unter denen sie fuhren, knospte helles Grün, die Bäume jedoch waren noch winterbraun.
Schnell hatten sie die andere Seite des Parks erreicht und standen vor der Eisbachklinik. Ein neoklassizistischer, grauer Bau erhob sich vor ihnen, der mit wenig architektonischem Geschick und viel Beton und Glas nach allen Seiten erweitert worden war. Man konnte ahnen, wie sich der Blick aus den Zimmern des Zentralbaus früher in den Englischen Garten geöffnet hatte. Heute schien das Gebäude aus den Fugen geraten in alle Richtungen zu wuchern.
Sie stellten ihre Räder an der Rückseite des Gebäudes ab und betraten das Krankenhaus durch den Hintereingang.
Als Quirin Quast sie durch labyrinthische Gänge führte, verlor Frieda schon nach wenigen Metern die Orientierung. Immer wieder durchschritten sie Glastüren, immer wieder änderten sich die Gerüche: Desinfektionsmittel, Tee, Bohnerwachs, Urin, eine vertraute Mischung. Selbst das schmatzende Geräusch, das ihre Schuhe auf den glatten Böden machten, war das gleiche wie in Würzburg.
Ihren ersten Arbeitstag hatte sie sich anders vorgestellt. Trotz ihrer Ängste hatte die Hoffnung, Gabor wiederzusehen, von ihm herumgeführt und vorgestellt zu werden, ein freudiges Prickeln ausgelöst. In ihren Tagträumen hatte sie sich in seinem Kielwasser durch die Klinik schweben sehen. Nun schlurfte sie hinter diesem muffigen Oberbayern durch die Gänge, und Gabor war krank.
Quast blieb vor einer Tür stehen, neben der ein riesiges abstraktes Bronzerelief prangte, wies mit dem Kinn auf ein Plastikschild mit der Aufschrift Sekretariat Prof. Dr. med. Gotthart A. Blücher und sagte leise: «Die Drachenburg – lass dir den Schneid nicht abkaufen.» Dann verschwand er grußlos, und sie klopfte leise an.
Drinnen rührte sich nichts, deshalb steckte sie den Kopf durch die Tür und versuchte ein freundliches: «Guten Morgen!»
«Was wollen S’ denn?» Eine untersetzte Frau undefinierbaren Alters in einem schrill gemusterten Kaftan, der über einer schwarzen Bundfaltenhose spannte, sah kurz hoch, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen.
Frieda trat zögernd ein. «Frieda May ist mein Name. Ich bin die neue Assistentin.»
Die Frau ließ fast ihre Zettel fallen: «Um Gottes willen, Sie auch noch!»
Frieda schwieg, weil ihr eine angemessene Reaktion auf diese Begrüßung nicht möglich schien. Ihr Gegenüber störte das aber nicht. Die Dame echauffierte sich:
«Ja, Sie sind gut. Heute geht’s drunter und drüber, und da kommen Sie auch noch daher. Was mach ich jetzt mit Ihnen?»
Frieda setzte gerade zu einer Erklärung an, als die Sekretärin mit einem missmutigen Stirnrunzeln hinzufügte: «Wissen Sie was, gehen Sie einfach in die Frühbesprechung, da sind sie jetzt alle.»
Frieda wollte eigentlich nach Gabor Nader fragen, aber die Frau wandte sich ohne ein weiteres Wort ab.
Als Frieda den Raum nicht sofort verließ, fragte die Sekretärin unwirsch: «Brauchen S’ noch was?» Frieda aber trat den Rückzug an und machte sich auf die Suche nach dem richtigen Hörsaal.
Quast hatte sich umgezogen und eilte nun durch die Klinik.
Er konnte nicht glauben, was er am Telefon gehört hatte: Gabor Nader war in der Nacht eingeliefert worden, mit äußerst unerfreulichen Symptomen. Gabor Nader, der Stachel in seinem Fleisch, lag auf der Intensivstation.
Nie hatte Quast es eilig gehabt, zur Frühbesprechung zu kommen, heute aber lechzte er nach Informationen.
Gegen seine Gewohnheit verfiel er in Laufschritt, ärgerte sich, dass er nach wenigen Metern Seitenstechen bekam, wich den erstaunten Blicken der Entgegenkommenden aus und nickte dem einen oder anderen Kollegen nur dann einen Gruß zu, wenn es unvermeidbar war.
Der Weg zum Hörsaal führte durch den Verwaltungstrakt und damit vorbei an Gabor Naders Büro.
Obwohl Nader schon seit Monaten als leitender Oberarzt in der Klinik war, hatte Quast dieses Zimmer nie betreten. Er hätte es nicht zugegeben, aber der Kontrast zwischen diesem repräsentativen Raum im ersten Stock und dem finsteren Kellerkabuff, das man ihm gnadenhalber überlassen hatte, wurmte ihn.
Quast und Nader hatten als junge Assistenzärzte jahrelang gemeinsam an der Eisbachklinik gearbeitet. Doch dann war das Undenkbare geschehen, und Nader war weggegangen, ohne zurückzublicken.
Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, stieg Nader auch anderswo die Stufen der Karriereleiter unaufhaltsam empor, Quast dagegen verharrte schwerblütig in seinem Revier.
Schließlich kehrte Gabor als leitender Oberarzt und damit als Quasts direkter Vorgesetzter nach München zurück. Zunächst taten sie so, als sei alles beim Alten. Doch als Nader seines Amtes waltete, Gelder kürzte und ohne Rücksicht auf Verluste die Interessen der Klinikleitung verfolgte, waren endgültig eisiges Schweigen und Verachtung zwischen sie getreten.
Gabor repräsentierte alles, wonach Quast nicht gestrebt hatte. Die Entscheidung gegen Karriere, Macht und Einfluss war ihm nicht schwergefallen, eigentlich hatte er sie nie bewusst getroffen. Es war einfach so gekommen. Und trotzdem war es grausam, sich plötzlich täglich mit dem Gegenentwurf zu seinem zurückgezogenen Leben konfrontiert zu sehen.
Gabor hatte sich zu einem Schwan gemausert – Quast dagegen dümpelte weiter als Ente herum. Nicht, dass er etwas gegen sein Entendasein gehabt hätte. Ihn störte nur der Schwan.
Als Quast durch den Verwaltungstrakt eilte, sah er, dass die Tür zu Gabors Büro offen stand. Er verlangsamte seine Schritte und warf im Vorübergehen einen Blick hinein: Gabors Sekretärin wühlte hektisch auf dem Schreibtisch des Oberarztes herum. Doch etwas anderes erregte Quasts Aufmerksamkeit: Hinter dem Schreibtisch hing das verdammte Porträt, das Lisa von Gabor angefertigt hatte, bevor das Unglück geschehen war. Quast rang nach Atem. Die Erinnerung griff mit harten Krallen nach ihm, unvermittelt und brutal.
Im Weitergehen sah er Gabor vor sich, wie er damals beim Modellsitzen ruhig in seinem karmesinroten Plüschsessel hockte, die Hände elegant ineinander verschränkt, den Blick in die Ferne gerichtet, um eine Innerlichkeit bemüht, an die Quast nicht glauben konnte. Und daneben Lisa, die Gabor die Pose abnahm, im weiten blauen Kittel vor der Staffelei, aufgeregt, eine Palette in der Hand.
Er erinnerte sich auch an den Blick, mit dem Lisa Gabors Gesicht betrachtete, an ihre farbbeklecksten Finger, wenn sie zum Pinsel griff und einige Striche schnell, fast hastig auf die Leinwand warf. An das Lächeln, mit dem sie Quast bedachte, ein flüchtiges, abwesendes Lächeln. Ein schönes Bild war dabei herausgekommen, trotz der aufgesetzten Pose.
Quast fiel an diesem Abend die Rolle des Kochs und Mundschenks zu. Er schaute nur ab und an aus der Küche zu ihnen herein, legte neue Musik auf, goss Wein nach und besah sich das entstehende Werk.
Lisa war eigentlich immer mehr Künstlerin als Ärztin gewesen. Quast zumindest wäre gerne von ihr gemalt worden. Tempi passati.
Quast fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Hinter seiner Stirn tobte ein pulsierender Schmerz.
Noch hatte er Zeit, noch konnte er in einer Toilette verschwinden, um schnell ein Aspirin einzuwerfen. Den Blister trug er immer im Geldbeutel bei sich.
Als er sich Minuten später dem Hörsaal näherte, hatte er sich wieder im Griff.
Dies musste der richtige Raum sein.
Von allen Seiten eilten Ärzte in weißen und farbigen Kitteln heran; der Strom versickerte hinter einer zweiflügligen Tür.
In sicherer Distanz blieb Frieda stehen und zögerte unschlüssig den Moment hinaus, in dem sie sich ihrem Schicksal stellen musste. Ihr Körper wies die üblichen Anzeichen von Stress auf, darüber hinaus rumorte es in ihren Innereien deutlich hörbar. Ihr erster Arbeitstag hatte noch nicht begonnen – und schon rebellierte ihr System. Sie fühlte sich von den Vorbeieilenden gemustert und wich den Blicken unbehaglich aus.
Endlich schlappte Quast daher. Auch er wirkte angespannt, seine Hände steckten tief in den Kitteltaschen; sein Blick war auf den Boden gerichtet. Er war schon fast an ihr vorübergegangen, als er sie bemerkte. Grüßend hob er die Linke. «Du hast es ja gefunden. Bringen wir es hinter uns.» Wortlos schloss sie sich ihm an.
Drinnen das übliche Bild: ein karger Lehrsaal mit mehr als zehn Stuhlreihen, die sich vor einer großen Leinwand mit Beamer gruppierten. Nur ein Stuhl in der Mitte der ersten Reihe hatte außer einer Rücklehne auch Armstützen. Vermutlich handelte es sich hier um den stilisierten Thronsessel des Chefarztes. Fast alle anderen Plätze waren belegt. Man wartete.
Quast blieb auf halber Höhe stehen und sagte: «Ich hock immer hinten bei den Altassistenten, aber setz du dich lieber weiter vorne hin, das macht einen besseren Eindruck.» Es war klar, was er meinte. Während alle anderen in nervöser Anspannung warteten, saßen die leicht ergrauten Herren in der hinteren Reihe locker da – mit verschränkten Armen und, soweit es die Bank zuließ, ausgestreckten Beinen. Zwei hatten eine Akte zwischen sich und diskutierten leise, einer hatte die Augen geschlossen und döste, einer trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Sitz. Wie überall waren die Typen in der letzten Reihe ein bisschen cooler als die anderen.
Mit leisem Bedauern sah sie Quast nach. Sie spürte den kurzen Impuls, ihm zu folgen, gehorchte aber dann doch seinem Rat und suchte sich einen freien Platz beim Jungvolk in der Mitte.
Plötzlich trat Stille ein. Prof. Dr. med. Gotthart A. Blücher betrat dynamisch den Raum, ließ sich auf seinen Platz fallen und sah erwartungsvoll in die Runde.
Die Umsitzenden schienen sich auf einmal in ihren Bänken aufzurichten.
Auch wenn sich in Mitteleuropa ansonsten so etwas wie Demokratie durchgesetzt hatte – an den Unikliniken lebte das absolutistische System fort. Der Chefarzt entschied, wer zügig die Weiterbildung durchlaufen konnte und wer beim Stationsdienst grau wurde, er entschied, wer forschen durfte und wer niemals habilitieren würde. Damit hatte er uneingeschränkte Gewalt über das Schicksal aller ihm unterstellten Ärzte.
Sein Wort war Gesetz, und niemand – nicht einmal einer von denen, die ihre Chancen schon verspielt hatten – würde es wagen, ihm zu widersprechen.
Sie betrachtete den Mann, der in der nächsten Zeit über ihr Wohl und Wehe entscheiden würde: Professor Blücher war schlank und hochgewachsen. Sein schmales Caesarengesicht wurde von buschigen Augenbrauen beherrscht. Frieda wunderte sich, dass Blücher dem Gewucher nicht mit der Pinzette Einhalt gebot, obwohl er doch ganz offensichtlich Wert auf sein Äußeres legte.
Unter seinem Kittel trug der Professor eine Weste mit einer handgearbeiteten feingemusterten Krawatte; der Kittel selbst schien ebenfalls eine Maßanfertigung zu sein. Jetzt zog er eine seiner Brauen ein wenig hoch, blickte auf die Uhr und gab dem Radiologen mit einem angedeuteten Nicken ein Zeichen.
Der sprang eilfertig auf und räusperte sich. Blücher lehnte sich zurück. Kein Wort über Gabor Nader. Dann konnte es nicht so schlimm um ihn stehen, dachte Frieda. Bestimmt nicht.
Das Bild eines Bauchspeicheldrüsen-Tumors erschien auf der Leinwand. Mit vor Aufregung etwas zu lauter Stimme erstattete ein unscheinbarer Assistent mit gegeltem Haar Bericht über die Krankengeschichte. Immer wieder verhaspelte er sich, brach ab, setzte neu an. Der Blick des Chefarztes wanderte zur Decke.
Als der Assistent fertig war, sagte der Professor wider Erwarten nichts über den missglückten Vortrag, sondern wandte sich an einen Oberarzt und sagte so laut, dass es alle hören konnten: «Wenn es in Deutschland weniger Orthopäden gäbe, müssten nicht so viele Patienten am Pankreaskarzinom sterben – die suchen monatelang nach einem verklemmten Wirbel, und drinnen wuchert inzwischen munter der Tumor.»
Einige lachten höflich. Als wieder Ruhe eingekehrt war, fällte der Chefarzt sein Urteil: «Nicht respektabel.» Das Gesicht des Assistenten war gerötet, als er, wieder mit überlauter Stimme, einwandte: «Könnten wir die Patientin nicht doch in der interdisziplinären Fallkonferenz den Chirurgen vorstellen, vielleicht …?»
Der Chefarzt sah seinen Untergebenen erstaunt an und unterbrach ihn mit sehr leiser Stimme: «Diese Frau geht zu keinem Chirurgen mehr. Aber wenn Sie mein Urteil anzweifeln wollen, nur zu.» Die Anwesenden wussten, dass keiner es wagen würde, den Fall mit einem Chirurgen zu diskutieren. Frieda schloss die Augen. Sie musste sich dazu zwingen, nicht aufzuspringen und die Flucht zu ergreifen.
